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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 29
Mikosch band die Hühner mit den Füßen aneinander und fort ging‘ es zu Schlitten und auf des Schusters Rappen in die benachbarte Stadt, wo eben der Weihnachtsjahrmarkt abgehalten wurde.
Onnen hatte den stillen langweiligen Ort schon früher gesehen; heute erkannte er ihn nicht wieder. Alle verschiedenen zur russischen Krone gehörigen Völkerschaften, alle Nachbarn und Geschäftsgenossen waren reichlich vertreten; die Vorräte für das ganze Jahr schienen hier zu Markt gebracht.
Langbärtige Juden mit schwarzen Locken wie Korkzieher, in Schmutz getaucht, in zerschundene zerfetzte Pelze gehüllt, schlaublickend und geschmeidig, gingen zu Hunderten umher, verkauften und tauschten, behaupteten, daß sie zu Grunde gerichtet würden und strichen dabei den ansehnlichen Gewinn ein, mischten sich in alles und kannten alles, von den großen politischen Vorgängen bis herab zu dem Werte einer Partie vorjähriger, zweifelhaft gewordener Hülsenfrüchte.
Halbwilde, in Felle gehüllte sibirische Pelzjäger waren vorhanden, Gold- und Diamantendiebe jener wüsten Eisfelder brachten in kleinen Lederbeuteln die mühsam zusammengeraubten Schätze; es gab Wild aller Art, namentlich aber waren die Verkäufer von Näschereien, Spirituosen und Obst, die Besitzer von Schaukeln, Karussells und Schießbuden sehr stark vertreten.
Auch Bärenführer, Sängergesellschaften, Affenbudenbesitzer und solche, welche eine Menagerie mit sich führten, Riesen und Zwerge gab es in verschiedenen Bretterbuden, wobei die Ausrufer einen Lärm vollführten, der wahrhaft ohrenzerreißend wirkte.
Den meisten Beifall fand der Eisberg, das russische Nationalvergnügen, welches bei keinem Jahrmarkt oder sonstigen Volksfeste fehlen darf. Im Mittelpunkt der kleinen Stadt, nahe an der Kirche war ein ungeheurer Berg aus Schnee errichtet, vom Gipfel her mit Wasser übergossen und so zur Rutschbahn erhärtet. In rasender Eile fuhren die Schlitten von der Höhe zu Tal und mit mühsamer Arbeit wurden sie an der entgegengesetzten Seite über roh behauene Stufen wieder herauf gebracht, um auf der Plattform des Gipfels den Wettkampf neu zu beginnen. Hundert Bewerber harrten des Glockenzeichens; frohe, in jugendlichem Übermut blitzende Augen richteten sich auf den weißen glitzernden Weg, auf die Mitfahrenden und die Schlitten; es wurden Wetten abgeschlossen und ganze Gruppen gebildet.
Bauernmädchen mit ihren bunten malerischen Kleidern hielten die Korbschlitten in breiter Reihe, faßten sich an den Händen fest zusammen und flogen die Bahn hinab, laut jubelnd wie ausgelassene Kinder. Zuweilen stürzten auch einzelne Schlitten, namentlich in Fällen, wo die Insassen bereits zu tief auf den Grund der Flasche gesehen hatten; dann kugelten Herr und Gefährt miteinander den Berg hinab, was jedesmal eine Strafe kostete, kleine Summen, die sonst für irgendeinen milden Zweck dienten, heute aber eingesammelt wurden, um mit anderen freiwilligen Gaben nach Moskau abzugehen. Dort hatten Tausende ihre gesamte irdische Habe verloren und nun rührte sich jung und alt, um ihnen werktätig beizustehen.
Onnen sah den Eisberg und kletterte hinauf. Oben standen Schlittenvermieter in Menge, er konnte der Versuchung nicht widerstehen, sondern wagte die Fahrt zu Tal, wo ihn Mikosch und Alexei lächelnd empfingen. »Belustige dich, Herr«, meinte der Alte. »Da ist Geld, es gehört dir, du hast ja die Hühnerjagd mit betrieben.«
»Das heißt, ich aß und trank mit euch, fuhr im Schlitten und trug eine Fackel. An eurer mörderischen Art, die armen harmlosen Hühnchen in ihren Schneebetten mit dem Knüttel zu erschlagen, habe ich nicht teilgenommen.«
Mikosch lachte. »Sind die Rebhühner besser als etwa Butt- oder Schellfische und die zappelnden Taschenkrebse, welche ihr Norderneyer in euren Netzen fangt und tagelang leiden laßt, bevor ihnen das Messer in die Kehle fährt? Andere Länder, andere Sitten! – Solche Eisberge findest du außerhalb Rußlands nicht wieder vor, Herr, also genieße den Tag. Klügeres kann der Mensch nie tun.«
Er stand im Schlitten und verkaufte unter Alexeis Beistand die Rebhühner, welche sehr willige Abnehmer fanden. Heute wurde in allen Häusern gekocht und gebraten bis zum Überfluß, auf allen Tischen mußte das beste zu finden sein. Die Hühner verschwanden daher schnell, und Onnen und Alexei konnten den Eisberg besuchen, um in schwindelnder Eile hinabzufahren. Die Leistungen des Zigeuners errangen dabei eine allgemeine Bewunderung. Alexei stand während der Fahrt bald auf einem, bald auf dem anderen Fuße, ja nach Belieben sogar auch auf den Händen, er spielte Ball oder hüpfte, er konnte die schwierigsten Sprünge unternehmen und noch hier oder da einen vorbeikugelnden Betrunkenen auffangen, um ihn unten sanft in den Schnee zu legen.
Das Gelächter ringsumher nahm kein Ende. Als Alexei späterhin bei den lustigen Zuschauern sammelte und den Ertrag für Moskau herausgab, da war er der Mann des Tages geworden. Aber auch Ruff bekam seinen Anteil. So viele Bären die russischen Kinder schon gesehen haben mochten – jedes neue Kunststück erregte wieder ihr Entzücken. Ruff spielte auf einer Gitarre, er konnte zählen und pantomimisch ja und nein antworten, er tanzte zu seiner eigenen Musik und verbeugte sich regelrecht, so oft ihm jemand eine Kopeke zuwarf; das alles belustigte große und kleine Kinder, bis endlich das Hauptkunststück an die Reihe kam. Mikosch holte zwei Pfeifen hervor, eine davon nahm er selbst, die andere steckte er dem Bären zwischen die Zähne. Nun kam ein Kartenspiel zum Vorschein. Mikosch gab aus und der Braune nahm mit ernsthaftester Miene, während er große Wolken dampfte, die Blätter in seine ungeheure Tatze. Eins stand neben dem andern, wie eine Menschenhand sie zu halten pflegt.
»So, Ruff, mein Alter, nun zeige den Leuten, daß du deine Karten auch hübsch nach der Farbe zu ordnen verstehst!«
Der Bär hob die Tatze und präsentierte seine Blätter. Sämtliche vier Farben waren richtig zusammengesteckt.
Ein vielstimmiges Händeklatschen, ein allgemeines »Bravo!« lohnten ihm. Äpfel, Brot, Pfefferkuchen und Zucker fielen dem Braunen reichlich vor die Füße, und als er dann mit ruhiger Bewegung die Pfeife aus dem Maul nahm, um sich dankend zu verbeugen, da schwoll der Beifallssturm bis zum donnernden Jubel.
»So schön, Ruff, mein gutes Tier; jetzt laß uns spielen! Du gibst die erste Karte.«
Der Bär schüttelte den Kopf; er vollführte mit der rechten Tatze eine Bewegung, als wolle er sagen: »Zuerst du!«
Der Zigeuner legte dann ein Blatt auf den Boden und Ruff besah es mit prüfenden Blicken; gleich darauf lag ein anderes von gleicher Farbe daneben.
So ging es Stich um Stich. Der Bär irrte niemals, er brachte immer eine passende Karte zum Vorschein, und als ihm Mikosch später erklärte, er habe die Partie gewonnen, da verbeugte er sich wieder und rieb wie in großem Vergnügen die Tatzen gegeneinander. Der Vielfraß in ihm trat erst hervor, als Mikosch auf die Geschenke der Umstehenden deutete; wie in einen unergründlichen Schlund verschwanden Brote, Äpfel und Pfefferkuchen – mehr als für zwanzig Personen ausgereicht haben würde, schien seinen ungeheuren Appetit noch nicht stillen zu können.
Das Kunststück mußte verschiedene Male wiederholt werden, der Ertrag war jedesmal für den Zigeuner ein sehr guter, während zugleich die übrigen Glieder seiner Familie in ihrer Weise ebenso reichlich verdienten. Zwei junge Leute führten den Hochzeitsreigen auf, einen Tanz, bei dem der Bräutigam die Braut immer umkreiste; mehrere andere zogen spielend von Tür zu Tür und die Kinder tanzten oder schlugen das Rad, wobei sie auf den ausgespreizten Fingern liefern.
Das meiste Geld verdienten indessen die Mütter, die alten zahnlosen Hexen mit dem Pfeifenstummel zwischen den Lippen und den braunen, halbverschleierten Gesichtern, aus denen Schlauheit und Habsucht hervorleuchteten. Sie schlugen die Karten zu ganz anderen Zwecken, sie hielten in ihren schwärzlichen Fingern die weißen zarten Hände der jungen Mädchen und Frauen, sie empfingen unter ihrem Lederzelt sogar die Angehörigen der besseren Gesellschaft.
Manche gebeugte Mutter ging schluchzend fort, manch junges Mädchen glückselig lächelnd, als sei das, was ihr die Sibylle gesagt, ein untrüglicher Ausspruch des Schicksals. Fast alle Familien des Landes wußten ja unter den Soldaten ihre liebsten Angehörigen und fast allen fehlten die genaueren Nachrichten über den Verbleib derselben. Nur unbestimmte Einzelheiten über die Greuel von Smolensk, Borodino und Moskau waren in die entfernteren Provinzen gedrungen, Briefe dagegen bei der allgemeinen Unordnung selten angekommen, weshalb so viele Tausende von Müttern und Schwestern sehnsüchtig auf eine Botschaft warteten und endlich die alten Zigeunerinnen aufsuchten, um aus dem Munde der Prophetin zu erfahren, was das Herz unablässig bewegte – die bange Frage: »Ist mein Sohn oder mein Gatte dem mörderischen Feuer der Franzosen entronnen, oder nicht? – Werde ich ihn jemals, jemals in diesem Leben wiedersehen?«
Und auch Mütter mit kranken Kindern kamen herbei. Kein Arzt konnte vielleicht das Leiden heilen, kein Hausmittel half – da sollte es der Zaubersegen tun, die geheimnisvollen Sprüche der Alten.
Eier von schwarzen Hennen wurden ihr massenhaft gebracht, Blumen, auf Gräbern gepflückt, Späne vom Galgen, ein gabelförmiger Ast vom Kreuzwege. Alle diese Gegenstände sollten dem Volksglauben nach Zauberkräfte besitzen. Die Zigeunerinnen lasen aus dem Inneren der Eier die Schicksale der betreffenden Personen, sie schnitten geheimnisvolle Zeichen in die Rinde der Äste und übergossen die Grabesblumen mit heißem Wasser, das von den Kranken zu bestimmter Stunde getrunken werden mußte.
Für allen diesen Hokuspokus, den indessen beide Teile vollständig ernsthaft nahmen, regnete es Geld in die braunen Hände. Man tanzte nach den Melodien der jungen Burschen, man lachte bei Alexeis gewandten Kunststücken und weinte bei den düsteren Prophezeiungen der alten Hexen; aber man bezahlte überall und das war denn eben die Hauptsache.
Spät abends bei Fackelschein zog die ganze Karawane zurück zum Lager. Mikosch öffnete in stiller verschwiegener Nacht den breiten Ledergurt, welcher wie eine Art Panzer seinen Körper umgab, und legte wieder neues blitzendes Gold hinein. Jede Münze nähte er ein, so daß das schwere Gewandstück aussah wie ein wohlgeglättetes Straßenpflaster, dessen Steine verschiedene Größen zeigten.
Spanische, italienische, deutsche und russische Goldstücke lagen friedlich nebeneinander, alle hatte der braune listige Häuptling im Laufe des langen Wanderlebens zusammengescharrt und alle sollten sie einem einzigen Zwecke dienen – ihm eine Branntweinschenke zu verschaffen, das höchste, selten erreichte Ziel des russischen Zigeuners. Mikosch war keineswegs geizig, vielmehr ein Mann, der leben wollte und leben ließ; damit glich er wieder aus, daß ihm so manches bedenkliche Mittelchen für den schnellen Erwerb gerade recht schien. —
An einem der nächsten Tage kam nun die große Hasenjagd, von welcher neulich der späten Stunde wegen Abstand genommen werden mußte; die Schlitten fuhren auf das verschneite Feld hinaus, schlanke Stäbe mit daran befestigten Schlingen wurden an verschiedenen Punkten in die Erde gesteckt und am anderen Ende bis zum Boden herabgebogen. Ein Stein, auf die Schlinge gelegt, hielt sie in dieser Stellung und bedeckte zugleich einige Kohlblätter, die der Falle als Lockspeise dienten.
Nachdem so alle Vorbereitungen beendet waren, stellte Mikosch bei Eintritt der Dunkelheit seine ganze Schar so auf, daß jung und alt, mit jedem nur erdenklichen Lärminstrument versehen, Fackeln schwingend und schreiend, im Kreise vorwärtsging und so das Wild den aufgestellten Fallen entgegentrieb.
Kuhhörner gaben ihre dumpfen, langgezogenen Töne als Baß zu den durchdringend gellenden Zinnpfeifen der Knaben; alte Frauen rasselten mit Kesseln und Töpfen, und wer gar nichts anderes konnte, der schrie wenigstens aus Leibeskräften. Das ganze Feld widerhallte von dem vielstimmigen Getöse, hier und da lief ein Hase, zum Tode erschreckt, durch die Reihen und entkam glücklich, andere stürzten vorwärts in sinnloser Furcht, bis hinter ihnen der Lärm verstummte. Man näherte sich dem Mittelpunkte, Meister Lampe sollte Atem schöpfen, den Kohl riechen und sich in der Schlinge fangen.
Als nach zweistündiger Ruhe die Jäger mit Fackeln zu den aufgestellten Fallen kamen, da bot sich ihnen ein seltsames Bild. An jeder hochaufgerichteten Gerte hing ein erdrosselter Hase und streckte alle Viere von sich; große Raben hockten rings auf allen Bäumen, Krähen, Bussarde und selbst Ratten flohen aufgescheucht nach jeder Richtung.
Von dem Krächzen der Raben angelockt, hatte sich aus dem Walde ein Rudel Wölfe eingefunden und schon waren mehrere Hasen in Stücke zerrissen, als Ruff auf dem Kampfplatz erschien. Die russischen Wölfe messen sich nie mit einem Bären; auch jetzt wich die Meute heulend zurück, blieb aber in einiger Entfernung lungernd beisammen, um den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten.
Mikosch schüttelte sorgenvoll den Kopf. »Es sind viele«, sagte er, »ich hätte nicht geglaubt, daß sie sich so weit aus dem Walde herauswagen würden! Was denkst du, Alexei, mein Junge?«
»Wir müssen die Hasen hier an Ort und Stelle ausweiden, Vater! Ruff hält uns das Gezücht vom Halse.«
»Ich dachte dasselbe! – Angefaßt also! Halte deine Waffen bereit, Herr!«
Die Fackeln wurden herbeigebracht, die Hasen von den Gerten genommen und Ruff in Freiheit gesetzt; er brüllte sofort den Wölfen entgegen, als wolle er sie herausfordern.
Die gelben Räuber wichen noch weiter zurück, aber sie flohen nicht; ihre gierigen Blicke beobachteten die Zigeuner, wie sie Meister Lampes Eingeweide zutage förderten, ihr Winseln zeigte, daß sie den Blutgeruch bemerkten.
Mikosch seufzte; trotz der Kälte standen auf seiner Stirn die großen Tropfen. »Es kommen immer mehr heran«, sagte er mit unterdrückter Stimme. »Ihrer sechzig sind es ganz gewiß in diesem Augenblick schon.«
»Laßt uns die Frauen und Kinder nach Hause schicken, Alter!«
»Ganz gut! – Aber wie sollen sie entkommen, Herr? Vor einem schwerbeladenen Schlitten laufen unsere Pferde mit den Bestien nicht um die Wette!«
»So müssen wir die Wölfe aufhalten, mit ihnen kämpfen. Mikosch, ich sage dir, der Angriff erfolgt bald – sie rücken schon näher.«
Alexei hatte schon den Pferden die Decken abgenommen und alle ausgeschalteten Hasen in die Schlitten geworfen. Frauen und Kinder kletterten nach, Ruff wurde zu ihrem Schutze mit in den größten Schlitten gesetzt und ohne Geräusch glitten dieselben talab, während sämtliche Männer mit den geladenen Gewehren in den Händen zwischen der Meute und den bedrohten Ihrigen stehen blieben.
Aller Herzen klopften zum Zerspringen. Wenn jetzt die Wölfe plötzlich vordrangen, so war das Spiel verloren.
Einer hob den Kopf und schnupperte, er sprang mit einem mächtigen Satze vorwärts, den Schlitten nach – drei, vier andere folgten ihm.
Die Kugeln der Zigeuner prasselten ihnen entgegen. Schuß auf Schuß traf die Räuber; heulend und winselnd blieben sie in ihrem Blute liegen.
Die ganze Masse wich wieder zurück. Mikosch atmete auf. »Dem Himmel sei Dank, jetzt haben unsere Frauen und Kinder den nötigen Vorsprung!« rief er aus. »Ob wir selbst gerettet werden, das ist freilich eine andere Frage.«
Alexei zählte die Männer. »Dreizehn!« sagte er, »und der Schlitten faßt nur vier. Wenn alle Hasen ausgeweidet sind, so müssen sich die übrigen einzeln davonstehlen.«
»Ich nicht!« rief Onnen.
»Du zunächst, Herr – der Gast ist geheiligt. Da, Enoch nimmt dich mit.«
»Auf keinen Fall, Alter. Meine Kugelbüchse und ich, wir bleiben, wo dir eine Gefahr droht.«
»So laß ihn, Mikosch«, rief Alexei. »Da, der letzte Hase ist ausgeschlachtet, nun in den Schlitten damit! – Die Eingeweide auf einen Punkt, ganz eng zusammen! So, jetzt mögen die Bestien einander zerfleischen.«
Es wurde immer in den Haufen hineingefeuert und bei der vorhandenen Menge auch immer ein Wolf getroffen; während dieser Vorbereitung hatten Mikosch, Alexei und Onnen in dem Schlitten Platz genommen, die übrigen Zigeuner dagegen verloren sich mit der Gewandtheit von Wilden unbemerkt nach verschiedenen Richtungen, hinter Bäume und Schneewehen, in den Wald und das Tal – nach einer halben Minute war keiner von ihnen mehr zu entdecken.
»Los!« rief Mikosch.
Das kleine kräftige Pferd zog an und der Schlitten flog mit Windeseile über die glatte Schneefläche dahin. Wie schnaubende, heulende Dämonen stürzten sich die Wölfe auf das geronnene Blut und die Eingeweide der Hasen.
Mikosch stand im Schlitten, während Alexei fuhr; er schüttelte den Kopf. »Binnen einer Minute werden wir sie hinter uns haben«, sagte er.
»Und sie niederschießen, Alter!«
»Ihrer fünfzig, sechzig, Herr? Bitten wir die Götter um einen Platz im Himmel, wo man ausruhen kann – es ist vorbei.«
»Noch nicht, Mikosch! Solange wir leben, nicht!«
»Aha – da nahen sie!«
Eine Masse von gelben und grauen Geschöpfen flog hinter dem Schlitten her. Bei der rasenden Eile dieser Flucht war ein Teil der Fackeln verlorengegangen, ein anderer erloschen oder vom Schlitten gefallen – jetzt herrschte ein Halbdunkel, in dem man wohl die Gestalten unterschied, aber Genaueres nicht mehr zu sehen vermochte.
»Mikosch«, rief Alexei, »weißt du, wo wir sind?« Der Alte zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es darauf nicht mehr ankommt«, sagte er in düsterem Tone. »Wie die Bestien laufen!«
»Mikosch, Mikosch, besinne dich doch, ob du den Weg kennst!«
»Nein – wir haben uns jedenfalls verirrt Aber gleichviel, wo uns die Wölfe fressen – der Leib vergeht und die Seele ruht aus am sonnigen Orte.«
Er betastete den Ledergurt. »Schade, ich habe mir so vieles versagt, um zu sparen – es war für meine Kinder, und nun —« Der vorderste Wolf hatte den Schlitten erreicht, Onnen packte mit jeder Hand einen Hasen und warf beide dem hungrigen Räuber entgegen.
Eine Minute Pause. Alexei versuchte nicht mehr, das Pferd zu lenken, er überließ es seinem eigenen Instinkt und wandte sich der Rückseite des Schlittens zu, um einige Schüsse abzugeben. Die beiden Hasen waren verzehrt, andere folgten nach – endlich flog der letzte in den Schnee und bleiche Gesichter sahen einander an. Was nun?
Onnen und Alexei schossen, aber sie taten es maschinenmäßig, ohne mehr auf Sieg zu hoffen. Der Schlitten war erreicht – noch ein paar Schläge mit dem Kolben auf die nächsten Schnauzen und dann —
Die Meute wich, wie plötzlich erschreckt, zurück. Ein sonderbares Geräusch drang zu den Ohren der drei Männer, ein Plätschern, Fluten —
Wasser! Das Pferd lief bis an die Knie im Wasser; Tropfenschauer spritzten zu beiden Seiten in den Schlitten hinein – die Wölfe sprangen wie rasend, stürzten sich gegeneinander, kläfften und heulten mit erhobenen Schnauzen – sie hatten die Beute, welche ihnen so sicher schien, im letzten Augenblick noch verloren. In rasender Eile lief das Pferd. Seine Ohren standen aufrecht, die Augen traten aus dem Kopfe hervor, von Zeit zu Zeit wieherte es – ein kurzer unruhiger, in Schütteln und Schnaufen übergehender, hellklingender Ton.
Einmal schwankte der Schlitten, er neigte sich nach rechts hinüber, immer tiefer, das Pferd schrie auf, es bäumte sich wie in furchtbarer Angst, dann hob sich das Gefährt und glitt geräuschvoll, auf unebenem Boden geschleift, mit dem glatten Eisen über den Fels des Grundes. Zuweilen kam eine tiefere Stelle, das Wasser schlug rauschend und schäumend herein, die drei Männer wurden vom Kopf bis zu den Füßen durchnäßt – immer weiter stürmte das Tier. Nun schien die Bahn ebener. Vor und hinter den Flüchtigen lag die blaue, nur wenig bewegte Flut, zu beiden Seiten, überall, wohin das Auge reichte. Jetzt waren jene heulenden, bellenden Stimmen am anderen Ufer verstummt – das Pferd ging etwas langsamer, es trat sicherer auf und wieherte auch nicht mehr.
Mikosch und Alexei standen, Onnen dagegen hielt sich mit beiden Händen an den Seitenwänden des Schlittens; er war es, der zuerst das Schweigen brach.
»Weißt du immer noch nicht, wo wir uns befinden, Mikosch?« Der Zigeuner nickte, ihm schien die Zunge am Gaumen zu kleben, sein braunes Gesicht war aschfahl, die Augen unnatürlich weit offen.
»Es ist das Teufelsloch«, preßte er endlich hervor. »Alexei, denkst du es nicht?«
»Ja – es ist das Teufelsloch!«
»Gut – ihr kennt doch die Furt?«
Nur eine Handbewegung antwortete ihm, aber sie sprach deutlich genug. Was in dem schwankenden Schlitten, umgeben von weiter Wasserwüste, lebte und atmete, das war dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb des Pferdes willenlos überlassen.
Onnen schauderte. Fern im Grau verschwammen die Ufer; kein Licht trug einen tröstenden Schimmer zu den Einsamen hinaus, keines Tieres Stimme belebte die schaurige Öde. Immer weiter und weiter lief das Pferd.
»Wir kommen hindurch«, raunte Alexei.
»Sprich nicht! – Sprich nicht!«
Sonderbar, in Augenblicken höchster Todesnot fürchtet der Mensch den Klang seiner eigenen Stimme. Er erträgt es nicht, Vermutungen zu hören.
Das Pferd arbeitete stark; es hätte vielleicht einen Wagen mit Rädern nicht durch die Fluten gebracht; nur das spiegelglatte Schlitteneisen konnte es mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte über den harten Boden ziehen. Es ging ruhiger, langsamer, es fühlte sich sicherer.
»Licht!« rief Alexei, »ich sehe Licht!«
Mikosch nickte, aber er sprach nicht; auch Onnen war erfaßt von dem seltsamen Gefühl, das uns packt, wenn ein gewagtes Unternehmen, halb gelungen, noch der letzten Vollendung harrt, wenn wir so nahe vor der geöffneten Tür stehen, daß sich‘s nun binnen Augenblicken entscheiden muß, ob wir in das rettende Asyl hineingelangen oder sehen werden, daß sich vor unseren Blicken die Pforte schließt – für immer. Alexei nahm die Pelzkappe vom Kopf, er riß die Knöpfe seines Rockes auf. »Nein, nein, Mikosch, wehre mir nicht so ängstlich die Freude! Gott ist kein Wucherer, daß er uns die Rettung zeigt und dann höhnt: ›Ihr bekommt nichts!‹ Das Licht wird größer – wir sind nahe am Lande.«
Die Umrisse einiger Gebäude traten aus dem Dunkel hervor, Baumstämme, eine Hecke, endlich der Hof eines Hauses, Pumpe, Gerät – es bellte ein Hund.
Das Wasser trat zurück, es wurde flacher und flacher; mit einem Satz war Alexei zum Schlitten heraus, auch Onnen folgte ihm, nur der alte Zigeuner stand immer noch aufrecht und hielt die Zügel in den Händen. Seine Seele war offenbar so erschüttert, daß ihr der Übergang vom ärgsten Schrecken bis zur vollempfundenen Freude nicht gleich möglich schien.
Dann stand das Pferd, es schnaufte heftig, es schüttelte sich, als wolle es sagen: »Jetzt erst kommt einem das Grauen ganz zum Bewußtsein.«
Onnen und Alexei spannten es aus, damit es sich wälzen könne. Der Hund bellte immer stärker: endlich öffnete sich die Tür des Wohnhauses. »Ist jemand da?« fragte eine Männerstimme, wobei zugleich das Geräusch eines eben gespannten Hahnes den Flüchtigen entgegendrang. »Ruhig, Box, ruhig!«
Aber der Hund ließ sich nicht beschwichtigen, sondern zerrte an seiner Kette, als wolle er sie zerreißen. Der Mann rief jetzt zum zweitenmal in die Dunkelheit hinaus. »Antwort, oder ich schieße!«
»Hier!« rief Mikosch, »hier! Wir sind keine Diebe!«
Schwere Schritte kamen näher. Der Bauer sah am Ufer des Sees, auf seinem rings umschlossenen Gehöft drei Männer, einen Schlitten und ein Pferd, alles triefend, durchnäßt bis auf die Haut. »Ein Spuk«, schrie er. »Heilige Barbara, steh uns bei!«
Alexei lachte. »Wir sind lebende Menschen wie du selbst, Bauer. Komm, führe uns in deine warme Isba und gib auch dem Pferde ein wenig Hafer, es wird nicht umsonst verlangt.«
Der Bauer trat näher herzu, aber er bekreuzte sich immerfort. »Ja, wie seid ihr denn auf meinen Hof gekommen, Leute? – Der Weg führt durch das Haus.«
Und während er sprach, schien er fliehen zu wollen. Die da vor ihm standen, konnten ja nur durch die Luft herbeigeflogen sein, es waren also keine Menschen von Fleisch und Blut, sondern Spukgestalten, die seinem Dache Unglück brachten, Feuer, Krankheit oder gar den bitteren Tod – das Bäuerlein zitterte.
»Mit Verlaub«, murmelte die vorhin so gebieterische Stimme. »Mit Verlaub, welches Weges seid ihr gekommen?«
Mikosch deutete mit der Rechten auf das Wasser hinaus. »Über den See, Bauer – es war eine entsetzliche Fahrt.«
Der Mann ließ vor Schreck das Gewehr fallen. »Durch das Teufelsloch?« rief er. »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!«
»Das tun wir auch wirklich aus vollem Herzen, Alter! Die Wölfe hetzten uns und das Pferd lief unaufhaltsam in den See hinein – hier, an dieser Stelle, sind wir aus dem Schlitten gestiegen.«
Der Bauer griff an die Mütze. Vielleicht fühlte er, daß auf seinem grauen Haupte die Haare zu Berge standen. »Es ist einmal ein Boot auf das Teufelsloch hinausgefahren«, sagte er stammelnd, »aber so viel Garn die Leute auch mitnahmen, den Grund konnten sie nicht finden. Es mögen Hunderte von Fuß sein, Tausende! – Aber ich weiß, eine schmale Furt soll es geben, alte Leute hier herum behaupten es, eine einzige schmale Furt – die geht quer hindurch.«
Mikosch blieb die Antwort schuldig, er ging schwankenden Schrittes zu seinem Pferde und umfaßte es mit beiden Armen. » Sollst das Gnadenbrot essen«, flüsterte er, »sollst Hafer und ein Obdach haben, ob du auch alt und blind werdest, mein Tier! Ich will dir die heutige Nacht nimmer vergessen!« Mikosch lehnte die Stirn an den Hals des Pferdes, er war so erschüttert, daß es ihm unmöglich gewesen wäre, jetzt mit dem Bauern zu unterhandeln.
Onnen und Alexei brachten endlich den Graukopf dahin, sie für ganz gewöhnliche Sterbliche zu halten und ihnen erst einmal Quartier zu geben. Die Bäuerin wurde geweckt, im Ofen das Feuer geschürt und ein tüchtiges Mahl aufgetragen; dann ging für den Rest der Nacht alles zur Ruhe, der kleine tapfere Gaul im Stalle und die Menschen in der Isba, wo Hühner und Enten, Kälber und Schafe friedlich mit der Familie die Wärme des riesigen Kachelofens teilten.
Die Luft in diesem Räume war bös, schier ebenso unerträglich wie die in dem Höhlenbau, den das Zigeunervolk bewohnte; aber wer eben erst dem in doppelt schrecklicher Gestalt drohenden Tode nur wie durch ein Wunder entrann, wem die Eiszapfen im Haar und in den Kleidern hängen, der ist nicht mehr wählerisch, sondern dankt seinem Schöpfer für die sicheren Mauern des Hauses und den Platz am Feuer, das seine erstarrten Glieder wärmt und ihn dem Leben allmählich wieder zurückgibt.
Am Morgen umstanden schon ganze Gruppen von Dorfbewohnern das Gebäude. Die Erzählung von der Fahrt über das Teufelsloch hatte sich inzwischen verbreitet und jeder wollte die sehen, denen so Unerhörtes gelungen war. Selbst der Pope kam herbei; er nahm für die heilige Barbara, die Schutzpatronin des Dorfes, das Wunder einer so unerwarteten Rettung ganz allein in Anspruch und meinte, daß es nur billig sei, jetzt auch der Kirche dankbar zu gedenken.
»Das güldene Krönlein der Gebenedeiten fehlt uns immer noch«, sagte er, »ihr könntet‘s jetzt spenden, Zigeuner.«
Und Mikosch nahm ihn beiseite, er handelte mit ihm. »Ein silbernes tut‘s auch«, flüsterte er später, »das will ich geben.«
Sein Mut und seine Schlauheit waren mit dem hellen Tage zurückgekehrt; er bezahlte alles Genossene sehr anständig, kaufte für das Pferd eine neue Decke und trug dann mit Hilfe der beiden anderen den leeren Schlitten durch das Haus ins Freie. Noch ein letzter Blick auf den blauen stillen See mit seiner unergründlichen Tiefe – ein letzter Blick voll geheimen Grauens, und die Fahrt zum fernen Dorfe wurde angetreten.
Jetzt ging es über den hohen, schmucklosen und holperigen Damm, welchen die Russen eine Landstraße nennen; hier waren keine Wölfe zu fürchten, nur höchstens einige Füchse und Luchse eilten quer über den Weg und Hasen in unzählbarer Menge, der Schnee fiel bei stiller Luft vom Himmel herab, es war ein Wintermorgen, so ruhig, so freundlich, wie er nur irgend gedacht werden kann.
Mikosch zählte kleines Geld und suchte dann im Stroh des Schlittens eine Speckseite, die er gekauft hatte. »Dieses Weges bin ich sehr wenig gekommen«, sagte er, »die eigentliche Landstraße führt an der anderen Seite des Teufelsloches vorüber – aber dennoch weiß ich, daß hier ein Bruder Klausner lebt. Er verläßt nie seine Felsenhütte; die umwohnenden Bauern versorgen ihn mit allem Notwendigen, bringen dem alten Manne gekochte Speisen und Holz für seinen Ofen, Brot und Bier – er spendet dafür seinen Segen, den die Leute als wundertätig ausgeben. Bruder Nikolaus ist ein Altgläubiger, der schon vor einem halben Jahrhundert der Welt den Rücken kehrte.«
»Und in einem Felsen sitzt der Alte?«
»Ja. Die Vorderwand der Höhle ist ein Eisengitter, der Raubtiere wegen – das verstärkt er nachts und im Winter mit Holzläden.«
»Aber er arbeitet nie, hat keinerlei Beschäftigung?«
»Er betet.«
Onnen schwieg. Wie unbegreiflich klang das, was der Zigeuner sagte.
Gegen Mittag wurde die Höhle des Klausners erreicht. Nur der, welcher überhaupt die Umgebung kannte, war imstande, hier eine menschliche Wohnung zu entdecken; weiß und unübersehbar ragte der Höhenzug gen Himmel, weiß und eintönig lag die Erde – kaum erkennbar durchdrang ein einzelner schwarzer Punkt das Glitzern und Blenden ringsumher, eben jenes Eisengitter vor der Höhle des frommen Mannes.
Mikosch ließ den Schlitten halten, er nahm die Speckseite, und alle drei näherten sich den engverflochtenen Stäben, hinter denen ein Mensch seit länger als fünfzig Jahren lebendig begraben lag. Er klopfte gegen das Schloß der kleinen Pforte: »Bruder Nikolaus!«
»Wer ruft mich?« fragte eine leise, gütige Stimme.
»Gläubige Christen, frommer Bruder, sie bitten um deinen Segen.«
Ein ganz weißes Gesicht erschien am Gitter, ein weißer Bart, der bis zum Gürtel des Trägers herabreichte. »Meine Augen haben das Licht dieser Erde verloren«, sagte die milde, angenehme Stimme, »aber das Ohr hört noch jeden Laut. Es lauscht den Schritten des Engels, der kommen wird, um die Seele in Abrahams Schoß zu tragen.«
Das Antlitz des Alten war das eines Propheten, sein lichtloses Auge sah voll froher Hoffnung gen Himmel. »Fast neunzig Jahre dauert meine Pilgerfahrt – bald muß sie vollendet sein. Zu jeder Stunde kann mir der Engel erscheinen.«
