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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 32

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Die Sonne war vollkommen versunken und am Himmel an ihrer Stelle das lachende Antlitz des Mondes erschienen. Wie Silber erglänzte schimmernd und weitgedehnt der Ginster – kein Hauch, kein Ton störte mehr die Stille der späten Stunde.

Und doch – klang es nicht wie ferner Donner?

Onnen hob den Kopf. »Was war das, Alexei?«

Der Zigeuner stieg auf den Vordersitz des Wagens. »Wilde Pferde, Herr«, antwortete er nach kurzer Umschau.

Onnen stand auf. »Mikosch, wollen wir nicht den Grauen festhalten? Wenn er uns entliefe!«

Ein Zungenschlag des alten Häuptlings lockte das weidende Tier; er streichelte es liebevoll wie ein teures menschliches Wesen. »Mein Peter sollte davonlaufen? Nein, Herr, nein, eher geschieht Gott weiß was! Laß du nur ruhig die wilde Herde herankommen, uns wird kein Leides geschehen.«

Immer stärker und stärker erdröhnte der Boden, dann erschienen im hellen Mondlicht eilende, dunkle Gestalten und ein Schwarm von kleinen eingeborenen Pferden stürmte daher wie die wilde Jagd, aber doch nicht schnell genug, um einem nachsetzenden Feinde zu entgehen. Ein in Leder gekleideter Mann auf einem Schimmel wirbelte plötzlich den Lasso um den Kopf, ließ ihn ausgreifen und traf aus der Mitte der fliehenden Herde heraus ein Pferd, das sogleich stürzte. Die übrigen erschraken furchtbar, schlugen mit den Hufen hinten aus, drehten sich im Kreise und stürmten davon, während das vom Lasso getroffene Tier sich in wilder Angst am Boden wälzte und dadurch die Schlinge immer fester zusammenzog.

Der Reiter kam, die lange lederne Schnur an sich nehmend, langsam näher. Sein Schimmel weidete, gehorsam wie ein Hund, das Gras, während der Mann, immer noch das gefallene Pferd mit eisernem Griffe haltend, die Mähnen desselben packte und im Augenblick, wo es aufsprang, sich auf seinen Rücken setzte.

Sogleich begann das Tier wild und toll hinten auszuschlagen und sich im Kreise zu drehen; es begriff nicht, was ihm geschah, es versuchte den Mann abzuwerfen, indem es voll Angst bald hierhin, bald dorthin sprang.

Er hielt sich, aber er schien seiner Sache nicht sicher, er klammerte sich unruhig an den Hals des schäumenden Pferdes.

Mikosch und Alexei sahen einander an. »Der versteht‘s nicht«, sagten ihre Blicke.

Der alte Häuptling stand auf, er schien sich zu strecken, langsam trat er dem tobenden Pferde näher, es immer beobachtend – unverwandt, mit dem sicheren Blick des Kenners.

Und dann kam der Augenblick, welchen er erwartete. Das Tier erkannte die Unmöglichkeit, in der bisher verfolgten Weise seinen Reiter abzuschütteln, es bäumte sieh plötzlich so hoch auf, daß für Sekunden nur die Hinterhufe den Boden berührten – lange genug, um den selbst ängstlichen Mann zum Fall zu bringen. Er glitt über den Rücken des Tieres hinab in das Gras, ehe er sich dessen versah.

Im selben Augenblick sprang Mikosch vor, packte die Mähne des erbitterten Pferdes und schwang sich wie ein Kunstreiter auf den Rücken desselben. Es stand noch immer, es schüttelte den Kopf und wieherte in kurzen Tönen, dann schoß es pfeilschnell davon, hinaus in die mondhelle Steppe, wie ein böser Geist, der durch die Luft fährt, um seine Beute, die verfallene, an sich zu reißen.

Onnens Herz klopfte unruhig. »Alexei«, sagte er beklommen, »wie wird das enden? Ob wir den Alten wiedersehen?«

Der Zigeuner lachte laut. »Du, Herr, der Mikosch ist schon einmal auf einem großen Wolfe in das Dorf geritten und hat den Gelben erst, nachdem er ihn nach Hause getragen, vor aller Augen mit dem Messer abgetan. Freilich hielten ihn zwei Männer mit Heugabeln am Boden fest, aber der Alte traf ihn doch ins Herz.«

»Du schließest daraus, daß er wohl auch einen widerspenstigen Gaul besiegen werde! – Aber wie kam es mit dem Wolfe?«

Alexei stopfte sich eine neue Pfeife. »Nun, der Mikosch hat ihn ja natürlich nicht als Reittier benutzen wollen, aber die Bestie ist ihm gerade zwischen die Beine gelaufen, so daß er ihr auf den Rücken plumpste, na, und da nahm er denn seinen Vorteil wahr. Ein Reiter ist der Alte, wie es nicht viele gibt; trotz seiner grauen Haare tut‘s ihm kein junger Mann darin zuvor.«

»Und du bist um ihn durchaus nicht besorgt?«

»Torheit – ich denke nicht daran.«

Während dieses kurzen Gespräches hatte sich der fremde Mann vom Boden erhoben, seinen Gaul am Zügel gefaßt und war ein wenig hinkend herbeigekommen. »Zigeuner!« sagte er mürrisch, »na, da ist‘s ja kein Wunder, wenn der grauhaarige Kerl den Satan von einem Pferde so mürbe macht, daß es zittert, wie vor einem Wolfe. Ihr wißt ein kräftiges Sprüchlein, ihr Halunken, gesteht‘s nur!«

Alexei rauchte behaglich weiter. »Sicher!« versetzte er. »All dergleichen kennen wir schon von den Großmüttern her – und die wieder von ihren Ahnfrauen bis hinauf zur Eva.«

Die Augen des Leibeigenen glänzten. »Verrätst du‘s?« preßte er hervor.

»O – um Gotteswillen nicht!«

»Aber wenn ich dir ein wundertätiges Heiligenbild schenke? Mich hat‘s schon von Zahnschmerzen und einmal von bösen Augen befreit.«

Alexei lächelte. »Da behalte es nur für alle künftigen Krankheitsfälle, guter Freund. Unsere Zaubersprüche verraten wir nicht.«

»Mikosch kommt!« rief Onnen.

Der Galopp eines Pferdes dröhnte über die Steppe. Im Mondlicht erschien und verschwand gespenstisch die Gestalt des Reiters, dann wurde wieder alles still wie zuvor. Der Rappe war noch nicht so weit bezähmt, daß er freiwillig seinen rasenden Dauerlauf unterbrochen hätte.

»Du«, rief plötzlich der Leibeigene, »du, dein Kamerad wird doch das Tier zurückbringen? Es ist schon vorgekommen, daß Zigeuner unsere Pferde stahlen!«

Alexei lächelte spöttisch. »Es ist vorgekommen«, nickte er, »aber nicht da, wo die Leute meines Volkes den Deinigen ein Pfand zurückließen, das zehnmal mehr Wert besitzt als ein wildes Steppenpferd – sieh nur hier den Wagen und unseren Bären!«

Der Leibeigene sah scheuen Blickes hinüber. »Ich dachte, es sei ein Hund«, murmelte er. »Liegt denn die Bestie nicht an der Kette?«

»Komm her, Ruff!«

Der Bär legte sich wie ein zahmes Kätzchen zu Füßen des jungen Mannes in das Gras. Alexei kraulte ihn, und die große rote Zunge des plumpen Gesellen leckte dafür zärtlich die Hand, welche ihn liebkoste.

Der Leibeigene nickte. »Auch das ist Zauberei!« sagte er vor sich hin.

Die beiden anderen lachten. Dann klang wieder Hufschlag über den baumlosen Boden und zum zweitenmal kam Mikosch zurück, aber jetzt als Herr des tödlich ermatteten Tieres, langsam reitend, beinahe Schritt vor Schritt. Dicht vor der Gruppe neben dem Wagen hielt es still, mit Schaum vor dem Maule, triefend von Schweiß, zitternd an allen Gliedern.

Mikosch sprang gewandt zur Seite herab. »Hollah, du, hast du einen Zaum oder wenigstens einen Strick mitgebracht?«

Der Leibeigene wickelte eiligst eine Schnur von seinem Körper ab. »Gib her, Zigeuner«, sagte er. »Hör‘ mal – verlangst du einen Lohn für den Ritt auf die Steppe hinaus? Muß ich dem Herrn sagen, daß du es warst, der das Pferd einfing?«

Mikosch lachte. »Sag, was dir beliebt, Mann, aber höre für die Zukunft auf meinen Rat – bleib den wilden Pferden fern, oder du findest bei der Sache einmal auf klägliche Weise deinen Tod.«

Der Leibeigene pfiff leise vor sich hin. »Ich bin ein erfahrener Pferdejäger«, versetzte er, »kenne die Steppe und die Gewohnheiten der Tiere ganz genau, aber die Jagd muß am Tage vor sich gehen, nicht bei Mondschein – du verstehst mich.«

»Ach – der Russalkij (Nymphen) wegen?«

»Natürlich. In den Mondnächten gehen sie um und setzen sich den Menschen ungesehen auf die Schultern, um sie zu Tode zu kitzeln.«

»Und das glaubst du wirklich?« rief Onnen. »Wie sehen denn die Russalkij aus?«

Der Leibeigene zog ein Heiligenbild hervor und küßte es andächtig. »Wie die Luft, Herr, wie der blasse Mondschein. Die Russalkij sind allenthalben, so weit Wald und Steppe reicht; sie wohnen in den Bäumen, im Schilf, in den Ginsterblüten, sie tanzen hoch oben in der Luft, und wer ein Sonntagskind ist, der kann sie sehen.«

Er hatte sein Pferd wieder bestiegen und das eingefangene, völlig ermattete Tier an den Zügel genommen. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes«, sagte er, »ich muß es wagen. Lebt wohl!«

»Komm gut nach Hause!« rief Mikosch.

»Und grüße von mir die Russalkij!« lachte Onnen.

Ein Windstoß fuhr durch die Luft, es rauschte in den hohen Ginsterbüschen und schwebende, nickende Schatten legten sich auf die Steppe. Mit einem Schrei wie der eines verwundeten Vogels, gellend und laut, jagte der Russe davon, als sei die ganze Dämonensippschaft seines abergläubischen Landes ihm auf den Fersen.

Onnen schüttelte den Kopf. »Die Angst hat ihn ganz von Sinnen gebracht«, sagte er. »Aus Furcht vor bloßen Hirngespinsten fiel er vom Pferde und hätte ums Haar unter dem stürzenden Tiere das Leben eingebüßt.«

Mikosch legte zwei Finger auf den Arm seines jungen Freundes. »Ob es nur Hirngespinste sind?« fragte er halblaut.

Das Mondlicht schien hell auf seine klugen, lebhaft blickenden Augen, auf das schlaue, aber ehrliche Gesicht. Mikosch hatte die Pfeife aus dem Munde genommen, er schien zu sinnen, er seufzte.

»Ob es nur Hirngespinste sind, Herr?«

»Aber Mikosch – das fragst du?«

Der Alte wiegte den Kopf. »Glaubst du an den Upyr (Vampir), Herr? An das schwarze Wesen mit dem Zwergenkörper und dem Pferdekopfe?«

»Entschieden nicht!«

»Aber irgendwo zwischen Himmel und Erde lebt es doch. Sieh, ich hatte in meinen jungen Jahren einen Freund, der einmal Streit bekam mit einem weißen Manne und den mehrere andere Personen so reizten, daß er später das Messer brauchte und den Angreifer niederstach. Er hat es getan, aber nicht vor Zeugen – nachher schwor er es ab, um sein Leben zu retten, und kam auch gut davon. Wir begegneten uns einige Tage später, da war sein Haar weiß geworden, seine Augen lagen tief im Kopfe, ich erschrak förmlich, als ich den armen Schelm sah. ›Was fehlt dir, Gosim?‹ fragte ich ihn.

»Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus, dann aber gestand er mir‘s. ›Heute nacht hat der Upyr auf meiner Brust gesessen!‹

»Ich wußte, daß er mir gegenüber nie lügen würde, und suchte ihn daher abzulenken. ›Dir hat schwer geträumt, Gosim‹, sagte ich.

»Aber er schüttelte nur stumm den Kopf. Seit der Zeit schwand er zusehends hin, täglich mehr, und als ich ihn einmal im Vertrauen fragte, da gestand er mir die ganze Wahrheit. ›Jede Nacht kommt der Upyr – und immer rückt er ein wenig höher, immer näher an das Herz heran. Ist er erst einmal da, so —‹

Und ein Achselzucken vollendete den Satz.

»Ich suchte es ihm auszureden, ich bewog ihn, mich in eine andere Provinz zu begleiten, und habe dann mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ihn das Gespenst quälte. Er ächzte im Schlaf, er krümmte sich und wimmerte – es war furchtbar. Wir sprachen über die Sache nicht wieder, helfen konnte ihm ja doch keiner.

»Nur eines Tages gab er mir, als der Abend hereinbrechen wollte, zum Gruße die Hand. ›Diesmal kommt es ans Herz, Mikosch. Morgen bin ich ein toter Mann.‹

»Ich blieb bei ihm, wir wachten zusammen bis über Mitternacht hinaus, dann fielen ihm die Augenlider herab – seine Kräfte waren eben zu Ende. Ich kann wohl gestehen, daß mir das Herz schneller schlug, daß ich an keinen Schlaf dachte. Gegen drei Uhr morgens begann das Ringen mit dem Upyr, Gosims ganzer Körper zuckte und bäumte, ich versuchte umsonst, ihn zu wecken – plötzlich schrie er laut auf. ›Das Herz, das Herz – nun ist es getroffen!‹ »Eiskalter Schweiß stand auf seiner Stirn, die Glieder streckten sich – mein Kamerad war tot, gestorben ohne Krankheit, ohne Fehl am Körper – der Upyr hatte ihn erdrückt.«

Lange Stille folgte den Worten des alten Zigeuners, dann sagte Onnen mit halblauter Stimme: »Sein Gewissen war‘s, Mikosch. Seit er falsch geschworen, würgte es ihn und würgte, bis das innere Elend den Leib vernichtet hatte.«

Der Zigeuner dampfte große Wolken. »Mag‘s denn heißen, wie du willst, Herr, mag man‘s erklären können oder nicht – ich glaube an den Upyr und an die Russalkij – nur daß sie den guten Menschen nichts anhaben dürfen.«

»Und daß sie nicht in den Lüften oder der Steppe, sondern in unseren eigenen schuldbewußten Herzen geboren werden«, rief Onnen. »So glaube ich auch an sie.«

Der alte Häuptling schwieg, aber unser Freund sah, daß er keineswegs überzeugt sei. Still und mondbeglänzt lag die Steppe, nächtlich still, nur durch den Ginster huschte leises Flüstern, wie die Stimmen unsichtbarer Wesen. Rings, so weit das Auge reichte, unterbrach kein erhöhter Punkt, kein Baum oder Haus die ebene Fläche; nur da oben im lichten Blau glänzte lächelnd der runde weiße Mond – war es wohl ein Wunder, wenn die unwissenden Kinder der Wildnis diese Einsamkeit mit lebenden Wesen bevölkerten, wenn sie das Kommen und Gehen des milden Himmelslichtes in Verbindung brachten mit dem Erscheinen körperloser Geister, die den Bösen heimsuchten und den Guten unbehelligt seines Weges ziehen ließen? Über den Aberglauben solcher Halbwilden sollte nie gelacht oder gespöttelt werden; sie suchen wie wir selbst die Verbindung mit dem Ewigen, Übersinnlichen, nur eben – in ihrer Weise.

17

Ein langer heißer Tag folgte der Begegnung mit dem Leibeigenen und den wilden Pferden. Die Steppe hat keine Quellen, ihr Boden ist steinig und zum Teil salzhaltig, er bringt kein genießbares Wasser hervor, unsere drei Wanderer mußten sich daher mit dem wenigen begnügen, das noch von dem letzten Dorfe mitgenommen worden war. Einmal erschienen in der Ferne die roten Ziegeldächer eines Gehöftes, wahrscheinlich dessen, wo der Leibeigene seine Heimat besaß, dann aber kam erst gegen Abend, allmählich am Rande des Horizontes auftauchend, die Stadt Odessa in Sicht.

Auch hier keine Bäume, kein Schatten, nur seitwärts eine kahle Hügelkette und hinter der damals erst im Werden begriffenen Stadt das weite offene Meer mit seinen Schiffen und Flaggen, seinen Mastspitzen und umherfahrenden Booten. Onnen schwenkte die Mütze, er konnte einen lauten Jubelschrei nicht unterdrücken. »Das Meer! – Ach, das Meer!«

»Ich liebe es nicht«, gestand Mikosch. »Meinen Wagen und das Pferd werde ich wohl hier in Odessa zurücklassen müssen; Ruff begleitet uns auf jeden Fall.«

Onnen hörte und sah nicht, seine Blicke waren nur immer auf das Meer gerichtet. »Bist du hier bekannt, Mikosch? Denkst du, daß wir ein Schiff finden werden?«

»Natürlich! Aber du giltst als einer von meinem Volke, sonst erregen wir hier Aufsehen und könnten auch in Deutschland nicht ruhig unseres Weges ziehen. Dort herrschen nach wie vor die Franzosen; alle Fremden bedürfen der Reisepässe.«

Onnen erschrak. »Besitzt du denn welche, Mikosch?«

»Gewiß! Du giltst darin als mein Sohn.«

Unser Freund reichte ihm gerührt die Hand. »Und du hast wahrlich wie ein Vater an mir gehandelt, Mikosch – ich werde dir danken, solange ich atme.«

Der Alte lächelte. »Schon gut, Freundchen, schon gut. Sieh, das ist nun die Grenze des russischen Grund und Bodens – nach ein paar Tagen haben wir ihn verlassen.«

»Das gebe der Himmel. Ach, Mikosch, wenn ich mich erst wieder an den Tauen schaukeln darf! Wenn ich —«

»Aber«, unterbrach er sich, »sind denn die Zigeuner jemals Seeleute?«

»Nie. Doch können sie sämtlich klettern wie die Katzen und mehr verlangst du ja für den Augenblick nicht.«

Die Vorstädte, damals aus Holzbaracken bestehend, waren erreicht und Mikosch nahm Quartier in einer Matrosenherberge, deren Wirt er kannte. Alles ringsumher erinnerte unseren Freund an die Heimat, der Blick auf das weite Wasser, die ungepflasterten Straßen, die niederen Häuser und das Schiffer- und Fischervolk, welches sie bewohnte. Schon am nächsten Tage machte er die Bekanntschaft mehrerer Seeleute, die hier auf eine Heuer warteten, und fuhr mit ihnen im Boot umher; seine oberflächliche Kenntnis der russischen Sprache schützte ihn vor einem Verrat, den er ohne Absicht hätte begehen können – seelenfroh, so glücklich wie seit langer Zeit nicht mehr, schaukelte er auf den Wellen herum.

Mikosch suchte und fand indessen ein englisches Schiff, das unter dem Schutze der heimatlichen Kriegsfahrzeuge nach Helgoland unter Segel gehen sollte; er bezahlte für sich selbst und die beiden jungen Leute sowie Ruff den Passagepreis, dann gelang es ihm nach tagelangem Forschen auch noch, einen Zigeuner aufzufinden, der den Seinigen Gruß und Botschaft zu bringen versprach, ebenso den Befehl des Stammeshauptes, Wagen und Pferd von Odessa abzuholen, oder wenigstens doch das Pferd, wenn auch der Karren verkauft werden mußte.

Am 30. März ging die »Anna Elisabeth« unter Segel, um ihren Weg durch das Schwarze Meer, das Ägäische und Mittelmeer bis in den Atlantischen Ozean fortzusetzen. In den südrussischen Häfen hatten Hunderte von englischen Schiffen während des Winters mit voller Ladung brach gelegen, ohne die Waren löschen oder auch nur aussegeln zu können; jetzt aber, wo der Frühling gekommen war, wagten sich die Fahrzeuge wieder hinaus auf See, um Waren nach Deutschland zu schmuggeln.

Helgoland war immer noch Stapelplatz derselben, auch die »Anna Elisabeth« sollte Talg und Getreide hinbringen, um dann zur Ausbesserung nach Plymouth zu gehen. Die Ladung hatte während des Winters schon Schaden gelitten; man mußte sie jetzt so schnell wie nur möglich verwerten und dann das Schiff ausbessern – es herrschte unter den englischen Matrosen an Bord eine sehr erbitterte, kriegerische Stimmung. Wenn sich französische Kaper sehen ließen, so würden sie einen heißen Empfang finden.

Im ganzen verließen zehn englische Kauffahrer den Hafen von Odessa, fast sämtlich nach Helgoland bestimmt; zwei Kriegsschiffe waren, um ihnen den Weg freizuhalten, schon tags vorher abgegangen.

Mehr als zwölf Millionen Mark, lauter englisches Nationaleigentum, steckten in den Schiffen und ihrer Ladung, das mußte tatkräftig beschützt werden, denn in den Häfen begann es der Zerstörung anheimzufallen. Die Bretter faulten, die Waren verdarben – also vorwärts auf das gute Glück hin.

18

Die Straße von Konstantinopel war passiert; jetzt befand sich das Schiff im Ägäischen Meer. Eine wundervolle, vom Wasser gemilderte Wärme durchwehte die Luft, fremde Segler aller Nationen kreuzten den Weg, leicht wie ein Vogel schwebte die »Anna Elisabeth« über die Wogen.

»Mir fehlt nur eins«, gestand Onnen, daß ich nicht mit in die Masten klettern darf, daß ich den Matrosen müßig zusehen muß.«

Mikosch lächelte. »Hier verrät dich ja keiner, Herr! Frage den Kapitän und verdiene in des Himmels Namen deine Erbsen, ehe du sie issest.«

»Ich darf also offen sagen, daß ich ein Seemann bin?«

»Solange wir an Bord sind, ja.«

Schon in der nächsten Stunde hatte Onnen seine Bitte vorgebracht und bei dem Kapitän die Einwilligung erhalten; jetzt saß er und nähte sich aus einem Stück Segeltuch einen Matrosenanzug. Die gutmütigen Matrosen schenkten ihm einen Strohhut und leichte Schuhe, sie wunderten sich auch nicht, daß er so flott Englisch sprach – Zigeuner sind ja Weltbürger, sie kommen an alle Orte und reden jede Mundart, sie haben ihr Vaterland überall und nirgends.

Nur der Untersteuermann, Mr. Lawrence, schien die Sache etwas seltsam zu finden. »Junge«, sagte er, »du kletterst nicht zum erstenmal in den Mast. Willst du denn Seemann werden?«

»Ich bin es schon seit zwei Jahren!«

» Nun, und weshalb suchst du in diesem Falle keine Heuer? – Doch ich verstehe, dein Vater möchte lieber, daß du mit ihm durch das Land zögest, um —«

Onnen wandte sich ab. »Steuermann, mein Vater liegt jetzt seit acht Monaten oder noch länger in der Erde – die Franzosen haben ihn gemordet.«

Er erzählte dem erstaunten Manne alles bis auf jene Nacht, in der die Schmuggler verraten und auf dem Watt gefangen genommen wurden; von da an kannte der Steuermann alle ferneren Vorgänge selbst. Einer der erschossenen englischen Matrosen war sein Verwandter; das gab zwischen ihm und Onnen viele Berührungspunkte, die unserem Freunde eine Reihe von Vergünstigungen eintrugen. Er durfte, so oft er es wünschte, in die Masten klettern und dort aus schwindelnder Höhe Umschau halten; etwas, das er sehr liebte und täglich zur Ausführung brachte.

Ohne Unfall gelangte das Schiff in den Atlantischen Ozean, hier aber begann erst die eigentliche Gefahr den Franzosen gegenüber. Ihre schnellen Kaper kreuzten fortwährend die Wasserbahn, Scharmützel aller Art mit den Engländern waren an der Tagesordnung – auch die »Anna Elisabeth« sollte dem Schicksal eines solchen nicht entgehen. Eines Tages saß Onnen wieder hoch oben im Mastkorb und beobachtete das geliebte Meer—da schützte er plötzlich die Augen mit den Händen und glitt dann nach kurzer Prüfung gewandt wie eine Katze auf das Verdeck hinab.

»Steuermann, ein Glas! – ein Glas!«

»Hast du etwas gesehen, Junge?«

»Ich glaube, ja!«

Das Wort war kaum gesprochen, als auch schon zehn oder zwanzig Augenpaare unruhig das Meer nach allen Seiten hin beobachteten. Blaue Wölkchen wallten auf, ein dumpfer Donner rollte über das Wasser dahin.

Kanonenschüsse! Die beiden englischen Fregatten mußten mit französischen Schiffen zusammengetroffen und in einen Kampf geraten sein. Der Donner verstärkte sich, folgte schneller und schneller – die »Anna Elisabeth« nahm ihren Kurs dem Schauplatze des Gefechtes gerade entgegen.

Der Kapitän erschien an Deck; er betrat sofort die Kommandobrücke und ergriff das Sprachrohr. »Klar zum Wenden!«

Die Matrosen flogen in die Masten, allen voraus unser Freund. Es rauschte und wogte in den Wolken von Leinen da oben, es knisterte und rollte, dann war mit Windeseile das Manöver vollführt und die Leute konnten ihre heißen Stirnen trocknen.

»Klar ist!«

Das Steuer drehte sich, die »Anna Elisabeth« fiel ab und floh unter dem Drucke aller ihrer Segel, so schnell es Wind und Wellen gestatteten, aus dem Bereiche der Gefahr; schon nach einer Viertelstunde war von den kämpfenden Kriegsschiffen nichts mehr zu sehen und selbst der Donner der Kanonen nur noch schwach vernehmbar, aber Kapitän Rowland behielt trotzdem ein sehr ernstes Gesicht, er verließ das Deck keinen Augenblick und legte auch das Sprachrohr nicht aus der Hand.

»Für uns steht die Entscheidung noch aus«, hörte ihn Onnen sagen. »Wenn wir vom Bord des Franzosen gesehen sind, so müssen wir auf eine Verfolgung gefaßt sein.«

»Aber vielleicht sind die Franzosen besiegt!« rief eine Stimme. Der Kapitän antwortete nicht; er beeilte sich, aus der gewohnten Fahrstraße der Schiffe herauszukommen und ließ die Wachen in den Masten verstärken; das war alles, was er zum Schütze des ihm anvertrauten Gutes an Leben und Wert im Augenblick vornehmen konnte.

Ein banger, unerquicklicher Tag folgte diesem Morgen, ein Abend voll Nebel und beinahe gänzlicher Windstille.

Dumpfe Schwüle lastete auf dem Meer, man konnte an Deck kaum die Hand vor den Augen sehen. Das Licht der Laternen durchdrang nur den allernächsten Umkreis, es war also keinerlei Beobachtung möglich, man mußte sich dem Willen des Himmels waffenlos überlassen.

Der Kapitän stand in diesem Augenblick an Deck, in jenem beugte er sich über seine Karten. »Ach, wenn es Tag wäre – wenn wenigstens der Nebel aufhören wollte!«

So kam der Morgen heran. Gegen vier Uhr wehte eine etwas steifere Brise, die Luft klarte auf, goldig und hell erschien am östlichen Horizont die Sonne.

Ihre Strahlen beleuchteten blasse, erschrockene Gesichter. Kaum hundert Schritte entfernt lag ein französisches Kriegsschiff – ihm entgegen, direkt unter seine Stückpforten, trieb mit Wind und Wellen die »Anna Elisabeth«, jetzt so sicher verloren, als habe sich das Meer aufgetan und sie in seine unergründliche Tiefe hinabgezogen.

Ein Schreckensschrei durchdrang die Luft; der Kapitän sah aus, als sei ihm die Hand des Todes unvermerkt über das männlich braune Antlitz gefahren, als ob jeder Blutstropfen erstarren müßte unter der eisigen Berührung.

Er gab keine Befehle, er sprach kein Wort – hier war alles schon im voraus zugunsten der Franzosen entschieden.

Diese selbst begannen sich zu rühren. Ihr Schiff zeigte an allen seinen Außenteilen die schweren Stunden, welche ihm der Feind bereitet hatte; Segel und Tauwerk waren zerschossen, an den Masten hingen große Splitter, die Schanzkleidung fiel zerbrochen und durchlöchert herab, an manchen Stellen fehlte sie ganz. Zimmerleute in großer Anzahl waren beschäftigt, auszubessern, zu dichten und zu ergänzen – auf dem Vorderdeck legte man gerade die Opfer des letzten Tages auf lange, mit einer Kanonenkugel beschwerte Bretter, um sie in die Tiefe zu versenken, aber alle Arbeit stockte, aller Blicke wandten sich, als hinter den Nebelmassen der englische Kauffahrer in Sicht kam. »Beute! – Beute!« – Was die Kanonen der Kriegsschiffe zerstört hatten, das sollten jetzt die Waren im Raume der »Anna Elisabeth« ersetzen.

Ein Boot fiel herab, ein Offizier und zwölf Soldaten kamen an Bord des unglücklichen Schiffes, erklärten es mit seinem ganzen Inhalt für das Eigentum der französischen Krone und die Besatzung für Gefangene, dann begann die Überführung derselben auf das Kriegsschiff, welches jetzt Bord an Bord mit dem Kauffahrer auf den Wellen lag.

Die Luken wurden ohne Umstände mit Beilhieben erbrochen, dann wandten sich die Räuber naserümpfend ab. »Talg und Buchweizen – fi donc!« Die Franzosen hätten etliche Näschereien, Schokoladen und Konfitüren lieber genommen.

Die Leute waren erbost, sie würden am liebsten mit der Faust über die Engländer hergefallen sein. Gestern ein blutiger Kampf, während der ganzen Nacht Arbeit und Unruhe – das hatte ihre Stimmung sehr verschlechtert.

Umsonst spähten die Engländer über das weite Meer hinaus, umsonst beteuerten die Passagiere, daß sie friedliche Privatleute seien und mit den Streitigkeiten der beiden feindlichen Mächte nichts zu tun hätten – sie alle wurden durch Kolbenstöße vorwärtsgetrieben und an Bord des Kriegsschiffes gebracht, während eine Anzahl Matrosen zur Führung der »Anna Elisabeth« auf diese überging und mit einigen Offizieren den Dienst sofort antrat. Der Wechsel vollzog sich sehr schnell; es schien, als fühlten sich die Franzosen noch durchaus nicht sicher.

Das Verdeck ihres Schiffes bot einen trostlosen Anblick. Blutlachen bedeckten den Boden, Splitter und Trümmer lagen überall, vierzehn Tote bildeten in den Umhüllungen alter Segel auf ihren Brettern den schauerlichen Hintergrund der Szene. Wimmern und Ächzen tönte aus dem Innern der Fregatte herauf. Über hundert Verwundete lagen auf Stroh, Segeltuch und Matten, zwei Ärzte mit einer starken Anzahl von Krankenwärtern bemühten sich um die Unglücklichen, deren jammervoll zerschossene Glieder vor Schmerzen zuckten.

Laute Verwünschungen empfingen die englischen Matrosen, Kranke und Gesunde spien ihnen ungestraft ins Gesicht; der Offizier, welchem sie vorgeführt wurden, sah es, ohne davon Notiz zu nehmen.

»Parlez-vous français?« schrie er in grober Weise dem Kapitän entgegen.

»No Sir – do you speak english?«

»Unteroffizier, bitten Sie Monsieur Lebonnier!«

Der Gerufene erschien, und es fand sich, daß er ein paar Brocken englisch zu radebrechen verstand, genug, um den Gefangenen ihr schreckliches Schicksal auseinanderzusetzen. Im selben Raume mit den ächzenden Verwundeten, auf den bloßen Planken des Schiffes, ohne Stühle, Stroh oder Betten erhielten sie ihre Plätze angewiesen, während zugleich die täglichen Rationen für sie bestimmt wurden, nämlich drei Lot Fleisch und anderthalb Pfund Brot, dazu für Mann und Tag eine Flasche Wasser. Von Tee oder Kaffee, von Butter oder Gemüse war keine Rede. Mikosch legte die Fingerspitzen auf Onnens Schulter. »Für mich mache ich mir gar nichts daraus«, flüsterte er, »ein Zigeuner kennt keine Bequemlichkeit, keine Ansprüche – aber wie wird es meinem armen Bären ergehen? Wenn ihn die Franzosen töten, so finde ich ein Mittel, das Schiff in den Grund zu bohren!« »Mikosch!«

»Ich halte Wort, Herr, verlasse dich darauf. Mein alter Ruff bleibt nicht ungerächt!«

»Noch lebt er«, tröstete Onnen. »Ich will einmal versuchen, ob sich nichts erfahren läßt – einige französische Worte spreche ich ja auch.«

Alexei sah mit seinen klugen Augen zu den beiden anderen hinüber. »Haltet euch nur vorläufig ganz ruhig«, flüsterte er. »Der Haß ist so groß, daß er jeden Augenblick zu Tätlichkeiten übergehen kann. Die Kerle beobachten uns und würden am liebsten mit ihren Fäusten über uns herfallen.« »Nur über die Engländer, denke ich!«

»Das ist es ja eben – der Unterschied wird zu spät gemacht werden.«

So saßen denn unsere drei Freunde im Winkel beisammen und hörten von der anderen Seite des großen Raumes das Klagen der Verwundeten, zuweilen ihre wilden Fieberphantasien, ihre Sterbeseufzer. Die Luft war von Miasmen erfüllt und drückend heiß, das wenige Wasser mehr als nur lauwarm. Um zwölf Uhr mittags kam das Essen, steinhartes Brot und dampfende Sehnen vom Salzfleisch – das Genießbare der verschiedenen Stücke hatten die Franzosen für sich behalten. Auch zur Mahlzeit gab es keinen Tisch; als einer der Matrosen mit erbitterter Miene auf den ihm als Mittagsmahl zuteil gewordenen Knochen hinwies und dabei Worte in den Bart brummte, die offenbar wenig schmeichelhaft klangen, da spie der französische Soldat als Antwort auf seinen Teller, eine Roheit, die von den übrigen Söhnen der großen Nation mit lautem Gelächter begrüßt wurde.

»Monsieur John Bull hat Hunger, der arme Kerl!« rief einer. Ohne ein Wort zu sprechen, erhob sich der Engländer vom Fußboden. Seine Augen blitzten, die breite Brust arbeitete gewaltsam, die Arme wirbelten wie Mühlenflügel durch die Luft, hie und da blutige Nasen oder blaue Flecke zurücklassend – nur mit äußerster Anstrengung rissen ihn seine Gefährten von dem viel kleineren Franzosen, dessen Gesichtsfarbe vor Wut in das Bläuliche hinüberspielte.

Der Engländer wurde gefesselt in das Schiffsgefängnis überführt, dann mußten sich die Gefangenen von Herrn Lebonnier eine lange Rede vorhalten lassen, eine Verwarnung, welche von den Kriegsartikeln handelte und entsetzliche Drohungen in sich schloß. Die Wachen am Eingange des Schlafraumes wurden verstärkt, niemand erhielt Zutritt zu den unglücklichen Engländern, denen nicht einmal möglich war, ihren Durst zu löschen oder einen Augenblick frische Luft zu schöpfen.

Mikosch verlangte den Kapitän zu sprechen – es wurde ihm abgeschlagen.

Von den Verwundeten starben an diesem Schreckenstage noch drei; wieder sank der Abend herab auf den schwimmenden Bau, das Fieber der Kranken wurde stärker, bis es in lautes Toben überging, die Verzweiflung der Gefangenen stieg von Stunde zu Stunde.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain