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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 27

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»Hiermit«, nickte der Zigeuner, auf das Seil deutend. »Sie haben, wenn ich mich nicht vollständig täusche, einen großen Wäschekorb, nicht wahr, Frau Müller? Darf ich ihn einmal näher besehen?« Otto brachte das Gewünschte herbei und Jasko nickte befriedigt, »So wird es gehen. Mein Vater spannt gerade jetzt das Pferd an den Wagen und zieht es aus der Pforte hinter dem Schuppen – wir müssen den Gefangenen, damit er zu ihm gelangt, im Korbe hinablassen.« Die Witwe erschrak »O Gott, welch ein Gedanke! Ihr werdet ihn sicherlich nicht halten können.«

Jasko lächelte. »Ich nehme es auf mich, das Doppelte zu leisten, liebe Frau Müller – holen Sie nur jetzt unseren Freund hierher.« Auch Otto sagte, daß für den Flüchtling keine Gefahr zu fürchten sei. Onnen wurde aus seinem Gefängnis hervorgezogen und in aller Eile von dem Vorhaben der Verbündeten unterrichtet. Nachdem er sich gewaschen hatte, ging es zum Abschied.

»Lebe wohl, Onnen, und wenn du glücklich gerettet wirst, so laß einmal von dir hören.«

»Gewiß, liebe Frau Müller, gewiß; ich danke Ihnen herzlich.«

»Nein, nein, Onnen, wir sind es, die dir danken müssen. Du und der gute alte Vater dieses jungen Mannes, ihr habt uns gerettet.«

»Sprechen Sie doch davon nicht. Leb wohl, Otto, behalte mich lieb!«

Der Knabe schluchzte. »Onnen, Onnen, wie sehr werde ich dich vermissen. Gott sei mit dir, Gott beschütze dich!«

»Das wird er. Lebt wohl! Lebt wohl!«

Jasko hatte bereits zum Fenster hinausgesehen und von seinem Vater ein Zeichen erhalten; es war die höchste Zeit.

Der Korb wurde aus dem Fenster gehoben und das Seil durch beide Griffe gezogen, dann kletterte Onnen hinein. Frau Müller hielt voll Herzensangst die Hände gefaltet, während der Zigeuner und Otto mit festem Griff das Seil an beiden Seiten packten und Zoll um Zoll durch die Finger gleiten ließen.

Da erklangen im Torweg Schritte. Einer der beiden Soldaten kam auf den Hinterhof hinaus und rief den Zigeuner. »Eh, Burschäh, was maken du mit die cheval?«

»Danke der Nachfrage, Herr. Ich will hinausfahren und nachsehen, ob nicht irgendwo einige Lebensmittel aufzutreiben sind.«

»Du wollen escamoter! Je me meurs de faim – bringen mir einige Brot, oui?«

»Wenn ich mit Beute beladen zurückkomme, sollst du deinen Anteil erhalten, Soldat, darauf verlasse dich!«

Er hantierte an dem Geschirr herum und warf einige Säcke auf den Wagen, alles um nur die Zeit hinzubringen. Der Franzose stand neben ihm; hätte er zufällig emporgesehen und auf halber Höhe der Mauer den Korb bemerkt, so wäre das Schicksal des Flüchtlings beschlossen gewesen.

Mikosch fühlte, wie ihm das Herz gegen die Rippen pochte.

Der Soldat gähnte. »Nicht oublier le pain!« wiederholte er.

»Gewiß nicht.«

Der Franzose schlenderte zum Torweg zurück und Mikosch gab nach oben hin ein Zeichen. So schnell es anging, wurde der Korb herabgelassen, dann band Jasko das Seil an das Fensterkreuz und kletterte daran wie eine Katze auf den Hof hinunter.

Während Frau Müller das Fenster schloß, gab der Zigeuner seinem Sohne einen wohlgefüllten Beutel. »Hole den Bären, Jasko, schnell, und sieh dann zu, daß du die beiden anderen Deutschen an die Grenze oder an ein Schiff bringst. Ich hinterlasse dir an allen Orten, wohin ich komme, unser Zeichen.«

»Es ist gut, Vater, ich werde deinen Willen befolgen.«

Der Alte beugte sich näher zu seinem Sohne herüber. »Jasko«, sagte er feierlich, »bis wir wieder beisammen sind, verleihe ich dir die Rechte und Pflichten des Goel. Willst du dessen eingedenk sein?«

»Ich schwöre es dir, Vater.«

»Gut, dann lebe wohl!«

Ruff war auf den Wagen gesetzt, die letzten Händedrücke wurden gewechselt, dann schloß sich leise knarrend die Pforte. Jasko warf zur Vorsicht den Schlüssel über die Mauer und lachte befriedigt vor sich hin. Gottlob, die List war gelungen!

Eine bittere Kälte ließ die beiden auf dem Wagen befindlichen Männer zusammenschauern. Mikosch hatte Decken mitgebracht, in deren eine er sich hüllte, während Onnen die andere erhielt. So mit der funkensprühenden Stummelpfeife und den gänzlich vermummten Gliedern sah der Zigeuner aus wie irgendein Unhold des deutschen Märchens, der in halbdunkler Nacht über die Heide fährt und einen kostbaren Schatz oder ein noch kostbareres Königskind seiner unterirdischen Räuberburg zuführt.

Und doch schlug das Herz des Alten so warm. »Lehne dich an den Bären, Herr«, sagte er, »sein Pelz kann dir nützen.«

»Ich umschlinge ihn schon mit beiden Armen«, lachte Onnen. »Ruff ist doch ein guter Kerl, er soll auch Zucker haben.«

Irgendwoher aus den Falten seiner Gewänder brachte Mikosch ein Stückchen dieser vielbegehrten Näscherei und Ruff verzehrte es voll Behagen. Fernher leuchtete die Glut der brennenden Stadt, weiße Flocken tanzten im purpurnen Schimmer, eisig durch blattleere Äste fuhr sausend und brausend der Ostwind.

»Mikosch«, rief Onnen, »welch ein Opfer bringst du mir!«

»O nicht doch, Herr, nicht doch! Du bist mir lieb geworden, ich will dich deiner Mutter erhalten, der guten Frau mit den sanften Augen und dem Herzen voll Mitleid. Freue dich, jetzt sind wir aus dem von den Franzosen besetzten Gebiete heraus.«

»Schon ganz heraus, Alter?«

»Was das besetzte Gebiet angeht, ja. Aber die Herren unternehmen Beutezüge, um Lebensmittel zu erhalten, und in dieser Weise kommen sie dann allerdings auch hierher.«

»Was uns hoffentlich nicht schaden wird. Sollten wir wohl vor Tagesanbruch noch ein Haus antreffen, Mikosch?«

»Einen Landsitz, dessen Eigentümer freilich den Zigeunern nie Einlaß gewährt. Wir müssen aber unser Heil versuchen!« Onnen erwiderte nichts. Der unerschrockene Mann da vor ihm, der keinen Menschen fürchtete und vor keiner Mühe zurückbebte – er sollte ihn an Mut nicht übertreffen.

Die Gegend war flach und öde, die Luft kalt und Ruffs Pelz so wundervoll warm. Onnen versank immer tiefer in die große Wolldecke und lag endlich mit dem Kopfe auf dem Rücken des Bären, sanft schlafend, ob auch die Flocken ihn von allen Seiten umhüllten und den alten Zigeuner schier in einen Schneemann verwandelten.

Meile nach Meile blieb hinter dem Wagen; vor ihm in einiger Entfernung erhob sich das Herrenhaus eines stattlichen Landgutes. Ein Eisengitter umgab den Park und den Hof, mehrere Hunde bellten schon von weitem den beiden Zigeunern entgegen.

Es konnte jetzt sechs Uhr morgens sein; hinter den Fenstern des vornehmen Hauses brannte bereits Licht.

Mikosch übersah die Gegend, als er plötzlich mit einem halberstickten Schreckensschrei zurückfuhr. Ein Trupp Franzosen, alle in Infanterieuniform, aber trotzdem beritten, ein Trupp von etwa vierzig Mann, näherte sich in gleicher Richtung wie er selbst dem Herrenhause.

»Plünderer!« dachte der Zigeuner. »Nun ist guter Rat teuer – das nächste Dorf liegt zwei Stunden von hier.«

Er sah zu seinem Schützling hinüber. Onnen schlief fest; er war derartig verhüllt, daß ihn kein Auge entdecken konnte.

Mikosch fuhr weiter. Die Franzosen nahmen von ihm gar keine Notiz, sondern ritten der Pforte entgegen, obwohl aus größerer Entfernung als der Zigeuner, welcher um mehrere Minuten früher an das Ziel gelangen konnte.

Der Gaul erhielt ein Zeichen, die Räder drehten sich schneller und Mikosch klopfte an das Tor, ehe einer der Reiter herangekommen war. Zu seinem Erstaunen fand sich die Pforte offen, er fuhr daher hinein und rief mit lauter Stimme einen Knecht, der eben zwei große Hunde an die Kette legte und nun, als er den Reitertrupp sah, heftig erschreckend zur Eisenpforte lief, um dieselbe zu schließen.

Er kam nicht schnell genug. Der vorderste Franzose hatte bereits den Eintritt gewonnen, eine Kugelbüchse wurde dem Leibeigenen entgegengehalten, und unfähig zu irgendeiner Verteidigung mußte er die Schar das geöffnete Tor passieren lassen. Sein lautes Angstgeschrei klang gellend über den Hof dahin. Die Haustür öffnete sich und ein mit einer Kugelbüchse bewaffneter Mann trat heraus, zunächst dem Wagen des alten Zigeuners entgegen.

»Aha!« rief er zornig, »wieder einmal dies Gesindel! Sprich, du Hund, hast du es gewagt, die Franzosen hierherzuführen?« Während er sprach, hatte er eine kleine Metallpfeife hervorgezogen und ließ jetzt kurz nacheinander mehrere schrille Pfiffe ertönen. Der Hof füllte sich mit Leibeigenen; Säbel, Gewehre, Lanzen und Dreschflegel kamen zum Vorschein. Ehe Mikosch Zeit fand, dem fremden Herrn zu antworten, standen mehr als fünfzig Bauern, alle bewaffnet, zwischen dem Hause und den eingedrungenen Franzosen.

»Herr«, sagte Mikosch, »mir sind diese Leute ganz unbekannt, Ich komme aus Moskau und bitte dich nur um einen Trunk Wasser und einen Platz im Stall, damit mein Tier und ich einige Stunden schlafen können.«

Während dieser Worte war Onnen erwacht und sah voll Erstaunen in das feine, energische Antlitz des Fremden. Wo hatte er diese Züge schon früher kennengelernt?

Dann sprach der Gutsbesitzer, gab dem Zigeuner die verlangte Erlaubnis und mit dem ersten Ton seiner Stimme zerriß der Schleier, welcher bis dahin Onnens Erinnerung gefesselt hielt – er wußte jetzt, wer der Fremde sei.

Poppinga und Sohn! —

Zum letztenmal hatte er ihn gesehen in jener Nacht, wo ihn selbst und die beiden Unbekannten die Buttfischer auf ihren Schlitten entführt hatten, als sich der Nebel zum Gebirge türmte und das laute fröhliche Lachen der Schlickfahrer von allen Seiten erschallte.

Dieser Herr war derselbe, welcher in Düke Mommsens Gasthof zu Emden den gefälschten Paß an sich nahm und damit seinen Verfolgern entrann.

Onnen sprang aus dem Wagen und die wenigen Stufen der Treppe hinauf. »Kennen Sie mich nicht mehr, Herr Poppinga?« fragte er lächelnd.

»Was sagen Sie da?«

»Denken Sie an Emden, an einen Knaben, den damals die Franzosen verfolgten, an den Polizeidirektor Lemosy!«

»Alle Wetter – dieser Knabe waren Sie?«

»Ich selbst!«

»Und jetzt brauchen Sie Schutz gegen irgendeinen Feind?« »Wenn auch nicht gerade das, so doch ein Obdach – nur für wenige Stunden!«

»Für so lange, wie Sie wünschen, mein junger Freund; am liebsten behielte ich Sie ganz hier. Jetzt kommen Sie schnell herein – auch der Zigeuner mag in die Küche gehen.«

Mikosch hatte voll Erstaunen diese ihm unverständlichen Worte mit angehört; als er aber bemerkte, daß sich die beiden Männer kannten, pries er im stillen das glückliche Zusammentreffen und wollte gerade den Wagen zum Hofe lenken, als er sah, daß einer der Franzosen vom Pferde sprang und die Stufen hinaufeilte.

»Hab ich dich, Onnen Visser! Zum zweitenmal in vierundzwanzig Stunden«, frohlockte Adam Witt. Hier führte ihm das Schicksal den Gesuchten entgegen, hier fand er den, welchen alle List in Moskau nicht umgarnen konnte.

Seine Hände krallten sich in Onnens Rock. »Mein Herr«, rief er, dem Gutsbesitzer zugewandt, »dieser Mensch ist ein Deserteur, Sie müssen ihn herausgeben!«

Ein gehöriger Stoß mit dem Kolben war die Antwort. Der Herr des Hauses öffnete die Tür, schob ohne weiteres seinen Gast hinein und schloß sie wieder, dann wandte er sich an den Führer der Franzosen mit der Anfrage, was die Herren wünschten.

Der Offizier hatte schon während der ganzen Unterredung Onnens mit dem Gutsherrn seinerseits den Verwalter bestürmt, Lebensmittel und Futter für die Pferde herauszugeben, jetzt wandte er sich an den Eigentümer und drohte mit Gewaltmaßregeln, wenn nicht seinem Wunsche sofort entsprochen werden würde.

Es entstand eine Unruhe, eine Art Vorbereitung zum Kampfe; Gewehre wurden angeschlagen und Säbel geschwungen, herüber und hinüber flogen erbitterte Worte, als plötzlich Mikosch einen Ton hörte, von dem er glaubte, daß derselbe nur in seiner erregten Phantasie bestehen könne.

Es klang, als wenn jemand eine Sense schärft. Einmal und nochmals – der Ton war wirklich vorhanden.

»Alexei!« rief der Alte. »Alexei – sollte er hier sein?«

Und wirklich sah er plötzlich den jungen Menschen. Neben den Pferden der Franzosen erschien das listige Gesicht, sein Abgesandter winkte ihm.

Unvermerkt, während der Streit zwischen dem Gutsherrn und dem Offizier in immer verstärktem Maße fortgeführt wurde, unvermerkt näherten sich einander die beiden Söhne des braunen, wandernden Stammes.

Alexeis Augen glänzten triumphierend. »Goel!« sagte er bedeutsam.

»Was? – Was?«

»Goel, sieh dorthin. Der Mann mit dem Tigergesicht ist Oberst Jouffrin!« »Ah!«

Nur dieser eine Laut drang aus der Kehle des Zigeuners hervor, aber es lag darin eine Welt von Befriedigung, ein Rausch des errungenen Sieges.

Mikosch lockerte das Messer in der Scheide.

Alle Hintersassen des Gutsherrn, Leibeigene und gemietete Tagelöhner, über siebzig an der Zahl, hatten sich jetzt auf dem Hofe eingefunden; es kam zum Handgemenge und von da zum Kampfe; die Franzosen versuchten anfänglich, ihre Gegner niederzureiten, aber das mißlang ganz und gar, darum saßen sie ab und kämpften Mann gegen Mann.

Vier Arme streckten sich aus, um den Obersten zu Boden zu reißen, vier Arme hielten wie eiserne Schrauben seinen zuckenden Körper. Er konnte nicht schreien, ein Knebel steckte ihm zwischen den Zähnen; er konnte nicht aufspringen, denn die Füße waren eng umschnürt.

So trugen sie ihn hinter die Ecke eines Nebengebäudes, ganz wehrlos, jählings überfallen und zu Boden geschlagen, wie das Schicksal den Schuldigen ereilt, gleichviel durch welches Werkzeug, auf welche Weise.

Und hier nahmen sie ihm das Tuch aus dem Munde. Im Donner der Musketenschüsse, des Schreiens, Stampfens und der Pferdehufe ging seine Stimme völlig verloren.

Mikosch beugte sich über ihn, das blanke Messer in der Hand. »Tyrann!« sagte er mit tiefer, vor Erregung unsicherer Stimme, »Tyrann, entsinnst du dich jener Stunde, wo ein armer harmloser Zigeuner mit seinem Wagen dir begegnete und wo du ihn nach dem Wege fragtest? Als guter russischer Patriot konnte und wollte er dir keine Auskunft geben. Was tatst du da, elender Franzose?«

Der Oberst hob den Kopf. Bei allen seinen Lastern war er doch keineswegs feige, auch jetzt loderte in seinen Blicken ein ungemessener Zorn, er lachte höhnisch. »Ich behandelte den Hund, wie er es verdiente. Ein Wolf mehr oder weniger in der Welt, wen kümmert es?«

»Da hast du recht«, nickte Mikosch. »Und nun wisse, du bist der Blutrache meines Volkes verfallen, du mußt jetzt sterben!« Oberst Jouffrin versuchte eine gewaltsame Anstrengung, um sich zu befreien, aber das Messer des Zigeuners hatte bereits seine Brust durchbohrt. Noch einmal öffneten sich die Lippen – ob zum Beten oder Fluchen – aber kein Ton drang hervor. Der »Schinder« hatte aufgehört zu leben.

Unter freiem Himmel, mit durchstochenem Herzen, wie er Barbarin getötet, so ereilte ihn die Rache.

In den Augen des Zigeuners erschien ein Freudenblitz; langsam zog er das Messer aus der Wunde und reinigte es an den Kleidern des Gerichteten. »Das wäre abgetan, Alexei, nun kann mein armer Bruder schlafen, schlafen – und von dem ewigen Glanze träumen! – Auf, Alexei, auf, wir müssen da vorn den Bären ins Treffen führen; es scheint, als wollten die Bauern den französischen Freibeutern erliegen.«

Die Leiche des Obersten ihrem Schicksal überlassend, eilten die beiden Männer auf den Kampfplatz, wo die Soldaten Fuß für Fuß das Terrain eroberten. Wildgewordene Pferde sprengten verwundet, blutend und reiterlos überall umher, die Gartenbeete waren zerstampft, die Fensterscheiben zerschlagen, die Obstbäume beschädigt; der Gutsbesitzer kämpfte mit dem Säbel in der Faust gegen die Feinde, denen im Handgemenge keine Zeit blieb, sich ihrer Feuerwaffen zu bedienen – sie schlugen mit den Kolben gegen die Dreschflegel der Bauern oder rangen mit diesen, bis einer den anderen erwürgt hatte.

Die Kampflinie umgehend, eilte Mikosch zu seinem Wagen und setzte den Bären in Freiheit. Der Maulkorb wurde abgestreift, Stock und Kette entfernt, dann sprang Ruff schwerfällig zu Boden. »Auf, mein Tier«, ermunterte der Zigeuner, »auf! Das sind Feinde!«

Der Bär spitzte die Ohren. Mit einem lauten, gewaltigen Brüllen stürzte er sich in das Getümmel und erreichte sofort, was sein Herr beabsichtigte: die Bauern flüchteten nach einer, die Franzosen nach der anderen Seite.

Mikosch hob ermutigend die Hand. »Diese da, mein Alter, diese sind‘s! Gib es ihnen!«

Ruffs furchtbare Tatzen streckten die nächsten Gegner zu Boden; den Bauern schien durch diese unerwartete Wendung neues Vertrauen eingeflößt, sie drangen mit verdoppelter Kampflust vor und schon nach wenigen Minuten waren die halbverhungerten, vor Kälte schaudernden Franzosen aus dem Hofe vertrieben.

Krachend flog das große eiserne Tor ins Schloß; eine Wache, aus sechs Leibeigenen bestehend, postierte sich nahe am Gitter, und nun begann alles, was auf dem Gute noch Hände regen konnte, zunächst den vielen Verwundeten zur Hilfe zu eilen. Man trug Freund und Feind in ein Zimmer des Erdgeschosses, wo der Gutsherr selbst die ersten Anordnungen traf; ein Knecht ritt zum Arzte, zehn oder zwanzig andere teilten sich in Gruppen, um die flüchtigen Franzosenpferde einzufangen und sofort zum Tore hinauszujagen. Jedes einzelne trug am Sattel mehrere aufgerollte Leinwandsäcke, in denen jedenfalls die Beute nach Moskau transportiert werden sollte; stattdessen mußten nun viele der Tiere, den Spuren ihrer Genossen folgend, leer in die Hauptstadt zurückkehren.

Der Vorgarten sah aus wie ein Schlachtfeld; Blut stand in Lachen zwischen den Vertiefungen der Steine, Blut hatte die Erde durchsickert; in ganzen Haufen lagen zertretene, zerknickte Büsche und Gesträuche umher. Jetzt kam auch das weibliche Personal des Hauses zum Vorschein, die Gutsherrin und ihre Mägde; man säuberte, glättete und fegte, bis die frühere Ordnung einigermaßen wiederhergestellt war.

Die Toten, vierzehn an der Zahl, lagen sämtlich in einer Scheune, wohl gewaschen und mit gefalteten Händen, jeder ein Sträußchen vom Lebensbaum auf der Brust; so sollten sie am Abend, wenn der Pope des nächsten Dorfes die Einsegnung vollzogen hatte, im gemeinschaftlichen Grabe der Mutter Erde übergeben werden.

Auch Oberst Jouffrin war dabei. Die stumpfsinnigen Leibeigenen glaubten, daß er sich mit der Todeswunde in der Brust noch so weit fortgeschleppt haben könne – sie fragten nicht weiter, sondern trugen ihn zu den übrigen Leichen.

Mikosch und Alexei wurden in der Küche auf das beste bewirtet; Onnen dagegen hatte ein Zimmer im Herrenhause erhalten und stand jetzt nach Beendigung aller dieser aufregenden Szenen, noch geschwärzt vom Pulverdampf, mit zerfetzten Kleidern dem Gutsherrn gegenüber. Sein Auge leuchtete vor Vergnügen; er lachte, als ihm Herr von Bojanoff Vorwürfe machen wollte.

»Aber wie konnte ich denn ruhig und im gesicherten Versteck ansehen, daß alle Männer des Gutes gegen die Franzosen kämpften, während ich selbst untätig dastand!« rief er. »Das durften Sie nicht verlangen, mein Herr!«

Der Edelmann lächelte. »Nun, nun, vielleicht hätte ich ja an Ihrer Stelle gehandelt wie Sie, mein junger Freund, aber dennoch – der Paß, welchen ich damals in Emden aus Ihrer Hand nahm, dieser Paß für Poppinga und Sohn rettete damals meinem Vater und mir das Leben; ich möchte also die Schuld gern so viel wie möglich abtragen, ich will nicht, daß Ihnen unter meinem Dache ein Leid geschieht!«,

»Nun aber«, setzte er hinzu, »machen Sie sich‘s vor allen Dingen bequem. Hier ist Ihr Zimmer; wenn Sie ausgeruht haben, so kommen Sie zum Essen wieder herunter. Später soll Ihnen dann der Schneider einen neuen äußerlichen Menschen anmessen.«

Onnen dankte gerührt. »Will Mikosch so lange hierbleiben?« fragte er.

»Mikosch? Wer ist das? – Ah so, der Zigeuner. Nun, über alle diese Dinge wollen wir später in Ruhe sprechen; jetzt vergönnen Sie sich nur zunächst eine gründliche Wäsche.«

So war denn Onnen plötzlich aus dem Schmutz und der Niedrigkeit der Zigeunerherberge in die eleganten Räume des freiherrlichen Schlosses versetzt; er aß von Porzellantellern und trank aus geschliffenen Gläsern, die vier Kinder des Gutsherrn kamen zutraulich an ihn heran, alles atmete Wohlhabenheit und Sicherheit, alles stand im schärfsten Gegensatz zu den wilden und schrecklichen Szenen, welche er seit so vielen Monaten durchlebt hatte.

Beim Kaffee erzählte Herr von Bojanoff seinem jungen Gaste die Geschichte der damaligen Reise nach Emden und der Gefahr, welcher er so glücklich durch Heye Wessels Paß entronnen war. »Ich bin aus einer russischen Familie«, sagte er, »aber persönlich von Geburt ein Österreicher. Als Generalleutnant geriet ich bei Wagram in französische Gefangenschaft, wo mir die leitenden militärischen Kreise, namentlich dieser Viktor Lemosy, zu verstehen gaben, daß es für mich von größtem Vorteil sein werde, wenn ich über gewisse Einzelheiten österreichischer Armeeverhältnisse eine vertrauliche Auskunft geben wolle. Meine einzige Antwort war eine schallende Ohrfeige, die Lemosy in Gegenwart dritter Personen erhielt – das verzieh er mir natürlich nicht. Ich wurde sehr streng behandelt, fand aber dennoch Gelegenheit zur Flucht und entkam nach Amerika, wo ich mehrere Jahre lebte; dann starb ein älterer Verwandter, welcher mir dies Gut hinterließ; ich nahm den Platz auf einem nach Hamburg gehenden Schiffe und wollte von dort, mit einem amerikanischen Passe versehen, über Dänemark und Schweden hierher gelangen, aber das Schicksal hatte es vorläufig anders beschlossen. Mein Vater war mir nach England entgegengereist; wir kamen glücklich durch den Kanal und litten dann auf der Höhe von Borkum Schiffbruch. Der Paß und mit ihm mein ganzes Gepäck gingen verloren, ich hatte nur das bare Geld gerettet, allerdings vorläufig das notwendigste, aber dennoch war ich in Verzweiflung; die französischen Behörden ließen niemand ohne Paß des Weges gehen.

»So saßen wir im Gasthof zu Emden, mein Vater und ich, ratlos, immer grübelnd und doch ohne Auskunftsmittel; immer neue Pläne ersinnend und doch überzeugt, daß einer ebenso unausführbar sei wie der andere, bis – Sie kamen!«

»Gottlob!« schaltete Onnen ein.

»Ja, gottlob!« wiederholte innig der Gutsherr. »Wir hatten aus unserem Zimmerfenster gesehen, wie die beiden Lederpuppen in Sicherheit gebracht wurden, wir hörten, wie der Wirt den Leutnant hinter das Licht zu führen suchte, und durchschauten unschwer den Zusammenhang der Dinge. Dieser Paß, zu dem die Inhaber fehlten, mußte in unseren Besitz gelangen!

»Als der Wortwechsel gerade vor unserer Tür immer heftiger wurde, da erschien ich und nannte meinen Vater und mich selbst ohne Umstände Poppinga und Sohn, ich sprach auch von meinem Hause in Emden und – das Weitere wissen Sie.

»Ich kann Ihnen sagen, daß mir das Herz den Kanonen der Feinde gegenüber nie so mächtig schlug wie in dem Augenblick, wo ich Lemosys Züge erkannte! Ein schmachvoller Tod von Henkershand wäre mir im Fall der Entdeckung gewiß gewesen.«

Er nahm die Zigarre aus dem Munde und sah minutenlang stumm vor sich hin; sein Gesicht schien blaß.

»Solche begünstigten und völlig gewissenlosen Kreaturen Napoleons haben leider überall, wohin sie gelangen, gegenwärtig eine unheilvolle Macht«, sagte er dann; »ich hätte jene Ohrfeige mit den ärgsten Martern büßen müssen. Gut, daß Sie kamen, mein junger Freund, gut, daß die braven Buttfischer mit ihren Kreien zur Stelle waren! – Ich habe die Leute später reichlich entschädigt und will auch Ihnen nach Möglichkeit beistehen. Bleiben Sie hier, werden Sie das älteste meiner Kinder und seien Sie mir als solches tausendmal willkommen.«

Er streckte die Hand aus – es zuckte in Onnens Fingerspitzen, als müsse er sie hineinlegen, aber nur einen Augenblick, dann schüttelte er kräftig den Kopf. »Ich danke Ihnen aus Herzensgrund, gnädigster Herr, es ist mein eigenes Glück, das ich hier verscherze, aber – daheim betet die verwitwete Mutter zu jeder Stunde, daß ihr Gott den Sohn wieder in die Arme führen wolle! Ich kann die, welche so Schreckliches ertragen mußte, in dieser letzten Hoffnung nicht täuschen.«

Herr von Bojanoff streichelte lächelnd das erglühende Gesicht seines jungen Gastes. »Ich kann Ihnen nur beipflichten, lieber Visser«, sagte er freundlich, »Sie handeln so, wie es einem guten Sohne geziemt, und der Lohn dafür wird nicht ausbleiben.«

»Da sehe ich aber den Arzt kommen«, setzte er hinzu. »Jetzt muß ich ihn und wahrscheinlich auch gleich den Popen empfangen; das Grab für die Toten wird auf dem Gottesacker schon ausgeworfen.«

Der Nachmittag brach an und die Leichenfeier sollte, sobald der Arzt die Körper der Gefallenen besichtigt hatte, vor sich gehen. Nach und nach kamen aus dem Dorfe die sogenannten Klagefrauen, solche Bäuerinnen, die eine besonders schöne Singstimme haben und daher die Totenlieder vortragen, Dichtungen, von denen man sagen kann, daß sie, nie geschrieben und nie gedruckt, unvergänglich im Herzen des Volkes fortleben und gerade dadurch ihren wahren Wert erhalten. Die Frauen trugen ihren besten Sonntagsstaat und hielten weiße Taschentücher in den Händen; sie wurden zunächst alle in der Küche freigebig bewirtet, dann begann die eigentümliche Feier.

Der Pope hielt eine Rede, in der er von den Wechselfällen des Krieges sprach und von dem Lohne, welcher im ewigen Leben die treuen Diener erwarte, denen hier das schöne Los zuteil geworden, für ihren Herrn und Gebieter sterben zu dürfen; er segnete die Leichen ein und übergab darauf den nun folgenden Teil der Totenfeier den Frauen.

Der Gutsherr und seine Gemahlin hatten in der großen Vorhalle mitten unter dem Gesinde Platz genommen; vor ihnen standen die Klagefrauen und neben diesen lagen in langer Reihe die Opfer des heutigen Morgens.

Eine ganz in Schwarz gekleidete, mit wallendem Schleier umhüllte Frau trat vor. Sie sang an Stelle der hinterlassenen Witwen aller dieser Toten, ihre Hände waren gefaltet, ihre Augen rot vom Weinen; das was sie sagte, kam aus dem tiefsten Herzen, wie denn auch diese Sterbegesänge nie bezahlt, sondern immer nur erbeten werden.

»Die rote Sonne«, so begann der Gesang, dessen Worte Onnen notdürftig verstand, »die rote Sonne hat sich hinter hohen Bergen, hinter wallenden Wolken und rauschenden Bäumen versteckt, sie hat unter den östlichen Sternen ihren Platz gesucht. Mein Mann, mein Ernährer ist dahin, ich bin eine Witwe geworden und meine Kinder sind Waisen! O ich Arme, ich Unglückliche, weshalb ließ ich den Tod in das Haus hinein, weshalb erkannte ich ihn nicht zur rechten Zeit, den Lügner, den Betrüger! Ach, es wäre mir ja gewiß gelungen, ihm sein Opfer zu entreißen, er hätte mit einem minder kostbaren Leben fürlieb genommen, er hätte sich erweichen lassen! – Ich Arme besitze nicht einmal das Bild meines Gatten; was soll ich nun seinen Kindern zeigen, wenn sie erwachsen sind?« Ringsumher seufzte alles. Schwankenden Schrittes näherte sich die Sängerin einer Gruppe anderer Frauen, welche die Nachbarinnen der beraubten Witwe vorstellten. Sie warf sich ihnen zu Füßen und umklammerte ihre Knie. »Verlaßt mich nicht, um Jesu willen, verlaßt mich nicht, sonst bin ich der Verzweiflung überliefert!« In diesem Augenblick trat der Gutsherr vor. »Tröste dich, arme Frau«, sagte er,»tröste dich, suche den Schmerz zu überwinden.« Aber die gesungene Klage wurde nur noch heftiger. »Laß mich weinen, laß mich jammern, oder der Schmerz rafft auch die Mutter dahin, macht unschuldige Kinder ganz zu Waisen, raubt ihnen das letzte!«

Die Nachbarin, deren Knie jene umfaßt hielt, übernahm jetzt die Fortsetzung des Gesanges. »Was soll wohl eine arme Witwe beginnen?« tönte es von ihren Lippen. »Woher soll sie Brot und Kleider nehmen, womit die Söhne unterrichten und die Töchter aussteuern? – Wehe, wehe, auch mein Gatte ging dahin; ich kenne das Los der Verlassenen!«

Sie machte sich mit sanftem Zwange aus den Armen der ersten Sängerin frei und trat zu den Toten. Ihre Hände, weit vorgestreckt, waren gefaltet, ihr Kopf zurückgebogen. »Ach, warum ist der Tod so stumm, so kalt, warum ist es euch nicht gestattet, einen Brief mitzunehmen an meinen Gatten? Ich hätte ihm so gern von den Kindern geschrieben, von der bunten Kuh und dem Pferdchen, das er aufzog, das er liebte! – Ihr könnt keine Briefe besorgen, denn eure Hände sind kalt und eure Augen gebrochen, aber in den Ländern des ewigen Sonnenscheines werdet ihr meinen Gatten sehen – grüßt ihn von seiner Witwe, seinen Kindern, von der bunten Kuh und dem Fohlen!«

Damit war die Trauerfeierlichkeit im Hause beendet; der lange Zug bewegte sich in Sturm und Schneegestöber hinaus zum Dorfkirchhof, wo das große weite weiße Grab wie die verkörperte Öde und Einsamkeit unter den kahlen Baumstämmen dalag. Das ganze Dorf hatte sich eingefunden; viele beraubte Mütter, Frauen und Kinder weinten an den Bahren, viele Männer hatten ihre Brüder, ihre Freunde verloren. Der Pope sprach wieder einige Worte, worauf ihm die erste Sängerin für seinen Segen im Namen der Toten dankte und dann ihre verzweifelten Klagen abermals erschallen ließ. Während derselben wurden die Toten in das letzte Bett gelegt und nun warf sich die Sängerin am Rande der Grube auf ihre Knie, laut den Himmel anrufend, daß er die Heimgegangenen zu neuem Leben erwecken und den Angehörigen zurückgeben möge. »Wir werden sie am Morgen erwarten, am Mittag und am Abend«, schloß sie die rührende Klage, »wir werden uns in der Nacht wachzuhalten suchen, um ihre Ankunft nicht zu versäumen. Gib sie uns wieder, Herr, gib sie uns wieder!«

Schauerlich im Pfeifen und Ächzen des Ostwindes klang die bange Weise; es ging gewiß von allen Teilnehmern des Zuges kein einziger ohne tiefe nachhaltige Erschütterung in das Dorf zurück – für Onnen sollte indessen noch ein unerwarteter Augenblick der Erregung bevorstehen. Als er mit dem Schloßherrn nach Hause kam, da hatten die Knechte in einem Gebüsch vor dem Tore noch eine Leiche aufgefunden, einen jungen Mann, dessen krampfhaft verschlungene Finger das dürre Gras erfaßt hielten, dessen Züge den schweren Todeskampf deutlich erkennen ließen. Eine Kugel war ihm in die Brust gedrungen – er mußte furchtbar gelitten haben. Mikosch sah ihn zuerst, dann winkte er unserem Freunde. »Schau einmal den Burschen an, Herr, ich denke, du wirst ihn kennen!«

Onnen kam näher. »Ist es Adam Witt, Alter?«

Der Zigeuner nickte. »Fühle seinen Rock, Herr! Die Knechte waren schon ganz erstaunt.«

Vor Onnens Blicken lag auf Stroh die Leiche dessen, den er im Leben so tief verachtet, der ihm ohne allen Grund ein Feind und Widersacher gewesen. Adam Witt war tot, der Verräter hatte seine gefährliche Macht verloren.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain