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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 36

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19

»Feuer! Feuer!«

Ein blutroter Flammenkranz umgab die Stadt. Vor dem Dammtor, auf allen Wällen, auf dem Hamburger Berge loderten die Feuersäulen gen Himmel, in den Straßen liefen die Bewohner wie außer sich umher; jeder einzelne fragte, weinte, rang die Hände, niemand konnte Auskunft geben.

Zuerst glaubten die Leute an ein Unglück, dann wurden sie verwirrt und schließlich von Verzweiflung ergriffen. Am Abend vorher war Marschall Davoust durch Hamburg geritten und hatte seinem Adjutanten die zum Verbrennen ausersehenen Häuser oberflächlich bezeichnet – heute morgen erschienen Soldaten, trieben mit blanker Waffe die Bewohner hinaus und legten Feuer in die Zimmer, die Betten und Schränke.

Vor der Kirche auf dem Hamburger Berge stand eine Rotte verwilderter Pariser, umgeben von einer doppelten Anzahl Zivilisten; es waren keine Offiziere zugegen, die Soldaten scheuten sich daher auch nicht, mit den Kolben die Türen einzuschlagen und um den Inhalt der Armenbüchse jetzt schon zu streiten.

Das eisenbeschlagene Tor gab nach, es stürzte und die ganze Schar wälzte sich in den innern Raum der Kirche. Eine brennende Teerbütte wurde mitgeschleppt, Altar und Kanzel angezündet und dann die Bänke, die Bilder an den Wänden zerstört. Der Armenblock lag in tausend Trümmern; den Inhalt hatten die Soldaten unter Schimpfen und Prügeln an sich gerissen.

Von hier ging es weiter bis zu den nächstliegenden Häusern. Die Bewohner, belehrt durch das Geschehene, trugen in fliegender Hast auf die Straße hinaus, was sie zu retten wünschten; ganze Berge von Betten und Möbeln stapelten sich in den zum Teil engen Gassen, Tiere brüllten, quiekten und gackerten durcheinander, der Budenbesitzer brachte seine Marionetten, Polichinell seine Schellenkappe in Sicherheit.

Aber auch Wiegen mit ganz kleinen Kindern standen auf den überfüllten Straßen, Todkranke, Fiebernde lagen in ihren Betten, dem Regen und der Sonnenglut schutzlos ausgesetzt – Leichen in Särgen, die von den Franzosen scheu gemieden und von dem gereizten Pöbel als Gegenstand roher Scherze mißbraucht wurden.

Jetzt ging es an ein Krankenhaus. Der Hausverwalter wollte an der Schwelle desselben den eindringenden Soldaten Widerstand leisten und wurde sogleich zu Boden geschlagen. Über seinen verstümmelten Körper ging es hinein in die Stätten des Elends.

Eine Anzahl bespannter Lastwagen hielt vor den Türen; durcheinander schwatzend in roher Eilfertigkeit packten die Soldaten alle Arten von Kranken, halbverhüllt wie sie waren, auf das Stroh und trieben zu gleicher Zeit die, welche noch gehen konnten, mit flacher Klinge hinaus.

Sterbende, Bewußtlose wurden den Betten entrissen – nun erhob sich der Sturm, welcher in den Seelen der Zuschauer so lange schon gefesselt lag; sie drangen auf die Franzosen ein. Jammernde Frauen warfen sich auf die Kranken, Mütter hielten ihre Kinder, der Freund den Freund umfaßt, laute Weherufe drangen zum Himmel empor.

Kräftige Fäuste fielen den Pferden in die Zügel, rissen die Soldaten vom Kutschersitz. »Wohin wolltet ihr die Kranken bringen?« hieß es.

»Fort! Fort! Je ne sais pas!«

»Also nur hinaus, gleichviel wohin?«

»Oui! Oui! Fort!«

Ein herkulischer Hamburger, ein sogenannter Heuerbaas trat den Soldaten entgegen, beide Fäuste geballt, das Gesicht weiß vor maßloser Wut. Er deutete mit der Rechten auf ein nahestehendes, vom Keller bis zum Dachstuhl brennendes Haus, dann auf die leblose Gestalt eines jungen Menschen, der im Stroh eines der Wagen lag und mit seinem von der Krankheit verzerrten Antlitz völlig einer Leiche glich.

»Gestern abend noch sagte mir der Arzt, daß mein Kind gerettet werden könne!« schrie er, »nur vollständige Ruhe brauche der arme Schelm, Schlaf und Stille – jetzt mordet ihr ihn, nachdem ihr mein Haus in Brand gesteckt habt, ihr Schurken! Ich bin ein Bettler, mir ist alles geraubt – seid verflucht dafür, verflucht bis in den letzten Abgrund der Hölle!«

Er schlug mit den bloßen Fäusten auf die Franzosen ein, andre folgten seinem Beispiel, es entspann sich ein allgemeiner Kampf, bei dem natürlich die Soldaten Sieger blieben. Ströme von Blut bedeckten das Straßenpflaster; zwischen den brennenden Häusern lagen Tote und Verwundete am Boden, immer weiter griffen die Flammen, hierhin und dorthin ohne Widerstand, immer mehr einzelne Trauerzüge bewegten sich nach allen Richtungen. Wer sein Kind, seinen Freund oder Bruder unter den vertriebenen Kranken wußte, der eilte herbei, um das teure Leben zu retten. Weiterhin gegen Altona öffneten sich die vom Brande verschonten Häuser und nahmen die unglücklichen Opfer auf, während solche Verlassene, denen hier am Orte kein Freund, kein Angehöriger lebte, unter Gottes freiem Himmel, halb nackt auf faulendem Stroh ihr Dasein aushauchten. Mit zerschlagenen Gliedern lagen die Verteidiger am Boden – im Geschwindschritt rückte eine Kompanie Franzosen heran. Der Pöbel flüchtete – sechs Gefangene wurden, an Händen und Füßen gefesselt, den Truppen überliefert.

Darunter der Heuerbaas. »Rettet meinen Sohn!« schrie er wie außer sich. »Da liegt er immer noch auf dem offenen Wagen – o Gott im Himmel, rettet ihn doch!«

Niemand hörte den armen Vater; er wurde fortgeschleppt, während sein Sohn den letzten Kampf des Lebens kämpfte. »Ich besitze ja noch einen Anteil an einem Schiff!« schrie er, »Geld! Geld! Ihr sollt alles haben, aber rettet meinen armen Jungen!«

Vergebens! Kanonen wurden aufgepflanzt, um unter ihrem Schutze das Werk der Zerstörung fortzusetzen; die sechs Gefangenen warf man in irgendeine lichtlose Höhle, die Wagen mit den Sterbenden wurden auf das Heiligengeistfeld hinausgeschoben und dort ihrem Schicksal überlassen.

Am andern Morgen begann dann an derselben Stätte, dem großen freien Platze vor dem Millerntor, ein schauerlicher Akt. Wo jetzt die eleganten Paläste der Eimsbütteler Straße stehen, da drängte sich Kopf an Kopf eine bange, zitternde Menge. Was war es, das die Soldaten zimmerten?

Ein großer Galgen – eine Richtstätte.

Da gab es keinen Prozeß, kein Recht und kein menschliches Verfahren. Marschall Davoust unterzeichnete für sechs unbescholtene Hamburger Bürger, für Männer, welche ihre kranken Angehörigen verteidigt hatten, das Todesurteil, dem die Vollstreckung auf dem Fuße folgte. Ohne Begleitung eines Geistlichen, ohne daß man ihnen gestattet hätte, das Blut von Gesicht und Händen zu waschen, wurden die sechs braven Patrioten hinausgeführt.

»Sie kommen!« murmelte die Menge. »Sie kommen!«

Frauen fielen in Ohnmacht, Männer wurden blaß wie Sterbende; aller Augen sahen hinüber zum Millerntor, von dem der Zug ausging.

Der Vorderste war der Heuerbaas. Ohne Mütze, mit zerrissenen Kleidern und verworrenem Haar, das Gesicht von Blut bedeckt, so ging er schwankenden Schrittes in der Mitte der Soldaten; sein linker Arm hing schwer wie Blei, regungslos am Körper herab.

Als der Zug unter dem Galgen hielt, sah der unglückliche Mann, mühsam den Kopf bewegend, hinüber zu seinen schluchzenden Mitbürgern. »Leute«, sagte er, »liegt mein armer Knabe noch dort auf dem Wagen?«

Ein Schifferknecht in der Menge schüttelte traurig den Kopf, »Nein, Wilm von Spreckelsen, ich hab‘ ihn in mein Haus getragen.«

»Und er lebt noch, Hein?«

Der Schiffer sah zu Boden, er winkte mit der Rechten. »Gott wollte es anders, Baas – meine Frau und ich taten was wir konnten!«

Der Gefangene nickte. »Es ist gut so, Hein. Was sollte der arme Johannes auch leben? Er wäre zugrunde gegangen ohne mich. Aber ich danke dir, Mann, auch deinem Weibe – Gott segne euch beide!«

Die Frau des Schiffers fiel auf ihre Knie, sie hob die gefalteten Hände empor. »Geht ein zum Frieden, Baas«, rief sie, »Gott schenke Euch eine selige Urständ! Ihr habt uns in manchem harten Winter geholfen, habt uns beigestanden in aller Not, das soll Euch die Erde leicht machen!«

»Ja, ja«, rief eine alte, halblahme Frau, »der liebe Heiland vergelte Euch, was Ihr Gutes getan habt – an mir und an andern!«

»Es ist keiner, der Euch nicht hochachtet, nicht bedauert, Wilm von Spreckelsen!«

»Geht heim in Frieden und Gott wird Euch gnädig sein!«

Der Heuerbaas nickte. »Ich danke euch, Landsleute! Hab meine Grabrede noch bei Lebzeiten mit angehört, das freut mich! Gott sieht auf das Herz – na und darin wird er ja keine argen Gedanken finden.«

Auch den übrigen fünf Verurteilten hatten einzelne aus der Menge Abschiedsworte zugerufen, während die Franzosen ihren Opfern die Röcke auszogen und ihnen die Schlingen überwarfen.

Ein kurzes Durcheinander, ein schnelles Hantieren und die Versammelten bargen schaudernd ihre Gesichter. Am Galgen hingen sechs Gerichtete – Bürger, die es gewagt hatten, die Hände gegen französische Soldaten zu erheben.

Sogleich nach vollzogener Exekution marschierte das Militär mit gefälltem Bajonett den dichtgedrängten Massen entgegen und trieb die Tausende vor sich her. Die Leichen blieben am Galgen hängen, wohl zur Warnung für die Lebenden – erst nach längerer Zeit wurden die mit Lumpen bedeckten Skelette herabgenommen.

In der Gegend des Grindels, vor dem Dammtor und auf den Kirchhöfen ging unterdessen die Zerstörung ebenso emsig fort wie auf dem Hamburgerberge, wo in zwei Tagen und Nächten 881 Wohnhäuser, 103 Fabriken und 454 Buden nebst der doppelten Anzahl von Ställen, Schuppen und Hintergebäuden den Flammen zum Opfer gefallen waren.

Vor dem Dammtore standen die Häuser der Reichen; auch hier wüteten Feuer und Zerstörung mit gleicher entsetzlicher Macht, wenn auch ohne jenen Lärm, jene laute Klage, in die das niedere Volk bei seinen Leiden ausbricht. Die Bewohner dieser Paläste waren längst geflüchtet, ihr Eigentum geraubt oder konfisziert – nur die Baulichkeiten standen noch und fielen jetzt knisternd und knatternd dem gefräßigen Elemente zum Opfer.

Ebenso die Grabdenkmäler rings um das Dammtor her. Davousts Mordbrenner hatten die Steine und Kreuze zerschlagen, die Gebüsche herausgerissen, die Blumen zertreten und die Einfriedigungen niedergeworfen.

In diesen Tagen erschien auch wieder eine neue französische Proklamation. »Alles vorhandene Holz, alle Korbweiden, Eisenbeschläge, aller Hanf und Teer sind für den Dienst der Stadt konfisziert. Niemand darf von den genannten Gegenständen etwas für sich zurückbehalten, niemand etwas verkaufen oder verstecken, bei Strafe augenblicklichen Todes oder doch mindestens der Landesverweisung.«

Ganz Hamburg rauchte wie ein einziger ungeheurer Schlot. In der Hafengegend wurden mächtige Bollwerke errichtet, aller Handel zur See oder zu Lande war abgeschnitten, halb St. Pauli in einen Schutthaufen verwandelt und die Kirchhöfe verwüstet. Jetzt zog das Unwetter gegen die gefüllten Speicher und Holzlager heran; Scharen von Soldaten schleppten die Früchte langjährigen Fleißes davon, unbekümmert um die Verzweiflung derer, welche sich des letzten beraubt sahen.

Eines Tages wurde ein großes Holzlager in der Gegend des Mastberges ausgeplündert, als Mikosch und Onnen des Weges kamen. Der kommandierende Offizier trat sofort an sie heran. »Hierher, Vagabunden, zugegriffen, marsch! Bringt das Holz auf die Wagen!«

Eine Weigerung hätte den Kopf kosten können. Onnen begab sich daher sogleich an die Arbeit, während Mikosch, klug genug, den gestrengen Herrn bat, ihm die Kunststücke seines Bären zeigen zu dürfen. Die Soldaten lachten, es gab Trinkgelder und der schlaue Zigeuner fand Gelegenheit zu entschlüpfen.

Im Bretterschuppen stand mit verschränkten Armen ein junger Mann – Onnen erkannte ihn auf den ersten Blick; es war der, welcher ihn damals in der geheimen Versammlung angeredet hatte; jetzt sah er starr vor sich hin, wie jemand, dessen Blicke auf ein offenes Grab gerichtet sind.

Onnen berührte leise seinen Arm. »Herr Pehmöller!«

Der Kaufmann schrak auf. »Ach – Sie sind es! Jetzt kann ich mein Firmenschild herunternehmen und betteln gehn. Vielleicht auch mit einem Bären!«

Die Tränen des Zornes blitzten in seinen Augen. »Sie schleppen auf Kommando auch mit, nicht wahr? Nur immer zu; wer mein Eigentum davonträgt, ist schließlich gleichviel.«

Onnen fühlte sich äußerst peinlich berührt »Wird man Ihnen denn nicht wenigstens einen mäßigen Ansatz vergüten, Herr Pehmöller?« fragte er leise.

Der Geplünderte lachte laut auf. »Vergüten? – Aber wartet, ihr Schufte, wartet, jetzt bindet mich nichts mehr an Hamburg, auch die meisten andern nicht – sie sind alle ruiniert wie ich. Es bleibt nur noch übrig, seinen unstillbaren Haß, sein Leben gegen die Unterdrücker in die Schale zu werfen.«

Er zwang sich gewaltsam zur Ruhe. »Heute abend ist außerordentliche Versammlung an der bekannten Stelle«, sagte er. »Es sind Briefe von den bei Tettenborns Korps stehenden Kameraden gekommen – wir müssen eine neue Kompanie bilden. Oho, es geht alles trotz der Franzosen! Major von Pfuel verlangt Ersatz und der soll ihm werden.«

»Sie gehen also fort zum Kriegsschauplatz, Herr Pehmöller?«

»Hunderte gehen, Hunderte aus Hamburgs besten Familien. Einzeln gelangen wir nach Altona und von dort über die Elbe. Haben sie nicht erst kürzlich gelesen, was alles zur Strafe für die Abwesenden angedroht wird? Ihre Güter sind dem Sieger verfallen, sie zahlen ungeheure Strafsummen, sie sind des Landes verwiesen, ehrlos, Hochverräter und Gott weiß was alles! – Adieu übrigens – ich mag‘s nicht länger mit ansehen!« Er ging fort, Verzweiflung im Herzen. Rechts und links schleppten die Soldaten davon, was die Arbeit seiner Vorfahren, seine eigne unermüdliche Tätigkeit in einer langen Reihe mühevoller Jahre zusammengetragen hatte. Stapel nach Stapel verschwand, Haufen nach Haufen, ein Balken, ein Baum nach dem andern. Leer und verödet gähnten die Schuppen.

Draußen auf der Straße vor dem hochgiebeligen alten Kaufmannshause hatte unterdessen eine Szene noch trostloserer Art ihren Anfang genommen. Während vom Hofe das Besitztum des Holzhändlers einfach weggeschleppt wurde, brachen Soldaten in das geschlossene Wohnhaus und trugen Typhuskranke hinein, indem sie befahlen, denselben sogleich Betten zu verschaffen und sie auf das sorgfältigste zu verpflegen.

Die junge Frau des Kaufmanns schrie laut auf, so heftig und plötzlich war ihr Erschrecken. »Meine Kinder!« rief sie voll Todesangst, »meine Kinder! – Nein, nein, ich kann keine Kranken aufnehmen – hinaus, hinaus, ehe die Luft mit Ansteckungsstoffen erfüllt wird!«

Der Offizier, welcher das Kommando führte, verbeugte sich artig, aber er bedauerte, an dem einmal gegebenen Erlaß durchaus nichts ändern zu können. »Der Herr Marschall, Prinz von Eckmühl befiehlt!« weiter antwortete er keine Silbe.

»Aber weshalb denn gerade dies Haus?« rief händeringend die junge Frau. »Kann man nicht ein öffentliches Gebäude nehmen?«

»Es stehen schon vierhundert Häuser, öffentliche und private, im Dienste der Regierung, Madame. Unsre kranken Soldaten bedürfen der hohen, gutgelüfteten Säle – wir nehmen dieselben natürlich, wo sie zu finden sind. Ein Zimmer für Ihren besonderen Gebrauch wird Ihnen indessen unter jeder Bedingung gelassen werden.«

Frau Pehmöller zog ihre beiden Kinder zu sich, sie war vor Furcht fast von Sinnen. »Wo ist mein Mann?« rief sie. »Karl! Karl! – Hat niemand ihn gesehen?«

Die beiden Dienstmädchen weinten. Zu zwei und zwei trugen französische Soldaten ihre todkranken Kameraden in das Haus, in jedes Zimmer, jeden Raum, wo irgendein Mensch Quartier finden konnte; sie plünderten die Betten, die Leinenschränke, sie holten aus dem Stall Heu und Stroh herbei und schütteten es rücksichtslos auf Möbel und Teppiche, deren Wert nach Tausenden zählte.

Frau Pehmöller mußte endlich erfahren, was sich auf dem Holzplatz zugetragen, sie begann neben allem übrigen jetzt auch für ihren Mann zu fürchten, nahm kurzentschlossen das jüngste Kind auf den Arm, das ältere an die Hand und verließ ihr Haus, in welchem sie bis vor einer halben Stunde glücklich und zufrieden gelebt, im Besitz eines gesicherten Wohlstandes und einer schönen geräumigen Heimat – jetzt eine Bettlerin, der nichts mehr geblieben, als nur die beiden weinenden Kinder und der Glaube an Gottes ewige Gerechtigkeit.

Weinend und händeringend folgten ihr die Mägde. »Wohin mit uns, Frau? Um Gott, wir können jetzt in dem Hause nicht mehr bleiben.«

Die Unglückliche schüttelte leise den Kopf. »Ich weiß es nicht, Hanne und Dore – ich hab‘ ja selbst keine Heimstätte mehr! Ach, wäre mein Mann hier!«

Sie eilte auf die Straße hinaus, ihre Kinder an sich drückend, verwirrt, vor Furcht und Schreck beinahe bewußtlos. Französische Soldaten füllten den Platz, Wagen mit Kranken und Sterbenden hielten überall, aus den benachbarten Häusern flüchteten die Einwohner, ohne zu wissen, wohin. Alte Leute, Kinder, Krüppel und Säuglinge, alles wurde hinausgeschoben und niemand fragte, wer die Vertriebenen aufnehmen solle.

Onnen näherte sich voll tiefen Mitleids der jungen Frau; er dachte an den Tag, wo auf Norderney die englischen Handelsartikel so freventlich verbrannt wurden, und an die arme alte Folke Eils, die sein verstorbener Vater mit sich nahm, um ihr barmherzig und freundlich in seinem Hause eine Zuflucht zu gewähren – heute stand Frau Pehmöller mit ihren Kindern so verzweifelt auf der Straße, hilflos und ohne Heimat; er wollte sich der Unglücklichen annehmen, so gut es ging.

»Madame«, sagte er, höflich den Hut ziehend, »lassen Sie mich das Kind tragen. Ihr Herr Gemahl sprach noch vorhin mit mir!«

Ein Freudenschimmer überflog das blasse Gesicht der Dame. »Schickt Herr Pehmöller Sie zu mir, mein Lieber?« fragte sie hastig.

»Das allerdings nicht, Madame, aber ich finde Gelegenheit, ihn heute abend zu sehen. Einstweilen darf ich Ihnen gewiß meine Dienste anbieten – Sie haben Freunde, zu denen Sie gehen werden?«

Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Erst möchte ich doch mit meinem Manne sprechen! – O Gott, was ist aus Hamburg geworden!«

Sie weinte bitterlich. »Wohin mit den kleinen Kindern? Alle, die wir kannten, mit denen wir befreundet waren, sind längst auf und davon.«

»Sie wissen also nicht, wohin Sie sich jetzt wenden sollen, Madame?«

Frau Pehmöller seufzte. »Ich muß in ein Wirtshaus gehen – in irgendein Hotel. Ob wohl die Franzosen unsere Schränke respektieren werden? Es liegt noch eine größere Summe im Kasten, alles Geld, was wir besaßen.«

Onnen antwortete ausweichend; er wußte ja nur allzu wohl, daß sich die Soldaten nichts entgehen lassen würden, aber das erfuhr die arme Frau immer noch früh genug, und so geleitete er sie in ein Hotel, fest entschlossen, das Mitleid der Baronin Liliencron für die Unglückliche zu gewinnen. Ihr war alles verloren, da ja ihr Mann zur Hanseatischen Legion ging und vielleicht im Augenblick gar nichts für sie zu tun vermochte.

Zunächst trug er das kleinste Kind in ein Hotel und eilte dann nach Hause, um seinen Anzug zu säubern und sich nach Altona zu begeben.

Am Millerntor mußte er seinen Erlaubnisschein vorzeigen und stand dann draußen auf dem Aschenfelde, das vorhin eine kleine Stadt für sich gewesen und wo jetzt Handel und Verkehr für lange Zeit schwer geschädigt daniederlagen. Vom Heiligengeistfelde herüber nickten im Wind die Körper der Gehängten, Schutt und Trümmer lagen auf den Straßen, obdachlose Menschen wohnten in Zelten und in Holzbaracken, alle Geschütze der Bastionen rings um Hamburg kehrten ihre toddrohenden Mündungen gegen die Stadt selbst.

Als unser Freund das Nobistor passiert und Altona erreicht hatte, glaubte er sich für den Augenblick in eine andre Welt versetzt. Hier war alles ruhig und friedlich, jeder Bürger arbeitete, Kinder spielten auf den Straßen, Händler riefen ihre Waren aus. Kaum eine Viertelstunde von der eigentlichen Stadt Hamburg entfernt und unmittelbar an das dazwischenliegende Sankt Pauli grenzend, schien Altona von den Wirren und Kämpfen, welche das Nachbargebiet durchtobten, vorläufig in keiner Weise berührt.

Am Quäkertor lag das stattliche Haus, in welchem jetzt der Baron wohnte. Ein großer Garten und mehrere Hintergebäude umgaben den Besitz; hier grünte und blühte der Hochsommer in vollentfalteter Pracht, alte Kastanien ragten über die Mauern und Fruchtbäume bogen sich unter dem Segen an ihren Zweigen.

Onnen wurde sogleich vorgelassen; er fand die Familie im Garten versammelt und sah sich von den Kindern auf das lebhafteste bewillkommnet, obgleich alle vier sehr enttäuscht fragten, ob er denn den Bären diesmal zu Hause gelassen habe. Es gab einen großen Korb voll Fallobst, das Ruff verzehren sollte; die Knaben zogen ihn hervor und Onnen mußte feierlich versprechen, den vierbeinigen Freund bei seinem nächsten Besuche jedenfalls mitzubringen.

Ihm klopfte das Herz, als er dem Obersten entgegenging. »Noch kein Brief aus Norderney!« er las es schon in dem Gesichte des gütigen Mannes, aber dieser tröstete ihn sogleich, daß der betreffende Freund aus Emden erst in den nächsten Tagen zurückerwartet werde und daß er sich daher nur noch kurze Zeit gedulden müsse – dann fand Onnen Gelegenheit, bei der Baronin für die arme Frau Pehmöller eine Bitte auszusprechen.

»Den Leuten ist alles genommen«, sagte er, »geradezu alles.«

»Wie so vielen andern auch«, nickte der Baron. »Ich habe von dieser grausamen Maßregel schon gehört. Der Wohlstand unzähliger Familien ist mit einem einzigen Feldzuge des Gewaltherrschers vernichtet.«

Die Baronin sah zu ihrem Manne hinüber. »Was denkst du, Papa?« fragte sie.

»Ja – als ob du es nicht wüßtest, Mama!«

»Freilich!« sagte sie mit glücklichem Lächeln. »Ich weiß es! Wer wird die arme junge Frau hierherbringen, du oder ich?«

Der Baron stellte schleunigst die Pfeife in eine Ecke. »Ich selbst, Mama – du sollst mir denn doch lieber nicht nach Hamburg kommen.«

Er fuhr mit der Rechten durch Onnens Haar und lachte, als ein wenig Schwärze an seinen Fingern zurückblieb. »Laß dich einstweilen gehörig sättigen, du unechter Zigeuner, ich denke, daß in Hamburg Schmalhans den Küchenmeister spielt, nicht wahr? – Es muß hier noch rote Grütze stecken und eine tüchtige Fleischportion, das nimm nur alles zu dir, Bursche!«

Dann ging er davon und Onnen blieb vorläufig mit den Kindern im Garten allein. Die Baronin, selbst beschäftigt, für ihren neuen Gast ein Zimmer herzurichten, ließ ihm einen reichlichen Imbiß auftragen und die Kinder brachten ihm mehr Früchte als sogar sein äußerst leistungsfähiger Magen zu fassen vermochte.

»Das ist so recht etwas für Papa«, sagte der älteste Knabe. »Wo er armen Leuten oder sonst Bedrängten helfen kann, da läßt er sich nicht lange bitten. Einmal wurden ihm auf unserm Gute bei Wandsbeck immer Rüben vom Acker gestohlen und eines Nachts legte er sich persönlich auf die Lauer, um den Dieb zu erwischen. Als alles still und dunkel geworden war, erschien eine Frau, die schnell ihre Schürze mit Rüben füllte und davonlief – Papa eilte ihr nach. Da sah er durch das Fenster der Kate, wie sie ihren kleinen Kindern die rohen Früchte zu essen gab und bitterlich dabei weinte. Der Diebstahl war aus Armut geschehen – und was tat Papa? Er brachte die ganze Familie zu uns aufs Gut, er hat sie wieder zu ehrlichen, zufriedenen Menschen gemacht!«

»Und einmal fuhr er uns mitten in der Nacht eine abgebrannte Kätnerfamilie ins Haus«, rief der zweite Knabe. »Jedes von uns mußte einen kleinen Bauernjungen zu sich ins Bett nehmen – das gab viel Spaß.«

»Mir kannst du übrigens gerade gut bei meinen Schularbeiten helfen«, fuhr er fort. »Ich soll heute alle Flüsse in Ostfriesland herzählen und die Wattflächen aufsuchen.«

Er brachte eine Landkarte herbei und nun vertiefte sich Onnen mit ganzer Seele in die Erinnerung an seine geliebte Heimat. »Hier liegt das Watt zwischen Hilgenriedersiel und Norderney, hier das zwischen Neßmersiel und Baltrum – da, wo mein armer Vater in die Hände der Franzosen geriet!«

Beide Knaben trösteten ihren jungen Freund, die kleinen Mädchen brachten ihre Bilderbücher herbei und so vergingen ein paar angenehme Stunden, bis plötzlich ein dänischer Soldat erschien und von seinem Herrn einen Brief an den Obersten abgab. Die Baronin nahm ihn mit einem schnellen Blick auf Onnen aus den Händen des Dienstmädchens. »Von Leutnant Knutsen«, sagte sie rasch, »es ist der Herr, welcher in Emden war – dieser Brief kann nur für Sie sein, mein lieber Onnen!«

Unser Freund wurde bald rot, bald blaß, er erhob sich unwillkürlich wie jemand, der ein schwerwiegendes Urteil empfangen soll; über seine Lippen kam vor lauter Aufregung kein Wort.

Die Baronin zerriß das Kuvert. »Herrn Onnen Visser«, las sie, »ich dachte es wohl. Möchte Gutes darin stehen, mein Freund! Hier, ich will es vor dem Obersten vertreten, daß sein Brief erbrochen wurde.«

Sie reichte gütig dem jungen Manne den lang ersehnten Schatz und nickte dann ihren Kindern. »Nun laßt unsern Besuch in Ruhe, ihr Kleinen; er will lesen, was ihm seine Mama schreibt, da dürft ihr ihn nicht stören.«

Die Kinder schlichen auf den Zehenspitzen davon. Onnen blieb allein in der Laube aus großblättrigem dunklen Efeu, allein mit den tausend flüsternden, nickenden Ranken und den Empfindungen, die mächtig flutend sein Herz bewegten.

Das war die steife ungeübte Handschrift der teuren alten Frau – sie lebte wenigstens, sie war wohl genug, um ihm schreiben zu können.

Er riß den Brief auf, bis oben in die Kehle hinein fühlte er den Schlag seines Herzens. »Mein Junge«, stand da, »mein lieber, einziger Onnen!« – Er schluchzte, er preßte beide Hände vor das Gesicht; erst nach Minuten war es ihm möglich, zu lesen.

Ja, gottlob, es ging der alten Frau gut, sie lebte immer noch im Hause des befreundeten Wattführers, und Uve Mensinga und seine Frau schickten ihm ihre herzlichsten Grüße. »Wie lang ist mir das Unglücksjahr geworden«, schrieb Frau Douwe, »wie sorgenvoll und schwer! Kam jemals eine Botschaft von den mörderischen Schlachten in Rußland zu uns nach Norderney, so zitterte mir immer das Herz in der Brust. Ich dachte aber doch, daß Du dem Leben erhalten sein müssest, ich hätte ihn hier gefühlt, den Streich, der Dein geliebtes Haupt traf, ich wäre mit Dir gestorben, Onnen, mein Liebling, mein letztes, teures Gut.

»Sage es allen denen, die Dich beschützt und Dir geholfen haben, daß Deine alte Mutter für sie betet, mein Junge, sage dem Zigeuner (es wird doch kein ungetaufter Heide sein?), daß ich ihn empfangen will wie einen Boten Gottes, wenn es mir vergönnt ist, Euch beide hier auf Norderney gesund und wohl vor mir zu sehen. Vertraue ihm nur ganz, mein geliebter Sohn, ehre und schätze ihn, als stände Dein armer lieber Vater selbst vor Dir; das hat er redlich um Dich verdient!«

Es folgten dann eine Menge Nachrichten von Freunden und Bekannten. »Die Hansens in Hilgenriedersiel leben auch so traurig und gedrückt dahin«, hieß es, »sie wissen von dem Schicksal ihres Sohnes nichts, natürlich, weil alle Postverbindungen abgebrochen sind; ebenso hat auch Amke Wessel von ihrem Bruder keine Nachricht. Jetzt will ich mich aber gleich aufmachen und den armen Seelen die gute Nachricht bringen – ach, wie wird sich Deine Tante freuen, wie wird sie weinen! Und höre, mein Herzensjunge, danke auch von mir dem Herrn Baron, daß er Deinen Brief in meine Hände brachte – Gott wird es ihm lohnen in seinen Kindern. Ich weiß ja gar nicht, wieviel Segen ich den guten Menschen wünschen soll, allen denen, die Dir geholfen haben, vornehmlich dem Zigeuner! Jemine, o Jemine, welch reichliche Zinsen hat es mir getragen, daß ich damals, als Du noch ein kleiner Knabe warst, den armen wandernden Leuten von unserem Überfluß ein wenig abgab – und es war doch nur Christenpflicht! Wenn das Dein Vater wüßte! Aber was sage ich! Er weiß alles, sieht alles, Gott kann mich und ihn nicht für immer getrennt haben, das sagt mir eine innere Stimme.

»Alle Leute hier auf Norderney fragen nach Dir, mein Junge, alle lassen Dich grüßen, besonders die alte Aheltje, Du weißt, die Hexe vom Wattstrand. Dann kommt sie an ihren Krücken in das Dorf gehumpelt und sieht mit dem verkümmerten Gesicht durchs Fenster. ›Heda, Frau, habt Ihr eine Nachricht von Eurem Sohne?‹ – Und so oft ich ihr mit Tränen antworten mußte, ›Ach nein, Nachbarin!‹ dann schüttelt sie den Kopf und geht fort. Einmal fragte ich sie: ›Was wollt Ihr denn von dem Onnen, Frau?‹ – aber sie verriet nichts. ›Das muß ich ihm selbst sagen, nur ihm selbst. Adjes, Adjes; wenn er kommt, laßt mich‘s wissen.‹

»Kannst Du Dir denken, was es nur ist, mein Junge? Aber einerlei, Wichtigkeit wird‘s ja in keinem Falle haben. Höre, Onnen, Du bist nun in Hamburg und siehst die Leute, welche dort leben; auch mein einziger Bruder ist darunter, wie Du Dich wohl noch erinnerst, vielleicht begegnet er Dir einmal, so daß Du ihn grüßen kannst und ihn bitten, mir doch gelegentlich zu schreiben. Es ist Sonntagmorgen, mein Junge, ich will zur Kirche und Gott für seine Gnade danken. Bitte recht freundlich den Herrn Baron, daß er Dir später, wenn es ihm möglich ist, noch einen Brief besorgt. Du läßt Dir ja nicht träumen, wie sehr mich Deine lieben kindlichen Worte erfreut haben. Lebe wohl, mein Onnen, und Gott segne und behüte Dich tausendfältig!

Mit den innigsten Grüßen Deine treue Mutter Douwe Visser.«

Unser Freund faltete langsam den Brief zusammen. Auf seine Freude fiel ein unangenehmer Schatten, sobald er an den Bruder seiner Mutter erinnert wurde, an den Mann, der vielleicht binnen wenigen Stunden den Teilnehmern der geheimen Versammlung nachspüren und an ihnen zum Verräter werden würde. Er erhob sich rasch – das durfte nicht geschehen.

Um ihn her lag auf der sauberen kleinen Besitzung ein so tiefer Friede, daß er unwillkürlich zögerte, wieder auf die Straße und in den Kampf und Hader der Verhältnisse hinauszutreten. Aber es mußte sein, und er entschloß sich daher kurz.

Die Baronin verwahrte ihm auf seine Bitte hin den Brief, welchen er nicht in der Tasche zu tragen wagte, dann nahm er Abschied und ging schleunigst nach Eichholz, wo Geerd Kluin offenbar schon wartete.

Der kränkliche alte Mann schien sehr aufgeregt, er rieb die Hände und blinzelte. »Heute ist wieder einmal in Hamburg der Teufel los«, sagte er. »Du solltest nur den Lärm auf den Holzplätzen und in den Eisenlagern sehen – stellenweise sind die ausgeplünderten Leute den Franzosen mit Beilen und Knitteln zu Leibe gegangen.«

»Und rechts und links werden Schanzarbeiter gepreßt«, setzte Mikosch hinzu. »Man kann nicht mehr mit Sicherheit auf der Straße erscheinen.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain