Kitabı oku: «Die sprechenden Augen», sayfa 7
Raju
„Wir machten öfters Party. Nicht in Discos, dafür hatten wir kein Geld. Wir machten Party in der Wohnung. Wir haben gut und viel gegessen und auch viel getrunken. Dann haben wir uns am Computer Frauen angesehen. – Jenny, wirst du auch nicht schimpfen oder zornig sein, wenn ich weiter erzähle?“ „Raju, sieh mich an.“ Verschüchtert hob ich ein wenig meinen Kopf, doch ich getraute mich nicht, ihr in die Augen zu sehen. „Das ist doch ganz normal, Raju. Junge alleinstehende Männer mit wenig Geld … das ist natürlich. Du brauchst dich dafür nicht zu schämen, Raju.“ „Wirklich?“ „Ja, und jetzt erzähle weiter.“ Sie war ungeduldig.
„Einige von uns bekamen einen Steifen, ich bekam jedes Mal einen. Danach gingen wir abwechselnd aufs WC. Ich war immer der erste, meine Sonne in mir brannte heiß. Aber ich musste schnell sein. Vor dem WC stand schon der nächste. ‚Mach schneller, los beeil dich‘, trieb er mich an. Ich rieb und drückte, ganz fest und schnell, bis mein Saft kam. Das war kein Sex, dennoch konnte ich danach gut schlafen.
Falls ich mal alleine in der Wohnung war, nützte ich die Gelegenheit. Ich legte mich auf die Mitte zwischen zwei Matratzen. Ich stellte mir vor, ich läge auf einer Frau. Ich steckte meinen Penis in den Spalt zwischen beide Matratzen und machte so langsam, wie ich konnte. Einmal hat mich ein Mitbewohner dabei erwischt. Er hat tagelang kein Wort mit mir gesprochen und schlief am weitesten entfernt von mir.“
Jenny
Er hielt den Kopf gesenkt, auf einen Urteilsspruch wartend. „Raju? Jetzt hast du eine Frau.“ Langsam hob er den Blick. In seinen Augen stand Angst, Schüchternheit, Schamgefühl, aber auch Hoffnung. „Darf ich dich weiterhin anfassen, Jenny? Bist du nicht angewidert von mir?“ Zärtlich küsste ich ihn auf die Lippen. „Darf ich dich auch weiterhin anfassen, Raju?“ „Oh, Jenny, bitte, ja bitte! Ich habe solche Angst, dass du aufhören wirst, mich gernzuhaben. Noch nie habe ich so empfunden. Für keine Frau, für niemanden. Ich liebe dich so sehr.“
Wir aßen den Rest vom Eintopf und gingen zu Bett. „Morgen wird ein anstrengender Tag, Raju. Wir müssen früh aufstehen.“ „Ich werde immer um fünf Uhr munter. Wann soll ich dich wecken?“ Wir vereinbarten 5.30 Uhr. Ich schaltete mein Handy ein. Sieben verpasste Anrufe, alle von Tanja. Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch mit ihr und schaltete das Handy wieder aus.
„Wann verlässt diese Hexe normalerweise das Haus, Raju?“ „Punkt neun Uhr.“ „Gut, dann gehen wir zuerst zur Polizei und danach holen wir deine Dokumente.“ „Aber wir gehen nicht rein in das Haus. Bitte, Jenny! Sie hat eine Pistole!“ Raju hatte recht. Wenn sie wirklich so ist, wie er sie schildert, dann musste man auf der Hut sein. „Wir werden schon irgendwie alles erreichen. Vertraue mir, Raju. Vielleicht schaffen wir auch den Arztbesuch, das Gericht und den Rechtsanwalt.“ „Was machen wir am Gericht?“ „Wir holen die Formulare für die Scheidung.“ Raju schaute sehr nachdenklich zum Fenster. Nach einer Weile setzte er sich mit überkreuzten Beinen vor mich hin und nahm meine Hände. „Jenny, wenn es wirklich klappt mit der Scheidung, gibt sie mir dann meinen Namen zurück? Ich will nicht, dass sie meinen Namen trägt. Ich will ihn zurück!“ „Wir werden sehen, Raju. Einen Schritt nach dem anderen. Lass uns jetzt schlafen, es ist spät.“ „Jenny, möchtest du meinen Namen tragen? Gerne gebe ich ihn dir, nur dir.“ Was soll ich antworten? Ich weiß es doch selber nicht. So viele Gefühle und doch muss ich Entscheidungen treffen. Er ist so hilflos, ich muss die Verantwortung übernehmen und klar und logisch denken.
„Gute Nacht, Raju, schlafe gut.“ „Jenny, ich habe Angst! Wenn wir morgen zu diesem Haus gehen … ich möchte dich nicht verlieren, Jenny!“
Ich nahm in zärtlich in die Arme, seinen Kopf zwischen meinen Brüsten gebettet. „So möchte ich einmal sterben, Jenny, nur so …“
Er weckte mich, es war fünf Uhr. „Jenny, ich weiß, ich soll dich erst in einer halben Stunde wecken. Bitte, kannst du mich streicheln? Darf ich dich streicheln? Und küssen? Ich habe solche Furcht vor dem Haus, vor der Frau, vor dem heutigen Tag.“ Ich verstand seine Ängste, auch ich hatte ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, diese Teufelin kennenzulernen. Wir streichelten, küssten uns und wir wurden Eins. Beide weinten wir – vor Glück, vor Angst? Nein, wir weinten aus Liebe zueinander. „Raju, ich liebe dich!“ „Ich liebe dich auch, Jenny … was hast du gesagt?!“ „Ich liebe dich, Raju.“ „Du hast mich gerne, sehr gerne?“ „Nein. Ich liebe dich, Raju.“ Er stand plötzlich auf und ging. Nach kurzer Zeit kam er mit einer Packung Feucht-Tücher wieder. Er sprach kein Wort, wirkte ernst und nachdenklich. Er reinigte meine Vagina, danach sein Glied. Er tat dies mit voller Konzentration, als ob er eine teure Vase polieren würde. Danach wickelte er sich sein Handtuch um die Hüften und reichte mir mein Hausgewand. Ich bekleidete mich mit Leggins und Hemd. Was war jetzt schon wieder?
„Jenny, ich bin so glücklich, wenn du mich magst, mich auch ein bisschen lieb hast. Aber, bitte liebe mich nicht! Wenn du wirklich liebst und ich einmal fortgehen muss, dann wirst du sehr traurig sein. Ich will nicht, dass du traurig bist. Ich will nicht dein Herz brechen – dein so liebevolles, ehrliches Herz.“ Ich verstand gar nichts. Welche Gefühlsschwankung hatte er nun schon wieder? „Raju, wieso willst du fortgehen?“ „Ich will nicht fortgehen, niemals!“ „Wieso sagst du dann so etwas?“ „Es könnte doch passieren! Vielleicht erschießt sie mich oder es passiert ein Unfall. Wenn du mich liebst, dann wirst du mich vermissen, oder, Jenny? Ich will nicht, dass du mich vermisst oder traurig bist.“ „Raju, dasselbe könnte auch mir zustoßen. Du sagst, du liebst mich so sehr. Wenn ich nicht mehr da bin, dann breche ich auch dein Herz?“ „Ja, Jenny, mein Herz wäre dann gebrochen, in Stücke. Doch in jedem Stück wirst du sein.“ „Raju, ich finde das nicht fair. Du liebst mich und ich darf dich nicht lieben? Das kannst du mir nicht verbieten! Ich sage es dir noch einmal: Ich liebe dich, Raju!“ Er stand auf, kniete sich vor das Bett und betete. „Ich habe Gott gedankt, dass du mich liebst, Jenny.“
Raju wollte nichts frühstücken. „Ich bekomme keinen Bissen hinunter“, meinte er. Im Badezimmer trug ich ihm die Wund- und Heilsalbe auf, wie jeden Morgen. Die ganze Zeit hindurch blickte er in den Spiegel und sah sich tief in die Augen. Das erste Mal bei dieser Behandlung bekam er keinen Ständer. Er bekleidete sich mit zwei! engen Unterhosen, Jeans, einem langärmeligen Hemd, Pullover, Regenjacke, Socken und Sportschuhen. „Raju, es ist Sommer! Wir bekommen heute mindestens 35 Grad Celsius!“ „Mir ist kalt, Jenny, so kalt.“
Kurz vor sieben trafen wir auf der Polizeistation ein. „Wir möchten eine Anzeige aufgeben“, erklärte ich dem Beamten. „Ausweis bitte!“ Ich reichte ihm meinen Personalausweis. „Um was geht es?“ Ich zeigte auf Raju. „Herr Sandhu möchte gerne eine Anzeige machen.“ Der Beamte seufzte. „Sagen Sie es doch gleich.“ Zu Raju gewandt: „Ausweis bitte!“ Ich erklärte dem Beamten, dass Raju keine Dokumente bei sich trage, weil diese sich im Haus der Frau befänden, welche er anzeigen wolle. „Wegen was wollen Sie die Person anzeigen?“, fragte er Raju. Leise murmelte er etwas. „Ich kann Sie nicht verstehen. Sagen Sie endlich, worum es geht. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“ Bei den letzten Worten zuckte Raju zusammen und fing zu zittern an. Ich drückte ganz fest seine Hand und wandte mich dem Beamten zu. „Es geht um Folgendes …“, und ich erklärte ihm einigermaßen die Situation. Als ich geendet hatte, fing der Polizist zu spotten an. „Du heiliger Strohsack, so was habe ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt! Die Person hat ihn ausgepeitscht? Ha, ha, ha! Zigaretten auf seinem Arsch ausgedrückt? Ha, ha, ha …“
Ich wurde wütend. „Nehmen Sie endlich die Anzeige auf!“ „Wie heißt diese Person, wo wohnt sie?“, fragte er immer noch lachend. „Raju, sag den Namen und die Adresse bitte.“ „Melissa, Melissa Sandhu.“ Er nannte die genaue Anschrift. „In welchem Verhältnis stehen Sie zu dieser Person?“ Raju antwortete nicht. Ich sagte: „Sie ist seine Ehefrau.“
Raju schnellte empor, sodass der Sessel umkippte. „Sie ist nicht meine Ehefrau, sie ist nicht meine Frau!“ Fuchsteufelswild starrte er mich an. Der Polizeibeamte erhob sich ebenfalls. „Machen Sie ja keine Probleme, junger Mann! Sonst bekommen gleich Sie eine Anzeige!“ Ich drückte Raju wieder auf den Sessel. Mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf saß er da. Der Beamte nahm endlich die Anzeige auf, Raju unterschrieb. „Trotzdem müssen Sie mit Ihrem Ausweis nochmals kommen. Da kann ja jeder x-beliebige eine so ungeheuerliche Anschuldigung machen.“
Das war heute der erste Schritt gewesen und wir beide waren schon erschöpft. Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Polizeipräsidium und zündete mir eine Zigarette an. Raju setzte sich neben mich. „Jenny, sie ist nicht meine Frau. Sorry, wenn ich wütend war. Sie ist nicht meine Frau, verstehst du?“
Ich rief meinen Hausarzt an und wir vereinbarten einen Termin für heute Mittag. Hernach fuhren wir mit der Straßenbahn bis zur Endstation. Während der ganzen Fahrt hielt Raju meine Hand fest gedrückt und schaute aus dem Fenster. „Raju, drücke meine Hand nicht so fest, es tut weh.“ Er reagierte nicht. Endlich erreichten wir das Haus. Das Auto stand nicht in der Einfahrt, es war 9.12 Uhr. Waren wir zu spät? Raju hielt immer noch meine Hand eisern gedrückt. „Sie ist nicht da, Jenny! Komm, lass uns schnell umdrehen. Fahren wir zurück bitte, sie ist nicht da. Gott sei Dank, sie ist nicht da!“ „Raju, deine Dokumente!“ „Die können wir morgen holen oder ein anderes Mal.“ So leicht wollte ich nicht aufgeben. Ich öffnete das Gartentor. „Jenny, nein!“ Aber er ließ meine Hand nicht los und folgte mir widerwillig. An der Haustür läutete ich, niemand meldete sich. Ich schaute nach oben. Alle Fenster waren verschlossen. Doch die Jalousien waren diesmal nicht herabgelassen. Raju hinter mir herziehend, ging ich um die Hausecke zu den Kellerfenstern. Das dritte Fenster lag zerbrochen auf dem Rasen. Ich blickte durch die Öffnung. „Raju, willst du nicht dein Geld holen?“ Panisch starrte er mich an. „Jenny, ich will da nicht rein!“ Dann stieg ich einfach durch das Fensterloch. Mein Gott, was für ein elendes Quartier … Raju kletterte mir nach. „Bitte, Jenny, du darfst nicht hier sein! Es ist schlecht, es ist gefährlich. Lass uns gehen. Jenny, bitte!“ „Wo ist das Geld?“ Er zeigte auf den Tisch. Dort lagen ordentlich zusammengelegt drei ausgeblichene, mit Flecken übersäte T-Shirts. „Sie sind nicht schmutzig, Jenny. Ich habe sie immer ausgewaschen“, flüsterte er meinem Blick folgend. Mit kaltem Wasser und Seife hatte er versucht, das Blut zu entfernen. Armer Raju! Mein Herz krampfte sich zusammen. Er nahm ein Paar Socken und zog Geld aus ihnen heraus. Lauter Zehneuroscheine. Raju zählte: „130 Euro, Jenny.“ Er gab mir das Geld. Anschließend drehte er sich zur Matratze und trat mit den Füßen gegen sie. Wie wahnsinnig trat er nach ihr. Er schlug auf das Waschbecken und drehte das Wasser auf. „Haha!“, schrie er. „Kaltes Wasser, immer nur kalt, auch im Winter!“ Mit seiner Faust drosch er auf den Spiegel ein, bis er zerbrach. Erschrocken dachte ich: Er ist irre, er dreht durch – wahnsinnig und aggressiv! Ich hatte Angst. „Raju! Raju, hör auf! Komm, Raju, wir gehen! Schnell, wir gehen!“ Seine rechte Hand blutete von den Schlägen gegen den Spiegel. Ruckartig wurde er still. Mit unendlich traurigen Augen sah er mich an. „Du hast recht, Jenny. Lass uns gehen.“
Wieder in unserem Wohnviertel, besorgten wir uns die Antragsformulare vom Bezirksgericht. Bis zum Arzttermin hatten wir noch Zeit, so beschloss ich, beim Rechtsanwalt um einen Termin nachzusuchen. Wir erhielten sofort einen. Nachdem ich dem Anwalt unsere Sachlage erklärt hatte, meinte er mit verwundertem Blick auf Raju: „Das ist ein äußerst ernster Fall. Dieser Fall hat Priorität.“ Er schaute in seinem Terminkalender nach. „Nächsten Montag 9.30 Uhr?“ Raju und ich bedankten uns herzlich.
„Du hast noch nichts gefrühstückt, Raju.“ Ich kaufte uns beiden einen kleinen Imbiss. Langsam schlenderten wir zum Hausarzt.
Da Raju keine Krankenversicherungskarte hatte, setzte ich einen Geldbetrag ein. Seine Versicherungsnummer kannte er nicht. Die Arztassistentin sah im Computer nach. „Sie tauchen hier nicht auf, Herr Sandhu.“ „Ich habe eine E-Card, Jenny. Ich habe sie gesehen. Aber in deinem Land war ich noch nie bei einem Arzt. Vorher war ich nicht krank, später durfte ich nicht zum Doktor.“ Die Assistentin schüttelte verwundert den Kopf. Wir nahmen im Wartezimmer Platz. „Raju, die Assistentin hat mit dir gesprochen, doch du hast mir geantwortet. Wenn der Arzt dir Fragen stellt, antworte ihm und schaue ihm in die Augen.“ Er nickte.
Bald kamen wir dran. Raju schüttelte dem Arzt die Hand und stellte sich mit seinem vollständigen Namen vor. Wie ein Erstklässler in der Schule, wie auswendig gelernt. Ich lachte. Auch der Arzt lächelte. „Nehmen Sie Platz, was führt Sie zu mir?“ Raju sah mich fragend an. Ich erzählte dem Arzt die Einzelheiten. Besorgt sah er sich Rajus Rücken, Gesäß und Geschlechtsteile an. „Den Verbandswechsel haben Sie gut durchgeführt, auch die Heilsalbe ist richtig“, informierte er mich. Weil er schon jahrelang mein Hausarzt war, wusste er natürlich, dass ich Krankenschwester bin. „Ich verschreibe Ihnen eine spezielle Narbensalbe für den Rücken. Es scheint, Sie wurden da rechts am meisten verletzt, Herr Sandhu.“ Raju bejahte. „Ansonsten sind Sie ziemlich unterernährt. Ich überweise Sie an ein Labor, wir werden Ihr Blut, den Harn und Stuhl testen.“ Ich fragte: „Muss er nicht ins Krankenhaus?“ „Warten wir zuerst die Laborergebnisse ab. Bei Ihnen ist er gut aufgehoben. Im Spital würde er eventuell einen weiteren Schock bekommen. Ihr Bekannter ist sehr labil.“ Raju stand auf, blickte dem Arzt ins Gesicht und sagte: „Ich bin kein Bekannter von Jenny. Sie ist meine Frau und ich bin ihr Mann.“ Ich dachte: Meine Güte, Raju, was redest du wieder?, und errötete. Der Arzt schaute erst erstaunt, dann lächelte er. „Setzen Sie sich bitte, Herr Sandhu.“ Raju nahm Platz. „Erzählen Sie mir Ihre Vorerkrankungen. Haben Sie eine chronische Krankheit oder eine Allergie? Hatten Sie schon Operationen?“ Raju verneinte zuerst, dann erklärte er: „Ich hatte diverse Kinderkrankheiten und öfter Malaria mit hohem Fieber. Aber ich wurde immun dagegen.“ „Sind Sie geimpft?“ „Ja. Bevor ich wegging, ließ ich mich gegen Hepatitis impfen. Der Schutz währt noch einige Jahre. Ich habe auch kein Hepatitis-C. Ich habe mich untersuchen lassen. Das haben die Schlepper verlangt. Sie wissen, Herr Doktor? Die Männer, die mich und die anderen hierher schmuggelten, verlangten das.“ Raju senkte den Kopf. „Jenny, ich habe keine Krankheit. Ich habe auch kein Aids.“ Der Arzt fragte: „Sie haben auch einen Aids-Test gemacht? Das ist sehr gut, wann?“ „Zwei Monate, bevor ich Indien verließ.“ „Sind Sie sicher, dass Sie sich danach nicht angesteckt haben könnten?“ „Ja, Herr Doktor. Ich hatte danach keine Frau mehr. Und mit dieser Frau aus dem Haus war ich nie richtig vereint! Außerdem ist die Frau HIV-negativ.“ Sein Blick wandte sich zu mir: „Jenny, ich bin sauber. Niemals hätte ich dich berührt, wenn ich schmutzig gewesen wäre.“ Ich war ganz verlegen. Der Arzt lächelte uns zu. „Na, das wird ja eine neue Romeo-Julia-Story. Alles Gute euch beiden, wir sehen uns mit dem Laborbefund wieder.“
Raju und ich setzten uns beim Rückweg auf eine Parkbank. „Ich werde Tanja anrufen, Raju. Sie wird sich sicherlich Sorgen machen.“ Nach Beendigung des Telefongesprächs brauchte ich sofort eine Zigarette. Es war unfassbar, was Tanja getan hatte! Weil ich seit gestern nicht erreichbar gewesen war, ist Tanja heute Morgen bei mir vorbeigekommen. Da Raju und ich schon unterwegs waren, hatte Tanja den Schlüsseldienst gerufen. „Raju, der Aufsperrnotdienst hat die Wohnung geöffnet. Weil wir nicht da waren, ging Tanja zur Polizei und wollte eine Vermisstenanzeige aufgeben. Das geht aber erst nach achtundvierzig Stunden. Ist das nicht unglaublich, Raju? Was mich das wieder kosten wird! Ein Schlüsseldienst ist teuer. Außerdem besteht sie darauf, uns heute Abend zu besuchen.“ „Es ist alles meine Schuld, Jenny. Deine Freundin ist böse auf dich und erst recht auf mich. So viele Geldausgaben hast du wegen mir. Arbeiten gehst du auch nicht, alles nur wegen mir. Ich tue dir nicht gut, ich bin schlecht für dich.“ „Hör sofort auf, solchen Unsinn zu reden!“
Ich rief meine Firma an und teilte meiner Vorgesetzten mit, dass ich wohl noch zwei Wochen im Krankenstand bleiben würde. Sie war alles andere als erfreut.
„Wir sind schon seit Stunden unterwegs, bist du müde, Raju?“ Er verneinte. „Können wir noch einkaufen gehen? Ich hole die Narbensalbe von der Apotheke und wir brauchen Lebensmittel.“ Er nickte und sah mich beschämt an. Tiefe Schatten lagen unter seinen traurigen Augen. „Raju, bitte sorge dich nicht. Ich habe genug Geld, ich will dieses Jahr sowieso nicht in Urlaub fahren“, log ich. Plötzlich kam mir eine Idee, wie ich ihn, wie ich uns wieder fröhlich stimmen konnte.
„Raju, komm, wir schauen im Einkaufszentrum vorbei.“ Ich kaufte ihm eine Geldtasche. Zuerst wollte er nicht, zu teuer. Ich redete ihm gut zu. Viele Geldtaschen sah er sich an und untersuchte sie. „Nimm doch einfach eine, die sehen doch alle ähnlich aus.“ „Nein, Jenny. Darf ich ein Foto von dir haben?“ „Ja, wieso?“ „Jenny, ich möchte so gerne ein Foto von dir. Das stecke ich in die Geldtasche. Doch sieh nur, manche Taschen haben eine mattierte Folie. Ich brauche eine klare, damit ich dich ganz genau anschauen kann.“ Endlich entschied er sich. An der Kasse sagte er: „Jenny, ich kann bezahlen, wenn du mir mein Geld gibst.“ Ich bezahlte! Danach gab ich ihm seine 130 Euro. „Stecke sie ein, Raju. Deine Geldtasche hat doch auch Hunger.“ Laut lachte er, er war glücklich! Er küsste mich über das ganze Gesicht und drückte mich fest an sich. Die Kassiererin lachte mit uns. „Schön, dass sich Menschen noch freuen können“, und sie wünschte uns alles Liebe. Auf dem Weg zum Supermarkt kamen wir an einem Handy-Shop vorbei. Wieder war ich im Kaufrausch, wenn es um Raju ging. Es macht solche Freude, ihn zu beschenken.
„Raju, hast du ein Telefon in dem Haus gehabt?“ „Nein, ich hatte vorher ein Handy, das hat sie sofort weggeworfen. Sonst hätte ich ja anrufen und meine Freunde um Hilfe bitten können.“ Wie dumm ich war! Diese Teufelin hatte jeglichen Kontakt untersagt und ihn von der restlichen Welt versteckt gehalten.
„Raju, möchtest du wieder ein Handy?“ „Vielleicht irgendwann einmal.“ „Warum nicht jetzt?“ Großes Erstaunen in seinen Augen. Wir standen vor der Auslage. „Raju, ich gehe hier nicht weg, bevor du dich nicht für ein Handy entschieden hast. Keine Widerrede.“ Nach einer Weile deutete er auf eines, ein ziemlich billiges. „Raju, ich übernehme den Handy-Kauf, komm bitte mit.“ Im Geschäft beratschlagte ich mich mit dem Verkäufer und entschied mich für ein Smartphone. Der Verkäufer legte uns vier verschiedene Modelle auf den Ladentisch. „Für eines musst du dich entscheiden, Raju.“ „Das sind keine Handys, das sind Smartphones. Die sind wie ein Computer, die sind wahnsinnig teuer.“ „Denk nicht immer nur ans Geld, gerne möchte ich dir eins schenken. Es macht mir Freude. Du hast so viel entbehren müssen. Bitte nimm eines davon.“ In seinen Augen las ich Unsicherheit, aber auch Freude. Der Verkäufer wurde ungeduldig. „Rufen Sie mich, wenn Sie soweit sind. Ich habe noch andere Kunden.“
Jedes Gerät begutachtete Raju lange und ausführlich. Wie langsam er doch ist. Mein Einkaufsstil: Ich weiß vorher schon, was ich will; dann rein ins Geschäft, aus dem Gewünschten etwas aussuchen, bezahlen und raus aus dem Laden. Ich hasse einkaufen. Doch mit Raju macht es mir großen Spaß. Auch wenn es sehr anstrengend ist. Er ist so langsam. Nein! Er ist bedächtig, behutsam und höchst konzentriert. So wie er auch mit mir umgeht …
„Was denkst du über dieses Modell, Jenny?“ Er erklärte mir die verschiedenen Funktionen. „Wir kaufen es!“, beschloss ich. An der Kasse wurde es peinlich. Nachdem ich bezahlt hatte, nahm er meine Hände und drückte sie sanft. Tränen standen in seinen Augen. „Jenny, ich danke dir so sehr. Du machst mich zum glücklichsten Mann auf Erden.“ Ich wusste, er meinte nicht nur die Einkäufe. Der Verkäufer wusste es aber nicht und dachte wohl, Raju sei geisteskrank. Kopfschüttelnd sagte er: „Wie kann man sich nur für ein Handy so begeistern?“
Wir kauften noch Lebensmittel und Getränke im Supermarkt ein. Auch da ließ ich ihm freie Wahl. „Raju, du bist der Koch. Nimm, was du möchtest und was wir brauchen.“ Der Einkaufswagen war voll, die Rechnung zeigte ich ihm nicht. Schwer bepackt ging es nach Hause. Mir fiel das indische Lebensmittelgeschäft in der Nähe meiner Wohnung ein und ich sprach Raju darauf an. Seine Augen leuchteten. Vor dem Geschäft bat er mich, einen Augenblick zu warten. Er nahm das Smartphone aus der Verpackung und steckte es in seine linke Gesäßtasche, die Geldtasche befand sich rechts. „Jenny, bitte, wenn wir etwas kaufen, lass mich bezahlen. Bitte.“ Na klar, ein Mann, ein Inder … „Muss ich auch zwei Schritte hinter dir gehen?“, fragte ich ihn zynisch. Er starrte mich entgeistert an. „Jenny, wieso sagst du so etwas? Ich verehre dich, ich liebe dich!“ An der Eingangstür stellten wir unsere Tüten ab. Raju nahm mich bei der Hand. Nun redete er in seiner Sprache. Aufrecht, die Schultern gerade, mich an der Hand haltend, plauderte er mit den Verkäufern. Ich verstand kein Wort. Er deutete immer wieder auf mich und die Angestellten begrüßten mich höflich. Schön klang seine Stimme. Nicht schüchtern, sondern flüssig und kraftvoll kamen die Worte aus seinem Mund. „Möchtest du heute Okra essen, Jenny?“
Wir kauften alles ein, was Raju benötigte, auch Mangos, Granatäpfel und ein Mandelöl für den Körper. Er zog seine Geldtasche und bezahlte. „Es fehlt nur noch ein Foto von dir, dann ist die Geldtasche glücklich“, lächelte er mich an.
Auf dem Weg nach Hause fragte ich ihn, was er denn mit den Indern gesprochen hatte. „Ich habe dich vorgestellt. Ich habe gesagt, dass wir in der Nähe wohnen und öfter bei ihnen einkaufen werden. Ich habe gesagt, dass du meine Frau bist. Ich habe gesagt, dass du mein Leben gerettet hast. Ich habe gesagt, dass ich dich liebe!“ Ich war sprachlos. Man geht doch nicht einkaufen und stellt sich allen Verkäufern vor. „Jenny, die ganze Welt soll wissen, wie sehr ich dich liebe!“
Es war bereits halb drei geworden, seit fünf Uhr früh waren wir unterwegs. Einiges hatten wir erledigt, doch Rajus Dokumente hatten wir noch nicht. Morgen müssen wir es wieder versuchen. Raju hatte außer einem kleinen Imbiss noch nichts im Magen. Auch ich war hungrig, vor allem aber erschöpft. Tanja will gegen achtzehn Uhr vorbeikommen, auch das noch! Ich schenkte mir ein Glas Wein ein, ging aufs WC und rauchte.
Raju kniete vor meiner Bettseite. Die Geldtasche und das Smartphone lagen auf dem Bett. Er betete. Er hatte sich wieder umgezogen, besser gesagt ausgezogen. Nur das Handtuch bedeckte seine Lenden. Die Geldtasche und sein neues Handy legte er auf den Nachttischkasten neben seiner Bettseite. Ich entdeckte auch die Packung Feucht-Tücher und zwei kleine Handtücher. Auch ich zog wieder Bluse und Leggins an.
„Jenny? Denkst du, deine Freundin mag Okra-Gemüse? Ich koche leckeres Gemüse mit Hirse. Vielleicht mag sie auch Mango?“ Mir war egal, was Tanja mochte oder nicht. Wegen ihr hatte ich eine saftige Rechnung vom Schlüsseldienst erhalten. Doch Raju und ich mussten sowieso essen. Dann war es besser, ein gesundes Gericht zu kochen.
„Jenny, du siehst müde aus.“ „Ich bin auch müde, du nicht?“ „Doch. Aber nicht müde zum Schlafen. Ich mag keine Träume mehr, sie sind meistens schlecht.“ Sein Blick wanderte zum Fenster.
„Raju, wie lange dauert das Kochen? Ich helfe dir dabei.“ „Zu zweit ungefähr eine Stunde.“ Wir hatten noch drei Stunden, bevor Tanja kommen würde. „Raju, wenn Tanja kommt, kannst du dir bitte etwas anziehen?“ Er nickte. „Jenny, ich wollte mich nie nur mit einem Handtuch bekleidet vor ihr zeigen. Es ging alles so schnell, als sie läutete. Dann musste ich mich noch entblößen. Du wolltest doch, dass sie meine Verletzungen sieht. Ich habe mich so geschämt, Jenny!“ „Bei mir läufst du auch nur mit einem Handtuch um die Hüften herum!“ „Jenny, du hast mich gerettet. Du hast meine blutigen Wunden versorgt. Du hast mir warmes Essen und Trinken gegeben. Du hast ‚bitte‘ zu mir gesagt. ‚Bitte setzten Sie sich‘, hast du gesagt. Du hast nachts nach mir gesehen. Als es mir nicht gut ging, hast du mich in deinem Bett schlafen lassen. Jenny, ich fühle mich frei bei dir. Und ein freier Mann braucht doch nur ein kleines Tuch oder ein Handtuch.“
Ich lachte laut, er lachte auch und der Schalk blitzte aus seinen Augen. „Raju, ich liebe dich. Komm jetzt, lass uns wenigstens eine Stunde schlafen.“
