Kitabı oku: «Die sprechenden Augen», sayfa 6
Jenny
Ich erinnerte mich an die ersten Stunden in meiner Wohnung mit ihm. Er hatte den Tee und die Suppe hastig ausgetrunken, im Stehen! Er hatte mich nicht angesehen und als ich ihm die Hand gereicht hatte, hat er seine eilig zurückgezogen.
„Was geschah dann, Raju?“ Seine Augen wirkten leer und waren in die Ferne gerichtet. Er sprach weiter: „Dann habe ich das Geschirr gewaschen und die Küche und das Esszimmer saubergemacht. Ich wusste nicht, was als nächstes kommt. Braucht sie mich heute noch? Was soll ich zum Frühstück vorbereiten? Bitte keine Peitsche, bitte keine Zigaretten, bitte kein Schlecken, betete ich. Später schlich ich zum Schlafzimmer. Die Frau lag zugedeckt im Bett und schlief. Gott hatte mich erhört! Ich ging in meinen Keller, zog den Anzug aus und legte mich nackt auf die Matratze. Lange habe ich geweint, doch mein Penis half mir, dass ich einschlafen konnte. Dann kam der nächste Tag … Weiter möchte ich nicht mehr erzählen“, sagte er und schloss die Augen.
„Raju, warum hast du dich nie gewehrt? Du hättest doch dieses Ehepaar um Hilfe bitten können.“ Er zuckte nur seine Schultern. „Was kann ich sagen? Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, Jenny.“ Still weinte er vor sich hin. „Raju, es ist vorbei! Sieh nur die Sonne, diesen schönen Park – und ich bin bei dir!“ „Lass uns bitte nach Hause gehen, Jenny. Bitte, lass uns nach Hause gehen, zu dir.“
Auf dem Weg nach Hause hielt er fest meine Hand, sein Kopf war gesenkt, er starrte nur auf den Gehsteig. „Jenny, ich war so feige, so mutlos. Die Frau hat etwas an sich … ich weiß nicht, was. Wirst du ebenfalls so was mit mir tun?“ „Nein, Raju, niemals werde ich dir Schlimmes antun.“ „Auch wenn du es machst, ich würde es ertragen. Von dir würde ich alles ertragen. Ich liebe dich, Jenny. Du hast mir mein Leben, meinen Namen, meine Augen, mein Lächeln und mein Lachen zurückgegeben. All das behalte ich jetzt!“
Vor der Haustür überreichte ich ihm meinen Schlüssel, ich besaß noch zwei Reserveschlüssel in der Wohnung. Erstaunt sah er mich an. „Raju, sperre auf. Das ist jetzt dein Schlüssel. Herzlich willkommen zu Hause“, und ich lächelte ihm ermunternd zu. Er zitterte, als er den Schlüssel im Schloss umdrehte. Im Lift betrachtete er sich. „Schau, Jenny, ich stehe neben dir. So anders sehe ich aus. Neben dir sehe ich aus wie ein Mensch. Du hast wieder einen Menschen aus mir gemacht.“ Vor der Wohnungstür zögerte er. Sein Gesichtsausdruck war sehr konzentriert. „Na los, Raju, sperr auf! Herzlich willkommen zu Hause.“ Mit zittrigen Händen öffnete er die Tür. Tränen liefen ihm übers Gesicht. Langsam und ernst ging er ins Badezimmer. Dann wurde er augenblicklich euphorisch. Dieser Mann ist doch manisch-depressiv, schoss es mir in den Kopf. Er braucht ganz sicher eine Psychotherapie. Tanja hat recht!
Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt.
„Jenny, sieh nur, alles ist noch da! Hier hast du mich verbunden, mir die Salbe aufgestreichelt, mir die Haare gewaschen und geschnitten. Schau, hier habe ich geduscht und die Körperlotion aufgestreichelt.“ Er lief in die Küche und zählte alles auf, was er dort erlebt hatte. Er öffnete den Kleiderschrank im Vorzimmer. „Jenny, dieses schöne Gewand! Morgen ziehe ich eine Jeans an und ein Hemd. Welches Hemd soll ich morgen anziehen? Gehen wir morgen wieder spazieren?“
Im Zimmer wurde er ruhig. Jedes Möbelstück betrachtete er, als ob es das erste Mal wäre. Lange stand er vor der Glasvitrine mit den Elefanten. Dann blickte er aus dem Fenster. „Schön ist es hier.“ Er strich zärtlich über das Bett. „Schau, Jenny, hier schlafe ich und auf dieser Seite du. Hier habe ich dich zu meiner Frau gemacht und du mich zu deinem Mann.“ Dann kniete er sich vor meine Bettseite und fing zu beten an.
Ich ließ ihn beten, ging in die Küche und schenkte mir einen Whisky mit Wasser ein. Mit Whisky und Zigaretten setzte ich mich auf das WC.
Was für ein Tag! Wie glücklich er im Park war. Dann wieder eine schreckliche Geschichte! Hätte ich mir das gefallen lassen? Ich denke nicht. Mein ganzes Leben tue ich, was mir gefällt. Ich liebe meine Unabhängigkeit und meine Freiheit. Ich habe schon einige Jobs hingeschmissen, nur weil ich mich nicht einem System oder für mich unpassenden Vorgesetzten unterordnen wollte. Warum ist er so schwach? Ich hätte mich gewehrt! Er hat in diesem Haus gekocht und geputzt. Da gibt es doch Werkzeuge, Messer, scharfe Reinigungsmittel. Wieso hat er nicht etwas davon in ihr Glas getan? Wieso hat er nicht einfach ein Küchenmesser in sie gestochen? Ich hätte dies getan. Niemand kann mich unterwerfen!
Ich dachte über seine Erzählungen nach. Er kam illegal. Das war sicher nicht einfach, wenn ich an die TV-Nachrichten über Flüchtlinge denke. Wenn sich jemand zu diesem Schritt entschließt, dann braucht er Mut, Kraft und Stärke. Der Raju, den ich kenne, hätte das niemals geschafft.
Ist er durch diese Teufelin krank geworden oder war er schon immer labil? Und ich? Ich betrachte ihn weder als normalen Mitmenschen noch als Patienten. Ich habe mich in ihn verliebt! Wenn er jetzt gehen müsste, ich würde ihn vermissen. Ich bin nicht religiös, doch jetzt betete ich. Mit dem Glas Whisky in der Hand und einer Zigarette im Mund, betete ich:
„Gott, oder was immer du bist, mache ihn gesund! Gib ihm Gesundheit und Kraft. Gib ihm Stärke, Selbstbewusstsein und alles, was ein Mensch so braucht. Gib ihm Freiheit! Gib ihm einfach das, was er sich wünscht. Bitte! Tue das für Raju, für meinen Raju“, und ich weinte bitterlich.
Es klopfte. „Jenny?“ Er öffnete die Tür. „Jenny, wieso weinst du? Komm, Jenny, komm raus.“ Er führte mich in die Küche. Ich setzte mich, er goss mir ein neues Glas Whisky ein. „Zur Beruhigung“, sagte er. Dieselben Worte hatte ich gesprochen, als ich ihm am ersten Tag ein Glas anbot. Was ist nur los? Ich muss mich um ihn kümmern! Jetzt kümmert er sich um mich? Ich denke, ich habe einen Nervenzusammenbruch. „Raju, so geht das nicht. Ich bin kaputt, meine Nerven …“
Mein Handy klingelte. Es war 19.10 Uhr. „Hallo?“ Es war Tanja. „Entschuldigung, wenn ich dich störe, aber später habe ich keine Zeit mehr.“ Sie erzählte mir von einem Patienten, welchen wir dazu bekommen hatten. Sie berichtete über ihre Einsätze und alle Neuigkeiten. „Wie lange bist du noch im Krankenstand?“, fragte sie. „Zirka eine Woche.“ „Super, dann ist alles wieder normal. Was macht der Typ?“ „Es geht ihm soweit gut. Die Wundheilung verläuft optimal.“ „Cool, dann kannst du ihn endlich rausschmeißen. Hoffentlich bekommst du keine Anzeige.“ „Ich war heute mit ihm spazieren, im Park.“ Tanja sprach nun ganz ruhig: „Jenny, ich weiß nicht, was dir an ihm gefällt. Ich weiß, du hast ein großes Herz, ein zu großes. Denk auch an dich!“ Dass ich mit Raju geschlafen hatte, erzählte ich ihr natürlich nicht. „Tanja, ich melde mich wieder. Muss es 10.30 Uhr sein?“„Nein, aber einmal am Tag rufst du mich an. Wenn nicht, komme ich mit den Bullen.“ Ich lachte und legte auf.
Raju fragte: „War das deine Freundin?“ Ich bejahte. „Sie mag mich nicht, weil ich so unhöflich war. Jenny, ich bin nicht unhöflich. Ich möchte sehr gerne höflich sein. Du musst es mir nur zeigen, wie ich das machen soll.“ „Raju, ich muss mich ausruhen und du dich auch. Du musst essen, ich habe ebenfalls Hunger.“ Ich bestellte eine extra große Pizza. „Raju, in ungefähr zwanzig Minuten kommt die Pizza.“ Ich gab ihm Geld. „Wenn es läutet, öffne und gib dem Lieferanten ein Trinkgeld.“ Ich war erschöpft und gereizt. Wie soll das weitergehen? Mein Bankkonto? Mein Leben? „Jenny, die Pizza ist da! Essen wir?“ Nur mit seinem um die Hüften geschlungenen Handtuch servierte er auf meinem – unserem? – Bett die Pizza. „Deine Gerichte schmecken besser, Raju.“ „Wenn man liebt, schmeckt jedes Essen sehr gut, Jenny.“
Später schaltete ich den Fernseher ein, ich wollte mich etwas ablenken. Raju lag auf dem Bauch neben mir. Ich betrachtete seine Wunden, sie waren getrocknet. Ich könnte ihm die Heilsalbe auftragen, überlegte ich. Doch er schlief. Endlich schlief er. Ganz gelöst lag er da, ruhig und gleichmäßig ging sein Atem. Ich war zufrieden, ich möchte ihn so sehr glücklich sehen. Hoffentlich hat dieser Gott mein Gebet erhört! Zärtlich strich ich ihm übers Haar. Er bewegte sich ein wenig. „Ich liebe dich, Jenny“, murmelte er. Dann schlief er weiter, ganz locker und entspannt.
Punkt fünf Uhr morgens erwachte ich, gut hatte ich geschlafen. Ich wurde munter, da Raju sich bewegt hatte. Er lag immer noch ausgestreckt auf dem Bauch. Langsam drehte er sich um und setzte sich auf.
„Was möchten Sie frühstücken?“ Seine Augen blickten ins Leere, sein Gesichtsausdruck wirkte verstört. Es ist fünf Uhr! Wieso ist er um diese Uhrzeit immer wach, wieso schaut er dann so seltsam? Warum sagt er „Sie“ zu mir? Ich erinnerte mich an folgende Worte von ihm: „Ich muss immer um fünf Uhr aufstehen, ich darf nicht verschlafen. Nie wieder darf ich verschlafen.“
Ich nahm seine Hände und drückte sie fest. „Raju, ich bin es, Jenny! Schau mich an, schau mich an, sieh mir ins Gesicht!“ Er sah mir in die Augen. Langsam wurde sein Blick weich, er erkannte mich. „Jenny, du bist es. Ich bin bei dir, Jenny.“
Raju
Jenny, das ist Jenny und nicht diese Frau! Sie lächelt mich an. Ich sitze in ihrem Bett, in diesem wunderbaren Bett, in dieser wunderschönen Wohnung. Meine Jenny! Bitte sag mir, was ich für dich tun kann. Möchtest du Frühstück? Gerne würde ich dich streicheln. Gerne würde ich dich küssen. Was soll ich tun? Jenny, gib mir Befehle! Ich mache alles, was du willst. Gerne würde ich dich liebhaben, ich bin doch dein Mann! Bin ich ein Mann? Als ein Mann würde ich dich jetzt lieben … ich liebe dich, Jenny! Ich begehre dich, ich will dich streicheln, ich will dich küssen, ich will so gerne in dir sein, Jenny. Wie lieb du mich anschaust. Was sagst du, Jenny? Du sprichst irgendwas, ich verstehe nicht. Doch deine Stimme, sie klingt so sanft. „Raju, es ist zu zeitig, um zu frühstücken“, sagt sie. Sie meint, ich soll mich auf den Rücken legen, sie will mich streicheln, sie will mich küssen. Das hast du gesagt, Jenny? Ich lege mich hin und sie beginnt mich zu liebkosen. Oh, wie sanft, wie gut sie streichelt. Nun küsst sie mich, sie küsst mich auf die Lippen, sie küsst in mich, unsere Zungen tanzen, sie tanzen wie ein Liebespaar.
Jenny, komm auf mich, ich möchte in dir sein. Bitte, Jenny, komm auf mich. Ich nehme sie an den Hüften und schiebe sie sanft auf mein Glied. Keine Angst, Jenny. Ich tue dir nicht weh. Ganz tief bin ich in dir und du bist in mir. Wir küssen uns. Oh, Jenny! Immer möchte ich so mit dir zusammen sein. Auf und ab, auf und ab … Ganz fest presse ich mich in dich, ganz schnell und stark drücke ich. Wir kommen! Wieder sind wir Eins und es gibt nur dich und mich, Jenny. „Ich liebe dich, Jenny!“
Jenny
Ich lag auf ihm, mein Gesicht auf seinen Brusthaaren gebettet. Wie gut er roch. „Elende, stinkende Kreatur“, hatte ihn die Frau, diese Teufelin genannt. „Raju, du riechst so gut.“ Er hielt mich fest umschlungen. „Du duftest auch so gut, Jenny.“ Wir schliefen bis zum Mittag.
Raju schlug vor, einen Paprika-Kartoffel-Eintopf zu kochen. Ich stimmte begeistert zu. „Raju, wollen wir ein Picknick im Park machen?“ Ich erklärte ihm, was ein Picknick ist. Seine Augen strahlten vor Freude. „Im Park beim Brunnen?“ „Nein, in einem sehr großen Park. Dort gibt es einen kleinen See. Wir legen eine Decke auf das Gras und machen Picknick. Doch jetzt würde ich dich gerne mit der Heilsalbe eincremen.“
Er stand nackt im Badezimmer vor dem Waschbecken und urinierte sein Sussu. Erstaunlich, dass er sich nie vor mir geniert – vor Tanja schon!
Ich cremte seinen Rücken und Po ein. Er stöhnte. „Raju, hast du schon wieder einen Steifen?“ „Jenny, bitte sei nicht böse, ich kann doch nichts dafür. Es passiert einfach, wenn du mich berührst. Deine Hände, Jenny …“ Fest presste er sein Glied an das Waschbecken. „Ich will nicht deinen Boden schmutzig machen. Bitte hör auf, mich zu streicheln.“ Ich hörte auf. Er drehte den Kaltwasserhahn auf und hielt seinen Penis unter das fließende Wasser. Nach einer Weile: „Er schläft jetzt. Kann ich das Gemüse für das Picknick kochen?“ Er band sich ein Handtuch um seine Hüften, ging in die Küche und schenkte uns beiden je ein Glas Wein ein. Während er kochte, saß ich am WC und rauchte. Ich rief Tanja an. „Tanja, ich gehe heute in den großen Park mit dem Teich. Wir werden ein Picknick machen, Raju und ich. Tanja, ich habe mit ihm geschlafen, zweimal schon.“ Dann legte ich auf und stellte das Handy ab. Mir egal, soll sie doch mit den Bullen kommen!
Raju und ich packten eine Decke, das Essen und eine Flasche Wein in den Rucksack. Er hatte sich für eine Jeans und ein kurzärmeliges Hemd entschieden. Wir fuhren mit der Straßenbahn. Die ganze Zeit sah er aus dem Fenster. Als wir ankamen, nahm er den Rucksack. „Raju, du sollst den Rucksack nicht auf deinem Rücken tragen.“ Er hängte ihn sich über seine linke Schulter. Wir spazierten durch den großen Park. Viele Leute waren da, alle wirkten entspannt. Auch Raju wirkte entspannt, doch meine Hand hielt er nicht. Wir kamen an einem Tiergehege vorbei: Schafe, Ziegen und anderes Klein-Getier. Raju lächelte mich an. „Die Milch schmeckt sehr gut“, und er deutete auf die Schafe und Ziegen.
Der kleine See! „Ich möchte hier picknicken“, sagte ich. Raju bereitete alles vor. Wir saßen zusammen auf der Decke, genossen die Speisen und den Wein. Verträumt blickte er auf den See. „Raju, darf ich rauchen?“ „Natürlich, Jenny, es macht mir nichts aus. Du tust mir ja nicht weh mit der Zigarette.“ „Nein, ich werde dir nie wehtun.“
„Morgen ist Dienstag, Jenny. Du hast gesagt, bis nach dem Feiertag darf ich bei dir bleiben. Was mache ich morgen?“ Ängstlich sah er mich an. „Du kannst weiterhin bei mir bleiben, wenn du willst. Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. Ich werde dich nicht alleine lassen.“ „Jenny, ich werde dich auch nicht alleine lassen. Du hast mich zu deinem Mann gemacht. Ich werde immer für dich da sein!“ Liebevoll küssten wir uns.
Dann schlug ich ihm meinen Plan vor: „Morgen mache ich einen Termin beim Arzt. Dann gehen wir zur Polizei und zeigen diese Frau an. Ich werde auch einen Rechtsanwalt beauftragen. Du musst die Scheidung durchsetzen. Wir holen Antragsformulare vom Gericht. Was am wichtigsten ist, Raju, du musst deine Dokumente zurückholen!“ „Aber meine Dokumente hat die Frau.“ „Dann gehen wir eben zu ihr und verlangen die Dokumente!“ Raju fing zu zittern an. „Jenny, ich will nicht diese Frau wiedersehen, ich will nicht in dieses Haus!“ „Ich gehe mit dir, sie muss deine Papiere rausrücken. Das ist dein Recht, Raju!“ „Ich habe meine alten Dokumente, Geburtsurkunde, meinen indischen Reisepass und ich habe auch einen neuen Reisepass von deinem Land. Ich habe auch eine Krankenversicherungskarte und diese gottverdammte Heiratsurkunde!“ Er seufzte. „Was ist ein Rechtsanwalt, Jenny?“ Ich erklärte ihm den Begriff. „Ah, ein Advokat. Du möchtest einen Advokaten? Das ist doch sehr teuer. Du kannst doch nicht so viel Geld für mich ausgeben. Du hast ja schon so viel für mich bezahlt, Jenny. Ich habe nur 130 Euro. Reicht das wenigstens für den Advokaten?“ „Nein, ich denke nicht. Mach dir keine Sorgen, Raju. Noch habe ich etwas Geld auf meinem Sparkonto. Vielleicht werde ich auch kündigen und um eine Auszeit bitten. Es wird schon irgendwie gehen.“ „Jenny, ich will dir alles zurückgeben. Alles! Meine 130 Euro sind im Keller in einer Socke versteckt.“ Dann erzählte er mir wieder eine unglaubliche Geschichte:
Raju
„Alle paar Wochen fuhren wir sonntags in die Innenstadt zu den Büroräumen der Frau. Ihre zwei Angestellten, unsere Trauzeugen, waren auch dort. Sie machten Ordnung in den Akten, so was wie Inventur. Ich war dort zum Putzen. Alles habe ich gereinigt: Fenster, Böden, Möbel, Lampen, einfach alles. Danach hat sie uns bezahlt. Ich bekam zehn Euro.“ „Zehn Euro die Stunde?“, unterbrach mich Jenny. „Nein, zehn Euro für den ganzen Tag.“ „Und die anderen beiden Leute?“ „Die bekamen je hundert Euro.“ Jenny rechnete nach. „Dann warst du dreizehn Mal dort.“ „Nein, ich war sechzehn Mal zum Putzen dort. Aber dreißig Euro hat sie mir wieder abgenommen. Sie war so wütend, da ich schon wieder Seife und Zahnpasta benötigte. Auch das Brot und der Käse waren aus. Sie schrie mich an, dass ich ein Schmarotzer sei, dass ich ihr zu teuer käme. Ich gab ihr dreißig Euro und bat sie um diese Dinge. Ich bat sie auch, mir eine Wurst zu kaufen. Am nächsten Tag erhielt ich das Gewünschte. Sie hatte mir eine große Stange Wurst gekauft. Ich erhielt alle sieben Tage meine Wochenration: Achtundzwanzig Stück Brot, fünfundzwanzig Scheiben Käse. Ich aß morgens zwei Stück Brot mit zwei Scheiben Käse und abends das gleiche. Am vorletzten Tag hatte ich nur noch drei Scheiben Käse und musste am letzten Tag trockenes Brot essen. Deswegen habe ich 130 Euro.“
Jenny
Zwei Jahre lang nur ein wenig Brot und Käse für einen erwachsenen Mann! Den Tod wünsche ich dieser Teufelin! Nein, besser soll sie elendig verrecken!
„Was hast du alles durchmachen müssen! Wie viele Narben deine Seele wohl hat? Werden sie je heilen? Wirst du dies jemals verkraften?“ Lächelnd blickte er mich an. „Jenny, ich bin ja jetzt bei dir. Das ist das reinste Paradies. Hätte ich nicht die Hölle durchlebt, wäre ich jetzt nicht im Himmel. Mach dir keine Sorgen. Solange du mich magst, verkrafte ich alles. Außerdem hast du mir das größte Geschenk gegeben! Ich kann wieder lieben und ich liebe dich, Jenny. Dieses Geschenk kann mir niemand mehr wegnehmen.“ „Raju, woher nimmst du nur immer solch schöne Worte? – Trotzdem brauchst du eine Psychotherapie. Solch schlimme Dinge kann man nicht einfach vergessen.“
Es dämmerte. „Lass uns nach Hause fahren, Raju.“ Freudig packte er alles in den Rucksack. „Ja, Jenny, fahren wir nach Hause …“
Zu Hause duschten wir. Zuerst ich, dann er. Raju brauchte ja dreimal so lange wie ich. Ich recherchierte im Internet nach einem Rechtsanwalt in Sachen Scheidungsangelegenheiten und wurde fündig.
Raju stand vor mir, nur ein Handtuch um seine Hüften gebunden. „Jenny, denkst du, wir könnten mal zusammen duschen?“ Wieder dieser fragende, etwas ängstliche und sehr begehrende Blick in seinen großen Augen. Meine Güte, hat dieser Typ immer nur Sex im Kopf? Ich lenkte das Thema auf etwas anderes: „Kennst du dich mit einem Computer aus, Raju?“ Kopfnicken. „In der Wohnung, in der ich damals mit den anderen Indern zusammen lebte, war ein Computer mit Internetanschluss. Wir konnten indische Filme sehen und Zeitungen in unserer Schrift lesen. Das war schön nach einem Arbeitstag.“ „Komm, setze dich und beschäftige dich mit dem Computer. Ich will sowieso etwas fernsehen.“ Vielleicht verwendet er sein Hirn ja mal für was anderes, dachte ich schmunzelnd.
Ganz vertieft stöberte er im Internet. Ich schaute einen spannenden Film. Manchmal ertönte ein: „Mein Gott, was hat sich alles verändert. Wahnsinn, hast du das gewusst, Jenny?“, so plapperte er vor sich hin.
„Ich lese nur Zeitung, Jenny.“ „Ja mach nur.“ Nach einiger Zeit: „Ich lese nur Zeitung, du brauchst dich nicht zu sorgen.“ „Warum sollte ich mich sorgen?“ „Na ja, vielleicht denkst du, ich schaue etwas anderes.“ „Raju, du kannst schauen, was du willst. Lass mich endlich den Film sehen!“ Doch jetzt war ich unkonzentriert und nervös. Er ist wie ein kleines Kind. Kann er sich nicht mal einige Zeit alleine beschäftigen? „Was meinst du mit ‚etwas anderes schauen‘?“ Raju errötete. Ich verstand! Na klar, Männer ohne Frau! Was sehen die sich wohl an, wahrscheinlich Pornos. Ich lachte laut. Wie süß er doch ist. „Raju, erzähle doch“, lächelte ich ihm ermunternd zu. Verzweiflung und Schamgefühl in seinen Augen: „Jenny, ich tue es nie wieder. Das war damals, da kannte ich dich noch nicht.“ „Was hast du denn getan? War es etwas Schlimmes?“ „Ich weiß nicht, ob es schlimm war. Ich hatte es nicht als schlimm empfunden. Aber heute würde ich es schlimm finden.“ „Du machst mich neugierig, erzähle schon!“ Beschämt senkte er den Kopf und erzählte: