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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 34
Immer mehr Kugeln, immer mehr. Niemand ahnte bis jetzt, zu welch einem verwegenen Handstreich diese Nacht benutzt werden sollte.
Aller Aufmerksamkeit war den zerstörenden Geschossen zugewendet; kein Mensch bemerkte, daß sich‘s auf der Elbe, zwischen den Inseln zu regen begann, daß etwa sechzehn Boote und ein großes Schwimmfloß, bedeckt mit dunklen Gestalten, zum Vorschein kamen.
Auch die Leute auf dem Admiralitätsschiff sahen sämtlich zur Stadt hinüber. Dort standen ihre Häuser, lebten ihre Lieben; sie beobachteten angstvoll die Richtung jeder Kugel, sie berechneten, ob dieselbe da eingeschlagen haben könne, wo eben die Stätte lag, für welche ihre Herzen bebten.
Am Ausguck kein Posten, am Steuer kein Posten, die Kanonen verrostet, die Takelage in Unordnung, die Anker tief im Hafenschlamm begraben, so lag das Schiff, und seine Besatzung sah hinüber zum Lande, ohne den Inseln einen einzigen Blick, ja auch nur einen Gedanken zu schenken.
Auf einem so bedeutenden Strome wie die Elbe kommen und gehen in den Häfen überhaupt zu jeder Stunde so viel Boote, daß niemand sie mehr beachtet. Hie und da zerstreut, scheinbar unabsichtlich näherten sich jene siebzehn Fahrzeuge dem Admiralitätsschiff.
Der Widerschein der Kugeln beleuchtete den Himmel und die hohen Giebelhäuser der alten Kaufmannsstadt – noch hatte keine Brandrakete eingeschlagen.
»Gott verläßt Hamburg nicht! Wir werden doch gerettet!«
Und dann erscholl vom Bord des Schiffes ein Schreckensschrei: »Die Franzosen! Die Franzosen!«
Eine allgemeine Unruhe bemächtigte sich der am Lande Stehenden. »Wo sind sie? Wo?«
Wie die Katzen, an Strickleitern und Entertauen hängend, erkletterten die flinken Söhne des Südens, nachdem sie sich leise herangeschlichen hatten, das Verdeck. Binnen wenigen Minuten entbrannte ein Kampf, der ganz nach indianischem Muster geführt wurde. Die Franzosen hatten keine Schießwaffen mitgebracht, den Hanseaten waren die ihrigen gleich beim ersten Anprall entrissen worden – Mann an Mann, Brust an Brust wurde der Kampf ausgestritten, bei dem die glühenden Gefühle des gegenseitigen Hasses fast allein als Gesetz und Kommando galten.
Auf je einen Hanseaten kamen zehn oder sechzehn Franzosen; die Übermacht behielt wie immer den Sieg, das Verdeck triefte von Blut, hie und da fielen zwei eng aneinandergeklammerte Soldaten in das Wasser, ein furchtbarer Tumult tönte zum Lande hinüber.
Die Franzosen hatten endlich mit vereinten Kräften die Anker aus dem Schlamm hervorgezogen, das Schiff war flott und begann zu treiben; es schien, als erwecke dieser Umstand die entsetzten Zuschauer aus ihrer Erstarrung.
»Sollen wir uns das Admiralsschiff stehlen lassen?« rief eine Stimme.
»Auf sie! Auf sie! Wir haben ja Boote genug!«
»Die Soldaten am Millerntor müssen uns ihre Waffen geben!«
Ein Teil der Männer lief den ziemlich weiten Weg vom Strande bis zum Tor hinauf, ein anderer riß die vielen Jollen von ihren Pflöcken los. Das Wasser bedeckte sich mit Fahrzeugen, das Deck des Schiffes mit bunt zusammengewürfelten Gestalten; hie und da blitzte ein Messer, ein Schuß durchdrang die Stille der Nacht – immer mehr und mehr befreiten sich die Hamburger von der Gewalt der Räuber, immer häufiger stürzte Mann nach Mann in die Elbe.
Onnen und noch ein anderer kämpften mit drei Franzosen um den Besitz des Steuerrades. Die Angreifer wollten das Schiff hinausbringen in den Strom und es dann an geeigneter Stelle auffangen, die Verteidiger dagegen ihre Feinde gefangennehmen und das Fahrzeug ans Ufer treiben.
Niemand von den Umstehenden sah mehr nach Hamburg hinüber; wer kein Boot fand, der schwamm hinaus, um wenigstens im Wasser noch zwischen seinen bloßen Fäusten einen der verhaßten Gegner zu erdrosseln oder die in den Jollen Wache Haltenden totzuschlagen. Da galt keine Kriegsregel, kein Kommando, da gab es keinen Pardon; der Bestohlene hielt den Dieb gepackt und erwürgte ihn, das war alles.
Onnen lag am Boden, über ihm schwang ein Franzose das Messer und war im Begriff, es dem wehrlosen Gegner in die Brust zu stoßen, als plötzlich derbe Fäuste ihn packten und rückwärts auf die Planken warfen. Alexei hatte den Freund überall gesucht, war dem Strome der erregten Menge gefolgt und kam gerade früh genug, um einen Todesstreich abzuwehren. Er lachte, seine weißen Zähne glänzten. »Das Schiff ist gerettet, Herr!« rief er lustig. »Steh auf!«
Von allen Seiten kletterten die Hamburger an Bord, Schüsse knallten, in wilder Hast suchten die Franzosen zu entfliehen – langsam treibend, dem Zuge der Wellen folgend, glitt das Schiff auf den Strand.
Blut sickerte von allen Planken, Blut glänzte im Widerschein des roten Lichtes, das die Brandraketen warfen. Soviel schwere, schreckliche Nächte Hamburg während der Franzosenherrschaft durchlitten – die auf den 22. Mai des Jahres 1813 war der grauenvollsten, schrecklichsten eine.
Elf Franzosen gerieten in Gefangenschaft, einige wenige konnten schwimmend die Elbinseln erreichen – weitaus die meisten ertranken. Aber mit ihnen auch viele Hanseaten, viele junge, blühende Leute, deren Angehörige während dieser Schreckensstunden, ihre beste Habe in der Hand, Wache hielten, von Augenblick zu Augenblick erwartend, daß die nächste Kugel einschlagen und Tod und Vernichtung unter das friedliche Dach tragen werde.
Auch diesmal geschah kein Unglück. Als Onnen und Alexei in die Herberge kamen, hatte das Schießen aufgehört und für den Augenblick löste sich die bange, furchtbare Spannung der Nerven.
Wieder ein Tag, an dem die Waffen ruhten. Draußen auf dem Hamburger Berge fischte man die Leichen der Gefallenen und Ertrunkenen am Strande und mit Booten aus dem Wasser. Die Kompanie Hanseaten, welche höchstens eine Stunde lang das Admiralsschiff zu bewachen gehabt hatte, war bei dieser Gelegenheit bis auf zwölf Mann zusammengeschmolzen, alle übrigen lagen tot auf dem Grunde des Stromes oder wurden in langen Zügen durch die Stadt zu den verzweifelnden Ihrigen getragen. Wer sein Kind, seinen Bruder vermißte, der suchte händeringend, der fragte und horchte, der sah mit Todesangst unter die verhüllenden Tücher der Bahren, um sich dann seufzend, im Augenblick erleichtert, abzuwenden oder mit lautem Verzweiflungsschrei auf einen geliebten Toten zu stürzen.
Vor dem Dammtor bewegten sich auf den Kirchhöfen fortwährend schwarze Gestalten, Stunde um Stunde erhielt das Grab seine Opfer; bitterer und immer bitterer wurde in der ganzen Stadt die Stimmung. Es gab Leute, welche bei den fortwährenden Beerdigungs- und Totenzügen in Krämpfe fielen, es gab solche, die den nahen Untergang der Welt prophezeiten, und wieder andere, von deren bleichen Lippen verworrene Worte fielen, arme Seelen, deren Kräfte den gehäuften Schrecknissen nicht gewachsen waren. Zwischen allen diesen standen ganze Scharen, die an allen Straßenecken ihre Hände ausstreckten und laut nach Brot schrien. Der Hunger, der nagende furchtbare Hunger hatte seinen Einzug gehalten.
Von den Bäumen verschwanden die jungen Blätter, vom Boden das Gras – man hatte es gekocht und zu essen versucht.
Tote Pferde, Katzen und Hunde gaben willkommenen Braten. Hie und da in den Straßen oder auf den Wällen lag eine gekrümmte stille Gestalt, das Gesicht abgezehrt bis zum Skelett, die Hände wie Krallen. Scheuen Blickes flohen die Vorübergehenden. – »Der ist verhungert, dahin! An wen kommt jetzt die Reihe?«
»Brot! Brot!« Wie wahnsinnig riefen es die Armen; haufenweise durchzogen sie die Straßen und begannen sich zusammenzurotten vor den Häusern der Bäcker und Krämer. »Brot! – unsre Kinder verhungern!«
In der Nacht flogen dann die Kugeln. Man schlief jetzt trotz dieses Umstandes vor Ermattung, vor gänzlicher Kraftlosigkeit; man lag unter dem Dache, das im nächsten Augenblick durchschlagen werden konnte, in einer Art von bleiernem Stumpfsinn.
Allmählich immer mehr und beängstigender füllten sich die Krankenhäuser, trug man aus den engbevölkerten Gängen und Höfen die Leichen Gestorbener hervor. Der Typhus war ausgebrochen; zu allen schon vorhandenen Schrecken gesellten sich die einer verheerenden Epidemie.
Die allgemeine Unzufriedenheit, die Unruhe und Aufregung wuchsen von Stunde zu Stunde. Die größere Hälfte der Senatsmitglieder hatte Hamburg verlassen, die Wachen wurden nicht mehr bezogen, die Bürgerwehr unter dem Obersten von Heß war aufgelöst. Langsam hob ein grinsendes Gespenst aus den Nebeln der Zukunft sein Medusenantlitz – die Anarchie, das Aufhören aller Ordnung.
Die einen tobten und verlangten Brot, ohne zu begreifen, daß es keine Vorräte mehr gab; die anderen legten todesmatt ihre Hände in den Schoß – die wenigen besser Gestellten flohen nach Altona.
Und nachts flogen die Brandraketen, hie und da treffend, entweder in ein Haus oder in die Elbe oder in ein Schiff. Es brannte zuweilen, aber ohne großen Schaden anzurichten – man kümmerte sich um nichts mehr.
Nur die Unruhe unter den Hungernden wurde größer. Man plünderte die Bäckerläden, man drohte und murrte laut.
Dann schienen die Franzosen die Geduld zu verlieren. In der Nacht zum 29. Mai verzehnfachten sie ihre Anstrengungen; anstatt mit einzelnen Kugeln die Bürger mehr zu erschrecken als zu schädigen, eröffneten sie ein vollständiges Bombardement.
Es zischte und glühte, es zerschlug die Dächer und Gesimse, taghell war die Nacht erleuchtet, Hunderte von Kugeln überschütteten die Stadt und die Elbe.
Oberst von Heß verließ Hamburg; der Senat, soweit er noch gegenwärtig war, beriet und beriet, ohne zu einem Entschlüsse gelangen zu können, und auf den Straßen gärte ein Tumult, der in jedem Augenblick zum offenen Losbrechen aller wilden, zügellosen Elemente führen konnte.
Am Johannesbollwerk standen Oberst Hafner und Baron Liliencron nebeneinander. »Etwas muß geschehen«, erklärte letzterer, »oder Hamburg ist verloren.«
Der Oberst nickte. »Ich glaube es auch. Der Senat ist zu keiner Übergabe zu bewegen und doch kann er die Stadt nicht halten.«
»Hast du Näheres gehört?« fragte der Baron.
»Ich war ja heute morgen bei der Sitzung zugegen. Man fürchtet, daß die Franzosen der Stadt eine Kontribution auferlegen werden, an der sie zugrunde gehen muß.«
»Und will sie daher lieber gleich mit Stumpf und Stiel zu Asche verbrennen! – Ich möchte dir einen Vorschlag machen, Hafner!«
Eine Handbewegung antwortete ihm. »Bitte!«
»Wir beide müssen hinüber zum General Vandamme und ihm die Dinge vorstellen. Wenn er friedlich einzieht und keinerlei Strafen verhängt, so sollen ihm Hamburgs Tore offen stehen – du nimmst dem Senate gegenüber für diesen Vorschlag die Verantwortung auf dich, nicht wahr?«
Der Oberst nickte. »Das wohl, aber —«
»Laß mich ausreden. Du willst sagen, daß dir der General völlig fremd sei – gut; ich dagegen kenne ihn persönlich von Paris her.«
Der Oberst sah auf die Elbe hinaus. »Eine böse Fahrt«, sagte er, »aber du hast recht, Andreas. So allein läßt sich‘s machen. Freilich, wenn wir irgendeinen Menschen finden, der uns in solcher Nacht hinüberrudert.«
»Dafür laß mich sorgen. Die Sache soll ganz und gar Geheimnis bleiben – ich ziehe nur den jungen Norderneyer ins Vertrauen; er und ich rudern.« Die beiden Herren begaben sich in ein nahegelegenes Wirtshaus, und Onnen wurde durch einen Burschen herbeigeholt. Hinter ihm erschien Mikosch; der Alte wollte wissen, was man mit seinem Schützling beabsichtige.
»Nehmt mich mit, ihr Herren«, bat er eindringlich, »zur Not kann ich auch rudern! Die Kugeln fliegen wie Schneeflocken – ich hab einen Abscheu vor dem Wasser.«
Der Baron lachte ihn aus. »Leg dich aufs Ohr, Alter, träume von güldenen Dukaten und überlasse andern Leuten die Wasserpartien. Dein Junge schwimmt natürlich wie ein Fisch, er nimmt die Breite der Elbe zweimal, wenn es sein muß.«
»Gewiß!« rief Onnen. »Gewiß! Ich rudere die Herren hinüber.« Der Baron drückte in die Hand des alten Häuptlings ein Geldstück. »Halt den Schnabel, Zigeuner. Der Junge soll ja doch ein Mann werden, kein altes Weib. So, nun vorwärts in die Jolle!«
Das nächste beste Fahrzeug wurde vom Pflock gelöst und Onnen fand nur noch gerade Zeit genug, um dem ängstlich dastehenden Mikosch zum Abschied die Hand zu drücken. »In zwei Stunden bin ich ja, will‘s Gott, wieder hier, Mikosch. Geh du ruhig zu Bette!«
Mikosch schüttelte stumm den Kopf; er sah das Boot hinausschießen auf das Wasser und wie in ein Meer von Glut und Glanz tauchen; seine Hand bewegte sich, als wolle er hinübergreifen – dann kauerte die dunkle Gestalt neben einem an der Kette liegenden Fahrzeuge und blieb regungslos wie ein Steinbild sitzen.
Der Baron ruderte von einer, Onnen von der anderen Seite. Mitten hinein in den Strich der Kugeln glitt die Jolle, rechts und links fielen sie in das hoch aufspritzende Wasser, gleichsam widerwillig, zischend und dampfwirbelnd. Oft nur auf Schrittweite entging das kleine Fahrzeug dem Verderben.
Onnens Herz schlug schneller. Drüben am Ufer der Wilhelmsburg standen französische Wachtposten – wenn ihn einer derselben zufällig erkannte, so war er verloren. Den Deserteur konnte keine Macht der Erde beschützen.
Aber freilich, das ließ sich nur schwer denken. Sein einziger wirklicher Feind, Adam Witt, lag tot in Rußlands Erde, ebenso Oberst Jouffrin; es würde keinem Menschen einfallen, in dem Zigeuner, der sich selbst so keck dem Löwenrachen näherte, einen fahnenflüchtigen Soldaten zu suchen.
Einmal streifte eine Kugel den Bootsrand. Es schaukelte und spritzte – während eines Augenblickes hatten doch die Herzen aufgehört zu schlagen.
In Hamburg flammte ein Feuer; das Brausen eines tausendfältigen Geräusches und Tobens klang herüber, auf den Elbinseln Moorburg, Ochsenwärder und Ellernbrook knatterte Kleingewehrfeuer; Kanonendonner grollte dazwischen – man kämpfte und die Franzosen schienen Sieger. Ganze Scharen von größeren und kleineren Fahrzeugen glitten über die Fluten, schattenhaft, wie Gespenster; Uniformen schimmerten darin, Waffen, Knöpfe, leises Wimmern trug der Wind hinaus auf das Wasser.
Die Hanseaten waren von Ochsenwärder vertrieben; jetzt galt es nur noch, das unmittelbar vor Hamburg im Hafen liegende Steinwärder zu nehmen, dann konnten die Franzosen in die besiegte Stadt einziehen.
»Es ist höchste Zeit«, sagte leise der Baron.
Jetzt war das Boot über den Strich der fallenden Kugeln hinaus und endlich lag es am Strande der Wilhelmsburg.
Ein Wachtposten schlug an. »Qui vive?«
»Ein dänischer Offizier und seine Begleiter! Wir wünschen Seine Exzellenz, den Herrn General Vandamme zu sprechen.«
Onnen blieb im Boot zurück. Den Wachtposten kannte er nicht, aber es schien ihm doch besser, das Land zu vermeiden; er sah, wie die beiden Dänen, von dem ersten Posten an den anderen überliefert, im Dunkel verschwanden und dann wurde alles still.
Gleichförmig schlugen die Wellen an das Ufer. Schuß um Schuß krachte von den anderen Inseln herüber, Wolken blauen Pulverdampfes zogen durch die Luft; hüben und drüben tobte der Kampf zwischen den beiden Nationen, deren Haß so in Fleisch und Blut übergegangen war, daß er nimmer wieder weichen zu können schien.
Onnens Gedanken flüchteten aus dem Wirrsal ringsumher zu dem stillen Dache, unter welchem jetzt seine alte Mutter schlief. Wenn sie gewußt hätte, wie nahe ihn die Gefahr von allen Seiten her umdrohte!
Sein Brief mußte bereits in ihren Händen liegen, der Baron hatte es ihm gesagt – nach fünf bis sechs Tagen konnte er eine Antwort haben. Sein Herz schlug schneller bei dem Gedanken an eine Nachricht aus der Heimat; wie ein Glück ohnegleichen erwartete er diese Zeilen von der Hand seiner alten Mutter. Ganz Ostfriesland war noch von den Franzosen besetzt, ebenso Bremen, an die Rückreise wollte der vorsichtige Mikosch fürs erste nicht denken – gerade deswegen freute sich Onnen so sehr auf den Brief. Ob wohl die Mutter noch in Uve Mensingas Haus wohnte? Ob der brave Wattführer für sie sorgte wie ein Freund in der Not?
Immer tiefer versenkte er sich in grübelnde Gedanken. Rings um ihn her erloschen die Lichter der bogenförmig über die Elbe geschleuderten Kugeln, verstummten die Geschütze und das Toben des Kampfes auf den Inseln; erst die Stimme des Barons weckte den jungen Menschen aus seinen Träumereien. »Halloh, Junge, schläfst du denn da im Boot?«
»Gewiß nicht, gnädigster Herr!«
Und Onnen fuhr auf. »Sie schießen nicht mehr!« rief er ganz verwirrt.
Die beiden Offiziere lachten. »Nein, sie schießen nicht mehr. Dem Himmel sei Dank, das Unglück ist abgewendet!«
»Hafner«, setzte der Baron rasch hinzu, »meinen Namen laß dem Senate gegenüber nur ganz aus dem Spiel. Ich bin mitgefahren, um dir bei dem General, da ich ihn persönlich kenne, eine Audienz zu verschaffen, weiter nichts.«
»Mehr war auch nicht nötig«, versetzte lächelnd der Oberst.
Das Boot glitt zurück nach Hamburg und legte am Johannesbollwerk wieder an. Aus dem Schatten der Häuser erhob sich eine dunkle Gestalt – Mikosch streckte beide Hände aus, stumm, aber mit einer Bewegung, als wolle er den jungen Menschen an seine Brust ziehen.
Onnen sprang ihm entgegen. »So lange hast du gewartet, Alter?«
Auch der Baron legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wie die Henne, als sie das Entenküken ausgebrütet hatte!« sagte er lachend, aber doch gerührt. »Na, da hast du den Jungen wieder, brauner Geselle! – Adieu übrigens, ihr alle; meine Frau wußte, was ich für diese Nacht beabsichtigte, sie steht am Fenster und ängstigt sich.«
Er drückte die Hand des Obersten, dann eilte er davon, und nun trennte sich die ganze kleine Gesellschaft, aber nicht eher, als bis der Offizier unserm Freunde für den geleisteten Dienst eine Bezahlung angeboten hatte. Onnen dankte bescheiden. »Herr Oberst, ich möchte die Erinnerung an diese Nacht nicht für etwas Geld so gleichsam verkaufen! Bitte, erlauben Sie mir, es auszuschlagen!«
Das wurde mit freundlichen Worten gewährt und nun konnten sich Mikosch und Onnen nach Hause begeben. Alle Straßen waren voll von Menschen, hundert Meinungen und Vermutungen wurden laut; man stritt hin und her, der Gedanke an eine Verständigung zwischen dem Senate und den Franzosen gewann immer mehr Boden, wurde aber in sehr verschiedener Weise aufgenommen. »Nun sind wir verloren!« schrien außer sich die einen.
»Im Gegenteil, wir sind gerettet!«
»Ein Landesverräter, wer das behauptet!«
Und dann entspannen sich Straßenkämpfe, an denen ganze Gruppen von Personen jedes Alters und Standes teilnahmen. Die Nacht ging über in den Tag, das Treiben wurde immer ärger, die Haltung drohender und gereizter. Alles scharte sich um das Rathaus, alles erwartete mit steigender Spannung irgendeine Nachricht, eine Proklamation oder einen Tagesbefehl; etwas Entscheidendes mußte geschehen sein, das fühlte man.
Gegen neun Uhr morgens erschien eine amtliche Bekanntmachung, des Inhaltes, daß die Stadt kapituliert habe und daß sogleich als Vorläufer der Franzosen vier Bataillone Dänen einrücken würden. »Es ist Hamburg Gnade versprochen worden«, hieß es, »ein Kriegsgericht soll nicht gehalten und eine Kontribution nicht eingefordert werden, aber binnen zwölf Stunden müssen wir die Tore öffnen und alle Gewehre am Bauhof abliefern.«
Ein Schrei der Verzweiflung folgte diesen Worten; als stehe ein Einfall reißender Tiere zu erwarten, so lief die Bevölkerung ratlos durcheinander.
»Wer die Achtung vor sich selbst, die Liebe für sein Vaterland noch nicht verloren hat, der liefert seine Waffen nicht ab! – Ich sterbe, aber ich gebe den Feinden keine Kugel, um sie deutschen Männern ins Herz zu schießen!«
»Brav gesprochen. Wir weigern uns!«
»Und werdet schmählich bezwungen!« rief eine andere Stimme.
»Das wollen wir erst sehen. Ich schlage vor, alle Gewehre in die Kanäle zu werfen, hierhin und dorthin, dann sind sie für den Augenblick wenigstens unbrauchbar gemacht!«
»Das ist ein gutes Mittel! Schnell!«
»Laßt uns Generalmarsch schlagen!«
»Aber die Bürgergarde ist ja aufgelöst!«
»Wir bilden eine neue, wenn auch ohne den flüchtigen Obersten!«
»Es sind noch viele andere Offiziere auf und davon!« sagte jemand.
»Schadet nicht – laßt sie laufen. Wir werden ja auch ohne diese Herren unsere Gewehre in die Kanäle werfen können.«
Und der Tambour setzte sich in Bewegung. Das bekannte »Kammerad kumm, Kammerad kumm!« schallte durch Hamburgs Straßen.
Erstaunte Gesichter sahen durch Türen und Fenster; Frauen fielen in Ohnmacht. Stand der Feind vor den Toren? Was gab es? Die sonderbar unmilitärisch aussehenden Gestalten der Bürgerwehr in blauer Uniform mit Käppi und weißem Bandelier erschienen auf den Sammelplätzen. Wo war der Anführer, wo die Offiziere!
Fort – spurlos verschwunden, alle auf dänisches Gebiet übergegangen, solange ihnen noch Zeit blieb. Niemand traute den Franzosen, niemand wollte den Kopf in die Schlinge stecken; unter wieviel nichtigen Vorwänden die Kreaturen Napoleons ihre Versprechungen zu umgehen verstanden, das wußten ja die Hamburger nur zu wohl.
Ängstlich sahen die Bürgergardisten einander an. Was nun? Hier forderte man sie auf, die Waffen abzuliefern und sich durch ihre persönliche Haltung der Kapitulation anzuschließen; dort hieß es: »Weigert euch! Weigert euch! Vernichtet die Gewehre, zerbrecht die Bajonette!«
Beide Ansichten fanden ihre Vertreter. Ganze Haufen ältlicher Bürger, ruhige Leute, die den Widerstand gegen eine Behörde für Sünde hielten, ehrsame Handwerksmeister begaben sich ohne Aufenthalt zum Bauhöfe und lieferten alles ein, was sie an Waffen besaßen, das Küchenbeil und den Säbel, der noch von Großvaters Zeiten herstammte, nicht ausgenommen; wieder andere, jüngere und gebildetere Leute, trugen unter Gesang und Fahnenschwenken ihre militärische Ausrüstung in die Kanäle oder zerschlugen alles an den Ecksteinen.
Während dieser Vorgänge ließ eine dritte Partei die Sturmglocken läuten und Alarm schlagen. Auch hier fand sich ein Wortführer. »Auf! Auf! baut Barrikaden! deckt mit euren Körpern die Wälle und Tore! Schlagt zu Boden, was von Ergebung spricht!«
Eine Schar von Schülern des Johanneums, von den jüngeren Söhnen der Reichen, sammelte sich um die Führer dieser aufrührerischen Richtung. »Nehmt den Tollhäuslern da doch die Waffen weg!« rief eine Stimme.
»Welcher vernünftige Mensch wirft denn die kostbarsten Verteidigungsmittel ins Wasser? – Man muß die Leute zwingen, sie herauszugeben!«
»Oder man fischt sie wieder auf!«
Gesagt, getan. Einer schleuderte das Gewehr in den Kanal, der andere sprang nach und zog es schleunigst wieder hervor, ein dritter, einer von der ängstlichen Partei, nannte alle beide Landesverräter.
Während der Nacht wurden die Häuser mehrerer flüchtig gewordener Offiziere in Brand gesteckt; diejenigen, welche ihrer Aufregung, ihrer Erbitterung nicht Herr zu werden vermochten, schossen ohne Ziel, ohne Grund auf den Straßen oder trafen auch mit vorbedachter Sicherheit heimlich ein Herz, für das ihre Kugeln schon längst bestimmt gewesen.
Wieder lagen Tote, mit dem Gesicht nach unten, auf den Wällen; niemand bemerkte sie. An den Ecksteinen, neben den gehäuften Trümmern zerschlagener Waffen standen finster blickende Wächter; der einrückende Feind sollte erkennen, daß nicht alle Bewohner Hamburgs sich der Übergabe geneigt erwiesen hatten.
So brach der Morgen an, der des 30. Mai 1813. Eine Stafette aus dem Hauptquartier des General Vandamme hatte den Einzug der Dänen auf neun, den der Franzosen auf elf Uhr vormittags angekündigt – schon kurz nach acht begann das leidenschaftliche Treiben in den Straßen allmählich nachzulassen und gegen neun war alles todesstill, die Fenster verhüllt, die Türen geschlossen, Weg und Stege leer.
Im Innern der Häuser herrschte dumpfe Stille; selbst Männer weinten. Erschossen und ertrunken die einen, geflüchtet die anderen – so hatte jede Familie ihr besonderes Leid zu tragen, so sahen alle mit der Hoffnungslosigkeit des äußersten Schmerzes in die Zukunft. Wovon leben? Wovon Tausende habgieriger Feinde ernähren und ihre bekannten ungemessenen Forderungen befriedigen?
Hamburg war »außer dem Gesetz« erklärt, es war dem Tyrannen Davoust und seinem Helfershelfer Vandamme – »Wut« und »Verdammt« im Volksmunde – mit gebundenen Händen überliefert. Was würde folgen?
Man hatte allerdings versprochen, keine Kontribution auszuschreiben, aber wie lange erinnerten sich meistens Napoleons Generale eines gegebenen Wortes? Bis die Taschen leer waren. Dann wurde zur Exekution ein Grund gefunden und der Bürger war ausgeplündert.
Einige Vertrauensselige schüttelten die Köpfe. »Hamburg kapitulierte unter der Bedingung, keinerlei Strafgelder zu bezahlen – das müssen die Franzosen halten.«
»Das halten sie keine vierzehn Tage lang!«
Ein Grauen schüttelte jedes Herz. Unbestimmte Bilder jener entsetzlichen Leiden, die nun hereinbrachen, jener Folterqualen der nächsten Zukunft, erfüllten das Bewußtsein aller. Außer dem Gesetz erklärt von einem Eroberer ohne Gewissen – wen sollte der verlassene kleine Staat um Beistand anflehen? Wem seine Verzweiflung klagen.
Es schlug neun. In der Ferne erklangen Trommeln – das waren die Dänen, die Verbündeten der Franzosen, sonst aber befreundete Nachbarn, mit denen Hamburgs Bewohner im besten Frieden verkehrten. Sie besetzten ruhig die von den Bürgergardisten verlassenen Wachen und zogen dann in die Kasernen. Erst als die Scharen Napoleons einrückten, erschien der gefürchtete wirkliche Feind.
Eine Stafette aus dem Hauptquartier zu Wandsbek sprengte voraus und überbrachte dem Senat einen Befehl, vorläufig folgendes bereit zu halten: »Je sechzigtausend Rationen: Brot à 56 Lot, Branntwein à 1/8 Liter, Fleisch à 20 Lot, Bier à 1 Liter, außerdem Salz, Essig, Brennmaterial und fünfzig lebende Ochsen.«
Die Boten des Senats liefen durch die Stadt und fragten und baten. Eine schnell zusammengesetzte Kommission begab sich auf die Dörfer hinaus, um Vorräte zur Stelle zu schaffen.
Es wurde elf Uhr – der Augenblick, wo die Franzosen erscheinen sollten, war da.
Von einer Gruppe Unzufriedener zur anderen ging Oberst Mettlercamp, der Chef des dritten Bataillons der aufgelösten Bürgerwehr, und redete den Leuten zu, sich keine Widersetzlichkeiten zu gestatten. Er traf den richtigen Ton, um gerade die Erbittertsten, Entschlossensten zu gewinnen. »Leute«, sagte er, »spart eure Kräfte für künftig; wer weiß, was noch geschieht. Es kommt vielleicht der Tag, wo Hamburg seiner Söhne bedarf, wollt ihr alsdann fehlen?«
Das half. In so manchem Auge blitzten Tränen, so manche Brust barg kaum die Fülle des Wehs, aber doch blieb selbst der Leidenschaftlichste unter diesen jungen Leuten ruhig. Die Franzosen zogen ein, ohne Widerstand zu finden.
Onnen hatte schon vorher erfahren, daß es die zweiunddreißigste Militärdivision sei, welche Hamburg besetzen sollte – er atmete auf. Die, zu der seine Bekannten gehörten, war die einunddreißigste; es gab also nichts zu fürchten.
In größter Ordnung, ohne irgend einen Übergriff, ja ohne persönliche Bemerkungen hielten die Truppen ihren Einzug – wieder, wie in Moskau, durch todesstille, verödete Straßen. Bataillonsweise verteilt, nahmen sie die zahlreichen Marktplätze in Beschlag und nun entwickelte sich ein seltsames Treiben.
Von den Bagagewagen packten die Soldaten ihre Marschzelte und schlugen sie auf, während sogleich alle Brunnen der Stadt militärische Wachen erhielten; die Mannschaften durften nichts genießen, als was vor ihnen der Lieferant oder Verkäufer selbst probiert hatte – sie hielten unser deutsches Volk für fähig, die Soldaten des Feindes reihenweise und heimtückisch zu vergiften.
Auf dem Großneumarkt, Zeughaus- und Gänsemarkt, an der Esplanade und auf dem Spielbudenplatz brannten die Biwakfeuer der Franzosen – die Türen der Petrikirche wurden gewaltsam geöffnet und dort alle Offizierspferde untergebracht; dann befahlen die Machthaber für den Abend eine Illumination.
Die Stadt prangte im Kerzenlicht, aber sie schien ausgestorben. Nur das Militär bewegte sich auf den Straßen, sonst niemand. Aber ja doch! die Leichenträger. In den unteren Schichten der Bevölkerung wütete die pestartige Krankheit mit immer steigender Gewalt; wohin das Auge sah, da erblickte es Särge, meist platte, mit irgendeinem Tuche barmherzig verhüllte weiße Kisten, in denen man die unglücklichen Opfer ohne Sang und Klang hinaustrug zum letzten Bette. Niemand war da, um der Seuche energisch entgegenzutreten, niemand half den Armen oder tröstete sie, nur für die Soldaten wurde insoweit gesorgt, daß man schleunigst ein größeres Lokal, das des Lombards, ausräumte und zum Hospital einrichten ließ.
Eine Bekanntmachung jagte die andere. Der hamburgische Korrespondent, die noch heute erscheinende älteste Zeitung Hamburgs, mußte ihren Titel ändern und zum zweitenmal als Journal du département des bouches de l‘Elbe in die Welt hinausgehen.
Eines Morgens kam der Befehl für alle nicht in Hamburg ansässigen Fremden, sich bei dem französischen Polizeidirektor zu melden und ihre Legitimationspapiere mitzubringen. Sie sollten dann entweder eine Erlaubnis zum Bleiben oder einen sofortigen Ausweisungsbefehl erhalten.
Mikosch beruhigte seinen Schützling. »Meine Pässe sind in Ordnung«, sagte er. »Schlimmstenfalls gehen wir nach Altona, obwohl ich lieber hier bleiben möchte – die Soldaten haben allerlei Wertstücke in den Taschen, geraubte Gegenstände natürlich, Silber und Gold aus den Kirchen von Moskau, aber unsre Hamburger Juden geben ihnen gutes Geld dafür, und das werfen sie mit vollen Händen weg, sobald Ruff erscheint und eine Pfeife Tabak raucht oder ein Lied spielt. Gestern hatte ich auf dem Zeughausmarkt in weniger als drei Stunden über zehn Rubel zusammengebracht.«
Onnen hörte ihn kaum. »Muß ich mitgehen?« fragte er unruhig.
»Jedenfalls, Herr! Auch Alexei.«
So zogen denn alle drei befohlenermaßen zum Polizeiamt, wo sich die Menge auf den Treppen und in den Gängen drängte; lauter blasse verkümmerte Gesichter, Frauen in Trauer, Krüppel, Kinder und junge Mädchen.
Alle diese Unglücklichen erwarteten von den Lippen der Machthaber den Schicksalsspruch, welcher sie vielleicht binnen weniger Minuten ins Verderben stürzen mußte. Wenn es hieß: Fort! – wohin sollten sie sich dann wenden? Das ganze benachbarte Gebiet war von den Franzosen besetzt, Altona mit Arbeitskräften jeder Art überfüllt; es gab keine Zuflucht, die den Bedauernswerten offengestanden hätte.
