Kitabı oku: «Handeln mit Dichtung», sayfa 13
3.3.4 Zwischenfazit
In Gylf werden verschiedene Verfahren der Bedeutungsstiftung in Texten erprobt und somit offengelegt. Die Diskussion der Bedeutungsstiftung wird notwendig, weil traditionelle Modelle der Sinngenerierung von neuen Modellen überlagert werden – in Gylf wird das z.B. deutlich in der Verschränkung des einheimischen und des gelehrten Dialogmodells.
Der Text leistet Arbeit am Mythos, indem er unzusammenhängende mythologische Wissensbestände systematisiert, ordnet und zu einem Gesamtkomplex verbindet. Dabei zeigt sich, dass der Mythos nur noch als „Geschichte in der Geschichte“ bzw. in einem gelehrten Rahmen vermittelbar ist: So schlägt der Mythos um in Narrative, wie Jürg Glauser feststellt: „Wenn Mythen implodieren, explodieren Narrationen.“1
Über die Systematisierung lässt sich die Vergangenheit strukturieren und für die Gegenwart angemessen aufbereiten: Gylf verfasst eine nordische Vergangenheit, die passgenau auf die christliche Gegenwart ausgerichtet scheint.
Die Beschäftigung mit der Vergangenheit verlangt nach Überlegungen, wie etwas am besten in Erinnerung bleibt. In Gylf wird der Erinnerungsprozess des kulturellen Gedächtnisses reflektiert und das Potenzial von Erzählen als Erinnerungsmedium ausgelotet. Das legt aber gleichzeitig offen, wie prekär und unsicher Erinnern eigentlich ist. Auf einer diskursiven Ebene wird die Frage gestellt, ob nun mündliches oder schriftliches Erzählen das bessere Medium gegen das Vergessen ist. Die neue Schriftlichkeit verheisst ewig fixierbares Wissen und macht die Handschrift zu einer gesteigerten Möglichkeit des Weitererzählens. Allerdings gilt auch für die schriftliche Überlieferung: Ohne Rezipient verschwindet alles aus dem kulturellen Gedächtnis. Und anders als bei Erzählungen durch Augen- oder „Ohrenzeugen“ müssen Texte ausreichend gerahmt sein, damit der intendierte Sinn vermittelt werden kann. Gylf bleibt uneindeutig und nimmt keine explizite Wertung der verschiedenen Modelle vor. Die vielen reflexiven Momente weisen eher darauf hin, dass eine Verbindung der verschiedenen Bereiche gesucht wird und dieser Denkprozess mitten in Gange ist.
3.4 Literarische Performativität in medialer Variation
Im Folgenden kommen für U Inhalte in den Blick, die in den anderen Versionen nicht enthalten sind und auch erst sehr punktuell Beachtung in der Forschung gefunden haben. Einerseits handelt es sich dabei um drei listenähnliche Texte, die u.a. genealogisches Wissen enthalten, andererseits um Illustrationen. Die grossen Vorzüge literarischer Performativität als theoretische Herangehensweise liegen darin, dass sie hilft, solch unterschiedliche Formen zusammenzudenken. Wie zu zeigen sein wird, können die Genealogien wie auch die Illustrationen so in einen Zusammenhang mit den bisherigen poetologischen Lektüren gebracht werden. Sie werden in derselben Reihenfolge behandelt, wie sie in U aufgeführt sind.
3.4.1 Genealogie und Enzyklopädie: Drei Arten von Listen
Bislang wurden die drei in U eingefügten Listen höchstens als „sozialer und historischer Rahmen“ bzw. als Verweis auf das Entstehungsumfeld von U betrachtet. Auch Pálsson bezeichnet die drei Listen als unabhängige Einheiten, die alle in Bezug auf Inhalt und Charakter mit dem Geschlecht der Sturlungen in Verbindung stehen.1
Skáldatal, Ættartala Sturlunga und Lǫgsǫgumannatal können aber auch mit einem Blick auf möglichen poetologischen Gehalt gelesen werden. Die Bezeichnung -tal (Zahl, Anzahl; Aufzählung, Verzeichnis, Liste; Zählung)2 verweist bereits auf eine Gattungsverwandtschaft. Wie sich zeigt, weisen aber alle drei Verzeichnisse je verschiedene mediale und inhaltliche Besonderheiten auf.
In den drei Listen wird wie in den erzählenden Prosateilen u.a. genealogisches Wissen vermittelt, allerdings auf eine andere Art und Weise.3 Als Medium ist die Genealogie ebenso traditionsreich wie die eddischen und skaldischen Gedichte. Genealogien verweisen auf mündliche Wissensweitergabe und gehören wohl zu den frühesten Formen, die in die Schrift übertragen bzw. mit denen die Schrift erprobt wurde.4 Als erste schriftliche Listen gelten Königslisten, die in Norwegen auch zu den ersten schriftlichen Zeugnissen gehören und die Grundlage für die Königssagas bilden. In dem Übergang von Listenform zur Saga widerspiegelt sich ein Merkmal von Genealogien: Sie erweisen sich als äusserst produktiv für das Erzählen.5 Das ist einigermassen paradox, da Listen in ihrer Formelhaftigkeit und Kürze auch für Eingrenzung stehen und Erzählungen sich durch blosse Namen ersetzen lassen. Doch es sind gerade diese Namen und ihre Anordnung in (potenziell immer erweiterbaren) Verzeichnissen, die als „Erzählkerne“ die Möglichkeit zu unendlicher Narration eröffnen.6 In ihrer speziellen Form machen sie aber auch immer darauf aufmerksam, dass sie eine Konstruktion sind – Genealogien geben vor, den geregelten und konstanten Ablauf von einem absoluten Ursprung aus von einer Person zur nächsten abzubilden. Dass diese Abfolge aber bewusst so inszeniert ist und einzelne Personen ausgelassen (vergessen) oder hinzugefügt (legitimiert) werden können, zeigt sich vor allem im Vergleich von mehreren Genealogien.
In performativer Hinsicht kann man der Genealogie klare soziale und implizit auch praktische Bedeutung zusprechen. Rechtliche Fragen wie Besitz- bzw. Machtansprüche, aber auch das Eherecht beruhen auf verwandtschaftlichen Zusammenhängen und müssen dementsprechend legitimiert werden.7
Mit dem Begriff der Wiederholbarkeit lässt sich die vermeintliche Konstanz, die von Genealogien gestiftet wird, beschreiben. Gewisse Bestandteile der Verzeichnisse wandern von einer Liste weiter in die nächste, es bilden sich ganze Netzwerke von genealogischen Formen, Verzeichnissen oder ausgearbeiteten Erzählungen. Beate Kellner fasst die Genealogie folgendermassen zusammen:
Auf einer gerade für die mediävistische Literatur- und Geschichtswissenschaft bedeutsamen Ebene gibt sich die Genealogie als Organisationsprinzip von Texten bzw. Textgruppen zu erkennen, als kulturelles Zeichensystem, das genealogische Bezüge zwischen verschiedenen Texten stiftet und ihren Zusammenhang dabei meist über Filiationen ihrer Figuren garantiert: Genealogie funktioniert als Intertextualitätsmodell.8
Der Codex Upsaliensis ist – wie generell für mittelalterliche Literatur festgestellt werden kann – stark geprägt von der Denkform der Genealogie. Das zeigte sich bereits im Prolog, später aber auch in den mythologischen Erzählungen von Gylfaginning. Diese sind stark auf den absoluten Anfang orientiert und es zeigt sich, dass dieser eigentlich nicht zu fassen ist.9 Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in die Handschrift drei besondere Vertreter der Gattung „Liste“ bzw. „genealogisches Verzeichnis“10 eingefügt worden sind. Diese drei Texte stehen im Folgenden im Zentrum.
3.4.1.1 Skáldatal (Liste der Dichter)
Skáldatal1, eine Liste von Dichtern bzw. Skalden, folgt im Codex Upsaliensis direkt auf Blatt 23r, im Anschluss an die vier zusätzlichen mythologischen Narrative von Gylfaginning. Das Verzeichnis wird nicht durch eine Rubrik mit Titelfunktion eingeführt, sondern es beginnt mit einem kurzen Prosatext, der mit einer grösseren roten Initiale S für Starkaðr anfängt: „Starkaðr inn gamli var skáld. Hans kvæði eru fornust þeira sem menn kunnu. Hann orti um Danakonunga. Ragnarr konungr loðbrók war skáld, Áslaug kona hans ok synir þeira.“2 (Starkaðr der Alte war ein Skalde. Seine Gedichte sind die ältesten von denen, die die Menschen kennen. Er dichtete über die Könige der Dänen. König Ragnarr loðbrók war ein Dichter, seine Frau Áslaug und ihre Söhne auch.) Nach diesem rubrikhaften Prosatext kommt eine eigentümliche Darstellungsform zum Zug, die fast schon diagrammatisch zu nennen ist. Der eben im Prosatext genannte König Ragnarr führt die chronologische Liste an, daneben steht sein Skalde, Bragi der Alte. Die Liste besteht aus je drei Spalten pro Seite, wobei ganz links von jeder Spalte vertikal der Name eines Herrschers steht und rechts daneben horizontal die Skalden untereinander gelistet sind, die für diesen Herrscher dichten.
Abbildung 4:
Skáldatal (DG 11 4to, 23r)
Der Verfasser der Liste (oder ihrer Vorlage) hat sich offenbar Gedanken über die beste Darstellungsmöglichkeit der Herrscher-Skalden-Kombination gemacht.3 Im Zusammenhang mit den weiteren Verzeichnissen in U wird darauf zurückzukommen sein.
Die aussergewöhnliche Listendarstellung braucht eine Einführung, daher der kurze Prosatext ganz oben auf dem Blatt. Starkaðr ist eine interessante Wahl als Ausgangspunkt für das Dichterverzeichns, das auf einer Königsliste aufbaut. Er entstammt dem halbmythologischen Bereich, wo er vom Dichtergott Óðinn gefördert und mit dem Dichtermet ausgezeichnet, von Þórr jedoch gehasst wird, da er möglicherweise von Riesen abstammt.4 Dieser Konflikt entspannt sich jedoch in der Welt der menschlichen Herrscher, da Starkaðr für und gegen so einige Könige kämpft. Seine prominente Stellung könnte also die Vorstellung von einem Skalden stärken, der ebenso gut mit Waffen wie mit Worten umgehen kann. Nach Starkaðr ist in Háttatal und Háttalykill ein eigenes Versmass benannt und es sind Strophen von ihm in Texte verschiedenster Gattung integriert.
Ebenfalls interessant ist, dass neben dem halbmythischen Bragi Boddason auch der erste König auf der Liste, der legendäre Ragnarr loðbrók mit seiner gesamten Familie als Dichter bezeichnet wird. Damit wird textuell eine noch engere Verbindung der Dichtkunst und einer königlichen Herkunft geschaffen, als es die Liste visuell umzusetzen vermag.
Die Handschriftenseite zeigt sich so als Experimentierfeld für Ordnung und Darstellung von Wissensbeständen, die ursprünglich mündlich tradiert worden sind. Es ist zuerst eine Liste der Herrscher, wie es viele Königslisten gibt (und wohl auch schon mündlich gegeben hat). Diese Listen wurden sehr früh in die Schriftlichkeit übertragen und dienten auch als „Schreibexperimente“. Die Skalden kamen erst in einem weiteren Schritt zu dieser Königsliste hinzu, es ist quasi eine aktualiserende Wiederholung für einen neuen Anlass und dieser neue Anlass könnte als eine Art frühe „Literaturgeschichte“ bezeichnet werden.
Dass die Königsliste der Ausgangspunkt des Verzeichnisses darstellt, zeigt sich u.a. darin, dass in der Liste Könige ohne Skalden aufgeführt werden. Die Könige sind als Legitimationsgeber aber so wichtig, dass sie auch in der neuen Form nicht aus dem Verzeichnis fallen. Skaldik gehört in ein königliches Umfeld, das wird durch das Verzeichnis hervorgehoben.
Neben Skáldatal in U ist eine zweite Version davon in der Kringla-Handschrift der Heimskringla überliefert, existiert aber nur noch in Papierkopien. Diese Version ist wengier lang als diejenige in U, da sie um 1260 den Schlusspunkt setzt, die U-Version erst um 1300. In U werden auch Herrscher, die keine Könige sind, genannt und englische und norwegische Herrscher angefügt.5 Leider ist es heute nicht mehr möglich herauszufinden, wie das Verzeichnis in dieser Version der Kringla aussah, die Überlieferungssituation lässt das nicht mehr zu. Es wäre interessant zu sehen, ob die spezielle Gestaltung des Layouts beiden Versionen eigen war, oder ob U hier etwas Neues ausprobiert.6
Guðrún Nordal zeigt auf, wie eng verbunden das Verzeichnis in der Kringla-Version mit dem Prolog von Heimskringla ist.7 Es diente als Legitimation skaldischer Bedeutung bzw. der Relevanz von skaldischen Gedichten. Eine derartige Intention passt auch für die Integration des Textes im Codex Upsaliensis, wie Nordal schreibt:
What is Skáldatal? It is a list of poets who composed for kings and earls, exactly those poets whom Snorri Sturluson regarded as the most trustworthy sources in his Prologue to Heimskringla. The catalogue is furthermore a record of the achievements of the most celebrated Icelandic skalds who had gained recognition from the rulers of Scandinavia, the descendants of Óðinn. As a result of the new arrangement of Skáldskaparmál in U, no skaldic verse has so far been cited in the vellum to illustrate the wealth of the poetic diction, and therefore Skáldatal serves to lay the groundwork for the poet’s testimony.8
Gudrun Lange führt in ihrem Handschriftenvergleich vor, dass das Verzeichnis kaum sehr viel später entstanden sein kann, sondern schon früh zu Codex Upsaliensis gehört hat:
[Sie] kam zu dem Ergebnis, daß die Funktion der beiden Versionen des Kat.s eng mit Snorris Edda und Königssaga-Geschichtsschreibung sowie seinen Interessen als Angehörigem des Sturlungengeschlechts (Sturlunga saga und Sturlungen) verbunden sei. Man könne das Register also kaum als spätere Zutat betrachten.9
Das stützt die hier verfolgte These, dass die drei Listen als wichtiger Bestandteil von Codex Upsaliensis angesehen werden und auf ihr Zusammenspiel mit den weiteren Texten hin gelesen werden müssen.10 Wie aussergewöhnlich medial gestaltet dabei aber Skáldatal ist, zeigt sich im Vergleich mit den beiden weiteren Listenformen im Folgenden.
3.4.1.2 Ættartala Sturlunga (Genealogie der Sturlungen)
Nachdem mit Skáldatal der Wert der Skalden und ihrer Dichtung bezeugt und historisch situiert worden ist, folgt im Codex Upsaliensis eine darauf aufbauende, aber anders perspektivierte Liste: Ættartala Sturlunga1, eine Genealogie des Sturlungengeschlechts. Auch derartige Genealogien im eigentlichen Sinne gehören zu den frühesten schriftlichen Quellen des Nordens (Skáldatal ist keine Genealogie an sich, ähnelt in ihrer Funktion aber diesen Verzeichnissen und Erzählungen).2 Ættartala Sturlunga beginnt mit dem biblischen Adam und endet mit Snorri Sturlusons Schwester Helga und ihren zwei Kindern. Die graphische Darstellung ist diesmal nicht so auffällig wie in Skáldatal: Der Fliesstext nimmt ca. die halbe Manuskriptseite ein. Die chronologische Genealogie ist einfacher in linearen Text umzusetzen, als das die verschiedenen „Einheiten“ der Könige und Skalden im vorherigen Fall war. Für heutige Verhältnisse ist der Text zwar langfädig und wenig interessant gestaltet. Diese Form schafft es aber, den Inhalt als zusammengehöriges Ganzes zu inszenieren: Von Adam aus bis zum letzten Namen, der wohl in die Gegenwart des Verfassers weist, sind alle Namen miteinander verbunden, das zeigt auch die mediale Gestaltung. Der Text ist organisiert durch den formelhaften Übergang: „x (ist) Vater von y“. Einzig die Umkehrung zu „y (ist) Sohn von x“ kommt ebenfalls vor.
Der Text arbeitet stark mit Abkürzungen und Formalisierungen. Das Verzeichnis nutzt die Möglichkeiten der Schrift, eine unglaublich lange Zeitspanne auf einem halben Blatt auf kleinstem Raum abzubilden.3 Mit dem formelhaften Stil kommt das paradoxe Wesen einer solchen Liste zum Vorschein: Einerseits fasst sie lange Geschichten, die zu jedem der aufgeführten Namen gehören, in kürzester Form zusammen und macht so das Erzählen als Erinnerungstechnik unnötig. Andererseits bietet aber jeder aufgeführte Name potenziell Anlass zum Erzählen, z.B. ausgelöst durch Fragen. Darin klingt auch die Frage nach der Medialität der Genealogie an. Wie sich für Ættartala Sturlunga zeigt, lässt sich in der Schrift genealogisches Wissen optimal darstellen, doch auch mündliche Aspekte schwingen immer mit, einerseits wenn man sich z.B. – wie für Codex Upsaliensis angenommen – eine Schulbuchlektüre vorstellt, in der die einzelnen Namen mit erklärenden Erzählungen „belebt“ werden. Andererseits im Hinblick auf die Herkunft genealogischer Texte aus dem Bereich der mündlichen Wissenstradierung.
Der ultimative Anfang wird in Ættartala Sturlunga mit einer roten Initiale A für Adam hervorgehoben, die biblische Anfangssetzung rahmt damit alles Folgende. Dass mit Adam ein Mensch die Liste anführt, hat Konsequenzen für alle folgenden Personen im Verzeichnis. Denn der Text stiftet nicht nur christlichen Sinn, sondern auch mehrere andere gelehrte Wissensbestände werden angefügt, an die die Namen der Sturlungen damit angesippt werden: Da sind einerseits weitere biblische Gestalten wie Noah, Gestalten aus der römischen Mythologie (Jupiter) und dem Umfeld der Troja-Geschichte. Über Trór bzw. Þórr erfolgt wie im Prolog die Angliederung der nordischen Götter an Óðinn.4 Diese „Götter“ sind durch den ersten Menschen Adam ebenfalls als Menschen bestimmt, sie sind euhemeristisch erklärt und folgen so der Prologerzählung. Doch die Gleichsetzung von mythologischen Göttern und Menschen geht über das Arrangement der Liste mit Startpunkt Adam hinaus: Gerade die Stelle mit „Trór, er vér kǫllum Þór“5 (Trór, den wir Þór nennen) vollzieht beispielhaft die Gleichsetzung auch auf lautlicher Basis. Wie wichtig das etymologische Prinzip in der P-E ist, konnte bereits für den Prolog und Gylf vorgeführt werden. Hier zeigt sich, dass Etymologie auch als genealogisches Prinzip bestimmt werden kann.6
Die intertextuellen Verbindungen zum Prolog lassen sich noch verstärken, nimmt man die kleine Überschrift zur Bischofsillustration hinzu.7 Auch der Anfangspunkt von Skáldatal, Starkaðr, wird aufgeführt. Das alles stärkt nochmals die Annahme, dass alle Texte bewusst für den Codex Upsaliensis zusammengestellt worden sind.
Als zusätzlicher Text in U verleiht die Genealogie dem Geschlecht der Sturlungen (und damit ihren intellektuellen, literarischen und politischen Werken und Taten) Bedeutung, die weit über die Landnahmezeit hinausgeht, als über das, was beispielsweise in der Sturlunga saga geleistet wird. Für ein nicht adeliges Geschlecht wird ein Legitimationsaufwand betrieben, der häufig nur königlichen Geschlechtern eigen ist. Ganz in der aus den bisherigen Lektüren von Gylf und dem Prolog erkannten Tendenz, scheint auch dieser Text so viel Bedeutung wie möglich verleihen zu wollen und kombiniert dazu biblische und verschiedene mythologische Ursprungsgeschichten – diese jedoch (durch Adam) klar menschlich perspektiviert.8
3.4.1.3 Lǫgsǫgumannatal (Liste der Gesetzessprecher)
Wird in Skáldatal eine erste Form von Literaturgeschichte geschrieben (und an Königshäuser geknüpft) und in der Sturlungen-Genealogie Familienpolitik betrieben, so lässt sich die dritte Liste, Lǫgsǫgumannatal1, als eine Art von landesgeschichtlichem Verzeichnis beschreiben.2 Das Verzeichnis listet alle Gesetzessprecher Islands auf und beginnt mit: „Úlfljótr hét maðr er fyrst sagði lǫg upp á Íslandi.“3 (Úlfljótr hiess der Mann, der zuerst das Gesetz verkündete auf Island). Dieser Úlfljótr, so heisst es weiter, habe aber nur dazu geraten, das Alþingi zu gründen, selbst hatte er das Amt des Gesetzessprechers nicht inne. Vergleichbar wie Adam als biblischer Ursprung der Sturlungen den Rahmen für alles Weitere setzt, wird in diesem Verzeichnis zuerst das Recht als solches institutionalisiert. Erst in einem zweiten Schritt kann es Gesetzessprecher geben. Diese werden anschliessend in chronologischer Reihenfolge zusammen mit der Angabe ihrer Amtsdauer genannt. Zwischen den formelhaften Sätzen sind immer wieder wichtige historische Momente eingefügt: Die Christianisierung, der Tod verschiedener grosser Könige oder der Besuch von Bischof Gizzur. Diese Fixpunkte helfen einerseits, den Überblick im Verzeichnis zu behalten, andererseits sind sie auch als verbindende Referenzen zum politischen und kirchlichen Geschehen ausserhalb Islands zu verstehen. Lokalgeschichte wird so in die Weltgeschichte eingeschrieben.
Der Endpunkt der Liste ist die zweite Amtszeit von Snorri Sturluson, allerdings ohne Angabe der Dauer. Das wird als Argument für die Abfassung der Liste während der zweiten Amtszeit Snorris aufgenommen.4 Der Grossteil der Liste stimmt überein mit Informationen, die in Íslendingabók und den Annalen zu finden sind.5
Der Text weist eine zusätzliche Besonderheit auf: Anders als in der Genealogie der Sturlungen ist hier eine Erzählerstimme zu fassen. Im Sturlungenverzeichnis ist sie nur implizit vorhanden, das Erzählte erscheint als feststehendes Wissen bzw. Tatsache. Im Verzeichnis der Gesetzessprecher kommt die Erzählerstimme dazu ganz kurz zum Vorschein. Doch sie versucht, sich hinter einer distanzierenden Erzählweise zurückzuziehen. Zu Beginn der Institutionalisierung des Alþingi wird von Úlfljótr gesagt, er habe nie das Amt des Gesetzessprechers innegehabt. Mit seiner Formulierung verweist der Erzähler auf fremde Legitimation dieses Wissensbestands und tritt gerade dadurch hervor: „Enn hann hafði eigi lagauppsǫgu á Íslandi svá at þat sé vitat.“6 (Aber er hatte nie das Amt des Gesetzessprechers auf Island inne, so weit bekannt ist.) Auf welche Quelle er sich hier bezieht, ist unklar. Durch seinen distanzierenden Kommentar rückt er aber einerseits in den Blick, wie wichtig verlässliche Quellen sind, damit eine durch ein Verzeichnis hergestellte Ordnung Geltung beanpruchen kann, andererseits implizit natürlich auch darauf, wie prekär diese Ordnungen eigentlich sind.





