Kitabı oku: «Handeln mit Dichtung», sayfa 12
Terry Gunnell zeigte für Handschriften der Lieder-Edda, dass Marginalzeichen auch als eine Art Regieanweisungen für ein Nachspielen der Dialoge verstanden werden können.18 Für einen schriftlich konzipierten Schultext wie Gylf in U lässt sich eine solche re-performance jedoch höchstens im Kontext der Schulstube und nicht in einem kultischen Zusammenhang vorstellen. Als eine Art materielle Performativität lassen sie sich aber durchaus beschreiben. Es sind visuelle Zeichen und Hervorhebungen bestimmter mündlicher Äusserungen bzw. deren Übertragungen in die Schriftlichkeit.
Dass diese Hervorhebungen auch inhaltlich und nicht nur formal bedeutsam sind, zeigt unter anderen Judy Quinn. Sie stellt fest, dass die mythologischen Wesen in Gylf jeweils in Versform, genauer in ljóðaháttr sprechen.19 Ihre Zitate werden als direkte Rede genutzt und eingeleitet durch Formeln wie: „Óðinn sjálfr mælti við þann ás er Loki er nefndr“20 (Óðinn selbst sprach mit dem Asen, der Loki genannt ist) oder „en er Njǫrðr kom aptr til Nóatúna af fjallinu, þá kvað hann þetta“21 (und als Njǫrðr nach Nóatún von den Bergen zurück kam, da sagte er dies). Bereits im Prolog wird gesagt (wenn auch nur implizit), dass die Asen ihre herausragende Sprache in den Norden bringen. Die textuelle Gestaltung von Gylfaginning bildet diese Angabe konsequent ab.
Werden die Zitate unpersönlichen Quellen zugeordnet, so folgen Strophen in fornyrðislag und mit einleitenden Formeln wie: „Svá segir í Vǫluspá“22 (So heisst es in Vǫluspá) oder auch ohne Nennung der Quelle: „sem hér segir“23 (wie es hier heisst). Wie auch die Zitate für die direkten Reden sind diese unpersönlichen Quellenangaben auf eine übergeordnete überzeitliche Quelle bezogen. Das Versmass fornyrðislag (Versmass alter Geschichten) verweist an sich bereits auf die angenommene ehrwürdige Herkunft der Strophe. Anders als bei skaldischen Strophen, die meist mit einem Namen eines berühmten Dichters überliefert sind, fehlt hier der direkte Bezug zur menschlichen Welt der Gegenwart. Für beide Dichtungsarten sind diese formelhaften Einleitungen aber sprachliche Markierungen für den Einsatz von Dichtung. Sie sind Rezeptionshilfen, ähnlich wie das ‹v› am Seitenrand einer Handschrift.
Nachdem in einem ersten Schritt die intertextuelle Wiederholung als vernetzendes Verfahren in Gylf beschrieben wurde, soll nun das übergreifende Wirkungspotenzial des Mythos, das hinter Wiederholungen in den eddischen Liedern und der Gylf steht, näher beleuchtet werden.
Der Rückgriff auf eine der verschiedenen Theorien des Mythischen hilft bei der Klärung der Frage nach dem Wirkungspotenzial und der Funktion des Mythos in Gylfaginning. Zwar wird die P-E häufig als gelehrte Mythographie, d.h. als eine Art Erklärung für das unordentliche Mythenwuchern der nordischen Vorzeit betrachtet. Man kann das Werk aber auch selbst als eine weitere Bearbeitung des Mythos verstehen. Hans Blumenberg liefert dafür den zentralen Ansatz:
Eine Betrachtungsweise wie die hier vorzuschlagende sucht nicht historisch oder philosophisch zu klären, was ‚der Mythos‘ ursprünglich oder in einer bestimmten Phase unserer Geschichte bzw. Vorgeschichte gewesen sein mag; vielmehr wird er als immer schon in die Rezeption übergegangen verstanden.24
Blumenbergs Betrachtungsweise hat auch Implikationen für die Lektüre von Gylf und ihre intertextuellen Bezüge zur eddischen Dichtung: Es kann nicht wie in frühen klassisch philologisch orientierten Arbeiten Ziel sein, die eine Quelle bzw. das eine ursprüngliche Gedicht zu suchen, das als Grundlage für die Strophen in Gylfaginning diente. Es gibt den einen festen Text nicht, die Überlieferung muss man sich vielfältig und multimedial vorstellen. Zu diesem unfesten Textmodell kommt im Fall der beiden Eddas aber auch der unfeste Mythos hinzu: Der Mythos schöpft sich aus der permanenten Rezeption, er ist produktiv durch die stetige Neugestaltung und Anpassung an die aktuellen Umstände. Das für die Erzählung des mythologischen Kosmos so wichtige Gedicht Vǫluspá selbst ist das beste Beispiel dafür. Judy Quinn zeigt in ihrem Artikel zu den verschiedenen Editionen des Gedichts sehr deutlich: Was als ganzes Gedicht in zwei mittelalterlichen Handschriften je unterschiedlich überliefert ist, entstammt selbst einer langen mündlichen Tradition. Die Prosa-Edda-Handschriften sind weitere Überlieferungsträger einzelner Strophen und Auserzählungen der Vǫluspá und beruhen ebenso auf unterschiedlichen Vorlagen.25 Jede Variante fügt dem Mythos seine eigene Rezeptionsstufe an: Es kommen neue Aspekte dazu, Details gehen verloren, weil sie nicht mehr relevant sind oder sie werden umgedeutet. Quinns Übersicht über die verschiedenen modernen Editionenarten des Gedichts zeigen auch, dass der Mythos nichts an seiner Wirkmacht verloren hat: Jeder Editor arbeitet an seiner eigenen Version des Mythos von Vǫluspá.26
Damit ist deutlich geworden, dass Gylf mit ihren intertextuellen Verweisen keine „Wiederauferstehung“ der Mythen der heidnischen Götterwelt ist, sondern eine Aktualisierung mit spezifischer Funktion für die Gegenwart. Durch die christliche Kultur hat sich die Beziehung zur einheimischen Mythologie verändert. Die mythologischen Erzählungen kursieren mündlich und schriftlich weiterhin, die Verfasser der Prosa-Edda und der Lieder-Edda übernehmen sie und versuchen, sie in die passende Form für die christliche Schriftlichkeit zu bringen.27 Trotz der grundsätzlich starken Abwehr der heidnischen Mythologie durch die Kirche hält sich der Mythos in der Tradition – er ändert einfach seine Gestalt. Obwohl beide Eddas so unterschiedliche Werke sind, gibt es Gemeinsamkeiten: So scheint ein wichtiger Neuerungspunkt zu sein, dass ein Mythos bzw. eine mythologische Geschichte nicht mehr „unvermittelt“, also direkt und allein für sich stehend erzählt werden kann.28 Es braucht einen rahmenden Kontext, der durch die Zusammenstellung mit anderen Texten (gleicher oder anderer Art) oder auch durch erklärende Prosaeinschübe geleistet werden kann.
Hans Blumenberg interessiert, was den Mythos so wirkmächtig macht und weshalb er eine so produktive Denkform ist. Auf die P-E bezogen stellt sich die Frage: Weshalb dieses Weitererzählen und Weiterschreiben der eigenen mythologischen Vergangenheit?
Ein Grundgedanke für das Verfassen der Gylf mag vielleicht tatsächlich im Wunsch nach einer systematischen Zusammenstellung der „Inhalte“ für die in den Edda-Handschriften folgenden dichtungstheoretischen Schriften zur Skaldik gelegen haben. Doch der Mythos ist nicht auf eine derartige Fixierung und Kategorisierung angelegt – er führt gewissermassen ein Eigenleben. Blumenberg begründet dies mit dem Wesen des Mythos an sich. Mythisches Denken ist nicht auf Abgeschlossenheit, sondern auf produktive Weiterentwicklung ausgerichtet. Diese Weiterentwicklung beruht auf dem Verfahren der Wiederholung, das so auch als Aspekt literarischer Performativität thematisiert werden kann:
Die mythologische Tradition scheint auf Variation und auf die dadurch manifestierbare Unerschöpflichkeit ihres Ausgangsbestands angelegt zu sein, wie das Thema musikalischer Variationen darauf, bis an die Grenzen der Unkenntlichkeit abgewandelt werden zu können. Noch in der Variation durchgehalten zu werden, erkennbar zu bleiben, ohne auf der Unantastbarkeit der Formel zu bestehen, erweist sich als spezifischer Modus von Gültigkeit.29
Blumenberg verweist hier auf einen durch eine variierende Wiederholung gestifteten Sinn des Mythos – so wie die Wiederholbarkeit als Aspekt literarischer Performativität bestimmt wurde. Eine Wiederholung stellt aus, dass sie etwas „Gemachtes“ ist und sie zeigt, dass ihre Geltungsbehauptung paradox ist. Für den Mythos bedeutet das: „Solche Gültigkeit bietet gleichsam Bezugspunkte für ‚Anspielungen‘ und vage Verweisungen: es darf Vertrautes vorausgesetzt werden, ohne dass es eine besondere Sanktion besässe oder dem Zwang einer konservativen Behandlungsweise unterworfen wäre.“30 Der stabilisierende Prozess der Wiederholung erlaubt es dem Mythos gerade, sich als jeweils wieder neu und als Ereignis hervorzuheben: es ist „eine Demonstration von Neuheit und Kühnheit“31. Gelingen kann aber die dadurch angestrebte Sinnstiftung nur, wenn die Anspielung auf etwas Davorliegendes erkannt wird.32 Das u.a. durch Wiederholbarkeit ermöglichte Wirkungspotenzial des Mythos prägt auch die eddischen Lieder, am besten zu sehen in der Vǫluspá. In der ausgeprägt performativen Inszenierung des Gedichts entfaltet sich der nordische Kosmos sehr eindrücklich. Auf diese Wirkmacht referiert auch Gylfaginning, indem sie sich die „Stimme“ des Gedichts leiht. Wie produktiv der Mythos als Erzählform ist, zeigen auch die mit grosser Erzählfreude präsentierten Geschichten der Gylf. Sie sind nicht passgenau auf die dichtungstheoretischen Einheiten konzipiert, sondern sie inszenieren die grosse Erzählwelt des Mythos an sich. Für Codex Upsaliensis gilt das in etwas weniger hohem Masse als für die Versionen in RTW, wo umfangreichere Erzählungen präsentiert werden, die eine grosse Lust am Erzählen sichtbar machen. In U hingegen wirkt der gelehrte, systematisierende Gedanke stärker und grenzt den Mythos deutlicher ein als in RTW. Dazu gehört auch die häufige Verwendung von Rubriken in der Handschrift, die eine visuell-mediale Hilfe für eine klare Strukturierung und Eingrenzung ist. Allerdings sieht man auch in den langen Narrativen rund um die Abenteuer Þórs, dass eine Eingrenzung des Narrativen durchaus nicht immer gelingt. Die Erzählfreude kann mitunter in einem Zuviel an Erklärung ausarten: Anstatt zu erklären oder zu verdeutlichen (und so z.B. die christliche Wahrheit zu betonen), werden mehrere Bedeutungsdimensionen aufgerufen und nicht gewertet. So besteht erneut die Gefahr einer „Implosion“.33
Das ist vielleicht auch eines der Grundprobleme der zwei Denkordnungen in der Prosa-Edda: Das mythische System ist produktiv und auf Weitererzählung angelegt, das gelehrte christliche auf statische und abgeschlossene Wahrheit. Das Wirkungspotenzial des Mythos in der Prosa-Edda zeigt sich auch darin, dass die vielen Verzeichnisse in der Prosa-Edda keine vollständigen und fertigen Materialsammlungen sind, sondern eigentliche Anleitungen zum Weiterdichten sein wollen. Die gegenläufige christliche Tendenz ist jedoch, daraus fixierte Wissensbestände zu machen, die nur noch archivarisch von Interesse sind.
Die beiden Ordnungen werden zwar zusammengebracht, lassen sich aber nur schwer vereinen. So entstehen immer wieder Momente, in denen nicht klar ist, ob daraus entstandene Uneindeutigkeit bewusst oder unbewusst in den Text gekommen ist.
In der Erzählung über die Herkunft der Dichtung bzw. Óðins Dichtermet kreuzen sich die beiden Denkformen in einem dieser uneindeutigen Momente. Ein göttlicher Ursprungsmythos verleiht dem Skalden und seiner Kunst Bedeutung. Was dieser Mythos in Bezug auf das Dichten aber eigentlich aussagt, ist nicht das, wodurch sich ein angehender Dichter aus dem 13. Jahrhundert auszeichnen sollte. Dichterische Fähigkeiten erwirbt man nun in Form gelehrter Kenntnisse aus Büchern. Wie sich die zwei Modelle zusammen und gegeneinander positionieren, ist Thema des folgenden Abschnitts.
3.3.3.5 Der Dichtermet: Ein Ursprungsmythos
Zentral für die gesamte Gylf (wenn nicht sogar für die gesamte P-E) ist der Begriff der sjónhverfing (Augenverblendung, Sinnestäuschung, Blendwerk). Mit einer solchen Zauberei empfangen die Asen Gylfi zu Beginn ihrer Begegnung. Was genau die Täuschung ausmacht und welche Elemente sie beinhaltet, wird nicht deutlich gesagt. Die Wortbedeutung lässt eine Täuschung des Sehsinns vermuten und auch die Halle, die Gylfi vorgespiegelt wird, scheint eine optische Täuschung zu sein. Da ihm aber alle Geschichten mündlich erzählt werden, muss auch das Gehör davon betroffen sein. Das lässt sich auch aus dem Ende der Täuschung entnehmen, die mit einem grossen Getöse (gnýr mikill) einhergeht. Beiden Sinnen ist gemein, dass sie durch sprachliche Mittel beeinflusst werden können.
Gylf in U sagt aber noch mehr zum Thema Sinnestäuschungen. Der Text fügt den bekannten Mythos von der Herkunft des Dichtermets an und eröffnet mit dieser Binnenerzählung eine Deutungsmöglichkeit spezifisch für die Rahmenebene, im Allgemeinen aber auch für das Gesamtwerk Prosa-Edda.
U präsentiert sich nach dem Ende der Täuschung an Gylfi anders als die anderen Handschriften: Es folgt nicht wie in RTW ein neuer Text, der unter dem Titel Skáldskaparmál bekannt ist, sondern es geht unverändert im selben Stil wie bisher weiter. Eine Rubrik kündigt an: „Frá heimboði ása með Ægi“1 (Vom Gastmahl der Asen bei Ægir) Darauf folgen vergleichbar zum bisherigen Text von Gylf vier mythologische Erzählungen. Heimir Pálsson meint dazu:
In the Uppsala Edda four mythological narratives, those about the origin of the mead of poetry, the battle between Þórr and Hrungnir, the kidnapping of Iðunn and Þórr’s visit to Geirrøðargarðar, have been moved from Skáldskaparmál and made into the closing chapters of Gylfaginning. In doing this, the redactor seems to have been trying to separate the mythological narratives from the account of poetical language, and takes this further than the author had originally done.2
Zum Gesamtwerk, das in U vorliegt, scheint ein solches Vorgehen zu passen. Gylfaginning ist der narrative Teil, deshalb befinden sich da auch die ansonsten in Skáldskaparmál zu findenden Erzählungen. Dass der Verfasser von U gewisse Schwierigkeiten mit der Verschiebung und Aufteilung hatte, zeigt aber die etwas seltsame Rubrik, die im nächsten Abschnitt folgt: „Hér segir frá því at æsir sátu at heimboði at Ægis ok hann spurði Braga hvaðan af kom skáldskaprinn. Frá því Kvasir var skapaðr. Hér hefr mjǫk setning skáldskapar.“ (Hier ist gesagt wie die Asen beim Gastmahl bei Ægir sassen und er Bragi fragte woher die Dichtung kam. Wie Kvasir geschaffen wurde. Hier beginnen in hohem Masse/ziemlich3 die Regeln der Dichtung.) Nach dem nächsten Textabschnitt folgt eine weitere Rubrik, die sich auf die Dichtung bezieht: „Hér segir hversu skilja skal skáldskap“4 (Hier wird gesagt, wie man Dichtung verstehen soll). Zwar scheinen die Rubriken willkürlich und nicht logisch gewählt, dennoch lassen sie sich als Spuren der Bearbeitung und Weiterentwicklung einer Vorlage lesen. Der Verfasser bzw. Kompilator will alle narrativen Teile zusammen in der Mythographie sammeln, der folgende Teil (von Pálsson als Liber secundus bezeichnet) fügt hingegen sprach- und dichtungstheoretische Materialien zusammen. Die mythologischen Erzählungen dazwischen bilden eine Art Überleitung von einem Bereich in den anderen und lassen sich nur schwer in gelehrte Rubriken fassen.
Die Geschichte der Herkunft des Dichtermets folgt auf eine Art einleitende Erzählung der Tötung des Riesen Þjazi. Wie es später in Skpm gängiges Vorgehen ist, wird die Erzählung als Begründung für eine dichterische Umschreibung, eine kenning, gebraucht: „Er nú gullit kallat munntal jǫtna, en í skáldskap mál þeira.“5 (Nun heisst Gold Munderzählung der Riesen, und in der Dichtung ihre Sprache.) Das ist der Auslöser für die Figuren auf der Rahmenebene über die Herkunft der Dichtung zu sprechen. Anders als im bisherigen Text sind das nicht mehr Gylfi und die drei Asen, sondern die Asen als Gemeinschaft, wie sie in den vorherigen Binnenerzählungen beschrieben worden ist. Ihr Dialogpartner ist Ægir, eine nicht weiter ausgestaltete Figur.6 Unkommentiert vom Text haben sich die Asen, von denen erzählt worden ist, zu denen gemacht, die erzählen. Was am Ende der Täuschung von Gylfi beschrieben worden ist, hat sich auch in die neue Erzählordnung übertragen.
Ægir will von den Asen wissen, woher die Dichtung stammt. Bragi, dem in den Binnenerzählungen sehr grosses Sprachwissen zugesprochen worden ist7, antwortet ihm mit einer verketteten Geschichte voller Gewalt und Tod: Der Ausgangspunkt ist ein Krieg zwischen den zwei mythologischen Völkern der Æsir und der Vanir.8 In einer Friedenskonferenz beenden sie den Krieg dadurch, dass alle in einen Kessel spucken und aus der Flüssigkeit ein Mann namens Kvasir gemacht wird. Kvasir findet Lösungen für alles, und es scheint, als sei seine Klugheit der Grund, weshalb ihn zwei Zwerge töten und aus seinem Blut mit Honig gemischt einen Trank machen. Wer diesen trinkt, „verðr skáld ok fróðamar“9 (wird Dichter und Gelehrter). Der Met wird von den Zwergen als Kompensation für eine weitere Tötung benutzt. Der Empfänger der Busse, der Riese Suttungr, versteckt die Flüssigkeit in einem Berg und setzt seine Tochter als Wächterin ein. Wieder werden mit den Erzählungen bestimmte kenningar erklärt. Ægir fragt danach, wie Óðinn selbst den Met erlangte. Die Verbindung des höchsten Asen mit dem Dichtermet scheint ihm offensichtlich bekannt.
Auch Óðins Weg zum Met ist mit Leichen übersät, die Erzählung ist dabei sehr knapp gehalten: Zuerst tötet er neun Sklaven von Baugi und macht sich diesem unter falschem Namen bekannt. Baugi wird ohne Erklärung eingeführt, dass er der Bruder von Suttungr ist, entnimmt man nur der Version RTW. Óðinn verwandelt sich schliesslich in einen Eber und eine Schlange, um an den Met zu kommen. Er schläft für drei Nächte mit Suttungs Tochter und kann den gesamten Met austrinken. Verwandelt in die Gestalt eines Adlers gelingt ihm die Flucht, Suttungr nimmt ebenfalls Adlergestalt an und folgt ihm sofort. Die Übergabe des Mets an die Asen erfolgt schliesslich auf sehr physische Weise:
Æsir settu út í garðinn ker sín. Óðinn spýtti miðinum í kerin. En sumum repti hann aptr, er honum varð nær farit ok hafa þat skáldfífl ok heitir arnarleir, en Suttunga miǫðr þeir er yrkja kunna.10
Die Asen stellten ihre Kessel in den Hof hinaus. Óðinn spuckte den Met in die Kessel. Und einiges liess er hinten hinaus, weil er ihm so nahe gekommen war, und das haben die Dichterlinge und es heisst Adlerdreck, aber Suttungs Met (haben) die, welche dichten können.
Jeder Mythos über die Herkunft der Dichtung betrifft ganz im Kern das Selbstverständnis des Dichters. Mit der hier vorgeführten Begründung der Herkunft aus dem Dichtermet gehen bestimmte Implikationen einher: Dichtung wird als etwas sehr Konkretes (wenn auch nichts Festes) beschrieben. Es ist eine Flüssigkeit, die transportierbar ist und so leicht weitergegeben werden kann. Die konkrete Flüssigkeit musste aber gebraut werden, in erster Linie ist sie ein Zeichen zum Friedensschluss zwischen zwei feindlichen Lagern. Aus der Spucke wird zuerst ein personifiziertes Friedenszeichen in Form des weisen Kvasis. Doch aus einem nicht näher erklärten Grund töten ihn zwei Zwerge11 und süssen sein Blut mit Honig, d.h. sie machen ihn konsumierbar. Erst durch diesen Schritt wird man nach der Einnahme des Getränks zu einem Gelehrten und einem Dichter. Ohne den Honig scheint nur Kvasir alles zu wissen, man ist auf ihn als Medium angewiesen. Der Met lässt denjenigen, der ihn trinkt, sowohl gelehrt als auch Skalde werden. Judy Quinn bemerkt dazu, dass die Einnahme des Getränks eine Transformation des Menschen auslöst, er wird zum Gelehrten und Dichter und bekommt nicht bloss Worte bzw. Wissen eingegeben.12 Óðinn holt den Met aus dem Besitz der Zwerge und Riesen zu den Asen zurück. Dafür braucht er seine zauberischen Fähigkeiten, tötet und geht eine sexuelle Beziehung zu einer Riesin ein. Das gesamte mythologische Personal ist also an der Herstellung des Mets beteiligt: Neben Óðinn sind auch die Riesen Träger von Wissen über die Welt. Die Zwerge sind ebenso alt, werden aber stärker als ausgezeichnete Handwerker dargestellt, die einen wertvollen Grundstoff in ein Kunstwerk verwandeln können. Alle dies macht das Getränk umso wertvoller und Dichtung zu etwas, das sowohl auf Wissen wie auch auf Handwerk basiert.13
Die Herkunft der Dichtung wird als ein sehr körperlicher und prozessualer Vorgang beschrieben. Die Zusammenfügung gleicht einem Rezept für das Kochen von rohen Zutaten zu einem stimmigen Ganzen und weist damit beträchtliches performatives Potenzial auf. Jürg Glauser macht darauf aufmerksam, dass die Edda hier zwei sehr bekannte Topoi übernimmt: „Einerseits wird Dichten vor allem im europäischen Mittelalter als Inspiration, als Gottesgabe gesehen, andererseits wird ihre Ausübung auf die Einnahme eines (Rausch-) Getränks zurückgeführt, ein Motiv, das vielleicht indoeuropäische Verbindungen hat.“14 Der Dichtermet ist ein elitäres Gut und trennt die Menschen in zwei Kategorien: Die unfähigen Dichter kriegen den Adlerdreck, den Óðinn hinten hinausgelassen hat, während diejenigen, die bereits dichten können, den Met erhalten. Der Mythos vom Raub des Dichtermets ist so deutlich ausformuliert nur aus der Prosa-Edda bekannt15 und zeigt die Vorstellungen der mittelalterliche Kultur gegenüber der eigenen heidnischen Vergangenheit. Dass die mythologische Erzählung nicht als „Wahrheit“ über die Herkunft der Dichtung aufgefasst worden ist, zeigt alleine schon ihre Eingliederung in eine Rahmengeschichte. Damit distanziert sich der Text von einer Herkunft der Dichtung aus Täuschung, Raub und Mord. Für diese These lässt sich nochmals mit Glauser argumentieren:
Für die im 13. Jahrhundert verfasste Snorra Edda beruhen Entstehung und Herkunft der Literatur auf Täuschungen und es lässt sich hier unschwer ein sprach- und dichtungsskeptischer Zug, der Traditionen in der antiken Rhetorikgeschichte aufgreift, erkennen. Dem Besitz guter Literatur voraus gehen Täuschung und Tötung, sie sind dieser Dichtung in den Kenningar immer eingeschrieben. In der altnordischen Überlieferung ist der Gott, der die Dichtung beschafft, auch der Gott, der am meisten betrügt.16
Der Mythos vom Dichtermet hat die Funktion, auf die Gefährlichkeit von Dichtung aufmerksam zu machen. Man sollte sich nicht auf das verlassen, was auf ihrer Oberfläche gesagt wird, denn sie basiert im Kern auf einem Betrug. Aber dieser Betrug führte im Endeffekt zu etwas Positivem, der Kunst der Dichtung.
Aber nicht nur die Dichtung an sich birgt Gefahren, sondern auch die Art und Weise ihrer Vermittlung: Gylf thematisiert mit der ausgestalteten Erzählung der Herkunft des Dichtermets, wie unsicher und instabil eine mündliche Überlieferung ist. Der Dichtermet steht dabei nur für eine spezifische Flüssigkeit, die mit Wissen oder Erinnerung verbunden ist. Judy Quinn untersuchte diese flüssigen Formen von Wissen und liest die Übergabe des Tranks methaphorisch:
[…] the sense of knowledge as flowing from mouth to mouth and being ingested in order to be incorporated by the listener is of course a product of a society not dependent on writing – or the metaphors of written culture – for the transmission of learning. This kind of knowledge may be withdrawn before reaching the lips, or it may be poisened, or spilt, possibilities less likely to occur in the supervised process of providing the learner with glossed, re-readable written texts which in the solidity of their form offer more secure delivery.17
Die Übergabe und Aufnahme von Wissen ist als performativer körperlicher Prozess dargestellt, sei es nun die Vorstellung einer primär oralen Kultur oder diejenige einer Schriftkultur, die auf die eigene Vergangenheit zurückblickt. Der Dichtermet verbindet Gylf über das Motiv der wertvollen, aber gefährlichen Flüssigkeit motivisch mit den eddischen Götterliedern. Die spezifische Ausgestaltung als Trank für die Dichter ist natürlich dem Kontext der ars poetica geschuldet.
Die Inszenierung der Herkunft der Dichtkunst lässt sich somit auf unterschiedlichen Ebenen als performativ beschreiben. Auf einer diskursiven Ebene schafft sie es – ähnlich wie durch die gelungene Vermengung eines eddischen Wissenswettstreits und eines christlichen Lehrgesprächs – das Bild einer überlieferungswürdigen heidnischen Vergangenheit zu inszenieren. Zwar wird auf die Gefahr der Dichtung hingewiesen, die Aktualisierung und Validierung für die Gegenwart wird dennoch auf dem Mythos aufgebaut. Das Ergebnis ist ein Text, der wie so viele Texte der altnordischen Literatur gleichzeitig zurück in die Vergangenheit und nach vorn auf die Gegenwart bzw. Zukunft verweist. Durch performative Verfahren wird die Wertigkeit der Erzählung hervorgehoben und das in ihr selbst angelegte performative Potenzial weitergenutzt.
Wie (und damit gleichzeitig dass) man das Dichten auch in der christlichen Schriftkultur lernen soll, beantwortet das Gesamtwerk Prosa-Edda bzw. jede einzelne Edda-Handschrift neu. Für den Verfasser des Codex Upsaliensis gehören alle mythologischen Narrative in einen zusammengehörigen mythographischen Teil (Liber primus). In Liber secundus folgt dann, was es nun zusätzlich benötigt, um als Dichter angesehen zu sein: Es braucht umfassende gelehrte Kenntnisse, die durch Bücher vermittelt werden können. Das elitäre Ansehen der Schriftgelehrten wird aber durch die Anfügung des gottgegebenen Ursprungsmythos noch gesteigert. Bedeutungsstiftung funktioniert auch in diesem Fall über die Wiederholung bzw. Anhäufung von verschiedenen Bedeutungsdimensionen. Gleichzeitig hebt die Integration der nordischen Dimension die eigene kulturelle Dimension innerhalb der gelehrten lateinischen Welt hervor und macht sie ihr ebenbürtig.18
Eine explizite Lektüreanweisung, die in Richtung christliche Gelehrsamkeit weist, gibt es trotz des ausgewogenen Verhältnisses zwischen den zwei Kulturen. Anders als in der RTW-Version kommt in der U-Version der sogenannte Verfasserkommentar (auch Eptirmáli genannt) bereits gegen Ende von Liber primus, mitten in den zusätzlich eingeschobenen mythologischen Narrativen, die in RTW Teil von Skáldskaparmál sind. Nach den ersten Erkärungen dichterischen Umschreibungen steht der Kommentar, welcher sich unpersönlich an junge Skalden richtet:
En þat er at segja ungum skáldum er girnast at nema skáldskapar mál ok heyja sér orðfjǫlða með fornum heitum eða skilja þat er hulit er ort, þá skili hann þessa bók til skemtanar. En ekki er at gleyma eða ósanna þessar frásagnir eða taka ór skáldskapnum fornar kenningar er hǫfuðskáldin hafa sér líka látit. En eigi skulu kristinr menn trúa né á sannast at svá hafi verit.19
Aber das ist jungen Skalden zu sagen, die begehren die Sprache der Dichtung zu lernen und sich einen Wortschatz mit alten Namen anzueignen, oder zu verstehen, was verdeckt gedichtet ist, dann nehme er dieses Buch zur Unterhaltung. Aber diese Erzählungen sind nicht zu vergessen oder unwahr zu machen, oder alte Kenningar aus der Dichtung zu entfernen, welche die grossen Skalden gern gebraucht haben. Aber nicht sollen christliche Menschen glauben und auch nicht bekräftigt sein, dass es so gewesen ist.
Wie an anderen Stellen auch weicht der Kommentar in U von demjenigen in RTW ab. U ist kürzer und lässt einzelne Einheiten weg. So fehlt der Hinweis, man solle alles so verstehen, wie es am Anfang des Buches (wohl im Prolog) gesagt ist, so wie die euhemeristischen Verbindungen zu Troja (die im Gesamtwerk auch nicht stark ausgeprägt sind).
Dennoch versteht sich die Aussage in U als Hinweis auf die Werksintention und die Platzierung an dieser frühen Stelle zwischen den Narrativen von Gylf und den folgenden gelehrteren Teilen macht durchaus Sinn.20 Es scheint, als vermeide der Kommentar den plakativen Verweis auf den Prolog, weil die eigene Aussage an sich bereits genügend deutlich ist.
Direkt im Anschluss an die mythologischen Erzählungen statuiert der Text, wer (nämlich junge Skalden) die gehörten/gelesenen Geschichten verstehen soll und welchen Nutzen sie haben können. Sie helfen beim Erlernen der Dichtersprache, man kann durch ihre Kenntnisse verdeckte Äusserungen verstehen, sich einen traditionsreichen Wortschatz aneignen und man kann sich an den Erzählungen erfreuen. Der zweifache Nutzen ist in RTW stärker betont: „til fróðleiks ok skemtunar“21 (für Wissen und Unterhaltung). U formuliert das Wissen explizit aus und fasst die beiden Aspekte nicht mehr zusammen.
Der Text mahnt den Rezipienten auch, dass man weder die Geschichten vergessen noch bestimmte Kenningar aus der Dichtung entfernen soll – auch wenn Christen nichts davon glauben sollen. Den bisherigen Inhalten von Liber primus wird so ein eigenständiger Wert zugesprochen, der unabhängig vom christlichen Glauben zu finden ist. Die Wertigkeit ergibt sich aus dem hohen Alter (fornum heitum; fornar kenningar) und der elitären einheimischen Herkunft (hǫfuðskáldin). Der Kommentar scheint auf einen praktischen Nutzen des Werks hinzuweisen, richtet er sich doch an junge Skalden. Das widerspricht etwas dem komplexen Aufbau und den vielfältigen und anspruchsvollen Inhalten, die in U enthalten sind. Es kann sein, dass der Kommentar auf ein ursprüngliches Ziel des Werks hinweist, das sich im Laufe der Zeit immer mehr gewandelt hat.





