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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 35
Zitternd, oft todesblaß legten sie ihre Dokumente auf den Tisch. Die Fragen des Beamten waren in jedem Falle dieselben. »Zahlen Sie Steuern und wieviel?«
Hieß es: Nichts, ich bin ein armer Schreiber oder Lohndiener, eine Krankenwärterin, eine Näherin, dann erfolgte rasch der Bescheid »Binnen vierundzwanzig Stunden hinaus!«, und wenn die Betroffenen dagegen protestieren oder flehentlich bitten wollten, so schoben ein paar bereitstehende Gendarmen sie kurzweg zur Tür und andere Personen kamen an die Reihe.
Nur eine Ausnahme kehrte immer wieder. War der Vorzeiger eines Passes ein kräftiger Mann, so erhielt er ohne alle Weitläufigkeiten die Erlaubnis, in der Stadt zu bleiben. Frauen und Kinder, alte Familienväter wurden samt und sonders ausgewiesen.
Jetzt kam die Reihe an den Zigeuner. »Russische Pässe? Hm, hm!«
Zwei Beamte flüsterten halblaut, dann mußten Onnen und Alexei vortreten. Prüfende Blicke musterten ihre Gesichter, ihre jungen kräftigen Gestalten – der Protokollführer nickte zufrieden. »Ihr könnt bleiben, solange ihr wollt!«
Ein Schmerzensschrei von den Lippen eines Weibes unterbrach den Franzosen. »Das sind Zigeuner«, rief die Unglückliche, »fahrendes Gesindel, Diebe – und solche Menschen dürfen nach Belieben in Hamburg bleiben, während eine Mutter mit sechs Kindern auf die Straße geworfen wird. Ist das gerecht, ist es christlich?« »Hinaus!« donnerte der Beamte.
Die Frau drohte ihm, sie war außer sich. »Was habe ich den Franzosen getan?« schrie sie. »Was kümmert sich wohl ein armes Weib um die Händel der Großen? Ich will hier in Hamburg Kranke pflegen und mit meiner blutsauren Arbeit sechs Kinder redlich ernähren – das Recht soll man mir lassen.«
»Ja! Ja!« riefen andere Stimmen. »Jagt dafür das landfremde Gesindel hinaus!« Man scharte sich um die Frau und verhinderte die Gendarmen, sie vor die Tür zu setzen. »Da ist der blinde Tiroler«, schrie einer aus dem Haufen, »man kennt ihn seit zwanzig Jahren als Straßensänger; er hat seine Gönner, seine Freunde – weshalb muß der Alte jetzt plötzlich fort?«
Die Gendarmen zogen ihre Seitengewehre, Männer und Frauen fielen ihnen in die Arme, es entstand ein Tumult, der in eine Schlägerei überging und den beide Parteien noch draußen auf der Straße fortsetzten. Der Pöbel hielt es mit den Ausgewiesenen, die Beamten bekamen Beistand von den Soldaten, und so wurde schließlich die erste Anstifterin des Streites mit blutendem Gesicht und zerrissenen Kleidern ins Gefängnis geschleppt. Der Volkshaufen wälzte sich dem Zuge nach, man heulte und pfiff, die Soldaten erhielten Steinwürfe – noch stundenlang dauerte das Toben, dem neue bittere Bedrängnisse folgen sollten.
Zwölf Stunden später erschien ein Tagesbefehl, in dem Versammlungen, Vereine und gesellige Zusammenkünfte aller Art, auch fremde Zeitungen, Bilder und Broschüren verboten wurden. »Sind mehr als acht Personen beieinander«, hieß es, »so gilt das als Verstoß gegen dieses Gesetz; die Schuldigen werden sofort erschossen; Frauenzimmer mit Ruten gepeitscht und eingekerkert.«
Ein Weheschrei ging durch ganz Hamburg – trotz seiner Grausamkeit, seines bitteren Unrechtes war aber dieser Befehl doch nur ein Vorläufer des weit größeren Erschreckens, das am selben Tage nachfolgte.
Ein Bescheid aus dem Hauptquartier des Kaisers gebot, aller Versprechungen ungeachtet, dem Senate die Herbeischaffung einer Strafsumme von achtundvierzig Millionen Mark; zugleich wurde Marschall Davoust beauftragt, Hamburg in eine Festung zu verwandeln und über die Veddel hinweg durch eine Brücke mit dem benachbarten Harburg zu verbinden.
Die Stadt soll zehntausend Arbeiter stellen, hieß es, was an dieser Zahl fehlt, das ist aus den Häusern zu holen oder von den Straßen aufzugreifen, ohne Ansehen der Person oder des Standes. Ferner soll im ganzen Umkreise der Stadt und in einer Breite von sechshundert Schritten alles dem Boden gleich gemacht werden. Die betreffenden Häuser sind zu verbrennen.
»Also darum!« rief Mikosch. »Nun begreife ich, weshalb sämtliche arbeitsfähige Männer in der Stadt bleiben durften.« »Du meinst, wir müßten Schanzen bauen?« »Natürlich! Hätte ich das gewußt, so wären wir vorher ausgerückt.« »Ja, du lieber Himmel, wenn wir arbeiten, so muß man uns doch auf jeden Fall auch gebührend bezahlen.«
Der Alte schnitt ein Gesicht. »Wer es erlebt, der wird es sehen«, brummte er.
Am Abend dieses Tages ging Onnen, seinen Paß in der Tasche, durch die Stadt, um sich nach Altona in das Haus des Barons zu begeben. Jetzt konnte der Brief seiner Mutter möglicherweise schon angelangt sein, und er sehnte sich so sehr, ihn zu erhalten.
Der Abend war regnerisch und dunkel, die Elbe an den Vorsetzen schlug große Wellen; Onnen fühlte sich zum erstenmal seit langer Zeit unruhig und verstimmt. Die Aussicht, für den Feind Schanzen zu graben, ärgerte ihn über alle Maßen und doch ließ sich der Sache nur schwerlich entgehen. Zehntausend Arbeiter konnte der Senat nicht liefern.
Da sah er vor sich im Zwielicht einer knarrenden, schwachbrennenden Öllampe die Gestalt eines älteren Mannes, der ihm bekannt erschien. Irgendwo mußte ihm dieser Fremde schon begegnet sein.
Onnen blieb etwas zurück. Wer ihn kannte, der hielt sein Geschick in offener Hand, der hatte die Mittel, ihn den Franzosen und damit dem sichern Tode auszuliefern – es war besser, keine Begegnung herbeizuführen.
Der Fremde ging zu einem jener schmalen Eingänge, die in der Hafengegend vielfach große Speicher bergen, dort blieb er stehen und hielt scharfe Umschau, während sich Onnen hinter eine vorspringende Haustreppe versteckte. Ein Lichtstrahl der Laterne traf in diesem Augenblick das Gesicht des Unbekannten und Onnens Herz schlug plötzlich vor Überraschung schneller. Der Mann da vor ihm war Geerd Kluin, der Bruder seiner Mutter.
Von diesem hatte er nichts zu fürchten.
Aufspringen und bis zu dem schmalen Gange laufen war eins, aber dennoch kam unser Freund zu spät. Nur der Regen schlug ihm entgegen und der Wind fing sich in dem engen Schlot, aber kein Mensch war zu entdecken.
Onnen sah umher. Geerd Kluin konnte nur hier verborgen sein, sonst nirgends – auf der offenen Straße hätte er ihn ohne allen Zweifel bemerken müssen.
Halb und halb zögernd ging er weiter. Rechts und links öffneten sich neue, noch schmalere Gänge, oft kaum breit genug, um zwei Personen zugleich hindurchzulassen, alle bewohnt, alle mit dem Rinnstein in der Mitte und erfüllt von einer schrecklichen, die Lungen erstickenden Luft. Kinderstimmen erklangen hinter den Fenstern, hie und da huschte durch den Regen ein Mensch oder miaute, im Winkel auf einem Schmutzhaufen hockend, eine Katze, sonst war alles leer und öde.
Onnen ging geradeaus, so daß er hinter sich immer die offene Straße und darüber hinweg die knarrenden Masten der Schiffe erkennen konnte. Eine Art von Grauen hinderte ihn, sich seitwärts in das Gewirr dieser dunklen Gänge und Höfe hineinzuwagen; er, der die Freiheit so sehr liebte, fürchtete sich förmlich vor den sargartig engen Mauern, deren schwarze Farbe die Dunkelheit nur noch zu erhöhen schien, deren Dachtraufen das schmutzige Naß in Strömen auf das Pflaster ergossen. Sollte er wirklich weitergehen?
Es war gewiß besser, umzukehren und die Herberge aufzusuchen. So in den durchnäßten Kleidern konnte er unmöglich nach Altona gehen und sich dem Herrn Baron melden lassen – die Nachfrage mußte auf morgen verschoben werden.
Im Begriff, sich der offenen Straße wieder zuzuwenden, hörte er in einem gerade vor ihm liegenden, vier Stockwerke hohen dunklen Gebäude ein Geräusch und sah zugleich, daß sich die Haustür leise bewegte, etwa wie vom plötzlich entstehenden Zugwind geschaukelt – er öffnete sie vollends und blickte hinein.
Alles dunkel; gerade vor ihm lag offen eine breite Treppe.
Onnen kletterte hinauf; das Verlangen, den Bruder seiner Mutter zu sehen, war übermächtig, es beherrschte ihn ganz. Seit länger als einem Jahr von der Heimat getrennt, ohne Nachricht, ohne Verkehr mit irgendeinem Glied seiner Familie, fühlte er sich oft so drückend einsam, so verlassen – und gerade diese Stimmung war durch den unerwarteten Anblick seines Onkels mächtig erregt worden. Geerd Kluin würde ihn ja nicht verraten, das wußte er gewiß.
Immer leise weitergehend, fragte er sich, was denn bei diesem Eindringen in ein fremdes Haus im Grunde zu fürchten sei? Von den Franzosen nichts, denn er trug seinen Paß in der Tasche – aber vielleicht von den Bewohnern des sonderbaren Hauses. Es schien leer; rechts und links waren alle Türen verschlossen.
Unser Freund kletterte bis zum Dachboden hinauf – kein Mensch begegnete ihm. Er klopfte an alle Türen, niemand gab Antwort. Geerd Kluin wohnte also nicht hier, oder er wollte keinen Besuch empfangen.
Onnen ging bis zum obersten Stock wieder hinab. Hinter einer angelehnten niederen Tür oder Luke schimmerte ein Stück des abendlich dunklen Himmels, Regentropfen schlugen bis auf den Gang hinein und zugleich klappte wieder unten die Haustür – der Zugwind entstand also durch diese Verbindung.
Onnen öffnete die Luke und sah vor sich eine jener schmalen, eisernen Brücken, die in den alten Stadtteilen Hamburgs von einem Hause zum anderen führen und als Schutzmittel gegen die Gefahren einer Feuersbrunst immer in den höchsten Stockwerken angelegt sind. Er trat hinaus und faßte gedankenschnell die gegenüberliegende Luke – sie war offen.
Ob Geerd Kluin diesen Weg genommen hatte? Aber weshalb war er dann nicht durch die Tür des anderen Hauses gegangen?
Onnen spähte in das Dunkel des fremden Gebietes hinein. Die Brücke lag nach hinten, einem Gewirr enger Höfe zugekehrt – es schien dem jungen Manne, als tönten Stimmen aus dem unteren Stockwerk zu ihm herauf.
Er tastete sich weiter und kam zur Treppe – nun hörte er es deutlich. Mehrere Personen sprachen durcheinander, also gab es in diesem Gebäude wenigstens Menschen, man würde ihn anhören und ihm vielleicht Geerd Kluins Wohnung sagen können. Er ging durch einen Korridor, aus den Fugen einer Tür schimmerte Licht – er hob die Hand, um zu klopfen.
Da packte ihn plötzlich im Dunkel eine kräftige Faust. »Wer ist hier?« rief die Stimme eines Mannes.
Onnen suchte ihn sogleich von sich abzuschütteln. »Wohnt in diesem Hause Herr Geerd Kluin?« fragte er.
»Faule Fische!« klang es zurück. »Wer bist du, Bursche? Wie gelangtest du überhaupt hierher?«
»Durch das Nebenhaus – ich suche den Herrn, dessen Namen ich Ihnen soeben nannte. Nun aber lassen Sie mich los, oder es gibt ein Unglück.«
Der Unbekannte öffnete mit plötzlichem Ruck die Tür. Ein Strom von Licht flutete den beiden Männern entgegen; in einem weiten, sehr unwirtlichen Räume saßen an langen Tafeln etwa hundert oder noch mehr Herren jedes Alters, die sämtlich den höheren Ständen anzugehören schienen und eifrig miteinander sprachen. Auf den Tischen lagen Briefe und Zeitungen; ein gewaltiger Schreck schien bei Onnens Anblick die Teilnehmer dieser geheimen Gesellschaft jählings zu erfassen, sie schwiegen wie vom Blitz getroffen.
Onnens Führer schob diesen in den Saal. »Ein Zigeuner!« sagte er voll Erstaunen. »Ich fand ihn hier auf dem Gange.« Noch immer herrschte Todesstille. Ein älterer Mann erhob sich und winkte unserem Freunde. »Erzähle, Bursche«, sagte er in gebieterischem Tone, »wie bist du hierhergekommen und was suchst du?«
Onnen sprach freimütig, er schilderte offen und wahrheitsgemäß den Hergang der Dinge, dann fragte er bescheiden nach dem, den er zu finden wünschte. »Wohnt Herr Kluin in diesem Hause?« Der Herr zuckte die Achseln. »Kluin?« wiederholte er, »kennt ihn jemand unter Ihnen? Ich wenigstens nicht.« Ein allgemeines Nein beantwortete die Frage. »Der Name ist natürlich erfunden«, sagte jemand. »Ein Vorwand!«
»So muß man sich des Burschen versichern – es steht ja zu viel auf dem Spiel.«
»Das denke ich auch. Die Geschichte, welche uns der junge Mensch erzählt, klingt mindestens unwahrscheinlich.«
»Sie erlauben, Herr!« wandte sich, offenbar mit Absicht den Namen weglassend, ein jüngerer Mann zu dem ersten Sprecher, »aber ich möchte mich mit unserem ungeladenen Gaste einen Augenblick unterhalten. Höre einmal, Bursche«, wandte er sich dann zu dem vermeintlichen Zigeuner, »bist du nicht derselbe, welcher in Begleitung eines älteren und noch eines dritten Mannes von deinem Stamme gegenwärtig hier in Hamburg einen zahmen Bären zeigt? Ich glaube dich gestern an der Alster gesehen zu haben!«
»Da war ich auch, Herr!«
»Du bist also der, welchen ich meine?«
»Ja!«
»Sieh! Sieh! Dann fällt mir‘s auf, daß du heute ein so reines Deutsch sprichst; gestern schienst du nur Russisch zu verstehen.«
Onnen errötete stark, aber er schwieg.
»Gestehe es nur, Bursche, du bist nicht das, was die Welt in dir sehen soll. Dein Haar und dein Gesicht sind gefärbt – du umgibst dich mit Heimlichkeiten!«
Jetzt hob Onnen den Blick, in seinen ehrlichen blauen Augen flammte es plötzlich auf. »Gestehen Sie nur, Herr«, sagte er mit lauter Stimme, »diese nächtliche Versammlung in einem Speicher hat politische Zwecke – Sie umgeben sich mit Heimlichkeiten!«
»Du unverschämter Patron!«
Und der junge Herr sprang auf, um unsern Freund zu packen. Onnen erwartete ihn festen Fußes und ein Kampf zwischen den beiden Streitenden wäre unvermeidlich gewesen, wenn nicht der Vorsitzende in gebieterischer Weise die Hand erhoben hätte. »Ruhig da! – Komm hierher zu mir, du!« Onnen blieb, wo er war. »Mit welchem Rechte duzen Sie einen erwachsenen Menschen, Herr? Ich bin fast achtzehn Jahre alt.«
»Einen Zigeunerburschen pflegt man immer mit du anzureden, mein Lieber! Komm indessen hierher zu mir, ich möchte dir gerade ins Auge sehen.«
Onnen gehorchte, furchtlos traf sein Blick den des ändern. »Ich wußte vom ersten Augenblick an, wer Sie sind, Herr Oberst Mettlercamp!«
»Ach – und du kamst in dies Haus als Spion?«
»So wahr mir Gott helfen möge, nein!«
Der Oberst lächelte. »Wer bist du, junger Mensch, sprich ganz aufrichtig zu denen, in deren Gewalt du dich befindest. Ich halte dich für einen Deutschen!«
Onnen nickte, »Das bin ich auch – ich mag‘s nicht verleugnen. Wir sind quitt, meine Herren, Ihre Versammlung ist den Franzosen gegenüber ebenso strafbar wie meine Namensveränderung oder die Farbe in meinem Gesicht.«
»Du liebst sie also nicht, die Franzosen?«
»Ich?« rief Onnen. »O Gott – Hörten Sie nie, daß auf Norderney brave, ehrliche Leute, unbescholtene Familienväter von den Franzosen erschossen wurden, nur weil sie eine Schiffsladung voll Kaffee geschmuggelt hatten? Hörten Sie nie, daß ohne Gesetz und Recht bald danach die ganze Jugend der Ostfriesischen Inseln nächtlicherweile zum Dienst in der Armee gepreßt wurde? Nun, einer der Gemordeten war mein Vater, einer der gewaltsam Entführten bin ich, jetzt seit den Tagen von Witebsk französischer Deserteur und Bärenführer, weil eben der alte Zigeuner der einzige Freund ist, den ich überhaupt im Augenblick besitze.«
»Und nun«, fuhr er tiefatmend fort, »nun wissen Sie alles. Wenn Sie mir morgen auf der Straße wieder begegnen, dann können Sie mich dem nächstbesten Franzosen als Deserteur bezeichnen – ich lasse Ihnen gleichsam meinen Kopf als Pfand vollständiger Verschwiegenheit.«
Oberst Mettlercamp streckte plötzlich die Hand aus. »Schlag ein, Junge, du gefällst mir! Sieh, ich nenne dich immer noch du, obgleich du ein erwachsener Deutscher bist! – Wir, die du uns hier siehst, beraten eben die Bildung einer Hanseatischen Legion, die sich im richtigen Augenblick mit Preußen vereinigen und dem korsischen Räuber die Zähne zeigen wird. So, nun hast du hundert Köpfe als Pfand für die Sicherheit deines eignen.«
Onnen dankte bescheiden. »Ich kann jetzt gehen, nicht wahr? – Aber freilich, ist mir vorher noch eine Bitte gestattet?« »Sprich sie wenigstens erst einmal aus, mein Junge.«
»Soll mein Name den ihrigen beigefügt werden dürfen? – Ich heiße Onnen Visser! Schreiben Sie mich ein in die Liste der Getreuen, und rufen Sie mich, wenn es gilt, loszuschlagen. Ich möchte der erste, der allererste sein, dessen Arm sich gegen die verhaßten Franzosen erhebt.«
»Bravo!« riefen mehr als nur eine Stimme. Der Angreifer von vorhin schüttelte sogar Onnens Hand, während ihn der Oberst eintrug in die Liste derer, welche später auf Frankreichs Boden so blutige Lorbeeren ernten sollten. Er wurde von mehreren Mitgliedern der geheimen Versammlung in ihre Wohnungen eingeladen, dann brachte ihn der Wächter wieder bis an die Brücke, und nun mußte er seinen weiteren Weg im Dunkel der Treppen allein suchen.
Tastend gelangte er hinab in den zweiten Stock und wollte eben von dort noch tiefer steigen, als seine Hand statt des Geländers einen lebenden Körper ergriff. Der Mensch war vollständig in die Ecke gedrückt, er regte kein Glied und sprach keine Silbe; selbst als ihn Onnen leise schüttelte, blieb er doch stumm.
Ein unangenehmer Gedanke packte plötzlich die Seele des jungen Mannes. Von denen da drinnen kannte niemand den Namen Geerd Kluins, das hatte er gehört – zur Zahl der Versammelten konnte also seiner Mutter Bruder nicht gerechnet werden. Was wollte er hier?
Onnen beugte sich nahe zum Gesichte dessen, den seine kräftigen Hände gefangen hielten. »Geerd Kluin«, flüsterte er, »bist du es?«
Ein Zucken schien den Körper des Unbekannten zu durchfliegen, aber er antwortete auch jetzt noch nicht, nur seine Hände begannen leise zu zittern.
»Kennst du mich nicht, Onkel?« flüsterte Onnen.
»Was? – Was? – Es gibt gar keinen Geerd Kluin! – Unsinn das, Unsinn! Ich heiße Martin Kracht – ja gewiß, Martin Kracht. Meinen Paß habe ich in der Tasche.«
Onnen hatte bei dem ersten Laute die Stimme erkannt. »Und ich heiße Onnen Visser«, sagte er leise. »Ich bin deiner einzigen Schwester Sohn! Kennst du mich jetzt, Onkel Geerd?«
»Gott! Ach Gott!«
Ein Schluchzen klang durch das Dunkel. »Ich bin krank – ich bin so unsäglich elend!«
»Und du hast keine Nachricht von zu Hause, Onkel?«
»Keine, keine – hier heiße ich ja Martin Kracht!«
Onnen empfand ein unbeschreibliches Mitleid. »Komm«, sagte er, »komm, Onkel Geerd, was tust du denn eigentlich hier? Hast du mich vorhin nicht gehört, als ich heraufstieg?«
»Ja doch, ja, aber was kümmerte mich jemand, den ich gar nicht zu kennen glaubte? – Wo bist du gewesen, Onnen?«
»Ich sah dich an den Vorsetzen gehen und folgte dir in dies Labyrinth. Was suchst du hier, Onkel Geerd?«
»Nichts, nichts. Aber wo warst du so lange, Kind?«
»Drüben im ändern Speicher, Onkel!«
»So, so, begegnete dir niemand? Hörtest und sahst du nichts Auffälliges, Verdächtiges, mein Junge?«
»Durchaus nichts!«
»So – hm, hm, das ist schade! Ich muß hier noch bleiben, Onnen. Ein Geschäftsfreund erwartet mich.«
»Obgleich es fast Nacht geworden ist, Onkel? Geh nur mit mir, du sollst meine Geschichte hören – die meines armen Vaters kennst du ja doch!«
Geerd Kluin seufzte. » Schwager Visser – ach ja, ich weiß. Es waren Schiffer aus Emden hier, die erzählten von dem schrecklichen Unglück Weißt du, wie mich das Heimweh quält – ich kann dir‘s nicht sagen! Aber zwischen mir und Norderney steht ja der falsche Paß – die Franzosen sind so schnell mit dem Todesurteil bei der Hand! Die Kugel zischt und du bist gewesen, ehe der Hahn kräht.«
Es rann kalt über Onnens Rücken herab; er zog den Alten mit sich auf die Straße, und beide gingen dann im strömenden Regen zur Herberge am Eichholz. Geerd Kluin liebte das Geld noch ebenso innig wie früher, das erkannte Onnen sehr bald, aber in allem übrigen war er trostlos verändert.
»Hier sitzt mir‘s«, sagte er, auf die Brust deutend. »Ich kann das Stechen nicht mehr loswerden. Onnen, bemerktest du wirklich in dem Speicher nichts Verdächtiges?«
»Das fragst du nun schon zum zweitenmal, Onkel. Was sollte denn nach deiner Meinung in dem alten Gerümpel vor sich gehen?«
Geerd Kluin wiegte den Kopf. »Hier in Hamburg gibt es gar nichts mehr zu verdienen, du, gar nichts mehr – ich kam mit so großen Erwartungen hierher, ach Gott, und ich habe hungern müssen. Alle Wege versperrt, alle Hoffnung betrogen, das ist der Zustand, in dem ich lebe – natürlich als Martin Kracht, hörst du, nenne mich niemals anders.«
»Gewiß nicht, Onkel. Aber du wolltest mir erzählen, was dich in den unbewohnten Speicher führte.« »Ja, ja – du bist meiner Schwester Kind, Onnen, bist mein Blutsverwandter. Willst du mir beistehen?«
»Erst laß hören, um was sich‘s handelt!«
Der immer noch vor Frost zitternde alte Mann rückte ihm näher. »Ich wandre so in den Straßen umher«, raunte er, »zwecklos, arbeitslos, ich mache mich bei den Soldaten beliebt, wo es möglich ist, und erwische hie oder da einmal ein Stück Brot und einen Schluck Branntwein – zu verdienen gibt es ja nichts. Da sah ich denn eines Abends nacheinander mehrere sehr bekannte Herren bei der Neumannsstraße und später auch einige beim Johannesbollwerk in die Gänge einbiegen,, das fiel mir auf. Oberst Mettlercamp war dabei, ein Mönckeberg, ein Goßler, ein Amsink, ein Godeffroy. Was suchen diese Leute in den Höfen der untersten, bittersten Armut? – Ich beobachte sie seitdem, ich stehe in Wind und Wetter auf der Lauer. Onnen, wenn es möglich wäre, eine Zusammenkunft zu entdecken – mein Junge, dann könnte für mich noch alles gut werden!«
»Wie meinst du das, Onkel?«
»Nun, das ist doch leicht genug zu verstehen, Kind. Acht Personen gelten als unerlaubte Versammlung – wenn ich daher das Lokal finde, wenn ich Beweise erhalte, dann ist mein Glück gemacht. Der Maire Rüder zahlt für derartige Mitteilungen große Summen, ich weiß es – man könnte ja die Sache ein wenig aufbauschen, könnte von einem bevorstehenden Aufruhr sprechen. Ich erhielte dann vielleicht einen Paß auf meinen wirklichen Namen. Man muß es nur anzufangen wissen!«
Onnen fühlte, wie ihm das Blut heiß ins Gesicht stieg. »Du wolltest doch unmöglich die Leute den Franzosen verraten?« fragte er hastig.
Geerd Kluin schien sehr ärgerlich. »Verraten!« brummte er, »verraten! Wie du gleich auffährst! Ich will meinen eignen, ehrlichen Namen wieder erlangen, damit ich nach Norderney zurückkehren kann, das ist alles. Falsche Pässe macht jetzt niemand mehr; die Franzosen fackeln nicht, das wissen die Leute.«
Onnen schüttelte den Kopf. »Ein Verrat wäre es aber doch auf alle Fälle, Onkel. Du mußt den Gedanken fallen lassen.«
»Niemals!« rief der Alte. »Hast du persönlich den Hunger und den Frost kennengelernt, Junge? Bist du obdachlos gewesen, krank, verlassen? Das alles habe ich ertragen – dabei verschwinden die zarten Rücksichten. Fange ich eine geheime Versammlung ab, so denunziere ich die Teilnehmer. Basta.«
Onnen versuchte nicht, seinen Onkel zu einer bessern Ansicht zu bekehren. »Ich an deiner Stelle würde es anders machen«, sagte er nach einer Pause.
»So! Und wie denn?«
»Ich ließe mir Geld aus der Heimat schicken. Du hast ja in unsern Dünen dein Vermögen aufbewahrt.«
Geerd Kluin beobachtete unruhig das offene Gesicht des jungen Mannes. »Mein Vermögen!« sagte er ärgerlich, »Vermögen! Ich bin ein armer Mann, der höchstens einen Sparpfennig besitzt. Kein Mensch kennt die Stelle, wo das Geld liegt.« »So mußt du sie irgendeiner vertrauten Person nennen. Meiner Mutter zum Beispiel – da gehst du ja doch sicher.«
Der Alte murmelte in sich hinein. »Sicher gehen«, sagte er, »sicher gehen – ja, wenn die Menschen ehrlich wären! Irgend jemand stiehlt mir mein Geld; der, den die alte Frau hinausschickt, um es zu holen, oder der, dem es anvertraut wird. Nein, nein, ein Geheimnis, das mehr als eine Person kennt, ist nicht länger ein solches.«
Onnen schwieg. Es war Nacht geworden, die Zigeuner schliefen längst, auch ihm selbst fielen die Augen zu. Geerd Kluin teilte für diese Nacht das Strohlager des jungen Mannes, aber auch im Schlafe kam ihm der Gedanke an die Versammlung, welche er belauschen wollte, nicht aus dem Sinn.
»Sie sitzen doch im Speicher«, murmelte er, »doch! – Ein andres Mal! – Der dumme Junge hat Gewissensbedenken! – lächerlich. Ich will wieder Geerd Kluin werden – Geerd Kluin!«
Onnen wachte noch; er dachte nur eins: »Ich will den Obersten warnen.«
