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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 28
»Fühle den Rock, Herr«, wiederholte Mikosch.
Onnen fuhr auf; er streckte mechanisch die Hand aus. »Du, Alter, ich glaube, hier sind Goldstücke in das Futter genäht!«
»Hm, ich glaube es auch. Unten und oben, im Kragen und in den Ärmeln, überall sitzen die runden Dinger. Auch die Weste ist ausgestopft, und um den Leib liegt ein breiter Ledergurt! Wenn das die Herren Kameraden gewußt hätten!«
Onnen schüttelte den Kopf; er zog über das entstellte Gesicht des Toten ein Tuch und machte dann dem Gutsherrn die Meldung dessen, was er gesehen hatte. Herr von Bojanoff spielte mit dem Stift in der Hand; er seufzte. »Hat dieser junge Mensch daheim auf Norderney eine arme Familie?« fragte er nach längerer Pause.
»Nur noch seinen Vater, Herr Baron, und dieser ist sehr reich.«
»Gut; dann soll das zusammengeraubte Geld den Witwen und Waisen der heute morgen gefallenen Männer zugute kommen. Wenn wir – was mir allerdings das liebste wäre! – den Schatz mit dem Toten begraben wollten, so würde das nur zu neuen Räubereien Veranlassung geben. Eines Tages wäre das Grab aufgewühlt und die Leiche herausgezerrt – wir wollen das Geld den Hinterbliebenen meiner Bauern geben.«
Für diesen Tag war es zu einer neuen Beerdigung zu spät geworden. Die Kammer, in welcher der Tote lag, wurde verschlossen und eine Wache vor die Tür gestellt; dann versperrte man mit doppelten Eisenstangen das vordere Tor und ließ die beiden großen Bulldoggen schon in der Dämmerung frei umherlaufen.
Während der Nacht schliefen alle Bewohner des Gutes wie Menschen, die geistige und körperliche Anstrengungen durchlitten haben; am folgenden Morgen ließ dann der Gutsherr den Dorfgeistlichen, sowie den Verwalter und den Schreiber kommen, um in Gegenwart dieser Zeugen festzustellen, wieviel Geld bei dem Toten gefunden sei.
Die durchnäßten, blutbefleckten Kleider wurden von den erstarrten Gliedern geschnitten und dann der ganze Inhalt auf einen Tisch gehäuft. Silberne und goldene Münzen, edle Steine und Stücke zerbrochener Schmuckgegenstände, alles von dem Blute des mißleiteten jungen Menschen überströmt, so quoll unaufhaltsam das gestohlene Gut aus den Nähten und dem Futter der Kleidungsstücke, aus dem Ledergurt und den Stiefeln hervor. Tausende lagen da beieinander – ein eisiges Grauen ging durch die Seelen der Männer. Wie viele Tränen mochte der nun Gestorbene um dieser Schätze willen erpreßt haben? Wie viel Elend anderer verklagte ihn vor Gott! —
Das Antlitz der Leiche blieb bedeckt. Die zerfetzten Uniformstücke wurden vergraben und dann ein Sarg gezimmert, um ohne die üblichen Totenklagen und die Begleitung dritter Personen den Verstorbenen, der ja nicht zur russischen Kirche gehörte, am folgenden Tage zu beerdigen.
Nur Onnen gab ihm die letzte Ehre; er begleitete den Sohn seiner Heimatinsel zum Grabe und warf die erste Handvoll Erde auf den Sarg. Mochte ihm Gott ein gnädiger Richter sein! —
Etliche Stunden später ging es dann zur Abreise. Die geschlagenen und stark aufgeriebenen Freibeuter konnten immerhin in Moskau von dem Geschehenen Mitteilung gemacht haben; der Oberst wurde vielleicht vermißt und andere Streifpartien zogen aus, um seinen Tod zu rächen, es war also besser, denselben aus dem Wege zu gehen. Onnen hatte von der Güte des Schloßherrn neue derbe Pelzkleidung erhalten, Mikosch außerdem eine größere Barsumme und alle drei vorzügliche Waffen; so ausgerüstet machten sie sich, nachdem die Räder abgenommen und der niedrige Wagen in einen Schlitten verwandelt worden war, nach herzlichem Abschied wieder auf den Weg.
Herr von Bojanoff hatte sich durch einen reitenden Boten eine Abteilung Kosaken erbeten und auch erhalten. Das Gut war also jetzt vollständig beschützt und vor der Rache der Franzosen gesichert. Unsere Freunde hörten noch, daß das alte Zarenschloß des Kreml teilweise in die Luft gesprengt worden sei, dann flog der Schlitten durch die wirbelnden Schneemassen dahin, und als Onnen den Alten fragte, welchen Weg er jetzt einschlagen wollte, da lachte dieser wohlgefällig. »Es wird überall für uns Brot gebacken, Herr – zunächst muß ich nun in den Winterquartieren meines Volkes vorsprechen, muß sehen, wie die Frauen und Kinder leben.«
»Ganz gut«, rief Onnen. »Wo liegt der Ort?«
»Weit hinaus – und noch weiter geht unsere Fahrt. Laß dir sagen, Herr, daß die Stunde der Befreiung schon heraufzieht, für dein Land sowohl wie für das meinige. Napoleon leidet in Moskau Höllenqualen, er kann die glühende Luft kaum noch atmen, er findet für seinen Tisch keine Speisen mehr, er erhält von unserem Zaren, mit dem er unterhandeln will, keine Antwort.«
»Sprachst du mit den Kosaken, Alter?«
»Ja. Sie waren sehr guten Mutes. Napoleon kann sich in Moskau nicht halten, seine Leute werden reihenweise, tausendweise ermordet – sie gehorchen ihm nicht länger, sie lachen ihren Vorgesetzten ins Gesicht und schlagen die Wachtposten, sie ziehen bandenweise umher und erbrechen ohne Umstände die von ihm errichteten Magazine. Kann es noch ärger werden? Der Tyrann Europas zittert, ich sage es dir!«
Er knallte mit der Peitsche und ließ lustig die Schlittenglocken klingen. Milliarden von Flocken wirbelten durch die Luft und häuften sich auf die Pelzkappen der Männer, hoch in der grauen bleifarbenen Luft krächzte der Rabe und aus den öden Waldungen bellten Fuchs und Wolf.
Wie ein Schatten huschte der Schlitten hindurch.
16
Das Winterdorf des Zigeunerstammes lag an der Waldgrenze, geschützt von Felsabhängen und in ziemlicher Nähe einer kleinen Stadt. Die Zelte aus Schafspelzen waren fußhoch mit Schnee bedeckt, alles erglänzte in weißem Schimmer, unter einem großen Bretterschuppen loderte das mächtige Feuer, an dem einzelne Männer die Kessel der Stadtbewohner flickten, andere Pferde beschlugen oder das Eisen schmiedeten.
Mikosch hatte seiner alten Mutter das Messer in den Schoß gelegt und ihr gesagt, daß Barbarins Tod gerächt sei. Ein Freudenfeuer erglänzte aus diesem Grunde in der ersten Nacht auf den umliegenden Höhen und ein heidnisches Opfer versammelte um einen großen platten Stein die braunen Gaunergestalten.
Blut war in das Feuer gespritzt, ein Herz und ein Hirn vom Pferde verbrannt – nun hatten die alten Heidengötter ihren Dank erhalten.
Gesprochen wurde davon und dabei kein Wort; Onnen sah es auch nur von weitem, aber er wußte doch, daß es geschehen sei.
»Wenn nun Oberst Jouffrin glücklich entkommen wäre?« fragte er seinen Freund Alexei.
»Dann hätte ihm Mikosch nach Frankreich folgen müssen.«
»Er hätte aber auch in der Schlacht fallen, auch an einer Krankheit sterben können?«
»Gewiß – dann wäre sein ältester Verwandter der Blutrache verfallen gewesen; wenn dagegen Mikosch die Pflicht des Goel aus irgendeinem Grunde unerfüllt lassen mußte, so trat Jasko an seine Stelle. Oft ist erst der dritte oder vierte Erbe statt des Schuldigen zur Rechenschaft gezogen worden.«
»Ein grausames, ungerechtes Gesetz!«
»Kümmere dich nicht darum; Herr! In dieser Nacht wollen wir Hühner jagen.«
»In der Nacht?«
»Gewiß. Der Schnee liegt seit vierzehn Tagen und schmilzt nun vor dem Frühling nicht wieder – sie haben sich jetzt eingebettet.«
»Die Hühner?« »Ja. Es wollen außer mir noch mehrere andere junge Leute hinaus; begleitest du uns, Herr?«
»Natürlich. Aber weshalb muß es denn in der Nacht geschehen?«
»Weil wir sonst die Tierchen nicht finden würden. Schlafe nur einige Stunden, damit du munter bist.«
Onnen fand das Treiben in dem Winterdorfe keineswegs nach seinem Geschmack; er erwartete vielmehr sehnlichst die Stunde, wo Mikosch den Reisewagen wieder bespannen und weiterfahren würde. An Reinlichkeit war bei dem braunen Völkchen nicht zu denken, an Ehrlichkeit ebensowenig; es kamen Kälber, Schafe, Enten und Gänse in die Kochtöpfe, es erschienen sogar Pferde und Rinder, die irgendein flinker Geselle entführt hatte, ehe ihn jemand daran zu hindern vermochte – und Mikosch und Alexei wußten das sehr wohl. Sie luden mit der größten Freundlichkeit den zu Tische, der weniger besaß als sie selbst; aber woher der Braten gekommen war, das verursachte ihnen nicht die geringste Sorge.
Aus allen Hütten erschallten am Abend die lustigen Melodien; das Völkchen lebte nur der gegenwärtigen Stunde, ohne darüber hinauszudenken. Fast an jedem Tage kamen wandernde Stammesgenossen, Bärenführer, Affenbesitzer, Wahrsagerinnen und Hufschmiede, die auf ihren Zügen durch das Land bei den Gesinnungsverwandten einkehrten und gleichsam ihre lebendige Zeitung bildeten. Auch aus Moskau kam ein Zauberkünstler mit seinen Spielereien und brachte Botschaft von den beiden Söhnen des alten Häuptlings. Sie waren bis jetzt noch in der Hauptstadt, auch Feiko und Georg ließen grüßen; die Franzosen bereiteten den Rückzug vor, während die Unordnung in ihren Reihen von Tag zu Tag wuchs. Das Heer war nur noch eine Horde von Räubern und Zerstörern.
Mikosch lächelte zufrieden. »Dies Jahr hat guten Verdienst gebracht«, nickte er. »Ich werde mir eine Schenke pachten und für den Rest meiner Tage ausruhen.«
»Aber erst bringst du mich an die Küste, Alter?«
»Ich bringe dich bis an die Schwelle deines Vaterhauses auf Norderney, Herr!«
»Wenn Gott will!« fügte Onnen hinzu. »Ist es dir jetzt für die Hühnerjagd dunkel genug geworden, Mikosch?«
»Noch nicht«, lächelte der Zigeuner, »aber geh nur hinaus zum Schlitten, Alexei hat schon angespannt; wir wollen aus einem anderen Dorfe einige Freunde abholen.«
Onnen schnürte den Pelz von oben bis unten zusammen, zog die Handschuhe an und half den Schlitten bepacken. Riesige Stöcke mit daran befestigten Netzen wurden aufgeladen, hölzerne Keulen und endlich Mundvorrat und Fackeln. Noch mehrere andere Schlitten standen vor den verschneiten Hütten reisefertig da und endlich, als die Dämmerung herabsank, setzte sich der Zug in Bewegung.
Gebirge zu beiden Seiten, enge Felswege, durch die kaum das Gefährt sich drängen konnte, schwindelnde Höhen und tiefe Abgründe – so ging es dahin. Alles weiß von oben bis unten, weiß der Kamm, dessen letzte Ausläufer in die Wolken zu ragen schienen, weiß die unübersehbare Wölbung des Grundes, aus deren verborgenstem Inneren der Gebirgsstrom rauschend und donnernd hervorschoß, sich tief unter der Erde mit gleicher Schnelle ein Bett höhlend, verschwindend, wie er gekommen war, immer neu in jeder Minute und doch derselbe seit Anbeginn aller Tage bis zu dem, welcher einst der letzte sein wird.
Schneebeladen streckten uralte riesige Tannen ihre Arme über den Abgrund dahin, glitzernd und flimmernd bauten sich leichte Brücken von Zacke zu Zacke, spielende kleine Bäche, deren Wasser an der Oberfläche im eisigen Ost gefroren war.
Tiefe bleierne Stille ringsumher; selbst der Rabe schwieg hoch oben im Duft – er hatte Schutz gesucht unter irgendeiner Felsspalte, Schutz vor der erstarrenden, unerträglichen Kälte.
Der Weg erweiterte sich, Musik klang durch die Nacht, hie und da blitzte Feuerschein, zog eine blaue leichte Rauchwolke, die an der Felswand eine schwarze Spur hinterließ. Wohin sie kam, da schmolz der Schnee.
Die Schlitten hielten; Onnen sah voll Erstaunen umher. »Wo ist denn nun aber das Dorf?« rief er.
»Gerade hier. Da hast du gleich ein Wohnhaus, Herr!«
Eine Spalte, nur hoch genug, um sie kriechend zu passieren, führte in das Innere des Felsens hinein. Ein Strom von Rauch drang daraus hervor; aber dieser Umstand schien die Zigeuner keineswegs zu genieren; Alexei schlüpfte voran und Onnen eilte ihm aus bloßer Neugier auf allen Vieren nach.
Eine große offene Höhle lag vor seinen Blicken, die frühere Wohnung wilder Tiere, aus der die Zigeuner die alten Inhaber vertrieben hatten, um selbst Besitz zu ergreifen. Auf dem ungeebneten und ungefegten Boden kauerte um das in der Mitte brennende Feuer eine bunte Gesellschaft von Männern, Frauen und Kindern. Alte hexenartige Weiber kochten eine Speise, bei welcher der Zwiebelduft vorherrschte; kleine, völlig nackte Kinder krochen überall umher und junge braune Burschen spielten, auf Stroh liegend, in all dem Durcheinander von Geräuschen, Düften und beweglichen Wesen ihre süßen, herzerfrischenden Melodien.
In einer Ecke tanzten größere Mädchen, während ihre Hände den Takt schlugen oder mit Kastagnetten klapperten. Ihre Haare hingen in zahllosen schwarzen Locken und Zöpfen herab, ihre nackten Arme und Füße waren zierlich geformt; rote Röcke und vielfacher silberner oder gar goldener Schmuck kennzeichneten den Reichtum des Stammes, obwohl außer einigen Schüsseln und Töpfen keinerlei Hausgerät vorhanden war.
Die jungen Leute begrüßten mit lebhaften Zurufen ihre Jagdgenossen, die Kinder klammerten sich an sie, die alten Frauen tischten das furchtbare Zwiebelgericht auf, eine brachte sogar eine weitbauchige Branntweinflasche, aus der ihre holden Lippen dem Gaste zutranken und zwar in einer Weise, mit der auch ein durstiger Fuhrmann zufrieden gewesen wäre.
Onnen hatte genug gesehen, auch das grunzende Rüsseltier in der Ecke und dreist gewordene Mäuse, die in ganzen Zügen durch das Stroh raschelten; er dankte für jede Vergünstigung oder Bewirtung und kroch schleunigst wieder ins Freie, um mit langen Atemzügen die kalte Luft einzusaugen.
Wie konnten menschliche Wesen in solcher Umgebung leben! Draußen standen schon die Schlitten, jetzt mehr als zehn an der Zahl; wenigstens sechzehn Zigeuner hatten sich der Jagdpartie angeschlossen.
»Wir haben für heute außer dem Hühnertreiben noch einen Bären in der Falle und vier Fuchshöhlen«, sagte einer. »Damit vergeht die ganze Nacht und vielleicht noch ein Teil des Morgens. Vorwärts!«
Alle Fackeln waren entzündet, eine Anzahl von Hunden mitgenommen und so ging es, zwar ohne Horridoh und Hussasah, aber doch wie die wilde Jagd hinab in das verschneite waldige Tal.
Die Rüden bellten und die Glocken klingelten; rot wie Blut fiel der Fackelschein auf den weißen gefrorenen Pfad. Rings weckte der Lärm die Tierstimmen umher, das Heulen der Wölfe, das Krächzen der Raubvögel – ängstliches Kreischen der kleineren aufgeschreckten Wesen. Gleich einem schnaubenden, dampfenden Ungeheuer glitt der vielgestaltige Zug durch den Wald.
Hasen sprangen auf, Lemminge, Füchse; die Augen der Jäger glänzten. »Jetzt ist die Zeit gekommen – laßt uns absitzen.«
Den Pferden wurden Schafspelze übergelegt, die Hunde angebunden und nach rechts und links zerstreuten sich die Männer in den Wald.
»Zuerst Hühner und Füchse!« hieß es. »Die Hasen kommen später.«
»Und der Bär?« fragte Onnen.
»Wir werden schon hören, wenn er die Füße in das Eisen steckt! – Aha, da sind bereits etliche Winternester!«
Die Fackeln beleuchteten den Erdboden; gleich einem roten Schleier lag der Glanz auf dem Schnee, aus dem hie und da eine seltsame Erscheinung hervorblickte, das braune Köpfchen eines Rebhuhns, dessen schwarze, perlenartige Augen erschreckt umhersahen, dessen kleine Brust einen Klagelaut von sich gab, den letzten auf Erden. Der lange Stock wurde geschwungen, das Netz spannte seine Maschen und das Vögelchen flatterte angstvoll noch einen kurzen Augenblick, dann hatten es die Finger des Jägers erdrosselt.
Wer sich auf diese Jagd nicht besonders verstand, der konnte an den kaum bemerkbaren braunen Punkten ahnungslos vorübergehen; den Zigeunern dagegen fielen Hunderte von Vögeln zum Opfer, sie füllten ihre Taschen, ehe noch eine Stunde verstrichen war.
Mitunter erschien in geringer Entfernung ein Wolf, der dann jedesmal erlegt wurde. Die heulenden, lungernden Bestien waren so zahlreich, daß der glückliche Schütze, auf das Fell ganz verzichtend, nur die Klauen abschnitt, um dafür den von der Regierung ausgesetzten Preis zu erlangen.
Jetzt wurde die Fuchsjagd vorbereitet. Der weiße Pelz, viel wertvoller als der des Wolfes, verdiente es wohl, daß sich die Jäger seinetwegen keine Mühe verdrießen ließen. Vier verschiedene Gruben waren vorher schon durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet; nun wurden sie umstellt.
Der weiße Fuchs sucht sich im Beginn des Winters eine Schlucht oder Höhle, welche tief in die Erde hinabgeht; während der eine Zugang ganz verschneit, erhält er den anderen halb geöffnet, aber so versteckt, daß ihn die größeren Raubtiere nicht finden. Zusammengerollt verbringt er in diesem Bau seine Tage, angenehm erwärmt trotz der draußen herrschenden Kälte, absichtlich taub, wenn die Jagdhunde bellen, ganz gesichert, wie er wähnt, da ja Millionen von Flocken niederfielen, seit er zuletzt dem Schnee seine leicht verwischten Spuren eindrückte.
Doch mit des Geschickes Mächten kann auch Meister Reineke, der Schlauberger, den ewgen Bund nicht flechten – Adams Söhne sind »ihm über in der Fixigkeit«.
»Hier ist der dürre Ast an dem Baumstamm befestigt – dort die leichte Erhöhung kennzeichnet den Eingang zum Bau.«
»Wo aber ist der Ausgang?« fragte Onnen.
»Den müssen wir erst ermitteln. Still!«
Eine Schaufel entfernte den Schnee. In weitem Kreise war der Platz umstellt, alle Hähne gespannt, alle Messer in Bereitschaft.
Als die Höhle bloßlag, warf man Werg, Harz und Pech hinein; eine Fackel setzte das Ganze in Brand, dann wurde hinter dem glimmenden, stark räuchernden Feuer der Zugang wieder verschüttet. Wo jetzt die Rauchwolke sich Bahn brechen würde, da lag das entgegengesetzte Ende des langen Ganges.
Mikosch zeigte auf das Gewehr, welches auch er in der Hand trug. »Nicht schießen!« warnte er halblaut. »Die Waffe ist nur für den Notfall.«
»Des Pelzes wegen«, ergänzte Alexei. »Ist eine Kugel hindurchgefahren, so müssen wir ihn viel billiger verkaufen.«
»Und wie tötet ihr denn den Fuchs?«
»Wenn wir ihn erst einmal im Netz haben, so wird er mit Stöcken erschlagen.«
Ein allgemeines Schweigen folgte diesen leise geflüsterten Worten; alle Jäger beobachteten mit der Fackel in der Hand den Schnee ihres nächsten Umkreises.
Da schien an bestimmter Stelle die Oberfläche zu sinken, eine Art von Grau, von Schmutzfärbung durchzog das reine Weiß und dann brach sich die Rauchwolke Bahn. Meister Reineke und Familie waren umstellt.
Schnellen Schrittes näherten sich von allen Seiten die Jäger. Ein dichtes, starkes Netz wurde vor den Ausgang gespannt und drüben, nachdem das Feuer hinweggeräumt worden war, die ungeduldig wartenden Hunde in den Gang gehetzt. Ihrer sechs stürzten sie hinab, wimmernd und bellend vor Eifer; wie aus dem Schoße der Erde hervor tönte das Geräusch ihrer Stimmen.
Vier Männer hielten das Netz, um dessen Schnüre sogleich zusammenziehen zu können, aber vorläufig ließ sich freilich der Fuchs nicht blicken. Wie böse Geister tobten, bellten und kratzten drinnen im Felsen die Tiere, hie und da erhob sich ein Schmerzensgeheul, aber an den Ausgang kam weder Fuchs noch Hund.
Einer der Jäger stieg in die Grube hinab. Eine noch größere, stärkere Glut wurde angefacht und endlich ein loser Schuß in den Gang hineingefeuert; das half. Wie die wilde Jagd erschienen alle in der Höhle befindlichen Geschöpfe, ineinander verbissen der männliche Fuchs und ein Hund, dann die Füchsin mit ihren Jungen und hinterher vier kläffende Rüden, die schon aus mehreren Wunden bluteten. Selbst die halbwüchsigen Jungen hatten sich tapfer verteidigt, wenn auch größere Mengen von Haaren aus ihren Pelzen gerissen waren und das zarte weiße Fell hie und da blutige Streifen zeigte.
Und nun kam eine grausame Szene. Im Netz, gefangen, völlig wehrlos, wurden die beiden alten Füchse von den Zigeunern erschlagen; dann ging es an die Jungen. Mikosch hielt den Kopf hinter den Ohren und Alexei brach ihnen ein Bein, um sie an der Flucht zu verhindern.
»Was machst du da?« rief Onnen. »O die armen Geschöpfe – sie schreien vor Schmerz.«
»Morgen sollst du sie ganz munter herumhinken sehen, Herr. Wir ziehen sie sorgfältig auf, des kostbaren Pelzes wegen.«
»Das heißt, ihr tötet dann auch die ausgewachsenen Tiere?«
»Ja. Schießen oder schlachten können wir sie nicht; das Fleisch genießt man ja nur im äußersten Notfall.«
Onnen schüttelte den Kopf. »Eine abscheuliche Jagd – brr!«
Die Hunde kamen arg zerzaust aus dem Netz hervor; dann wurde der zweite Fuchsbau in Angriff genommen. Wieder standen die Jäger im weiten Kreise, als plötzlich mitten unter ihnen eine spitze weiße Schnauze aus dem Schnee hervorragte und wenige Augenblicke später der ganze Körper zum Vorschein kam. Blitzschnell stürzten vier Füchse durch die Reihen, einer nach dem ändern, aber doch so eilig, daß an keine Verfolgung gedacht werden konnte. Mehrere Schüsse knallten ihnen nach, eine Blutspur färbte den Schnee, aber alle vier Tiere entkamen in die unwegsamen Schluchten, wohin ihnen keiner der Jäger zu folgen vermochte.
Neue Fackeln waren an den herabgebrannten entzündet, mehrere Zigeuner hatten die Beute zu den Schlitten gebracht und dabei zugleich an den Proviantkorb gedacht. Eine Flasche ging von Hand zu Hand, Brot und Fleisch wurden stehend gegessen, dann kam die dritte Fuchsgrube an die Reihe.
Während der allgemeinen Stille hob plötzlich Alexei den Kopf. »Horch!« rief er, »was war das eben?«
Ein zweiter Ton folgte dem ersten, kläglich und grollend zugleich; es klang wie heraufziehender Donner und war trotzdem ein Schmerzenslaut; ein durchdringendes Gebrüll aus nicht allzu weiter Entfernung.
»Unser Bär!« riefen mehrere Stimmen.
»Laßt uns ihn holen! Gestern noch sah ich eine Bande von Jagddieben in dieser Gegend herumstreifen.«
»Sind sie heute wieder da, so muß man ihnen einmal tüchtig heimleuchten. Mir haben sie erst ganz vor kurzem zwei Wölfe aus der Grube geholt.«
Und die braunen Gesellen, dieselben, denen das Eigentumsrecht so wenig galt, die Langfinger von Profession machten sich schleunigst auf, um womöglich den Freibeutern anderer Art und anderen Namens eine gehörige Schlacht zu liefern.
Mehrere Männer blieben bei den Schlitten, die übrigen drangen tiefer in den Wald, wobei ihnen das Brüllen des Bären als Wegweiser diente.
Der Schnee lag an offenen Stellen so tief, daß die Männer nur mit Mühe hindurchklettern konnten. Wie sonderbar der Bär brummte! Immer abgerissener, dann und wann, immer schwächer.
»Wenn sie ihn nur nicht schon erschlagen haben!«
»Die Landstreicher, die Schufte.«
»Ich rieche Rauch«, rief Mikosch.
Sie standen sämtlich still. »Ja, es ist so – und da, da unten glimmt zwischen den Bäumen ein heller Punkt.«
»Aha, also man brät bereits unser Eigentum.«
»Alexei«, flüsterte Onnen, indem er den jungen Burschen am Ärmel zupfte, »Alexei, hast du nie fremdes Eigentum gebraten?«
Der Zigeuner lachte. »Ach, weißt du, die Bauern sind reich und geizig, die können schon einmal ein Huhn oder eine Gans hergeben, aber wir sind arme Leute.«
»Die also ihren Bären notwendig behalten müssen, nicht wahr, Alexei?«
»Still, Herr, du sollst den Schinken essen. Ich sage dir, das ist ein Leckerbissen.«
»Sechs Männer!« berichtete zurückkehrend ein vorausgeschickter Kundschafter. »Sie haben den Bären getötet, können aber das Eisen ohne Schlüssel nicht öffnen.«
»Sind es hiesige?«
»Allerlei Volk, wahre Galgengesichter.«
Die Zigeuner drangen geräuschlos vor. Das Feuer schimmerte hell durch die Stämme, ein größerer Platz war vom Schnee gesäubert und ein paar rohe Schafsfelle ausgebreitet. Darauf lagen sechs in Pelze gehüllte und sämtlich bewaffnete Männer vom verschiedensten Aussehen, Jagddiebe, deren Handwerk es war, die Fallen anderer Jäger zu plündern, den Braten an Ort und Stelle zu verzehren und dann weiterzuziehen, bis der Zufall irgendwo eine neue Beute spendete oder ein einsames Gehöft den Heimatlosen, immer Wandernden eine Mahlzeit brachte – lediglich gegeben, um nicht der Rachsucht dieser Vagabunden, die sich in ganz Rußland bis an die Grenzen des Tschuktschenlandes hinauf vorfinden, früher oder später einmal zu verfallen.
Diese Leute haben keine Wohnung, keine Familie, keinen irdischen Besitz irgendeiner Art; sie sind meistens bestrafte oder entflohene Verbrecher, zuweilen Verbannte, denen es gelang, wieder in die Heimat zu entkommen, zuweilen Mörder, die sich in den Wäldern oder Einöden dem Arme der Gerechtigkeit zu entziehen wissen; immer aber solche, die allen menschlichen Gesetzen den Krieg erklärt haben und vor keiner Untat, keinem Verbrechen zurückschrecken.
Ihre Gesichter waren braun und von Narben zerfetzt, die Haare struppig, die Hände krallenartig, sie trugen Pelz vom Kopf bis zu den Füßen und Stiefel, deren Schäfte über die Knie hinaufgingen.
»Alle Teufel«, rief einer, »so laß doch endlich einmal das Fangeisen, Boleslav, mich hungert, schneide irgendwo in die Bestie hinein und brate ein Stück Fleisch – den Rest kann der mit dem Pferdefuß holen.«
»Oder auch wir selbst nehmen ihn. Das Fell ist zu gut, um so mir nichts dir nichts hineinzuhacken; ich breche das Eisen schon noch auf.«
»Gib dir keine so große Mühe, Kamerad, hier steht der Mann, welcher den Schlüssel in der Tasche trägt und dem also wohl Falle wie Bär gehören!«
Die Räuber fuhren auf, alle zugleich, sie griffen nach ihren Waffen und scharten sich vor dem Feuer zusammen. »Zigeuner!« rief verächtlich lachend der eine.
»Das bist du doch, den sie den blutigen Ossip nennen, nicht wahr? Der Schrecken aller ehrlichen Leute!«
»Als ob du jemals mit ehrlichen Leuten verkehrt hättest, Kesselflicker!«
»Immer noch besser als ein Gurgelabschneider.« Während dieser freundlichen Begrüßungen hatte man sich gegenseitig genähert und nun begann der Kampf. Am Baum mit dem Honigtopf zwischen den untersten Zweigen lag hintenübergefallen der Bär, dem wuchtige Hiebe den Schädel zerschmettert hatten. Seine beiden Hinterfüße steckten in dem Fangeisen und eine breite zerstampfte Blutlache bedeckte neben ihm den Schnee.
Beide Parteien, Zigeuner wie Jagddiebe, hatten ihre Messer hervorgezogen. Brust an Brust rangen beide Teile in stummem, aber erbittertem Kampfe, bei dem von vornherein die Räuber unterlagen. Mehr als fünfzehn Zigeuner standen ihnen gegenüber, sie wurden allmählich vom Lagerplatz verdrängt und in die Flucht geschlagen, wobei einer Zeit fand, das Gewehr zu laden und einen Schuß abzugeben, der einen Zigeuner an der Schulter verwundete.
Außer sich vor Schmerz und Wut kehrte dieser die Kugelbüchse um, drang rücksichtslos gegen den Angreifer vor und streckte ihn mit einem einzigen wuchtigen Schlage zu Boden. Aus dem zerschmetterten Schädel sprang in roten Wellen das Blut hervor – noch einige Male schien es, als wollte der Getroffene sprechen; dann aber schlossen sich die Augen, das Gesicht wurde fahl und der Räuber hatte aufgehört zu atmen.
Seine Genossen flohen nach allen Richtungen.
Mikosch nickte sehr zufrieden: »Es ist der blutige Ossip«, sagte er: »Hast ihn brav getroffen, Junge, der setzt niemals wieder den roten Hahn auf das Dach eines Bauernhauses.«
»Aber für heute müssen wir umkehren«, fügte er hinzu. »Die Schlitten sind ohnehin voll bis zum Rande. Morgen kann dann Meister Lampe an die Reihe kommen.«
Der Bär war inzwischen arg zerschunden aus dem am Baume befestigten Fangeisen gelöst worden und wanderte nun in den Schlitten des glücklichen Besitzers. Ehe man den Kampfplatz verließ, sah Onnen noch einmal in das aschgraue Gesicht des Toten. »Mikosch, sag mir, willst du die Leiche hier so unbedeckt, ohne eine Handvoll Erde liegenlassen?«
Der Zigeuner schmunzelte. »Gewiß, Herr, die Wölfe müssen ja auch leben.«
Unser Freund fragte nicht weiter. Über den eisigen Schnee, durch die kalte rauhe Luft tobte der Ost, schwarze Baumstämme schlugen aneinander wie im Zorne, und weit und breit gab es in der winterlichen Öde keine Stätte zum Ausruhen, keinen Schutz, kein Dach – wie trostlos war das Schicksal derer, welche nichts mehr auf Erden besaßen, als das Versteck in der pfadlosen Schneewüste.
Sie ließen nun den toten Genossen liegen, wo ihn das Ende aller Dinge ereilt hatte, den Wölfen und Raben zur Beute – selbst flüchtend, bis wieder ein Diebstahl, ein Verbrechen für ein paar Tage die nötigen Lebensmittel lieferte, bis auch ihre Stunde geschlagen hatte und der von der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßene nun ohne ein Grab, ohne Sarg oder Leichentuch in irgendeinem Dickicht starb, vielleicht in den Qualen der letzten Augenblicke bitter bereuend – und dann zu spät. Ein schreckliches Los!
Wolfsaugen spähten schon durch das Gebüsch, große Raben schlugen mit den Flügeln und ließen ihre heiseren Stimmen erschallen; sobald sich die Menschen entfernt hatten, begann der entsetzliche Schmaus.
Mikosch verband mehrere Wunden; die letzten Fackeln wurden entzündet und dann ging es dem bleichen Tagesgestirn entgegen. Im Lager schlief noch alles, auch Onnen streckte sich auf seine Pelze und suchte die Augen zu schließen, aber bunte Bilder zogen immer aufs neue vorüber, er sah den öden einsamen Wald, die flüchtenden Räuber, die geneigten Köpfe der hungrigen Raben; ein Schauder ging durch seine Seele.
Wie eine Oase in der Wüste erschien ihm das Andenken der stillen deutschen Heimatinsel. Langgezogen fluteten dort die Wellen der Nordsee an den weißen Strand, ein ruhiger ungestörter Friede lag auf der Umgebung. Da wurde nichts gestohlen, da betrog kein Nachbar den anderen; zwischen den niederen Fischerhütten hatte das Verbrechen keine Stätte.
Liebes altes Norderney! Ob er es jemals wiedersehen würde? »Wir gehen jetzt nach Kiew«, hatte Mikosch gesagt, »und von dort nach Odessa. Im April sind wir auf dem Meere.«
Wie lange noch, wie viele Wochen! – Jetzt war man erst im Beginn des Monats Dezember.
Onnen seufzte. Ein einfacher trauriger Weihnachtsabend, welcher ihm bevorstand. Ob er wohl weiße Menschen sehen würde, brennende Tannenbaumkerzen und glückliche Kindergesichter?
»Alexei«, flüsterte er, »was wollen wir denn eigentlich in Kiew?«
Aber der Zigeuner schlief bereits und auch ihm fielen die Augen zu. Er erwachte erst, als der Duft bratender Rebhühner vom Feuerherd herüberdrang; die wandernden Gesellen rüsteten sich, einen Jahrmarkt im Städtchen zu beschicken; bis auf die kleinsten Kinder herab wollte jedes einzelne Glied der braunen Völkerschaft in seiner besonderen Weise verdienen, Geschenke erhalten oder Geschäfte anknüpfen, sogar die alten Frauen hatten ihre erträglichsten Gewänder angelegt und bereiteten sich vor, den Allerdümmsten im Orte Zaubermittel zuzuflüstern oder ihnen aus den Linien der Hand die Zukunft und ihre Schicksale zu deuten.
Natürlich sollte Ruff bei alledem die Hauptrolle spielen. Sein Publikum fand er immer, so oft ihn auch jung und alt schon gesehen hatte; der Blechteller, mit dem er sammelte, blieb nie leer.
