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Kitabı oku: «Das Schweigen der Prärie», sayfa 7

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VII

Am Abend darauf kamen die Stadtfahrer mit vielen Merkwürdigkeiten heim und wußten die seltsamsten Neuigkeiten zu berichten.

Der Hans Olsen, der für den Per Hansen Waren im Werte von 15 Dollar in bar erhandelt und überdies einen Pflug und eine Egge gegen Bürgschaftsleistung ertrotzt hatte, fuhr zuerst dort vor und lud ab. Nein, die Menge Tüten und Pakete und Säcke und Kruken! Und die Egge so schmuck rot und blau und grün bemalt! Und wie stattlich sie sich auf der Hofreite ausnahm! Ihr Sitz schwebte hoch oben in der Luft, — der sah aus wie ein Thronsessel! Der Große-Hans mußte auch sogleich hinauf und den ausprobieren!

Bei Tönset‘ns stand eine Mähmaschine, die Gras wie auch Weizen mähen konnte; und auch deren Sitz schwebte hoch oben in der Luft!

Beim Hans Olsen war an dem Abend festliche Zusammenkunft. Tönset‘n und der Per Hansen waren als erste zur Stelle. Da gab es viel zu bereden und zu bereinigen. Das geliehene Geld war zurückzuzahlen; und das war keine einfache Sache; denn bald war diese Maßeinheit, bald jene zur Anwendung gelangt. Alle hatten sie gegenseitig Schulden — es wurde zugeteilt und zurückgegeben. Der Hans Olsen, der noch am ehesten aus dem Vollen wirtschaften konnte, war jetzt geradezu Besitzer eines Warenlagers.

Der Per Hansen kümmerte sich im Augenblick weniger um die Waren; er war wissensdurstig und wollte vor allem Bescheid über alle Widerwärtigkeiten unterwegs und in der Stadt. Hatten sie viele Leut gesehen? — Wonach hatten die gefragt? — Hatten sie Westfahrer getroffen? — Wie standen die Aussichten? — — Und sei der, mit dem sie gehandelt und der ihm den Pflug und die Egge auf Borg anvertraut hatte, ein anständiger Bursch? Ob wohl ein ehrliches und treuherziges Gesicht noch mehr auf Borg bekäme — denn er brauche noch viele Herrgottsdinge!

Der Hans Olsen wußte zu berichten, daß der Mann zwar einen ganz guten Eindruck mache, aber Engländer sei, so daß man nicht mit ihm reden könne, — und das, fand der Per Hansen, sei eine schlimme Neuigkeit. »Teuer ist er, meiner Treu, auch, aber was soll man hier draußen anders erwarten?« Daß der mit mehr herausrücke, glaubte der Hans Olsen kaum! Zuerst habe der Mann rundweg alles Borgen abgeschlagen. Aber dann habe der Syvert so lange und so verständig verhandelt, daß der Mann schließlich nachgegeben hatte unter der Bedingung, daß sie sich beide für Pflug und Egge unterschrieben. Übrigens hätten sie da auch schon so viel gekauft gehabt, daß er schon um deswillen nicht gar zu querköpfig hätte sein können.

Trotz all des Erlebten schien es den Stadtfahrern doch, daß die Daheimgebliebenen das Merkwürdigste zu erzählen wußten. Hatte der Per Hansen nicht einen Indianerhäuptling, der schon so gut wie krepiert gewesen, wieder zum Leben erweckt ? So und nicht anders hatte die Kjersti ihrem Manne unverzüglich berichtet.

»Ja,« meinte der Hans Olsen in stiller Bewunderung, »das ist so eigen mit dir, Per Hansen; ob du nun stehst oder gehst, so handelst du richtig und stellst deinen Mann! Ich hatte große Lust, dich auf diese Fahrt mitzunehmen, und wir hätten uns auch so einrichten können — haben es am Abend vorher hin und her überlegt, ich und der Syvert; aber — dann fühlten wir beide, daß wir unbesorgter fahren könnten, wenn du daheimbliebst. — Muß wohl eine Fügung gewesen sein!«

Und Tönset‘n nickte zu dem allen ja und amen.

Der Per Hansen begegnete der Anerkennung mit großer Bescheidenheit; er holte tief Atem, um etwas zu sagen, fand nicht gleich die rechten Worte und mußte noch einmal ansetzen.

»— O ja, — ja ja! Davon wollen wir nicht mehr reden. Übrigens tat ich auch nicht weiter was Besonderes. — Aber gern will ich eingestehen, daß, als ich den Ole nach der Langen Marie schickte, ich gerade nur noch den allernötigsten Mut in mir hatte. — Da kamen sie, dreißig Mann hoch, und hier stand ich mit drei aufsässigen Weibsleuten allein, — das war nicht gerad einfach!«

»Will‘s gern glauben!« lachte der Hans Olsen. »Ein Wunder, daß du nicht von dem ganzen Kram weggelaufen bist!«

»Ja, aber wo hätt‘ ich denn hinsollen? Und die hatten zudem Pferde. — Aber das dacht‘ ich bei mir, daß, wärest du, Hans Olsen, so nahe gewesen, daß ich dich hätte zurückrufen können — ja und dich ebenso, Syvert, — ich hätt‘ gern mehr als die eine Hand dafür gegeben!« —

Bald kamen auch die beiden Solumbuben, und jetzt waren alle beisammen. —

Als es schließlich auch an diesem Abend einmal heimwärts ging, fand die Kjersti, daß der Syvert sich doch gar so sonderbar vorwärts bewege. Wie sie auch ihren Schritt einzurichten suchte, er lief entweder voraus oder zackelte hinterher, und geschah das, so überholte er sie mit einem solchen Schwung, daß er sich eben noch auf den Beinen hielt. Und dann stand er still! Stand! Und immerfort brummelte er dazu vor sich hin.

»Kannst du mir sagen, was du da in einem hin schwätzest und schwaderst, Syvertmann? Gehst du etwa im Schlaf inmitten der Prärie?«

»Ja, wenn ich das wissen tät!« seufzte er tief. »Hab‘ so was noch nicht erlebt. Mir ist — so — so schwindlig in den Füßen!« Und er segelte kopfüber davon wie ein vollgetakeltes Boot über einen mächtigen Wogenkamm. — »Ich meine fast — ja, ich mein‘ bestimmt, das ist der — der — der Schnaps von der Sörrina!«

»Oh, ist es nichts Schlimmeres, dann geht‘s wohl auch vorüber!« tröstete die Kjersti.

VIII

Zwei Tage später traf das große Mißgeschick ein. Und nach Art rechter Mißgeschicke überkam es sie mitten im schönsten Wohlergehen, als niemand Unheil ahnte.

Es war um die Vesperzeit. Der Hans Olsen war beim Heuen; die neue Maschine klirrte und dröhnte über die Prärie, schnitt das Gras so fein und so dicht überm Boden, daß es eine Wonne war zuzuschauen. Ja, das war freilich etwas anderes, als mit einer Sichel auf Felsgrund zu hämmern! — Alle Mannsleut waren beim Start zugegen gewesen; und der Per Hansen war mit dem festen Entschluß heimgegangen, sich zum Winter mindestens noch eine Kuh zu beschaffen, und sollte er sie stehlen müssen. —

Der Per Hansen legte heute die letzte Hand ans Dach. Die Buben halfen; auch die Beret machte sich ab und zu dabei nützlich. Der Vater plauderte mit den Buben und sie mit ihm; bisweilen schwätzten sie so laut und lachten so ausgelassen, daß das Gössel durchaus zu ihnen aufs Dach hinaufkrabbeln wollte. Etwas weiter weg war der Pony angepflöckt; der war bald so zahm, daß sie ihn frei laufen lassen konnten; denn die Buben verhätschelten ihn, wann und wo sie nur konnten!

Tönset‘n brach Neuland auf und ließ sich vom Sam dabei helfen. Der Syvert schaffte jetzt an seinem Acker, daß es verschlug, das sah der Per Hansen wohl. Abwarten, Vater Syvert! — Aber nein, heute mochte er sich nicht sputen. Ab und zu rief er der Beret hinunter, sie müsse einmal schauen, ob es auch dicht werde. Darauf war er zu seiner Kurzweil gekommen; es war halt so lustig, ihre Stimme aus der Stube herauf zu hören; sie sprach stets so leise; aber sollten sie überm Dach etwas verstehen, mußte sie tüchtig laut sprechen! — Es schien ihr jetzt hier draußen schon besser zu gefallen.

Der Henry Solum grub beim Bach einen Brunnen.

Ein jeder war bei seiner Arbeit; die Freude an rüstigem Tun regte sich in der kleinen Siedlung. —

Und dann war es da, — plötzlich!

Die Kjersti entdeckte es. Zur Vesper war sie mit einem Schluck Kaffee und einem Bissen draußen bei den Männern gewesen — seit der Städtereise waren sie mit allem reichlich versehen. Als sie wieder in die Hütte wollte, fiel ihr ein, daß sie Tüpfel, die Kuh, beim Heimkommen weder drüben noch beim Hause gesehen. Die Kuh war doch wohl da? — Sie ging ein Stück und sah sich um. Und sie strengte die Augen an, daß sie tränten, und das Herz pochte; aber die Kuh war auf der ganzen weiten Prärie nicht zu erblicken. Auch von den andern Kühen nicht eine!

Schnurstracks lief sie zur Sörine und rief, in die Hütte stürmend:

»Kannst du mir sagen, wo deine Kuh ist?«

»Kuh?« Mehr vermochte die Sörine beim Anblick des aufgeregten Gesichtes vor ihr nicht vorzubringen.

»Das ist akkurat, was ich dich frage, Sörrina! — Nein, o nein!«

»Du schreckst mir die Seele aus dem Leib! Die Kuh ist doch wohl, wo sie immer ist?«

Beide Frauen eilten vor die Tür.

Und richtig: weit und breit keine Kuh!

»Durchgebrannt sind sie!« kam es verzweifelt von der Kjersti.

»Aber sie sind doch nicht stracks in den Boden gesunken, soviel ich weiß!«

»Wo sind sie aber dann!« jammerte die Kjersti.

»Wir müssen sogleich die Männer benachrichtigen.« Entschlossen rannte die Sörine zu ihrem Mann aufs Feld.

Der Hans Olsen hielt die Pferde an, als er die beiden Frauen hintereinander angelaufen kommen sah.

»Die Rinder? Pö, ist das alles?« Nein, von denen habe er nichts gesehen; die seien gewiß nicht weit weg. — Er saß so hochgemut auf der neuen Maschine, die so prächtig ging, daß er auch nicht daran dachte, sich schrecken zu lassen. »Ist doch arg, wie stutzig die Weiber sind! Du lieber Himmel — die Rinder kommen schon zur Melkzeit ans Tageslicht!«

»Wir müssen sogleich auf die Suche!« Die Sörine sagte das so bestimmt, daß auch er sich bequemen mußte, Umschau zu halten. — — Nirgends ein Vieh zu sehen! Jetzt wurde es auch ihm bedenklich; er stieg herunter, spannte aus, warf sich auf das eine der beiden Pferde und ritt den Hügel hinauf. »Wir müssen auch den Per Hansen benachrichtigen!« entschied die Sörine. Sie war jetzt ärgerlich und ängstlich zugleich.

Auch bei dem Per Hansen hatte sich bisher niemand um die Kühe gekümmert; jeden Tag waren sie sich selbst überlassen gewesen, immer in Sichtweite geblieben, und, wenn es Abend wurde, pünktlich zum Melken heimgekommen.

Der Per Hansen ließ sich ebensowenig aus dem Gleichgewicht bringen: die Rinder taten sich gewiß irgendwo am Bache gütlich und kamen zur Melkzeit schon herauf.

Jetzt aber kam der Hans Olsen geritten und berichtete ernstlich beunruhigt, daß auf der ganzen weiten Prärie nichts Lebendiges zu erblicken sei.

Da kamen auch dem Per Hansen Bedenken; er und die Buben kletterten vom Dach herunter.

»Nimm den Pony, du Ola, und reit‘ an den Bach; erst aufwärts, dann abwärts. Siehst du unterwegs nichts, mußt du Tönset‘n und die Solumbuben benachrichtigen.«

Der Per Hansen blieb einstweilen bei der Meinung, die Kühe kämen zu ihrer Zeit zurück. Es schien heute früh Abend zu werden; waren die Kühe bis dahin nicht sichtbar, mußten die Männer zusammenkommen und beraten; die Biester waren doch wohl nicht vom Erdboden verschlungen.

IX

Der Abend zog herauf. Vor jeder Gamme hielt man Ausschau. Keine Kuh zeigte sich. Die Beunruhigung wuchs und das Grauen, jener schwarze, schleichende Schatten, der sich über alles legt, wo Leben auf unerklärliche Weise verschwindet. Der Südwest blies; Wolkenbänke zogen regnend herauf; sie hingen so tief, daß sich das Gras in der Ferne, wo sich die Ebene unter sie schmiegte, zu beugen schien.

Drückende Unheilstimmung störte das Nachtmahl in jeder der Hütten. Beim Per Hansen weinte das Gössel herzzerbrechend, weil es Buntscheck, als die Mutter sie das letztemal molk, nicht mehr gestreichelt hatte. Es hatte beim Abendbrotrichten sogleich gefragt, ob denn die Mutter heut abend nicht melke, und da hatte die nicht das Herz gehabt, ihm die Wahrheit zu erzählen, sondern gesagt, sie habe bereits gemolken. Das Kind hatte ein Gefühl, als sei es um ein Anrecht betrogen, hatte angefangen zu heulen und sofort zu Buntscheck gewollt. Die Mutter tröstete: Buntscheck sei gleich nach dem Melken fortgereist und komme erst morgen zurück. Jetzt schluchzte das Gössel am Halse der Mutter und forderte von ihr das Versprechen, nie wieder die Kuh ohne es zu melken. Der Große-Hans hörte zu und legte den Löffel weg, — stand leise auf, schlich sich gesenkten Auges hinaus hinter die Hütte. Nein, er konnte nicht weiter essen! Buntscheck, die er so oft umhalst und geherzt hatte, Buntscheck war weg!

Der Ole, der sich für fast erwachsen hielt, schluckte zwar noch immer Mus und Milch mit möglichst gleichgültiger Miene. Er sah dem Bruder nach, als der hinausging, und meinte großartig, die Kühe sollten etwas besehen, wenn er sie erst zu fassen kriegte! Eine ordentliche Tracht aufs Hinterteil, daß sie den Schabernack nicht wiederholten! Der Vater warf dem Buben ein paar Blicke zu, daß der ganz klein wurde, plötzlich auch satt war und den Löffel weglegte. Draußen glaubte er zu hören, wo der Bruder war; er kletterte aber aufs Dach und kauerte sich hin. —

Man versammelte sich auf dem Hügel beim Per Hansen. Zuletzt kamen der Per Hansen selbst, die Beret und das Kind, die ja den kürzesten Weg hatten; der Ole trödelte hinterdrein, der Große-Hans ließ sich nicht blicken.

Der Abend senkte sich über die Ebene. Im Süden, wo sich die Wolken zusammenschoben, zog die Nacht herauf. Lebendiges war nicht zu sehen, kein anderer Laut zu hören als der sausende Wind unter dem lastenden Himmel. — — Der Abend trug den Menschen Erinnerungen zu, — Erinnerungen an Geschichten, die sie vor langen, langen Zeiten in einem fernen, fernen Lande hatten erzählen hören. Da sollte es nicht gar so unerhört gewesen sein, daß Mensch und Vieh durch Trollzauber verschwand. — Ja! Es hauste wohl so mancherlei Seltsamkeit zwischen Himmel und Erde, wenn man‘s bedachte! — Daß sich derlei jedoch auf der flachen Prärie begab, wo nicht einmal eine Felswand oder ein Waldhügel zu finden war, die sich hätten plötzlich auftun und verschlingen können, ja, das war und blieb unerklärlich! —

Stumm dachten sie alle die gleichen Gedanken. — Kühl wehte der Wind, zupfte hie und da ein paar Regentropfen von den Wolkenbänken.

Der Sam begann auf und ab zu schreiten. »Ich glaube nun,« sagte er, »daß wieder einmal der Indian die Hand dabei im Spiele hat.« Er lenkte mit diesen Worten aller Blicke auf sich. »Wir haben ja doch mit eignen Augen gesehen, wie teufelswild die Kühe wurden, als an jenem Abend der Indian kam; und das hat er wohl auch selbst gesehen und ist hier gewesen und hat sie mitgelockt. — Da also müssen wir suchen, Mannsleut!« Der Sam sprach mit Nachdruck und einer gewissen Entschiedenheit; er hatte das Rätsel gelöst, war sich dessen bewußt und fühlte überlegene Ruhe.

Seine Mutmaßung schlug sogleich an, sie bot doch zum mindesten eine Erklärung; die Frauen fanden sie durchaus einleuchtend: daß sie auch gar nicht von selber darauf gekommen waren! — Der Hans Olsen und Tönset‘n grübelten noch eine Weile darüber nach —, äußerten sich aber vorläufig nicht. Wohl hatte die Erklärung das Grauen zerstreut, überlegten sie aber recht, so war der Trost, daß die Indianer die Kühe an sich gelockt, nicht gerade viel wert; denn wo war der Indian jetzt, und wie sollten sie ihm das Vieh wieder abnehmen ? Hatte er es genommen, dann war er auch entschlossen, es zu behalten.

Da ging Tönset‘n schnurstracks auf den Per Hansen los und sagte schnell und entschieden: »Potztausend, Per Hansen, verhält sich das wirklich so, dann mußt du, der du so gut Freund mit den Indians bist, morgen in aller Frühe hinter den Biestern her, — unsere Kühe müssen wir wiederhaben!«

»Ja, meiner Treu,« unterstützte ihn die Kjersti; »wie sollten wir wohl unser Leben fristen, wenn uns der Tropfen Milch fehlen tät? — Brich du nur sogleich auf!«

Der Per Hansen hatte bisher schweigend ins Weite gesehen. Bei Kjerstis Bemerkung war es, als habe ihn plötzlich etwas gestochen, er federte in die Luft wie ein Ball: »Das wäre gerad eine passende Aufgabe für dich, Syvert, und den Sam! — Komm, Alte, jetzt gehn wir heim und legen uns.«

Damit ging er, und alle sahen, jetzt war der Per Hansen zornig.

X

An dem Abend kehrte die Ruhe erst spät in Per Hansens Hütte ein; die Spannung wollte nicht weichen.

Der Große-Hans war nicht mit auf dem Hügel gewesen; aber der Ole hatte ihn, als er nach Hause kam, hinter der Hütte gesucht und erzählt, was der Sam gesagt und auch er selber meine, nämlich, daß der Indian bestimmt die Kühe geraubt habe! Und damit hatte er sich hinein und ins Bett begeben.

Der Vater und die Mutter waren bereits beim Auskleiden; der andre Bub kam immer noch nicht. Die Mutter ging ihn draußen suchen, rief seinen Namen und ging um die Gamme herum. Es war jetzt fast dunkel. Sie bekam Antwort vom Dachfirst; da oben saß der Bub und starrte in die Nacht. Sie mußte ihn erst hart anlassen und mit dem Vater drohen, ehe er schließlich heruntergerutscht kam, hineinschlich, sich die Kleider abstreifte und ins Bett kroch.

Als der Vater und die Mutter soeben am Einschlafen waren, kam ein entsetzliches Aufschluchzen aus dem Bett des Buben; darauf Stille, lautlose Stille; dann wieder ein riesenhaftes Schluchzen. — Die Mutter fragte hinüber, ob ihm denn schlecht sei? Und jetzt brach es erst richtig los. Er warf sich und krümmte sich und heulte, daß ihm der Atem verging. Die Mutter suchte ihn mit lieben Worten zu beruhigen, und das Unwetter im Dunkel schien sich besänftigen zu wollen. Aber da kam ein Kreischen, wie wenn ein Blasebalg sich mit Wind füllt, dann ein tränenersticktes Jammern: »Bunt-scheck! — Bu-hunt-scheck!«

»Nein, bleib du liegen, Beret! Ich stehe auf und nehme das Büblein!« Und der Per Hansen zog sich bereits die Hosen über; er wisperte, daß er kaum zu verstehen war.

»Komm einmal her, mein Hansel; will dir etwas erzählen!« Er hob den Buben auf, nahm eine Jacke von der Wand, wickelte ihn darin ein, und dann ging er mit ihm hinaus. Auf den Holzstoß, den sie vom Sioux River heimgefahren, setzte er sich mit ihm hin. Und da fingen sie dann an zu plaudern; zunächst der Vater allein; aber allmählich begann zwischen den Schluchzern auch der Große-Hans etwas einzuflechten. Der Wind blies ihnen die Regentropfen gerade ins Gesicht, fragte, ob sie toll seien, hier um diese Zeit des Tages zu sitzen, und vermochte doch nicht, sich ihre Beachtung zu erzwingen.

Des Vaters liebes, gemütliches Plaudern linderte des Großen-Hans Kummer.

»Ist auch gar zu verkehrt, daß wir nicht zwei Ponys haben! Sonst hättest du morgen mit mir nach den Kühen reiten müssen!«

Wußte denn der Vater, wo sie seien, kam es zwischen zwei Schluchzern.

»Aber freilich, das kannst du dir doch denken!«

Diese Versicherung veranlaßte den Großen-Hans, sich auf des Vaters Schoß zusammenzukuscheln und sich einem zuversichtlichen Behagen hinzugeben, das überaus guttat.

Hatte der Indian sie geholt?

»Aber bewahre, nein! — das waren redliche Indians, sag‘ ich dir! — Ja, das hast du doch selber gesehen?«

»Aber wo sind denn die Küh‘?«

»Oh, die sind nur so weit vom Hof weggezackelt, daß sie nicht mehr haben heim kommen können. — Morgen in der Frühe reite ich nach ihnen.«

Nach dieser Zusicherung entstand eine lange Pause; der Große-Hans fühlte sich unerhört wohl und geborgen, das Schluchzen versiegte.

»Die Indians skalpieren keine Kühe, oder doch ?«

»Aber nein! Solche Barbaren sind die doch nicht!«

»Das sind auch bloß Menschen?«

»Gewiß, das sind auch bloß Menschen, siehst du!«

»Kühe wären auch nichts für Krieger!«

»Nein, das ist sicher und gewiß!—Noch dazu für Häuptlinge!«

Es war schon spät geworden; der Regen fiel noch immer. Der Vater meinte, jetzt müßten sie zusehen, ins Bett zu kommen. Aber dem Großen-Hans schien es gar zu gut zu gefallen.

»Reitest du zeitig morgen früh?«

»Ja, das werd‘ ich wohl.«

»Bleibst du lange?«

»Das hängt davon ab, wie weit weg ich muß.«

»Und es ist auch gar nicht gefährlich, wenn der Indian zurückkommt, während du weg bist, — ich kann doch mit ihm reden!«

»Und ob du das kannst! Nein, solange ich dich daheim weiß, hat es keine Gefahr!«

Der Per Hansen trug den Buben ins Bett.

Und jetzt war der Große-Hans gleich eingeschlafen. Aber mitten in der Nacht setzte er sich im Bette auf: »Jetzt komme ich, Buntscheck,« rief er, ringelte sich darauf auf dem Kissen zusammen und schlief weiter.

XI

Kaum dämmerte der Tag, da schürte der Per Hansen schon das Feuer im Herd und setzte den Kaffeekessel über. Die Frau war wach. Er hieß sie liegenbleiben; sie stand jedoch schweigend auf, zog sich an und richtete das Essen für ihn. Ein Lämpchen brannte; das Tageslicht war noch zu schwach.

Er saß am Tisch, hatte zu essen begonnen; der Kaffee sollte auch gleich fertig sein; die Frau bereitete ihn am Herd. In ihrem Wesen lag Entschiedenheit; er fühlte es trotz ihres Schweigens.

Die Beret hatte die Nacht durchwacht und dies Bild vor den weitoffenen Augen nicht schwinden sehen: Unendliche grünblaue Stille ohne Zuflucht oder Versteck, flach, gedehnt und stumm. — Ein paar Kühe weideten auf ihr, — jawohl, ein paar Kühe, leibhaftig — und im nächsten Nu waren sie verschwunden!

Es hatte sie aus diesem Bild etwas Unheimliches angeweht. Sie hatte sich mit Befürchtungen und Ängsten gequält und damit ihr Entsetzen nur noch gesteigert — — und jetzt wollte er aufbrechen und Gott weiß wie lange wegbleiben, ohne daß sie wußte, wo er sich aufhielt! — — Gewiß war es der Indian gewesen; denn wer sollte es sonst gewesen sein? — Und er, der Per, stets so schnell zupackend und furchtlos und gleich mit ganzer Seele dabei!— — Der Schweiß brach ihr aus vor Angst um ihn. —

Und das wurde ihr klar: hier draußen war für Menschen kein Bleiben. — Jetzt war sie schon über sechs Wochen hier und sah nur die Gesichter der paar Menschen, die zu ihrer Schar gehörten. Tagereisenweit keine Hütte! — — Kam wirklich einmal jemand vorbei, so waren es Wilde, vor denen man sich fürchten mußte! — — Den Lebensbedarf mußte man sich vier Tage weit heranschaffen und dazu eine Ausrüstung vorbereiten wie zu einer Lofotfahrt.— — Und wenn plötzlich etwas zustieß, — ja, was würde dann geschehen?

Nein, hier war nicht Bleibens für Menschen. — Wenn die Kinder hier aufwuchsen, mußten sie dann nicht werden wie die roten Kinder der Öde, — oder gar noch schlimmer? — — Hier waren ja keine andern, sahen sie keine andern, kamen niemals andere vorbei! Niemals würde es hier anders werden!

Vielleicht war es eine Fügung gewesen, daß die Kühe verschwanden? Auch die andern mußten dann doch einsehen, daß Menschen hier nicht hausen konnten. — Vielleicht sah auch er es ein? — — Sie wußte nicht, ob sie geschlafen hatte, als der Mann sich zu regen begann. Ihr letzter Gedanke aus der durchwachten Nacht fiel ihr ein, und sie entsetzte sich davor, jetzt, wo das Lämplein in der Stube brannte. Nachts war es ihr als Glücksfall erschienen, wenn die Kühe unauffindbar blieben; jetzt erfüllte es sie mit Schrecken.

»Du ziehst doch nicht etwa allein davon?« fragte sie vom Herde her.

Er hatte ihr noch nichts von seinem Vorhaben gesagt.

»Werd‘ halt zusehen.«

»Bleibst du lange?«

»Oh, schau lieber erst nach mir aus, wenn ich komme. — Ich bleibe vielleicht über Nacht.«

Sie schenkte ihm jetzt schweigend den Kaffee ein.

»Wo reitest du hin?« fragte sie dann.

»Das weiß ich noch nicht akkurat genau; — es geht wohl nach Osten.«

»Ich finde es weder recht noch billig, — jetzt sag‘ ich‘s gerad heraus!« Sie ging mit dem Kessel wieder zum Herd. »Nein, es ist weder recht noch billig,« wiederholte sie noch nachdrücklicher.

Etwas in ihrer Stimme hakte sich in ihm fest. »Nein, nein,« sagte er kleinlaut; »aber wir können wohl nicht umhin, die Kuh wieder herzuschaffen.«

»Das müssen doch auch die andern. — Können die sich behelfen, geht es auch an für uns!« kam es erregt.

»Du weißt ja aber doch, Beret,« suchte er versöhnlich darzutun, »daß wir unbedingt nach dem Vieh suchen müssen. — Der Hans Olsen ist jetzt nicht abkömmlich wegen der Mahd; — und den andern traue ich eben nicht gar soviel zu, — hier ist nicht unter vielen zu wählen.«

»Scheint es denn dir recht,« fuhr sie auf, »daß ich mit den Kindern allein bin? Du fährst ins Weite hinaus, ich weiß nicht, bleibst du einen Tag oder eine Woche! — Warum können denn nicht der Sam und der Henry reiten? Auf die wartet niemand daheim!« Sie sah nicht auf; in ihren Worten lag aufgedämmte Leidenschaft.

Nein, jetzt war sie unbillig, fand der Per Hansen; aber sie verstand es wohl nicht besser! »Schau, ich meine halt, es ist zu keines Nutz und Frommen, wenn jene Burschen reiten.«

»Dann muß Tönset‘n heran.«

Jetzt weinte sie, hörte er.

»Ja, der, gewiß — dann kämen die Kühe bestimmt zum Vorschein!« sagte er, und auch ihm war das Weinen nahe.

Sie stand jetzt am Fenster und sah schweigend in einen grauen Tag hinaus.

Der Per Hansen trank eilig den Kaffee, stülpte sich den Hut auf, ging zur Tür, öffnete und trat hinaus. — Er blieb stehen: Durfte er die Beret so zurücklassen? — Er konnte doch gar nicht begreifen, was seit kurzem über sie gekommen war. Sie hatte einen klareren Verstand als irgendein Mensch, den er kannte, und dann redete sie einsichtsloser daher als ein schlechterzogenes Kind? Was war bloß über sie gekommen, seit sie hier draußen waren? — — Nein, er durfte sie gewiß nicht so zurücklassen?

Aber er ging doch zum Holzstoß, nahm Sattel und Zügel und zäumte das Pferd, — zauderte dann wieder.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
470 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain