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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 21
Zwei Frauen führten zunächst hinter der Bahre die greise Mutter des Erschossenen. Sie ging aufrecht mit verhülltem Antlitz, ihr bitterliches Weinen hätte auch das härteste Herz rühren müssen.
Nahe am See, auf unfruchtbarem Kiesgrund war eine Grube gegraben, weit genug, um die Bahre zu fassen; alle Erde aber mußte in das Wasser geworfen sein, denn es fand sich nur ein ganz kleines Häufchen, während eine stattliche Menge von Feldsteinen zusammengetragen worden war. Zwei alte Bretter, von grünen Ranken umwickelt, lagen neben der offenen Grube; außerdem die Leiter, auf welcher Frauen und Kinder die Reisewagen zu erklettern pflegten.
Alexei ergriff sie und stellte sie an den Rand der Grube, dann stieg er mit noch einem anderen jungen Mann hinab und beide empfingen die Bahre, um sie unten auf den Grund zu legen. Als das geschehen war, kehrten sie zu den übrigen zurück.
Jetzt entstand unter den Frauen eine Bewegung, auch Mikosch schien die alte Mutter von irgendeinem Vorhaben zurückhalten zu wollen, er umfaßte sie zärtlich und flüsterte mit ihr, aber sie schüttelte immer wieder den Kopf. »Laß mich, mein Sohn, laß mich!«
Und so halfen denn Sohn und Enkel der alten Frau, zu dem Toten in die Grube hinabzusteigen. Ihre bebenden Hände ordneten die verschobenen Falten seiner Hülle, legten die wachsfarbenen Fingerspitzen auf der Brust übereinander und entfernten dann zögernd das Tuch von dem braunen, mit grauem Barte umgebenen Gesicht.
Leise flüsternd erklangen die Geigen. Von den Lippen der Zigeunerinnen quoll zum letztenmal gedämpft und wehmütig die Totenklage. – Drinnen im Grabe warf sich die alte Frau auf ihre Knie und küßte die kalte Stirn dessen, den sie einst als hilfloses Kind auf ihren Armen getragen. Ein letzter Abschied, ein Gruß vor dem Scheiden, dann zog sie mit fester Hand die Falten des Tuches zusammen und legte auf den Körper des Toten jene beiden Bretter, die zur Seite der Bahre standen. Mikosch reichte ihr zwei Steine, den einen legte sie auf die Stirn, den anderen auf die Füße ihres gestorbenen Sohnes – erst als diese letzte Pflicht erfüllt war, half ihr der Häuptling wieder zur Oberwelt empor.
Ganz erschöpft, bitterlich weinend sank die alte Frau in sich zusammen und widerstrebte jetzt nicht mehr, als man sie zu den Zelten zurückführen wollte. Unterdessen warfen die Männer langsam und feierlich Stein nach Stein in die Grube, bis diese ganz ausgefüllt war; erst an der Oberfläche wurde das Ganze mit Kies bedeckt, festgetreten und dem umgebenden Boden so vollständig gleichgemacht, daß kein Auge den Punkt, an welchem ein Mensch begraben lag, jemals hätte entdecken können. Zuletzt wurde Wasser über den Kies gegossen, so daß sich auch die kleinste Unebenheit verwischte – nun war jede Spur des Geschehenen ausgetilgt.
»Weshalb setzt ihr auf das Grab kein Erinnerungszeichen?« fragte Onnen den jungen Zigeuner. »Ihr könntet doch einen Baum pflanzen oder ein Kreuz zimmern.«
Alexei schüttelte den Kopf. »Auf unseren Gräbern darf nichts wachsen«, antwortete er.
»Sind sie denn immer so aus Stein aufgebaut? Warum wohl?«
Der Zigeuner zuckte die Achseln. »Das ist so ein alter Brauch, weißt du, Herr – ich selbst glaube nicht daran. Wenn die bösen Geister der Seele eines Gestorbenen etwas anhaben wollen, so wirft er nach ihnen und vertreibt sie.«
»Alexei! – der Tote?«
»Ja, ja, ich habe dir schon gesagt, daß das mein Glaube nicht ist, Herr. Nun komm, wir müssen noch ein paar Stunden schlafen; morgen mit Tagesanbruch geht es weiter.«
Er zog den jungen Deutschen mit sich fort und bald lag alles in tiefster Ruhe; nur Onnen konnte nicht aus dem Halbwachen herauskommen. Das seltsam geheimnisvolle Begräbnis, der Kampf mit der Bärin und die stillen Klostermauern, alles beschäftigte seine lebhafte Phantasie, er hörte die Nonnen singen und dazwischen ein Mäuschen pfeifen, aber er wußte schon, das war Alexei mit den Schelmenaugen – die beiden Hermeline sprangen ja vor ihm auf dem Boden herum und zausten einander.
Erst das Geräusch des Aufbruches weckte ihn. Pferde wieherten, Hunde bellten und dürres Holz prasselte in den Flammen. Weiter, weiter auf der abenteuerlichen Fahrt durch das fremde Land, neuen Gefahren, neuen Erlebnissen entgegen.
13
Hell schien der Mond herab auf die alte, mit Moos und Halmen bewachsene Mauer, welche Smolensk zur Zeit unserer Erzählung umgab und an dreißig Stellen durch hohe runde Türme mit Schießscharten verstärkt wurde. Wer von den Lesern Lübecks herrliche alte Tortürme gesehen hat, der kann sich von diesen, jetzt den Feuerwaffen unserer Zeit gegenüber wirkungslosen Verteidigungsmaßregeln einen Begriff machen und zugleich erkennen, wie interessant der Anblick einer so gleichsam umpanzerten Stadt dem Fremden gewesen sein mag.
Ein Graben floß, wieder ähnlich denen von Lübeck und Hamburg, nahe dem bedeckten Wege am Fuße der Mauer; jenseits desselben lagen Vorstädte.
Napoleons Heeresmassen, zerlumpt und verhungert, in jeder Beziehung sittlich verwildert, befanden sich noch einige Stunden von der Stadt entfernt, als am späten Abend des dritten August ein Mann bei der Torwache am Fuße der Königsbastion Einlaß begehrte und zu diesem Zweck dem Wachtkommandanten ein beschriebenes Blatt Papier zeigte.
»Vom General Rajewski!« nickte dieser. »Passiert!«
Der Mann verschwand schleunigst, nach einigen Stunden aber sah man ihn mit sehr zufriedenem Gesicht wieder fortgehen und in die Vorstadt eilen. Ein unglaublich schmutziges Wirtshaus, leer und verlassen, aller Vorräte beraubt, lag hier in einer dunklen schmalen Gasse; über dem Haustor baumelte ein Schild mit einem gemalten Bären, rostig und verblaßt, im Eingang stapelte sich allerlei zerbrochenes Geschirr, die Fensterscheiben waren zerschlagen; nirgends zeigte ein menschliches Antlitz, daß der düstere alte Bau wirklich bewohnt sei.
Der Fremde schritt mit der ganzen Sicherheit dessen, dem die Örtlichkeit vollkommen bekannt ist, durch das Vordergebäude und über den Hof in einen weitläufigen Wagenschuppen, dessen Tür er öffnete.
Schwacher Lichtschein drang aus dem Hintergrunde hervor. Da regte sich‘s, Tier- und Menschenstimmen wurden laut, braune schlanke Gestalten erhoben sich vom Strohlager.
»Endlich kommst du, Mikosch! Dürfen wir in die Stadt hinein?«
»Alles gut«, nickte das Stammeshaupt. »Macht euch fertig, Kinder!«
Jasko trat näher an den Alten heran. »Sprachst du den General, Vater?«
Statt aller Antwort griff Mikosch in die Tasche. Ein Strom von Goldstücken floß durch seine braunen Finger, er blinzelte schlau.
Jasko richtete sich höher auf, seine schwarzen Augen blitzten. »Du mußt mich an Barbarins Stelle treten lassen, Vater – ich bin ebenso gewandt und zuverlässig wie er.«
»Pst! Pst! – Es gibt noch heute nacht Arbeit.«
Das Gold verschwand wieder und unter Aufbietung aller Kräfte wurden die beiden Wagen, mit denen ein Teil des Stammes gekommen war, zur Weiterfahrt bereit gemacht. Frauen und Kinder hatte Mikosch an einem sicheren Orte zurückgelassen; nur seine beiden Söhne, Alexei und die beiden Deutschen begleiteten ihn auf dem gefahrvollen Zuge hinter die Wälle einer belagerten Stadt.
Die mageren Klepper setzten sich wieder in Bewegung, unter den Rädern dröhnte die Brücke, welche über den Dnjepr führte und knarrend schloß sich hinter den Ankömmlingen das Tor. Jetzt waren sie in der eigentlichen Stadt, und die Schrecken des Krieges begannen sich ihren Blicken mehr und mehr zu enthüllen.
Wer Geld genug besaß, um unabhängig von äußeren Rücksichten dem eigenen Wunsche folgen zu können, der hatte Smolensk beizeiten verlassen; nur die ansässigen Bürger und das niedere Volk waren zurückgeblieben, im ganzen lagerte eine düstere Stille auf den Straßen, die Läden waren geschlossen, die Gotteshäuser dagegen weit geöffnet. Für die nächsten Tage wurde eine entscheidende Schlacht erwartet.
Hinter der Kirche zur Verkündigung Mariä lag eine schmale Straße, unbeleuchtet und ungepflastert, mit hohen, spitzgiebeligen Häusern und engen Torwegen; dahin lenkte Mikosch die Gespanne. Geigenspiel drang aus dem Innern eines der Gebäude hervor, Gläserklingen und Gelächter, jedenfalls verkehrten hier wandernde Zigeuner, wie es deren in Rußland bis auf den heutigen Tag viele Tausende gibt.
Mikosch stieß die Tür auf. Heiße Luft schlug den Ankömmlingen entgegen, ein Gewirr von verschiedenen Stimmen und Klängen. Affenbesitzer lagen mit ihren Tieren in den Ecken, weiße Mäuse und Meerschweine krochen in vergitterten Käfigen herum, Wahrsager schlugen die Karten, Kurzwarenhändler trugen Kasten mit Seifen und wohlriechenden Ölen, sogar ein Scherenschleifer drehte in dem bunten Durcheinander sein Rad. Dazwischen lungerten Kesselflicker, Roßärzte, Gaukler und Gauner aller Art, sämtlich ruhend, musizierend, trinkend und schwatzend, daß keine einzelne Stimme aus dem Toben und Treiben hervorklang. Unsere Freunde sahen ein Bild, das sich ihrer Erinnerung unverlöschlich einprägte.
Alle diese Söhne des wandernden, heimatlosen Stammes, die braunen Nomaden sammelten sich da, wo der bürgerlichen Ordnung im Augenblick eine Gefahr drohte, alle wollten ernten, wo sie nicht gesät hatten, wollten Vorteile erringen, die ihnen im gewohnten Verlaufe der Dinge nicht zugänglich wurden.
Händereibend kam ein schlaublickender schmutziger Wirt mit langem Barte und dem bekannten russischen Kaftan den neuen Gästen entgegen. Zwei Kammern waren noch frei, die konnten sie bekommen – ganz nahe unter den Fenstern der Kirche. Für Ruff fand sich ein Stall, wo bereits fünf seiner Schicksalsbrüder einen Platz erhalten hatten.
Mikosch schien sehr guter Laune. »Laßt euch geben, was ihr zu essen und zu trinken wünscht, Kinder, aber geht heute abend nicht mehr aus. Morgen könnt ihr die Stadt besehen – ich selbst habe noch einen Geschäftsgang.«
Die Deutschen sahen einander an. Mikosch verrichtete Spionendienste, er drängte sich in das Lager der Franzosen und hinterbrachte ihre Aufstellung dem General Rajewski, das unterlag keinem Zweifel. Aber wie kam er durch die feindliche Vorpostenkette?
Sie fühlten sämtlich etwas wie Neugier. Mikosch ließ ihnen eine Kammer mit einem Strohlager einräumen, er selbst und die seinigen nahmen das anstoßende größere Gemach in Besitz. Onnen hörte, daß der Schlüssel im Schloß gedreht wurde.
»Ich möchte ihn beobachten«, flüsterte er.
Feiko Hansen deutete auf einen hellen Schimmer über dem Ofen. »Da ist in der Wand ein Riß – du kannst hindurchsehen.«
»Aber wie komme ich hinauf?«
Feiko zeigte auf seine Schultern; Georg half nach, und Onnen stand schon in der nächsten Minute wie ein Seiltänzer auf dem schwankenden Gerüste.
»Mikosch ist allein«, berichtete er, »neben ihm liegt ein großes Bündel, er schneidet seine Haare kurz am Kopfe ab.«
»Dann will er jedenfalls die Rolle eines Soldaten spielen!«
»Er wäscht sich gründlich«, meldete Onnen.
»Gott stärke ihn in dieser löblichen Gewohnheit!«
»Ah, jetzt kommt der Inhalt des Bündels zum Vorschein, eine französische Offiziersuniform mit Orden und Epauletten. Welche Miene der Mikosch annehmen kann! – jeder Zoll ein Fürst. Wahrhaftig, er ist ein schöner stattlicher Mann.«
»Der vielleicht sogar Handschuhe anlegt?« flüsterte Feiko. »Du bist übrigens eine recht süße Last, mein Vetterchen.«
»Einen Augenblick noch. Die Handschuhe sind da, auch der Degen und ein weißes Taschentuch. Seine Söhne könnten, glaube ich, an dem Alten vorübergehen, ohne ihn zu erkennen!«
»Siehst du nichts wie eine Depesche?« flüsterte Georg.
»Wahrhaftig! Ein ganz sauberes weißes Blatt – Mikosch lächelt, er versteckt es – ah, und nun hüllt er sich in einen Kaftan, der bis auf den Boden reicht, er zieht eine Perücke hervor. Der Märchenprinz ist wieder in das Bettlergewand gekrochen.«
Onnen sprang leichtfüßig herab. »Ob wir nun nicht bald ein Pferd hören werden?« raunte er.
Sie lauschten alle drei. Mikosch ging auf den Flur hinaus und zum Hofe; im nächsten Augenblick tönte Hufschlag – es war ein Renner von edelstem Blute, der da lief.
»Wenn wir nun den Alten nicht mehr wiedersähen!« sagte Onnen.
»Dann müßten wir eben den russischen Generalen alles bekennen; sie können uns keine Strafe zumessen.«
»Nein, aber wir wären Kriegsgefangene.«
Der Eintritt Alexeis störte die Unterhaltung. »Laßt uns schlafen«, gähnte der Zigeuner. »Für den Augenblick gibt es nichts zu tun.«
Sie nahmen aus seiner Flasche noch einen Schluck Branntwein und legten sich dann auf das Stroh, obwohl vom Gastzimmer her ein wüster Lärm fortwährend herüberschallte. Es schien Streit zu entstehen, Geschrei und Toben, dazwischen klang aus der nahen Kirche Gesang und Orgelton – an Schlaf war kaum zu denken.
Und dann gegen Morgen zogen Regimenter und Schwadronen vorüber, alle im Laufschritt; Kanonen rasselten die Straße hinab, Kommandos erklangen, Massen von Soldaten wälzten sich gegen die Wälle unter der Stadtmauer.
Es war ein Jagen und Eilen, ein Durcheinander, wie es dem entscheidenden Augenblick voranzugehen pflegt; die Herzen der jungen Leute schlugen schneller, die Augen blieben offen vor lauter Aufregung.
Gegen fünf Uhr morgens durchbrach plötzlich ein Kanonenschuß die allgemeine verstärkte Bewegung in der Stadt. Erst einer, dann mehrere und sehr bald ganze Salven. Kleingewehrfeuer folgte nach – von vielen tausend Lippen brach der Schrei des Entsetzens. Jetzt hatten die langerwarteten offenen Feindseligkeiten begonnen.
Im Gastzimmer ging unaufhörlich die Tür. Hier kam ein Mann mit bleichem Gesicht, um einen Tropfen Branntwein zu erhalten, dort meldete jemand, daß die ersten Toten unter der Königsbastion lägen, dann stürzten mehrere Personen zugleich herbei und eine Schreckensbotschaft folgte der anderen.
»Napoleon selbst steht vor Smolensk und mit ihm sind seine berühmtesten Generale gekommen – Murat, Ney, Davoust und viele andere. Rußland ist verloren!«
Aus dem Nebenzimmer scholl die Stimme Mikoschs. »Ihr seid doch alle da, Kinder?«
Onnen öffnete die Tür und sah hinein. Auf dem Strohlager ausgestreckt, in Lumpen gehüllt, verschmitzt blickend, mit der Stummelpfeife zwischen den Zähnen, war Mikosch so ganz der Proletarier, der vagabundierende Bärenführer, daß Onnen förmlich erschrak. Hatte ihn am letzten Abend ein Trugbild geneckt?
Aber nein; das kurzgeschnittene Haar konnte Mikosch nicht verbergen, ebensowenig diejenige gute Laune, welche einen gelungenen Streich zu begleiten pflegt.
»Laßt sie schießen, Kinder«, sagte er lächelnd, »hierher fliegen die Kugeln so leicht nicht. Hei, wie das brummt! Massen von Kanonen hat der Napoleon mitgebracht!«
»Woher weißt du das, Mikosch?«
»Ha, ha, ha – es träumte mir, Kleiner. Aber daß unser Zar siebzig Geschütze auf die Wälle bringen lassen kann, weiß ich gewiß.«
Wieder kam jemand in das Gastzimmer gestürzt. »Die ganze französische Armee steht vor unserer Stadt. Leute, helft, die verwundeten Russen aus der Schlachtlinie zu schaffen!«
Wie eine Feder schnellte Onnen empor. »Komm, Feiko, das ist eine heilige Pflicht! – Ach, wie die Unglücklichen im Sonnenbrande leiden mögen!«
Der Steuermann nickte. »Mikosch«, sagte er, »gibst du dazu deine Einwilligung? Es ist dein Brot, was wir essen, also —«
Der Zigeuner winkte lächelnd. »Ihr eßt mein Brot, weil ich eine Schuld der Dankbarkeit an Onnens Mutter abzutragen habe, junger Freund. Sie kleidete in Tagen größter Not, als mir das einzige Pferd gestorben war, meine Kinder, sie speiste die Hungernden und tröstete einen Verzweifelnden – von dieser Schuld tilge ich heute ein Teilchen, weiter nichts. Ihr seid eure eigenen Herren, und wenn ihr auf die Wälle hinausgehen wollt, um arme Verwundete zu erquicken, so geleite euch Gott; ich habe nichts dagegen.«
»Gut also!« rief Onnen. »Du bist doch ein Ehrenmann, Mikosch, trotz deiner – Träume von Napoleons vielen Kanonen. Auf Wiedersehen!«
Sie stürmten alle drei davon. Menschenhaufen füllten die Straßen, Jammern und Wehklagen ertönte überall, in ganzen Scharen zogen Männer und Frauen hinaus auf das Glacis, um den Verwundeten beizustehen.
Dazwischen erschien im Sonnenlicht des hellen Morgens jener unterste Pöbel, den jede große Stadt beherbergt und der sonst nur in vereinzelten Fällen tagsüber sichtbar wird – Menschen mit bleifarbenen Gesichtern und schlotternden Knien, Gewohnheitstrinker, Diebe und Bettler, Weiber von abschreckendem Aussehen.
Diese standen in geschützten Winkeln gruppenweise beisammen. Sie dachten nicht daran, den tapferen Verteidigern Rußlands zu Hilfe zu eilen; ihre gierigen Blicke, ihre leisen Flüsterworte verrieten vielmehr eine ganz andere abscheuliche Hoffnung, die auf den Fall der Stadt und damit verbundene Plünderung derselben. Der Feind sollte siegen, weil sie die Vorräte in den Branntweinlagern trinken und mit erhobener Faust an sich reißen wollten, was ihnen eben gefiel.
Je näher die Deutschen an die eigentliche Schlachtlinie herankamen, desto stärker wurden das Getöse und der Pulverdampf. Zwei und zwei Einwohner trugen zwischen sich einen blutenden Soldaten ohne Kopfbedeckung, hie und da lagen Waffen, Uniformstücke, hie und da standen Blutlachen mitten auf der Straße, schwankten Verwundete, unterstützt von Bürgern, mühsam an den Mauern dahin.
Überall herrschten Angst und Entsetzen, überall weinten die Frauen, eilten Männer auf die Wälle, um den Truppen Erfrischungen zu bringen oder mit ihnen zu kämpfen. —
Ein heißer Tag ging zu Ende, ohne eine Entscheidung gebracht zu haben, ebenso der zweite und dritte. Während dieser Frist hatte Napoleon mehrere Artillerieregimenter herbeizuschaffen gewußt und nun ließ er Bresche schießen.
Vergebens. Die Mauern aus der Zeit des Zaren Godunow widerstanden.
»Smolensk hält sich!« sagten aufatmend die Leute.
Mikosch dampfte große Wolken. »Seht ihr das Feuer? – Solch ein Regen von Granaten reißt alles nieder.«
Smolensk brannte an zwanzig Stellen zugleich. Von den Türmen klang das Sturmgeläute; in allen Kirchen wurde das Abendmahl verteilt. Jene düsteren Gestalten auf den Straßen mehrten sich und erschienen kecker; unter ihnen tauchten andere auf, gutgekleidete Personen, die von dem Untergange Rußlands, von Gottesgericht und Strafe sprachen – es waren Polen, Leute aus den besseren Ständen, die in den Reihen jener Elenden Bundesgenossen suchten.
Unverdrossen standen die Deutschen im Feuer, trugen Verwundete in die Häuser, halfen, trösteten und pflegten nach Möglichkeit. Das russische Heer wich und wankte nicht; wenn zuweilen ein Häuflein tollkühner Feinde im plötzlichen Anlaufe gegen einen der Tortürme vordrang, dann bedeckten Berge von Leichen die Unglücksstätte – kein einziger kam mit dem Leben davon.
Schreckliche, entsetzliche Tage, in denen Brust an Brust gekämpft wurde. Von den nahen Bergen widerhallte der Donner der Geschütze, glühend rot hingen über der unglücklichen Stadt die Sommerwolken, von den Dächern floß geschmolzenes Blei.
Man löschte nicht mehr, man hatte jede Hoffnung aufgegeben. Trommelwirbel klang durch die Straßen; eine gedruckte Bekanntmachung wurde überall verlesen und angeklebt.
»Mitbürger! Noch hat der Feind unseren tapferen Heeren keinen Fußbreit Bodens abgewinnen können, aber dennoch erscheint es geboten, die Stadt zu räumen. Viertausend brave russische Soldaten gaben ihr Leben dahin; wir dürfen nicht noch mehr Opfer bringen. Nehmt eure Habe, soviel sich fortbringen läßt, und geht fort; das Militär rückt in der Nacht vorsichtig und ohne Geräusch nach den umliegenden Höhen ab.«
Eine ununterbrochene Kanonade begleitete diese traurige Ankündigung. Stärker und stärker wurde geschossen, ganze Schauer von Kugeln überschütteten die Straßen.
Auf den Wällen verrammelten und versperrten die Soldaten sämtliche Eingänge, zerstörten die Brücke über den Dniepr und brachten alle vorhandene Munition in die Stadt. In Massen lagen am entgegengesetzten Ufer die erschossenen Franzosen, die tödlich Verwundeten, um welche sich kein Mensch bekümmerte, die Sterbenden, denen in ihrer Qual selbst ein Tropfen kalten Wassers fehlte.
Ein einziges Brausen und Donnern, gleichsam ein Sturm, der nicht mehr aufhörte, erfüllten rings die heiße, mit den schrecklichsten Gerüchen beladene Luft.
Unsere drei Freunde trugen aus der Stadt große Steine und Balken herbei, um die Zugänge zu versperren. Es galt, die räuberischen Franzosen fernzuhalten, bis sich das Volk geflüchtet hatte. Wie Sklaven, geschwärzt vom Pulver, umstrahlt von den Gluten zahlloser Brände, mit Aufopferung ihrer besten Kräfte arbeiteten die Soldaten.
Mädchen und Frauen aus allen Ständen brachten ihnen Erfrischungen. Einander völlig Fremde drückten sich die Hände und schluchzten in gemeinsamem Schmerz.
Mikosch war ausgegangen, um seine Schützlinge zu suchen; endlich fand er sie bei der Zerstörung der Brücke beschäftigt. Pfahl an Pfahl wurde eingesägt, Brett an Brett gelockert, die Steine herausgehoben. Mochten Napoleons Soldaten das unsichere Gefüge betreten und in den Wellen des Flusses den Tod finden – desto besser für die Stadt, für die Tausende von Unglücklichen, welche jetzt verurteilt waren, ihr Heim, ihren Erwerb, all ihre irdische Habe aufzugeben, nur um des nackten, aber unersetzlichen Lebens willen.
Sappeurs und Zimmerleute, Bürger, Zigeuner, selbst Frauen, alles arbeitete um die Wette. Hell schien der Mond auf den Fluß, betäubend knatterte das Kleingewehrfeuer und brüllten die Kanonen. Onnen meißelte an einem Stein, bis er ins Wasser fiel, der letzte seiner Reihe. Er bemerkte nicht, daß Mikosch vor ihm stand und ihn anredete, so groß war die Aufregung der Stunde.
»Komm, komm«, drängte der Zigeuner. »Jetzt gibt es keine Menschen mehr zu retten – du setzest dich nur der Gefahr aus, selbst von einer französischen Kugel niedergestreckt zu werden, das aber wollte ich doch nicht gern.«
Onnen sah auf. »Wo sind die anderen?« fragte er verwirrt. »Ich habe sie bereits nach Hause geschickt – komm rasch, Herr, komm!«
»Wollen wir denn abreisen, Mikosch?«
»Keineswegs, aber die Gefahr ist hier zu groß.«
Er zog ihn mit sich und Onnen sah voll Erstaunen das veränderte Äußere der Stadt. Vor den brennenden Häusern, inmitten von Trümmern und Leichen kniete betend auf den Straßen das Volk, unempfindlich vor Schmerz oder rasend, je nachdem.
Die Kreuze auf den obersten Spitzen der brennenden Türme begannen sich zu neigen, Bäume verbrannten wie stehende Riesenfackeln, hie und da waren Kornspeicher von den Flammen erfaßt worden und gossen nun einen Sprühregen wirbelnder, stäubender Funken über die ganze Umgebung. Auf den Straßen loderten dann plötzlich die Kleider der Betenden in heller Glut empor, sie sprangen auf, liefen voll sinnloser Angst vorwärts und stürzten schreiend zusammen, eine einzige Feuermasse, der niemand zu nahen wagte.
Mit erhobenen Armen stand auf einer Treppe ein Mönch und blickte wie verzückt zum Himmel. »Der jüngste Tag naht; meine Brüder, die Welt ist im Untergange begriffen! Betet, betet, draußen tobt der Antichrist, das Ende aller Dinge ist da!«
Ein Schrei aus Hunderten von Kehlen antwortete ihm; Frauen warfen sich kreischend mit den Stirnen auf den Erdboden, andere sangen, noch andere beschworen ihre Schutzheiligen, für sie einzustehen.
»Der Antichrist! Der Antichrist! Das sind die Posaunen des jüngsten Gerichtes! – Hört ihr‘s? Hört ihr‘s?«
»Der Teufel und seine Scharen kämpfen für den Widersacher!« rief der Mönch. »Rette dich, mein Volk, rette dich! Das Brodeln der Hölle klingt herüber, die Engel der Finsternis frohlocken! Laß sie deine Seele nicht umgarnen, mein Volk, tue von dir, was dich von dem Erbarmen des Gottessohnes scheidet!«
Spottlachen klang hinein in die begeisterte Rede. »Tor der du bist, dreifach verblendeter Tor! Der da den Einlaß begehrt, ist nicht der Antichrist, sondern der Befreier, der Erlöser, der, welcher die Ketten des Tyrannen zerbricht. Juble, du verdummtes, geknechtetes Russenvolk, juble, denn das Morgenrot der Freiheit geht für dich auf! Hörst du nicht die Freudenschüsse? Hurra, hurra für den Kaiser Napoleon!«
Ein Pole war‘s, ein hübscher junger Fant von zwanzig Jahren mit schwarzen Augen und schwarzem Kraushaar; er schwang hoch durch die Luft den blitzenden Schläger. »Laß sie nur die Tore verrammeln und die Brücke zerstören, dies Volk von Sklavenseelen! Er kommt doch, der Gewaltige, Polens Befreier, er kommt, noch ehe die Sonne des neuen Tages aufgeht!«
Das Gesicht des Mönches war farblos, eine halb wahnwitzige Begeisterung leuchtete aus seinen Zügen; mit vorgestrecktem Arm ging er dem polnischen Studenten entgegen.
»Hebe dich von dannen, Satanas, hebe dich von dannen! Was verführst du mein Volk?«
Der Pole lachte. »Du verführst es, Lügenprophet! Du willst —«
Seine Rede wurde plötzlich abgeschnitten. Eine Kugel fiel auf die Straße und riß ihn mit sich fort; hoch auf spritzten rote Blutwogen, schrecklich verstümmelt lag zehn Schritte weiter hinaus die Leiche des Unglücklichen auf dem Pflaster.
»Sehet! Sehet!« frohlockte der Mönch. »Gott hat gesprochen!«
Feuergarben schossen über den Himmel, ein Brausen und Knistern erfüllte die Luft. Alles Volk betete laut, Gesänge wurden gehört, Flüche, wilde unzusammenhängende Reden. Fortwährend predigte der begeisterte Mönch.
Mikosch zog seinen Schützling mit sich fort. »Wir haben unser Eigentum in eine sichere Straße gebracht«, flüsterte er. »Die Häuser stehen einzeln unter Bäumen, da brennt es nicht so leicht wie in den anderen Vierteln. Komm nur; Smolensk ist verloren.«
»Also du meinst es wirklich? Und was wird aus uns, Mikosch?«
»Ich werde euch schon beschützen. Da sei ganz ruhig.«
Um die Kirche zu Mariä Verkündigung wogte ein dichter Menschenhaufen. Oben, ganz oben auf der Kreuzblume züngelte die Flamme, um sich verheerend durch das Innere des schönen alten Baues zu ergießen – drinnen walteten geschäftige Hände zur Rettung des kostbarsten Gutes.
Der gedrängte Menschenhaufen begann sich zu teilen; vor dem vorderen Portal entstand eine breite Gasse. Trauermusik erklang aus dem Inneren der Kirche, florumhüllte Fahnen wurden von Priestern auf die Straße getragen, dann erschien der Archimandrit im vollen geistlichen Ornate.
Silberweiß wallte bis auf den Gürtel der Bart, bedeckt mit edlen Steinen waren Gewand und Schärpe; ein hochgewachsener stolzblickender Mann und doch tief erschüttert von dem Jammer der Stunde, so ging der kirchliche Würdenträger hinaus aus dem Tempel Gottes und trug in seinen Händen ein Bild, das allen Einwohnern von Smolensk als ihr teuerstes Besitztum galt, das nimmermehr der Wut des fränkischen Eroberers zum Opfer fallen durfte.
Lebensgroß, mit dem Strahlenschein über dem braunen Haar, mild lächelnd sah das liebliche Antlitz der Gottesmutter aus dem Rahmen hervor. In ihren Armen lag das Jesuskind, Engel spielten zu seinen Füßen, Engel schwebten in weißen Wolken über seinem Kopfe.
Alles Volk fiel, als das wundertätige Bild sichtbar wurde, auf die Knie, alle Stimmen schluchzten. »Wohin geht unsere Schutzheilige?« jammerten die Frauen. »Wohin bringt ihr sie?«
»Nach Moskau«, antworteten die Priester. »Dort ist sie sicher.«
Die Kirchtüren blieben weit geöffnet; drinnen walteten treue Hände ihres Amtes. Wer den Trost der Religion, wer Segen und Abendmahl begehrte, der fand das alles, während draußen die Flammen der einzelnen brennenden Gebäude ineinanderflossen und ein großes Feuermeer bildeten, eine Glut, die in Funken und Tropfen von den Dächern fiel, das Straßenpflaster versengte und die unglücklichen, aus ihren Häusern Vertriebenen jetzt auch noch in die Weite jagte, heimatlos, besitzlos, oft ihrer Liebsten beraubt, ohne Hoffnung oder irgendeinen Trost.
Immer neue Schauer von Kugeln schlugen in die Stadt hinein, neue gewaltige Anläufe krachten und donnerten gegen die Torbefestigungen; langsam, Zug nach Zug, rückte die russische Armee ab nach den umliegenden Höhen.
Mikosch und Onnen fanden die Ihrigen in einem leerstehenden Gartenhause. Die Stätte, an der sie während der letzten Nacht geruht, war längst eine Beute des tobenden Elementes geworden; jetzt hatten sie eine von den Bewohnern verlassene Villa in Besitz genommen, Räume, welche wenig geeignet schienen, herumziehenden Zigeunern als Wohnung zu dienen.
Ruff streckte seine gewaltigen Glieder in einem Salon, dessen Spiegelwände vom Boden zur Decke reichten und das Bild des Pelzträgers fünffach wiedergaben. Glänzende Fußböden, lackierte Fenster und Türen, Kamine aus Marmor, alles zeigte den Reichtum der Besitzer, die es vorgezogen hatten, ihre fahrende Habe in Sicherheit zu bringen und dafür das Haus der Zerstörung zu überlassen.
Alexei und Jasko schleppten Stroh herbei, Kochgeschirre, Lebensmittel und Decken, dadurch war die neue Wohnung eingerichtet, und man machte sich‘s bequem. Auf dem Herd brodelte eine Suppe, Ruff erhielt eine Mahlzeit aus Früchten und Fleisch. Die Männer rauchten.
Feiko Hansen stützte den Kopf in die geschwärzte Hand. »Sechsundfünfzig Verwundete habe ich von den Wällen getragen«, seufzte er, »Helden, die noch mit zerschossenen Gliedern kämpften – Hunderte, Tausende von Soldaten habe ich tot auf dem Pflaster liegen sehen, und alles, alles ist umsonst gewesen.«
»Aber auch die Franzosen mußten bluten«, rief Georg. »Unter der Königsbastion lagen Berge von Toten!«
»Horch, die Kanonade wird schwächer!«
»Sie erlischt ganz, glaube ich!«
Nur das Prasseln und Zischen der Flammen klang herüber, das tausendstimmige Angstgeschrei der gemarterten Volksmenge; die Geschütze dagegen schwiegen vollständig. Das Knattern der fallenden Kugeln war verstummt; eine verhältnismäßige Stille folgte dem Donner, welcher seit drei Tagen und Nächten nicht mehr aufgehört hatte.
»Die Franzosen ziehen ein«, nickte Mikosch. »In einer Viertelstunde werden wir sie sehen, vielleicht hier in diesen Räumen sogar.«
Onnen erschrak »Und wenn uns Oberst Jouffrin erkennen sollte, Mikosch? Was geschieht dann?«
Der Hauptmann spielte mit dem Messer an seiner Seite. »Oberst Jouffrin ist nicht hier«, antwortete er endlich.
»Weißt du das ganz gewiß?«
Er nickte. »Ganz gewiß, Herr. Ich würde sonst hinausgehen, um ihn zu suchen, um die Schuld, von der du ja Kenntnis hast, abzutragen.«
Ein düsterer Ernst sprach aus seinen Worten. Barbarins vergossenes Blut war ungerächt – der Mörder konnte sich also nicht in der Nähe befinden.
»Ich möchte doch wieder auf die Straße hinausgehen«, gestand Onnen. »Jetzt ist ja auch keine Gefahr mehr dabei.«
