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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 30

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»Willst du uns nicht deinen Segen geben, frommer Bruder? Wir haben dir auch einige Geschenke mitgebracht.« Er lächelte ruhig. »Meinen Segen sollt ihr haben, den eines armen sündigen Menschen wie ihr selbst, aber eure Gaben brauche ich nicht. Es liegt hier mehr Brot, mehr Fleisch, als ich verzehren kann; geht, schenkt es den Armen.«

Dann tasteten seine Hände. »Wo seid ihr? Meine Seele betet für euch, das ist der Segen, den ich zu geben habe.« Die mageren, zitternden Finger berührten Onnens Scheitel und glitten dann herab an seinen Wangen. »Du bist noch ein Knabe, Fremder – möchten dir die Torheiten der Jugend und die Leiden des Alters erspart bleiben, möchtest du Frieden finden bei Gott und den Menschen. Amen!«

Auch die beiden Zigeuner erhielten den Segenswunsch des Alten, aber das Geld und die Lebensmittel nahm er nicht an. »Schenkt es den Armen, meine Brüder, es gibt unter der Sonne so viel Elend.«

Dann lehnte er den Kopf wieder gegen die Steinwand. »In jedem Augenblick kann der Engel kommen, mit weißen Schwingen – er bringt mir das Licht zurück, die Klarheit, welche nie schwindet. O, wie oft habe ich im Traume sein Bild gesehen, wie oft! – Er winkt mir, er lächelt so froh, so still!«

Geräuschlos traten die Männer von dem Eisengitter zurück. Des Alten Seele war nur noch mit den leichtesten Banden an diese Erde gefesselt – ein Hauch, und Bruder Nikolaus, der Freund aller Armen, hatte aufgehört zu atmen.

Der Schnee, nicht mehr von seiner Hand entfernt, setzte sich dann an die Stäbe des Eisengitters fest, Flocke verwob sich mit Flocke und eine dichte Wand sperrte die Höhle, in der ein erdenmüder Mensch die Augen für immer geschlossen. Bruder Nikolaus hatte den Engel seiner Träume von Angesicht zu Angesicht gesehen, er war zurückgekehrt in die Welt des Lichtes.

»Noch in dieser Nacht geht der Alte heim«, sagte Mikosch. »Ganz still, ohne Kampf, wie eine Lampe erlischt, wenn das Öl verbrannt ist. Mich erkannte er nicht mehr, das sah ich wohl.«

»Bist du denn vor seiner Erblindung mit ihm zusammengetroffen, Mikosch?«

Der Zigeuner nickte. »Vor langen Jahren«, sagte er, »ich selbst war noch ein junger Mann, mein Weib trug den Jasko, der jetzt dreißig Jahre zählt, als Säugling auf dem Arm – ach, da ging mir‘s so traurig, so überaus traurig. Die Jagddiebe hatten meinen Bären erschossen, das Winterdorf war zu schneearmer Zeit abgebrannt und wir wanderten in Eis und Frost zu Fuß umher, ohne Wagen und Pferd, ohne Geld – als Bettler.

»Da kamen wir in heller Mondnacht an der Hütte des Einsiedlers vorüber. Das Eisengitter haben ihm die Bauern erst viel später hinsetzen lassen, damals gab es zum Schutze des Alten nur einige, von ihm selbst angebrachte Holzstäbe. Ich trug die Kugelbüchse auf der Schulter, mein Weib den Jungen und was sie sonst an Lumpen und Lappen für das Kleine noch besaß – so wanderten wir durch den eisigen Ost und hofften in bitterer Verzweiflung nur eins, daß uns ein mitleidig Bauernweib in der Isba ein wenig am Ofen sitzen lassen möchte, sonst wären wir schier gestorben vor Kälte.

»Da hörte ich einen Bären brummen und dacht‘ an das schöne wärmende Fell. Ich versuchte die erstarrten Finger, ob‘s noch gehen würde mit dem Schießen; leise schlich ich vorwärts dem Schalle nach. Mein Weib war auf die Knie gefallen; es hatte zum Weinen, zum Sprechen keine Kräfte mehr.«

»Mikosch«, unterbrach Onnen, »so traurige Tage hast du gesehen?« Der alte Häuptling lächelte. »Viele, Herr, viele – aber davon wollte ich ja nicht sprechen! – Der Bär brummte immer stärker, es krachte, als zerbreche er irgendeinen hölzernen Gegenstand, und endlich sah ich ihn. Petz stand auf den Hinterfüßen vor der Felsenzelle des Klausners, die Vorderpranken zerrissen gerade das Balkenwerk, als sei es ein Spinnengewebe. Nun erst entsann ich mich des Eremiten, meine Kugel flog dem Bären gerade in das Ohr, er sprang auf wie zur Flucht, schrie furchtbar und fiel dann schwerfällig zu Boden, tot, ganz tot, die Bleiladung saß ihm im Gehirn. »Ich sprang eilends herzu und sah in die Höhle hinein. Drinnen stand mit gekreuzten Armen Bruder Nikolaus, ganz ruhig, ohne Schreck oder Furcht, ohne einen Gedanken an Verteidigung – keine zwei Schritte von ihm entfernt lag der erschossene Bär vor dem fast ganz zertrümmerten Holzgitter. Noch eine Minute länger und die Bestie hätte den frommen Mann in ihren gewaltigen Pranken erdrosselt.

»Bruder Nikolaus!« rief ich. »Bruder Nikolaus, siehst du denn nicht, was hier geschah?«

»Er glitt mit den Fingern über seine Stirn. »Meine Stunde ist also noch nicht gekommen« sagte er, »Gott wollte es anders!«

»Hast du denn keine Schießwaffen, frommer Bruder?«

»Er lächelte nur. »Der Himmel schickt zur rechten Zeit den Retter, mein Freund, du siehst es ja. Alle eure Sorgen werfet auf den Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.« »Ich fühlte mich tief erschüttert. Gleichsam im Rachen der Bestie, nur noch um eines Schrittes Länge von den kalten Umarmungen des Todes getrennt, hatte dieser Mann seine vollkommene Ruhe bewahrt. Er glaubte an Gottes Nähe, das trug ihn und hielt ihn aufrecht in der Stunde der Gefahr.

»Bruder Nikolaus«, bat ich, »gib mir ein Stück Brot; draußen auf dem eisigen Boden liegt mein Weib und stirbt vor Hunger.«

»Er ergriff die Eisenstange und schürte das Feuer, dann zog er Fleisch, Brot und eine Flasche mit Wein aus einem Kasten hervor.»Hole dein Weib, Freund, der Tisch für euch beide ist gedeckt« »Ich sprang davon wie auf Flügeln – die arme Ilona war so ermattet, daß sie mich nicht mehr verstand, ich mußte sie und das Kind bis zur Höhle tragen; dann gab ihr der starke Wein Besinnung und Wärme zurück. Bruder Nikolaus schenkte meinem Kinde ein kleines Kreuz aus Elfenbein – der Jasko trägt‘s heute noch am Halse! – er ließ uns essen und trinken, an seinem Feuer ausruhen bis zum Morgen und gab uns zuletzt alle Lebensmittel, die er besaß, mit auf den Weg, auch seinen einzigen Rubel, das Geschenk eines Pilgers, der weither gekommen war, um ihn zu sehen. ›Möchte es dir besser ergehen als bisher, mein Freund‹, sagte er. ›Gott segne dich und die Deinigen, er erfülle, was du dir wünschest! —‹«

Mikosch nickte, er atmete tief. »Diesen Rubel habe ich heute noch«, sagte er, auf die Stelle des verborgenen Ledergurtes deutend; »ich habe ihn nicht ausgegeben, und wenn auch der Hunger sein gelbes Gesicht zur Tür hineinsteckte. Das Geldstück brachte mir Glück, glaube ich, es sind seitdem manche andere hinzugekommen und mein sehnlicher Wunsch, selbst ein Geschäft, eine Schenke zu haben, geht jetzt der Erfüllung entgegen. Wenn ich dich nach Norderney gebracht habe, Herr, dann ist die Stunde gekommen.«

Onnen lächelte. »Du brauchst mir nur ein Schiff zu besorgen, Mikosch, und ich werde dir‘s danken, solange ich lebe.«

Aber der Alte schüttelte den Kopf. »Nein, nein, es bleibt bei meinem Worte. Das heißt, wenn es Gottes Wille ist«, setzte er hinzu.

»Und du glaubst wirklich, daß der arme alte Klausner in nächster Zeit stirbt, Alter?«

»Noch in dieser Nacht. Ich kenne den Tod, habe ihn zu oft, zu hundertfältig gesehen – mich kann er nicht mehr täuschen.«

»Kommen wir denn bei Gelegenheit unserer Weiterreise nochmals an der Höhle vorüber?«

Mikosch wiegte den Kopf. »Wir können es wenigstens«, antwortete er. »Wenn du es wünschest, so soll es geschehen, Herr!«

Zur Rechten erschien jetzt wieder der langgestreckte See und an seinen Ufern glitt der Schlitten dahin, bis am Nachmittag das Dorf erreicht war. In allen Arbeitshütten schwieg das Geräusch der Hämmer, es war auf den Straßen kein Kind zu entdecken; die jungen Leute, die Pferde, Schlitten und Hunde fehlten, eine bleierne Stille lag auf der ganzen kleinen Niederlassung.

Mikosch lächelte. »Sie halten uns für verunglückt«, sagte er, »sie sind hinausgefahren, um uns zu suchen.«

Und dann pfiff er auf zwei Fingern. Wie durch einen Zauber veränderte sich plötzlich die Stille ringsumher, ebensolche Töne antworteten, Männer und Frauen stürzten aus den Hütten hervor, Ruffs mächtige Stimme brüllte den Willkommensgruß, daß die Wände dröhnten. »Er ist da!« rief eine alte Frau, indem sie beide Arme ausstreckte und laut schluchzend auf die Straße trat, »ach, er ist da, mein Sohn, mein letztes Kind!«

Und auch eine andere erschien, das Weib des braunen Häuptlings – sie umarmten ihn beide zugleich, sie fragten, welch ein Wunder ihn und seine Begleiter gerettet habe. Mikosch nahm die Pelzkappe vom Kopfe, als er antwortete.

»Durch das Teufelsloch sind wir gekommen! Ein Engel ging vor uns des Weges, ob ihn gleich kein Auge gesehen – das Wasser durfte uns nicht behalten.«

Die Umstehenden erbleichten. »Durch das Teufelsloch!« flog es von Mund zu Mund. »Ihr wagtet es, um den Wölfen zu entgehen?« »Ja – oder besser, das Pferd riß ohne Gebot den Schlitten vorwärts. Sie waren uns hart auf den Fersen, die Unholde, einige sprangen sogar in das Wasser, um nachzuschwimmen, aber sie gaben doch die Sache nach den ersten zwanzig Schritten schon wieder auf. So blieben wir in der Furt, welche bisher kein Mensch kannte und die auch vielleicht nie im Leben einer wiederfindet.« Ein Klingeln von Schlittenglocken zeigte die Ankunft der Männer, welche ausgezogen waren, um ihre verschollenen Genossen zu suchen. Sie hatten die Spur bis an den Rand des Wassers verfolgt und damit alles verloren gegeben. Einer unter ihnen hielt sich sogar schon für den Erben der Häuptlingswürde und dachte an allerlei Listen, um den abwesenden Jasko aus der Gunst des Stammes zu verdrängen; dieser war der einzige, welcher den allgemeinen Jubel nicht teilte. Außer ihm freuten sich alle und gaben das in ihrer harmlosen Weise durch Singen und Tanzen zu erkennen. Während der ganzen Nacht tönte Musik aus den Hütten hervor; niemand schlief, es wurde gekocht und gebraten – am andern Morgen ward dann ein Plan gefaßt, der den Wölfen in ihrem eigenen Gebiete den Garaus machen sollte.

Wo so viele vorhanden waren, da lohnte es wohl der Mühe, die von der Regierung bewilligten Prämien zu verdienen, und auch, sich die Pelze zu eigen zu machen.

Die ganze Dorfschaft zog aus und grub am hellen Mittag, unbelästigt von den tagesscheuen Bestien, große Gruben, in deren jede ein Stück Fleisch geworfen wurde. Die Oberfläche verhüllte man durch dünne Pelze und quergelegte Reiser, auf denen ein anderes, kleineres Stück Fleisch lag.

Alle Hunde waren im Dorfe zurückgeblieben, ebenso der Bär. Sechs bis zehn Männer, auf Bäumen versteckt, überwachten die Gruben. Das etwas angebrannte Fleisch duftete stark, und so konnte denn mit Recht eine gute Jagd erwartet werden. Der Mond schien auch während dieser Nacht hell vom Himmel herab. Fernher schimmerte die ruhige Flut des Teufelsloches, hie und da fielen weiße Flocken durch die Luft – noch zeigte sich kein Wolf. Der Schlitten war schon bei dem ersten Eintritt der Dämmerung in das Dorf zurückgebracht worden und sollte mit mehreren anderen erst am folgenden Morgen wiederkehren, um die Jäger und ihre Beute abzuholen. Mikosch sah ärgerlich auf die Uhr – schon war Mitternacht vorbei und noch immer kein Tier zu entdecken.

»Wir müssen sie locken«, entschied Alexei. »Paßt auf!«

Und er blökte mit solcher Kunstfertigkeit, daß Onnen hell auflachte. Es klang, als springe ein geängstigtes Schaf, durch den Pflock gefesselt, vor dem andrängenden Feinde von Stelle zu Stelle, ohne ihm entrinnen zu können. Gleich einem Notschrei tönte das langgedehnte: Mäh! Mäh! durch die helle Mondnacht dahin.

Der Erfolg blieb nicht aus. Hie und da erschien ein Gelber, erst wenige, dann mehrere; sie zogen die Luft ein, schnupperten und entdeckten endlich das auf die Falle gelegte Stück Fleisch.

Vom Hunger getrieben stürzten sie vorwärts, um im Angesichte so vieler Mitbewerber den Raub für sich allein zu gewinnen – ihrer fünf und sechs sprangen auf die schwache Decke, welche keinen einzigen getragen haben würde. Mit gellendem Geschrei fielen alle in die Tiefe hinab, so tief, daß kein Sprung sie wieder an die Oberfläche bringen konnte.

Für den Augenblick erschraken die übrigen, dann aber verdrängte der Geruch des Fleisches den Gedanken an die Gefahr und wieder stürzten sechs oder acht der erbitterten Tiere in eine neue Grube hinab. Auch auf dem Grunde derselben bissen sie sich noch um den Raub; das Geheul und das Knurren klang wie ein Teufelsspuk durch die Nacht.

Mittlerweile entdeckten andere die Jäger auf den Bäumen und fingen an, dieselben zu umkreisen. Ein grauenhafter, dem Eulengeschrei ähnlicher Ton wurde gehört; es war der Verzweiflungsschrei der hungrigen Wölfe, die ihre Beute nicht erlangen konnten.

Von den Bäumen herab donnerten die Kugelbüchsen. Wie immer durch den Pulverblitz erschreckt, wich das Raubgesindel zurück; einige wälzten sich in ihrem Blute, andere schnappten nach den Stellen, wo die Ladung sie getroffen hatte und die allerdreistesten versuchten sogar, an den Stämmen hinaufzuspringen, aber das unausgesetzte Feuer tötete doch die meisten von denen, welche nicht schon vorher in die Gruben gestürzt waren, und endlich, als der Tag anbrach, entflohen die letzten.

Eine schlimme Nacht voll Kälte und Aufregung, aber auch eine herrliche Beute!

Im ganzen hatten fünfunddreißig Wölfe ihr Leben lassen müssen, so daß, als später die Schlitten kamen, allein Pelze und Klauen eine ganze Ladung ausmachten. Das Fleisch mochten andere Bestien fressen, die etwa in der nächsten Nacht kommen und nach Beute ausspähen würden.

Auf diese letzten Anstrengungen folgten einige Ruhetage, und dann begann Mikosch für die Abreise nach Kiew zu rüsten. Von da sollte es weitergehen, über Odessa zur See nach Hamburg und Norderney; er mußte also auf mindestens ein Jahr Abschied nehmen und alle seine Angelegenheiten vorher ordnen.

Ein Bote ging nach Moskau, um den ältesten Sohn des Häuptlings heimzurufen; der Schlitten wurde mit Kleidern und den notwendigsten Lebensmitteln bepackt, dann ging es zum Abschied, bei dem Onnens Herz doch schneller schlug. Es waren, wenn auch verachtete und weder sehr redliche noch saubere Zigeuner, so doch gastfreie, freundliche Menschen, die er verließ – und das schmerzt immer.

Alexei zog mit. Einen jüngeren, ganz zuverlässigen Mann mußte der alte Hauptmann bei sich haben; und da seine Söhne fehlten, nahm er den entfernteren Verwandten, welcher übrigens seinem Herzen fast ebenso teuer war wie jene. Am Morgen des vierundzwanzigsten Dezembers begann die neue Reise; Mikosch wollte zum Neujahrsfeste in Kiew sein, um dort, weil viele Pilger das Kloster besuchten, womöglich Geld zu verdienen, er mußte daher die Fahrt schon jetzt antreten – Onnens wegen an der Klause des Einsiedlers vorüber.

»Ob wir den armen Blinden wiedersehen werden? Was denkst du, Mikosch?«

Er schüttelte den Kopf. »Sicherlich nicht, Herr!«

»Und wo bleiben wir zur Nacht?«

»Nun, in irgendeiner Hütte. Arm und niedrig sind sie hier herum alle.«

Onnen seufzte; das Bild des vorigen Weihnachtsabends trat lebhaft vor die Augen seines Geistes. Damals lastete auf Deutschland allerdings auch schon die Franzosenherrschaft, aber auf Norderney hatten sich die Bedrücker noch nicht blicken lassen; zusammen mit den Hansens und mit Onkel Kluin war der heilige Abend unter dem grünen Tannenbaume bei vollen Gläsern gefeiert worden. Der Vater trank auf Deutschlands Befreiung – es war dem jungen Manne, als sähe er ihn, als hörte er die freundliche und doch so mannhafte Stimme. Das sanfte Antlitz seiner Mutter, die ganze saubere, geliebte Umgebung, alles trat lebhaft vor seine Seele – er seufzte tief. Welch schreckliche Veränderung zwischen jenem und dem gegenwärtigen Tage.

Der Vater gemordet, die Mutter im fremden Hause, der Barmherzigkeit anderer überlassen, und er selbst ein Flüchtling, sein einziger Freund ein Zigeuner.

»Mikosch«, fragte er halblaut, »brennt bei euch in den Bauernhäusern am Weihnachtabend ein Tannenbaum?«

Der Alte nickte. »In wenigen, sehr wenigen, aber zuweilen geschieht es doch. Wo die Leute Kinder haben und reichlich Geld, da schmücken sie wohl den Baum mit bunten Bändern, Lichtern und allerlei Früchten. In diesem Jahre wird es damit nicht viel werden.«

Sie fuhren weiter, immer auf ebener Bahn durch das weiße Flockengeriesel. Nun kam der Höhenzug, die Gegend, in welcher des Klausners Versteck lag; halb und halb hatte sich die Dämmerung bereits herabgesenkt, aber doch konnte man noch Gestalten und Umrisse erkennen. Onnen spähte angestrengt hinüber – wo war das Eisengitter?

»Mikosch, siehst du es?«

Der Alte schüttelte den Kopf; er deutete mit dem Stocke zu den Bergen hinüber. »Dort war es!«

Onnen erschrak. »War, sagst du? – Und wo wäre er jetzt?«

»Verschneit!«

»Ach, der arme Blinde!«

Alexeis Falkenaugen hatten einen dunklen Gegenstand entdeckt. »Vor der Höhle sitzt zusammengekauert ein Mensch«, sagte er.

Mikosch bedeckte die Augen mit der Hand. »Ein Mann«, fügte er hinzu, »vielleicht ein Erfrorener. Der Schnee fällt ihm auf Kopf und Rücken, aber er bemerkt es nicht.«

»Dann müssen wir jedenfalls nach ihm sehen.«

Der Zigeuner lenkte schon den Schlitten hinüber, sobald indessen die Glocken heller erklangen, hob der Unbekannte den Kopf und schüttelte die Schneelast von den Schultern; es schien ihm sehr willkommen, die Öde ringsumher durch menschliche Gesichter unterbrochen zu sehen. »Ach«, rief er, »ach, ihr guten Leute, es ist vergeblich, durch Eis und Sturm an diesen Ort zu gehen – der arme Bruder Nikolaus lebt nicht mehr, sein Gitter ist verschneit, der fromme Mann muß erfroren sein, gestorben; er gibt keine Antwort, er hat kein Feuer im Ofen.«

Der Zigeuner sah in das bleiche, gramvolle Gesicht des Fremden. »Peter Wassiljewitsch«, sagte er, »wie kommst du denn hierher? Erkennst du mich nicht?«

Der Bauer sah auf; er seufzte tief. »Mikosch«, stammelte er, »du bist es! Sage mir, warst du in Smolensk? Ihr Zigeuner hört ja alles, wißt alles – erfuhrst du nichts von meinem Sohne? Er ist Soldat – ach du großer Gott, und wir haben in einem halben Jahre von ihm keine Nachricht mehr gehabt! Ob er noch leben mag – wer weiß es?«

Der Zigeuner bat die beiden anderen, etwas näher zusammenzurücken, und forderte dann den Bauern auf, im Schlitten Platz zu nehmen. »Von Smolensk hörte ich seit der Schlacht nichts wieder, Peter Wassiljewitsch, du mußt dich nicht so sehr beunruhigen, ehe Nachrichten eingetroffen sind. Was wolltest du denn bei dem Klausner, he? Er ist ohne Zweifel gestorben, ich sah ihn schon vor länger als einer Woche in hoffnungslosem Zustande.«

Der Bauer seufzte wieder. »Es ist heiliger Abend«, sagte er, »und meine Alte weint so herzbrechend. Ich konnte es im Hause nicht aushalten – dacht‘, daß mir der Klausner ein wenig Trost geben werde – ja, und nun ist auch der tot.«

Mikosch suchte den armen Mann abzulenken. »Wohnst du noch da drüben bei der Mühle, Peter Wassiljewitsch? – Ich will dich im Schlitten nach Hause bringen.«

Der Bauer nickte. »Wir haben nur den einen Jungen«, sagte er, ganz in seinen Schmerz versunken, »wir sind nicht gerade arm, konnten immer für seine Zukunft ein Übriges tun. Er sollte im Dorfe der Lehrer werden, ach, er ist so klug, kann lesen und schreiben – und nun wissen wir nicht einmal, ob er noch lebt.«

»Daher darfst du als vernünftiger Mann auch nicht trauern und seufzen, mein guter Peter, es kann sich ja noch alles zum besten kehren. Sieh, wie in den Häusern die Lichter glänzen; alle diese Leute haben auch ihre Söhne bei der Armee und wissen nicht, wie es ihnen ergeht. Komm, du mußt den Kopf oben behalten, alter Freund!«

Der Bauer sah zu den erhellten Fenstern seines Dorfes hinüber und schien sehr erstaunt. »Soviel Licht!« murmelte er, »wie kommt das?«

»Denkst du denn nicht an den heiligen Abend, Peter?«

»Ja, ja, aber – noch als ich vor drei Stunden fortging, weinten die Frauen und steckten ihre Köpfe in die Schürzen. Von einer Feier wollte niemand etwas wissen.«

»Ich bitte euch«, unterbrach er sich, »ich bitte euch, ging da nicht eben ein Soldat an der Krücke über die Straße?«

»Ja!« riefen Onnen und Alexei zu gleicher Zeit. »Er trug Uniform.«

»O Gott im Himmel, wenn er mir von meinem Sohne eine Nachricht bringen könnte!«

»Da geht er noch – sollen wir ihn rufen?«

»Ja – nein – ach, gerade heute! Die Alte stirbt mir vor Gram, wenn es heißt, daß ihr einziger dahin ist!«

»Dort gehen noch zwei Soldaten!« rief Onnen.

»Und hier in der Hütte sitzt einer – der arme Schelm hat den rechten Arm verloren! Wie sie ihn liebkosen, wie glücklich sie aussehen! Ein Mann trägt einen mächtigen Tannenbaum in die Isba, er lacht, die Kinder jubeln – o; wem der gütige Gott ein solches Weihnachtsfest beschert!«

Der Bauer hatte sich in dem langsam fahrenden Schlitten aufgerichtet, er hielt wie in unerträglicher Aufregung die Hände zusammengepreßt. »Da steht die Mühle«, murmelte er, »gleich kommt mein Haus – ach – ach – es ist Licht in der Isba – ewiger Himmel, wenn die Soldaten meiner armen Frau eine schlimme Nachricht mitgebracht hätten!«

»Oder wenn dein Sohn nach Hause gekommen wäre, Alter!«

Der Gedanke schien den, Bauern zu überwältigen. Mit einem Satz sprang er aus dem Schlitten und stürzte zum Fenster seiner Isba. »Nikita«, hörten ihn die anderen rufen, »mein Sohn! Mein Sohn!«

Und dann riß er die Tür auf, glücklich, selig, alles vergessend in der Freude des Wiederfindens: »Nikita, mein Junge, mein Herzenskind!«

Mikosch lächelte; er ließ vor dem Häuschen seinen Schlitten halten. »Wir wollen den Leuten nur guten Abend sagen«, meinte er, »und dann die Herberge aufsuchen. Seht doch diese Freude, die beiden Alten erdrücken beinahe den jungen Menschen! – Ach, er hat einen Fuß verloren, kann sich nur an der Krücke fortbewegen – wie schade!«

»Nun«, rief Onnen; »für den Schullehrer macht das weniger aus! – Aber, wie ist mir denn«, fügte er gleich darauf hinzu, »den Soldaten muß ich schon früher gesehen haben!«

In diesem Augenblick wurde die Haustür wieder geöffnet und Peter Wassiljewitsch stürmte auf die Straße hinaus. »Kommt herein, ihr Leute, es ist Platz genug in meiner Isba, kommt nur, wir wollen ja heiligen Abend feiern! Mein Sohn ist zurückgekehrt – ach, ich bin so froh, so froh – morgen soll die heilige Dorothea, unsere Schutzpatronin, einen neuen Silberschmuck haben, den schönsten, der sich auftreiben läßt.«

Er schien vor Freude ganz außer sich; bald begann er, das Pferd auszuspannen, dann drückte er wieder den Männern die Hände oder klopfte den mächtigen Kopf des Bären, als sei auch dieser ein Mensch.

»Ich will‘s euch nur gestehen«, sagte er, »ihr habt mir das Leben gerettet. Ich war ja nicht ausgegangen, um eine Sünde zu begehen, aber wie ich so dasaß und die Flocken fielen mir auf den Kopf, da tobten arge Gedanken in meiner Seele. Bruder Nikolaus ist verschneit, meinte ich, fühlt kein Leid und keine Sorge mehr – du willst ganz stillsitzen; wenn‘s dann Gottes Wille ist, so schläfst du langsam ein – das beste, was dir der heilige Christ bescheren könnte!«

»Aber kommt jetzt! Kommt jetzt!« rief er dann. »Wir müssen einen Tannenbaum haben und bunte Bänder und Lichter! Kommt, ihr sollt meinen Sohn sehen!«

Mikosch brachte die Tiere und den Schlitten in einen Stall, die beiden jungen Leute folgten dem Bauern in die Isba; wo das Mütterchen glückselig des wiedergeschenkten Sohnes Hand hielt und immerfort vor Freude weinte. Der Soldat sah bleich und angegriffen aus, aber er war ein sehr hübscher, wohlgebauter Mann, der die Fremden freundlich begrüßte und dann, als ihm Onnens Blicke begegneten, plötzlich stutzte.

»»Wir müssen uns kennen!« rief er. »Ja, ja, ich bin meiner Sache ganz gewiß. – Ihr wart es, der mich in Smolensk, als ich den Fuß verloren hatte und blutend auf dem Walle lag —« »Sprecht doch nicht davon!« unterbrach Onnen. »O, ganz gewiß will ich das! Ihr habt mich aus dem Feuer getragen, Ihr seid mitten im stärksten Kugelregen zu mir hinausgekommen und habt meine Wunde mit kaltem Wasser gebadet. Ohne Euch wäre ich wahrscheinlich in kurzer Zeit ein Kind des Todes gewesen.«

Die alte Frau erhob sich von ihrem Sitz; schwankenden Schrittes näherte sie sich unserem jungen Freunde. »Herr, du hast meinen Sohn gerettet? Du hast seine Wunde verbunden und ihn auf deinen Armen getragen? – Gib mir die Hand, ich will sie küssen, die liebe barmherzige Hand!«

Onnen umfaßte mit beiden Armen das Mütterchen. »Mache nichts daraus«, sagte er lächelnd, obwohl seine Stimme bebte, »ich tat nur, was jeder andere auch getan haben würde: – Hörst du, da klingen die Weihnachtsglocken!«

Vom kleinen hölzernen Kirchlein herüber durchdrangen die friedlichen Töne das Schneetreiben in den dunklen Straßen. Jetzt kam Mikosch herein, beladen mit einem mächtigen Tannenbaum, Flocken im Haar und im Pelz, der richtige Weihnachtsmann, dessen Erscheinen die Rührung da drinnen in heitere Festfreude verwandelte, der nun den Baum mit Lichtern und Bändern schmückte, daß draußen die Schneemassen im rosigen Widerschein strahlten und weithin die Flocken wie glitzernde Diamanten vom Himmel herabfielen.

Der wiedergekehrte Sohn und die Mutter saßen immer eng beisammen; Onnen mußte jede Kleinigkeit aus den Schreckenstagen von Smolensk wieder und wieder erzählen, alles, was er von den guten Leuten wußte, zu denen er den Verwundeten gebracht, von dem Arzte, den er herbeigeholt, und allen denen, die in irgendeiner Weise hilfreiche Hand geleistet hatten. »Damit ich für sie beten kann«, sagte innig das Mütterchen, »am meisten aber für dich, Herr, für den lieben barmherzigen Freund, der mein Kind rettete.«

Und dann erwischte sie doch Onnens Hand, ehe er es verhindern konnte. Sie mußte sie küssen – es ging nicht anders.

Der Bauer befestigte indessen an die geöffnete Dachluke eine schwere, volle Garbe. Auch die Vögel unter dem Himmel sollten ein Fest feiern – er war ja so glücklich, so glücklich, am liebsten hätte er die ganze Welt umarmt.

Jeden Augenblick pochte draußen jemand ah die Scheiben. »Auch mein Junge ist wieder ,da, auch meiner, gelobt sei Jesus Christ!« »Ihr alle aus unserem Dorfe?« fragte der Bauer. »Fehlt keiner?« »Doch!« entgegnete der Soldat, »ihrer drei liegen vor Smolensk unter dem Schnee. Als wir heute nach Hause kamen,, sagten wir‘s dem Geistlichen; so den armen Leuten am Weihnachtabend die böse Botschaft ins Haus zu bringen, das ist so schwer, wir wagten es nicht.«

Die alte Mutter faßte wieder des Sohnes Hand. »Mein Einziger, ach mein Einziger – wenn ich dich verloren hätte!« —

Draußen waren die Glocken verstummt, der Geistliche wanderte durch den tiefen Schnee von Hütte zu Hütte, um den beraubten Familien die Tröstungen der Religion zu bringen; während fast überall der Jubel des innigsten Dankes zu Gott emporstieg, predigte er den trauernden Herzen von jener stillen Ergebung, die den Schmerz überwindet und Stufe um Stufe die Dornenbahn zum Himmel, zum Wiedersehen er klimmt. In diesen Häusern brannten keine Weihnachtskerzen; wer hineinkam von Freunden und Nachbarn, der weinte mit den Trauernden, betete für die ewige Ruhe der Heimgegangenen.

Die übermütigen Feinde hatten flüchtig und völlig geschlagen das Land verlassen müssen, das teure geliebte Vaterland, für dessen Befreiung jene Toten zum Opfer geworden – auch in diesem Gedanken lag eine hohe, schöne Tröstung.

Allerorten erzählten die Soldaten von dem schimpflichen Rückzuge aus Moskau, von dem Übergang über die Beresina, der Tausenden das Leben gekostet hatte, und Napoleons eiliger Flucht nach Paris.

»Im Schlitten ganz allein, von einem gewöhnlichen Bauern gefahren, so ist er von dem Fluche des vermessenen Unterfangens über unsere Grenzen hinausgescheucht worden, quer durch Deutschland, ungekannt, unbeachtet, ein Flüchtling, derselbe Mann, welcher sich fast für einen Gott hielt, welcher sich die Welt, die ganze weite Welt zu unterjochen trachtete. Das Schicksal hat ihn gerichtet.«

»Wißt ihr«, flüsterte halblaut, wie in unwillkürlicher Scheu Nikita Petrowitsch, »wißt ihr, was der Übermütige gesagt haben soll, als er vom Berge herab Moskau vor sich liegen sah? – »Hier stehe ich als Sieger, du, den sie Gott nennen, hindere mich, wenn du es kannst!««

Ein Ausruf des Entsetzens folgte diesen Worten. »Und das ist eine verbürgte Nachricht?« fragte Onnen.

»Nein, aber es wird überall erzählt. Ist es wirklich geschehen, so mag die Erinnerung an diese unerhörte Vermessenheit wie ein Gespenst den Bauernschlitten begleitet haben, als er bei Nacht und Nebel in rasender Eile durch das Land jagte.« Nicht viel wurde mehr gesprochen, seit die Seelen aller unter dem Eindruck des Gehörten erbebten. Mikosch sah an der Wand eine alte Geige hängen und nahm sie herunter – Nikita griff mit einem Freudenschrei nach seinem liebsten Besitztum. »Komm her, Zigeuner, du spielst natürlich auch – komm, wir wollen den anderen und uns selbst ein Konzert geben.«

Die beiden Zigeuner holten aus dem Schlitten ihre Geigen und süß und zaubervoll klang die Weise hinaus in den Tanz der Flocken. Still versunken in ihr Glück saßen die beiden Alten und tauschten zuweilen verstohlene Blicke. Von allen Weihnachtsabenden ihres langen Lebens war dies der schönste, seligste.

Selbst Ruff erhielt von der Festfreude seinen Anteil – einen großen Topf voll Honig, den ihm Onnen in den Stall trug. Und auch sein Brummen, seine behaglichen Kehllaute drückten aus, wie schön dieser Weihnachtsabend war! Vor dem Pilgerhause des Petscherskischen Klosters in Kiew hielt ein Schlitten. Noch immer bedeckten Eis und Schnee die Erde, heulend fegte der Ostwind durch die Straßen, in denen nur halbfertige Häuser und kleine hölzerne Baracken zu sehen waren. Der große Brand des Jahres 1811 hatte die Stadt total in Asche gelegt und nur langsam erhoben sich jetzt, am ersten Januar 1813, die heute noch stehenden steinernen Häuser aus dem Schutt des Gewesenen. Es gab für die zahllosen Pilger, welche an jedem der vier großen Jahresfeste in diesem ältesten und berühmtesten aller russischen Klöster erscheinen, keine andere Herberge als die im Pilgerhause, wo Arme und Reiche ohne Unterschied des Standes Aufnahme finden und nie nach der Bezahlung gefragt werden.

Wer nichts besitzt, der erhält auch ohne Vergütung Quartier, Brot und Mittagsessen – wer es kann, der gibt dafür dem Kloster nach seinem Belieben ein mehr oder minder reiches Geschenk, obwohl man auch von ihm nichts fordert.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain