Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 33

Yazı tipi:

Um sie herum ein Flüstern und Ächzen, ein Weinen und Schreien in allen Tonarten. Das Röcheln des Todes schlug an ihr Ohr, das Jammern äußerster Verzweiflung; sie fühlten das Klopfen des Blutes in den Schläfen wie einen stechenden Schmerz, sie glaubten ersticken zu müssen in der vergifteten, unerträglichen Luft. Eins – zwei – drei – wie endlos war die Nacht voller Qualen! Da – horch! An Deck ein Laufen und Rufen, Kommandoworte, Gerassel von Waffen, von verschobenen Planken und Stückpforten, endlich der Befehl: »Klar Schiff!«

Mikosch hob den Kopf. »Klar Schiff? – Das bedeutet Kampf!« Wie elektrisiert horchten die übrigen. Allgemeine Unruhe beherrschte das Fahrzeug – dann plötzlich durchdrang der Donner einer ganzen Breitseite den vorherigen Lärm, wie etwa das Rollen der Brandung die leise Menschenstimme übertönt. Vom Bord des Franzosen wurde der eiserne Gruß erwidert; ein Toben, das nichts einzelnes mehr unterscheiden ließ, verbreitete sich über die ganze Umgebung. Onnen und Alexei sahen aus der schmalen Luke, gegen die die Wogen in jedem Augenblick hoch aufspritzten – sie erkannten zwei größere Schiffe, welche den Franzosen in ihre Mitte genommen hatten und von beiden Seiten bombardierten. Mitten in dem allgemeinen Lärm erhob sich plötzlich die Stimme des Bären; Ruff brüllte, höchstwahrscheinlich vor Furcht, er begriff nicht, was um ihn her vorging.

Ein Freudenschrei brach über die Lippen des Zigeuners. »Mein Tier lebt! – Hurra, nun mag geschehen, was da wolle!« Onnen und Alexei beobachteten aus verschiedenen Luken die Lage der Dinge. Zwei englische Fregatten bedrängten den Franzosen immer näher und näher und doch hielt sich dieser noch tapfer gegen beide Feinde – der Kapitän wollte Zeit gewinnen, um einen höllischen Plan auszuführen.

Das große kupferne Becken aus dem Mitteldeck wurde mit Kohlen gefüllt und die Kanonenkugeln darauf gelegt; eine Viertelstunde später sollten sie die englischen Schiffe in Brand setzen. Onnen sah zu den Gefangenen hinüber. »Wollen wir das dulden?« fragte er.

»Aber wie läßt es sich verhindern?« »Wenigstens den Versuch können wir doch machen.« Die Franzosen fielen oben an Deck wie Ähren unter dem Messer des Schnitters. Schon die vorige Nacht hatte schwere Opfer gefordert – jetzt ließen sich die entstandenen Lücken kaum noch ausfüllen. Das Blut sickerte von den Treppen, Tote und Sterbende versperrten den Weg, der Rauch verdichtete die Luft so sehr, daß niemand den anderen deutlich sah.

Die Engländer, dreiundzwanzig an der Zahl, drangen Schritt für Schritt gegen das Kohlenbecken vor; mit ihnen unsere Freunde. Sprechen oder einander hören konnte niemand; die Franzosen handhabten eifrig den Blasebalg, sie drehten die Kugeln und hielten alles bereit, um im gegebenen Augenblick das mörderische Geschoß abzusenden. Onnen sah jede Bewegung, er überwachte den ganzen Plan, und als die Kugeln glühten, da gab er den Leuten von der »Anna Elisabeth« ein Zeichen.

Sie waren sämtlich im Herzen entschlossen gleich ihm, sie hatten längst den kecken Gedanken begriffen und handelten in wortloser Übereinstimmung so, wie es der Augenblick erforderte. Sechs bis zehn aus ihren Reihen warfen sich auf die Franzosen, während andere die zahlreichen umherliegenden Waffen ergriffen und ihrerseits dem Feinde im Innern seines eigenen Schiffes den Krieg erklärten.

Onnen und Alexei packten mit den Zangen die erste glühende Kugel und schleuderten sie an Deck unter die Reihen der Franzosen, eine zweite folgte nach, die Kleider der umherliegenden Toten fingen Feuer, ein panisches Erschrecken faßte die Soldaten. Eins der beiden englischen Schiffe erhielt durch die augenblickliche Verwirrung an Bord des Franzosen die langerwartete Gelegenheit zum Entern. Wehrlos gemacht, unfähig, nach drei Seiten hin zu kämpfen, mußten es die Franzosen ruhig geschehen lassen, als Englands tapfere Söhne mit Beilen bewaffnet ihr Schiff betraten und sich für die Herren desselben erklärten. Ihre kräftigen Arme hieben die von den glühenden Kugeln getroffenen Stellen aus dem Holzwerk heraus, das Feuer wurde gelöscht und das Schießen eingestellt; auf der Stätte einer grenzenlosen Verwirrung, eines wilden entsetzlichen Durcheinanders lag bleierne Stille – die der Vernichtung, der Verzweiflung. Mikosch und mehrere andere waren dem Schalle nachgegangen, bis sie an das Gefängnis des Bären kamen, dann hatten sie die Tür erbrochen und den armen Kerl hervorgeholt. Ruff ließ die Zunge aus dem Maul hängen, er lechzte vor Durst und trank jetzt, als ihm Mikosch Wasser aus den Fässern brachte, gleich zwei Eimer voll. Die Engländer hatten sich ihren Landsleuten zugesellt, alle miteinander räumten unter den Franzosen, lebenden und toten, gründlich auf. Was noch atmete, das wurde in die Lazarette geschafft, alle entwaffnet und gefangengenommen, wobei die Söhne der großen Nation den Unterschied kennenlernen konnten, welcher zwischen ihren eigenen Gewohnheiten und denen der Engländer bestand. Sie hatten die friedliche Besatzung eines Kauffahrers mit unmenschlicher Härte behandelt, ihnen selbst entzogen dagegen die Briten kein solches Recht, das der Mensch dem Menschen in jeder Lage des Lebens schuldet; sie waren Gefangene, aber sie erhielten dasselbe, was auch die Engländer aßen, gute Hängematten und einen Schlafraum, der nicht mit verpesteter Luft erfüllt war und in dem es weder Verwundete noch Tote gab. Kapitän Rowland erstattete seinen Bericht, nach dessen Anhörung beide Schiffe die Jagd auf den geraubten Kauffahrer sogleich begannen, während die französische Fregatte als Kriegsbeute mit nach Helgoland genommen wurde.

Erst am dritten Tage kam die »Anna Elisabeth« in Sicht und verschwand dann noch zweimal; ehe die, Kriegsschiffe sie überholten. Ein Kanonenschuß ohne Ladung gebot den Franzosen, beizudrehen, sie gehorchten aber erst, als eine Kugel durch das Takelwerk flog und nun waren Schiff und Ladung gerettet. Aus den mörderischen Kämpfen der jüngsten Vergangenheit hatten nur gegen fünfzig französische Soldaten ganz unverletzt entrinnen können; sie standen mehr als tausend Engländern gegenüber, so daß ihr Schicksal von vornherein entschieden war. Die beiden Fregatten brachten abermals französische Beute nach Helgoland. Es war an einem milden, windstillen Sommerabend, als der Anker vor der einsamen nordischen Felseninsel in die Tiefe rasselte. Schiff an Schiff füllte die offene Reede, Boote fuhren dazwischen hin und her – unendlich öde und verlassen lag der steinige, unwirtliche Strand.

Ein Boot brachte die Passagiere der »Anna Elisabeth« an das Ufer. Alle diese Leute, zehn an der Zahl, wollten nach Hamburg; wie sie aber dahin gelangen sollten, das wußte vorläufig noch niemand. Die Franzosen bewachten die Mündungen der Elbe, Weser und Ems mit Argusaugen, kein noch so unbedeutendes Fahrzeug kam heraus oder hinein, ohne genau durchsucht zu werden, kein Mensch ohne Paß durfte die Grenze überschreiten. Mikosch hatte echte, vollwichtige Legitimationspapiere – er war überzeugt, auch ein Schiff zu finden.

Onnen und Alexei umwanderten die kleine Insel und sahen die niederen armen Fischerwohnungen, in denen selbst das Brot als Leckerbissen galt. Die genügsamen Leute aßen während der guten Jahreszeit frische und im Winter getrocknete Fische, zu denen höchstens einige Klöße aus grobem Mehl kamen. Nur einzelne Badegäste und wohlhabendere Einwohner konnten sich den Luxus besserer Mahlzeiten gestatten.

Als der Abend hereinbrach, hatte Mikosch seinen Streifzug durch verschiedene Schenken im Unterland beendet; er kam sehr zufrieden in die Herberge zurück und berichtete, daß die Fahrt nach Hamburg morgen vor sich gehen werde.

»Es ist eine Vierländer Bark hier«, sagte er. »Die Hamburger Elbinseln versorgen das ganze umliegende Gebiet mit jungem Gemüse, auch nach Helgoland kommen sie – da können wir also die Fahrt mitmachen.«

»Aber«, setzte er halb und halb seufzend hinzu, »in das Kriegsgetümmel kommen wir sofort wieder hinein – der russische General Tettenborn und der dänische Oberst von Hafner halten Hamburg noch besetzt, die Franzosen aber stehen in Harburg und können zu jeder Stunde in die unglückliche, außer dem Gesetz erklärte Stadt wieder einrücken.«

»Weshalb gehen wir dann nicht direkt nach Bremen und von dort nach Ostfriesland, Alter?«

Der Zigeuner schüttelte den Kopf. »Durch das feindliche Heer? – Und was könnte es dir nützen, Herr? Noch ist Norderney, sind Emden und Norden von den Franzosen besetzt; du dürftest dich in deiner Heimat nicht blicken lassen.« Onnen schwieg; er erkannte die Richtigkeit dieser Bemerkung, aber nicht ohne tiefes Bedauern. Da vor ihm die offene See und die vielen, vielen Schiffe – es schien so leicht, so einfach, hinauszusteuern und mit günstigem Winde in zwölf bis zwanzig Stunden vor Norderney anzulaufen! – Aber unübersteigliche Hindernisse lagen zwischen dem Plane und seiner Ausführung. Am andern Morgen ging die Bark unter Segel. Eine Anzahl Frauen mit kurzen, buntumsäumten vielfaltigen Röcken und korbartigen Strohhüten saß strickend neben Bergen von leeren Körben und Säcken auf dem Verdeck; Männer mit samtnen Kniehosen und langen, enganschließenden Strümpfen dampften ihre kurzen Fuhrmannspfeifen oder unterhielten sich mit leiser Stimme über die politischen Ereignisse der Gegenwart; jedes Gesicht trug den Ausdruck banger Sorge, die Züge waren blaß und vergrämt. »Hamburg wird bombardiert!« ging es von Mund zu Mund. »Mit glühenden Kugeln beschossen! Der Unmensch Davoust ist auf der Wilhelmsburg, er will die ganze Stadt in Brand stecken.« »Fremdes Volk in allen Gassen, zweifelhafte Freunde hier und offene Feinde dort – Hamburg ist heute schlimmer daran als jemals. Es hat nichts mehr zu geben, seine Bewohner verhungern, sein Handel ist untergraben, Millionen sind geraubt worden, um die unersättliche Gier der Franzosen zu befriedigen.« Ein halblautes Schluchzen ging durch das Schiff; die Frauen weinten still vor sich hin, die Männer standen mit geballten Fäusten. So trostlos wie hier waren im vorigen Jahre die Verhältnisse in Ostfriesland nicht gewesen; Onnens Herz schwoll hoch im Gefühl eines Hasses, der ihn ganz beherrschte. Wenn es ihm irgendwie möglich war, so wollte er als Freiwilliger eintreten, um die räuberischen Feinde von Deutschlands Boden vertreiben zu helfen. Einen Tag und eine Nacht schaukelte das Schiff auf den Wellen der Elbe; Cuxhaven kam in Sicht, Glückstadt, Stade, dann Blankenese und Altona; – endlich war der Jonashafen erreicht, und neue Hiobsposten stürmten auf die Ankommenden herein. »Die Veddel (eine Elbinsel, über welche heute die Pariser Bahn hinwegführt) ist verloren, das Bataillon Hanseaten, fünfhundert Mecklenburger und ebensoviele Freiwillige sind aufgerieben oder gefangen!«

»Auf der Wilhelmsburg (eine andere Elbinsel) ist das zweite Bataillon in einen Hinterhalt gelockt worden – unsere armen Jungen mußten in den Gräben und Gaten ertrinken.« »Ach, daß Gott erbarm!«

Die Frauen schluchzten laut, die Männer wurden in den Strom dieser bitteren, brennenden Tränen, dieser herzerschütternden Verzweiflung mit hineingezogen. »Unsere Jungen! Unsere Jungen! – Wir sollen sie niemals wiedersehen!«

»Das ganze zweite Bataillon ist vernichtet, das erste auf der Veddel zusammengehauen oder in Gefangenschaft geraten – Tausende von Müttern und Vätern haben ihre Söhne verloren; ganz Hamburg schreit zum Himmel um Hilfe in der Not.« »Und was das Schlimmste ist«, fügte eine Stimme hinzu, »die Kosaken verlassen uns, sie stehen schon marschfertig hinter dem Letzten Heller (Wirtshaus bei Wandsbeck)!« »Und die Dänen, welche bisher aus nachbarlicher Freundschaft unsere Wachen bezogen, haben für morgen Marschordre.« Mikosch winkte seinen beiden Genossen. »Kommt«, sagte er, »es macht ganz mutlos, die Leute so weinen zu sehen. Diese armen Weiber, während sie auf Helgoland um Wurzeln und Blattgemüse feilschten, hat man ihre Söhne meuchlings ertränkt! – Laßt uns eilen, ein Quartier zu bekommen; wir müssen vor allen Dingen erfahren, ob wirklich die Stadt bombardiert werden soll oder nicht.«

Onnen sah zum Michaelisturm hinauf. »Ist es nicht Sturm, was sie da läuten? – Ich glaube es.«

»Natürlich!« rief ihm ein Vorübergehender zu. »Jetzt ist es nicht die Zeit, um Bären tanzen zu lassen. Eisern fallen die Würfel! Geht zum Bauhof und nehmt das Gewehr in die Hand, Zigeuner, dann tut ihr das Rechte.«

»Wir sind schon unterwegs dahin, Freund!« Onnen legte die Fingerspitzen auf des Alten Schulter. »Mikosch, du hast mich wie ein Vater beschützt seit der Stunde, wo ich halb verhungert im russischen Walde lag und keine andere Hoffnung hatte, als die auf deine Barmherzigkeit – aber das, was ich heute von dir erbitte, ist mehr noch als Brot und Obdach. Laß mich frei, laß mich mit meinen Landsleuten kämpfen! Ich kann jetzt nicht tatlos zusehen.«

Mikosch lächelte. »Das sollst du auch nicht, Herr. Geh zunächst mit uns in das Quartier im Eichholz, lerne das Haus kennen, damit du es wiederfindest, und dann richte dich ein, wie es dir beliebt. Brauchst du Geld, so sprich nur!«

Onnen schlang ungestüm auf offener Straße seine beiden Arme um den Nacken des braunen Mannes. »Gar nichts!« antwortete er gerührt, von dem Sturmläuten aller Kirchen, von dem Treiben und Drängen auf den Straßen leidenschaftlich erregt, »gar nichts, Alter. Du darfst nur nicht verlangen, daß ich mir‘s bei dir wohl sein lasse, indes mein Volk weint und sich auf den Wällen schlägt—aber ich will immer zu dir zurückkehren; wo du bist, da soll meine Heimat sein. Ist‘s so recht?«

»Na, komm nur erst und laß uns ein Quartier suchen! Ich werde dir wahrlich kein Hindernis in den Weg legen!«

Auf allen Straßen drängte und wogte das Volk. Wie damals in Smolensk und Moskau zogen ganze Karawanen zu den Toren, um dem hereinbrechenden Verhängnis womöglich noch zu entrinnen, aber nur Frauen und Kinder verließen die Stadt, alle Männer, selbst alle größeren Knaben blieben zurück, um auf den Wällen gegen die Franzosen zu kämpfen. Es war eine wahnwitzige Hoffnung, welche die unglücklichen, zur Verzweiflung getriebenen Menschen erfüllte; aber sie kennzeichnete das erwachte patriotische Gefühl und war in ihrer echten Begeisterung so ansteckend, daß sie alles, was in Hamburg lebte, gewaltsam mit sich fortriß.

Gerüchte der verschiedensten Art wurden laut. Bald hieß es, daß der Herzog von Braunschweig mit zwanzigtausend Mann eintreffen werde, bald wieder, daß von Schwerin und Wismar eine Abteilung Schweden nahe oder daß General Tettenborn nach Hamburg zurückkehren wollte; aber von alledem geschah nichts, der Tag verging ohne ein bemerkenswertes Ereignis, alle verfügbaren Truppen standen auf dem Bauhof und von Minute zu Minute wurde das Bombardement erwartet.

Die Nacht war milde und ruhig, rings um Hamburg her standen die Bäume im schönsten Frühlingsgrün; leise bald und dann wieder schmetternd sang die Nachtigall in den Gebüschen. In den ruhigen Wellen der Elbe spiegelte sich der Sternenhimmel mit seiner ganzen königlichen Pracht – wer die Augen schloß, der hätte vom Garten Eden träumen können, von dem Schöpfungsfrieden der ersten Tage, ehe noch die Sünde in die Welt kam und mit ihr der Tod und das ganze Heer jener Feinde, die seitdem den Menschen umlagern und mit denen er kämpfen muß bis an sein Grab.

Stille, tiefe Stille. Eine Kirchenuhr schlug eins, hie und da widerhallte gleich einem Echo der Ton, dann folgte hell und klar ein Choral, gespielt von den gestimmten Glocken der Petrikirche; wer die frommen Klänge hörte, der faltete unwillkürlich seine Hände. »Beschütze Hamburg, Vater im Himmel, wehre dem Tyrannen, der es bedroht!«

Eine dichtgedrängte Menge von entschlossenen Männern füllte die Wälle. Wenn in dieser Nacht eine Landung versucht worden wäre – die Franzosen hätten mit gereizten Tigern statt mit Menschen kämpfen müssen.

Einmal hatte die Stadt unter ihren räuberischen Fängen geblutet, einmal das Unerhörte erduldet; kein Herz konnte den Gedanken an eine Wiederkehr solchen Elendes ruhig ertragen, keines das schreckliche Schicksal für möglich halten.

Sie warteten alle. Sie wollten über den verhaßten Feind herfallen wie jener Russe, der dem polnischen Offizier die Kehle durchbiß – sie waren zum äußersten, zu jeder Verzweiflungstat entschlossen.

Es schlug halb zwei von allen Türmen; schon gab es Stimmen, die von leeren Gerüchten sprachen. Wenn die Franzosen angreifen wollten, weshalb sollten sie dann noch zögern, die Zeit unnütz verstreichen lassen?

»Vielleicht kämpfen sie schon jetzt mit den Braunschweigern!«

»Das ist möglich! Ja, ja, so wird es sein!«

Und dann zerriß der Schleier. Von dem nahen Wilhelmsburg herüber klang ein Kanonenschuß – die erste glühende Kugel fiel in Hamburgs Straßen.

Ein Schrei aus Tausenden von Kehlen begleitete den Flug des verderbenbringenden Geschosses, das am Bauhof auf das Pflaster fiel und dort, ohne zünden zu können, zerplatzte. Jetzt war das Bombardement eröffnet.

Die zweite Kugel folgte schon nach einer Minute der ersten; auch sie schadete nicht eigentlich, aber Schreck und Angst stiegen immer mehr. Das Dach des Bauhofsgebäudes war gestreift worden – die Menge wich bestürzt zurück.

»Es liegt Pulver darin!«

»Sechsunddreißig Fässer mit Patronen!«

»Allmächtiger Gott, wenn eine Explosion käme!«

Der Platz um das alte Gebäude wurde im Augenblick leer, nur die Wachtposten blieben und mit ihnen ein kleines Häuflein entschlossener Männer. Unter den letzteren befand sich natürlich unser Freund.

Der wachthabende Offizier schickte eine Ordonnanz zum Obersten von Heß, und schon nach zehn Minuten erschien dieser vor dem bedrohten Hause. Alles Bürgermilitär wurde zum Domplatz kommandiert; der Bauhof sollte preisgegeben werden.

Oberst Heß musterte jene Gruppe von Männern, die schweigend in seiner Umgebung blieb. »Hamburger!« rief er, »es liegen sechsunddreißig Fässer mit Patronen hinter jener Tür! Habt ihr eure Vaterstadt lieb genug, um sie herauszuholen? Ich möchte nicht gern Soldaten dazu befehligen!«

» Hurra für Hamburg!« war die einstimmige, begeisterte Antwort. »Den Schlüssel her – wir warten nur darauf, Hand anzulegen!« Die Türen wurden geöffnet, und während des ununterbrochenen Kugelregens arbeiteten etwa zwanzig Männer unter vollständiger Nichtachtung der Gefahr mit allen ihren Kräften an dem Transport der Patronen, deren eine, wenn von einem Funken getroffen, imstande gewesen wäre, ganze Straßen, Tausende von Menschen dem sichern Untergange zu weihen. Die Fässer wurden vorsichtig gerollt und hüben und drüben in Eimern ganze Ströme von Wasser bereitgehalten, um im Notfall eine etwa anlangende glühende Kugel sogleich übergießen und löschen zu können.

Aber eine nach der anderen fiel und Gott beschützte Hamburg; von allen Brandgeschossen, welche Davoust in die Stadt werfen ließ, hat keine ein Menschenleben vernichtet, keine einen erheblichen Schaden bewirkt.

An der nächsten Straßenecke hielten Wagen und brachten die gefährliche Ladung in ein entferntes Gewölbe der Neustadt; es wurde sowohl das Pulver als auch die Patronen von den mutigen Männern hinausbefördert, ohne daß sie in der Erfüllung dieser schweren Pflicht einen Augenblick gezögert hätten.

Zu dem Obersten von Heß gesellten sich zwei Herren, der eine in Zivilkleidung, unter welcher man jedoch den ehemaligen Offizier sofort erkannte, der andere in königlich dänischer Stabsuniform, Hamburgs Retter, der Oberst von Hafner und dessen intimster persönlicher Freund, Baron Andreas von Liliencron, dänischer Oberst außer Dienst. Beide beobachteten die Räumung des Bauhofes und letzterer legte sogar gelegentlich selbst Hand ans Werk. »Du weißt es, Hafner«, sagte er lächelnd, »die gefährlichen Unternehmungen sind meine besondere Leidenschaft!«

»Die deinige wohl auch, Zigeuner«, wandte er sich dann zu Onnen. »Weshalb wärest du sonst hier, Bursche?«

Unser Freund hob den Kopf. Sein hübsches, in diesem Augenblick mit Schweiß bedecktes Gesicht war dunkelrot, seine Augen blitzten.

»Ich bin kein Zigeuner, Herr Offizier, ich bin ein deutscher Mann wie Sie!«

»Fehlgeschossen!« lächelte der andere. »Ich bin ein Däne!«

Dabei rollte er die Fässer mit über das Pflaster und ließ dann für alle, die ihre Kräfte der Vaterstadt so opferfreudig widmeten, reichliche Erfrischungen bringen. »Du gefällst mir, Junge«, sagte er, Onnens lockigen Kopf streichelnd, »wie heißt du ? Und wenn du wirklich ein Deutscher bist, wie kommst du in diese Vermummung?«

Onnen erzählte bescheiden und alle drei Herren horchten mit lebhaftem Interesse. »Also du warst in Moskau und Smolensk«, rief der Baron, »du hast ganz Rußland kennengelernt? Bei deiner Jugend ein großer Gewinn für die Zukunft. Wenn es dir Spaß macht, so besuche mich in den nächsten Tagen und bringe auch den Bären mit, hörst du? – Ich wohne am Schweinemarkt, in dem Hause unter den Bäumen.«

Onnen dankte höflich, ohne jedoch das dargebotene Geldgeschenk des Barons anzunehmen. Es war jetzt vier Uhr morgens, das Bombardement hatte aufgehört und der Bauhof seinen Inhalt herausgegeben; auch das Schießen von den Wällen begann zu ermatten – hüben und drüben bedurfte man gleich sehr der Ruhe.

Mehrere Hamburger begleiteten unsern Freund zur Herberge im Eichholz, wo Mikosch wachend saß, unfähig, die Augen zu schließen, bevor sein Schützling in den sicheren vier Wänden wieder angelangt war. Er streckte ihm beide Hände entgegen, seine Stimme klang unsicher vor tiefer Bewegung. »Nun, da bist du ja, Herr«, sagte er, »ich habe mich deinetwegen sehr geängstigt.«

Onnen sah gerührt in das braune Gesicht des Alten. »Nenne mich nie wieder Herr, Mikosch, hörst du? Ich bin dir von Herzen dankbar für alle deine Treue, ich habe dich lieb, ›König Mikosch!‹«

Und dann erzählte er ihm von den Ereignissen am Bauhof, von der Einladung des Barons und alledem, was er gesehen hatte. Der Zigeuner spitzte die Ohren. »Da gibt es eine gute Belohnung, du – ich will den Bären putzen und ihn gehörig füttern, damit er recht willig wird.«

Onnen lächelte. »Ich glaube, daß für Geld und gute Worte gegenwärtig kaum noch etwas zu erlangen ist«, versetzte er. »Die Preise sind ganz unerhört.«

Mikosch seufzte. »Weiß schon, Kind, weiß schon – eben darum müssen wir ja Trinkgelder erlangen. Ein Pfund Butter kostet zwei preußische Taler, ein Pfund Mehl neun Groschen und ein Spint Roggen sogar drittehalb Taler. Denke dir, eine kleine Steckrübe sechs Groschen! – Und Ruff verzehrt gegen vierzig auf einmal!« Onnen lachte. »Da mußt du die Aussicht auf eine Schenke noch ein wenig in die Ferne rücken, Alter.«

Der Kopf des Zigeuners wiegte immer langsam von einer Seite zur anderen; er hob wie verstohlen die Hand mit dem Tuche und trocknete große Tropfen von seiner Stirn. »Du«, sagte er, »ich habe eine böse Nachricht erhalten – das Königreich Dänemark macht Bankrott!«

»Und du besitzt dänische Kassenscheine, Alter?«

Der Häuptling nickte nur, seine Hand zitterte. »Das ist ein schwerer Schlag«, murmelte er endlich.

»Aber er betrifft doch nur das Geld«, tröstete Onnen. »Mir hat man den Vater gemordet, die alte Mutter hilflos hinausgestoßen und Hab und Gut geraubt! – Du kannst den verlorenen Schatz wiedergewinnen, Mikosch!«

Der Zigeuner richtete sich straffer auf, seine Brust atmete tiefer. »Ja, ja«, rief er, »denke nur nicht, daß ich ein Geizhals sei, mein Junge. Laß fahren dahin! – Aber so ein bißchen weh tut‘s doch, das zu verlieren, was man Pfennig um Pfennig unter jahrelanger Mühe zusammengetragen hat. Ich muß es eben zu vergessen suchen – du hättest mir ja in dieser Nacht tot ins Haus gebracht werden können, und das wäre schlimmer gewesen.«

»Noch schlimmer? Mikosch, hast du mich lieber als dein Geld?«

»Ja, Herr, tausendmal ja! Ich habe dich von Herzen lieb!«

Und Onnen antwortete nichts, er küßte den Alten, er fühlte tief, daß kein käuflicher Besitz der Erde ihr höchstes Gut, die Liebe eines treuen Herzens, ersetzen kann.

Der Rest der Nacht verstrich ohne Störung, ebenso der folgende Tag. Ruff wurde herausgeputzt, Mikosch schenkte, was bei ihm nicht alle Tage vorkam, seiner Frisur und seinem Gesicht eine gründliche Säuberung, dann gingen alle drei zum Schweinemarkt, wo in dem Hause vor dem Ausgang der Spitalerstraße schon neugierige Kindergesichter hinter den Fenstern die Ankunft des Bären erwarteten. Ruff wurde mit Jubel begrüßt, er erhielt hier sogar noch Äpfel und Zucker, und selbst der lebenslustige Baron lachte herzlich, als das Kartenspiel zwischen dem Zigeuner und dem gelehrigen Vierfüßler begann. Onnen mußte erzählen, die Baronin bewirtete alle ihre Gäste auf das reichlichste und später lud ihr Gemahl sogar den jungen Norderneyer ein, häufiger ins Haus zu kommen.

»In vierzehn Tagen ziehen wir nach Altona«, sagte er, »dort stehen uns ein großes Haus und ein Garten am Quäkerberg zur Verfügung; Ruff kann jederzeit junges Gemüse fressen und auch dir selbst denke ich einen Herzenswunsch zu erfüllen. Einer meiner Freunde in Emden, ein französischer Offizier, besorgt dir ein Briefchen an deine Mutter und ebenso die Antwort zurück.«

Onnen sprang auf, dunkelrot vor Freude. »Herr Baron«, stammelte er, »ich bin der Sohn eines einfachen Fischers – wie komme ich zu der Ehre —«

Der Baron lachte. »Daß dir ein Aristokrat gern einen rechten Gefallen erweisen möchte, mein hübscher Junge? Hat dich der ›Baron‹ so sehr erschreckt? Dann laß dir sagen, daß ich auch noch königlich dänischer Erb-Erz-Bannerherr bin, daß ich das Recht besitze, allemal wenn ein König gekrönt wird, die Reichsfahne zu tragen! – Komm her, Junge, gib mir die Hand; ein Herz, das warm für seine Mitgeschöpfe schlägt, ist mehr wert als alle Titel und Würden!«

Onnen schlug zögernd ein und der Baron streichelte lächelnd sein erglühendes Gesicht. »Da siehst du meine liebe Frau«, sagte er, »sie war als Mädchen eine Leibeigene, wie du sie in Rußland kennengelernt hast. Ich schätze nur den Menschen, nie aber die äußeren Verhältnisse – dich habe ich ganz ins Herz geschlossen, weil du mutig bist, und das ist die hervorragendste Eigenschaft eines Mannes.«

»Papa!« rief in diesem Augenblick der vierzehnjährige älteste Sohn des Hauses. »Papa, siehst du, ich bin auch mutig! Der Bär drückt mir die Hand!«

Alles lachte, als Ruff umherging und jedem mit seiner gewaltigen Tatze zum Abschied die Hand schüttelte. Mikosch erhielt ein glänzendes Trinkgeld, er war von dieser neuen Bekanntschaft sehr eingenommen und meinte, daß Onnen ein wahres Glückskind sei. »Schreib nur gleich an deine Mutter«, riet er, »aber sei schlau, nenne keinen Namen und keine Adresse, denn der Brief könnte doch immerhin aufgefangen werden.«

Das hatte unser Freund auch schon gedacht, er hütete sich, irgendeine Spur zu verraten, schrieb aber stundenlang der alten Frau über seine sämtlichen Erlebnisse und fragte nach allen denen, welche in der Heimat zu den näheren oder ferneren Erinnerungen seiner Jugend gehörten; dann brachte er den Brief in das Haus des Barons.

Der sonst so lebensfrohe Herr war diesmal ernst. »Das Bombardement beginnt wieder«, sagte er, »die Stadt schwebt in höchster Gefahr. Geh nicht hinaus, mein Junge, du kannst, da alle Vorräte an Munition sicher geborgen sind, draußen nichts nützen.«

»Aber wenn irgendwo ein Feuer entstände?« wagte Onnen einzuwenden.

Der Baron zuckte die Achseln. »Brennt nur ein einzelnes Haus, so wird man es wohl löschen, aber ich fürchte, daß die ganze Stadt in Flammen aufgeht. Der Senat hofft immer noch auf den Beistand fremder Mächte – stattdessen sollte er die Stadt beizeiten übergeben.«

Onnen empfahl sich, nachdem ihm der Baron die Besorgung seines Briefes fest versprochen hatte, und dann ging er durch die Stadt, um diese zu besehen. Oberst Hafner hatte den Befehl, Hamburg zu verlassen und sich nach Altona zurückzuziehen, natürlich befolgen müssen, die Dänen waren also fort und mit ihnen mehrere Kanonenboote, welche bisher den Hafen bewacht hatten. Der ganze Hamburger Berg, die heutige Vorstadt St. Pauli, befand sich im Zustande äußerster Aufregung; die Brücke vor dem nach Altona führenden Millerntor wurde unter ihren hölzernen Bogen mit Teertonnen belastet und von oben mit geteertem Stroh umwickelt, so daß der Zugang der Stadt in jedem Augenblick durch Flammen und durch die gänzliche Vernichtung der Brücke unmöglich gemacht werden konnte. Auf diese Weise war der Hamburger Berg schutzlos preisgegeben, denn auch die Zugbrücke am Dammtor hatte man der Zerstörung geweiht; eine Anzahl von Pionieren stand bereit, sie in jeder Minute zu durchhauen.

Bange Unruhe herrschte in der ganzen Stadt, in jedem Herzen. Bald hieß es, daß Mecklenburger, bald, daß Schweden einrücken würden; niemand wagte zu hoffen, und doch konnte auch niemand den Gedanken an eine abermalige Franzosenherrschaft ohne Grauen, ohne die Absicht des äußersten, leidenschaftlichsten Widerstandes ertragen. Am Hafen standen Hunderte von Männern und beobachteten die Einschiffung einer Kompanie Hanseaten, die auf dem sogenannten Admiralitätsschiff, dem einzigen, das die Stadt besaß, nach Abzug der Dänen Wache halten sollten.

Diese Leute waren keine Seesoldaten, kannten nichts von dem Dienst auf einem Schiffe und hatten ohnehin keine Führer; es sah traurig genug aus, als sie ungeschickt an Bord kletterten und daselbst bei jedem militärischen Manöver anstießen oder den Halt verloren.

Der Abend sank herab, heller Mondschein beleuchtete den Hafen und die näherliegenden Inseln; das umbuschte Grasland vor St. Pauli dagegen, die zahllosen kleinen Kanäle zwischen den Weiden blieben im Halbdunkel. Steinwärder, die Wilhelmsburg und mehrere unbebaute Eilande sind sämtlich durch schmale Elbarme miteinander verbunden; von ihnen bis zum Festlande beträgt die Entfernung etwa eines Büchsenschusses Weite – an diesem Abend lagen sie im Zwielicht der ziehenden, bald den Mond verhüllenden, bald wieder zurücktretenden Wolken.

Es war vielleicht elf Uhr, als von der Wilhelmsburg die erste Flamme aufblitzte – das Bombardement mit glühenden Kugeln hatte abermals begonnen.

Ein Weheschrei tönte zum Himmel, aller Blicke kehrten sich gegen die bedrohte Stadt. Zwei, drei Geschosse auf einmal – wie lange würde Gott Gnade schenken und alle diese Kugeln harmlos gleich Regentropfen auf dem Pflaster zerschellen lassen?

Wieder heulten die Sturmglocken, wieder rasselten die Spritzen aus ihren Schuppen hervor, erklangen Rufe und Trommelsignale; ein betäubender Lärm, gemischt aus Wutausbrüchen und Angstgeschrei, erfüllte rings die Luft.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain