Kitabı oku: «Warum es keine Höhlenmalereien über die Liebesabenteuer der erfolgreichsten Mammutjäger gibt», sayfa 3
Nachdem Gerd mit einem unterkühlten «Alles klar» die Vorgaben seiner Chefin als verinnerlicht signalisiert und auch seine weiteren für diese Woche anstehenden Projekte mit der Lärchinger besprochen hatte, wendete sich diese endlich an Felix.
«Und nun zu Ihnen, lieber Herr Niggli», sagte sie in einem schwer einzuordnenden Ton, der eine ernste, eine besorgte aber auch eine vergnügliche Note hatte. Die Lärchinger liebte es auf eine infantile Art und Weise, Felix mit bewusst unbeholfener Aussprache bei seinem Nachnamen zu nennen. Der typische Schweizer Familienname klang auch nach all den Jahren, in denen Felix nun schon in Hamburg lebte, nach wie vor ulkig in den Ohren seiner deutschen Mitmenschen. Selbstverständlich meinte seine Chefin das nicht böse oder abschätzig, es war vielmehr eine kollegiale Neckerei. Felix nahm ihr das denn auch nicht grundsätzlich übel; es schmeichelte ihm gar fast ein wenig, dass ihm seine Chefin so jovial begegnete – bei der lausigen Arbeitsmoral, die er an den Tag legte.
«Ich bin wirklich froh, dass Sie doch noch zu uns gestoßen sind», sagte die Lärchinger. «Sie sind in dieser Woche ein unverzichtbarer Wert. Zunächst ist da die Kanter-Sache. Damit müssen wir unbedingt fortfahren, solange das noch einigermaßen heiß ist. Und dann natürlich Holger Krohn. Der einzige richtige Promi, zu dem wir dank Ihnen Zugang haben. Exklusiven Zugang. Was auch immer er uns mitteilen will – sei es, dass er seine Mutter an ein Versuchslabor in Novosibirsk verschachert hat, oder sei es, dass sein Wasserhahn tropft – ich will es in der nächsten Ausgabe drinhaben, okay? Machen Sie nachher sofort einen Termin mit ihm noch vor Redaktionsschluss am Mittwochnachmittag aus.»
«Äh… mal… na gut», murmelte Felix kaum hörbar. Eigentlich wäre dies der ehrlichste Zeitpunkt gewesen, um ihr zu sagen, wohin sie sich Krohn stecken konnte. Felix befand es indes für angebrachter und auch für taktisch geschickter, dies unter vier Augen zu tun.
«Und was den Fall Kanter anbetrifft… wissen Sie nun, was Sie als Nächstes darüber schreiben wollen?»
Felix brachte keinen Ton zwischen seinen Lippen hervor. Obwohl er – dank den Tratschenten vom Samstag – doch endlich der Lärchinger einen Vorschlag hätte präsentieren können, wie die Geschichte fortgeschrieben werden sollte. Und dieser Vorschlag ziemlich sicher derjenige war, zu dem ihn die Lärchinger seit letzter Woche hinzuführen versuchte. Obwohl… ‹obwohl› war hier die gänzlich falsche Konjunktion. ‹Weil› hätte es vielmehr heißen müssen. Diesen Mist nämlich laut auszusprechen und dann so auch noch den Eindruck zu erwecken, es sei sein Mist, und damit wiederum der Selbstaktivierungsmethodik der Lärchinger vorgeblich recht zu geben, gerade jetzt, als er ein für alle Mal einen Schlussstrich unter all das ziehen wollte, bedeutete einen fast nicht zu bewältigenden Kraftakt für Felix.
Seine Stimmbänder schienen wie gelähmt zu sein.
«Felix?»
«Ich…», hörte er sich selbst plötzlich doch zu einer zaghaften Antwort ansetzen. Also stammelte er weiter: «Nun… ich habe mir gedacht, da es… also, da es Anzeichen dafür gibt, dass Kanter… dass sie mit ihrem Vater ein schwieriges Verhältnis unterhielt, läge es ja irgendwie noch nahe, dass… dass da… so was in der Art wie… nun ja, sexueller Missbrauch…»
«Na also, es geht doch», sagte die Lärchinger lächelnd. «Anscheinend mussten Ihre Hirnwindungen übers Wochenende etwas auslüften, was? Okay, ich denke, wir machen das auf einer halben Seite auf, also 1‘500 bis 2‘000 Zeichen. Selbstredend beherzigen Sie bitte dieselben formalen Auflagen wie Gerd: Umschiffen Sie juristisch heikle, zu direkte Begriffe, aber bringen Sie so eindeutig wie rechtlich zulässig zum Ausdruck, was Sache ist. Zusammen mit der Krohn-Geschichte kriegen wir so sicherlich zwei Seiten ‹Film & Fernsehen› voll. Und dann ist da ja auch noch der Bericht über die Premiere vom Freitag. Da werde aber ich selbst etwas darüber machen. Ich möchte, dass Sie sich ganz und gar auf Krohn, insbesondere auf ihn, und auf Kanter konzentrieren. Diese beiden Berichte sollten wir unbedingt bis zur Schlussredaktionskonferenz am Mittwochnachmittag hinkriegen, damit das alles noch in die nächste Ausgabe reinpasst. Okay?»
«Damit es reinpasst…», wiederholte Felix.
«Na gut, dann sind wir mit Ihnen so weit fertig. Kommen Sie gleich anschließend an die Konferenz noch in mein Büro, ja?»
«In Ihr Büro, ja».
Felix hatte damit seine Schuldigkeit für den Moment getan und die Lärchinger arbeitete sich durch den Rest der Redaktion durch; informierte sich über den Stand von laufenden Arbeiten, legte fest, was in die nächste Ausgabe unbedingt reinmusste und verteilte entsprechende Aufträge. Danach kürte sie wie jeden Montag den ‹Beitrag der Woche›, der sich damit das Recht verdient hatte in Plastikfolie eingeschweißt an den Christbaum auf der ‹Rockefeller Plaza› gehängt zu werden.
Dieser wöchentliche Zirkus trieb Felix jedes Mal fast die Wände hoch, nichts war ihm jedoch verhasster als die ‹One-to-one-Briefings› mit seiner Chefin. Aber aus zweierlei Gründen war er heute regelrecht dankbar, dass die Lärchinger ein solches unmittelbar auf die Wochenauftaktskonferenz folgen ließ. Erstens, weil er den Unterbau an gesunder Aggressivität, den er seinem Gemütszustand dank dieser intensiven Redaktionssitzung verschaffen konnte, nicht wieder in sich zusammenfallen lassen und nutzen wollte, um der Lärchinger unverblümt die Meinung zu sagen.
Zweitens begrüßte er es sehr, sich gerade jetzt nicht in seinem Büro aufhalten zu müssen. Dieses teilte er sich nämlich mit Gerd, was er der Tatsache zu verdanken hatte, dass die ‹People›-Abteilung der Redaktion der ‹Sternwarte› nur gerade die sechs Ressortleiter umfasste; diesen ‹Leitern› unterstellte weitere Redakteure gab es nicht – wenn man mal von den paar freien Journalisten absah, die gelegentlich Berichte oder Meldungen einreichten. Deshalb saßen die Ressortleiter einander sozusagen interdisziplinär in den Zweierbüros gegenüber.
Mit Gerd nun gab es zwei große Probleme: die Ernsthaftigkeit und Chefredakteurinnenloyalität, mit denen er seinem Job nachging – und seine Ticks. Letztere waren eine Dauerprüfung für Felix‘ Nervenkostüm; die gelegentlichen Gesichtszuckungen und Quietschtöne gingen ja noch, aber als starker Raucher hatte er sich ein chronisches Räuspern angewöhnt, bei dem man den Schleim in der Glottis flattern hören konnte. Damit nicht genug; alle paar Minuten spuckte Gerd seinen Auswurf in einen Plastikbecher. War das im ‹Normalzustand› schon schlimm genug, war es in Momenten wie jetzt schlicht unerträglich: Wenn Gerd etwas aufwühlte, so wie aktuell die Gröhlmann-Situation, gerieten seine Ticks außer Rand und Band.
«Ah, da sind Sie ja, Felix. Kommen Sie rein und machen Sie die Türe zu», empfing ihn die Lärchinger freundlich, als er in der Tür ihres Büros erschien. Felix tat wie geheißen und trat wortlos an ihren Schreibtisch heran. Mit einem Lächeln stand die Lärchinger auf, kam hinter dem Tisch hervor, fasste Felix an den Schultern und schob ihn mit sanftem Druck in Richtung der königsblauen Couch, die rechts des Schreibtisches stand.
«Kommen Sie, setzen wir uns. Haben Sie Lust auf Tee oder Kaffee? Sie haben heute sicher noch nicht gefrühstückt, wie ich jetzt einfach mal annehme.»
«Danke, ich brauche nichts.»
«Sind Sie sicher? Sie können es sich ja auch nachher nochmals überlegen.»
Felix und seine Chefin ließen sich auf die weichen Lederkissen hinab. Die Lärchinger schlug ihre Beine übereinander und umfasste mit ihren beiden Händen das höher gelegene Knie. Felix saß zusammengefallen in der Couch und hatte den Blick auf seine Hände gerichtet, die er halb im Schoß vergraben hatte.
«Also, mein Lieber. Wo drückt denn der Schuh?», fragte die Lärchinger einfühlsam.
Und das war’s dann auch schon. Das ganze schöne Pulvergemisch aus Aggressivität, Abscheu und Verachtung, das Felix in seine virtuelle Selbstbehauptungshaubitze geladen hatte: Von einer Sekunde auf die andere zerstoben. Und mit ihm Felix‘ Vorhaben, den Aufstand zu proben.
So sehr hatte er es sich doch vorgenommen, sich nicht wieder vom Florence-Nightingale-Wesen seiner Chefin einlullen zu lassen. Wie schon so oft. Und wie schon genauso oft hatten ihre mitleidvolle Miene, die an eine ihr Kind nach einem Sturz aufs Knie tröstende Mutter erinnerte, und der dazugehörende Ton in ihrer Stimme eine fatal entwaffnende Wirkung.
Aggressivität, Abscheu, Verachtung – nur kurz darauf sammelte sich das Pulvergemisch wieder in der Haubitze. Wie es bei diesen Konfrontationen ebenso regelmäßig geschah. Nur zeigte die Mündung dann jeweils nicht mehr gegen die Lärchinger – nein, es war Felix selbst, der nun Ziel seiner eigenen Geringschätzung wurde. Es schnürte ihm beinahe den Atem ab. Am liebsten wäre er einfach nur aufgestanden und gegangen.
«Ich… ich…», druckste er. «Ich kann… ich kann und möchte nicht darüber reden. Aber es ist nicht… ich versichere Ihnen, es geht über eine bloße Verstimmung hinaus. Bitte, lassen Sie mich einfach diese Woche zu Hause bleiben, okay? Ziehen Sie’s mir meinetwegen von meinem Urlaubsanspruch ab.»
«Felix, das geht nicht. So leid es und Sie mir tun. Ich brauche Sie. Zudem haben Sie Ihre Urlaubstage bereits im Mai aufgebraucht. Kommen Sie, atmen Sie tief durch und raffen Sie sich auf. Mir zuliebe.»
Die Lärchinger legte ihre Hand auf die von Felix und blickte ihn treusorgend an.
«Isabel, ich weiß, dass Ihnen dieser Job Hobby, Erholung und seelische Erbauung zugleich ist. Für mich aber ist es – ein Job. Arbeit. Für die ich Energie aufbringen muss. Und zurzeit… zurzeit bin ich in so schlechter Verfassung, dass es für mich nur schwer vorstellbar ist, dass ich das hinkriegen werde.»
Die Lärchinger zog ihre Hand zurück, stand auf und lehnte sich mit dem Gesäß gegen die Kante ihres Schreibtisches.
«Mir ist klar, dass man nicht jeden Morgen mit demselben Elan an sein Tageswerk gehen kann», sagte sie. «Dass man Zeiten durchmacht, in denen man aus was für Gründen auch immer von der ganzen Welt nichts hören möchte. Aber ich denke, wir hier im People-Journalismus sind in dieser Hinsicht wirklich gesegnet. Wer hat schon so einen abwechslungsreichen Arbeitsalltag wie wir? Wir dürfen Tag für Tag eine schillernde Welt erleben, die den meisten Menschen in dieser Unmittelbarkeit verborgen bleibt; interessante Menschen kennenlernen, die mal skurril, mal bizarr, mal Paradiesvogel sind. Taucht man erstmal in die Arbeit ein, wird man regelrecht von der Dynamik dieser Leute und deren Universum mitgerissen. Mir geht es jedenfalls so. Nach kurzer Zeit bin ich meilenweit weg von Beziehungsstress und Diskussionen mit dem Verlag oder was auch immer mich gerade beschäftigt. Und by the way: Nicht zuletzt aus diesem Grund gibt es unsern Job ja auch. Es ist eine unserer Aufgaben, den Leuten da draußen dieses Paralleluniversum näherzubringen, um sie für einige Stunden in der Woche von den Alltagssorgen abzulenken. Ein Beitrag an die Volksgesundheit; das darf man so in dieser Deutlichkeit ruhig sagen. Unterschätzen Sie also nie den Wert unseres Tuns. Wenn Sie sich das mal ernsthaft klarmachen, werden Sie die Arbeit sogar als etwas… etwas Befreiendes ansehen können.»
Felix musste plötzlich schmunzeln. Es gelang ihm trotz allem tatsächlich, für einen kurzen Augenblick ein wenig Heiterkeit zu empfinden. Vor seinem geistigen Auge ließ er nämlich ein Rotkehlchen durch das Fenster ins Büro der Lärchinger fliegen und es sich auf deren Hand setzen. Daraufhin begannen beide miteinander um die Wette zu singen und versuchten mit einem schmissigen Liedchen, Felix davon zu überzeugen, dass mit einem Löffel voll Zucker auch die bitterste Medizin herunterrutscht.
«Haben Sie darüber wirklich noch nie tiefgründiger nachgedacht?», fragte die Lärchinger ohne gespielte Verwunderung.
«Was?»
Die Lärchinger riss Felix mit ihrer Frage aus seiner höhnischen Disney-Phantasie. Ihre letzten Sätze hatte er nicht mitbekommen.
«Weshalb es unseren Job gibt. Ob Sie darüber noch nie tiefgründig nachgedacht haben.»
«Keine Ahnung, Chefin… nein… nein, ich glaube nicht. Wozu auch?»
«Haben Sie mir denn gerade eben nicht zugehört, Felix? Unser tägliches Werk hat einen Sinn. Die große Masse der Menschen da draußen ist gewöhnlich und langweilig und lebt ein gewöhnliches, langweiliges Leben. Daher ist es das ganz natürliche Bedürfnis all dieser grauen Schäfchen, am prickelnden Leben ihrer interessanten, besonderen Zeitgenossen teilhaben zu wollen. Und genau deswegen gibt es unseren Job. Wir haben eine Aufgabe. Und zwar eine nicht zu unterschätzende und auch sehr schöne Aufgabe. Wenn Sie das begreifen, gehen Sie auch motiviert an die Arbeit. Deshalb sollen Sie darüber nachdenken, lieber Herr Kollege.»
Jetzt erst wurde Felix bewusst, dass er seit zwei Tagen, als er überstürzt aus der Zahnarztpraxis davongerannt war, die Schmerzen in seinem linken Backenzahn nicht mehr wahrgenommen hatte. Das fiel ihm deshalb auf, weil sie in dieser Sekunde in voller Intensität in seinen Schädel zurückfuhren.
Er musste so schnell wie möglich raus hier.
«Danke, Isabel. Ein wertvoller Ratschlag. Ich werde versuchen, ihn zu beherzigen. Ich mache mich jetzt an die Arbeit. Irgendwie wird es schon gehen.»
«Sind Sie sicher? Meine Türe steht Ihnen jederzeit offen, Felix. Wir können sonst auch mal zusammen essen gehen, um zu reden.»
Nur das nicht!
«Danke, das ist wirklich aufmerksam», sagte er artig. «Aber das wird nicht nötig sein. Ich komme zurecht, ehrlich.»
«Na gut…», sagte die Lärchinger skeptisch. «Aber hören Sie, ich gebe Ihnen heute Nachmittag frei. Tanken Sie ein wenig Energie. Und ab morgen dann: volle Power! Einverstanden? Denn der Mittwoch ist ja schon übermorgen, nicht wahr?»
«Ja, schon klar: Mittwoch. Übermorgen. Kanter und Krohn», sagte Felix, nachdem er aufgestanden war.
Mit all seiner Kraft schloss Felix beim Herausgehen seine Hand um den Türknauf; so fest, dass es ihn gehörig schmerzte. Das war das Maximum dessen, was die Umstände erlaubten. Am liebsten hätte er sich nämlich hemmungslos mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen, so sehr verabscheute er den Verlierer, der er war.
Es wird nie aufhören. Nie! Nie, nie, NIE!
Für einen Augenblick spielte Felix mit dem Gedanken, sich in der Toilette einzuschließen und sich selbst körperlich zu maßregeln, entschied dann aber, dass es der Erbärmlichkeit für heute genug war.
Seine Schreibzelle mit Gerd darin war aber nach wie vor auch kein taugliches Refugium. Etwas orientierungslos blickte Felix zur Kaffeestation hinüber, die sich am anderen Ende der ‹Rockefeller Plaza› befand. Er beschloss, sich erst einmal einen Kaffee zu holen. Die Lärchinger hatte recht: Er hatte diesen Morgen tatsächlich noch nichts zu sich genommen. An feste Nahrung durfte er indes noch nicht mal denken, ohne dass seine Magennerven bedrohliche Warnsignale abgegeben hätten. Aber ein Kaffee erschien ihm zum jetzigen Zeitpunkt genau das Richtige zu sein. Also schleppte er sich zu dem Designer-Sideboard hin, auf dem die formvollendete Nespresso-Maschine stand.
Ja, die Lärchinger meinte es gut mit ihrem Personal. Es mochte vielleicht ein abgegriffenes, nichtsdestotrotz aber zutreffendes Klischee sein, dass Kaffee der Treibstoff der Schreiberlinge war. Und da sollte die Qualität stimmen – meinte die Lärchinger. Deshalb hatte sie sich dafür eingesetzt, dass ihre Belegschaft Kaffee trinken konnte wie George Clooney und eine topmoderne Version einer solchen Kapselmaschine durchs Budget geboxt. Leider hatte das Budget dann zurückgeboxt, als es um die Finanzierung der Kapseln selbst ging. Und darum hing jetzt neben der Kaffeemaschine ein nicht ganz so formvollendeter Plexiglaskasten mit vielen bunten Kapseln, aus denen man für nur einen Euro fünfzig seinen Lieblingskaffee wählen konnte.
Gerade als Felix bei der Kaffeestation angekommen war, trat Rüdiger Wagner aus dem Büro der Fotoredaktion – seinerseits ebenfalls auf dem Weg zur Kaffeemaschine.
«Moin. Gut in die Woche gestartet?», grüßte er Felix in seiner monotonen, behäbigen Sprechweise.
«Weder in die Woche noch in den Monat noch ins Jahr noch ins Leben. Und du?»
«Bis gerade war’s eigentlich ganz okay.» Rüdiger verdrehte seine Augen.
«Schon gut. Vergiss es, vergiss mich, vergiss alles. Ich geb einen Kaffee aus.»
«Ehrlich? Womit habe ich denn das verdient?»
«Du wirst es dir noch verdienen müssen.» Felix zog andeutungsvoll seine Augenbrauen nach oben.
«Wieder mal ein Termin? Lass mich raten: Krohn, ja? Andere Interviewpartner hast du ja nicht.»
«Das stimmt – und ich habe auch keine anderen Freunde als dich, was das Zweittragischste an meinem Leben ist.»
«Und was ist das Tragischste?», fragte Rüdiger spitzbübisch. «Dein Gesicht?»
«Nur indirekt», antwortete Felix gleichgültig. «Ist bloß eine Folgeerscheinung von allem anderen. Eine Folgetragik sozusagen. Weißt du eigentlich, dass du die zwischenmenschliche Sensibilität eines Wikingers hast?»
«Das kann gut sein», räumte Rüdiger aufrichtig ein. «Was ich auf jeden Fall immer noch nicht habe, ist mein Capriccio.»
«Die Oper?», fragte Felix irritiert.
«Nein, den Grand Cru von Nespresso, den du mir versprochen hast, weißt du noch? Die dunkelgrünen Kapseln. Steht ja da sogar angeschrieben.»
«Ach so», quittierte Felix diese Erläuterung verächtlich. «Sag bloß, du kennst all diese verschnörkelten, idiotischen Namen?»
«Nicht alle, nur diejenigen der Sorten, die ich mag.»
«Ja, genau! Als ob da nicht überall derselbe gestampfte Eselsdung drinsteckt. Ist doch alles leicht durchschaubares, billiges Marketing.»
«Das würde ich nicht zu behaupten wagen. Hast du dich denn überhaupt schon mal durch das Sortiment durchdegustiert? Da gibt’s erhebliche Unterschiede.»
«Blödsinn. Ich hatte noch nie was für dieses Coffee-Lifestyle-Blabla übrig.»
«Welche Sorte trinkst du denn? Du hast doch sicher auch eine spezielle Vorliebe.»
«Nein. Ich nehme einfach immer die schwarzen Kapseln. Schwarz gleich Kaffee. What else.»
«Du bist ein Einfaltspinsel.»
«Da widerspreche ich dir nicht mal. Sonst würde ich kaum hier arbeiten. Und damit sind wir auch schon zurück beim Thema. Hast du morgen Zeit für mich?»
«Morgen? Wann morgen?»
«Keine Ahnung, ich habe Krohn noch nicht zurückgerufen. Ich muss die genaue Zeit noch mit ihm absprechen. Aber die alte Goldkopfkrähe will das Interview am Mittwoch in Händen halten, daher kommt faktisch nur morgen in Frage.»
«Also, morgen früh bin ich draußen im Tierpark», sagte Rüdiger nachdenkend. «Aufnahmen für so ´n Bildband. So ab neun Uhr könnt ich aber schon was einrichten.»
«Na, das ist doch hervorragend», freute sich Felix.
Das tat er wirklich, denn was der rüde Umgangston, den die beiden pflegten, nicht auf Anhieb erahnen ließ: Felix schätzte den freischaffenden Fotografen, den er seit seiner Anfangszeit beim HEGRA-Verlag kannte, sehr. Nicht wegen dessen Fähigkeiten als Fotograf – die waren Felix schnurzegal –, nein, es war Rüdigers bodenständiger, gesunder Menschenverstand, den Felix inmitten dieses Panoptikums, das sein ganzes Arbeitsumfeld war, sonst so sehr vermisste. So war es nicht weiter verwunderlich, dass Rüdiger der einzige Arbeitskollege war, mit dem Felix auch privat verkehrte. Und da Felix‘ Privatleben in den letzten Jahren nach und nach zu einem Häufchen Staub zerbröckelt war, war Rüdiger nicht nur der einzige Arbeitskollege, mit dem er außerhalb des beruflichen Alltags Kontakt hatte – sondern mittlerweile der einzige Mensch überhaupt.
Dass Rüdiger gleichzeitig Freund und Kollege war, machte ihn – nicht wirklich zu seinem Wohlgefallen – zum idealen Ventil für Felix, um regelmäßig den berufsbedingt aufgestauten Dampf abzulassen. Deshalb pochte Felix darauf, dass es stets Rüdiger war, der ihn jeweils zu den ihm so unaussprechbar verhassten Interviewterminen oder den noch viel schrecklicheren Homestory-Kasperletheatershows begleitete; auch wenn Fotos sich nicht mal unbedingt aufdrängten. Glücklicherweise hatten sich diese Veranstaltungen in den letzten Jahren dank Felix‘ demonstrativen Arbeitsunwillens auf die fünf bis sechs jährlichen Zusammenkünfte mit Krohn reduziert, wie Rüdiger ja so treffend festgestellt hatte.
Nach einem weiteren freundlichen Austausch von Gemeinheiten verabschiedete sich Felix von Rüdiger und schlurfte endlich doch in sein Büro. Dort tobten – erwartungsgemäß – nach wie vor Gerds Ticks. Akustische Selbstablenkung tat also Not. Außerdem wollte es Felix um jeden Preis verhindern, dass sich Gerd auf ihn stürzen und mit seinen Sorgen überrollen könnte. Daher stürzte sich Felix seinerseits beim Hereinkommen sofort auf sein Telefon, drückte sich den Hörer an den Kopf und wählte Krohns Nummer, die er nach all den Jahren auswendig kannte.
3
Felix wartete bereits während einer halben Stunde in der Lobby des Hamburger Hotels ‹Vier Jahreszeiten›. Doch das machte ihm nichts aus. Ausgesprochen gutgelaunt beobachtete er das Kommen und Gehen der überwiegend gutbetuchten – oder sich zumindest so gebarenden – Gäste. Er hatte damit gerechnet, dass es heute länger dauern könnte, und daher bereits gestern seine Verabredung mit Anna verschoben. Sie hatte sich wie immer verständnisvoll gezeigt, wenn Felix‘ Arbeit ihn mal wieder übermäßig beanspruchte. Und gerade heute stand ein Termin an, der Felix sehr am Herzen lag. Dafür lohnte sich auch das Warten in der Hotellobby – und das Schwitzen. Felix hatte sich an diesem kalten Samstagnachmittag Anfang Februar mit einem Rollkragenpullover vorsorglich warm angezogen, doch die Empfangshalle des ‹Vier Jahreszeiten› war bestens beheizt – obwohl sich hier mehr Pelze tummelten als auf der Schorfheide.
«Mr. Niggli, right?» In seine Gedanken versunken hatte Felix den Anzugträger nicht bemerkt, der gerade an ihn herangetreten war. Er drehte sich um und blickte in das ausdruckslose Gesicht eines Mannes Mitte vierzig.
«Äh, ja… ich meine, yes, that’s me.»
«Nice to meet you, Mr. Niggli», sagte der Mann ohne es zu meinen. «The receptionist was so kind to tell me, where I can find you.»
«Oh, fine. Perfect!», antwortete Felix aufgedreht.
«Yes», gab der andere ungerührt zurück. «We‘re ready now for the interview», fuhr er fort.
«Great! Then let’s go!», entgegnete Felix und schwang sich auf.
Als die beiden aus dem Lift stiegen und den Korridor entlanggingen, erhielt Felix die üblichen Unterweisungen, die er in ähnlicher Art längst von anderen Interviews her kannte: «You’ve got half an hour. Try to make it shorter, if possible, okay? Keep your focus straight on the movie. No personal questions. And specially: No questions about the… hair, okay!?»
Felix nickte alle Auflagen brav ab, obwohl er wenig darauf gab. Er wusste aus Erfahrung, dass die Stars in den Interviews häufig wesentlich gesprächiger sein konnten, als es ihren Managern lieb war. Er hatte es allerdings auch schon andersrum erlebt, aber heute hoffte er auf ein angenehmes, lockeres Interview. An der Zimmertüre angekommen, klopfte Felix‘ Begleiter zweimal an selbige und trat dann sogleich ein. Felix wurde in eine komfortable Suite geführt, die ein Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer und zwei Badezimmer umfasste. In der Mitte des Wohnzimmers standen zwei Couches, die einander gegenüber angeordnet waren, getrennt durch einen Salontisch. Auf der einen Couch saß der US-amerikanisch-kanadische Schauspieler William Shatner, der sich mit einem Lächeln erhob.
«Please meet Mr. Shatner», stellte Felix‘ Begleiter die beiden Männer einander vor.
«Mr. Shatner, ich bin sehr erfreut, Sie kennenlernen zu dürfen», begrüßte Felix den Schauspieler auf Englisch.
«Nennen Sie mich Jim», entgegnete Shatner in seiner Muttersprache.
«Äh… Jim!?»
«Kleiner Witz.» Shatner lachte verschmitzt. «Nein, ehrlich, nennen Sie mich Bill.»
«Bill… es ist mir eine Ehre.»
«Danke. Nehmen Sie Platz.»
«Gerne.» Felix blickte sich kurz in dem Raum um. «Eine kleine Frage vorab…», wandte er sich wieder William Shatner zu, «wir hatten eigentlich ja ein Vierer-Date zusammen mit Ihren Co-Stars verabredet…»
«Ja, ich weiß. Meine beiden Kollegen mussten schon wieder aufbrechen, die sind gar nicht mit nach Hamburg geflogen, was eigentlich ursprünglich so geplant war. Aber ich hoffe, Sie sind nicht allzu enttäuscht, dass Sie nun bloß mit mir vorliebnehmen müssen.»
Shatner setzte sein typisches Grinsen auf; schob mit erstarrten Lippen seine Mundwinkel an den Rand seines Gesichtes.
«Nein, nein. Sie sind immerhin eine Legende: Der Original-Captain der ‹U.S.S. Enterprise›. Zudem dürfte dies hier die letzte Gelegenheit sein, mit Ihnen über diese Rolle zu sprechen. Das macht ein Interview mit Ihnen schon fast historisch.»
«Äh… nun ja…» Das Grinsen auf Shatners Gesicht verschwand.
«Wie auch immer, Bill, legen wir los. Wie war es für Sie, zum letzten Mal in die Sternenflottenuniform zu steigen und das Ruder an die nächste Generation zu übergeben?»
Shatner starrte Felix kritisch an.
«Ehrlich gesagt, längst nicht so schwer, wie Sie sich das vielleicht ausgemalt haben», antwortete er schließlich mit einem leicht säuerlichen Unterton. «Sehen Sie, nach beinahe dreißig Jahren hat man einer Rolle irgendwann nichts mehr hinzuzufügen. Und so oder so ist es letztlich nur eine Rolle. Eine von vielen, die ich in meiner langen Karriere gespielt habe. Die Bedeutung, die Captain Kirk und ‹Star Trek› für mich haben, geht nicht über die eines normalen Jobs hinaus. Ich gehe morgens zur Arbeit und komme abends heim – wie ein Metzger oder ein Klempner oder was auch immer. Ich bin mir der Tatsache zwar durchaus bewusst, dass es da draußen einen Haufen von fanatischen Verrückten gibt, die sich in billigen Uniform-Replikas aus Polyester ‹Made in Taiwan› mit einer Ladung Junk-Food vor den Fernseher hocken und sich die ganze Nacht dreißigjährige ‹Star Trek›-Episoden reinziehen. Ich wiederhole aber, was ich an dieser Stelle immer sage: Get a live!»
«Ach?», quittierte Felix dieses Statement fragend. «Nur ein normaler Job, sagen Sie? Wie kommt es denn, dass Sie in einem anderen Interview gesagt haben, dass die schwerste Dialogzeile in Ihrer bisherigen Laufbahn die gewesen sein soll, die Sie im Film an Patrick Stewart, den ‹neuen› Captain der ‹Enterprise› richten: ‹Wer bin ich, dass ich mich mit dem Captain der ‹Enterprise› streite›. Das hört sich für mich aber nicht ganz so gleichgültig an. Offenbar schwingt der Metzger sein Hackebeil doch leidenschaftlicher, als er es zugeben möchte?»
«Was ist es, das Sie von mir hören möchten?», fragte Shatner gereizt zurück. «Dass ich aus lauter Verzweiflung völlig abgestürzt und zum hoffnungslosen Alkoholiker geworden bin?»
«Sind Sie?»
«Zur Hölle, nein!»
«Dann ist für Sie das Thema ‹Star Trek› demnach abgeschlossen?»
«Absolut. Zum Glück gibt es in meinem Leben noch sehr viel mehr Dinge als eine Fernsehserie.»
«Und warum ist dann für Juni dieses Jahres ein Roman aus Ihrer Feder angekündigt, in dem Sie die Geschichte von Captain Kirk weitererzählen? Es heißt, Sie lassen ihn von den Toten auferstehen. Schreibt eigentlich Leonard Nimoy auch Romane über Spock? Oder DeForrest Kelley über Dr. McCoy?»
«Sie sind ein ganz schrecklicher Mensch, wissen Sie das?» Shatners Augenlider hatten sich inzwischen zu zwei schmalen Schlitzen zusammengezogen. Sein Manager, der Mann, der Felix vorher abgeholt und in einer Ecke der Suite Platz genommen hatte, stand auf um seinem Chef zu Hilfe zu kommen. Shatner hielt ihn aber mit einer Handbewegung zurück. Widerwillig nahm der Manager wieder Platz. Felix gab sich Mühe, sein triumphierendes Lächeln sich nicht zu deutlich auf seinem Gesicht abzeichnen zu lassen.
«Wissen Sie, für wen ich das tue?», fragte Shatner nach einem Moment des Innehaltens.
Für die Betty-Ford-Klinik, damit Sie dort Ihre Schulden abbezahlen können?, lag es Felix auf der Zunge. Er konnte sich aber gerade noch beherrschen und blickte sein Gegenüber stattdessen nur erwartungsvoll an.
«Für meine Fans mache ich das!», posaunte Shatner mit pathetischem Timbre.
«So?», sagte Felix erstaunt. «Ich dachte, das sei eh nur ein Haufen von Verrückten, die sich ein Leben zulegen sollen? Das klang nicht so, als würden Sie sehr viel auf Trekkies geben. Was mich ehrlich gesagt sehr erstaunt, da das die einzigen Menschen sind, die überhaupt wissen dürften, wer William Shatner…»
«Ach, Sie haben ja keine Ahnung», fiel ihm Shatner wütend ins Wort. «Ich habe so viel anderes neben ‹Star Trek› gemacht, das heute noch vielen Menschen in guter Erinnerung ist…»
«Sie spielen sicher auf die Polizei-Serie ‹T.J. Hooker› aus den Achtzigern an…», unterbrach ihn Felix.
«Eine tiefsinnige Rolle und Serie, die leider nicht weiterentwickelt worden ist», erklärte Shatner stolz.
«Oh bitte!» Felix hätte beinahe laut losgeprustet. «Tiefsinnig? Das Einzige, was diese Show zu bieten hatte, war Heather Locklear in Uniform und gelegentlich im engen Gymnastikdress sowie allenfalls noch der unfreiwillige Humor. Aber Tiefsinnigkeit? Reden wir von den herausgeschnitten Szenen, oder was?»
«Entschuldigen Sie, mein Herr, aber dürfte ich vielleicht bei Ihnen auch einkassieren? In wenigen Minuten ist nämlich meine Schicht zu Ende.» Felix brauchte einige Sekunden, bis die Worte der jungen Frau zu ihm durchgedrungen waren.
«Was?», fragte er, noch immer abwesend, zurück.
«Ob ich einkassieren kann. Sie können gerne sitzen bleiben und nachher bei meiner Kollegin bestellen. Aber meine Schicht ist jetzt zu Ende.»
«Oh… selbstverständlich. Was macht das?»
«Sieben Euro vierzig, bitte.»
Felix bezahlte, blieb aber noch sitzen. Er hatte weder die Absicht noch die Motivation sich zu erheben. Er richtete seinen Blick wieder aus den Fenstern des Alsterpavillons, in dem er saß, über Hamburgs Binnenalster hinweg in Richtung des Hotels ‹Vier Jahreszeiten›.
