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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 37

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Geerd Kluin winkte seinem Neffen. »Komm her, Onnen, ich will dir etwas sagen. Der Zigeuner braucht es nicht zu wissen!«

Unser Freund setzte sich zu ihm. Auf dem mageren Gesicht des Alten wechselte die Farbe; seine Hände zitterten nervös. »Du, Onnen«, flüsterte er, »ich habe einen Plan!«

»So!«

»Weshalb bist du so einsilbig? Es gibt einen Fang, sage ich dir!«

»Welcher Art, Onkel?«

»Höre mich an! – Heute abend wird, wie ich bestimmt glaube, wieder in dem Speicher an den Vorsetzen eine Versammlung stattfinden; die Leute sind erbittert, außer sich, sie beraten irgendeine politische, gegen die Franzosenherrschaft gekehrte Maßregel, sie sprechen Dinge, deren Kenntnis Marschall Davoust teuer bezahlen würde.«

Onnen nickte. »Und was kümmert das uns, Onkel?«

»Nun«, rief eifrig der Alte, »wir könnten ja dem Herrn Marschall diese Kenntnis für guten Preis verkaufen!«

»Indem wir die Leute belauern und einen französischen Wachtposten herbeiholen?«

»Ja – aber das müssen wir beide miteinander ausführen. Einer allein kann es nicht unternehmen.«

Onnen fühlte, daß er errötete. »Onkel«, flüsterte er, »so gib doch derartige Pläne auf. Es wäre Blutgeld, das du erhieltest.«

»Ich will gar kein Geld haben«, rief der Alte. »Nichts als meinen ehrlichen Namen, meine Heimat soll mir der Marschall wiedergeben und höchstens ein paar Taler, um mit irgendeiner Fischerbark nach Emden zu kommen. Ich will Geerd Kluin heißen, nicht Martin Kracht, ich will nach Hause nach Norderney und dort den Franzosen meinetwegen alle möglichen Steuern bezahlen – nur von hier fort um jeden Preis.«

Onnen schüttelte den Kopf. »Um diesen nicht, Onkel. Vergißt du denn so ganz und gar deine deutsche Abstammung? Magst du den Feinden des Landes als Spion dienen?«

Der Alte zuckte die Achseln. »Ich würde mich am liebsten um gar nichts bekümmern«, gestand er, »ach Gott, am allerliebsten. Aber das elende Leben, das ich führe! – Soll ich denn am Ende gar als Martin Kracht hier sterben und begraben werden? Es sticht in meiner Brust, es hämmert im Kopf – nein, nein, die Geschichte muß aufhören. Ich will dem Marschall die Versammlung anzeigen, aber mir vorher Gnade erbitten. Weshalb sollte ich denn nicht wieder Geerd Kluin heißen dürfen? Ich habe den Franzosen nichts zuleide getan!«

Onnen suchte ihn abzulenken. »Das von den Versammlungen will mir gar nicht einleuchten«, sagte er. »Du träumst, Onkel!«

»O Gott bewahre, ich weiß, was ich sage. Die Verschwörer sitzen in dem Gange hinter den Vorsetzen – ich muß nur noch herausbringen, in welchem Hause.«

»Also das weiß er nicht«, dachte Onnen. »Gottlob!«

Und laut fügte er hinzu: »Warum sollten die Leute denn gerade heute abend eine Versammlung abhalten?«

Der Alte kicherte. »Ich beobachte sie schon seit Wochen«, sagte er. »Ein Makler ist ihr Bote, er kann ja, ohne Verdacht zu erregen, in jedes Haus gehen, er bringt die Nachrichten von einem zum andern. Heute vormittag war er unterwegs.«

Onnen lächelte scheinbar ungläubig. »Torheit, Onkel!« flüsterte er.

»Durchaus nicht, mein Junge. Jener Speicher gehört dem Kornhändler Rosenberg, er hat Türen nach verschiedenen Höfen und Gängen hinaus, er stößt an die Gebäude mehrerer andrer Kaufleute, die gleichfalls Verschworene sind. Da ist es beinahe unmöglich, die Leute abzufangen – sie haben Auswege nach allen Seiten hin. Du mußt mit mir gehen, Onnen; willst du?« »Nein, Onkel. Da du mich so rund heraus fragst, bin ich dir eine offene Antwort schuldig. Bei einer Verräterei will ich nicht beteiligt sein.«

Der Alte schwieg verdrießlich, dann stand er auf und ergriff seine Mütze. »Adieu, Onnen; da du mich im Stiche läßt, so muß ich mir einen ändern Verbündeten suchen.« »Adieu, Onkel!«

Noch in der Tür kehrte sich Geerd Kluin wieder um. »Besinne dich, Onnen!«

Ein Kopfschütteln antwortete ihm, dann ging er fort. Unser Freund sah ihm unruhig nach. Was würde vielleicht die nächste Zukunft bringen?

Es war jetzt fast Abend; in zwei Stunden hatten sich die Verschworenen zusammengefunden und konnten möglicherweise an den blutgierigen Marschall verraten werden; dann brach über eine große Anzahl geachteter Familien ein neues schreckliches Unglück herein. Die Mitglieder der Hanseatischen Legion gehörten zu denen, welche von der Amnestie für immer ausgeschlossen waren, ihre Güter hatte man eingezogen, ihre Namen als die von Hochverrätern gebrandmarkt – was würde also denen geschehen, die in Hamburg selbst, unter den Augen der Franzosen neue Anhänger warben und mit den im Felde Stehenden einen heimlichen Briefwechsel unterhielten?

Onnen fühlte, daß das Blut heiß durch alle seine Adern rann. Um neun Uhr abends hatte er damals die Verschworenen gesehen, es blieb ihm also zu einer Warnung nur wenig Zeit mehr übrig—aber wo sollte er sie anbringen?

»Mikosch«, sagte er hastig, »wenn ich in dieser Nacht ein wenig spät nach Hause komme, so nimm davon keine Notiz. Ich will ein Verbrechen verhindern.«

»Soll dich denn nicht lieber einer von uns begleiten, mein Junge? Alexei oder ich selbst gehen mit dir.« »Gewiß!« rief der jüngere Zigeuner. »Ich bleibe bei dir!« Onnen drückte seine Hand. »Heute nicht, Alexei. Wäre es meine eigene Angelegenheit, um die sich‘s handelt, so würde ich dich bitten, mit mir zu gehen, aber es betrifft die Verhältnisse dritter Personen. Mir selbst droht übrigens keine Gefahr!« » Sollen wir uns irgendwo in den Hinterhalt legen?« fragte unruhig der Alte. »Alexei und ich, wir könnten dir doch Beistand leisten.« Onnen dachte nach. »Mikosch«, sagte er, »ich habe ein bestimmtes Versprechen der Geheimhaltung keinem Menschen gegeben, daher darf ich euch beide wohl, soweit es dringend erforderlich ist, ins Vertrauen ziehen. Kennt ihr die Stelle, wo an den zweiten Vorsetzen die Holzkräne stehen?« »Gewiß!«

»Gut Dem fünften Krane gegenüber liegt ein schmaler Gang; vor dem Hause Nummer 6 desselben öffnet sich ein Hof mit einem dunklen, engen Zugang – wollt ihr dort heute abend um halb zehn Posto fassen?«

»Ja«, antwortete einfach der alte Häuptling. »Ja, Herr!« »Gut—dann lebt einstweilen wohl. Und noch eins! Kommt irgendjemand, den ihr kennt, es sei, wer es wolle, so haltet euch versteckt.«

»Das soll geschehen, Herr. Gib uns übrigens ein Losungswort; das dürfte doch für alle Fälle notwendig sein.« Onnen lachte. »Freiheit!« sagte er dann. »Wißt ihr etwas Besseres?«

»Laßt uns nur bei ›Freiheit‹ bleiben. Ich denke, es paßt zur Sache.«

»Gut also. Um halb zehn – und wenn —« »Martin Kracht des Weges kommt, so wird er erfahrene Spione wie uns nicht sehen, Herr, verlasse dich darauf.« Onnen fühlte, daß er errötete. »Lebt wohl!« rief er rasch. »Gott befohlen, Herr!«

Die beiden Zigeuner blieben rauchend auf dem Strohlager sitzen und unser Freund eilte fort, um auf dem Meßberg nach dem Holzhändler Pehmöller zu fragen. Vor der Tür stand ein Wachtposten; man gewährte ihm keinen Einlaß und konnte nur versichern, daß außer den Franzosen niemand im Hause sei; an drei anderen Stellen gab auf sein Klopfen keine Seele Bescheid – es war nicht mehr möglich, die Verschworenen zu warnen.

Er begab sich schnellen Schrittes in das Michaeliskirchspiel zurück, überall spähend und suchend, aber ohne eins der ihm bekannten Mitglieder jener Versammlung entdecken zu können. Nun war es vollständig dunkel, ein warmer, windstiller Abend, an dem der Himmel, mit schwarzen Gewitterwolken bedeckt, tief auf die Erde herabzuhängen schien. Kein Lüftchen regte sich, vom Dammtor herüber leuchtete die Glut mehrerer neuerdings verbrannter Häuser, alle Straßen waren leer, alle Fenster verhüllt. Wo im Freien vier Menschen beisammen standen, da wurde ja diese vielleicht zufällige Begegnung als politisches Komplott betrachtet und die Teilnehmer aus der Stadt verwiesen, ihr Hab und Gut konfisziert; man hütete sich also, auch nur einen Augenblick unnötig auf der Straße zu bleiben oder gar einen Bekannten zu grüßen – das eigene und das fremde Schicksal wurden dadurch gleich sehr bedroht.

Onnen hatte den Bleichergang erreicht; vorsichtig glitt er durch die engen Hinterhöfe desselben und dann durch einen anderen größeren Gang – vor ihm glänzte in einiger Entfernung die Laterne an der Ecke der Vorsetzen.

Etwas weiter hin lagen zur Rechten die beiden aneinanderstoßenden Speicher, dunkel und öde wie damals; der Gang war vollständig menschenleer.

Ob Mikosch und Alexei Wache hielten?

Aber er war ja davon ganz überzeugt. Schnell entschlossen bog er rechts ab in einen Nebengang, der hinter der Häuserreihe des Hauptweges dahinzuführen schien. Wenn die Speicher Ausgänge oder Parterrefenster nach den Höfen zu wirklich besaßen, so stand an denselben auch eine Wache und er konnte Einlaß gewinnen.

Alles dunkel ringsumher. Die Arbeiter, welche hier wohnten, gingen früh zu Bette – nur hinter den wenigsten Fenstern glänzte noch ein Lichtschimmer.

Onnen schlich weiter. Jetzt mußte er sich hinter dem Speicher Nummer 6 befinden; er sah empor – auch hier war kein Licht zu entdecken.

Da glänzte plötzlich vor ihm durch das Dunkel eine französische Uniform, eine Blendlaterne wurde rasch geöffnet und eine Männerfaust packte ihn am Kragen.

Stumm sah ihm ein Unteroffizier entgegen, wortlos, hastig spähend, dann sank die Hand von seiner Schulter. »Was wollen maken ici?« fragte der Soldat.

Onnen zog, schnell gefaßt, seinen Paß aus der Tasche. »Ich wohne hier!« versetzte er, dem Franzosen das Papier hinhaltend.

Dieser wehrte mit der Hand. »Gehen fort – au moment!« befahl er.

Onnen ließ sich‘s nicht zweimal sagen. Mit einem schnellen: merci, Monsieur! ging er auf das Geratewohl vorwärts und um die Ecke des Weges. Vor ihm öffnete sich ein Hof ohne Ausgang, eine Sackgasse, wie es deren in den Gängen von Hamburg so viele gibt – nun war guter Rat teuer.

Der Schweiß stand in großen Tropfen auf Onnens Stirn; nicht aus Furcht für die eigene Sicherheit, sondern weil er sich sagen konnte, daß der französische Unteroffizier ohne allen Zweifel Wache hielt, um den Verbündeten aufzulauern, und daß in den vielen dunklen Ecken und Winkeln der alten Mauern vielleicht zehn oder zwanzig Bewaffnete standen, die im gegebenen Augenblick vordringen und ihre Opfer überfallen würden.

Was nun? Er selbst war gefangen.

Starr und dunkel, ohne Zugang lag die Häuserreihe des vorderen Ganges. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als eines der niederen Gebäude zu betreten und – ja, was sollte er den Leuten sagen?

Nichts regte sich, die Luft war schwer und dumpf, ein leises Grollen und Murmeln am westlichen Horizont verkündete das Herannahen des Gewitters.

In einer Ecke der schiefen Häuserreihe glänzte Licht; auf gut Glück ging Onnen diesem Punkte entgegen und klopfte an die Tür. Mehrere gedämpfte Stimmen sprachen hinter derselben, eine Frau schien zu weinen; dann öffnete eine Hand die Tür.

Onnen hatte ein Gefühl, als werde ihm die Kehle zusammengeschnürt Was sollte er den Leuten sagen?

»Wer ist da?« fragte eine Stimme.

»Darf ich einen Augenblick eintreten? Bitte, nur einen Augenblick, ich möchte Sie etwas fragen, guter Freund.«

Eine breitschultrige Männergestalt erschien im Rahmen der Tür. »Kommen Sie nur näher, wer Sie auch sein mögen – ein Deutscher jedenfalls. Aber halt, wir haben die schlimme Krankheit im Hause – fürchten Sie sich auch nicht?«

»Keineswegs. Ich – ja, aber sagen Sie mir, wer weint denn da drinnen so bitterlich?«

Der Arbeiter seufzte. »Meine arme Frau«, sagte er. »Unser Junge liegt todkrank, meine Arbeit hat aufgehört, wir sind mit aller Freude, allen Hoffnungen zu Ende, nur um dieser verfluchten Franzosen willen. Der Teufel soll sie lotweise holen.«

Das war mit einem solchen Ingrimm hervorgestoßen, daß Onnen auf diesen Seelenzustand des erbitterten Mannes seinen Plan baute. In dem engen halbdunklen Flur stehend legte er die Hand auf des Arbeiters Schulter. »Sie hassen wirklich die Franzosen, guter Freund?«

»Wie den Erzfeind selber. Ich wollte, sie hätten alle miteinander nur eine Kehle und ich hätte diese zwischen meinen Fäusten.«

Onnen begann aufzuatmen. »Würden Sie dann wohl einem Manne, den die Franzosen wie ein gehetztes Wild vor sich herjagen, Ihre helfende Hand leihen? Etwas weiter hin steht ein Unteroffizier – ich kann dort nicht wieder vorüber.«

Der Mann richtete sich straffer auf. »Ein Franzose?« flüsterte er. »Nur einer? – Kommen Sie mit, Fremder, ich bin an diesem Unglückstage gerade in der Stimmung, einem von den Schuften den Schädel einzuschlagen.«

»Vater, Vater«, bat leise die weinende Frau, »hüte dich doch! Wenn sie dich fassen, was soll ich armes Wurm anfangen?«

Der Mann warf einen Rock über. »Sei doch still, Kind, ich brauche ja nur einmal zu rufen, und zehn, zwanzig – nein, hundert Mann sind auf einmal bei mir! Die Hunde, die Schufte haben ja keinen Freund!«

Onnen ergriff die Hand des ehrlichen Mannes und drückte sie hastig. »Bester Freund, ich will ja an dem Franzosen gar nicht wieder vorübergehen. Ich muß nach den Vorsetzen – wie komme ich dahin?«

»Von hier aus? – Das ist unmöglich!«

»Über August Behrens seine Planke«, sagte leise die Frau. »Da hinten liegt die Bleiche und dann kommt noch ein kleiner Gang, du weißt doch, Vater?«

»Ja, ja«, rief der Mann, »hast recht, mein Kind. August Behrens lacht sich halb tot, wenn er die Franzosen an der Nase herumführen kann.«

»Laß mich erst nochmal den Jungen sehen«, setzte er hinzu und trat mit dem Licht an ein Bett, das in dem niederen Zimmer stand. »Du lieber Gott, wie blaß er ist, wie sieht er aus, der kleine Bursch!«

Und der arme Vater beugte sich über die fiebernde Stirn seines Lieblings, er streichelte leise die verworrenen braunen Locken. »Mein süßer, lieber, kleiner Heinz!« sagte er zärtlich, »wenn der liebe Gott dich doch besser werden lassen wollte!«

Die Frau schluchzte bitterlich; eine blinde alte Großmutter in der Ecke faltete ihre zitternden Hände und begann mit halblauter Stimme das Vaterunser zu beten. »Erlöse uns vom Übel, denn dein ist das Reich und die Macht und die Kraft und die Herrlichkeit. Amen.«

Der Mann setzte das Licht so, daß die Strahlen den kranken Knaben nicht belästigen konnten. »Nun ist uns auch der Arzt genommen«, sagte er. »O, die Franzosen sind Teufel, sie brauchen für ihre Soldaten alle Ärzte von ganz Hamburg – und so mögen denn die Einwohner sterben wie Hunde!«

»Das ist doch wohl nicht möglich!« rief voll Empörung unser Freund.

»Das ist eine ausgemachte Sache. Unser Arzt kann nicht mehr herkommen, aber der menschenfreundliche Mann schickt zu den verlassenen Kranken seine Frau, die dann alles notiert und ihm sagt. Nachts schreibt er nach diesen Berichten die Rezepte und sonstigen Verordnungen; Gott lohne es den beiden guten Menschen!«

»Aber nun kommen Sie!« setzte er hinzu. »Wir sind so unglücklich, der Haß gegen die Franzosen ist so gewaltig, daß man sich zuweilen nicht beherrschen kann. Sehen Sie, alle, die in diesem Hofe wohnen, sind Arbeiter aus den Rosenbergschen Speichern —«

»Rosenberg?« unterbrach Onnen.

»Ja. Kennen Sie den Herrn? Er gehört als Kornhändler mit zu den Ausgeplünderten, die Franzosen haben ihm alles genommen. Vorgestern und gestern sind die Speicher leer gemacht – wir mußten sämtlich die Arbeit niederlegen.«

Onnens Herz schlug schneller. »Lieben Sie Ihren Arbeitgeber, lieber Freund?« fragte er in bedeutsamem Tone.

Der riesige Kornträger schlug sich auf die Brust. »Tedje Bruhns geht für ihn durch Wasser und Feuer!« sagte er mit tiefer Empfindung. »Ja, Herr, ich liebe ihn und alle meine Kollegen auch.«

»Gehört August Behrens mit dazu?«

»Das versteht sich.«

»Nun, dann lassen Sie uns eilen, ich sage Ihnen draußen mehr.«

Er sprach der gebeugten Frau, so gut es ihm möglich war, Trost ins Herz und folgte darauf dem Manne, der durch die Küche gegangen war und nun in einen anderen Hof einbog.

Wie ein Labyrinth, scheinbar pfadlos, schief und krumm zog sich die endlose Masse der Gebäude dahin; vor einer niederen Tür machte der Arbeiter Halt.

»Hören Sie, Freund Bruhns«, flüsterte Onnen, »wissen Sie, wo sich Herr Rosenberg in diesem Augenblick befindet?«

Der Arbeiter zuckte die Achseln. »Gerade jetzt? – Vielleicht!«

Onnen streckte plötzlich die Hand aus. »Dort im Speicher?« fragte er, vor Aufregung kaum atmend.

Der Kornträger pfiff leise vor sich hin, er blinzelte schlau. »Sie sind kein Zigeuner, was?« flüsterte er in vertraulichem Tone.

»Nein, Bruhns, ein Deutscher wie Sie!«

»Das hab‘ ich mir gleich gedacht! Ja, ja, Herr Rosenberg ist da im Speicher, die andern auch; alle, alle. Sie wollen noch in dieser Nacht auf und davon nach Mölln. Über den Stadtgraben – hui! Weg wie ein Vogel!«

Onnen sah fest in des ehrlichen Mannes Gesicht. »Wenn‘s nämlich gelingt, Bruhns! Mich will der Unteroffizier da vorn nicht verhaften, sondern die Verschworenen. Es stehen hier herum vielleicht hundert Franzosen auf Wache.« Der Kornträger schien förmlich erstarrt »Franzosen?« wiederholte er.

»Ja. Die Sache ist verraten; wenn also die Herren auseinandergehen, so werden sie geräuschlos abgefangen – der Speicher ist umstellt.«

Tedje Bruhns ächzte, er bearbeitete mit den Knöcheln der rechten Hand seine Stirn, wie um gewaltsam einen Gedanken herauszupressen. »An einem Punkte kann ich ja nur stehen«, murmelte er, »dann mach‘ ich das Teufelszeug tot, als wenn‘s junge Katzen wären! – O Gott, was fangen wir aber mit den anderen Stellen an?«

Onnen lächelte trotz der Aufregung, welche ihn beherrschte. »Ihre Frau hat es Ihnen ja bereits gesagt, mein guter Bruhns! Die Verschworenen müssen durch den nebenstehenden Speicher hierhergelangen und dann über die Planke dieses Hofes klettern. August Behrens wird ja den Weg durch sein Haus ohne Zweifel gestatten.«

»Natürlich! Natürlich! – Na, nun geht mir endlich auch ein Licht auf! Sie wollen hin und die Leute warnen?«

»Gewiß – also lassen Sie mich schleunigst aus diesem Gefängnis heraus.«

Es wurde an die Tür geklopft, der Bewohner des Hauses in aller Eile verständigt und dann über einen mit Gerümpel angefüllten Hof der Weg zur Planke gesucht. Onnen und der Arbeiter stiegen hinüber, Behrens folgte nach, und alle drei gingen durch das kümmerliche gelbe Gras der Bleiche, um dann jenseits dieser Strecke wieder einen Lattenzaun zu überklettern. Sie standen nun in einem offenen Gange, der zu den Vorsetzen führte.

Onnen atmete auf. »Gott sei Dank«, sagte er aus Herzensgrund. »Bruhns, es ist doch kein Irrtum, wenn ich annehme, daß die Fenster des zweiten Speichers auf Ihren Hof hinausgehen?«

»Das ist richtig; Sie irren nicht und Sie können sich auch darauf verlassen, daß Herr Rosenberg und mehrere andere die Wege durch diese Höfe und Gänge genau kennen.«

»Dann ist alles gut. Lassen Sie mich jetzt allein, damit wir kein Aufsehen erregen – es ist besser so.«

»Wir kommen auf einem Umweg in den Gang«, flüsterte Bruhns. »Bei Heinz Schulz, weißt du?« fügte er gegen seinen Kameraden hinzu.

»Natürlich weiß ich das!«

Die beiden gingen strammen Schrittes weiter und Onnen eilte zu dem bewußten Eingang vor dem holländischen Kran. An der scharfen Ecke desselben saß eine alte Frau und hielt auf dem Schoß einen Korb mit Grünzeug. Ihren Kopf umhüllte ein schwarzes Tuch, die Hände lagen in den Falten der Kleider.

»Rettich!« sagte sie mit klagender Stimme. »Schwarzer Rettich! Birnen! Kauft der Herr nichts?«

»Nein, ich danke, Frau! – ich danke!«

Er ging hastig weiter. Überall Kellereingänge, Saaltreppen und Höfe, überall dichte, undurchdringliche Finsternis. Ob sich die Zigeuner in der Nähe befanden?

Er wagte keine Nachforschung; hinter jedem Winkel konnte ja möglicherweise auch Geerd Kluin ein Versteck gesucht haben.

Alles blieb still, Onnen fand den Eingang des leerstehenden Speichers, kam bis zur Brücke und schlich hinüber, dann klopfte er an die ihm bekannte Tür und diesmal war es Karl Pehmöller, der Holzhändler, welcher ihm öffnete.

»Sie sind es«, rief er, Onnens Hand mit Wärme drückend, »ich bin Ihnen nie zu tilgenden Dank schuldig, mein junger Freund. Hoffentlich kommt der Tag, an dem ich vergelten kann, an dem —«

»Herr Pehmöller, lassen Sie uns —«

»Nein, nein, ich will mich erst in Ihren Augen rechtfertigen. Wenn ich gewußt hätte, was inzwischen über meine arme Frau hereinbrechen sollte, so würde ich natürlich das Haus niemals verlassen haben! Aber wer denkt an solche Schandtaten? Als ich später wieder hinkam, wollten mir die Franzosen sogar den Einlaß verwehren. Dies ist ein Lazarett! hieß es. Hinaus! Dann, nachdem ich mich gehörig legitimiert hatte, suchte ich unser Wohnzimmer auf und sah im Schrank nach dem dort verwahrten Geld. Alles fort, auch kein Schilling war zurückgeblieben – natürlich im Interesse des Staates und der Pflege erkrankter Krieger! O, man könnte wahnsinnig werden! – Ich habe, dem Himmel sei Dank, in Altona an sicherer Stelle noch eine größere Summe liegen, so daß meine Frau und die Kinder nicht mittellos zurückbleiben, aber dennoch danke ich Ihnen tausendmal. Der Baron hat die Meinigen zu sich genommen und mir versprochen, sie in jeder Weise zu beschützen.«

Er war so aufgeregt, so ruhelos, daß ihm Onnens Ungeduld vollständig entging. »Dies ist vorläufig in Hamburg der letzte Abend«, sagte er, »wir begeben uns noch in dieser Nacht —«

»Herr Pehmöller, wollen Sie mich nicht einen Augenblick anhören?«

»Nun – und? Sie machen ein so feierliches Gesicht, mein junger Freund!«

»Die Sache ist auch sehr ernst, Herr Pehmöller. Es sind Franzosen in der Nähe!« »Hier? – Spione?«

»Ja. Mich selbst hat ein Unteroffizier angehalten.«

»Alle Teufel, dann kann‘s ja bald genug zum Handgemenge kommen. Sehen Sie diese Pistole! Der Augenblick, wo ich sie dem ersten besten Franzosen auf die Stirn setze, dieser kostbare Augenblick soll mich für vieles entschädigen!«

Onnen berührte leicht seine Hand. »Daran kann gar nicht gedacht werden«, sagte er in eindringlichem Tone. »Zweifeln Sie, daß auch ein Tambour in der Nähe versteckt ist, daß man für die Möglichkeit, ein Signal zu geben, hinlänglich gesorgt hat? – Wir müssen uns in aller Stille davonschleichen, Herr Pehmöller; glauben Sie mir, ich kenne solche Stunden einer schmerzvollen Selbstüberwindung zur Genüge. Als mein armer Vater von den Franzosen heimtückisch im Winkel erschossen worden war, da dachte ich auch nur an eins, wollte nur eins, die augenblickliche, ausgiebige Rache – aber dennoch, mit blutendem Herzen haben fünfhundert entschlossene Männer es über sich vermocht, den Zorn zu ersticken und die Stunde der Wiedervergeltung ruhig zu erwarten. Das ist heute auch unser Los; wir müssen die Parterrefenster dieses Hauses von den davorliegenden Brettern befreien und unseren Rückzug durch die Gänge nehmen. Ist übrigens Herr Rosenberg hier?«

Statt weiterer Antwort öffnete der Holzhändler die Tür. Jedes Gespräch verstummte, aller Augen hingen an dem verstörten Gesicht des Eintretenden. »Böse Botschaft«, sagte dieser in seiner aufgeregten Weise, indem erden Hahn der Pistole knacken ließ. »Der Feind ist da!«

Oberst Mettlercamp beugte sich vor. »Sprechen Sie vernünftig, Pehmöller! Was gibt es?«

»Franzosen, ich sagte es ja schon. Wir brauchen nicht erst nach Mölln zu gehen, um einige von den Schuften niederzumachen.«

Mehrere Herren waren aufgestanden, unter ihnen der Kornhändler Rosenberg. Onnen erzählte diesen Leuten alles, was er wußte, und sogleich wurden die Vorbereitungen zu schleunigster Flucht getroffen. Jemand glitt leisen Fußes die Treppen des benachbarten Speichers hinab und schloß ebenso geräuschlos unten den Eingang, dann machte man sich daran, die Verkleidungen der Fenster abzubrechen.

Alle Versammelten waren entschlossen, noch in dieser Nacht Hamburg zu verlassen, indem sie in der Gegend des heutigen Holstentores den Stadtgraben durchschwammen und dann über das Heiligengeistfeld hinweg die naheliegende altonaische Grenze erreichten. Hier warteten sichere Leute, welche die Flüchtlinge zu Pferde und zu Wagen nach Mölln schaffen würden. Die Hanseatische Legion stand unter dem Oberbefehl des russischen Generals Tettenborn – dahin mußte also der Nachschub gesandt werden.

Man hatte die nötigen Verabredungen getroffen, einigen zurückbleibenden Freunden dies und das aufgetragen, nun ging es an den Abschied. »Auf Wiedersehen draußen!«

Onnen und einige andere räumten die Bretter weg; dann sah der Kornhändler vorsichtig zum Fenster hinaus. Ihm gehörte das Haus, es konnte also keinen Verdacht erregen, wenn er auch wirklich bemerkt wurde.

Draußen lag noch auf den engen Mauern dieselbe undurchdringliche Finsternis; einzelne Regentropfen fielen mit klingendem Geräusch auf das Pflaster, hie und da flohen Ratten – sonst war alles still und öde.

Rosenberg schwang sich hinaus. »Mir nach!« sagte er leise. »Behalten Sie mich im Auge, meine Herren, oder es ist Ihnen unmöglich, den Weg durch die Gänge allein zu finden.«

Einer folgte dem anderen. Wie Schatten schlüpften die Männer über den engen Hof, nur noch zwei waren im Hause, da tönte plötzlich ein unterdrückter Schrei aus nächster Nähe herüber: »Verrat! Verrat!«

»Nach vorn!« rief Onnen. »Nach vorn!«

Im Hofe erhob sich ein Tumult, französische Umformen wurden sichtbar, französische Worte schallten durch die Nacht. Ein Trommler setzte die Schlägel in Bewegung, aber nur sekundenlang, dann geschah ein schwerer Fall, ein Mensch röchelte angstvoll und (blieb regungslos liegen. Weiterhin wurde gekämpft, Mann gegen Mann, wie es schien, Türen öffneten sich, immer mehr Leute kamen hinzu – hie und da klang verstohlen, halb unterdrückt ein Schmerzensschrei.

Den Horchenden drinnen lief es kalt über den Rücken herab. Welch ein grauenvoller Kampf da in den düsteren Gängen, ohne Licht und Zeugen, ohne ehrliches Spiel, nur mit dem furchtbaren Hasse des einen Volkes gegen das andere Brust an Brust geführt! Welch ein Ringen, bei dem das Blut in Strömen floß und ausschließlich Messer und Faust zur Anwendung kam! Leben um Leben, das war die Losung.

Allmählich wurde es still. Blutgeruch drang in die offenen Fenster, nur noch vereinzelte Laute bezeichneten die Stätte eines mörderischen Kampfes.

»Jetzt ist es Zeit!« flüsterte Onnen. »Vorn hinaus!« Die Fenster blieben offen, es hätte zuviel Zeit gekostet, sie wieder zu verrammeln; leise gingen die beiden letzten Männer aus der Versammlung mit unserem Freunde zur vorderen Eingangstür, die möglichst geräuschlos wieder geöffnet wurde.

Der Gang schien völlig leer.

Alle drei traten heraus – gottlob, der Handstreich war gelungen.

Aber die Freude dauerte kurz. Wie aus dem Boden auftauchend, näherten sich von beiden Seiten zugleich wenigstens zehn Franzosen, die augenscheinlich von ihren Waffen keinen Gebrauch machen wollten, sondern die plötzlich Umzingelten zu packen und fortzuschleppen gedachten – wenn ihnen nicht ebenso wirksam als unerwartet der Weg verlegt worden wäre.

Es öffnete sich eine Tür; drei von den riesigen Gestalten, welche man in Hamburg auf den Kornspeichern sieht, stürzten heraus und warfen sich auf die Franzosen, gewandt wie eine Gazelle sprang von einer Saaltreppe ein schlanker junger Mann herab und fiel den Feinden in den Rücken. Binnen Sekunden lagen fünf Franzosen geknebelt auf dem Pflaster.

Aber trotz dieses tapferen Beistandes war dennoch Gefahr im Verzuge. Eine Metallpfeife stieß einen gellenden Ton hervor – zwei Soldaten hatten Onnen zu Boden geworfen und suchten ihn mit ihren Fäusten zu erdrosseln.

Da erschien im Laufschritt auf dem Kampfplatze eine völlig unerwartete Person – die alte Händlerin von der Ecke der Vorsetzen. Sie hatte ihren Korb beiseitegeschleudert und riß jetzt mit einem einzigen energischen Ruck den ersten Franzosen von Onnens Brust, dann folgte der zweite, den Tedje Bruhns sofort in Empfang nahm. »Hest fullen, Muschä? Da, legg die daal un swiig still!«

Er nahm den zappelnden Soldaten und trug ihn in den leeren Keller des Speichers, während seine beiden Genossen, Heinz Schulz und August Behrens, gleicherweise unter den übrigen aufräumten. Einem war der Schädel zerschmettert, zwei lagen bewußtlos, mit dem vierten kämpfte Onnen, der die Flucht der beiden Verschworenen durch seinen Körper gedeckt hatte. Hageldicht fielen von einer und der anderen Seite die Hiebe – wieder kam die Händlerin unserem Freunde plötzlich zu Hilfe.

»Freiheit!« flüsterte sie ihm lächelnd ins Ohr.

»Mein Himmel!« rief Onnen.

»Ganz still! Namen tun nichts zur Sache.«

Jetzt war die Schlacht geschlagen, sieben Franzosen gefangen, einer tot und zwei verwundet. Die beiden Flüchtlinge hatten Zeit zum Enteilen gefunden und alle übrigen verschwanden hinter Heinz Schulzes schützender Haustür.

»Mikosch«, rief Onnen, »welch ein Schelm bist du!«

»Kauft der Herr Rettich?« sagte die bettelnde Stimme von vorhin. »Schöner schwarzer Rettich! Süße Birnen!«

Tedje Bruhns schob bedächtig das Tuch von der Stirn der Alten. »Mit Verlaub, Mutter«, sagte er nach eingehender Prüfung, »du bist ein richtiger Zigeuner!«

Sie lachten sämtlich, aber doch nur einen Augenblick. »Onnen«, sagte Alexei, »dein Onkel war während der ganzen Zeit hier, ich habe ihn in einem Versteck neben dem meinigen unausgesetzt beobachtet.«

Onnen errötete. »Ich bemerkte ihn nicht«, stammelte er.

Draußen wurde an die Tür geklopft; es waren französische Soldaten, welche so ungestüm Einlaß begehrten. »Maken auf la porte!« riefen sie. »Vite! Vite!«

Geräuschlos flüchteten die beiden Kornträger, die Zigeuner und Onnen über den Hof des Wirtes und in einen Schlupfweg zum Eichholz hinein; August Schulz dagegen warf Rock und Stiefel ab, wartete bis er die Freunde in Sicherheit wußte und erschien dann mit schlaftrunkenem Wesen vor der Haustür.

Die Franzosen fluchten lästerlich, sie holten die Gefangenen aus dem Keller hervor und trugen auch die Verwundeten fort – nur der Tote blieb, nachdem ihm seine Kameraden Uhr und Kette abgenommen, unbeachtet liegen.

Vielleicht hatte er die Kleinodien in Rußland geraubt, vielleicht ihrer Erlangung wegen einen Menschen getötet – jetzt lag er in der Gasse und die Ratten berührten mit ihren spitzen kalten Schnauzen seine Stirn.

An der stillen Gestalt vorüber schlich gebückt und scheu ein blasser ältlicher Mann. »Wieder umsonst«, murmelte er, »wieder umsonst!«

Und als die Wellen der Elbe vor seinen Blicken an das Ufer fluteten, da schluchzte er plötzlich laut auf, da breitete er beide Arme aus. »Ich will nach Hause, nach Hause – o großer Gott, laß mir‘s doch endlich gelingen!«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
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