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Kitabı oku: «Onnen Visser», sayfa 39

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»Und sollen hier bleiben?«

»Nur für diese Nacht. Im Hafen liegt ein Kriegsschiff, das bestimmt ist, sie nach Frankreich zu bringen.«

Onnen erbleichte. »Das Maß ist übervoll, Alexei, es kann nun mit dieser alle göttlichen und menschlichen Gesetze verhöhnenden Wirtschaft unmöglich noch lange mehr andauern!«

»Sei still, die Leute sehen uns an. Komm mit mir zur Gegend der Steinstraße, da lagern die unglücklichen Kinder.«

Sie gingen durch die Stadt bis zum heutigen Georgsplatz, und dort bot sich ihnen ein schrecklicher Anblick. Durchnäßt und beschmutzt, teilweise ohne Kopfbedeckung oder in Morgenschuhen, krank und verzweifelt, so lagen auf dem versumpften Boden zweihundert Knaben im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren, alles Söhne der angesehensten Familien Lübecks. Die Kinder waren von einem Bataillon Soldaten zu Fuß nach Hamburg eskortiert und daher schon zwei Tage und Nächte unterwegs; eine beängstigende Stille lag auf der ganzen Schar, sie mochten sich wohl zu sehr fürchten, mochten zu sehr vom Entsetzen geschüttelt werden, um noch nach Kinderart zu toben, oder auch nur irgendeinen Laut von sich zu geben.

Hinter den Reihen standen mehrere Frauen und Männer, Leute aus den besseren Kreisen der Stadt, Menschen mit todesblassen Gesichtern und gerungenen Händen, Verzweifelnde, die, solange es ihnen möglich war, in der Nähe ihrer Kinder bleiben wollten, die immer und immer wieder bei den französischen Soldaten um Gnade flehten, ohne eine andere Antwort als nur ein Achselzucken zu erlangen.

Mit den Knaben zu sprechen wurde ihnen gestattet, sie durften dieselben aber aus den Reihen ihrer Genossen nicht entfernen und das war es einzig und allein, was sie zu erreichen hofften.

Eine Mutter hielt ihren zehnjährigen kleinen Liebling mit beiden Armen umfaßt. Das Kind trug ein blaues Samtkostüm und Schnürstiefel, aber ihm fehlte der Hut, es hatte schmutzige Händchen und schien vor Furcht fast erstarrt. Große braune Augen sahen voll Scheu aus dem blassen Gesichtchen hervor, die Haare hingen naß und zerzaust um den Kopf herum.

»Herr Soldat«, flüsterte die Mutter, »ach, Herr Soldat, sehen Sie denn nicht, daß mein kleiner Knabe fiebert? Er muß zu Bett gebracht werden, muß den Arzt haben – o Gott, wenn er mir stürbe!«

Das Kind begann zu zittern. »Mama«, rang es sich über seine bleichen Lippen, »liebe Mama, laß mich nicht sterben – ich fürchte mich vor der schwarzen Erde so sehr!«

»Herr Soldat, um Jesu Christi willen, hören Sie denn nicht?«

Der Franzose zuckte die Achseln. »Fragen Madame selbige Sacke alle Stunden!« brummte er. »Können gar nix tun Soldat.«

Die arme Frau warf sich auf ihre Knie, sie hob die Hände zum Himmel empor und weinte laut, während einige größere Knaben sie und den Kleinen zu trösten suchten. Mittlerweile hatte sich aber auch eine ganze Anzahl von Frauen aus dem Volke an der Stätte so großen Jammers zusammengefunden; lauter Mütter, deren eigene Kinder allen möglichen Gefahren ausgesetzt waren, die vielleicht für sich selbst nichts mehr zu essen, nichts mehr anzuziehen hatten, denen aber das Elend der schuldlosen Knaben tief zu Herzen ging.

Für den kleinen Kranken war bald ein trockener Anzug herbeigeschafft, ein Regenschirm und ein Paar Stiefel, ein Kopfkissen, Stroh und ein kühlendes Getränk. Das arme Wesen! So jung und schon so unglücklich – die barmherzigen Samariterinnen weinten alle mit der Mutter um die Wette, sie hatten völlig vergessen, daß der barbarische Feind jedes Zusammenstehen auf der Straße mit Rutenhieben bedrohte, ihre Liebesgaben erquickten die halbverschmachteten Kinder, ihre Hände wuschen die blutenden Füße; es fand sich auf dem Boden der Fischfrau oder Kornhändlerin noch ein alter Strohhut, eine Mütze, mit denen die Söhne der Lübecker Millionäre ihre Augen gegen die Strahlen der Sommersonne beschützen konnten.

Speise und Trank kam von allen Seiten herbei, auch Onnen und Alexei brachten ihr Scherflein – nur der kleine Kranke genoß nichts mehr. Er hielt die großen Augen weit geöffnet, aber es war kein Blick darin, kein Ausdruck; der zarte Körper krümmte sich im heftigsten Fieber, die Haut war trocken und brennend heiß.

Einer der aus Lübeck mitgegangenen Herren näherte sich der unglücklichen Mutter und sprach mit ihr, er forderte sie auf, sich den Machthabern zu Füßen zu werfen. Was lag denn an einem einzigen kleinen Kind? Wer menschlich empfand, der mußte doch dem Kranken ein Obdach gewähren, wenigstens ein anderes Sterbelager als auf offener Straße.

Die arme Frau erhob sich schwankend, halb bewußtlos; treue Arme umschlangen ihren Knaben, mitleidige Seelen führten sie selbst durch die Straßen Hamburgs zu den Tyrannen, welche jetzt auch gegen wehrlose Kinder den Krieg erklären zu wollen schienen. Der frömmelnde, heuchlerische, aber im innersten Herzen grausame General Hogendorp befand sich in der Kirche; die arme Mutter mußte länger als eine Stunde warten und erhielt dann bei der ersehnten Audienz nur ein Achselzucken, eine ausweichende Antwort. »Ich kann keine Ausnahme gestatten, Madame; weshalb hat Lübeck die der Stadt auferlegte Kriegskontribution nicht pünktlich bezahlt? Der Kaiser liebt den schnellen Gehorsam.«

Die Hände der unglücklichen Frau falteten sich zu angstvollem Flehen. »Exzellenz, man kann nicht zahlen, wenn die Kassen leer sind! Es ist unmöglich, da zu geben, wo man selbst für den Augenblick nichts besitzt.«

Der General bedauerte halb spöttisch. »Haben denn die Lübecker Geldfürsten auch wie hier in Hamburg ihre baren Mittel auf den Wällen begraben, Madame? Oder wohin sind dieselben sonst gelangt?«

Sie wagte nicht, ihm zu antworten, darauf hatte er gerechnet. »Versuchen Sie Ihr Glück bei dem Herrn Maire, Madame. Die militärische Seite der Frage gestattet keine Abweichung von dem einmal erlassenen Befehl; vielleicht kann Ihnen Herr Rüder nützen, indem er irgendeine Kaution für den auf den Kopf Ihres Kindes entfallenden Anteil der Strafsumme herbeischafft.«

Damit war die Audienz beendet und mit einem immer schwerer werdenden Herzen wandte sich die arme Mutter jetzt zu dem bezeichneten Herrn; dieser ließ sich indessen bei seinem Frühstück nicht stören. Der Diener berichtete nur, daß Monsieur Rüder mit der ganzen Angelegenheit nichts zu schaffen habe – das sei Sache des Polizeichefs, Herrn d‘Aubignose.

Wieder ein neuer weiter Weg, neue Todesangst, daß alle Hilfe zu spät kommen möge. Die gequälte Frau konnte kaum noch sprechen, sie warf sich dem Beamten zu Füßen und flehte schluchzend um Gnade.

Der Polizeidirektor schien ein weniger versteinertes Herz zu besitzen; er nahm die Sache außerordentlich leicht. Ein krankes Kind von der Straße auflesen und in irgendein Haus tragen – aber warum denn nicht? Seine Majestät, der Kaiser, würde dagegen durchaus nichts einzuwenden haben!

Ein Unterbeamter wurde der Dame als Begleiter zugesellt, und nun eilte die Unglückliche fliegenden Fußes nach dem Lagerplatz der Knaben zurück. Jetzt konnte noch alles gut werden; ihr Gemahl, an jenem verhängnisvollen Tage von Hause abwesend, war nun zurückgekehrt und würde sogleich nach Hamburg kommen, würde helfen, raten, alle Hebel in Bewegung setzen, um sein einziges Kind zu retten. Vielleicht war es sogar des Kleinen Glück, daß er in Hamburg erkrankte; das französische Schiff durfte seinetwegen nicht warten, und so schien wenigstens diese ärgste, äußerste Gefahr für den Augenblick abgewendet.

Sie selbst hatte bei der eiligen Flucht aus Lübeck Geistesgegenwart genug gehabt, eine größere Summe Geldes zu sich zu stecken, das würde für die Pflege des Kleinen unter allen Umständen genügen.

»Sind wir noch nicht bald da?« fragte sie jeden Augenblick.

Und dann endlich war die Stelle erreicht. Ein Gewühl, wie auf dem Jahrmarkt!

Man sah sie an, Frauen gaben ihr plötzlich die Hand oder begannen zu weinen; ein unbestimmtes Grauen erfaßte das Herz der armen Mutter.

»Wo ist mein Kleiner?« rief sie halb schwindelnd. »Paul! Paul!«

Der Freund aus Lübeck trat ihr entgegen, hielt sie an beiden Händen zurück. »Nicht so schnell, liebe Frau Rodenberg – kommen Sie, ich habe Ihnen etwas zu sagen.«

Aber sie wollte sich gewaltsam von ihm freimachen. »Paul, Paul, wo bist du? – Ach, allmächtiger Gott, er wird doch nicht gestorben sein!«

Neben ihr fiel eine Frau in Krämpfe, und nun wußte die Unglückliche alles, sie fand auch den Weg zu ihrem Kleinen, sie sah ihn fast so, wie ihn vor fünf Stunden ihre Arme den fremden barmherzigen Menschen überließen. Fast so, aber doch nicht ganz.

Die Augen waren noch starr und weit geöffnet, das kleine Gesicht so blaß und der Ausdruck desselben so ängstlich, aber auf der Stirn lag die Kälte des Todes und das Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Lautlos, wie vom Schreck gebrochen, fiel die junge Frau neben der Leiche ihres Kindes zu Boden; sie war ohnmächtig, vielleicht selbst sterbend – der Polizeibeamte fand es für gut, den Platz sogleich räumen zu lassen und auch die Lübecker Kinder, anstatt auf offener Straße, lieber in den leeren Speichern am Meßberg unterzubringen.

Die arme Frau Rodenberg und das tote Kind trug man ins nächste beste Haus, ohne sich um die Unglücklichen weiter zu bekümmern.

Onnen hatte alles mit angesehen. Ein furchtbarer Sonntag. – Und doch sollten ihm noch viel, viel schlimmere folgen.

Früh am Montag morgen brachte man die Lübecker Knaben an Bord des Kriegsschiffes, das darauf gegen Mittag unter Segel ging. Von diesen Kindern sind fünfzehn in ihre Heimat zurückgekehrt, die übrigen dagegen gestorben und verdorben, ohne daß ihre Eltern von ihnen jemals eine Nachricht erhielten.

Onnen konnte die Einschiffung nicht mitansehen, er mußte seinen Platz beim Schanzenbau wie gewöhnlich einnehmen und arbeitete mechanisch weiter, indes Flüsterworte von Mund zu Mund gingen, immer neue Schreckensbotschaften bringend, neue unglaubliche Schandtaten enthüllend.

Eine Bekanntmachung des verrufenen Maire Rüder gebot allen Witwen und unverheirateten Frauen, sich sogleich zum Dienst in den Lazaretten zu melden; der Oberst Chaban hatte von dem General Davoust aus dem Hauptquartier zu Ratzeburg einen Befehl erhalten, kraft dessen jedem Hamburger Einwohner das bare Geld ohne Umstände weggenommen werden sollte, und zwar, um die Bedürfnisse der Armee zu decken.

»Demnächst geht es dann an die Silberbarren der Bank«, flüsterte einer.

»Da fühlt man sich im Schutze seiner Armut förmlich behaglich!«

»Drüben hinter Sankt Georg lodert‘s wieder hell. Man verbrennt das Dorf Hamm!«

»Und auf dem Heiligengeistfelde knallen die Salven. Es werden wieder einmal Menschen erschossen, nur weil Spione bei ihnen Waffen gesehen haben wollen.«

Sie knirschten beide, der, welcher erzählt, und der, welcher zugehört hatte. Ja, die Spione! Sie hatten schon Fluten von Elend und Verzweiflung über die unglückliche Stadt gebracht, sie regierten faktisch die französischen Behörden und dadurch Hamburg.

Onnen sprach nicht mit; er dachte immer an das tote Kind der Frau Rodenberg, und dann verloren sich seine Erinnerungen unmerklich nach Norderney, zu jenem Morgen, als Kornelius Raß mit durchschossener Brust von den Fischern herbeigetragen wurde.

»Herr!« flüsterte neben ihm die Stimme des Zigeuners.

Er sah auf. »Nun, Mikosch?«

»Arbeite weiter, mein Sohn, und scheine nichts zu bemerken, nichts zu hören – willst du das?«

Onnen schüttelte den Kopf. »Ich verstehe dich nicht, Mikosch! Hast du mir denn irgend etwas Besonderes zu erzählen?«

»Ja, aber etwas Gefährliches. Du darfst jetzt nicht aufblicken.«

»Es sind also Bekannte in der Nähe – aber wo?«

»Bei den hinter uns arbeitenden Strafgefangenen, Herr.«

Onnen erschrak. »Sage es mir, Mikosch! – Leute von meinem früheren Regiment?«

»Ja, Herr. Still, ganz still – es sind Feiko Hansen und Georg Wessel!«

»Großer Gott – und sie tragen die Sträflingskleidung?«

»Ja, Herr, aber vergiß nicht, daß du sie nur mit den Augen grüßen darfst. Wird eure Bekanntschaft von den Franzosen entdeckt, so stehst du als verdächtig da – das behalte im Auge.«

»Ich will es ja. Ach mein Gott, wer hätte das gedacht!«

Er warf die Erde während kurzer Zeit hastig hin und her und stützte sich dann schwer, wie ausruhend, auf den Spaten. So ging es an, sich gleichsam zufällig umzusehen.

In langer Reihe arbeiteten, erst seit dem heutigen Morgen neu eingestellt, die Strafgefangenen mit der Kette zwischen Arm und Fuß an den im Bau begriffenen Schanzen. Wenige Schritte von ihm entfernt standen Georg und Feiko in leinenen Matrosenkleidern, also von einem aufgebrachten Schiff direkt hierhergeführt, um allem Kriegsbrauch zuwider an den Befestigungswerken des Feindes mitzuarbeiten.

Wie verändert die beiden waren! So blaß und hohläugig, so abgemagert, als hätten sie Wochen und Monate ohne genügende Nahrung verbracht.

Die Blicke der drei jungen Leute begegneten sich flüchtig; keiner unter ihnen vergaß, daß er beobachtet wurde, aber dennoch erzählten die Augen von überstandenen Leiden, von Drangsalen, die Leib und Seele gleich sehr erschüttert hatten.

Onnen konnte kaum das Ende dieses zur Ewigkeit gedehnten Tages erwarten. Er würde mit seinen beiden Freunden auch am Abend nicht sprechen dürfen, das wußte er freilich, aber es blieb ihm doch unverwehrt, zum Hafen hinabzugehen und dort Erkundigungen einzuziehen; ebenso erfuhr er, wo Georg und Feiko wohnten. Jedenfalls hatten sie eine fürchterliche Gefangenschaft im verschlossenen Innern eines ausgeplünderten Kauffahrteischiffes zu ertragen gehabt.

Zwischen den sogenannt freien und den mit Ketten belasteten Arbeitern gingen Wachtposten fortwährend hin und her; es ließ sich kein einziges Wort sprechen, keinerlei gleichsam zufällige Bekanntschaft anknüpfen.

Endlich schlug es sieben. Die Strafgefangenen marschierten mit ihren Aufsehern zum Bauhof, die übrigen Schanzgräber zerstreuten sich nach allen Richtungen hin, auch unsere Freunde, und zwar auf dreifach verschiedene Weise. Alexei hielt sich in einiger Entfernung hinter Georgs und Feikos Abteilung, um ihr Quartier zu ermitteln, Mikosch führte seinen Bären auf ein Stündchen aus dem engen Stall hinaus ins Freie und Onnen eilte flüchtigen Fußes zum Hafen.

Drei französische Kanonenboote ankerten mitten im Strome und neben ihnen lag ein russischer Dreimaster mit entsetzlich zugerichteter Takelage. Masten und Spieren waren zersplittert, das stehende Gut zerschunden und zum Teil ganz entfernt, das laufende in Fetzen zerrissen. An den Seitenwänden zeigten sich Kugelspuren, das Steuer fehlte ganz und die Kombüse lag in Trümmern.

»Da drinnen im Raume leben noch Menschen«, flüsterte ein Jollenführer in Onnens Ohr. »Der Kapitän und die Steuerleute des unglücklichen Schiffes; sie fuhren unter falscher Flagge, aus diesem nichtigen Grunde will man ihnen den Prozeß machen.«

»Das heißt doch, sie erschießen?«

Der Jollenführer zuckte die Achseln. »Wir werden es schon knallen hören«, meinte er nach längerer Pause. »Und auch der liebe Gott wird‘s hören – der Schandtaten sind nun nachgerade so viele, daß die Erlösung bald kommen muß.«

Onnen wußte genug. Schweren Herzens ging er an diesem Abend nach Hause, grübelnd und immer angestrengter grübelnd, wie es ihm möglich werden solle, sich mit den beiden Freunden in Verbindung zu setzen. Erfuhren die Franzosen seinen Namen, seine Geschichte, so war ihm die Kugel für den nächsten Tag gewiß; es galt daher, äußerst vorsichtig zu Werke zu gehen.

Und doch hätte er Gott weiß was darum gegeben, mit den beiden Freunden einen Augenblick sprechen zu dürfen.

»Geerd Kluin ist hier, hütet euch um Himmelswillen vor ihm!« das wollte er ihnen zurufen – aber wo fand sich die Gelegenheit?

Zu Hause im Eichholz ging der Wirt jammernd und händeringend umher. Es war eine Botschaft des Generals angelangt, man hatte im Rate der Machthaber beschlossen, die ganze eine Häuserreihe der Straße zu Lazarettzwecken zu verwenden und aus diesem Grunde den Bewohnern einfach auferlegt, bis zum anderen Abend den Platz zu räumen. Alle Häuser mit großen eleganten Zimmern waren bereits zu irgendwelchen Zwecken mit Beschlag belegt; jetzt folgten also die der ärmeren Leute.

Ein ersticktes Schluchzen, ein Weinen und Fluchen ging durch die hartbetroffene Straße. Eine Grünwarenhändlerin hatte den Verstand verloren; sie saß auf einer Haustreppe und führte eingebildete Unterredungen mit Gott und dem Heiland, sie versprach unter Tränen ihren früheren Nachbarn, für sie im Himmel Gnade und Erlösung zu erwirken.

Das todesblasse Gesicht der armen Frau zeigte ein scheues, wahnwitziges Lächeln; von Zeit zu Zeit segnete sie die umstehenden Personen.

»Mutter Thiemann«, rief weinend eine Frau, welche mit ihr im selben Hause wohnte, »Mutter Thiemann, kommen Sie doch, die Leute lachen ja über alles, was Sie ihnen da erzählen. Wir wollen hineingehen.«

Die arme Wahnsinnige schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht mehr die Mutter Thiemann«, sagte sie, »das war vorzeiten, ehe die Franzosen kamen.«

»Still doch, Frau, um Himmelswillen still!«

»Weshalb? Alle Leute können hören, daß ich nun eine gekrönte Heilige im Himmel bin. Ich habe eine ebensolche Dornenkrone wie der Herr Christus! – Da sitzt er ja auf goldnem Throne mitten unter euch; seht ihr ihn denn nicht?«

Niemand lachte, hie und da klammerten sich größere Kinder mit scheuen Blicken an die Kleider ihrer Mütter, Frauen weinten und Männer schüttelten die Köpfe – in der ganzen Versammlung wurde kein Laut gehört.

Mutter Thiemann nickte immer leise vor sich hin. »Zuerst holten mir die Franzosen meinen Jungen, meinen lieben einzigen Jungen aus dem Hause«, sagte sie in klagendem Tone, »er fiel in der Schlacht, er ist tot, mein armer Bernhard! Dann kam sein Vater an die Reihe – sie haben ihn als Hochverräter auf dem Heiligengeistfelde erschossen!«

Ein Wimmern folgte diesen Worten. »Meinen guten Hannes, einen so braven Mann, einen so tüchtigen Hamburger Bürger und achtbaren Familienvater! Sie haben ihn totgeschossen wie einen tollen Hund!«

»Um Gotteswillen, Frau, so schweigen Sie doch beizeiten!«

Die arme Mutter Thiemann hörte nicht. »Nun hatte ich noch zwei Kinder«, schluchzte sie, »hübsche fleißige Mädchen, die holte das böse Fieber, beide an einem Tage. Meine Sachen mußte ich hergeben, Betten, Leinen, Lebensmittel, Möbel – nichts war übrig als das bißchen Kram auf dem Hopfenmarkt, aber auch das war noch zuviel, die Franzosen kamen und rissen alle die Körbe auf und nahmen, was sie fanden. Oh Kinder, Kinder, wie sind wir unglücklich!«

Die Alte stand auf und schob und zerrte an ihrer Witwenhaube. »Eine Nacht schlafe ich noch in diesem Hause«, sagte sie, »dann nehmen es die Teufel mit schwarzen Gesichtern und blutroten Krallen – ich fahre auf zum Himmel. Seht ihr wohl die Dornenkrone?«

Sie segnete nach ihrer Meinung die Umstehenden und versprach ihnen alles mögliche Glück und Wohlergehen; erst nach längerer Zeit ließ sie sich bewegen, wieder in das Haus zurückzukehren, völlig wahnsinnig, seit man ihr das letzte geraubt, die Stätte, an der all ihr irdisches Glück zu Grabe getragen worden war.

Außer dieser Armen befanden sich in gleicher Aufregung noch Hunderte. Diesen Morgen waren sämtliche auf dem Hopfenmarkt und in den Straßen zum Verkauf ausgestellte Lebensmittel, Gemüse, Früchte, Fische, Milch, von den Franzosen ohne lange Vorrede weggenommen worden, dazu kam der Verlust der Wohnung, die Furcht, auch noch das letzte bißchen Habe einbüßen zu müssen; kopflos vor Angst liefen die Leute während dieser ganzen Nacht durcheinander.

Einiges hatten die Franzosen bereits mitgeteilt. Frauen, Kinder, Greise und Kranke sollten, wie gewöhnlich, rücksichtslos auf die Straße geworfen werden; allen arbeitenden, Schanzen und Brücken bauenden Männern dagegen hatte man in den verschiedenen Arrestlokalen und Baracken der Stadt ein Quartier bereitet. Ihre Kräfte verlangten Schonung, um des vorhandenen Zweckes willen.

Der Wirt saß wie stumpfsinnig. »Wohin sollte ich wohl meine Sachen bringen, ihr guten Leute? In ganz Hamburg ist keine Wohnung zu bekommen, und wenn auch? Was die Franzosen sehen, das nehmen sie weg!«

Mikosch stützte den Kopf in die Hand. »Mein Bär! Mein Bär! Du großer Gott, wie soll ich ihn retten?«

Dann kam ihm gegen Morgen ein Gedanke. »Ich will zum Herrn Polizeidirektor gehen und Ruff mit mir nehmen, vielleicht läßt sich der Mann erweichen.«

Er kämmte und bürstete den plumpen Kerl, dann wanderte er mit ihm zur Wohnung des Herrn d‘Aubignose und erwartete den Augenblick, wo dieser gebietende Herrscher seine Equipage besteigen würde. Ruff mußte den Schlag öffnen, er verbeugte sich auch mit Bärenzärtlichkeit und der Franzose lachte. Ehe noch fünf Minuten vergingen, hatte der schlaue Zigeuner einen Zettel in der Tasche und auf demselben die Unterschrift des Polizeichefs. Herr d‘Aubignose sicherte ihm nicht allein den Besitz des Bären, sondern auch für die Zeit seines Aufenthaltes in Hamburg einen Stall oder sonstigen Raum, in welchem der Braune wohnen konnte.

Später am Tage kam dann die Besitzergreifung der Häuser im Eichholz. Wie einst das heimatlose Volk der Israeliten, so zogen mit Sack und Pack die Vertriebenen davon, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollten. Verschlossen die Stadttore, besetzt und beschlagnahmt jede Wohnung, angefüllt mit Kranken und Sterbenden jeder verfügbare Raum – wohin sollten sie künftig das Haupt betten?

Die Wälle zu betreten, war bei Prügelstrafe verboten, außerdem wehte draußen der Herbstwind schon recht kühl, man konnte im Freien keine Nacht mehr verbringen. Manch eine arme, geängstigte Seele hat sich in diesen Stunden des Schreckens und der höchsten Not dem göttlichen Erbarmen anbefohlen und mit der Erde die Rechnung freiwillig abgeschlossen, manch ein ehrlicher Mensch ist zum Schurken geworden, um sich von dem Fall ins Bodenlose nie, nie wieder zu erheben.

Eine Abteilung Soldaten säuberte den Platz, Kolbenstöße und Säbelhiebe beschleunigten die Schritte der Zögernden, bis endlich auf dem Eichholz niemand mehr übrig geblieben war. Mochten die Wachtposten in den anderen Straßen sehen, was sie mit den Heimatlosen anfingen.

Die arme irrsinnige Mutter Thiemann war bei mitleidigen Nachbarn an der entgegengesetzten Seite der Straße untergebracht worden, ebenso viele kranke Frauen und Kinder, aber dennoch blieben Hunderte obdachlos.

Gegen Abend zogen die Typhuskranken ein. Auf dem Fahrwege brannten hie und da Teertonnen, ein blauer dichter Dampf erschwerte das Atmen, ein Ächzen des höchsten Leidens rang sich von den Lippen der unglücklichen Kranken. Die Soldaten standen Wache, sie trugen und fuhren ihre Kameraden, sie hielten den Platz frei von denen, welche etwa noch Möbel aus den Häusern holen wollten, und nahmen endlich die von der Schanzarbeit zurückkehrenden Männer in Empfang.

Mikosch zeigte seinen Schein, er durfte den Bären mitnehmen, ebenso alle drei Zigeuner und die übrigen Männer ihre Kleidungsstücke, dann ging es fort.

»Wohin nun?«

»Zum Bauhof!« antwortete einer der Franzosen.

Onnen unterdrückte mit Mühe einen Freudenschrei. Vielleicht war es jetzt möglich, sich unbemerkt den beiden anderen zu nähern.

Als die ganze Schar antrat, um das Eichholz zu verlassen, da schlich mit gefalteten Händen eine kleine gekrümmte Gestalt herbei, ein Mann ohne Hut mit erdfahlem Gesicht, zitternd und immerfort hustend – Geerd Kluin, der Norderneyer.

»Nehmt mich mit euch, ihr Herren«, bat er, »nehmt mich um Gotteswillen mit euch. Ich kann noch ganz gut Schanzen graben, kann so mancherlei, bin gefügig und —«

»Marsch mit dir, Papa! Geh fort, du bist ein alter Herr, krank, halb närrisch. Geh, geh – wir brauchen dich nicht.«

»Ach, bitte, bitte!«

Der Franzose lachte ihn aus, Geerd Kluin wollte trotzdem den Weg nicht freigeben, er klammerte sich an die Soldaten und wurde mit den Kolben zu Boden gestoßen. »Onnen!« rief er in voller Verzweiflung, »Onnen!«

Unser Freund erschrak heftig; für den Augenblick stockte sein Herzschlag; er horchte.

Aber der Ruf verhallte ungehört, die ganze Masse zog davon, und wo Geerd Kluin blieb, das konnte Onnen nicht entdecken. Mikosch hatte ihm einen Taler zugeworfen, soviel sah er, und das beruhigte ihn einigermaßen.

Ein Unteroffizier maß den Zigeuner mit lauernden Blicken. »Du aben große Geld?« raunte er. »Viel Geld!«

Der schlaue Häuptling lachte so harmlos, als sei er arm wie Hiob. »Beim Schanzenbau ist kein Reichtum zu erlangen, Franzose.«

»Aber du aben Geld gegeben diese alte Mann.«

»Aus Mitleid, ja; der unglückliche Bettler kann nichts mehr verdienen. Weißt du, Franzose, mein Bär hier, der bringt mir immer so ein paar Silberlinge ins Haus, er ist ein sehr nützliches Tier – einen Taler habe ich oft binnen wenigen Minuten zusammen.«

Die Augen des Franzosen glänzten. »Mir auch geben Taler!« raunte er. »Nix bekommen große Geld – ick sein arm!«

»Das ist im Kriege nicht gut anders möglich, mein Lieber! Ich will dir auch recht gern einen Taler schenken, hier einen, dort einen, aber du mußt mir einige kleine Gefälligkeiten erzeigen, sonst geht‘s nicht.«

Der Unteroffizier zuckte die Achseln. »Was können tun ich? Is alle Soldat arm, hat keine Brot, kein Geld!«

Der Zigeuner lächelte. »Du sollst erstens dafür sorgen, daß mein Bär ein gutes Quartier erhält, Unteroffizier, kannst du das?«

»Oui! Oui! Aben ich Stall bei Bauhof gesehen, das nehmen. Monsieur d‘Aubignose befehlen – werfen hinaus Pferd, nehmen Futter weg!«

»Sachte, sachte, andere Leute wollen auch leben, mein Freund. Ich ernähre den Bären selbst, und wenn er in irgendeiner sicheren Ecke ein Unterkommen findet, so bin ich vollständig zufriedengestellt. Aber höre«, fuhr er fort, »du kannst mir noch einen anderen, ebenso bedeutenden Dienst leisten.«

»Was das sein? Soldat wollen so.«

»Danke sehr. Sieh einmal, meine beiden Söhne und ich, wir sind Russen – du sollst unsere Pässe sehen, wenn du es wünschst! Da möchten wir also mit unseren Landsleuten aus der Strafkompanie gern ein wenig plaudern, das begreifst du gewiß. Ihr habt ein russisches Schiff aufgebracht und die Matrosen sind als Schanzarbeiter eingestellt – diese wollten wir gern kennenlernen, um in unsrer Muttersprache mit ihnen zu verkehren und vielleicht aus der Heimat dies oder das zu hören.«

Der Franzose lächelte. »Weiter nix verlangen, mon ami? Sind diese Gefangenen in Bauhof und sind Zigeuner auch in Bauhof. Können nicht sein zufrieden?«

»Doch wohl kaum! Der Bauhof ist groß; wer weiß, ob wir einander zu sehen bekommen! Hält übrigens deine Kompanie dort Wache, mein guter Franzose?«

»Oui, ich da sein alle Tage.«

»Dann läßt sich‘s ja vielleicht machen. Ob ich mit meinen Landsleuten ein wenig russisch spreche, das schadet deinem Kaiser nichts! – Ich denke, wir sind Freunde, Unteroffizier?«

»Das sein, oui, das sein. Aber du geben Taler, das wissen?«

»Heute abend den ersten, wenn meine Söhne und ich mit den Russen im selben Saale schlafen dürfen.«

Der Unteroffizier nickte. »Ruhig jetzt«, flüsterte er. »Werden fertik alles!«

Der Marsch war beendet und die weitläufigen Räume des in späterer Zeit abgebrochenen Bauhofes erreicht. Ein unregelmäßiges Viereck hoher alter Häuser umgab einen inneren großen Hof, der mit Gerümpel, Schuppen und Ställen angefüllt war; aus allen Fenstern sahen die Gesichter von Strafgefangenen und Schanzarbeitern; es schien unmöglich, hier noch einige Hundert Menschen unterzubringen.

Aber der Unteroffizier wußte Rat. Ruff bekam einen verschließbaren festen Schuppen für sich allein; die neuen Mannschaften wurden auf alle Säle verteilt und die Sache so eingerichtet, daß sämtliche Zigeuner mit den russischen Matrosen eine und dieselbe Ecke erhielten. Jene konnten nach Belieben kommen und gehen, diese trugen eine Kette, welche ihnen zur Nacht ein wenig gelockert wurde; das war der ganze Unterschied.

Mikosch schmunzelte; er winkte seinem jungen Schutzbefohlenen und schärfte ihm ein, keinen Verdacht zu erregen! »Du kannst dich ja im Laufe der Zeit besonders mit den beiden Deutschen befreunden, Herr – für heute abend sprichst du mit allen und scheinst nur froh, auch einmal Landsleute gefunden zu haben.«

»Mikosch, du bist doch ein arger Schlauberger!«

Der alte Häuptling nickte. »Nimm du nur dein bißchen Russisch gut zusammen, mein Sohn! Es ist hoffentlich noch nicht alles vergessen?«

»Keine Silbe! – Ach, da öffnet der erste Mann die Tür.«

Der Schlafsaal war erreicht; ein Raum, wie ihn sich keines Menschen Phantasie abscheulicher und schrecklicher denken könnte. Nach alter Bauart hingen die mächtigen Balken der Decke tief herab auf die Köpfe der Versammelten, was um so mehr und unangenehmer hervortrat, als die Weite des Raumes zu seiner Höhe in gar keinem Verhältnis stand und ohnehin alle und jede Einrichtungsstücke fehlten.

Rings um die Wände lief hochgeschichtet ein breites Strohlager ohne Kissen oder Decken; in der Mitte standen etwa zehn oder zwölf kleine sogenannte Kanonenöfen, deren lange Eisenrohre zu irgendeinem Fenster hinausgeleitet worden waren und an denen die Schanzarbeiter ihre ärmlichen Mahlzeiten kochten. Eine beinahe undurchsichtige Luft erfüllte diesen Saal, eine Atmosphäre, an welche sich die Lungen erst nach und nach gewöhnen mußten. Obgleich der Wind beständig hindurchfuhr, gab es doch so viele Gerüche, daß sich im ersten Augenblick eine Benommenheit des Kopfes, ein Klopfen in den Schläfen und Neigung zum Schwindel einstellten.

Mehrere Öfen rauchten, nasse Kleider trockneten überall und aus Tüten, Töpfen und Bündeln entströmten die Düfte der Abendmahlzeit. Zwiebeln, Pellkartoffeln, Heringe, Schmalz, Bier und Branntwein – so war das Gemisch beschaffen.

Einige von den Schanzarbeitern hatten dazu noch Hunde mitgebracht, andere flickten hämmernd ihre Stiefel, wieder andere brannten kleine offene Tranlampen, sogenannte »Kräusel« – Onnen glaubte wirklich im ersten Augenblick, daß es ihm unmöglich sein werde, in diesem entsetzlichen Quartier auszuharren.

Vom ersten Stock her tönten die Schritte der dort Untergebrachten so deutlich und beängstigend, daß man glauben konnte, in jedem Augenblick die niedere, schwankende Decke stürzen zu sehen. Aus den Fugen der Bretter fiel unaufhörlich ein feiner Sandregen den Untensitzenden ins Gesicht.

Ganz allmählich gewöhnten sich Auge und Lungen. Der Mensch erträgt unglaublich viel, wenn er es nur versteht, nie ärgerliche Vergleiche zu ziehen.

Magere, verkümmerte Gesichter tauchten auf, die von halberwachsenen Knaben und von alten, am Rande des Greisenalters stehenden Leuten; dumpfe wortlose Verzweiflung lag auf allen diesen Zügen, ein beginnender Stumpfsinn, der den Menschenfreund erschrecken mußte. Hier kauerte ein Angehöriger der niedersten Volksklassen, des niedersten großstädtischen Pöbels sogar, versumpft und vertiert, rohe Späße auf den Lippen, neben einem jungen Lehrer, der zu den Schanzarbeiten gepreßt worden war und nun in dieser Hölle ein Dasein voll unaussprechlicher Qualen verbrachte – dort lagen zweie, die sich in irgendeiner Weise den Genuß des Fusels zu verschaffen gewußt hatten, noch nicht ganz zum Tier versunken, aber doch hart daran, bereit, mit jedem, der sich etwa nahen würde, einen Streit vom Zaun zu brechen, rohe und gemeine Gassenhauer vortragend, in deren jedesmalige Schlußstrophen ein ganzer Chor jubelnd einfiel.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
830 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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