Kitabı oku: «Warum es keine Höhlenmalereien über die Liebesabenteuer der erfolgreichsten Mammutjäger gibt», sayfa 5
«Klaus, was…», stammelte die Lärchinger, ungläubig den Kopf schüttelnd.
«Ich habe mich endlich dazu durchringen können, der Geschäftsleitung vorzuschlagen, den Titel einzustellen, so leid mir das für Sie tatsächlich tut», sagte Graber in einem einzigen Atemzug, bevor er eine kurze Pause machte. Er sah sich das Gesicht der Lärchinger genau an; rechnete damit, dass ihr jeden Moment die Tränen über die Wangen rännen. Graber wusste, dass er sie mitten ins Herz getroffen hatte. Trotzdem kannte er die Lärchinger schlecht, wenn er glaubte, sie würde sich diese Blöße erlauben. Auch wenn es in der Tat so war, dass sie im Moment vor Verzweiflung fast zu Grunde ging, blieb sie äußerlich vollkommen ruhig und ihre Miene versteinerte sich; auf ihrem Gesicht war keine Regung zu erkennen. Dafür war sie viel zu professionell.
«Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass Sie überhaupt die erste Person sind, die das erfährt», fuhr Graber mit seiner Verkündung fort. «Die Geschäftsleitung weiß noch nichts davon, ich werde es voraussichtlich an der Sitzung im Dezember zum Thema machen, nachdem ich mir im Einzelnen Gedanken darüber gemacht haben werde, wie insbesondere der Sozialplan aussehen soll. Ich hatte das Gefühl, ich wäre es meinem Vater schuldig, dass ich Sie als Erste darüber unterrichte. Ich muss Sie aber bitten, absolutes Stillschweigen zu bewahren. Selbstverständlich auch und vor allem gegenüber Ihren Leuten. Ich weiß, dass Sie sich Ihren Mitarbeitern sehr verbunden fühlen. Ich kann mir daher denken, dass es für Sie nicht gerade einfach sein wird, meiner Auflage Folge zu leisten.»
Die letzten Sätze Grabers drangen nur noch gedämpft zur Lärchinger durch – als hätte ihr jemand eine Decke über den Kopf gezogen.
Ihr ganzer Körper schien inzwischen tonnenschwer geworden zu sein; ein Empfinden, das ganz und gar absurd im Widerspruch zu der Taubheit stand, die mit dem ersten Schock ihre Glieder überkommen hatte und die ihr den Eindruck vermittelte, in völliger Leere zu schweben.
«Wir besprechen die weiteren Punkte später, wenn alles offiziell ist», sagte Graber. «Ich bin der Ansicht» … «berufliche Zukunft» … «sowohl» … «betrifft»
4
Auf der engen Straße bewegten sich kaum Menschen. Obwohl es eine Art von Einkaufspassage sein musste, fand sich so gut wie kein Publikum darin. Besonders einladend für eine Shopping-Tour war es hier auch nicht. Die Fassaden, die die Straße säumten, waren kahl und schienen bis in die Unendlichkeit hinauf zu reichen. Die darin eingelassenen Schaufenster wirkten gespenstisch – zwar waren sie dekoriert, jedoch auf eine eigentümliche Art und Weise: Selbst bei genauem und angestrengtem Hinsehen gelang es nicht zu identifizieren, wofür sie warben; verschwommenes Einerlei waberte hinter den Glasscheiben umher.
Es war dunkel, Nacht. Die Straße in schummriges Licht getaucht, wobei die Lichtquelle mysteriöserweise nirgendwo ausgemacht werden konnte. In beiden Richtungen verschwand die Passage nach nur wenigen Metern in tiefem Schwarz. Felix mühte sich mit großen Schritten, die unheimliche Straße hinter sich zu bringen. Er kam jedoch kaum vorwärts. Als würde er in hüfthohem Wasser waten. Er bückte sich, um eine neue Packung Waffeln aufzureißen. Die Theke, hinter der er stand, hatte wie die Straße keinen Anfang und kein Ende. Vor ihm reihten sich nebeneinander in die Theke eingelassene Metallkübel auf; randvoll gefüllt mit Eiscreme. Obwohl es unterschiedliche Sorten waren, ließen sie sich optisch nicht unterscheiden. Jeder Kübel enthielt eine grau-weiß-gelbliche Masse, ähnlich der Farbe der Fassaden. Felix grub den Portionierlöffel in einen der Eiscremeblöcke, um eine Kugel herauszubaggern. Es blieb aber kaum etwas im Löffel zurück. Er wiederholte seine Handbewegung mehrmals, dennoch wollte sich einfach keine Kugel bilden.
«Haben Sie den Artikel jetzt fertiggestellt?», fragte ihn die Lärchinger und deutete auf die leere Waffel, die er in der anderen Hand hielt. Ihr Büro war grösser, als Felix es in Erinnerung hatte – wesentlich grösser sogar. An den Wänden hingen überall Gemälde und Fotografien von Vögeln. Das war ihm zuvor noch nie aufgefallen.
«Holger Krohn hat sich beschwert. Sie hätten überhaupt nichts über die Hausfrauen geschrieben, hat er bemängelt», redete die Lärchinger weiter auf Felix ein. Erst jetzt bemerkte er, dass Krohn auch anwesend war. Er saß vor dem Schreibtisch der Lärchinger und starrte ihn kritisch an. Es war eindeutig Krohn, der da saß, auch wenn es ein völlig fremdes Gesicht war, in das Felix blickte.
«Einzig dafür hatte ich dich ja herbestellt, Mann!», raunte Krohn. «Wieso erwähnste die dann mit keinem einzigen Wort?»
«Sie wissen schon, dass heute Mittwoch ist, oder?», wandte sich nun die Lärchinger wieder an ihren Mitarbeiter.
«Aber die Hausfrauen haben ja alle telefoniert!», wehrte sich Felix.
«Na logo haben sie das!», schoss Krohn zurück. «Die brauchen’s ja!»
Felix war für einen Moment desorientiert, bis ihm klar wurde, dass er auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer eingeschlafen sein musste. Das Licht brannte und der Fernseher war eingeschaltet. Jener hatte denn offenbar auch mit dem laufenden Programm die letzten Sekunden von Felix‘ Traum beeinflusst, wie er sogleich begriff: Einsame und promiskuitive Hausfrauen warben liebesschmachtend mit zügelloser Zungenakrobatik um die Anrufe gleichermaßen einsamer Herzen. Felix schaute auf seine Armbanduhr – halb vier Uhr morgens war es.
«Oh, Mann!», entfuhr es ihm. Eigentlich hatte er sich nur eine kurze kreative Pause gönnen wollen, als er seinen Laptop zur Seite geschoben und sich zur Entspannung auf dem Sofa ausgestreckt hatte. Das war um Viertel nach zehn gewesen. Davor hatte er während zwei Stunden mit seinem Computer vor dem Fernseher gesessen und hatte sich wie schon im Alsterpavillon die Zähne an den für den Kanter-Artikel notwendigen 250 Worten ausgebissen – nachdem er sich erst noch etwas selbst bemitleidet hatte für seinen Sturz im Restaurant und sein Unglück im Allgemeinen. Und jetzt war er immer noch keinen Schritt weiter. Er verspürte erste Anflüge von Verzweiflung.
Er presste sich die Hände auf das Gesicht und rieb derart grob darüber, dass sich die Haut rötete. Ächzend erhob er sich, schaltete Fernseher und Laptop aus und schlurfte ins Bett.
Seine wirren Träume ließen Felix auch in den wenigen, verbliebenen Stunden Schlaf nicht in Ruhe. Er fühlte sich völlig erschlagen, als er sich aus seiner Schlafstatt quälte; müder als scheinbar je zuvor. Der unruhige Schlaf hatte ihm nur noch mehr Energie geraubt. Wie schon gestern räumte er nach der Dusche der Notwendigkeit, Gesichts- und Kopfhaar gesellschaftstauglich zurechtzumachen, nur wenig Zeit ein; diese leidigen Verrichtungen vertrugen sich so gar nicht mit seiner Spiegelaversion. Zudem hatte er sich ja erst gestern rasiert… mehr oder weniger. Das Frühstück ließ er wiederum aus. Erstens hatte er nichts im Haus, zweitens schmerzte sein Zahn und drittens hätte er sich nach wenigen Bissen wahrscheinlich übergeben müssen.
Es war jetzt halb acht Uhr morgens. Um neun war er mit Rüdiger im Tierpark verabredet. Mit der U-Bahn war er in rund 20 Minuten dort. Das hieß, dass theoretisch genügend Zeit blieb, um vorher noch etwas am Kanter-Artikel zu arbeiten. Theoretisch. Felix hielt es seinem Seelenwohl an diesem bereits gescheiterten Tag allerdings für zuträglicher, wenn er sich nicht schon jetzt wieder damit auseinandersetzte. Er beschloss also, sich auf den Weg zum Tierpark zu machen. Er wollte dort Rüdiger aufsuchen und ihm noch ein wenig bei der Arbeit zusehen, bevor sie dann gemeinsam zu Krohn fahren würden.
Leider hatte Felix den Umstand nicht in seine Tagesplanung miteinbezogen, dass eine Freizeitanlage für Familien nicht schon frühmorgens für den Publikumsverkehr zugänglich war. Und so stand er um kurz nach acht konsterniert vor der Informationstafel am Haupteingang des Tierparks, die ihn darüber aufklärte, dass sich die Tore erst um neun Uhr öffneten. Felix spürte in sich den nahezu unzähmbaren Drang aufsteigen, wüst fluchend herumzutoben. Der Weg hier hin hatte ihn schon den letzten Nerv gekostet und nun sollte er eine geschlagene Stunde an diesem ungemütlich frischen Septembermorgen auf Rüdiger warten. Aber es gelang ihm trotzdem Ruhe zu bewahren; artig zog er sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte Rüdigers Nummer. Vergeblich, es meldete sich sofort die Voicemailbox. Felix kniff die Augen zu und seufzte laut. Das Vernünftigste wäre es wohl gewesen, ein Café aufzusuchen und dort die Stunde totzuschlagen. Objektiv betrachtet. Objektiv betrachtet war Felix allerdings kein vernünftiger Mann. Die Vorstellung, eine Stunde in der Enge eines geschlossenen Raumes den Emissionen anderer Menschen ausgesetzt zu sein – schon wieder –, widerstrebte ihm entschieden. Nein, da bevorzugte er effektiv die harte Bank im Eingangsbereich des Tierparks, auf die er sich, die Hände tief in die Taschen vergraben und den Kragen hochgeschlagen, zerknirscht niederließ. Es dauerte jedoch keine fünf Minuten, bis aus einer Nebentüre eine burschikose Dame mittleren Alters in Gummistiefeln und Steppweste, die sie über mindestens zwei Schichten Pullover gezogen hatte, hinaustrat.
«Der Tierpark öffnet erst um neun», blaffte sie Felix an.
«Ja, danke, das habe ich inzwischen auch gesehen», antwortete er.
«Dann kommen Sie dann zurück und kaufen sich eine Eintrittskarte. Aber vielleicht fühlen Sie sich in der U-Bahn oder so ohnehin wohler. Dort ist’s warm.»
Es gab unzählige passende Antworten, die man dieser Seekuh an den Kopf hätte schleudern können. Doch Felix, so wie er war, blieb anständig. «Ich warte hier auf jemanden», erklärte er beinahe unterwürfig.
«Das hier ist kein Wartezimmer. Kommen Sie in einer Stunde wieder – sofern Sie sich eine Eintrittskarte leisten können.»
«Hören Sie, ich bin ein Arbeitskollege von Rüdiger Wagner. Der macht hier heute Morgen Fotos im Affenhaus für irgendeinen Bildband. Könnten Sie mich vielleicht zu ihm bringen?»
«Nein. Der Name sagt mir nichts und von Fotos weiß ich nichts. Im Übrigen haben wir hier im Tierpark auch gar kein Affenhaus.»
«Keine Affen? Was seid ihr denn für ein Zoo?», fragte Felix in der Hoffnung, das Eis mit einer kleinen Prise Humor brechen zu können.
«Erstens lautet die korrekte Bezeichnung unserer Einrichtung ‹Tierpark›», belehrte die Bedienstete Felix jedoch sogleich ganz und gar humorfrei, «und zweitens habe ich nicht gesagt, dass wir keine Affen haben. Ich habe gesagt, dass es hier kein ‹Affenhaus› gibt. Wir haben einen Pavianfelsen, ein Orang-Utan-Haus, ein Mandrill-Gehege und ein Gehege für kleine Affen.»
«Tut mir leid, so genau kenne ich mich hier nicht aus», kehrte Felix schleunigst wieder zu dem devoten Ton zurück. «Wahrscheinlich arbeitet mein Kollege im Orang-Utan-Haus. Wenn Sie vielleicht dort mal nachfragen könnten… bitte.»
«Ich bin hier nicht zuständig für Kundendienst.»
Nein, natürlich bist du das nicht! Du bist dafür zuständig, die Scheiße im Eselstall wegzuräumen. Aber wahrscheinlich gibt es im Tierpark keinen Eselstall, sondern eine Maultier-Ranch und eine Wildesel-Koppel. Aber es wäre ja mal eine schöne Abwechslung, sich um eine Aufgabe zu kümmern, die man auch ohne Schubkarre erledigen kann. Wenn das deinen Horizont jedoch übersteigen sollte, kann ich auch gerne hier auf den Platz kacken, vielleicht kannst du damit mehr anfangen, dachte Felix für sich. Zu seinem Leidwesen brachte er die Worte wie üblich nicht über die Lippen.
«Ja, das ist mir schon klar», sagte er stattdessen zu der resoluten Dame. «Es wäre aber supernett, wenn Sie mir diesen Gefallen tun könnten. Sehen Sie, ich habe mich mit Herrn Wagner um neun Uhr hier am Eingang verabredet, war aber bereits um acht hier. Leider habe ich nicht bedacht, dass der Zo… der Tierpark um neun öffnet.»
«Ist nicht mein Problem. Gehen Sie jetzt, oder ich rufe den Ordnungsdienst», blieb die Dame stur und schlug die Türe, durch die sie gekommen war, mit einem lauten Knall hinter sich zu.
Felix schüttelte seinen Kopf. Noch mehr als über die beamtenhafte Tierpflegerin ärgerte er sich über sein Unvermögen, Mitmenschen wie der in Wort und Geste so entgegentreten zu können, wie er es in Gedanken tat. Eigentlich vollkommen unverständlich. Die Emotionen, die Argumente, die Flüche, die Beleidigungen: War ja alles da und brodelte so heftig, dass ihm fast die Schädeldecke barst. Wie nur konnte es dann so schwer sein, das herauszulassen? Natürlich kannte Felix die Antwort auf diese Frage. Herauslassen bedeutete, Konfrontationen herausfordern. Konfrontationen herausfordern bedeutete, Konfrontationen ausfechten. Konfrontationen ausfechten bedeutete, den eigenen Standpunkt verfechten. Und ganz genau da drückte der Schuh. Denn den eigenen Standpunkt zu verfechten war man nur imstande, wenn man vom eigenen Standpunkt, von der eigenen Person mindestens im Ansatz überzeugt war.
Warum nur konnte er nicht wie die meisten anderen Selbstwertgestörten ticken und seine Unsicherheit durch Halbstarkengehabe kaschieren?
Wie auch immer; nach einer Kollision mit dem Ordnungsdienst stand ihm nicht der Sinn. Also trottete er schließlich davon und suchte halt doch ein Café auf.
Um neun Uhr fand er sich wieder vor dem Eingang des Tierparks ein. Rüdiger wartete dort bereits auf ihn.
«Was ist denn mit dir passiert?», wurde Felix von seinem Kollegen gewohnt monoton begrüßt.
«Was meinst du?», reagierte Felix erstaunt.
«Deine Jacke meine ich. Wo hast du letzte Nacht geschlafen? Doch nicht etwa hier bei den Pinselohrschweinen?»
Felix wurde sofort klar, worauf Rüdiger anspielte: Auf den hellen Fleck auf seiner schwarzen Wollfilzjacke; die Reste vom Nachtischsortiment aus dem Alsterpavillon. Er hatte gestern Abend, nachdem er nach Hause gekommen war, keine weiteren Bemühungen unternommen, diesen zu beseitigen. Vielleicht mit ein Grund, weshalb die freundliche Angestellte des Tierparks eher eine U-Bahn-Unterführung als das passende Biotop für ihn erachtete.
«Ach das… das ist noch von gestern Abend. Kleines Missgeschick im Alsterpavillon. Ein Missgeschick auf die turmhohe Halde von Missgeschicken oben drauf und daher nicht der Rede wert.»
Rüdiger musterte seinen Freund und Kollegen kritisch. Er wollte gar nicht erst weiterfragen. Vor Ihnen stand eine Autofahrt von über einer Stunde und er hatte wahrlich keine Lust, sich während der ganzen Dauer die Klagelieder Felix‘ anzuhören. Ein Entrinnen war jedoch unmöglich; kaum hatten sie Rüdigers Wagen bestiegen und waren losgefahren, begann Felix, sich seinen Frust, der sich in ihm an diesem noch jungen Tag bereits festgesetzt hatte, von der Seele zu meißeln.
«Weißt du eigentlich, wie froh du sein kannst, dass du einen eigenen Wagen hast? ÖV ist das Letzte, ehrlich! Nehmen wir nur mal heute Morgen, ja? U-Bahn-Fahrt Berliner Tor bis hierher. Eine Tortur! Es fängt schon beim Einsteigen an. Ich frage mich, weshalb ich eigentlich jedes verdammte Mal die Türe erwischen muss, bei der alle aussteigen. Ich warte noch darauf, dass diese Zombies ihren Hintern aus dem Wagen schleppen, während bei allen anderen Türen die Leute bereits reindrücken. Jedes Mal! Und was ist die Folge davon? Der mieseste Stehplatz im ganzen Zug. Eingeklemmt genau zwischen einem tumben Jugendlichen, dessen Kopf – weil ohne jedweden Inhalt – der ideale Klangkörper ist für die ohnehin schon viel zu laute Beschallung durch die aufgesetzten Kopfhörer, und einem Fettsack, welcher mir seine Wampe, die es seiner Krawatte leider nicht erlaubt, bis zum Hosenbund hinabzureichen, in den Rücken drückt. Und zwar auf eine so ‹wohlige› Art, dass sein Schweißwasser durch sieben Stofflagen – einige davon sicherlich imprägniert – bis auf meine Haut hindurchdrückt. Aber ich will dem Mann nicht unrecht tun. Er ist im großen Ganzen recht umsichtig. So unterlässt er es, sich an die Haltestange zu hängen, um die Gefahr zu umgehen, diese mit seinem Gewicht, das in etwa dem des weggesprengten Teils des Mount St. Helens entsprechen dürfte, zu stark zu belasten. Er liest stattdessen lieber Zeitung. Das ‹Wall Street Journal›, um genau zu sein. Und das sollen alle anderen auch sehen. Das führt dann leider dazu, dass mich seine Tonnage jedes Mal beinahe zerquetscht, wenn die U-Bahn anfährt, abbremst oder eine Kurve fährt.»
Felix machte eine kurze Atempause. Vergeblich hoffte Rüdiger, dass er seinen Kropf geleert hatte, denn kopfschüttelnd spie Felix sogleich weiter: «Und dann dieses Teenager-Pärchen neben mir; er sieht mit seinem Haarschnitt so aus, als hätte er ein Stinktier erlegt und es sich als Trophäe auf den Kopf getackert, sie hat jede kleinste Hautwölbung im Gesicht mit Blech verhängt. Man hätte meinen können, dies wäre heute ihr letzter gemeinsamer Tag gewesen für den Rest der Ewigkeit, so innig hielten sie einander fest und leckten sich gegenseitig schmatzend die pickligen Gesichter. Nicht mal Vivien Leigh und Clark Gable haben sich so aneinander gekrampft wie die beiden… oder Lassie sein Herrchen mit seiner Zunge befeuchtet. Und dieses Geschmatze! Was ich den beiden allerdings anrechnen muss: Sie hatten ihre Rucksäcke abgelegt und auf den Boden gestellt. Im Gegensatz zu dem Ein-Meter-neunzig-Öko. Wie behämmert muss man eigentlich sein, um nicht zu merken, dass man in einer vollbesetzten U-Bahn mit umgehängtem Rucksack bei jeder Bewegung den anderen Passagieren ebendiesen um die Ohren schlägt? Und zu guter Letzt muss ich mich von einem Dienstmädchen für Tiere als Penner bezeichnen lassen. Was denkt sich die überhaupt!?»
Felix schnaubte nach diesen Worten mit hochrotem Kopf nur noch vor sich hin. Nach einiger Zeit fragte Rüdiger: «Hast du geschlossen?»
«Nein, noch lange nicht. Aber dafür ist die Fahrt zu kurz.»
«Darf ich dich etwas fragen?»
«Was?»
«Gibt es irgendetwas, das ich gegen diese Missetaten deiner Mitmenschen tun könnte – oder hätte tun können?»
«Nein, was soll die blöde Frage?»
«Diese blöde Frage führt zu der nächsten blöden Frage, wieso du mir das dann alles erzählst. Hast du denn all den Übeltätern, die dich heute schon belästigt haben, deinen Unmut nicht mitgeteilt?», fragte Rüdiger provokativ in seinem ruhigen Sprechton, was die Provokation noch grösser machte.
«Ach, halt doch die Klappe», brummte Felix.
«Diese Worte lagen mir schon seit Beginn der Fahrt auf der Zunge…»
«Jajaja, ist ja schon gut. Du kennst mich ja. Ich bin kein Freund der Menschen und der Welt. Und heute ist wirklich EIN ABSOLUT BESCHISSENER DRECKSTAG, verdammt nochmal!» brach es aus Felix heraus, während er gegen die Abdeckung des Handschuhfachs boxte.
«Hey!», maßregelte ihn Rüdiger.
«Tut mir leid. Es ist einfach… ich… ich bin ein ERBÄRMLICHER KLEINER KLATSCHREPORTER, DER NICHT EINMAL 250 WORTE FÜR EINEN ERBÄRMLICHEN KLEINEN ARTIKEL ZUSAMMENKRIEGT! Was ist das eigentlich bloß für ein Beruf, hä? Wie kommt es, dass eine frei denkende, hochstehende Zivilisation so einen Beruf überhaupt ausspuckt? Da würden uns ja sogar die Neandertaler auslachen! So was wie mich hätte deren ‹primitive› Gesellschaft gar nicht erlaubt. Und wenn einer tatsächlich auf die Idee gekommen wäre, Höhlenmalereien über das Liebesleben des erfolgreichsten Mammutjägers des Stammes zu machen, wäre er wohl mit einem Faustkeil erschlagen worden. Wieso erschlägt mich eigentlich keiner mit einem Faustkeil?»
«Eine berechtigte Frage», sinnierte Rüdiger.
Felix ging nicht darauf ein und wehklagte weiter: «Nimm nur mal die Seekuh von vorhin. Die unterhält sich mit Tieren, wirft ihnen Futter hin, wartet, bis das Futter durch das Tier durch ist und schaufelt es danach wieder weg, spritzt die Viecher zwischendurch mit dem Schlauch ab und macht sonst noch was weiß ich alles. Aber sogar deren Job hat irgendwie irgendeinen Sinn.»
«Weißt du, wenn du nicht dieses Selbstkritische hättest, müsstest du eigentlich umsatteln», kommentierte Rüdiger Felix‘ Reflexionen nach einem Moment der Stille.
«Was soll das denn jetzt heißen», fragte Felix irritiert.
«So eloquent und gehässig, wie du alle und alles auseinandernimmst – ohne dazu die geringste gesellschaftliche Legitimation oder Relevanz zu besitzen: Du wärst der perfekte Kolumnenschreiber.»
«Ha, ha, ha», war Felix‘ einzige Reaktion.
«Aber eben: Im Gegensatz zu einem richtigen Kolumnisten weißt du, dass du keine gesellschaftliche Legitimation und Relevanz besitzt. Schade für dich.»
«Du kannst mich mal», konterte Felix. Was aber nicht heißen sollte, dass er sich nicht weiter verbal auf Rüdiger übergab; für den Rest der Fahrt über die flachen Weiten von Norddeutschland.
Nach etwas mehr als einer sehr langen Stunde erreichten die beiden die Ortschaft Bosau am Ostufer des Großen Plöner Sees. Krohn hatte sich hier schon vor Jahren eine stattliche Residenz direkt am See bauen lassen. Von der Straße her ließ lediglich das Eingangstor zum Grundstück erahnen, dass hier jemand leben musste, der nicht darauf angewiesen war, die Sonderangebote im Lokalanzeiger rot anzumalen. Ansonsten gaben die hohe Hecke und die zahlreichen Tannenbäume wenig von dem preis, was sich auf dem über 30 Aren großen Gelände befand und abspielte. Rüdiger fuhr seinen alten weiß-rostfarbenen BMW 325iX an den Straßenrand, unweit von dem ungleich makellos weißeren Eingangstor entfernt.
Er und Felix entstiegen dem Auto und betätigten die Klingel an dem Torpfosten. Der linke Flügel des Tors öffnete sich kurz darauf von selbst. Die beiden schritten den mit Natursteinen gepflasterten Weg zwischen den mächtigen Kiefern und Douglasien entlang. Nach wenigen Metern gabelte sich der Weg; rechts führte er gleich breit zu dem separat stehenden Garagengebäude hin und links etwa halb so breit als Fußweg zu der Eingangstüre des Hauptgebäudes. Jenes Hauptgebäude des Krohn’schen Anwesens war ein überwiegend eingeschossiger Bungalow, dessen verwinkelter Grundriss sich auf einer weitläufigen Fläche ausbreitete. Fast ein bisschen schade war es, dass das kunstvolle Bruchsteinmauerwerk, aus dem die Fassaden gearbeitet waren, kaum zur Geltung kam, spannten sich doch über so gut wie jede Wand riesige Panoramafenster.
An der Eingangstüre wartete bereits Krohn mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Trotz der kühlen Temperatur stand er barfuß auf der Türschwelle. Er trug eine perfekt geschnittene, seine sportliche Figur betonende Jeans sowie ein rosafarbenes Poloshirt mit hochgeschlagenem Kragen, das sich kongenial zu den optischen Eigenschaften seines Gesichts fügte: Poppige, hässliche Farbe und giftiger strahlend als ein Castor-Transport.
«Was soll man von einem Eidgenossen auch anderes erwarten, als dass er pünktlich ist wie eine Schweizer Uhr, was?», begrüßte Krohn seine Gäste. In der Tat zeigte die Uhr exakt Viertel nach zehn, wie es Felix mit Krohn am Tag zuvor verabredet hatte.
«Morgen», war Felix‘ knappe Entgegnung auf Krohns unerhört gute Laune. Rüdiger brummte irgendwas Ähnliches. Krohn ergriff Felix‘ zum Gruß ausgestreckte Hand und riss ihn übermütig ins Haus: «Na, alles klar, alter Freund?»
Felix zog seine Lippen so zurück, dass es möglichst wie ein Lächeln wirkte: «Wie man’s nimmt», quetschte er zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Krohn begrüßte auch Rüdiger, wenngleich wesentlich nüchterner. Mit Krohn war das nämlich so eine Sache; einerseits fand er sich selbst richtig gut und hätte das am liebsten der ganzen Welt mitgeteilt. Was er grundsätzlich im persönlichen Gespräch, egal mit wem, auch tat. Wenn es aber anderseits darum ging, sich in der Öffentlichkeit entsprechend zu produzieren, hielt ihn davon eine nicht gerade förderliche Eigenschaft ab: Er hasste Journalisten und die ganzen Interviewtermine bis auf die Knochen.
Noch vor zehn Jahren hatte ihm dieses Dilemma nicht unerheblich zu schaffen gemacht. Krohn litt damals darunter, dass er zwar einer der – wenn nicht sogar der erfolgreichste Produzent von Kinofilmen und Fernsehserien in Deutschland war, dies das Publikum jedoch kaum zur Kenntnis nahm. Man kannte und thematisierte die Schauspieler oder die Regisseure seiner Werke, doch wer interessierte sich schon für den Produzenten? Und das, obwohl Krohn stets maßgeblich bei allen Entstehungsstufen mitwirkte; ob es sich dabei nun um das Verfassen des Drehbuches, das Casting, den eigentlichen Filmdreh oder die Arbeit im Schneideraum handelte. Krohn hatte ein untrügliches Gespür dafür, was beim Publikum einschlagen würde. Was er anfasste, füllte die Kassen. Er traf stets zielgenau den Nerv der großen Massen – und durchaus auch den der Kritiker… jedoch nicht so ganz im gleichen Sinne wie beim Publikum. Seine Werke wurden nämlich in der Regel von der Kritikergilde vernichtend verrissen.
Diesem Brauch hatte sich auch Felix angeschlossen, als er beim ‹Projektor› als Filmjournalist zu arbeiten begonnen hatte. Er allerdings entdeckte als Erster Krohns Potential als mediale Zielscheibe. Zwar war über den Produzenten so gut wie nichts bekannt, was Felix aber wenig kümmerte. Er wunderte sich vielmehr, dass noch kein Kritikerkollege vor ihm Krohn mit seinem Gesamtschaffen als Thema aufgegriffen hatte. Dabei lag es für Felix auf der Hand, dass ein Mann fraglos Stoff zum Schreiben liefern musste, der für Serien verantwortlich zeichnete wie ‹Die Stasi – Zielgebiet BRD› oder ‹Der Sittenbulle – Mit Blaulicht durchs Rotlichtviertel› und für Filme wie zum Beispiel die cineastische Interpretation des ‹Colonel Chabert› von Honoré de Balzac als Musical, thematisch verpflanzt auf die Schlachtfelder von Stalingrad und in das Nachkriegsdeutschland. Felix fing also an, eine lose Serie von Beiträgen über Krohn zu schreiben – auch wenn nicht gerade eine aktuelle Produktion zum Verriss anstand. Er widmete sich dabei entweder einer bestimmten Schaffensperiode des Künstlers oder einer Produktionssparte, die er jeweils genussvoll sezierte – und dabei auch munter Seitenhiebe auf die Persönlichkeit Krohns einfließen ließ, die er sich ebenso abenteuerlich ausmalte, wie es dessen Werk war. Felix scheute sich dabei nicht, sich viel kreativen Freiraum zu nehmen. Die Lärchinger hätte ihn damals wohl vom Fleck weg adoptiert.
Die Artikelserie kam in ihrer humorvollen und schnoddrigen Art bei der Leserschaft ausgesprochen gut an. Aber nicht alleine deswegen; Filmfans schätzten ebenso die von Felix jeweils sorgfältig recherchierten, bislang kaum bekannten Hintergrundinformationen über Krohns berufliches Wirken. Andere Filmjournalisten sprangen mehr und mehr auf den Zug auf, als sie bemerkten, wie anziehend Krohn auf das Publikum wirkte. Nur wenig später schwappte das Interesse auch auf die Boulevardmedien über. Krohn selbst war ob dieser Entwicklung hin- und hergerissen.
Einerseits war sein Name nun mehr als nur drei Mal im Jahr in den Medien zu vernehmen – anderseits gingen die Meinung, die er von sich selbst hatte, und diejenige der Schreiberlinge über ihn nicht unerheblich auseinander. Bald einmal war er berüchtigt als prolliger Hau-Ruck-Filmer, dessen Hüfte wohl schwerer an seinem Geldbeutel zu tragen hatte als seine Schultern an seinem Kopf. Über die ersten Artikel Felix‘ ärgerte sich Krohn noch grün und blau. Der ‹Projektor› flog jedes Mal zerfleddert durch das geräumige Wohnzimmer in Bosau, wenn wieder ein entsprechender Beitrag erschienen war. Krohn hoffte zu dieser Zeit noch, das Image des Playboy-Filmers loswerden zu können, wenn er die Flucht nach vorne anträte. Also lud er Felix im Frühling 1996 zum Interview in seine Residenz. Was in einem Eklat endete. Indem Felix nämlich Krohn und seine Werke laufend gegen ihn selbst zitierte und ihm kaum einen rhetorischen Fluchtweg aus den gestellten Fragen ließ, provozierte er den Produzenten letztlich derart arg, dass er ihn vor Wut schäumend aus seinem Haus warf.
Etwa ein halbes Jahr später jedoch meldete sich Krohn völlig überraschend telefonisch bei Felix und lud ihn zu einem Besuch auf dem Set seines neuen Films ein. Krohn hatte, für einen Mann wie ihn erstaunlich spät, nämlich eine uralte Weisheit am eigenen Leib kennengelernt: Schlechte Publicity ist besser als gar keine Publicity. Nicht nur, dass er inzwischen von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde – etliche Sender hatten einige seiner alten Serien wieder ins Programm aufgenommen. Auch auf Video waren seine Werke plötzlich enorm gefragt. Felix war es tatsächlich gelungen, Krohn als Kultfigur zu etablieren, was dessen Werke noch erfolgreicher werden ließ, als sie es ohnehin schon waren. Als der kühl rechnende und berechnende Geschäftsmann, der er war, stand es für ihn außer Frage, diesen klingende Münzen bedeutenden Effekt nach Kräften auszuschlachten. Und so fand er letztlich Einzug in das Stammensemble des deutschen Klatschkosmos.
Mit den Jahren entwickelte Krohn – gezwungenermaßen – auch ein sehr dickes Fell. Und ein bemerkenswertes Geschick, mit den Medien zu taktieren. In unregelmäßigen Abständen streute er immer wieder Gerüchte und Geschichten über sich aus, die die Boulevardpresse dankbar aufgriff und verwertete. Doch eines blieb: Seine tiefe Abneigung gegenüber Journalisten und dem Medienzirkus. Krohn bediente sich deshalb einer eigenartigen Strategie. Er machte Felix, den frechen Filmjournalisten mit dem großen Fachwissen, für den er mittlerweile unerwarteterweise wahrhaftige Sympathie zu empfinden begonnen hatte, sozusagen zu seinem ‹Hofberichterstatter›. War er der Meinung, dass es wieder einmal an der Zeit war, etwas Zuwendung von der Öffentlichkeit zu kriegen, was in aller Regel dann der Fall war, wenn eine Produktion aus seiner Küche bereit war, dem Volk serviert zu werden, rief er Felix zu sich. Dieser durfte – oder musste vielmehr – umfassend berichten. Sobald sich dann andere Blätter und Sender für das Thema zu interessieren begannen, zog sich Krohn selbst zurück und schickte Leute aus seiner Entourage an die ‹Front›; Freunde, Kollegen, Bekannte, Liebchen. Je länger Krohn dieses Spiel trieb, desto gleichgültiger wurde er gegenüber dem, was über ihn kursierte. So kam es, dass er sogar selbst anfing, irrwitzige Halbwahrheiten oder Garnichtwahrheiten via Felix zu verbreiten, wenn sich gerade nichts Interessantes in seinem Privatleben tat.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
