Kitabı oku: «Warum es keine Höhlenmalereien über die Liebesabenteuer der erfolgreichsten Mammutjäger gibt», sayfa 4

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Was ist bloß passiert?, dachte er, in Selbstmitleid zerfließend. Seine Erinnerung an das Interview mit William Shatner im Februar 1995 war immer noch ausgesprochen lebendig. Es schien ihm, als hätte er dieses erst vor wenigen Tagen geführt. Felix fragte sich manchmal, ob das damit zusammenhing, dass dieses Erlebnis äußerst intensiv gewesen war, oder ob es viel eher darauf zurückzuführen war, dass seither sein Leben an ihm vorbeigezogen war. Tatsächlich war es damals nach einer anfänglich positiven Phase nur bergab gegangen. Das Shatner-Interview hatte Felix geholfen, sich bei seinem seinerzeitigen Arbeitgeber, dem Kino- und Fernsehmagazin ‹Projektor› einen Namen zu machen. Er hatte danach als motiviert, provokant und als unbequemer Fragensteller gegolten. Felix war erfolgreich in seinem Job gewesen, den er eigentlich nur als Mittel zum Zweck angenommen hatte. Drei Jahre hatte er beabsichtigt, beim ‹Projektor› als Filmjournalist zu wirken, als er im Herbst 1994 dort angefangen hatte. In dieser Zeit hatte er intensiv an seinem Drehbuch arbeiten wollen, das er während seines Studiums an der Hochschule für Film und Fernsehen in München zu schreiben begonnen hatte. Er hatte die akademischen Pflichten als erdrückende Last empfunden und seinem kreativen Geist ein wenig frische Luft verschaffen müssen – daher hatte er beschlossen, sich eine mehrjährige Auszeit zu nehmen. Und was war am Ende daraus geworden? Die ‹Auszeit› dauerte zwölf Jahre später noch immer an und hatte sich in Tat und Wahrheit vielmehr in ein zeitloses Aus transformiert.

Felix schaute auf seine Uhr. Es war halb ein Uhr mittags. Mit einem Seufzen stellte er fest, dass er jetzt seit einer Stunde im Alsterpavillon Trübsal geblasen hatte. Was nicht gut war. Denn derselben Tätigkeit war er zuvor schon den ganzen restlichen Morgen im Büro nachgegangen. Er hatte immer wieder versucht, in seinem Kopf die Worte für den Kanter-Beitrag zu formieren. Aber kaum hatte er einen Halbsatz zusammengezimmert, war das wacklige Konstrukt wieder auseinandergefallen – und das war leider nicht Gerd zuzuschreiben gewesen, der irgendwann das Büro verlassen hatte, um die Modalitäten seines umzuschreibenden Artikels eingehend mit der Chefin zu besprechen.

Nun lag Felix gewiss nichts ferner, als seinen freien Nachmittag, den ihm die Lärchinger eingeräumt hatte, mit dieser unsäglichen Schreiberei zuzubringen – aber er hatte das dumpfe Gefühl, dass er den Text bis Mittwoch nicht zusammenbrächte, wenn er nicht frühzeitig damit begänne. Und die bisherige Silben-Ausbeute bestätigte seine Befürchtungen. Er blickte auf seinen Schreibblock, den er mitgenommen hatte: Außer Kritzeleien war da nichts drauf. Business as usual.

«Verdammtverdammtverdammt nochmal», summte Felix in einer bittersüßen Melodie vor sich hin.

Jetzt sitze ich hier und sorge mich, dass ich diesen Müll bis übermorgen nicht hinkriegen werde, dachte er. Eine Zuckung huschte ihm übers Gesicht, die genauso gut der Auftakt zu einem Lachen wie zum Losheulen hätte sein können. Und vor zwei, drei Stunden bin ich mit dem unumstößlichen Vorhaben ins Büro der alten Goldkopfkrähe marschiert, mit dem ganzen Unfug Schluss zu machen. Welch tapferer Recke du doch bist, Felix Niggli!

Etwas zu essen musste jetzt her; süß und wohlschmeckend. Nach Schlafen die zweiteffektivste Lebenshilfe in Felix‘ Dasein. Außerdem hatte er heute noch nichts Festes zu sich genommen und mittlerweile schien sein Organismus das nun zuzulassen. Zumindest sendete er die entsprechenden Signale aus – trotz der Tatsache, dass der Tag bislang mit jeder Sekunde nur schlimmer geworden war. Also hielt Felix nach der neuen Kellnerin Ausschau und erblickte sie kurz darauf: Eine ausnehmend attraktive junge Dame, vermutlich Mitte zwanzig, naturblondes Haar, dessen Fülle trotz des Pferdeschwanzes, zu dem es gebändigt worden war, augenfällig war – und eine schon beinahe kitschig anmutende Figur. Noch fast beeindruckender als diese eher die niederen Instinkte aktivierenden Merkmale war jedoch ihre Ausstrahlung: Einerseits verströmte sie diese ehrliche, ursprüngliche Fröhlichkeit und anderseits… ja, was anderseits? Felix vermochte es nicht zu beschreiben, auf jeden Fall dominierte sie den Raum – und eines jeden anderen Mannes Sinne wären ob ihrer Erscheinung in helle Aufregung geraten. Doch dafür war es bei Felix längst zu spät. Seine Libido war einst seiner Lebensfreude in den Tod gefolgt, nur wenig später nach deren Versterben vor vielen, vielen Jahren.

Felix gab der jungen Frau ein Zeichen, woraufhin sie an seinen Tisch trat.

«Ja, bitte?», fragte sie mit einem Lächeln. Ihre wasserblauen Augen strahlten mit einer einnehmenden Intensität, der sich selbst Felix kaum entziehen konnte.

«Könnte ich wohl ein Franzbrötchen kriegen?», fragte Felix.

«Selbstverständlich. Bringe ich Ihnen sofort.»

Sagte es und wirbelte davon, der Pferdeschwanz munter tanzend.

Felix riss die oberste Seite seines Schreibblocks weg und zerknüllte sie. Er beugte sich über die darunter hervorgetretene blanke Seite und wollte sich nun wirklich ernsthaft mit dem Kanter-Artikel befassen.

Obwohl – vielleicht wäre es besser, damit bis nach dem Essen zu warten. Mit vollem Magen schreibt’s sich besser, dachte Felix. Und schon schweifte sein Blick wieder nach draußen.

Natürlich schrieb es sich auch mit vollem Magen nicht besser.

Irgendwann klappte Felix mit einer zackigen Handbewegung lautstark seine Schreibmappe zu und konnte sich nur im letzten Moment beherrschen, nicht seine Faust noch als zusätzliche Unmutskundgabe auf den Tisch darniedersausen zu lassen. Er bezahlte, blieb aber noch einige Zeit sitzen.

Schließlich erhob er sich von seinem Stuhl. Dabei fiel sein Blick auf die Kellnerin, die ihn zuvor bedient hatte. Sie wandte ihm den Rücken zu und lieferte am Nachbartisch gerade eine Bestellung aus, ihr voll beladenes Tablett auf der einen Hand balancierend. Es war wirklich eine Freude, ihr zuzusehen, wie sie dabei ihren Körper verrenkte. Aber Felix hatte anderes im Kopf – und ganz abgesehen davon verwirrte ihn die Aufmerksamkeit, die er bereit war, dieser Frau zu schenken. Er wollte gerade nach seinem Mantel greifen, als sich die Kellnerin schwungvoll umdrehte, um sich zu einem weiteren Tisch zu begeben. Es kam, wie es in Felix‘ Leben immer kam. Wie es kommen musste: Die Kellnerin stieß ihn mit ihrem Tablett an, woraufhin ein Teil der Ladung – ein Eisbecher – unter Getöse zu Boden ging.

«Oh, das tut mir ganz furchtbar leid», entschuldigte sich die Kellnerin erschrocken. Trotz der Bestürzung, die sich darauf ausgebreitet hatte, war ihr Gesicht entzückend anzusehen – mit diesen großen leuchtenden Augen und den beiden Glabellafalten, die sich zwischen die Augenbrauen gegraben hatten und eine eigentümliche Verletzbarkeit zum Ausdruck brachten, obgleich man doch diese mimische Regung umgangssprachlich als Zornesfalten kennt. «Haben Sie was abgekriegt?»

«Nein, habe ich nicht», sagte Felix. «Was mich ganz ehrlich erstaunt. Ist nicht typisch für mein Leben. Aber das ist auch die Tatsache nicht, dass Sie sich entschuldigen. Normalerweise wären Sie nämlich ein 120 Kilo schwerer Halbaffe, der mir eine Mittelgesichtsfraktur verpasst hätte.»

«Äh… was?» Die niedlichen Glabellafalten wurden noch tiefer.

«Nichts, vergessen Sie‘s. Tut mir leid wegen des schönen Eisbechers.»

Felix nahm seine Schreibmappe vom Tisch und tat einen Schritt nach vorne in Richtung Ausgang, übersah dabei indes die Kugel Eis, die zuvor vor seine Füße gerollt war. Schon als Kind hatte sich Felix gefragt, warum sie in Comics und den alten Schwarzweißfilmen immer alle auf Bananenschalen ausrutschen; so glitschig sind die doch gar nicht. Da gibt’s jedenfalls wesentlich Rutschigeres. Eiscreme zum Beispiel. Noch während er fiel, griff sein Arm automatisch nach dem nächstbesten Halt, der zu finden war. Und das war der Arm der Kellnerin. Der Arm, der das Tablett hielt. Welches aus dem Gleichgewicht geriet. Gerade, als Felix mit seinem Rücken flach auf den Boden aufschlug, sah er, wie die restliche Ladung des Tabletts – ein weiterer Eisbecher und ein Milchshake – über den Rand hinausschossen. Die milchige Masse klatschte ihm zielgenau auf Bauch, Brust und Gesicht. Alle im Lokal Anwesenden verstummten augenblicklich. Es waren nur noch die Hintergrundmusik und die Geräusche der beiden Glasgefäße, die auf dem Fußboden ausrollten, zu hören. Felix blieb reglos liegen und starrte an die Decke.

Carly Simon, dachte er nur, als er das Stück erkannte, das da aus den Lautsprechern tönte. Er schloss seine Augen.

«Sind Sie in Ordnung, mein Herr?», fragte die Kellnerin besorgt.

«Nein», sagte Felix. Nach einigen Sekunden fügte er an: «Aber Ihr Eis schon. Schmeckt wirklich klasse.»

Die Kellnerin bückte sich zu ihm herab: «Kommen Sie, ich bringe Sie nach hinten, da können Sie sich ein wenig sauber machen. Wenigstens das Gröbste.»

Ächzend stand Felix auf und ließ sich von der Kellnerin in den Waschraum des Personals bringen. Dort gab sie ihm ein frisches Handtuch und nahm ihm seinen Mantel ab, den sie versuchte von dem klebrigen Creme-Gemenge zu befreien.

«Das Ganze ist mir wirklich schrecklich unangenehm und peinlich», sagte sie, während sie mit einem nassen Tuch emsig über Felix‘ Mantel rieb. Felix gab keine Antwort. Abwesend und mit einem bitteren Lächeln auf seinem Gesicht wischte er sich antriebslos über selbiges. Die Kellnerin hörte mit dem Schrubben auf.

«Hören Sie… schicken Sie mir die Rechnung für die Reinigung der Kleider, okay?», sagte sie beschämt. «Ich gebe Ihnen meine Privatadresse, ich will keinen Ärger mit meinem Arbeitgeber. Ich kann verstehen, dass Sie sauer sind, aber… ich meine… es tut mir ja auch richtig echt leid…».

«Der Song ist einfach perfekt», sagte Felix plötzlich.

«Bitte… was?»

«Der Song, der gerade läuft», verdeutlichte Felix. Die Hintergrundmusik des Restaurants war auch in dem Waschraum zu hören, in dem sich die beiden aufhielten.

«Was soll damit sein?», fragte die Kellnerin irritiert.

«‹Nobody Does It Better› von Carly Simon», erklärte Felix. «Das Thema des zehnten James-Bond-Films ‹The Spy Who Loved Me› aus dem Jahr 1977. Eine dramatische, schmalzige, opulente ‹Power Ballad› und ein hochpreisender Lobgesang auf den Helden, wie es der Titel schon sagt. Achten Sie mal aufmerksam auf den Liedtext. Der Hammer, oder? Untermalt meine kleine Vorstellung von vorhin dramaturgisch ideal, finden Sie nicht? Sofern man sich was aus Zynismus macht jedenfalls. Wussten Sie übrigens, dass die Air New Zealand den Songtitel in den Siebzigern zu ihrem Werbeslogan erkoren hatte? Man ist dann davon zügig wieder abgekommen, als eines ihrer Großraumflugzeuge mit etwa 250 Passagieren an Bord gegen einen Berg in der Antarktis geflogen ist.»

Felix lächelte noch etwas gequälter.

«Sie sind wohl so was wie eine wandelnde Musikenzyklopädie, was?», war das Einzige, das die nach wie vor irritierte Kellnerin in dem Moment zu entgegnen wusste.

«Nein. Filme. Bei mir wandeln die Filme. Da kenne ich mich aus. Die einzige Fähigkeit, die ich habe. Aber damit mache ich dafür die richtig dicke Kohle.»

«Echt?», fragte die Kellnerin todernst.

«Nur in meinen Träumen», gab Felix knapp zurück. «Aber das Leben ist gut zu mir. Es lässt mich mein Geld tatsächlich mit meinem Hobby verdienen… irgendwie. Ich darf schmierige, kleine Geschichten über schmierige, kleine Prominente schreiben, die irgendwann mal vor einer Kamera durchgehuscht sind oder den Aufnahmeknopf einer solchen drücken durften.» Mit gespieltem Stolz fuhr er fort: «Ich bin nämlich der Leiter des Ressorts ‹Film & Fernsehen› bei der Prominenten-Informationsrevue ‹Die Sternwarte›, müssen Sie wissen.»

«Ach was? Ohne Spaß jetzt?» Die Kellnerin schien genuine Begeisterung zu zeigen.

«Ja… ohne Spaß. Da treffen Sie den Nagel verdammt schmerzhaft auf den Kopf.»

«Dann kennen Sie all die Stars und so…?»

«Eher ‹und so›, würde ich sagen. Mit Ausnahme von Holger Krohn kenne ich kaum einen einzigen richtigen Promi persönlich, was aber…»

«Sie kennen Holger Krohn?», fiel ihm die Kellnerin fast kreischend ins Wort.

«Na ja, schon. Bereits seit vielen Jahren.» Auf einmal überkam Felix ein ungutes Gefühl. Irgendwas sagte ihm, dass er schnellstens das Thema wechseln sollte.

«Das… das gibt’s ja nicht! Wow!», ereiferte sich die Kellnerin. «Ich dreh ab! Sie müssen nämlich wissen, ich bin angehende Schauspielerin!»

Oh Gott!, stöhnte Felix stumm.

«Ich kann es kaum glauben!», sagte sie eher zu sich selbst als zu Felix. Sie versuchte, sich wieder etwas zu fassen. «Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt, entschuldigen Sie bitte. Mein Name ist Valérie Schiller. Das ist mein richtiger Name, obwohl er wie ein Künstlername klingt, ich weiß», kicherte sie.

Felix starrte sie schweigend mit hochgezogenen Augenbrauen an.

«Natürlich sagt Ihnen der Name nichts», fuhr Valérie aufgeregt fort. «Ich stehe ja wie gesagt auch erst am Anfang. Ich warte zurzeit auf einen Studienplatz für Schauspielerei an der Hochschule für Musik und Theater hier in Hamburg.»

«Aha», gab Felix lediglich zur Antwort.

«Im Moment ist es allerdings ganz schön ätzend. Ich bin echt auf den Job hier angewiesen und das heißt ordentlich ackern, anstatt sich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Sie wissen schon: Von wegen Semestergebühren, Miete und so weiter. Von meinen Eltern kommt leider gar nichts. Die waren ziemlich sauer, als ich letztes Jahr mein BWL-Studium abgebrochen habe…»

«Hören Sie, Frau Schiller…», unterbrach Felix die Biographie der mitteilsamen jungen Dame.

«Nennen Sie mich Valérie!»

«Na gut, Valérie. Was ich sagen wollte: Ich habe das vorhin da draußen ernst gemeint, als ich Ihre Frage verneint hatte, ob mit mir alles in Ordnung sei. Mir geht es zurzeit wirklich nicht sehr gut. Das hat nichts mit Ihnen oder dem Sturz zu tun, sondern ich habe sonst eine Menge Ärger am Hals. Ich fürchte, ich bin daher kein sehr dankbarer Gesprächspartner. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich einfach gerne meinen Mantel nehmen und nach Hause gehen.»

«Oh…» Valérie war sichtlich brüskiert ob Felix‘ abweisenden Gebarens.

Dessen ungerührt ergriff er seinen immer noch schmutzigen Mantel, bedankte sich bei der verdatterten Valérie für ihren Reinigungsversuch und verließ das Lokal.

Das East Hotel an der Simon-von-Utrecht-Straße lag nur einen Steinwurf von der Reeperbahn entfernt. Das mochte einem Besucher, der zum ersten Mal in Hamburg war, womöglich den Schluss nahelegen, dass es sich dabei um ein eher zwielichtiges Etablissement handeln musste. Das Gegenteil war der Fall. Das East Hotel war ein wahres Juwel, das in einem Spektrum aus Design, Stil und Originalität schimmerte. Hinter seinen Mauern schien die Schmuddelwelt von St. Pauli mit ihren bunten Lichtern, bunten Frauen, der ‹Ritze› und der einzigen Tankstelle mit internationalem Renommee neben derjenigen in Edward Hoppers ‹Gas› weit weg zu sein. Das East Hotel bot auf mehreren Ebenen die Möglichkeit, sich entweder mit einem Drink gepflegter Lounge-Atmosphäre hinzugeben, ein qualitativ hochstehendes Mahl einzunehmen oder gleich beides miteinander zu verbinden.

Isabel Lärchinger hatte an diesem Montagmittag aber weder Lust auf einen Drink noch hatte sie Hunger. Sie schob die Sushi-Häppchen, die vor ihr auf dem Teller lagen, mit den Essstäbchen nervös hin und her. Kaum fand einmal eines davon den Weg in ihren Mund. Den brauchte sie zurzeit auch für etwas anderes. Wofür sie ihn meistens brauchte: zum Reden.

Ihr Gegenüber hatte nicht viel mehr Appetit; Klaus Graber, der Herausgeber und Leitende Geschäftsführer des HEGRA-Verlages, ließ sich im Allgemeinen von Isabel Lärchinger nur höchst ungern zum Mittagessen einladen. Diese Verabredungen widerten ihn regelrecht an. Oder besser gesagt die Lärchinger, die mit ihren ‹kleinen Aufmerksamkeiten› nämlich stets sehr konkrete Ziele verfolgte.

Natürlich hätte Graber sich entschuldigen können – was er in der Regel auch tat. Doch die Lärchinger war mit ihren Terminanfragen derart penetrant, dass er alle paar Mal nachgab, nur um wieder für eine Weile seine Ruhe zu haben. Heute gab es allerdings noch einen weiteren, besonderen Grund, weshalb er beschlossen hatte, sich mit der Lärchinger zu treffen.

Nachdem die Lärchinger lange um das eigentliche Thema herumschwadroniert hatte, kam sie endlich auf den Punkt: «Sie wissen ja, Klaus», sagte sie, während sie sich eine Haarsträhne sorgfältig aus dem Gesicht strich, «dass ich jeden Montagmorgen mit meinen für den ‹People›-Teil des Heftes zuständigen Redakteuren zur Wochenauftaktskonferenz zusammenzusitzen pflege. So wie auch heute Morgen. Der Zufall, wenn nicht sogar die Vorsehung, wollte es, dass…»

«Isabel…», unterbrach Graber sie. Er hasste ihre Elaborate über ihre Arbeit.

«…dass wir gerade heute mit einem Problem konfrontiert waren», fuhr sie unbeirrt fort, «das so unvergleichlich veranschaulichend ist für mein Daueranliegen, das ich im Rahmen unseres traditionellen Lunchs doch einmal mehr nicht unerwähnt lassen möchte. Ich nehme an, Ihnen ist der niedersächsische Minister für Soziales bekannt?»

Graber schaute sie ein wenig überrascht an. «Sie meinen Lutz Gröhlmann?», fragte er dann rhetorisch zurück.

«Genau den. Haben Sie gewusst, dass er eine Liebschaft mit einer Asylbewerberin aus Kamerun unterhält?»

«Nein», sagte Graber emotionslos.

«Wie auch?», krähte die Lärchinger. «Außer meinem Ressortleiter ‹Politik› hat das bis vor Kurzem kaum einer gewusst. Dank einer selten glücklichen Fügung hat Gerd Höpfner über private Kontakte zufällig von dieser delikaten Situation erfahren.»

Graber rollte mit den Augen. Er konnte Menschen nicht ausstehen, die das Wort ‹delikat› in anderem als kulinarischem Zusammenhang verwendeten.

«Wir wollten das in der nächsten Ausgabe exklusiv bringen», führte die Lärchinger weiter aus. «Exklusiv! Wie selten haben wir dieses Privileg? Es wäre eine Hammer-Story geworden. Aber was ist passiert?» Die Augen der Lärchinger schienen aus ihren Höhlen springen zu wollen. «Die ‹Blitz› hat ebenfalls Wind von der Sache bekommen. Die bringen die Story morgen.»

«Ja, und?», zeigte sich Graber wenig verständnisvoll.

«Ja, und? Ja, und? Die verhageln uns unsere schöne Story!»

«Das kann schon mal passieren bei einer täglich erscheinenden Boulevardzeitung», erklärte Graber nüchtern.

«Ach, wenn es nur die Erscheinungsfrequenz wäre!», rief die Lärchinger aus.

Und in der Tat war die Erscheinungsfrequenz der geringste Nachteil von all den Nachteilen, die der ‹Sternwarte› im alltäglichen Konkurrenzkampf widerstanden. Die altersschwache Illustrierte fristete nämlich ein klägliches Dasein ganz weit außen am Rande des Boulevard-Universums mit einer mickrigen verkauften Auflage von 45‘000 Exemplaren, Tendenz drastisch sinkend. Der Hauptgrund dafür war das ebenso klägliche Budget, das der HEGRA-Verlag der ‹Sternwarte› zur Verfügung stellte. Und fast mit jedem Jahr wurde es weniger. Ein Heft, so wie es die Lärchinger vor Augen hatte, war damit außer Reichweite. Es fehlte einfach an allem – in erster Linie an arrivierten Redakteuren mit guten Kontakten zu den Promis und deren Umfeld, was zur Folge hatte, dass man in aller Regel nur einen Draht zu ausrangierten Berühmtheiten von vorgestern und zu bedeutungslosen Emporkömmlingen hatte, die so bedeutungslos waren, dass sich kaum die ansonsten wenig wählerische ‹Blitz› oder die nicht minder heiklen TV-Klatschformate für sie interessierten. Und es fehlte an finanziellen Mitteln für den Einkauf von brisanten Schnappschüssen von den richtigen Stars, an Mitteln für Spesen, an Mitteln für einen zeitgemäßen Look und ebensolche Konzeption der Zeitschrift. Und an Mitteln für eine lebendige, attraktive Website mitsamt der dazugehörenden Onlineredaktion.

Gerade die Website – seit Jahren bettelte die Lärchinger mit Inbrunst dafür bei Graber. Mit diesem Instrument hätte man so viel erreichen können – insbesondere, was Aktualität und Exklusivität anbetraf. Eine Story wie die über Gröhlmann beispielsweise hätte man sofort online publizieren, warmhalten und hernach in der Print-Ausgabe vertieft thematisieren können. Derart wäre es wesentlich weniger dramatisch gewesen, dass zwischenzeitlich die Konkurrenz auf den Zug aufgesprungen war. Andere Wochenillustrierte schafften es – unter anderem – auf diese Weise ja auch, den positiven Effekt, den Exklusivmeldungen im Publikum erzeugen, für sich zu verbuchen. Klaus Graber hatte da aber eine klare Meinung: Omas surfen nicht im Internet.

Das war natürlich auch der Lärchinger klar. Zwar wurde das Heft, so wie es daherkam, tatsächlich größtmehrheitlich von Damen im goldenen Alter gekauft; diese Zielgruppe wollte denn die Lärchinger auch gar nicht ‹im Stich lassen›, wie sie es nannte – aber schon seit Jahren versuchte sie unermüdlich, die ‹Sternwarte› zu einem angesagten, begehrten Promi-Magazin zu pushen und damit auch die Leserinnen ab dreißig zu gewinnen. Ihr maßgeblichstes Vorbild dabei war die ‹Prominade›, die wohl bekannteste und erfolgreichste Hochglanzwochenillustrierte Deutschlands. Wobei sich der Vorbildcharakter eigentlich auf den Erfolg beschränkte. Der Lärchinger war der People-Teil der ‹Prominade› zu angepasst, zu grau, zu langweilig, zu fad. Sie fand, dass sich deren Redakteure zu sehr an die Objekte ihrer Berichterstattung anbiederten. Für sie stand fest, dass die ‹Sternwarte› unter allen Umständen lebendiger, unabhängiger, bissiger… eben ‹christbaummäßiger› bleiben sollte.

Ambitionierte Pläne, die sie nun bereits verfolgte, seit sie 1996 von Grabers Vater Herbert zur Chefredakteurin ernannt worden war, und die insbesondere deshalb ambitioniert waren, weil sie die finanziellen Probleme von Anfang an begleitet hatten. Herbert Graber indes war ihr ungleich wohler gesinnt gewesen als es sein Sohn war. Ihr und der ‹Sternwarte›, die er 1959 zeitgleich mit dem HEGRA-Verlag gegründet hatte und die die Grundlage für den ersten wirtschaftlichen Erfolg des Verlags gewesen war. Obwohl die glorreichen Zeiten des Hefts mittlerweile seit Jahren vorbei waren und der Verlag unter dem Einfluss von Graber jun. seine publizistische Ausrichtung längst in ganz andere Richtungen gelenkt hatte, hatte sich Graber sen. nie dazu überwinden können, die Marke einzustellen oder zu verkaufen. In der enthusiastischen Isabel Lärchinger, die dem Blatt seit ihrem Volontariat aus Überzeugung treu gewesen war, hatte er dabei die perfekte Konservatorin gefunden, denn sie teilte als Einzige die Liebe Herbert Grabers für die ‹Sternwarte›, wenngleich seine Gefühle rein nostalgischer Natur gewesen waren.

Doch auch Herbert Graber hatte seiner Ziehtochter nur Mut und gute Worte zusprechen können; die erforderlichen Budgetzuschüsse waren ihr verwehrt geblieben, da sich Graber jun. dagegen stets energisch gesträubt hatte. Nachdem Herbert Graber 2002 verstorben war und Klaus definitiv die Geschicke des Verlags übernommen hatte, war dementsprechend alles für die Lärchinger nochmals wesentlich schwieriger geworden. Graber jun. hatte es zwar – was er niemals erwartet hätte – aus Sentimentalität für seines Vaters Andenken nicht übers Herz gebracht, die ‹Sternwarte› loszuwerden. Das hieß aber nicht, dass er seine Einstellung gegenüber dem Heft oder der Lärchinger, die er noch nie gemocht hatte, geändert hatte. Eigentlich war seine Aversion sogar noch schlimmer geworden; der Verdruss, den er wegen seiner gefühlsduseligen ‹unternehmerischen Schwäche› gegen sich selbst hegte, ließ sich vorzüglich auf die ‹Sternwarte› und noch viel besser auf die nervige Lärchinger übertragen.

Sie hingegen ließ sich von seiner unverhohlenen Geringschätzung nicht beirren; beackerte ihn unermüdlich mit ihren Anliegen, wozu ihr einzig diese gemeinsamen Mittagessen Gelegenheit boten.

Die Lärchinger fasste sich wieder; setzte ihr Dolch-Lächeln auf.

«Nein, die Erscheinungsfrequenz ist es nicht, was mir Sorgen bereitet», sagte sie mit bemüht sachlichem Ton, «die ist ja für andere Illustrierte auch kein Problem. Mir geht es gar nicht so sehr darum, jede Woche eine Bombe platzen lassen zu können. Ich bin keine Sensationsjägerin; zumindest nicht primär. Ab und an braucht’s das natürlich schon, alleine wegen den Credits, die man damit bei Lesern und Konkurrenz einfährt. ‹Label Dropping›, Sie wissen schon. Eine Meldung…»

«Isabel…», unternahm Graber einen weiteren Versuch, seiner gerade in Fahrt kommenden Mitarbeiterin Einhalt zu gebieten.

«EINE MELDUNG», übertönte die Lärchinger Graber, ihre Ausführungen wennundaberlos fortsetzend, «in die Welt zu setzen, bedeutet für uns bei der ‹Sternwarte› aber nie die Vollbringung unserer Arbeit; eine Meldung als solche ist vielmehr überhaupt erst der Anlass zur Arbeit. Wir wollen stets wissen und unseren Leserinnen vermitteln, welche Entwicklungen zu einem Ereignis geführt haben, welche weiteren Entwicklungen sich daraus ergeben können – und das Wichtigste überhaupt: Wie fühlen sich die Betroffenen dabei? Und mit ‹Meldung› meine ich auch nicht nur Drama und Action, nein, das können durchaus alltägliche Begebenheiten oder Situationen sein, mit denen ja nicht nur wir Normalos, sondern auch unsere Promis konfrontiert sind. Wir wollen wissen, wie es den Reichen und Schönen dabei ergeht. Empathie ist unser Erfolgsrezept. Hier will ich ansetzen und die ‹Sternwarte› weiterentwickeln. Aber dazu…»

Graber lachte herzhaft. «‹Weiterentwickeln›? Isabel, jetzt haben Sie es fertiggebracht, dass ich doch noch lachen muss, obwohl es mir so gar nicht darum sein will. Was, bitte schön, wollen Sie an Klatsch denn weiterentwickeln? Klatsch bleibt Klatsch.»

«Haben Sie denn überhaupt je eines meiner Konzepte studiert?», fragte die Lärchinger vorwurfsvoll, gar verärgert.

«Bis und mit Nr. 67 ja, aber dann – huch – habe ich doch plötzlich merken müssen, dass das immer das genau Gleiche ist. Alle sogenannten Konzepte, die Sie mir in der Vergangenheit so zahl- und wortreich präsentiert haben, liefen schlicht darauf hinaus, dieselben Belanglosigkeiten, die Sie heute schon auf Papier drucken, in einem teureren Kleid darzubieten. Also nichts weiter als alter Wein in neuen Schläuchen.»

«Das stimmt so nicht!», wehrte sich die Lärchinger aufgebracht. «Ich habe immer wieder das Optimierungspotential bei unserem inhaltlichen Angebot aufgezeigt, namentlich, was die Exklusivität anbetrifft! Seit Jahren zum Beispiel weise ich darauf hin, dass wir zusätzliche Redakteure einstellen sollten, die über gute Kontakte zu den richtigen Promis und – was ich noch für fast wichtiger halte – zu deren Umfeld verfügen, denn…»

«Wozu?», fiel ihr Graber ins Wort. «Sie bestehen ja doch darauf, dass Ihre Leute am Ende schreiben, was Sie lesen wollen… oder was Sie glauben, dass Ihre Zielgruppe lesen will. Das hat sich auch nicht geändert, seit wir uns vor drei Jahren darüber mal ein bisschen ernster unterhalten hatten. Und selbst wenn es anders wäre: Wir reden hier immer noch von Banalitäten, die auch dann keinen Mückenschiss an Relevanz erfahren würden, wenn sie wirklich bedeutende Leute beträfen. Wenn Sie in dem Zusammenhang von ‹weiterentwickeln› sprechen, trägt das mehr unfreiwilligen Humor in sich als der Terminus ‹nutzenorientierte Verwaltungstätigkeit›. Du meine Güte, was mache ich hier eigentlich? Ich weiß gar nicht, weshalb ich mich überhaupt auf so eine Diskussion einlasse.»

Eigentlich wusste Graber das schon. Er fühlte sich unwohl, ein wenig schäbig sogar. Die Mitteilung, die er der Lärchinger zu überbringen hatte, fiel ihm nicht leicht auszusprechen. Und das, obwohl er sich zuvor doch so diebisch darauf gefreut hatte. Nun fand er es aber auf einmal schwierig, den richtigen Moment dafür zu erwischen. Den richtigen Moment, damit die Lärchinger nicht zu sehr von seinen Worten überrollt würde. Gut, ja, was er ihr eben an den Kopf geworfen hatte, war gewiss auch nicht gerade zimperlich gewesen, aber so redete er immer mit ihr, wenn sie unter vier Augen waren, das war sie sich gewohnt. Nicht aber das, was sie jetzt erwartete. Er versuchte, sie langsam an das Thema heranzuführen, zögerte den Kern der Sache dabei mehr und mehr hinaus. Klaus Graber wollte es selbst nicht glauben – aber er hatte in dem Moment tatsächlich Mitleid mit Isabel Lärchinger.

«Ich kann nicht fassen, dass Sie so ein Ignorant sind», sagte eine etwas perplexe Lärchinger. «Was spielt es denn für Sie für eine Rolle, was auf den Seiten der Hefte steht, die Sie verlegen? Für Sie zählt ja ohnehin nur, dass die Kasse klingelt. Jetzt nenne ich die Dinge für einmal auch beim Namen; Sie selbst haben mir gegenüber damit ja keinerlei Mühe. Solange Sie sich Ihre Brionis, zu denen Sie übrigens scheußliche Krawatten tragen, und Ihre Urlaube in der Südsee oder in St. Moritz und was sonst noch alles leisten können, kann es Ihnen doch schnurzegal sein, was wir wirklich publizistisch tätigen Leute eigentlich genau machen. Und ich garantiere Ihnen: Wenn Sie mich nur machen ließen, mir die nötigen Mittel zugeständen – ich würde Ihnen die Kasse klingeln lassen.»

Der Kopf der Lärchinger leuchtete rot und ihre Hände hatten angefangen zu zittern. Wozu hatte sie sich da soeben hinreissen lassen? Sie hatte sich doch über das Wochenende eine so ausgeklügelte, geschickt aufgebaute Rede zurechtgelegt; wie sie es vor diesen Treffen stets zu tun pflegte. Mehrmals hatte sie diese in den vergangenen Tagen gedanklich immer und immer wieder durchgespielt; auf dem Klo, beim Zähneputzen, unter der Dusche, während des Beischlafs mit ihrem Lebenspartner Bernd. Und jetzt war sie mit dieser für sie völlig untypischen emotionalen und vor allem aggressiven Eruption über Graber hereingebrochen.

Jenem zog es ob dieses Votums unvermittelt den rechten Mundwinkel nach oben.

«Wissen Sie, dass ich Ihnen ungemein dankbar bin für diese Worte?», sagte er mit glockenheller Betonung der Silben. «Sie haben damit eine ideale Einleitung für das geschaffen, was ich mir für heute vorgenommen hatte, mit Ihnen zu besprechen – und mir gleichzeitig mit Ihrer unverblümten Art die Kommunikation erleichtert. Ich beginne gleich bei Ihrer vollkommen korrekten Feststellung, dass ein Produkt eine gewisse Rentabilität gewährleisten muss. Wie Sie nun aber selbst wissen, ist das gerade bei der ‹Sternwarte› schon seit Jahren nicht mehr der Fall; und die ersten sechs Monate dieses Jahres waren besonders gravierend. Ihre Weiterexistenz verdankte sie einzig der Sentimentalität meines Vaters – und meiner eigenen. Leider lässt sich in der Krise, unter der der Zeitschriftenmarkt leidet, Sentimentalität ökonomisch immer weniger rechtfertigen. Hinzu kommt, dass Sie mit Ihrer Auffassung der Heftkonzeption in den letzten Jahren das Niveau der ‹Sternwarte› derart konsequent in den Boden geschraubt haben, dass sie zu einer Hypothek für das ganze Unternehmen geworden ist. Ihre freimütigen Fabulierereien haben mir vor drei Jahren den fürstlichen Anwalt auf die Matte gebracht, wie Sie sich erinnern. Nach unserem darauffolgenden Gespräch wussten Sie sich zwar etwas vorsichtiger zu gebaren, aber sie schrammen trotzdem noch immer verflucht hart an der Grenze zum Zivilprozess entlang. Nun ist der HEGRA-Verlag ein seriöses Haus, das dank unserer sorgfältig produzierten Informations- und Fachzeitschriften ein hohes Ansehen auf dem Markt genießt. Die ‹Sternwarte› dagegen ist… nun ja: Schund. Zusammengefasst: Das Heft ist in jeder Hinsicht ein Klotz am Bein des Verlags; sowohl für die Bilanz als auch für die Reputation.»

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