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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 20
Ruff ging, nachdem er getanzt und verschiedene Kunststücke vorgetragen hatte, mit dem Sammelteller umher und erntete reiche Gaben. Die Leute standen vor den Türen, sie sprachen von Krieg und Frieden, sie trugen noch alle die Erinnerung an den durchlebten Tag frisch im Herzen – solche Stimmung macht freigebig, verwischt den Geiz und den Ärger.
Die Wagen krochen im Schneckenschritt davon. Kinder und Erwachsene hatten reiche Geschenke erhalten, alles zählte Geld und sang und sprang vor Vergnügen.
Jasko spielte die Geige. »Es geht jetzt durch den Wald«, sagte er, »wir haben wenigstens acht Tage vor uns, in denen kein weißer Mensch und kein Haus uns begegnet.«
»Aber dafür andere Zigeuner?«
»Der ganze Stamm, ja.«
»Könnte man doch nach Hause schreiben!« dachte Onnen. »Was würde meine arme gottesfürchtige Mutter sagen, wenn sie mich unter Halbwilden wüßte!«
Aber er sprach es nicht aus. Die braunen Nomaden waren im Augenblick seine einzigen Freunde und er hütete sich, sie zu beleidigen.
Ein stolzer, echt nordischer Wald zeigte sich den Blicken. Hohe uralte Eichenstämme wiegten ihre Kronen im Wind, ein brauner Blätterteppich bedeckte den Boden, hie und da erschienen zwischen dem Grün die ersten, vom Sonnenbrand rotgefärbten Schattierungen. Der Specht hämmerte an den Rinden, die Taube gurrte; im tiefsten Schöpfungsfrieden lag unter den Strahlen des aufgehenden Mondes die Natur.
Dichtes Moos bedeckte den Weg. Im Walde war es fast dunkel; die Zigeuner führten jetzt ihre Tiere und befestigten auf den Wagen kleine Laternen, während Ruff ohne Maulkorb an der Kette ging.
»Das ist der Wölfe wegen«, erklärte Mikosch. »Sie fürchten den überlegenen Feind ihres Geschlechtes.«
Es flatterte und zwitscherte unter den Zweigen, es raschelte im Moos. Hie und da zeigten die Wurzelüberreste stolzer Stämme, daß der Mensch seinen Bedarf an Brennholz da genommen hatte, wo er ihn zunächst fand; endlich hörten auch diese letzten Spuren menschlicher Tätigkeit ganz auf und das Gebiet des Urwaldes begann.
Füchse bellten in weiter Ferne; es raschelte und ein Geweih durchbrach die Zweige. Flüchtig wie der aufgeschreckte Vogel setzte ein Hirsch in Sprüngen davon.
»Jagt ihr niemals das eßbare Wild?« fragte Feiko.
»Nie. Irgendwo bei den Bauern findet sich schon etwas Fleisch; im Lager unserer Freunde wird es euch an nichts fehlen.« Die Deutschen sahen einander an. »Man jagt in den Hühnerhöfen oder Ställen der Landleute«, raunte Onnen. »Das ist bequemer.«
Mikosch besaß eine Uhr und diese zog er jetzt hervor. »Gleich elf! – Etwas nach Mitternacht werden wir den Stamm erreicht haben.«
Seitwärts zwischen den Bäumen sprang eine Quelle aus dem Boden hervor und plätscherte lustig zu Tal. Ein Höhenzug begrenzte den Weg, ganz oben wob der Mond seine Silberschleier um die Wipfel.
Zuweilen richtete sich der Bär plötzlich auf und brummte, dann erklang aus den Büschen ein Ton wie verdrießliches Wimmern – die Wölfe flüchteten in ihre Verstecke.
Breiter, immer breiter wurde der Quell; Blumen blühten an seinen Rändern, üppiges Schilf und Binsen mit wehenden Schäften. Wilde Schwäne tauchten auf und erhoben sich mit lautem Schrei hoch in die Luft, Scharen von Enten schwammen schnatternd zwischen den Halmen, gefolgt von ihrer zweiten Brut, kleinen gelbgefiederten Vögelchen, die hastig den Alten nachsegelten.
Durch die Stämme schimmerte ein heller Punkt wie ein Auge oder wie ein Stern, zuweilen verdeckt und dann plötzlich wieder erscheinend, größer, glänzender, endlich ein Feuer, dessen Flammen den Rauch wie eine halbgeneigte Riesenfeder hinaufsandten gegen den sternenbedeckten Nachthimmel.
Mikosch deutete mit dem Peitschenstiel hinüber. »Da sind sie!« sagte er.
Der Wald wurde offener, freier, der Bach dehnte sich zum See, von nickendem Schilf umrahmt; eine weite Lichtung lag vor den Blicken der Ankommenden. In dem inneren Teile derselben brannte das Feuer, zwölf bis zwanzig Zelte standen nebeneinander, man sah die hingestreckten Gestalten mehrerer Männer, aber kein Ton wurde gehört, kein Willkommenruf begrüßte den Anführer des Stammes.
Mikosch schien unruhig zu werden. »Hallo!« rief er. »Alexei!«
Ein hochgewachsener Mann erhob sich und ging den Wagen entgegen. »Vater Mikosch«, sagte er, »du kommst zu den deinen in böser Stunde.«
»Weshalb?« fragte hastig der Zigeuner. »Ist jemand gestorben?«
»Du errätst es«, zögerte Alexei. »Das Unglück wird dich sehr betrüben, Mikosch.«
Der Alte ließ den Peitschengriff aus der zitternden Hand fallen. »Barbarin, mein Bruder!« stammelte er.
Das Schweigen des anderen bestätigte seine schlimme Ahnung. »Wie konnte es nur geschehen?« fragte er hastig. »Barbarin war jünger als ich!«
»Er ist auch keines natürlichen Todes gestorben, Mikosch. Uns begegneten Franzosen, sie hielten Barbarin für einen russischen Spion – ihre Kugel steckt in seiner Brust.«
Unter den Zeltdächern war es während dieses kurzen Gespräches lebendig geworden; eine Anzahl von Männern umringte den Häuptling, spannte die Pferde aus und brachte Nahrungsmittel herbei. Die Leute schienen auf den ersten Blick die Verkleidung der Deutschen zu durchschauen, sie stellten keinerlei Fragen, sondern boten ihren Gästen Brot und Fleisch neben den Überresten einer schwärzlichen Suppe, die im Kessel am Feuer brodelte.
Wo sie schlafen wollten, das schien man ihnen selbst zu überlassen. Die Zelte beherbergten offenbar nur Frauen und Kinder; jeder Mann streckte sich auf das Moos, wo er gerade ging und stand.
Mikosch nahm von alledem keine Notiz. Auf einer kleinen Anhöhe, etwas vom Feuer entfernt, lagen Bärenfelle ausgebreitet und auf diesen ruhte, verhüllt von einem roten Tuche, eine menschliche Gestalt. Blumen und bunte Bänder waren phantastisch ringsumher ausgebreitet, mehrere Waffen lagen zu Füßen des Toten, ein großer Wolfshund kauerte daneben, ohne sich von seinem Platze entfernen zu lassen.
Mikosch zog mit leiser Hand das Tuch herab. »Barbarin«, sagte er traurig, »o mein Bruder, mein letzter Bruder!«
Er setzte sich neben den Toten und nahm eine seiner erstarrten Hände. »Wie mich das Unglück erschreckt hat, Alexei! – O lieber Gott, vor wenigen Wochen verließ ich ihn gesund und lebensfrisch!«
»Er war es noch bis gestern nacht, Mikosch. Die Franzosen haben ihn gemordet.«
Der Zigeuner senkte den Kopf. »Auch ihn«, murmelte er, »auch ihn. Die Schuldenlast wächst furchtbar und sie soll getilgt werden, ja, sie soll getilgt werden!«
»Wie kam es?« setzte er dann hinzu. »Was begehrten die Franzosen von dem armen Barbarin?«
Alexei ballte die Faust. »Wir begegneten einem ihrer Regimenter«, antwortete er, »es war vom Wege abgekommen und in einen Sumpf geraten, ihm fehlte ein ortskundiger Führer. Da winkte der Kommandeur deinem Bruder und gebot ihm, die Truppen nach Witebsk zu bringen, aber Barbarin weigerte sich dessen. Als Russe wollte er den Feinden des Vaterlandes keine Dienste leisten. Du würdest ebenso gehandelt haben, Mikosch!«
»Gewiß!« nickte der Zigeuner, »gewiß!«
»Barbarin behauptete, selbst den Weg nicht zu kennen«, fuhr Alexei fort, »und da erschoß ihn der Franzose auf dem Fleck. Es war nur eine einzige schnelle Bewegung, niemand konnte voraussehen, was folgen würde.«
Mikosch sah schweren Blickes empor. »Hat keiner von euch den Namen des Mörders erfahren?« fragte er die übrigen.
»Doch, Mikosch. Er heißt Oberst Jouffrin.«
Das Auge des Zigeuners blitzte plötzlich auf. »Der also!« rief er. »Ich kenne ihn wohl, ich finde ihn unter den Tausenden, die unser armes Land überfluten! Ich finde ihn!«
Niemand antwortete. Leise rauschte in den Baumkronen der Wind, stumm trauernd saß das Haupt des wandernden Stammes neben dem Toten und hielt dessen Hand. »Schlaft!« flüsterte Alexei den Deutschen zu, »schlaft oder eßt! Wir bleiben jedenfalls noch bis übermorgen an dieser Stelle.«
Er deutete nochmals auf die gehäuften Vorräte, dann brachte er einige Decken herbei und überließ die jungen Leute sich selbst.
»Ohne Zweifel war auch Barbarin ein russischer Spion«, meinte Feiko. »Der Zweck der ganzen Reise ist für Mikosch vereitelt. Die beiden unterrichten das Generalkommando in Smolensk von der Stellung der französischen Truppen; sie bilden mit allen ihren Helfershelfern eine Kette von Spionen, die das ganze Land überzieht.«
»Dann wird wohl Alexei jetzt an die Stelle des Erschossenen treten.«
»Seht einmal«, flüsterte Georg, »kommt euch das nicht ein wenig heidnisch vor?«
Ein Kreis von Frauen umgab die Leiche, unaufhörlich murmelnd und mit den Oberkörpern von einer Seite zur anderen wiegend.
»Er verstand die geheimsten Künste«, raunte die eine, »er konnte in den Sternen und in den Linien der Menschenhand lesen; Barbarin stillte mit drei Worten das rinnende Blut, er heilte alle Wunden.«
»Er war der schnellste Reiter seines Volkes, er konnte den bösen Blick beherrschen und verstand die Zauberei aus dem Grunde.«
»Barbarin ist tot. Seine Seele schreit um Rache an dem Mörder!«
»Rache! Rache!« wiederholten alle.
Aus dem Kreise erhob sich eine uralte Frau, eisgrau und wankend; sie ging zu einem der Wagen und ließ sich durch einen jungen Burschen ein Kästchen reichen, das sie öffnete und dem ihre Hand einen unkenntlichen Gegenstand entnahm.
»Führe mich«, murmelte sie, matt die Arme ausstreckend, »führe mich!«
Zwei Zigeuner geleiteten die Hundertjährige zum Feuer, an dessen Rand sie zusammensank. Das bunte Tuch war von ihrem Kopfe herabgeglitten, das dunkle Gesicht glich dem einer Mumie; nur die Augen sprachen von einem verborgen glimmenden, leidenschaftlich angefachten Hasse, der die Seele der Alten erfüllte.
Ihre dürre Hand hielt ein wächsernes Herz, wie man es in katholischen Ländern vielfach trifft, bestimmt zum Opferdienst an heiliger Stätte – hier aber ein Zaubermittel, das Werkzeug einer Rache, deren Ausführung halb komisch erschien, halb grauenvoll.
Alexei reichte der alten Frau ein langes spitzes Messer, das sie mitten in das wächserne Herz hineinstieß. Dann hielt sie es in die Nähe des Feuers und fing an zu murmeln.
»Ich war seine Mutter, ihr Götter des braunen Volkes, ich habe ihn auf meinen Armen in das Leben hineingetragen – Barbarin liebte mich! Jetzt liegt er erschlagen, tot; ich werde nie wieder seine Stimme hören, nie sein Auge sehen. Zieht den Mörder an das Tageslicht, ihr Götter – ich überliefere ihn euch!«
Von dem wächsernen Herzen flossen langsam schmelzende Tropfen und fielen hinab in das Feuer. »Blut!« murmelte die Alte, »Blut! So soll es vergossen werden, so soll sein Leben zum Opfer dienen für das, was er geraubt hat.«
Alle Zigeuner aus den Zelten schlichen sich herbei, Männer und Frauen, alle umstanden düsteren Blickes das Feuer und beobachteten, wie der Wachsklumpen langsam schmolz. Nur Mikosch hielt ganz allein die Totenwacht und der Wind spielte mit den bunten rauschenden Bändern zu Füßen der Leiche.
Als die Zauberszene beendet war, trugen kräftige Arme die alte Frau wieder in ihr Zelt. Barbarins Antlitz wurde mit dem Tuche bedeckt, der große Hund kauerte unbeweglich neben dem Körper seines toten Gebieters.
»Wenn das der Oberst wüßte!« sagte Onnen.
»Er erfährt es, sobald ihn das Messer trifft. Ich bin überzeugt, er entgeht der Rache dieser braunen Heiden nicht so leicht.«
Der Mond trat hinter eine Wolke, Schatten fielen auf das Zeltlager und den See mit seinen rudernden Schwänen – leise murmelten und raunten die kauernden Frauen ihren Zaubersegen.
Unsere Freunde suchten zu schlafen. Inmitten aller Gefahren des Krieges und der Wildnis tröstete doch ein Gedanke ihre Herzen – sie waren aus dem französischen Joche erlöst.
Der Wind rauschte Schlummerlieder, die Augen fielen zu, die Gedanken verschwammen zum unklaren Bilde. Tief im russischen Urwalde schliefen die drei Deutschen den Schlaf der gesunden Jugend bis an den hellen Morgen. Als sie erwachten, fand sich keine Spur der nächtlichen Szene mehr vor, auch die Leiche und ihr Schmuck war weggebracht, der große Hund fehlte und an der Stätte der gestrigen Feier tummelten sich Scharen von braunen Kindern.
Eine ältliche Frau kochte in einem großen Topfe das Frühstück, die Männer saßen stumm und rauchten oder schnitzten irgendeinen hölzernen Gegenstand, aber das laute Treiben, das Durcheinander, wie es sonst unter dem wandernden Völkchen herrschte, alle die lebensfrohen Stimmen fehlten gänzlich.
Unsere Freunde nahmen den schlanken, klug blickenden Alexei beiseite und fragten ihn, ob er nicht einige Gewehre besitze. »Wir möchten ein wenig jagen!« gestand Onnen.
»Hm – aber ihr findet nicht wieder zum Lager zurück.«
»Wenn du mitgingest, ganz bestimmt«
Der Zigeuner schüttelte den Kopf. »Ich kann es nicht; Mikosch würde sich beleidigt fühlen.«
Das dunkle Gesicht des Häuptlings sah hinter der Zeltwand hervor. »Lauft nur, Kinder«, sagte er in gütigem Tone, »lauft nur. Wenn ihr so alt seid wie ich, wenn ihr das Leben kennengelernt habt, ist es für die Freude an Jagd und Abenteuern zu spät, also genießt sie jetzt. Geh mit unseren Gästen, Alexei; die Gewehre liegen unter dem Stroh in meinem Wagen.«
Der junge Zigeuner eilte fort, um die Waffen herbeizuholen, und dann zog die ganze kleine Schar in den Wald hinaus.
»Ich habe gestern eine Bärenfamilie gesehen«, erklärte Alexei, »junge Tierchen von der Größe einer Hauskatze. Wie wäre es, wenn wir sie einfingen?«
»Prachtvoll!« rief Onnen. »Wie viele waren es?«
»Zwei Junge mit der Mutter. Diese letztere müssen wir töten.«
»Erschießen?« fragte Feiko.
Alexei schüttelte den Kopf. »Das wäre zu gefährlich«, antwortete er, »und überdies gebraucht der Zigeuner nicht gern Feuerwaffen.«
»Ich weiß schon!« rief Onnen. »Ihr macht es wie die nordamerikanischen Indianer, ihr fangt den Bären mit Honig, indem ihr ihn von einem vor die Waben gehängten schweren Block erschlagen laßt.«
»Oder in der Grube!« setzte Georg hinzu.
»Auch nicht. Kommt nur mit, ihr werdet es schon sehen.«
Jenseits der Lichtung begann wieder tiefdunkler ragender Wald mit dichtem Gebüsch und zahllosen kleinen Wasseradern. Zuweilen mußten die Jäger seichte Stellen durchwaten, zuweilen auf einem der vielen umgestürzten Bäume über den Bach gehen oder gar ihren Weg von Zweig zu Zweig hoch über dem flutenden Elemente quer durch die Luft nehmen. Das war eine Vergnügungsreise, bei der die Herzen jubelten und die gelenkigen Glieder der seegewohnten jungen Leute selbst den Zigeuner in Erstaunen setzten.
»Alexei, bist du aber auch sicher, dich von dieser Irrfahrt wieder ins Lager zurückzufinden?« fragte Feiko.
»Sei ganz ruhig, Herr, ich durchziehe den Wald nicht zum erstenmal.«
Onnen wollte den Sitz hoch oben in den Wipfeln gar nicht verlassen. »Hier fehlt mir das Meer«, erklärte er, »aber auf Norderney wird mir künftig der Wald ebenso fehlen. Es ist doch gut, wenn man von der Welt etwas mehr zu sehen bekommt als nur seine allerengste Heimat.«
Die übrigen lachten. Während Alexei ganz Europa mehrfach durchzogen hatte, waren die beiden jungen Seeleute in den Tropen gewesen und kannten aus eigener Anschauung die schönsten Punkte der Erde, Tahiti, Brasilien, Fernando Po usw. Onnen dagegen sollte seine erste Reise mit des Vaters Dreimaster gerade antreten, als die Franzosenwirtschaft den deutschen Handel lahmlegte – er sah zum erstenmal über das flache Ostfriesland hinaus und die lange unterdrückte Jugendlust durchbrach alle Schranken.
Er wiegte sich auf seinem Aste über dem Wasser und bedeutete den Genossen, sich ruhig zu verhalten. Dann kroch er höher hinauf. »Ein Eichhörnchennest mit fünf Jungen! Seht doch! Seht doch!«
Er zeigte den anderen ein Tierchen wie eine Maus, rot behaart und mit klugen Augen, dann legte er es vorsichtig wieder in das Nest; auf einem nahestehenden Baum sprang die Alte so angstvoll wimmernd hin und her, er konnte es nicht über das Herz bringen, sie noch länger zu quälen, sondern kletterte wie ein Seiltänzer von Zweig zu Zweig an das jenseitige Ufer hinüber, während oben in der Krone die geängstigte Mutter ihre Kleinen zu beruhigen suchte und die ganze Familie miteinander um die Wette pfiff und krabbelte.
»Ist es bis zur Bärenhöhle noch weit, Alexei?«
»Ein halbes Stündchen. Die kugelrunden Gesellen werden dir besser gefallen als das rote Völkchen da oben.«
Onnen riß das Gewehr von der Schulter. »Da war eben ein Tier!« rief er.
»Wo?«
»Hier unter den Baumwurzeln. Ein ganz weißes Geschöpf.«
»Ach – ein Hermelin! Möchtest du es sehen, Herr?«
»Gehorchen dir etwa die Hermeline, wenn du sie rufst, Alexei?«
»Natürlich. Der Zigeuner ist der König des Waldes. Aber wir alle müssen uns verstecken, sonst kommt das Tierchen nicht zum Vorschein.«
Der Vorschlag wurde angenommen, im nächsten Augenblick schien die Stelle leer und nur ein leiser, ganz leiser Ton durchschwirrte die stille, warme Sommerluft. Es klang wie das Pfeifen einer Maus. »Alexei, weshalb —«
»Pst! Pst!«
Onnen schwieg und der Zigeuner begann wieder zu pfeifen, ganz täuschend wie eine hungrige Maus, die vergebens nach Nahrung sucht. Nur wenige Minuten vergingen, dann zeigte sich schon der gewünschte Erfolg.
Eine weiße Schnauze sah aus dem Gebüsch hervor, noch eine, die Köpfe kamen zum Vorschein, endlich zwei weiße hübsche Tierchen mit hellbrauner Rückenfärbung.
Immer stärker und stärker, in ungeduldigem, ärgerlichem Tone pfiff der Zigeuner.
Die kleinen, kaum fußlangen Marder liefen schnuppernd von einer Baumwurzel, einer Erdspalte zur anderen, sie suchten die Maus, ohne dieselbe finden zu können, sie erhitzten sich immer mehr und begannen zuletzt in feindseliger Weise gegeneinander aufzuspringen. Die scharfen Zähne griffen in den Pelz, daß die Haare nach allen Seiten flogen, kopfüber und kopfunter kugelten die erbitterten Geschöpfe auf dem Moos herum, ohne zu gewahren, daß das Mäuschen schon längst nicht mehr pfiff; erst als die versteckten Zuschauer laut lachten, fuhren sie plötzlich auseinander und verschwanden schattengleich unter den Wurzeln des hohen Stammes.
»Alexei«, rief Onnen, »weshalb fängst du die kleinen Tiere nicht ein?«
»Weil ihr Pelz im Sommer nichts taugt, Herr. Im Winter legt man ein Tellereisen mit einem Ei oder einer Maus in der Mitte neben ihren Bau; sie fangen sich darin sehr zahlreich.«
»Überhaupt scheinen eure Wälder viel Wild zu enthalten!«
»Unermeßlich viel. Laßt uns nur jetzt die Bären aufsuchen. Ich glaube, die Jungen sind noch nicht imstande, sich vom Lager zu entfernen.«
Sie drangen durch Gestrüpp und Ranken bis zu einem Platze, wo sich tiefe Wagenspuren zeigten. Diesen Weg hatte gestern der Zug der Zigeuner genommen und den Einschnitten gingen die vier Jäger etwa eine halbe Stunde lang nach. Eine Krümmung des den ganzen Wald durchfließenden Baches trat wieder aus dem Gebüsch heraus, wilde Enten schnatterten, ein Luchs strich dicht vor den Füßen der jungen Leute über den Weg.
Alexei deutete auf einen riesigen, in halber Höhe abgestorbenen Baumstamm, dessen blattlose Äste schwarz und dürre aus dem umgebenden Grün hervorragten. Am Erdboden war das ganze Innere hohl und zum Teil vermorscht, kleine Splitter bedeckten ringsumher das Moos.
»Dorthin!« flüsterte der Zigeuner. »Ihr müßt jetzt eure Waffen laden; jeder Mann stellt sich so gegen einen Baum, daß der Rücken gedeckt ist.«
Er wählte drei Stämme, an denen die Jäger Posto faßten, dann nahm er selbst den vierten, in einiger Entfernung dem hohlen Baume gegenüberstehenden, und zog das lange spitze Messer aus der Scheide, worauf er die Jacke ablegte und Hand und Arm bis zum Ellbogen fest umwickelte.
Als das geschehen war, warf er ein Stück Brot dicht vor die Höhle.
Allen Jägern klopfte das Herz zum Zerspringen. Was würde in den nächstfolgenden Minuten geschehen?
Alexei ließ sich auf ein Knie nieder; er beobachtete mit Falkenblicken die Umgebung nach allen Seiten hin.
Aus der Höhle kam ein wolliges dunkelfarbiges Tierchen hervor, rund wie ein Muff, unbehilflich gehend und springend; ihm folgte ein zweites ebenso aussehendes, beide berochen das Brot, rupften an demselben, zerrten es hin und her und warfen sich auf den Rücken, um mit den kleinen emporgehaltenen Pfoten brüderlich zu spielen.
Die Tiere konnten allenfalls drei oder vier Wochen zählen.
Unbekümmert um die Nähe der Menschen, noch völlig ahnungslos der Gefahr gegenüber, torkelten sie umher, während die Jäger in lautlosem Schweigen verharrten.
Alexei sah zu den anderen hinüber, dann bewegte er langsam die Hand. Das Zeichen war deutlich – sie sollten die kleinen Bären, sobald sich dieselben wieder in die Höhle begaben, greifen und festhalten.
»Wenn nur die Alte ausbliebe«, dachte Onnen. »Es ist doch so sehr gefährlich!«
Er sah nach allen Seiten und dann brach über seine Lippen ein Schrei des Entsetzens. Aus dem hohlen Baume hervor blickten die funkelnden Augen der Bärin – sie hatte offenbar versteckt gelegen und war jetzt im Begriff, hinauszuspringen.
»Still!« gebot mit lauter Stimme der Zigeuner.
Ein wütendes Brüllen erschütterte die Umgebung; aufgeschreckt, ratlos flüchteten die beiden kleinen Bären zur Höhle, während das alte Tier, in diesem Augenblick unbekümmert um seine Jungen, Miene machte, sich Onnen als dem nächststehenden entgegenzuwerfen und ihn zu packen.
Gedankenschnell ergriff der Zigeuner mit der linken Hand einen Stein und schleuderte ihn dem gereizten Tiere gerade an den Kopf.
Die Wirkung erfolgte augenblicklich. Petz drehte sich um, setzte an und sprang seinem Widersacher entgegen. Das Ganze war Sache einer halben Minute und doch genügte diese kurze Frist, um den Kampf zu entscheiden. Mit weit aufgerissenem Rachen hatte das Ungeheuer den gewandten Zigeuner packen wollen, anstatt dessen aber traf das Messer, von sicherer Hand gestoßen, sein Herz und taumelnd sank es zurück.
Der Anblick dieser Szene war grauenhaft. Bis an den Ellbogen steckte Alexeis rechter Arm in dem Rachen des Bären, dessen Todeszuckungen schon begannen; er konnte die beiden furchtbaren Zahnreihen nicht schließen, sondern brachte nur ein dumpfes Röcheln hervor und dann streckte er die Glieder, um sich nie mehr zu erheben. Über ihm, siegreich und stolz blickend, stand der Zigeuner. Bis an das Heft steckte die Klinge im Körper des Tieres, Herz und Lungen durchschneidend; ein breiter Blutstrom sprang hervor, aber dennoch wartete Alexei – wenn er die Waffe zurückzog, konnte der Schmerz des Augenblicks noch eine halb unwillkürliche Zusammenziehung der gefährlichen Pranken veranlassen; das wollte er verhüten.
Ebenso gespannt, so unruhig wie er selbst beobachteten auch die Weißen.
Endlich lockerte Alexei die Klinge. Das Tier war tot, es regte sich nicht mehr.
Ein Bann schien von den Seelen der jungen Leute genommen, sie eilten zur Höhle und versicherten sich zunächst der beiden kleinen Bären, die Alexei in seine Jacke hüllte und sich auf den Rücken band, wo sie mit den Schnauzen hervorsahen, ohne entfliehen zu können.
»Aber jetzt ist noch der Papa dieser braunen Familie übrig geblieben«, rief Onnen. »Wollen wir seinen Besuch erwarten?«
»Keineswegs«, versetzte der Zigeuner, indem er hurtig das Fell der getöteten Bärin abzog. »Ich möchte nur diesen Pelz vor den Wölfen bewahren, dann gehen wir. So, das Fleisch können die hungrigen Bestien nehmen – morgen hole ich das Fell.«
Er befestigte es in angemessener Höhe zwischen zwei derben Ästen und die ganze kleine Gesellschaft machte sich wieder auf den Weg.
Die Sonne war schon im Sinken begriffen; der Magen knurrte gewaltig. »Gibt es denn hier herum keinerlei menschliche Ansiedlung?« fragte Georg. »Ich finde, daß die mitgenommenen Vorräte nicht so ganz ausgereicht haben.«
Alexei lächelte verschmitzt. »An der Außenseite des Waldes liegt ein Frauenkloster«, versetzte er. »Da können wir um eine Gabe bitten.«
»Aber man wird uns nicht hineinlassen.«
»O doch, die armen Nonnen erfahren in dieser bösen Zeit gar zu gern ein wenig Neues über Krieg und Frieden; dafür geben sie schon eine Mahlzeit.« »Dann laßt uns den Versuch machen«, lachte Onnen. »Zu Hause in Deutschland erfährt es ja keiner.«
Sie kletterten über einen Höhenzug und dann durch ein steiniges Tal; es war doch noch ein Marsch von zwei starken Stunden, ehe das Kloster mit seiner düsteren, altersgrauen Mauer vor ihnen lag. Die Menschen seufzten und die kleinen Bären quiekten, nur Alexei schien weder Hunger noch Erschöpfung zu kennen.
Ein hoher alter Kuppelbau ragte zum Himmel empor. Bunte Glasfenster schmückten das Dach, zierliche Galerien umgaben Türme und Türmchen, die sich über tiefe Nischen und offene Plattformen erhoben. Überall im Abendschein glänzten Kreuze, unübersehbar nach rechts und links dehnte sich die Mauer, deren glatte Fläche wie ein fester Ring das Klostergebiet zu umschließen schien.
Kein Laut drang aus dem Inneren der heiligen Hallen hervor.
Alexei ging sicheren Schrittes einer kleinen versteckten Pforte entgegen; er mochte hier schon mehr als einmal geklopft haben. Der Ton einer Glocke erklang drinnen auf dem Hofe und bald danach verschob sich in der Mauer eine Eisenplatte – das Gesicht einer alten Frau sah hervor.
Sie musterte die ganze kleine Gesellschaft mit mißtrauischen Blicken, dann stellte sie in russischer Sprache eine Frage, welche Alexei sofort lebhaft bejahte. Schwere Riegel klirrten, ein Schlüssel drehte sich im Schlosse, dann war die Pforte offen und wurde hinter den jungen Leuten sofort wieder geschlossen.
An dieser Seite besaß das Kloster kein einziges Fenster; eine zweite, niedrigere Mauer trennte den Vorhof vom Garten und nur eine einzige eiserne Tür führte von hier in das Gebäude. Die Schwester Pförtnerin mit ihrem großen Schlüsselbund und ihrer weißen Kapuze deutete auf eine Bank, die den Stamm einer uralten Rieseneiche rings umgab, dann begann sie mit dem Zigeuner eine Unterhaltung, bei der er sehr lebhaft erzählte, während sie nur zuweilen ein Wörtchen einwarf oder die Hände vor Erstaunen zusammenschlug – jedenfalls berichtete er ihr von den Franzosen, den gefürchteten, den unliebsamen Gästen, die aller Herzen mit Angst erfüllten und das Interesse der Leute von jeder anderen Frage abzogen.
Endlich hatte die gute Frau genug gehört, um drinnen im Kloster den Nonnen die Schauermär wiederholen zu können; sie brachte schleunigst Suppe, Brot und Fleisch, sprach einen Segen und lief davon, begierig, nun ihrerseits lauschenden Ohren zu verkünden, was sie soeben selbst erfahren. Die eiserne Tür flog ins Schloß und unsere Freunde waren allein.
»Die Suppe ist gut«, erklärte Onnen, indem er den Löffel immer aufs neue eintauchte, »ach, das ist einmal wieder ein Essen, Pflaumen mit Klößen, mein liebstes Gericht. Alexei, hast du auch der würdigen Schwester Pförtnerin ganz und gar die Wahrheit gesagt?«
Der Zigeuner lächelte. »Ich habe ihr gesagt, was sie zu hören wünschte, Herr, daß die Franzosen nicht hierherkommen werden.«
»Das gebe der Himmel! – Du, Alexei, fressen die Bären Pflaumen?«
»Ich glaube wohl, aber sie haben ja noch keine Zähne, Herr.«
Onnen zerkaute also die gekochten Früchte und stopfte das Gemisch den hungrigen Tieren in die Mäulchen, dann kam das Fleisch und den Beschluß machte eine heiße Tasse Tee, welche die Schwester Pförtnerin herbeibrachte.
Aus der Klosterkirche erklang jetzt eine leise angenehme Musik Die Nonnen sangen ein geistliches Lied und kaum erkennbar begleitete eine Orgel, von Frauenhand gespielt, die fromme Weise. In den Baumwipfeln jubilierten die Vögel, der Wind rauschte zwischen den Blättern, rot und goldig versank der Sonnenball hinter die Kuppeln und Zinnen des Klosters.
»Und nie kommt ein fremder Mensch in dies Haus hinein?« flüsterte Feiko, »nie sehen, nie hören die Nonnen von der Außenwelt das Allergeringste?«
»Nie!« bestätigte der Zigeuner. »Die kleine Pforte da hinten öffnet sich nur dann, wenn eine neue Schwester einzieht. Hinaus geht sie nicht wieder.«
Der feierliche Gesang verstummte, Schwalben huschten um das Gemäuer – die Schwester Pförtnerin spielte mit ihren Schlüsseln, als wolle sie sagen, daß nun die Fremden gesättigt sein könnten.
»Laßt uns gehen«, mahnte Alexei, »zur Mitternachtsstunde wird Barbarin begraben und der Weg ist noch weit.«
»Müssen wir ganz durch den Wald zurück?«
»Das nicht, aber auch am äußeren Rande ist es keine kleine Strecke.«
Sie dankten der Schwester Pförtnerin, bekamen noch einen Zehrpfennig, den natürlich Alexei erhielt, mit auf die Reise und verließen die Stätte eines nie gestörten Friedens, um das Lager im Walde wieder aufzusuchen.
Der Mond schien hell vom Himmel, zwischen den Zelten brannte kein Feuer, der ganze Platz war sauber gefegt und die Wagen zusammengeschoben.
Drinnen, im Zelte des Toten wehklagten leise Stimmen, unruhig winselnd umkreiste ausgesperrt der große Hund die Stelle, wo sein geliebter Herr in den bunten Fetzen tot und kalt auf Blumen lag. Eine Bahre aus jungen Zweigen war von den Zigeunern im Walde angefertigt worden, Pelze darüber gedeckt und das Ganze mit grünen Girlanden geschmückt. So harrte der eigentümliche Sarg des Gestorbenen.
Unsere Freunde ordneten, so gut sie konnten, ihre Anzüge, Alexei gab die beiden jungen Bären einer Frau in Verwahrung, und dann erwarteten alle schweigend den Beginn der Mitternachtsstunde, um den toten Genossen zur letzten Ruhe zu betten.
»Ist das Grab denn schon ausgeworfen?« fragte Onnen.
»Ja, längst. Wenn der Mond gerade über unseren Köpfen steht, brechen wir auf.«
Bis dahin mußte noch eine halbe Stunde vergehen, und Onnen schloß die Augen, um wachend zu träumen. Seine frühere Spannkraft schien zurückgekehrt, er atmete freier, fühlte sich wohler, seit die verhaßte französische Uniform nicht mehr an das Unglück des Vaterlands, an das eigene tiefempfundene Weh stündlich erinnerte. Was hinter ihm lag, mußte er überwinden lernen – so vielen Tausenden ging es ja auch nicht besser; die Edelsten, Vortrefflichsten bluteten aus unheilbaren Wunden.
Und lebte ihm nicht daheim auf Norderney das treue alte Mütterchen? – Gewiß, gewiß, er wollte ringen und zum Sieg gelangen, schon dieser Teuren wegen.
Eine leise Melodie, ernst und wehmütig, weckte ihn aus seinem Sinnen. Wenigstens zehn Zigeuner umstanden die Bahre und spielten mit den braunen vielfach von Ringen geschmückten Fingern ihre Geigen, während vier andere, unter ihnen die Söhne des Hauptmanns, den Toten aus dem Zelte trugen und ihn auf die Bahre legten.
Das Gesicht war und blieb verhüllt, die Hände lagen auf der Brust übereinander. Leise klagten und weinten die Geigen.
