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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 38

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Onnen eilte zum Wall, wo sich heute die großartigen Parkanlagen des Holstenplatzes ausdehnen. Damals war Hamburg von seinem, gegenwärtig nur noch in einigen letzten Überresten bestehenden Stadtgraben rings umgeben; hohe Bäume und dichtes Gesträuch schmückten die Wälle, während an der anderen Seite das öde, dem Schlachteramt gehörige Heiligengeistfeld sich dahinzog, unbebaut wie jetzt noch, in seiner nördlichsten Ecke an den neuen Pferdemarkt und über diesen hinweg an die altonaische Große Gärtnerstraße stoßend. Hier war der Punkt, an welchem die Verschworenen, ohne sich vorher zu sammeln, über den Stadtgraben schwimmen und die Grenze erreichen wollten.

Ein Wachtposten ging auf und ab, hie und da huschten dunkle Gestalten an ihm vorüber. Onnen spähte umher, er suchte den Kornhändler, dem er bei einem gefährlichen Unternehmen seine Hilfe zugesagt hatte.

Da berührte eine Hand seine Schulter. »Hier, mein Junge; ich kenne die Stelle ganz genau – als lediger Mann hab‘ ich mein bares Kapital rechtzeitig in Sicherheit gebracht.«

Eine hohe alte Buche breitete ihre Äste über die Umgebung, rote und gelbe Georginen blühten auf einem Beet am Stamm des dichtbelaubten Baumes, während ein Gebüsch aus jetzt längst entblätterten Schneebällen und Syringen die Fernsicht zum höher gelegenen Wall begrenzte. An diesem Punkte setzte der Kornhändler ein mitgebrachtes starkes Messer in die Erde und grub emsig, während Onnen den Wachtposten beobachtete. So oft dieser letztere vorüberkam, duckten sich die Schatzgräber und hielten den Atem an, um nicht bemerkt zu werden; war er vorbeigegangen, dann nahmen sie ihre mühsame Arbeit wieder auf.

Onnens Messer stieß zuerst auf einen harten Körper, es bog sich und konnte nicht tiefer eindringen. »Ich glaube, wir sind am Ziel!« flüsterte er.

Rosenberg bohrte sein Messer in der entgegengesetzten Ecke tief auf den Grund. »Wir haben den Kasten, mein Lieber! – Wo ist der Soldat?«

»Nicht so laut, er kommt gleich hierher!«

Der Franzose ging vorüber, oder schien zu gehen, tatsächlich hemmte er um irgendeines Zufalles willen seine Schritte, als gerade der Kornhändler den Kasten mit Onnens Hilfe aus dem feuchten Erdboden hervorhob. Es rasselte ein wenig – nur ein ganz klein wenig.

Wie auf Katzenpfoten näherte sich der Franzose, er sah über die nächsten Gebüsche hinweg, spähend auf den Kasten und die beiden Männer, welche eben das Schloß geöffnet hatten, um die hinter demselben verborgenen Schätze heraufzuholen.

»De l‘argent!« bebte es unwillkürlich von den Lippen des Soldaten; sein Auge glühte wie das der Wildkatze, wenn sie Beute wittert, seine Hand streckte sich aus, wie um den heißbegehrten Schatz zu packen. Im nächsten Augenblick sprang Rosenberg empor, außer sich vor Wut, unfähig, den rasenden Groll gegen Hamburgs Peiniger länger zu bemeistern. Das Messer, noch mit feuchter Erde bedeckt, drang dem Soldaten in die Brust, so daß nur das Heft hervorsah, ein Blutstrahl sprang im Bogen empor, der tödlich Getroffene stürzte rückwärts taumelnd auf den Weg und blieb liegen wie ein gefällter Baum.

Rosenberg packte kalt das Geld in einen ledernen Gürtel, welchen er unter seinen Kleidern trug; Dann reichte er unserem Freunde die Hand. »Leben Sie wohl, Visser, ich hoffe Sie später in den Reihen der Unsrigen zu sehen.«

»Gewiß, gewiß. Bitte, sagen Sie, Herr Rosenberg, sind Ihre Freunde sämtlich gut davongekommen? Ich hörte, daß gekämpft wurde.«

Der Kornhändler schüttelte den Kopf. »Es bellte in einem nebenstehenden Hause plötzlich ein Hund«, sagte er seufzend, »das muß den Franzosen aufgefallen sein, denn sie drangen aus dem benachbarten Hofe hervor und auf uns zu, einer wollte sogar ein Trommelsignal abgeben.«

»Aber ich denke, er wurde verhindert?«

»Ja. Pehmöller hat ihm mit einem Handbeil den Schädel eingeschlagen. Es sind von uns drei Leute gefallen – ich weiß nicht, ob tot oder nur verwundet; meine Speicherarbeiter haben sie aufgehoben und in ihre Häuser getragen. Ohne diese treuen Seelen wären wir überhaupt schlecht fortgekommen; es schien, als sei der ganze Hof plötzlich lebendig geworden – wohl hundert derbe Fäuste schützten unseren Rückzug. Wenn ich jemals nach Hamburg zurückkomme und wenn jemals meine Firma im alten Glanze wieder ersteht, dann will ich es diesen braven Leuten vergelten. Nun aber nochmals, leben Sie wohl, Visser! Gott sei mit Ihnen!«

»Auf Wiedersehen, Herr Rosenberg, leben Sie wohl. Und bitte, wenn Sie drüben glücklich angelangt sind, so geben Sie mir ein Zeichen.«

»Gewiß, gewiß!«

Er kletterte vorsichtig die Uferwand hinab und tauchte in die kalte Flut; mit wenigen langen Stößen hatte er, den Rock zwischen den Zähnen haltend, den nicht besonders breiten Wasserarm überschwommen. Er schüttelte die Tropfen möglichst von sich ab, zog den Rock wieder an und warf dann einen Stein in den Graben. Onnen erkannte das Signal und antwortete in gleicher Weise. So war also der letzte noch Anwesende glücklich entkommen. Er beugte sich schaudernd zu dem regungslosen Soldaten. Tot! Rosenbergs Messer hatte das Herz durchbohrt.

Onnen zog die Leiche weiter hervor, damit sie möglichst schnell bemerkt werden möge, dann eilte er so rasch wie möglich nach Hause. Diese Nacht hatte der Aufregungen so viele gebracht, daß er fast taumelte.

Mikosch wachte noch. »Du Verschwörer!« sagte er lächelnd.

»Du alte Rettichfrau! Wie kamst du eigentlich auf den Gedanken, dich zu verkleiden?«

»Nun, weil doch jemand achtgeben mußte, was sich zutrug. So konnte ich bequem den Gang der Dinge überblicken und auch für Alexeis Sicherheit wachen. Hörtest du nicht eine kläglich miauende Katze? Das hieß: ›Komm hervor, wir können die Franzosen überwältigen.‹«

»Du bist ein richtiger Zigeuner!« wiederholte Onnen das Wort des biederen Speicherarbeiters; dann schliefen sie beide, der alte Häuptling und er.

Draußen graute indessen der junge Morgen. In dem Labyrinth verzweigter Gänge und Höfe hinter den Speichern begann sich‘s zu regen; flinke Hände trugen die Toten hinaus an einen weit entfernten Punkt, die Eiskuhle, wo leere Karren und Straßenwagen ihren Platz haben; die Verwundeten auf eine offene Straße und die zurückgebliebenen, auch verwundeten Hanseaten auf die Böden der Häuser, wo kein Auge sie suchen würde. Das Blut wuschen erschrockene Frauen von den Wänden und Pflastersteinen, umherliegende Knöpfe und Fetzen wurden eingesammelt und mit bebenden Herzen der Anbruch des eigentlichen Tages erwartet.

Durch alle Gänge und Schlupfwege liefen Blutspuren; mehr als nur ein Franzose mußte entkommen sein, es war also anzunehmen, daß eine strenge Untersuchung und vielleicht grausame Strafen auf dem Fuße folgen würden.

Eine bange Furcht hielt die Herzen umklammert. Wer jemals über einem Abgrund auf schwankendem Brette zwischen Tod und Leben schwebte, der kann ermessen, was die gequälten Leute an diesem Morgen empfanden.

Drei Hanseaten hatten zurückbleiben müssen; der eine konnte schon vor Tagesanbruch, nachdem er verbunden und zum Bewußtsein gebracht worden war, allein nach Hause gehen, der zweite starb unter den Händen seiner freundlichen Pfleger – alle Sorge, alle bangen Befürchtungen galten daher nur dem dritten, einem jungen Hutmacher, der stark am Fuße verletzt war und aus diesem Grunde das Bett nicht verlassen durfte. Fanden ihn die Franzosen, so mußte man das Ärgste erwarten. Tedje Bruhns, der Riese, hatte ihn auf seine Arme genommen und nach dem Boden getragen. Dort bereitete Frau Johanna im verstecktesten Winkel ein weiches Lager und dann schichtete ihr Mann den kleinen Holzvorrat des Hauses so auf, daß bei oberflächlicher Untersuchung von dem Bett und dem Kranken nichts zu entdecken war.

»So, Herr Nelles«, sagte er, »nun mag der liebe Gott weiter helfen; einen Doktor kann ich Ihnen nicht verschaffen, aber zu rechter Zeit komme ich herauf und lege Ihnen kaltes Wasser auf den Fuß, verlassen Sie sich darauf.«

Der Verwundete nickte mit geschlossenen Augen; er war so schwach, daß er kein Wort hervorbringen konnte.

Stunden der Angst vergingen, dann rasselte um sieben Uhr früh die Trommel und eine Abteilung Franzosen umstellte in weitem Kreise das ganze Viertel; einzelne Züge drangen in die engen Gänge und nun begann eine furchtbare Szene.

Keiner der an dem Kampfe des letzten Abends beteiligt Gewesenen hatte die Örtlichkeit jemals bei hellem Tageslicht gesehen, es konnte daher auch keiner mit Bestimmtheit angeben, wo er sich befunden habe – Grund genug, um die schärfsten Maßregeln zur Geltung zu bringen.

Alle Türen wurden geöffnet, alle Zimmer rücksichtslos durchsucht, die Kranken aus den Betten gezerrt und die, welche etwa den erhaltenen Befehlen nicht schnell genug Folge leisteten, mit Kolbenstößen vorwärtsgetrieben. Der ärmliche Hausrat ging dabei in Trümmer, Tiere und Menschen erlitten Mißhandlungen, der Unmut der Franzosen steigerte sich von Minute zu Minute, weil eben ihre eigenen Berichterstatter je länger, desto weniger in den engen Gängen bestimmte Merkmale anzugeben wußten.

Da entdeckte zufällig ein Offizier die frischen Fußspuren auf der Bleiche, über welche die Hanseaten geflüchtet waren. »Es ist doch hier gewesen!« rief er. »Es muß hier gewesen sein! Sucht, Leute, sucht, ich verspreche euch doppelte Rationen Branntwein.«

Mittlerweile war auch der Speicher im vorderen Gange erbrochen worden. Das Zimmer der Verschworenen zeigte deutlich die Anwesenheit einer größeren Zahl von Männern; es standen Stühle an den Tischen, Tabaksasche bedeckte den Fußboden und hier und da war in der Eile des Aufbruches ein Taschentuch oder ein Handschuh verloren gegangen; jetzt zerschlugen die Franzosen mehrere auf die Höfe hinausführende Fenster und fügten zu den schon vorhandenen Beweisen noch diese neu entdeckten. Unter den Soldaten erhob sich ein förmlicher Tumult, sie stießen jeden nieder, der ihnen irgendwo im Wege stand, gleichviel ob der Sturz auf das harte Pflaster Beulen und Wunden brachte oder nicht.

Vor seiner Haustür stand Bruhns. »Ich möchte die Herren bitten«, sagte er mit gepreßtem Tone, »mein einzig Kind liegt schwer krank.«

Niemand beachtete ihn. Eine Abteilung Soldaten drang in das Zimmer und vollführte einen so rücksichtslosen Lärm, daß sich die arme Frau des Kornträgers mit gerungenen Händen vom Sitz erhob und den Unmenschen entgegenging. »Mein kleiner Sohn hat das Fieber«, bat sie, »ach, übt doch Erbarmen, ihr Herren, er schreckt so auf, er phantasiert!«

»Peste!« rief der Offizier. »Wohin man kommen mag, da liegt die Brut in diesen Höhlen fieberkrank herum. Aus dem Wege, ich will hinter den Schrank sehen!«

Eine schnelle Bewegung entfernte das Bett; der Knabe schrie laut auf. »Mutter, Mutter – sie tun mir was! – Sie gießen mir heißes Wasser über den Kopf!«

Ein Wimmern des Schmerzes folgte diesen ruckweise und undeutlich hervorgestoßenen Worten. Die großen blauen Augen des Kindes sahen ohne Ausdruck ins Leere, es tastete wild, wie um sich vor einem eingebildeten Sturze zu bewahren, ins Leere, unbeachtet von den Soldaten, die jeden Gegenstand schüttelten, von der Stelle warfen und in dem ärmlichen, aber sauberen kleinen Räume wie die Unsinnigen herumtobten.

Frau Bruhns hielt ihr krankes Kind mit beiden Armen umfaßt, während der Mann geflissentlich draußen in der Tür stehen blieb. Er wußte, daß es ihm unmöglich gewesen sein würde, so gelassen den Übermut der Machthaber mit anzusehen, ohne ihnen in die Arme zu fallen und vielleicht zwei oder drei zwischen den nervigen Fäusten zu zerknicken – nur um sich selbst und die Seinigen ins Unglück zu stürzen.

Das Zimmer und die Küche verbargen nichts; der Offizier zerbiß vor Wut seinen Schnurrbart. »Sucht weiter, meine Jungen, steigt auf den Boden! Irgendwo müssen sich die Spuren der Meuterei doch finden!«

Bruhns fühlte, wie er erbleichte. Nun war alles verloren!

Die Franzosen erkletterten die Leiter, welche zum Dachboden führte – das kranke Kind krümmte sich in den Armen seiner Mutter vor Schreck. »Sie fassen mich an, Mutter! Ach, Mutter, jage sie doch weg!«

Die Frau faltete krampfhaft ihre Hände auf dem Rücken des Knaben. »Aus tiefer Not schrei ich zu dir!« schluchzte sie, »o Herr, erhör mein Flehen!«

Der Mann horchte, er fühlte, wie seine Zähne unaufhaltsam gegeneinanderschlugen. Jetzt! – Sie hatten den Versteckten gefunden! —

»Aha – endlich! Ein Verwundeter!«

»Ruhig!« gebot der Offizier. »Ruhig! Holt den Mann hierher!«

Zwei Soldaten nahmen den Arbeiter in ihre Mitte; er wurde vor das versteckte Bett des Hutmachers geführt und dann begann ein Verhör.

»Wie heißt dieser Mann? Wer ist er? Wie kommt er hierher?«

»Ich habe ihn heute morgen vor meiner Haustür gefunden und aufgenommen! Das ist Christenpflicht und nichts Unrechtes.«

»Keine Bemerkungen!« herrschte der Offizier. »Fanden in dieser Nacht besondere Unruhen statt? Haben Sie einen Kampf zwischen den Soldaten des Kaisers und anderen Personen mit angesehen?«

Der Kornträger schüttelte den Kopf. »Angesehen?« wiederholte er. »Nein! Aber ich habe das Durcheinander gehört!«

Der Offizier verstand nicht, was ihm da in plattdeutscher Sprache gesagt wurde, auch der Verwundete konnte nicht sprechen, und so machte denn der Scherge des Gewaltherrschers kurzen Prozeß. Mehrere Soldaten brachten eine Bahre herbei und legten den unglücklichen Nelles, in Kissen gehüllt, darauf, dann trugen sie ihn mit Mühe zum Hofe hinunter. »Vorsichtig!« mahnte der Offizier, indem ein böses Lächeln sein Gesicht überflog, »vorsichtig! – Der Rebell darf jetzt nicht sterben.«

Bruhns schauderte, er antwortete keine Silbe, als man ihn aufforderte, dem Zuge zu folgen – nur seinem Weibe reichte er die Hand und küßte das blasse Gesicht des Knaben. »Adjes auch, mein kleiner Heinz, adjes Hanne, ich muß ja mit, das weißt du!«

Sie klammerte sich an ihn, die Unglückliche, sie schrie laut, aber ohne bei den Franzosen das geringste Mitleid zu erwecken. Noch einmal sah ihr Mann zu ihr zurück – überzeugt, von den Soldaten nicht verstanden zu werden, sprach er ihr Trost in das zerrissene Herz.

»Mutter, ich konnte meinen Herrn nicht im Stich lassen, das weißt du doch! Weine nicht so herzbrechend, Alte, nach Regen kommt Sonnenschein! – Adjes! Adjes!«

Er wurde hinausgeführt und sogleich in das Gefängnis geworfen. Auch die Leiche des am Wall erschlagenen Soldaten war gefunden worden und so ziemlich ganz Hamburg in Bewegung geraten; man brachte auch die Toten aus der Eiskuhle herbei, Haussuchungen folgten auf Haussuchungen, es wurde eine Liste der Abwesenden aufgestellt, es erschienen nacheinander mehrere Proklamationen, deren eine die Bewohner noch mehr erbitterte als die vorhergehende.

Das Betreten der heimatlichen Stadtwälle war jetzt für die unglücklichen Hamburger zum Verbrechen geworden; eine Regierung, die sich zu den zivilisierten zählte, bedrohte jeden, der etwa unter den grünen Bäumen Luft zu schöpfen wünschte, im ersten Übertretungsfalle mit fünfzig Stockschlägen, im zweiten mit Ausweisung. Die Folgen der Abwesenheit waren noch empfindlicher, sie bestanden in der Konfiskation aller Güter und in dem Verbot der Rückkehr bei Strafe des Todes oder der lebenslänglichen Zwangsarbeit.

Die Führer der Bewegung, von Heß, Gries, Mettlercamp, Perthes und viele andere wurden in die Acht erklärt; das schon vor Jahr und Tag in Norderney proklamierte Verbot, am Abend auf der Straße stehenzubleiben, wiederholte sich jetzt auch für Hamburg – den Männern wurden Stockstreiche angedroht, den Frauen Rutenhiebe.

Auf den Straßen ergriffen die französischen Soldaten ohne weiteres jeden größeren Knaben oder erwachsenen Mann und stellten alle an die Schanzarbeit, wobei wieder ein infames, die Menschheit schändendes Erpressungssystem eingeführt wurde. Man gab den Gezwungenen einen bestimmten Tagelohn, ließ ihnen denselben aber sogleich durch besonders Angestellte wieder abfordern und zwar bald unter diesem, bald unter jenem Vorwand. Es war z.B. die Lieferung von Wolldecken für Kasernen und Lazarette ausgeschrieben und dabei bemerkt, daß solche Personen, welche die ihnen diktierte Anzahl nicht liefern könnten, dafür jede Decke bar mit zwanzig Mark bezahlen müßten. Ein anderes Mal brauchten die Kranken Wein, Zucker, Sago, Reis – wer nichts besaß, um es zu geben, der sollte auch hier wieder in die Tasche greifen.

Den armen Schanzarbeitern wurde also das ihrige genommen und ihnen nebenbei eine Schuldenlast aufgebürdet, die sich je länger, desto weniger übersehen ließ.

»Könnten wir nur fort!« seufzte Mikosch. »Hier ist kein Pfennig mehr zu verdienen, selbst die Soldaten besitzen nichts.«

Onnen horchte auf. »Laß uns die Sache versuchen, Alter!«

»Um Gotteswillen nicht! Die Tore sind gesperrt, jeder, der hinauszugelangen sucht, wird erschossen. Und wohin sollten wir auch flüchten? Ringsumher tobt der Krieg, die Kanonen donnern ja oft bis hier herüber.« Die drei gingen nicht mehr aus, Mikosch verzehrte heimlich seufzend das früher Erworbene und auch Geerd Kluin hockte ohne irgendeine Beschäftigung, meistens halblaut vor sich hinmurmelnd, in der Herberge. Er hatte die Beteiligung seines Neffen an jenem nächtlichen Kampfe niemals erfahren; wie ein Schatten schwand der alte Mann zusehends dahin.

Dann kam ein Tag, an dem französische Soldaten in jedes Haus drangen und mit Gewalt die fehlenden Schanzarbeiter zusammenbrachten; auch unsere drei Freunde mußten dem Ruf folgen, und so sah denn der nächste Morgen die braunen Fremdlinge mit dem Spaten in der Hand.

Die Befestigungsarbeiten an den Wällen wurden eifrig gefördert, die Brücke nach Harburg vollendet und überall Schanzen aufgeworfen; arme und reiche Bürger, Fremde und Einheimische mußten Erde fahren, Holz tragen und graben, immer bewacht von französischen Soldaten, bei kargem Lohne und denkbar grober Behandlung.

»Vier Schilling für Mann und Tag«, seufzte Mikosch, »das ist für den Bescheidensten zu wenig. Aber ich denke, daß wir doch endlich den Sieg behalten werden; die Franzosen plündern in einer nie dagewesenen, vollkommen wahnwitzigen Art – sie fühlen sich also nicht mehr sicher. Man muß eben Augen haben und sehen können.«

»Heute ist Auktion über die Güter der Abwesenden«, erzählte jemand von den Schanzarbeitern. »Oberst Mettlercamp verliert neun Häuser.«

»Pah, die stehen ja fest wie der Grund und Boden selbst! Wenn das Räubervolk zum Lande hinausgeprügelt ist, dann gehören sie wieder unserem braven Alten.«

»Pst! Du redest dich verzweifelt leicht um deinen Kopf.«

»Der sitzt noch ganz sicher zwischen den Schultern. Wißt ihr übrigens das Neueste?«

Sie horchten sämtlich. »Nun?«

»Morgen wird Nelles erschossen!«

»Der arme junge Mann, er war ein so liebenswürdiger Mensch, ein so tüchtiger Kaufmann! – Also mit der ungeheilten Wunde wollen ihn die Barbaren auf das Heiligengeistfeld hinausschleppen?«

»Ja, morgen vormittag sieben Uhr!«

»Bitte«, fragte Onnen, »wissen Sie nichts von dem Schicksal des Mannes, in dessen Haus man den verwundeten Nelles fand?«

»Bruhns, der Kornträger? Ja, er hat fünf Jahre Zwangsarbeit erhalten. Man steckt ihn in die Sträflingskleidung, legt ihm zwischen Hand und Fuß eine Kette und läßt ihn hier mit schanzen. Er ist besser dran als wir, denn die Franzosen müssen ihn wohl oder übel füttern.«

»Ein trauriger Trost, wahrhaftig!«

Irgendein andrer Schanzarbeiter wußte noch empörendere Neuigkeiten. »Das fällige Sechstel der Strafsumme ist nicht bezahlt worden«, sagte er, »der Napoleon hat daher an den liebenswürdigen ›Marschall Wut‹ einen großen Brief geschrieben.«

»Und was steht darin?«

»Schlimme Dinge. Die Schiffe im Hafen sind konfisziert, die Warenniederlagen aller Art, ferner die gesamte Augustmiete aller Hamburgischen Hauswirte!«

Ein Gemurmel der Entrüstung durchlief den Kreis. »Aber Kinder«, sagte eine Stimme, »das ist ja die einfache Plünderung, das Verfahren, dessen sich Straßenräuber schuldig machen!«

»Ja, natürlich. Hamburg ist außer dem Gesetz erklärt, wie ihr wißt.«

»Hm, hm, ich kann euch noch ganz andere Sachen erzählen!«

Aller Blicke suchten den neuen Sprecher. »Nun, und was wäre das?«

»Die Einwohner müssen für den Dienst der Lazarette sämtliche getragene Leinwand herausgeben. Nicht nur bis aufs Hemde ist also Hamburg ausgeplündert, sondern auch dieses hat es verloren.«

Mikosch trocknete den Schweiß von der Stirn. »Onnen«, flüsterte er, »wenn es früher oder später meinem Bären an den Kragen ginge!«

»Dann empören wir uns, Mikosch, dann – o, sprich nicht weiter, man erstickt an dieser ohnmächtigen Wut, die das Herz zerfrißt.«

Er warf die Erde mit solcher Gewalt auseinander, daß ihm Funken vor den Augen erschienen. »Dieser unglückliche Nelles«, sagte er nach einer Pause, »er muß nun als Opfer fallen! Er und der arme Bruhns. Ich will doch noch heute abend seine Frau besuchen – aber freilich, einen Trost kann ich ihr nicht bringen.«

»Den der Teilnahme«, versetzte Mikosch. »Du legst ihr ein paar Taler auf den Tisch und erinnerst an die Kugeln, welche den Hutmacher treffen werden – das hilft schon.«

»Und du wolltest mir diese Taler geben, Alter?«

Der Zigeuner nickte. »Die Schenkwirtschaft fängt doch bereits an, in Rauch und Nebel aufzugehen, mein Junge. Warum sollte man da nicht einem armen Weibe ein wenig Trost verschaffen? Mir haben ja auch andere Leute geholfen.« »Mikosch, du bist wahrhaftig ein guter Mensch! Ich schulde dir mehr Dank, als sich je im Leben abtragen läßt.«

»Pst – da kommt ein Aufseher.«

Sie schanzten emsig weiter und am Abend wanderte Onnen, mit Geld und verschiedenen Erfrischungen beladen, in den Hof hinter dem Speicher, wo das Kind des Kornträgers mit dem ermattenden Fieber immer noch rang. Frau Johanna weinte bitterlich, als sie ihn sah. »Ach, mein Mann, mein Mann« – das war alles, was sie hervorbrachte.

Onnen lenkte unmerklich ihre Gedanken auf den Knaben und erfuhr nun, daß die menschenfreundliche Frau des Arztes während der letzten Tage mehrfach erschienen war und daß der kleine Kranke nach Ansicht des Doktors von seinem bösen Fieber wieder genesen werde. Er schlief jetzt ruhiger, phantasierte nicht mehr so stark und hatte auch hin und wieder schon lichte Augenblicke gehabt. Onnen tröstete die weinende Frau im Hinblick auf das allgemeine Unglück der Bewohner Hamburgs und auch auf das Schicksal des armen Nelles.

Noch schaukelten die Körper der Gehängten im Winde auf dem Heiligengeistfeld, noch saßen fünfunddreißig der angesehensten Bürger Hamburgs als Geiseln für die Zahlung der Strafsumme ohne Verpflegung in einem schlechten Harburger Wirtshause gefangen, und schon wieder sollte ein braver Patriot ohne Recht und Urteil geopfert werden.

Schweren Herzens verließ Onnen die arme Frau, welche ihm mit Tränen in den Augen dankte. Morgen früh zum Heiligengeistfeld hinausgehen und dem Verurteilten noch ein freundliches Wort, einen Abschiedsgruß zurufen, das durfte er ja nicht – er mußte jetzt zur bestimmten Stunde auf dem Arbeitsplatz erscheinen und die Schaufel handhaben, oder sofort eine empfindliche Strafe erleiden. Eine Flut von bitteren und traurigen Gedanken erfüllte seine Seele; lebhaft wie nie vorher beherrschte ihn die Erinnerung an den Todestag des geliebten Vaters! So waren auch auf Norderney die Opfer hinausgeschleppt und ermordet worden, so in allen Teilen des niedergetretenen, gedemütigten deutschen Landes. Seit dem Monat Mai hatten die Franzosen in Hamburg mehrere Hunderte von mißliebigen Personen, völlig erfundener Verbrechen wegen, zu Pranger, Brandmarkung, Zwangsarbeit und Zuchthausstrafen verurteilt.

Morgen sollte die Erde wieder unschuldiges Blut trinken, das eines liebenswürdigen, unbescholtenen Mannes, dem nichts vorgeworfen werden konnte als nur seine Vaterlandsliebe, sein glühender Wunsch, Hamburg vom Drucke der Fremdherrschaft befreien zu helfen.

In dieser Nacht schlief Onnen nur wenig. Als er um sechs Uhr morgens zu arbeiten begann, da schwangen seine Arme nur ganz mechanisch die Schaufel – er horchte immerwährend.

Jetzt führten sie den armen Sünder aus dem Gefängnis und schleppten ihn zwischen zwei Soldaten hinaus auf die Straße, nach alter Gewohnheit mit ungekämmtem Haar, unrasiert und in den Kleidern, welche er bei seiner Gefangennehmung trug.

Onnen sah im Geiste alles, hörte alles – nur eins nicht. Auf dem Richtplatz hatten sich Hunderte versammelt, die kaum fähig waren, ihren Groll, ihren bitter nagenden Grimm in sich zu verschließen. Die Hutmachergilde verlor in dem Gefangenen einen beliebten Kameraden, persönliche Freunde den Freund, die ganze Stadt einen geachteten Bürger.

Noch beherrschte ein Summen und Raunen die ganze Versammlung, dann erschien eine Abteilung Franzosen und für den Augenblick entstand Todesstille. Hinter den Soldaten kam ein Blockwagen ohne Sitz oder Verdeck, ein schmutziger Lastwagen wie er für den niedersten Dienst benutzt wird; zwei trübselige Pferde zogen dies Fuhrwerk direkt zur Richtstätte.

»Er kann nicht gehen!« hieß es. »Ach, der Arme!«

»Laßt uns einmal näherrücken. Johann Nelles verdient doch wohl, daß ihm seine Freunde wenigstens ein Abschiedswort sagen.«

Ein älterer Hutmachermeister schüttelte seufzend den Kopf. »Ich glaube kaum, daß das im wahren Interesse des Verurteilten läge«, sagte er mit traurigem Tone. »Johann Nelles ist ohne Bewußtsein, also weckt ihn nicht etwa zu der Erkenntnis seines Schicksals.«

Die Menge drängte sich näher um den Sprechenden. »Ist es denn mit der Wunde so sehr schlimm, Meister Funke?«

»Der kalte Brand ist hinzugetreten – die Franzosen haben ja keinen Arzt geholt, nicht einmal einen Verband angelegt.«

»O die Barbaren, die Schändlichen!«

»Von wem wißt Ihr denn das alles, Meister Funke?«

Der Alte lächelte traurig. »Von den Gefängnisbeamten, Kinder. Für Geld und gute Worte kann man diese Leute kaufen – sie haben mich sogar hineingelassen, aber der arme Nelles lag schon gestern abend ohne Besinnung.«

»Dann ist ihm also der Richtspruch gar nicht verkündet worden?«

»O behüte, das geschieht niemals. Im Konventsaal des Marien- Magdalenenklosters halten die Machthaber ein scheinbares Kriegsgericht, bei welchem an einen Verteidiger für den Angeklagten, an Beweis oder Geständnis gar nicht gedacht wird; man spricht das Urteil und bringt den Gefangenen vom Leben zum Tode – das ist alles.«

»Jetzt hält der Wagen, sie heben ihn herab!«

»Ach Gott, wie sein Kopf hängt! – Die Unmenschen!«

»Seht nur, seht, er kann nicht stehen!«

»Danken wir doch dafür dem Himmel, ihr Leute! Er bemerkt von dem ganzen Vorgange nichts!«

»Sie binden ihn an den Wagen – die Soldaten stellen sich auf.«

»Ja, was können denn die dafür? Sie werden einfach kommandiert!«

»Sieh! Sieh! Bist du etwa ein Freund der Franzosen, daß du sie gar noch freiwillig in Schutz nimmst?«

»Oder vielleicht ihr Spion?«

»Narren seid ihr! Kommt hervor, wenn ihr mit einem Hamburger Bürger Streit zu haben wünscht!«

Es entspann sich eine Schlägerei, Steinwürfe flogen herüber und hinüber, die Soldaten wurden getroffen und erst, als die Salven krachten, kam wieder einige Besinnung in die erbitterten Massen zurück. Der Gefangene hatte von alledem nichts bemerkt als vielleicht sekundenlang das Eindringen der Kugeln in die schweratmende Brust – gerade so geknickt und haltlos, wie er als Lebender an dem Wagen gehangen, so hing er, von allem Erdenweh erlöst, noch jetzt.

Aber sein Anblick reizte eben dadurch die Wut der Massen; den Soldaten, welche die Hinrichtung vollzogen hatten, flogen wieder Steine an die Köpfe, es erfolgte ein plötzliches Kommando und mit gefälltem Bajonett rückten die Truppen gegen die versammelten Volksmassen vor.

Jetzt wandten sich diese zur schleunigen Flucht; nur vier Männer wurden, weil sie auf dem unebenen Boden stolperten und fielen, von den Franzosen aufgegriffen, um dann sofort abgeführt zu werden.

Lautlos folgten einige dem Zuge bis zum nahen Millerntor, dann verstärkte sich in der eigentlichen Stadt wieder die Menge, doch blieb man ruhig. Was würde jetzt geschehen?

Die Soldaten gingen, ihre Gefangenen zwischen sich, bis zu jener alten Wache auf dem Großneumarkt, die seitdem abgebrochen und nicht wieder aufgebaut worden ist; hier machten sie Halt.

Ein Kreis von Zuschauern umgab schweigend den Platz. Was hatten die Leute verbrochen? Waren es gerade die, welche mit Steinen warfen, oder vielleicht die, welche ruhig zusahen, aber unglücklicherweise im vollen Laufe stolperten?

Darum bekümmerten sich die Franzosen verzweifelt wenig.

Ein Profoß wurde herbeigerufen und die Bestrafung sofort vollzogen; vier Hamburger Bürger erhielten auf offener Straße vor der Neumarktswache je fünfundzwanzig Stockschläge – ganz in der Weise, wie man sie kleinen Kindern zu verabreichen pflegt.

Nach dieser Exekution wurden sie mit einer Verwarnung entlassen. Niemand wagte es, offen dem Übermut der grausamen Quäler entgegenzutreten, die schrecklichen Ereignisse des Jahres 1812 lebten noch zu frisch in der Erinnerung aller. Damals waren aus einem in voller Empörung begriffenen Volkshaufen sechs Personen aufgegriffen, umzingelt und ohne weitere Formalitäten erschossen worden – dergleichen konnte sich ja auch jetzt noch in jedem Augenblick wiederholen. So sehr aber auch in den Herzen aller die Erbitterung gärte und kochte – das Schauspiel des nächstfolgenden Tages sollte doch sämtliche vorausgegangenen Ereignisse in den Hintergrund drängen, um seiner ungeheuren Ruchlosigkeit willen alles Frühere fast vergessen lassen.

Es war ein Sonntag. Von den wenigen Kirchen Hamburgs, die nicht als Pferdeställe oder Futtermagazine benutzt wurden, erklangen die Glocken und riefen zum Gottesdienst, dem auch Onnen sich, wo es eben möglich war, niemals entzog. Durch die Luft sickerte ein feiner Staubregen, es war ein unangenehmes, kühles Wetter, dem man wohl im Innern des Zimmers ein gemütliches Behagen abgewinnen konnte, draußen aber auf keinen Fall. Onnen hielt bereits die Tür der Michaeliskirche halb geöffnet, als ihn jemand hastig beim Namen rief; er wandte den Kopf und sah, wie Alexei mit beiden Händen winkte.

»Komm schnell zu mir, Herr!«

Onnen erschrak. »Was gibt es denn?«

»Nichts, das uns selbst anginge. Aber komm nur, Herr, du sollst etwas sehen, das Steine erbarmen könnte; die Franzosen haben in Lübeck zweihundert Knaben geraubt, um die Eltern derselben zur Bezahlung einer viele Millionen betragenden Summe zu zwingen. Jetzt sind die armen Kinder hier in Hamburg.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain