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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 31

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Der Zudrang war gerade jetzt ein außergewöhnlicher. Der Feind hatte das Land geräumt, aber indem er tausend blutende Wunden, tausend Stätten der Verwüstung hinter sich zurückließ – es gab so unendlich vieles von den Heiligen zu erflehen, so viele Tränen zu trocknen, daß die Eingänge des Klosters und der vordere Hof während des ganzen Tages buchstäblich zum Erdrücken angefüllt waren.

Als der Schlitten hielt, nickte Mikosch sehr befriedigt. »Hier werden wir ausruhen,« sagte er. »Ich habe vor der Petscherskischen Lawra noch in jedem Jahre gut verdient – das soll auch heute geschehen.«

Onnen sah neugierig umher. »Welch ein betäubender Lärm!« sagte, er. »Ich dachte mir immer ein Kloster so still.«

»Dieses nicht! Geh nur hinein, Herr, dann kannst du die Schreier sehen, es sind lauter Bettler, die alle von den reichen Leuten eine Gabe erhaschen wollen!«

»Und zu diesem Zwecke schreien sie?«

»Um sich bemerkbar zu machen, ja.«

Onnen schüttelte den Kopf. »Allein wage ich mich nicht in das Getümmel«, erklärte er. »Alexei, gehst du mit?«

»Später, Herr. Laß uns nur erst einmal ein Quartier bekommen.«

Sie brachten mit Mühe den Schlitten durch das dichte Gewühl bis zu den Stallräumen, die in eine Handelsmenagerie verwandelt schienen. Unzählige Pferde, Esel, Ochsen, Maultiere, Hunde, Bären und Affen bevölkerten die Räume, Meerschweinchen und weiße Mäuse standen in Holzkasten, Ponies, Kamele und Ziegenböcke schrien durcheinander.

Endlos dehnten sich die Zellen; für Ruff und das Pferd wurden Plätze gefunden, und nun konnten auch die ermüdeten Menschen ihren Weg zum Pilgerhause oder doch zu einem derselben nehmen. Sie bahnten sich mühsam einen Pfad durch die dichten Menschenmassen, erhielten von einem dienenden Bruder ein Zimmer angewiesen und hatten nun den sicheren Platz für mehrere Wochen glücklich erobert.

Die letzte Schlittenfahrt war sehr beschwerlich gewesen – hier wollten alle drei Teilnehmer derselben ausruhen, wie Mikosch sagte.

Das Fenster ihres Zimmers ging auf den Klosterhof hinaus. Onnen saß daran und konnte sich nicht sattsehen an dem bunten, mannigfach fremdartigen Bilde da unten.

In jeder Viertelstunde, ja in jedem Augenblick kamen neue größere oder kleinere Züge von Pilgern aus allen Ecken und Enden des weiten russischen Reiches. Wer die Pforte überschritt, der sang irgendein besonders beliebtes Kirchenlied, nahm aber dabei auf den musikalischen Vortrag seines Nachbarn nicht die geringste Rücksicht, so daß sich die Masse der Töne, einander widerstrebend, verschlingend und ergänzend, zum Gebrüll verwandelte, zu einem wahren Hexensabbat verschiedener Stimmen, in dem das einzelne total unterging.

Neben diesen frommen Sängern klingelten die zahllosen kleinen Glocken der Gaukler und Künstler, die in den äußeren Höfen ihr Wesen trieben, um von den Pilgern ein Geschenk zu erlangen. Da unten tanzte mehr als nur ein Bär, drehten Dutzende von Affen ihre kleinen Orgeln oder schössen aus niedlichen Gewehren – da unten musizierten die Künstler, welche für sich allein ein Konzert gaben, indem sie mit den Füßen, den Händen und dem Kopfe verschiedene Instrumente spielten; es zeigten sich die gelehrten Hunde, die rechnenden Ponies, es fand sich der Mann mit dem Bergwerk, das, vorn durchschnitten, alle Abstufungen und Schachte zeigt, dessen Figuren hämmern, fahren, graben und sammeln, je nachdem – es zog hin und her, hüben und drüben der endlose Schwarm der Verkäufer. Alle billigen Leckerbissen, alle Früchte und landesüblichen Gebäcke waren vertreten, jedes Getränk, jede Speise, und alles dieses wurde unaufhörlich ausgerufen, angepriesen, mit Stentorstimme empfohlen, um alles dieses wurde gehandelt und schließlich das Erbeutete an Ort und Stelle verzehrt, namentlich wenn die Käufer Bauern aus den entlegenen Provinzen waren, Leute, denen die guten Dinge dieser Welt hier zum erstenmal begegneten und die es nicht erwarten konnten, mit Zunge und Gaumen ihren Wert näher zu prüfen.

Nur die eigentlichen Belustigungen, die Karussells und Eisberge, das Theater und die Schießbuden fehlten, ebenso bewegten sich auch sämtliche Verkäufer und Künstler ausschließlich im weiten vorderen Hofe, ohne die zu den sechzehn einzelnen Kirchen führenden Säulengänge zu berühren; diese letzteren gehörten einzig und allein den Pilgern und dem unübersehbaren, malerisch aus den Angehörigen aller Provinzen und aller Altersklassen zusammengewürfelten Heere der Bettler.

Auch diese sangen, flehten, wimmerten, auch diese erzählten von ihren Leiden, suchten einander zu überschreien, zu verdrängen und womöglich ganz zu vertreiben – auch diese schwiegen keinen Augenblick.

Dazu läuteten die Glocken sämtlicher Kirchen, Orgelklänge erschallten aus dem Inneren derselben – es war ein Lärm, der den Zuhörer fast betäuben mußte.

»Wagst du dich da hinein, Alexei?« fragte Onnen.

»Natürlich! Aber erst laß uns ein wenig heißen Tee trinken: komm mit mir, du sollst den berühmten riesenhaften Samovar des Pilgerhauses aus eigener Anschauung kennenlernen.«

Onnen lachte. »Ein berühmter Samovar!« wiederholte er.

»Ja, sieh ihn dir nur erst einmal an.«

Die beiden jungen Leute gingen in den Saal, wo den Pilgern während des ganzen Tages heißes Wasser verabreicht wird. Zucker und Kaffee oder Tee sowie das metallene Gefäß zur Bereitung des Getränkes bringen sie selbst mit, das kochende Wasser dagegen wird ihnen unentgeltlich verabreicht.

Auf Bänken und Stühlen, auf Matten, Decken und dem bloßen Fußboden saßen essend und trinkend die fremden Gäste: Männer in Blusen oder Pelzen, Frauen in den verschiedenen malerischen Anzügen der russischen Provinzen, mit gestickten Kleidern, Schleiern und Perlenschnüren, mit den hohen spitzen Hauben und den Turbanen aus kostbaren Stoffen, dabei vielfach barfuß und nur mit strohgefütterten Holzschuhen versehen, die sie draußen auf dem Schnee anlegten. Finnen und Kamtschadalen, Polen, Leute aus der Krim, aus Sibirien, Kosaken vom Don, alle waren hier versammelt und alle hatten Frauen und Kinder mitgebracht, Hunde und Körbe voll der verschiedensten Vorräte. Hundertfach sprach und schrie es durcheinander, eiferte und stritt, lachte und betete; hundertfach widerhallte der Lärm größerer und kleinerer, im Saale versammelter Kinder.

Den Mittelpunkt des ganzen weiten Raumes beherrschte der Samovar, eine Kochmaschine von der Größe eines stattlichen Zimmers, versehen mit einigen zwanzig Zapfkränen und bedient von mehreren Mönchen, die den Pilgern das kochende Wasser verabreichten und außerdem für jede Person ein Glas, um daraus zu trinken.

Neben den Wanderern lagen die langen Stäbe und die Ränzel, welche fast alle trugen. Dieser enthielt vielleicht getrocknetes Fleisch, jener Käse und Brot, der dritte geräucherte Fische; hie und da kam ein Hering zum Vorschein, dann der Überrest einer gekochten Speise, die mit dem heißen Tee hinuntergespült wurde. Bettler öffneten ihre Bündel und Körbe – Brotrinden und Pfannkuchen, buntscheckige Küchenerzeugnisse, zuweilen Kohl, zuweilen Zwiebeln, fielen heraus.

Alles dieses, vereint mit der Wärme der Kochmaschine, mit den Dünsten des schmelzenden Schnees und tausend anderen Zugaben, bewirkten eine solche Schwere der Luft, daß Onnen schauderte. »Laß uns hinausgehen, Alexei – mir wird ganz schlimm!«

Immer neue Pilger drängten mit ihren nassen Pelzen, ihren Bündeln und Ranzen herein, immer mehr und mehr verengte sich der Raum, so daß die beiden jungen Leute den früheren Vorsatz, selbst Tee zu trinken, lieber gar nicht ausführten, sondern fortgingen, um in einem Wirtshause zu frühstücken.

Dann besuchten sie den äußeren Hof des Haupteinganges. Eine Reihe von Verkäufern bot hier auf flachen Brettern, die an Riemen von der Brust herabhingen, Gegenstände religiöser Verehrung dem Publikum zum Kaufe.

»Steine aus Nazareth, ihr guten Leute! Wie hab‘ ich unter Mangel und Not aller Art die kostbaren Erinnerungszeichen zusammengesucht, wie hab‘ ich sie mühsam den endlosen Weg bis hierher auf dem Rücken getragen! Kauft, kauft, solch ein Steinchen vom heiligen Boden tut Wunder, vielleicht haben schon die Füße des Erlösers es berührt, vielleicht hat er es als unschuldiges Kind in seinen göttlichen Händen gehalten! Kauft, kauft, ich gebe aus reiner Nächstenliebe, nur um euch den Segen in das Haus zu bringen, jeden Stein für zehn Kopeken!«

»Wasser aus dem Jordan! Heiliges Wasser, mit dem ihr eure Kleinen taufen lassen könnt. Blinden gibt es das Gesicht wieder, Besessene heilt es gründlich! Jedes Glas zwölf Kopeken! – Nur die ersten, welche da kommen, erhalten noch etwas!«

Ein Armenier mit klugem Gesicht, hochgewachsen und stolz von Aussehen, ging langsam durch die Menge. Er konnte das arme Volk für seine Absicht nicht brauchen, sondern suchte spähend nach einer geeigneten Person, um einen dreisten Betrug ins Werk zu setzen; endlich schien er sie gefunden zu haben.

Von einem mit zwei mutigen Pferden bespannten Schlitten wälzte sich ein bäuerliches Paar, bei dem es unentschieden bleiben mußte, wer sich am meisten der vollkommenen Kugelgestalt näherte, der Mann oder die Frau. Sie schienen sehr reich und sehr einfältig – das war so etwas für den schnuppernden Armenier.

Er öffnete den Deckel eines Kastens, welchen er unter dem Arme trug. »Kaufst du, Bäuerin?«

»Was ist‘s? Schmucksachen? Hab‘ ich genug und übergenug!«

Der Armenier lächelte. »Man sieht wohl, daß ihr reiche Leute seid, Bäuerin! Aber was ich dir hier anbiete, ist etwas ganz anderes – etwas, das nicht jeder bezahlen kann. Doch du willst nicht kaufen; entschuldige mich also.«

Er machte eine halbe Wendung, wie um sich zu entfernen – schnell hielt ihn die Bäuerin an dem flatternden Zipfel seines Gewandes. »Was ist‘s denn, Fremder? So laß doch hören!«

Er näherte sich ihr etwas mehr, sein stolzes, edelgeschnittenes Antlitz erhielt einen so geheimnisvollen, bedeutsamen Ausdruck, daß die gute Alte anfing, sich zu fürchten. »Ein Span vom Kreuze Christi!« raunte er. »Ein Stückchen des Kleides, das die Jungfrau Maria bei der Hinrichtung ihres göttlichen Sohnes trug.«

Die Bäuerin ächzte vor geheimer Ehrfurcht. »Ein Span von dem richtigen Kreuze, an das die Bösewichter den lieben Heiland schlugen? Wirklich von dem richtigen Mann, wirklich? Kannst du es beschwören?«

»Natürlich kann ich es. Der Span ist eine kostbare Reliquie, Tausende von Rubeln wert – dir will ich ihn für fünfzig überlassen.«

Sie sah ihm rasch ins Gesicht. »Warum das?« fragte sie mißtrauisch.

»Weil ich notwendig noch heute vor Abend diese Summe haben muß, ehrsame Frau! Du verstehst mich! Ohne den Druck der bittersten Not würde ja überhaupt kein Mensch ein so kostbares Gut aus der Hand geben.«

Ein Stück vermorschten, wurmstichigen Holzes kam zum Vorschein. Zögernd hielt es der Armenier empor, seufzend und kopfschüttelnd. »Es ist ein Splitter vom rechten Flügel«, sagte er, »die Hand des Erlösers hat es berührt! – O ihr lieben Heiligen, ob ich es wirklich verkaufe?«

Die Frau stieß heimlich mit dem Fuße gegen den ihres Mannes. »Väterchen«, seufzte sie.

Er zog schon den leinenen Beutel. »Geht es denn nicht auch für neunundvierzig Rubel, Kamerad? Ich denke wohl!«

Der Armenier liebäugelte mit dem Splitter. »Ich kann es nicht, wahrhaftig nicht. Ein guter Christ sollte verhungern, ehe er solch einen Schatz dahingäbe! – Ach, ach, das ist eine schlimme Welt! – Aber nimm das Stückchen vom Kleide der heiligen Jungfrau dazu, Bauer, es heilt dir durch bloßes Auflegen das kranke Vieh – du zahlst dann siebzig Rubel. Allein, ohne das Holz vom Kreuze, müßte dieses Stückchen Zeug dreißig Rubel kosten.«

Der Dicke seufzte ein wenig, aber ganz versteckt in den Winkeln seines Mundes lauerte ein zufriedenes Schmunzeln. Er sollte also billig kaufen, hm, hm – das ist überall so, wenn man größere Partien nimmt. Wer bei ihm zehn öder zwölf Schafe zugleich erstand, der bekam sie auch wohlfeiler wie im einzelnen. Indessen – Sparsamkeit erhält das Haus.

»Zusammen für neunundsechzig Rubel!« sagte er in vertraulichem Tone.

Die Frau sah ihn vorwurfsvoll an. »Väterchen!« raunte sie.

Der Armenier reichte ihr mit einer höflichen Verbeugung das Läppchen und den Splitter. »Nimm meine Schätze hin, Bäuerin, sie sollen dir Segen in das Haus bringen. Ich bin zufrieden mit dem, was dein Mann bietet.«

Das Schmunzeln wurde zum breiten Grinsen; Väterchen zahlte und der Armenier wandte sich ehrerbietig grüßend zu einem anderen Menschenstrome, um für den Inhalt seines Kastens weitere leichtgläubige Seelen zu suchen.

Unsere Freunde sahen einander an. »Ob der Bursche selbst glaubt, daß das Holz echt sei?« flüsterte Onnen.

Alexei lachte. »Gott behüte! Er zerschlägt eine alte Tür oder einen Balken, schneidet Splitter heraus und zieht mit dem Strome der Pilger, wohin sie gehen – so macht er es in jedem Jahre.«

»Und der Steinhändler? Der Wasserverkäufer?«

»Einer sammelt auf der Landstraße seinen Vorrat, der andere bezieht ihn aus der nächsten Pumpe!«

»Sieh nur, sieh nur, der Armenier hat schon wieder ein paar Frauen erfaßt. Dieselben Schwüre, dieselben Augenverdrehungen!«

»Natürlich – bis der Kasten leer ist; dann füllt er ihn in irgendeinem versteckten Winkel aufs neue.« »Und da die beiden anderen Betrüger! Alle Welt kauft Steine, läßt sich die Stirn mit dem heiligen Wasser besprengen!«

»Und ist glücklich dabei – dafür kann man schon zehn Kopeken ausgeben. Sieh, hier kommt wieder ein Händler.«

»Kreuze aus Silber und Elfenbein, meine Herrschaften, Rosenkränze, Gebetbücher, Heiligenbilder! Nepomuk! – Nikolaus! – Iwan! – Die gesamte heilige Familie für sechzehn Kopeken!«

»Billig! Billig! Christus, Maria, Joseph, Johannes – Stück um Stück für fünf Kopeken!«

»Das ist aber doch empörend, Alexei! Wie kann man solchen Schwindel dulden?«

Der Zigeuner lachte. »Komm, wir wollen uns die Säulengänge ansehen, da findest du auch unter den Bettlern Betrüger von Profession, Blinde mit wahren Falkenaugen, Leute, die ihre gesunden Arme an den Leib geschnürt haben und die leeren Ärmel kläglich schütteln, um irgendeiner barmherzigen Seele ein Geschenk abzuschwindeln, Stumme, die —«

»O Himmel, Alexei!«

»Na, komm nur, wir können uns ja gleich die Geschichte ansehen.«

Sie durchwanderten die breiten Gänge vor den Kirchtüren. Dicht gedrängt saßen überall Krüppel und Bettler jedes Alters, Kranke, Greise, kleine Kinder, die ihre Angehörigen verloren hatten, arme alte Frauen, solche Unglückliche, welche nur stumm die Hand ausstreckten und solche, welche mit lauter Stimme bettelten oder ihre schrecklichen Leiden schilderten.

In langer Reihe lagerten hier die Blinden mit ausdruckslosen Gesichtern und scheuer Haltung, zuweilen junge kräftige Leute, zuweilen Greise von abschreckender Häßlichkeit; Menschen, die ihr ganzes Leben auf Pilgerfahrten zubrachten und sich eigene Führer hielten, um an allen Wallfahrtsorten der gläubigen Welt zu beten und zu betteln. Ließen sich in ihrer Nähe Schritte vernehmen, so streckten sie schweigend dem Kommenden den Hut entgegen und erhielten auch fast immer eine kleine Gabe, die kupferne Kopeke; denn bei der Anzahl von Bettelnden hätte hier nur ein Krösus reichere Geschenke spenden können.

Außer den Armen und Elenden, welche alle Stufen belagerten, gingen ganze Scharen wohlhabender oder selbst reicher Pilger zu den Kirchen, wo beständig Gottesdienst gehalten und das heilige Abendmahl verteilt wurde. Zahllose Frauen in tiefer Trauerkleidung bestellten Seelenmessen für teure Angehörige, die in den Schlachten von Smolensk und Borodino gefallen oder in den eisigen Fluten der Beresina ertrunken waren. Überall in den Tempeln brannten trotz der mittägigen Helle Tausende und aber Tausende von geweihten Kerzen; es flimmerte und leuchtete, wohin auch das Auge sah, es widerhallte von Gesang und Orgelklängen, wohin auch der Wanderer den Schritt lenkte.

»Und dort?« fragte Onnen, auf eine Art von überwölbter Kellertreppe deutend. »Was ist das, Alexei? Der Strom kehrt von dieser Stelle nicht wieder zurück.«

»Das ist der Eingang zu den Katakomben. Das ursprüngliche Kloster liegt in der Mitte des Berges; es ist ein Höhlenbau aus dem elften Jahrhundert.«

»Und man kann heute noch dahin gelangen?«

»Natürlich. Da unten beginnt ja erst das eigentlich Merkwürdige.«

Onnen trocknete die heiße Stirn. »Laß uns morgen hinabsteigen; ich bin von allem diesen Lärm und Getöse ganz betäubt.«

Der Zigeuner kannte allerdings keine Ermüdung, aber er willigte sofort in den Vorschlag seines Begleiters und beide gingen in ihr Zimmer zurück, um erst ein paar Stunden zu schlafen, während Mikosch bereits unten im dichtesten Gewühl mit dem Bären das vielbewunderte Kartenspiel aufführte und mehr Kopeken erntete, als Ruffs Blechteller zu fassen vermochte.

Am anderen Morgen wurde dann der Ausflug in die Katakomben unternommen. Eine geheimnisvolle, eigen schauerliche Wanderung! – Ein Besuch im unterirdischen Reiche des Gewesenen, des Todes.

Treppen überall, nirgends ebener Fußboden; das ganze Kloster lag ja auf dem Plateau und an den Abhängen des Berges. In einem der inneren Höfe erhob sich ein hohes breites Eisengitter, das zwei Mönche bewachten und das den gewölbten Eingang zu den Katakomben umgab. Uralte weitästige Bäume standen innerhalb dieses Raumes, ein schlanker Kuppelbau krönte die obere Spitze des Berges.

Eine breite Treppe führte hinab in den Schoß der Erde. Auf jeder Stufe saßen eng zusammengekauert die Bettler, solche, welche wirklich aus irgendeinem Grunde arbeitsunfähig waren, Unglückliche, denen das Weh des Lebens aus jedem Zuge sprach und die nur ganz stumm ihre Hände ausstreckten. Auf den Stufen dieser Treppe sitzen zu dürfen, galt als besondere, nicht jedem gewährte Vergünstigung – hierher wenigstens kamen die gewerbsmäßigen Betrüger nicht.

Am Fuße der Treppe befand sich eine kleine, niedere Kapelle, in welcher mehrere Mönche geweihte Kerzen verkauften und angezündet verabreichten. Aus dem hellen Morgenlicht kommend, sahen sich unsere Freunde plötzlich in eine andere Welt versetzt; schwere drückende Luft umgab sie, ein sonderbares Gemisch von Licht und Schatten, von Glanz und Finsternis.

Hunderte bewegten sich in den unterirdischen Gängen, alle mit Kerzen versehen. Von den Altären der Kirchen und Kapellen glänzte Lichtschein, von den Bildern der Heiligen, den Nischen und den Begräbnisstätten; wie wandernde Flammen zuckten die kleinen Lampen der Pilger aus dem Dunkel herauf, wie lange gewundene Feuerschlangen, die sich in den endlosen Gängen fortbewegten.

Unter der niederen Decke wallte und wogte schwarzer Rauch, der nirgends einen Ausweg fand und aus dessen dichten Massen unaufhörlich kleine Staubteilchen niederrieselten, alles langsam mit schwarzer Decke überziehend, eine Qual für die atmenden, die reine kalte Winterluft gewohnten Lungen. Wachs und Öl spendeten ihre unangenehmen Düfte – es gehörte eine gewisse Überwindung dazu, sich weiter hineinzuwagen in das Innere des Berges, wo jeder Laut erstarb und nur zuweilen das unterdrückte Schluchzen einer Frauenstimme die tiefe Stille unterbrach.

Nach der Kapelle kamen verschiedene Kirchen und Betaltäre, dann die Nischen mit den Särgen der Heiligen, alle offen und auch ihrerseits mit dem Sammelteller versehen. Jede Leiche war Mumie, aber vollständig bekleidet; oft deutete der Name auf eine ferne, in das Heidentum zurückreichende Vergangenheit, so Agapit, Spiridon, Pimin und Makarijt. Auch eine fürstliche Jungfrau Julijanija war dabei.

Vor jedem Sarge lagen Andächtige auf ihren Knien, ja, einige küßten sogar die Kleider der Mumien.

Ab und zu gingen Mönche, und an diese wandte sich Onnen, um über so manches, was ihm fremd erschien, eine Aufklärung zu erhalten. »Welche Bedeutung haben diese flachen Mauern, frommer Vater? Es stehen Namen daran!«

Der Mönch bekreuzte sich. »Es lebten hinter denselben heilige Männer Gottes – sie gingen freiwillig in die Nischen des Höhlenklosters, sie zerbröckelten und gruben das Gestein mit eigenen Händen, bis der Raum hoch und breit genug war, um sie aufzunehmen, dann wurde die vordere Seite vermauert, bis nur noch der Kopf hervorsah.«

»Und so lebten die Unglücklichen?« rief Onnen. »Aber weshalb?«

»Um Buße zu tun, um der Welt zu entsagen. Gewöhnlich ließen sie sich in kurzer Zeit ganz vermauern – sie sind die bekannten Säulenheiligen.«

Onnen schauderte. »Hinter jeder dieser Wände steht also aufrecht das Skelett eines Toten?« fragte er.

»Ja.«

»Und die Zwölf, welche dort in den verschlossenen Särgen liegen?«

»Das sind gewöhnliche Menschen, die griechischen Erbauer dieses Klosters.«

Alexei zupfte heimlich unseren Freund am Ärmel. »Du mußt nicht so viel fragen«, flüsterte er. »Die Mönche lieben es nicht, mit den Pilgern zu sprechen.«

»Weißt du denn diese Erklärungen zu geben, Alexei?«

»Ebensogut wie die Glatzköpfe. Hier sind übrigens die näheren Katakomben zu Ende – wollen wir auch die entfernteren besehen?«

Onnen atmete tiefer. »Ich denke, ja, Alexei; dieser Besuch bleibt meinerseits doch jedenfalls der erste und letzte zugleich – es ist mir schauerlich hier unten. Welch eine fürchterliche Luft!«

»Gleich kommt eine nach oben hin offene Schlucht, da kannst du Kälte genug einatmen, Herr!«

»Und was ist in den entfernteren Katakomben Besonderes zu sehen?«

»Wir werden gleich dahin kommen, bis dahin Geduld, Herr.«

Sie durchschritten den letzten Gang, und ein eiskalter Windstoß fegte ihnen entgegen; die Kerzen erloschen, eine Schneewehe stäubte hinein, der mattgraue Winterhimmel erglänzte über ihren Köpfen.

»Gott sei Dank!« rief Onnen. »Ach, ich möchte hier einen Augenblick ausruhen! – Müssen wir durch dieselben Gänge zurück, Alexei?«

»Nein, auch die entfernteren Katakomben haben ihren Ausgang.«

»Das freut mich sehr! Wahrhaftig, obwohl man sich unter freiem Himmel befindet, hat auch diese Schlucht ihr Unheimliches!«

Hohe Felswände begrenzten zu beiden Seiten einen schmalen gewundenen Weg, der am entgegengesetzten Ende wieder in den inneren Schoß des Berges hineinführte. Flocke um Flocke fiel vom Himmel, der Wind fing sich in den Wänden der Schlucht, ganze Berge von Schnee versperrten zuweilen den Weg; es war eine lange öde Wanderung, durch nichts unterbrochen als nur durch das Skelett eines einzelnen Baumes, der aus einer Felsspalte aufwuchs.

Blätter und Blüten konnte er im Winter natürlich nicht tragen, allein ihm fehlte auch die Rinde und außerdem zeigten zahlreiche Kerben, daß aus dem Holze größere oder kleinere Splitter herausgeschnitten waren. Wer das Höhlenkloster besuchte, der wollte irgendein Erinnerungszeichen mit nach Hause nehmen, außer diesem Baume fand sich kein erreichbarer Gegenstand und so mußten denn die Späne fallen, bis der Stamm fast zerstört war.

Am Ende der Schlucht nahmen Zellen und Nischen wieder ihren Anfang, jedoch letztere sehr verschieden von denen in den näheren Katakomben – sie waren nicht vermauert, sondern nur mit einem Eisengitter versehen und bargen in ihrem Innern je einen lebenden, todblassen Menschen mit tiefliegenden Augen und weißem Bart, der zuweilen bis auf den Gürtel hinabreichte. Diese Leute trugen die braune Mönchskutte mit dem hanfenen Strick und an den nackten Füßen nur Sandalen, sonst keinerlei Bekleidung. Onnen erschrak, als er sie sah.

»Alexei, was bedeutet das?«

»Pst! Es sind Einsiedler, die nur zuweilen etwas trockenes Brot mit Wasser genießen, sonst aber fastend und betend ihr ganzes Leben hier verbringen.«

»Immer hinter dem Eisengitter in der engen lichtlosen Zelle, immer im Schoße der Erde, ohne Arbeit und Kampf um das Dasein, ohne Freude und Hoffnung!«

»Immer! Das Gitter liegt zwischen ihnen und der Welt; es hebt sich, was auch geschehe, niemals wieder. Ist der Einsiedler gestorben, so vermauert man die Nische und malt den Namen des nunmehrigen Heiligen an die Wand – wie da drüben zum Beispiel. Der fromme Bruder kann erst ganz kürzlich gestorben sein.«

Onnen schauderte. Er hatte es versucht, einen der Einsiedler anzureden, aber vergeblich, der Betende nahm von ihm keinerlei Notiz, gab nicht die mindeste Antwort – ebensowenig war eine solche von einem seiner Genossen zu erlangen.

Der Zigeuner zog den anderen mit sich fort. »Ich sagte dir doch, daß die Mönche nicht sprechen, Herr! – Aber nun sind wir bald am Ende unserer Wanderung.«

Eine kleine Kapelle war vorn hell beleuchtet, während der Hintergrund einigermaßen im Dunkel lag. Dort stand, auf einem schwarzbemalten hölzernen Schragen ein länglicher Glaskasten, der auf allen vier Seiten fest verschlossen war und hinter dessen Wänden man die Umrisse von Totenschädeln wahrnahm. Auf einem Tische standen kleine Glasflaschen mit einem grünlichen Öl. Daneben hielten zwei Mönche eine unausgesetzte Wacht; sie ließen weder den Kasten noch den Tisch jemals aus den Augen und verkauften das heilige von den Gläubigen vielbegehrte Öl.

Onnen und Alexei gingen natürlich vorüber, ohne zu kaufen. Zellen mit lebenden und mit vermauerten Mönchen fanden sich auch auf dem zweiten Teile des Weges reichlich vor; dann endlich, nachdem die Kerzen fast erloschen waren, zeigte Alexei auf einen helleren Punkt, der fern am Ende des langen Ganges schimmerte. »Da ist die Treppe zum Hof!«

»Gott sei gepriesen!«

Das Getöse der versammelten Massen empfing die beiden jungen Wanderer, aber sie fanden es diesmal weniger lästig als vorher; die Todesstille da unter der Erde bedurfte des wirksamen Gegensatzes, um einigermaßen aus dem Gedächtnis zu schwinden, obwohl Onnen während der nächsten Nächte nicht schlief, sondern im aufregenden Halbwachen immer die blassen, erdfarbenen Gesichter der Einsiedler in den Grabeszellen vor sich sah. So ein langes Leben zu verbringen – wie entsetzlich! Gegen diese Unglücklichen hatte der blinde Mönch in seiner offenen, dem Wind und den Sonnenstrahlen zugänglichen Felsspalte noch ein beneidenswertes Dasein geführt.

Mikosch verdiente während mehrerer Tage sehr gut, dann nahm der Massenzudrang ab, die Gaukler und Künstler mit ihren Tieren zogen davon, anderen Märkten oder sonstigen Festen entgegen, und auch unsere Freunde begannen an die Abreise zu denken. Drei Wochen ungestörter Ruhe hatten ihre Kräfte gestärkt und die Lust zu neuer Wanderung wieder wachgerufen. Jetzt kam die letzte, aber weite Reise, bis nach Odessa an den Ufern des Schwarzen Meeres.

Von Jasko war eines Tages eine Botschaft eingelaufen. Er und Luiz hämmerten unter dem Dache der heimatlichen Schmiede wieder fleißig um Lohn; sie hatten die beiden ihrer Wachsamkeit anvertrauten Deutschen glücklich auf ein Schiff gebracht und waren bei den Ihrigen ohne Unfall angelangt. Neben den beiden Zigeunern erhielt auch Onnen die herzlichsten Grüße von allen, welche unter den Zelten des wandernden Stammes lebten – sie hatten ihn liebgewonnen, die braunen Vagabunden, und er sie, obwohl es ihn manches Mal selbst wunderte.

Die Fahrt ging jetzt durch Südrußland, über Hügelketten und durch Tiefland, zuletzt durch die Steppe, welche nur seltene und unsäglich arme Niederlassungen enthielt. Was an anderen Orten sein Auskommen nicht finden konnte, was vielleicht schon einmal mit den Landesgesetzen in Berührung geriet, das versammelte sich hier und trieb neben der Jagd den sogenannten Raubbau, indem es den Boden ausnutzte, ohne ihn zu pflegen und ohne für eine gute dauernde Wohnung zu sorgen.

Hie und da lag ein leichtgebautes Häuschen, dann wieder mehrere zusammen, aber von regelrechten Gärten, von Baumpflanzungen und Kirchen war nirgends die Rede. Unübersehbar dehnte sich die Steppe, deren harter Boden schon im Februar anfing, Gras und Blumen zu treiben. Mikosch mußte den Schlitten wieder in einen Wagen verwandeln; der eisige russische Winter wich einer milderen Luft, in der die Vögel ihre Stimmen erschallen ließen und das Leben der Tierwelt überall seine mannigfachen Formen und Gestalten entwickelte.

Hühner und Trappen, Elstern, Nußhäher und Wachteln kreisten über dem grünen Boden, Hasen sprangen auf, schlanke Hirsche und Rehe, Antilopen in ganzen Rudeln. Das südlichere Klima machte sich geltend; während in Großrußland noch Flüsse und Boden mit undurchdringlichem Eise bedeckt waren, keimte hier das junge Grün und die Sonne schien in den Mittagsstunden schon recht warm.

Seit Kiew hatte Mikosch kein Geld mehr verdient; die Bewohner der Steppendörfer waren zu arm, um ihm etwas schenken zu können, aber dennoch pries er dankbar sein gutes Glück; ein Nachtlager, eine Mittagsmahlzeit gab es immer umsonst, für das Pferd fand sich reichliche Weide, für den Bären ein Brot – man lebte täglich, ohne viel Geld ausgeben zu müssen, und das war genug.

Zuweilen wurde ein Hase erlegt und unter freiem Himmel am Spieß gebraten, zuweilen Hühner oder gar ein Reh. Mikosch verstand es vortrefflich, einen Braten zuzubereiten, und so saßen denn die drei mutterseelenallein in der weiten Steppe und unterhielten sich von vergangenen und künftigen Tagen. Es war jetzt schon März, Blumen bedeckten den Boden, blaue und rote Kelche erschlossen sich zu Tausenden, der gelbe Ginster wuchs so reichlich, daß ganze Flächen wie mit einem dotterfarbigen Tuche überzogen schienen.

Millionen wilder Bienen summten über den Köpfen der Männer, Schmetterlinge und fliegende Insekten schwirrten durch die Luft; langsam verschwand der Sonnenball unter den Rand des Horizontes.

Wie still es war, wie feierlich! Ein leiser Wind trug den Blütenduft über die Steppe, allmählich verstummten die Lieder der gefiederten Sänger. Hier bedurfte es keiner Wachsamkeit, hierher drang kein Feind; Franzosen, Wölfe und Bären, alles war weit, weit entfernt, der tiefste Friede beherrschte die Umgebung.

So hatte Onnen auf das Meer hinausgesehen, wenn er unter dem schwarzen Kap auf den Dünen von Norderney herumkletterte. So still, so reglos hatte es an Sommerabenden dagelegen, langsam seine breiten Wellen auf den Sand treibend, blau und sonnenüberglänzt in hehrer Ruhe, das geliebte deutsche Meer. Die Augen seines Geistes sahen es auch jetzt, als der Blick gedankenlos die buntblühende russische Steppe überflog; er träumte von der fernen Heimat, und Mikosch und Alexei ließen ihn ungestört seinen Gedanken nachhängen.

Allabendlich befestigten sie halbrunde Reifen an die beiden Seiten des Wagens, zogen ein Leinentuch darüber und das Nachtquartier war fertig. Wenn sich keine Niederlassung in der Nähe befand, so schlief man im Wagen, und Ruff und das Pferd hielten getreulich Wache.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain