Kitabı oku: «Eine schräge Geschichte, die böse endet», sayfa 2

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Taleesha auf Coke

Taleesha fand ich schließlich dort, wo sich die State Route Nr. 86 gabelt und dabei die Nr. 85 nach Süden entlässt. Sie saß im Schneidersitz am Straßenrand, hatte eine leere Cola-Flasche in der Hand und starrte auf den Liquor Store auf der anderen Straßenseite. »Mann, einhundertsiebenundsechzig Einwohner, aber ein Schnapsladen!«, sagte ich, als ich mich neben sie setzte.

»Die haben auch Cola und Sprite«, gab sie mir zur Antwort. Wir schwiegen, während die kalte Wüstenluft, die immer noch beständig aus dem Norden blies, unsere Nackenhaare aufstellte. Ein paar Knöpfe ihrer Bluse hatten ihr Loch nicht gefunden, und ich genoss es, bis ich vor meinem geistigen Auge sah, wie Opas Mund Taleeshas Brustwarzen umschloss, und ich wusste, warum sie ihn und nicht mich gewählt hatte. »Und Rice Krispies und Pretzels und Fritos Corn Chips«, ergänzte sie die Angebotspalette des Spritladens. Sie schaute mich traurig an, so dass ich mich entschloss, noch nicht über das Unvermeidliche zu reden. Vielleicht wusste sie es ja auch schon, wegen Frauen, Hormone, siebter Sinn, irgendsoetwas. Ich nahm ihr die Cola-Flasche aus der Hand und roch daran, aber ich konnte nichts entdecken außer einem süßlichen Aroma von Koffein-Citrat, Karamell und Kokablatt-Extrakt. »Und Marshmallows«, sagte sie, dabei kam ihre Stimme mit dem Wüstenwind herangeweht und die Silben klangen wie in Daunen gepackt.

»Ich nehm’ das Gleiche, was du hattest«, antwortete ich, aber sie hob nur ihre leere Flasche und schwenkte sie ein paarmal hin und her, während sie eine rosafarbene Kaugummiblase platzen ließ. »Und Wrigley’s.«

Ich versuchte es mit einer Runde Wer-weiß-denn-sowas. »Wusstest du schon, warum Why Why heißt?«

»Why?«, fragte sie ohne Zögern und Nachdenken.

»Deswegen!« antwortete ich und zeigte auf die beiden Straßen, die rechts und links von uns auseinanderstrebten. »Ursprünglich hieß der Ort Y, weil hier die State Routes Nr. 85« (ich zeigte nach rechts) »und Nr. 86« (ich zeigte nach links) »in einer Y-Form auseinandergehen. Oder zusammentreffen, von wo aus man das halt sehen will. Aber es gab im Staat Arizona ein Gesetz, das vorschrieb, dass Ortsnamen mindestens aus drei Buchstaben bestehen müssen. Und so entschieden sich die Leute für den Namen Why, was ja genauso ausgesprochen wird wie der Buchstabe Y. ¿Entiendes?«

»Hm«, brummelte sie, »verstehe ich vollkommen.« Dann nickte sie ein paar Mal und noch ein paar Mal zuviel. »Macht Sinn.«

Ich müsste hier mehrere Zeilen leer lassen, so lange haben wir unser Schweigen genossen. Die Sterne am nachtschwarzen Himmel schleuderten ihr kaltes Feuer auf uns herunter und der Dreiviertelmond, der hinter San Luis aufgegangen war, lächelte verlegen.

»Und weißt du, warum Arizona Arizona heißt?« Es war Taleeshas Runde.

Ich dachte immerhin einige Sekunden nach, bevor ich aufgab. »Sag, warum?«

Taleesha richtete sich ein wenig auf und machte irgendwie einen wacheren Eindruck. »Also«, begann sie, »ich habe zwei Erklärungen: Es könnte aus der Sprache der Tohono O’Odham kommen, wo Ali Sonak kleine Quelle bedeutet.«

»Dann müsste es aber irgendwas wie Alisona heißen«, gab ich zu bedenken.

»Gut mitgedacht!«, lobte sie mich, »und deswegen gibt es ja auch eine zweite These, dass nämlich baskische Einwanderer das Gebiet Aritz Ona genannt haben, das heißt gute Eiche.«

»Was du alles weißt«, staunte ich sie an.

»Zufall«, gab sie zu, »und American Guide Series: Arizona, the Grand Canyon State, ich hab’ vorhin drin geblättert, als ich auf« – und hier zögerte sie für einen winzigen Wimpernschlag – »auf euch gewartet habe.«

Das alles ist jetzt fast vierzig Jahre her, aber ich habe in manchen Nächten immer noch den Geruch ihrer Haut in der Nase, eine Kopfnote von Schweiß und Avons Unforgettable, eine Herznote von frischem Heu und Staub mit einem Tröpfchen Cola und einem Hauch Tabak. »Du musst doch nicht im Auto schlafen«, sagte sie und hielt die Tür des Wohnwagens auf. Das war bisher ihr Wohnwagen gewesen, Opas und Taleeshas, meine ich, und ich hatte mich jede Nacht auf der Rückbank des Pick-ups zusammengerollt. Manchmal, wenn ich noch mal draußen war, weil ich mich erleichtern wollte oder noch eine rauchen, dann hörte ich gedämpfte Geräusche, die mich neidisch machten. Wir hatten Taleesha am Lake El Dorado aufgesammelt, es hatte zwei Tage lang geregnet und sie sah zum Erbarmen aus. Wir überließen ihr den Wohnwagen und quetschten uns selbst in den Pick-up, aber schon am nächsten Tag ergab es sich irgendwie, dass sie mit Opa das Bett teilte. Opa hatte es drauf, schon immer. Er war immerhin der Kerl, der sein Kindermädchen geschwängert hatte, also wohlgemerkt: sein eigenes, das war von da an meine Oma, so ging das los. Und selbst jetzt, zusammen mit Taleesha im Klappbett, löffelchenweise, respektierte ich Opa und gestattete mir keine schlechten Gedanken. Ich hörte und spürte, dass das Mädchen leise weinte, und ich genoss ihre Wärme und Nähe. Dann schliefen wir ein. Keine Träume.

Taleesha saß auf dem Campingstuhl vor dem Wohnwagen, als ich herauskam. Ich setzte mich auf die Stufen des Trailers und beide begrüßten wir den neuen Tag wie aus einem Mund: »Und jetzt?«

Keiner wusste darauf eine Antwort. Sie warf mir die Packung Winston zu und ich steckte mir eine an. Eigentlich rauchte ich nur gelegentlich abends, aber ich wollte Taleesha die unverbindliche gemeinschaftsstiftende Wirkung der gemeinsamen Zigarette nicht abschlagen. Nach ein paar Zügen war mein Kopf klar, und mir fiel ein, was ich nicht bedacht hatte.

»Scheiße!« rief ich aus, »wir müssen ihn noch mal da rausholen.« Taleesha sah mich verständnislos an. »Ich habe nicht daran gedacht, dass wir einen Totenschein brauchen oder wie das heißt. Seine Frau, der Kiosk, sein Bankkonto, hier das Auto, der Trailer – das funktioniert ohne Totenschein nicht. Am Ende sitzen wir beide hinter Gittern, weil sie uns anhängen, wir hätten ihn umgebracht und in irgend so einen beschissenen Canyon geworfen.« Ich sah den grinsenden Sheriff von Lasolita vor mir und mir wurde schlecht.

So machten wir uns auf, die 85 hinunter und dann, kurz vor Lukeville, quer durch die Kaktuswüste nach La Buena Vista-und-so-weiter. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich endlich den Platz wiederfand, an dem ich Opa einen Tag zuvor beerdigt hatte. Taleesha weinte, als sie den Sandhügel mit den Steinen obendrauf sah, aber es half nichts, wir mussten ihn ausgraben. Es war leichter, als ich gedacht hatte, denn die Erde war noch locker, und ihn zu sehen war nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Er war äußerlich tipptopp, als hätte er sich gerade mal für ein Nickerchen in den Schatten gelegt. Wir hoben ihn aus seinem Grab, und ich war froh, dass sich Taleesha nicht ekelte oder einen Nervenzusammenbruch bekam. Wir legten ihn auf die Rückbank und fuhren nach Osten Richtung Nogales, als wir auf einen kleinen Ort namens El Sásabe trafen. Ein mittelgroßes Dorf, aber die Straßen waren von Nord nach Süd mit Ziffern und von West nach Ost mit Buchstaben bezeichnet, als wären wir in einer amerikanischen Millionenstadt. Auf einer Straße, die Calle Tercera hieß, fuhren wir in den Ort hinein, und Taleesha entdeckte an der Ecke Calle B das Schild eines Veterinärs.

Ich öffnete das Fliegengitter und klopfte gegen die Eingangstür. Nach ein paar Minuten erschien ein junger Mann, und ich fragte ihn, ob der Doktor zu sprechen sei.

»Ich bin der Doktor«, sagte er, »wo steht die Kuh, das Pferd, das Schwein?«

»Mein Opa«, sagte ich und zeigte auf den Pick-up. »Er wollte noch mal das Meer sehen, meiner Schwester und mir zeigen, wo er Großmutter zum ersten Mal geküsst hat, und dann …« Ich überließ es der Fantasie des Tierarztes, die Geschichte zu Ende zu spinnen.

»Herzschlag?«, fragte er, ich zuckte mit den Schultern und nickte mit dem Kopf.

»Dann hilft ihm wohl kein Einlauf«, sagte der Doktor, der ein ordentliches Amerikanisch sprach, jedenfalls glaubte ich, das Wort Clyster gehört zu haben.

»Es geht uns um den Totenschein«, ich hatte nach dem Wort Death Certificate gesucht, sagte aber Death Licence. Der Doktor verzog jedoch keine Miene.

»Sie müssen ihn hereinbringen«, befahl er, und so schleppten Taleesha und ich den Alten ins Sprechzimmer und legten ihn auf den Stahltisch, auf dem sonst Katzen und Hunde kastriert wurden. (Wenn ich allerdings jetzt darüber nachdenke, bin ich mir nicht sicher, ob in Mexiko jemals ein Hund oder eine Katze kastriert wurde, und wenn, dann wahrscheinlich eher nicht bei einem Veterinär mit Hochschuldiplom, das hier an der Wand hing.)

Der Arzt drehte Opa nach links und nach rechts, offensichtlich suchte er nach den üblichen Einschusslöchern, dann fand er eine Platzwunde am Hinterkopf, und ich erklärte ihm: »Er ist hingefallen, als es passierte.« Der Doktor nickte und ließ sich auch durch die Pilotenbrille, die Opa auf den letzten Metern in der Luft auf die Stirn geschoben hatte, die wattierte Weste mit dem Abzeichen der Sky Dancers und die Chaparralblüten auf seiner Brust nicht irritieren. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, zog ein Formular aus der Schublade, das er ausfüllte, und übertrug die Daten in eine Kladde. Opas Namen und Geburtsort musste ich ihm buchstabieren, aber alles in allem waren wir zehn Minuten und fünfzig Dollar später wieder draußen.

Eigentlich hätten wir jetzt den wenig genutzten Grenzübergang und die Arizona State Route 286 nach Norden nehmen können, aber mit Opa auf der Rückbank und der Aussicht auf ein sauber ausgehobenes Grab 25 Meilen weiter westlich fuhren wir auf demselben Weg zurück, auf dem wir gekommen waren. Opa ist, jedenfalls soweit ich weiß, das erste Familienmitglied, das innerhalb von 36 Stunden zweimal beerdigt wurde.

Jetzt ist er weg

Jetzt war hier unten alles erledigt, eine Nacht noch, dann würden wir uns auf den Weg machen. On the Road Again, diesmal ich hinterm Lenkrad. King of the Road. Abschied von Opa, und ich ahnte, dass es diesmal für sehr lange sein würde.

In der Nacht schlief jeder auf seiner Seite, und als ich aufwachte, war Taleesha schon angezogen und hatte einen Becher Kaffee in der Hand. Ich stützte mich auf den Ellbogen, ließ die Jalousie am rückwärtigen Fenster hochschnellen und erschrak. Ganz deutlich waren dort Opas Hände auf der Scheibe zu sehen, so wie das aussieht, wenn Kinder mit Fingerfarben die Kindergartenfenster dekorieren, Handballen, fünf Finger, vom Daumen nur das vordere Glied, schräg zu den anderen vier. Opas Hände, grau-braun und rot. Jetzt erinnerte ich mich: Da war das Kaninchen gewesen, das hatte er geschossen, und nachdem er es ausgenommen und ihm das Fell über die Ohren gezogen hatte, war er gestolpert und hatte sich mit beiden Händen an der Scheibe abgestützt. Opas Hände, grau-braun und rot.

»Was machst du?«, fragte Taleesha, als ich mit einem Eimer loszog, ein Slalom um übermannshohe Kakteen und überalterte Wohnwagen, um am Waschhäuschen des Coyote Howl Trailer Parks Wasser zu holen.

»Nach was sieht’s aus?«, fragte ich zurück. Als ich wieder zum Wagen kam, hatte auch sie Opas Hände entdeckt. »Kein Gruß aus dem Jenseits«, beruhigte ich sie und erinnerte sie an den Vorfall zwei Tage zuvor.

»Aber wir haben das gestern nicht gesehen«, wandte sie ein.

»Weil wir müde waren«, gab ich zurück, »und wir haben auch die Jalousie nicht hochgemacht.« Ich schüttete schwallweise das Wasser über die Rückfront und Opas Hände verliefen sich über die Karosserie des Wohnwagens.

Taleesha und ich, wir beide hatten ein gemeinsames Ziel, deshalb verschwendeten wir auch nicht mehr viele Worte und machten uns auf den Weg. Ich hängte den Wohnwagen an den Travelette und wir zuckelten los. Wir wollten beide nach New York, das hatten wir gestern Abend beschlossen. Taleesha träumte, warum sollte sie nicht? Jetzt hatte sie ja fast nichts mehr als diesen Traum, in dem sie sich in New York sah, auf einer Bühne, gern auch Broadway, singend, tanzend, vom Beifall umtost. Oh doch, sie konnte singen – I’m sorry, Paper Roses, Blue Bayou sang sie, ein wenig kehlig, aber angenehm, mit warmem Timbre. Wo hast du …? wollte ich fragen, aber sie kam mir zuvor. »Ich singe, solange ich denken kann, du weißt, alle schwarzen Mädchen fangen im Kirchenchor mit dem Singen an.« Und sie begann wieder: Precious Lord, Take My Hands.

Ich hatte Taleesha versprochen, so weit wie möglich nach Norden zu fahren, bevor wir Richtung Ostküste abbogen, denn ein schwarzes Mädchen und ein weißer Mann auf dem Weg durch die Südstaaten, das konnte für beide böse enden. Ich hatte ein verblasstes Kartenblatt vor meinem geistigen Auge, wollte über Phoenix, Flagstaff und Albuquerque Denver ansteuern, von wo aus der Highway Nr. 70 ziemlich geradewegs nach Osten führt.

Am ersten Tag kamen wir nur bis Holbrook, ich war es nicht gewohnt, so lange Strecken zu fahren, muss ich zugeben, also stellten wir den Wohnwagen zwischen dem Puerco River und den Eisenbahnschienen in einem Gebüsch ab. Wir hatten unterwegs ein paar Donuts gegessen, jetzt holten wir das Bier aus dem Kühlschrank und hingen einfach nur rum, dösten, wechselten ein paar Sätze, alberten, bedauerten Opa (oder Johnny, wie Taleesha sagte) und dösten wieder ein. Irgendwann wurde es kühl, wir wechselten nach drinnen, hörten Radio Phoenix (Where The Valley Comes To Talk) und schliefen schließlich auf dem Klappbett ein.

Als ich wieder erwachte, war Taleesha schon angezogen und hatte einen Becher Kaffee in der Hand. Ich stützte mich auf den Ellbogen, ließ die Jalousie am rückwärtigen Fenster hochschnellen und erschrak. Ganz deutlich waren dort Opas Hände auf der Scheibe zu sehen, grau-braun und rot, wie die Abdrücke zweier mit Fingerfarben angemalten Hände. Ich sprang aus dem Bett und fiel fast mit der Tür nach draußen. Wir hatten uns seit gestern früh offensichtlich keinen Inch von unserem alten Stellplatz gerührt, der Wohnwagen stand abgekoppelt neben dem Pick-up zwischen den blöden Kakteen des Coyote Howl Parks. »Ganz ruhig, Schätzchen«, raunte ich Taleesha zu, als gelte es, eine Klapperschlange nicht im Schlaf zu stören.

»Das ist nicht Holbrook«, sagte sie nur tonlos, glücklicherweise keine Spur von Hysterie.

»Nein, das ist definitiv nicht Holbrook, absolutely positively not. Er will uns etwas sagen.«

Taleesha blickte nach oben, in das strahlende Blau des Himmels, während ich nur in die unendlich eintönigen Fernen der Sonora-Wüste schaute. »Du weißt doch auch, dass wir gestern Morgen von hier losgefahren sind, oder?«

»Ich glaube schon«, antwortete ich, »andererseits …«

Ich sah es Taleesha an, dass sie versuchte, dem Ganzen einen Sinn abzukämpfen, doch es kam nichts mehr von ihrer Seite. Also zog ich wieder los, um Wasser zu holen und den Dreck abzuwaschen. Der war schließlich ganz von dieser Welt. Wieder koppelten wir den Trailer an den Pick-up und zockelten nach Norden – Ajo, Casa Grande, Phoenix. In Camp Verde nahmen wir wieder Donuts auf, und der pickelige Highschool-Jüngling hinter dem Tresen sah uns an, als hätte er uns schon einmal gesehen. »Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte ich ihn. Taleesha stieß mir in die Seite, aber mich ritt der Teufel.

»Ah, Sir, keine Ahnung …«, stotterte der Junge.

»Keine Ahnung von was?«

»Ich hab’ nur gedacht, ich hätte Sie schon mal gestern …« Er fuhr mit dem Zeigefinger durch die Luft, rechts-links, rechts-links. Genau, dachte ich, da hast du vollkommen Recht.

»Gibt’s wahrscheinlich nicht so häufig hier«, bohrte ich weiter, »ein blonder Kerl mit dänischem Akzent und ein schwarzes Mädchen von solcher Schönheit, wie Salomo sie von der Königin von Saba rühmt.«

»Nein, Sir«, sagte der Junge, und fühlte sich nach meiner Rede befugt, Taleeshas Brüste ausgiebig zu begutachten, »Salomo kenne ich hier keinen.«

Wir fuhren erneut nur bis Holbrook und stellten den Wohnwagen wieder zwischen dem Puerco River und den Eisenbahnschienen in einem Gebüsch ab. Wir änderten nichts, machten dasselbe wie am Tag zuvor, bis ich sagte: »Normalerweise passiert ja in allen Geschichten so etwas dreimal, dann kommt die Erlösung oder die Katastrophe, je nachdem, ob es darum geht, dass der Held standhaft bleibt oder dass er dreimal Gelegenheit hatte, die Handlung zum Guten zu wenden.«

Taleesha stand auf, kam zu mir herüber, zog mich aus meinem Hocker hoch und führte mich zum Wohnwagen. »Ich will aber nicht dreimal denselben Scheißhorror erleben, Laury, lass es uns jetzt ändern!«

Niemals hätte ich gewagt, sie unter diesem Vorwand rumzukriegen. Aber sie durfte das, natürlich, so war das damals. Ich hatte ja bisher nur Annemarie kennengelernt, und die hat mir nach unserem zweiten Mal hinter dem Fahrradschuppen der Uni den Laufpass gegeben, irgendetwas muss ich verkehrt gemacht haben. An Mette dachte ich in dem Moment gar nicht, ich weiß nicht wieso, aber Mette war wie ausgelöscht in meinem Kopf, und es sollte noch Monate dauern, bis mir Mette wieder einfiel.

Bei Taleesha aber war alles gut, es war, als wäre es gleichzeitig das erste und das hundertste Mal, aufregend neu und doch ohne diese Prüfungsangst, die Jungs unter euch wissen, was ich meine. Ich dachte – also bitte, das war 1961 und ich habe mir damals nichts dabei denken können – ich dachte: das zweite Mädchen, und dann so eine (ich denke, in meinem inneren Monolog sagte ich wirklich: so eine) mit dieser exotisch schwarzen Haut und den tollen Brüsten und dann der Hintern, Entschuldigung, aber das ist Originalton 60er und ich will nichts beschönigen.

Zehn Minuten später, als ich mich erholt hatte, bemerkte ich irgendwie, dass Taleesha nicht genauso zufrieden war wie ich, aber mit dieser Erkenntnis wusste ich damals nichts anzufangen. »Wir könnten jetzt gleich weiterfahren«, schlug sie vor, »nur um diesmal wirklich alles anders zu machen«.

»Mitten in der Nacht?«, wandte ich ein, »das geht nicht, das ist mir zu dunkel«. Wie meistens nachts.

Sie lachte. »Dann schlafen wir halt«, sagte sie, und das war wahrscheinlich das Beste, was wir tun konnten.

Als ich erneut an diesem Ort erwachte, hoffte ich inständig, dass es diesmal wirklich dieser Ort war, und trotzdem beugte ich mich zuerst zu Taleesha hinüber, um ihr einen Kuss auf die schlafenden Lippen zu hauchen. Doch sie drehte den Kopf zur Seite, als ob sie die Annäherung meines nachtfaulen Atems schon geahnt hätte. Ersatzweise ließ ich meine Hand unter der Decke nach unten wandern, aber da war sie schon wach und schob mich weg. »Lass das!«, fauchte sie leise, »keine Chance, was war, war, und jetzt ist es, wie es ist. Hast du denn überhaupt schon nachgesehen?« Mit einer nachdrücklichen Kopfbewegung deutete sie auf das rückwärtige Fenster. Ich stieg über sie hinweg aus dem Klappbett und öffnete die Tür. Da war die Eisenbahnlinie, auf der anderen Seite der Rio Puerco, um uns Büsche und Sträucher. Keine Kakteen. Und keine Fingerabdrücke auf der Scheibe. Taleesha hatte sich in die Bettdecke gewickelt, die sie fest an Brust und Bauch drückte. »Er ist weg«, sagte sie leise.

Es ist noch Kartoffelsalat da

In fünf Tagen sollten wir es bis New York City schaffen, und ich fürchtete die Fahrt als eine endlose Abfolge von Asphalt, braunen, gelben und grünen Landschaften in allen Schattierungen, Diners, die sich glichen wie ein Fried egg overeasy dem anderen. Aber es kam anders. Und vor allem war da ja auch noch Taleesha, die ab dem Moment, an dem uns zum ersten Mal die Morgensonne von vorne beschien, plapperte, sang, Kaugummi-Bubbles blies, sang und plapperte.

Ich hörte kaum zu, hing meinen Gedanken nach, manchmal auch laut, dann schlief sie ein, weil sie nicht verstand, was ich auf Deutsch oder Dänisch erzählte, und weil da draußen doch nur Asphalt und braune, gelbe und grüne Landschaften in allen Schattierungen vorbeizogen. Ich dachte darüber nach, was ich von Opa wirklich wusste, und was ich wusste, was er wusste. Hat er alles mit ins Grab genommen, sagte ich zu dem Little Tree, der am Innenspiegel hing. Der wackelte vor sich hin und duftete ungerührt nach Grünem Apfel. Es ist immer alles für immer hin, fuhr ich genauso ungerührt fort, dieser ganze Hirnkram, knips, aus, vorbei. Dabei hätte ich gerne gewusst, was Opa gewusst hatte, erlebt und gesehen und gefühlt und gehört. Wie war das, als er mit seinem Kindermädchen gebumst hatte? (Oder wie hat man wohl damals dazu gesagt, ich meine: 1914 in Masuren? Wahrscheinlich hat man gar nicht lang geredet, mir wäre das auch lieber gewesen.) Was hat er im Krieg gesehen, im ersten, im zweiten? Ich erinnerte mich dunkel an ebenso dunkle Familiengeschichten, da war irgendetwas mit Spionage oder Fahnenflucht. Oder war es dabei um meinen Vater gegangen, also meinen richtigen Vater, der war doch auch nicht mehr aufgetaucht? Ich hieb mit der flachen Hand aufs Lenkrad, verdammt! Ich hatte Zeit gehabt, ihn zu fragen, und was habe ich gemacht? Wir haben über Elvis, Kennedy und die diversen Hintern von Filmschauspielerinnen gesprochen und wir haben uns gestritten: Ich war für Horst Buchholz und Die Glorreichen Sieben, er für Jean-Paul Belmondo und Außer Atem. Ich war für Kirk Douglas und Spartacus, er für Marcello Mastroianni und Dolce Vita. Ich habe viel von ihm über Dramatik und Filmkunst gelernt, aber rein gar nichts über ihn. Nicht über Opa, über Oma, meinen Vater, seine Frau – du meine Güte: Gerade eben merkte ich, dass ich so gut wie nichts über meine Familie wusste! Jedenfalls nicht aus erster Hand. Ich konnte etwas über ihn lernen, wenn ich etwas von ihm lernte, aber dazu hätte ich nachdenken müssen, unsere Gespräche reflektieren. Aus. Vorbei. Für immer!

Heute ärgere ich mich, dass ich nie Tagebuch geführt habe, versuche mich in mein vergangenes Leben hineinzuversetzen, um festzuhalten, was es ausmachte. Aber, ach, man wird uns ja doch vergessen. Alles, was wir für bemerkenswert und wesentlich gehalten haben, wird mit der Zeit vergessen sein oder unwichtig erscheinen. Und wir können jetzt überhaupt noch nicht wissen, was man in Zukunft einmal bedeutend und wichtig nennen wird. Vielleicht wird es ja gar keinen Begriff von Bedeutsamkeit mehr geben. ›Was meinst du mit bedeutsam?‹ wird man fragen, mit den Schultern zucken und weitergehen.

Doch jetzt war erst mal damals, und damals bin ich in Denver dann doch nicht auf die 70, sondern auf die 76 gefahren, die später in die 80 übergeht, hoch nach Nebraska, weiter Richtung Iowa, kurz vor Des Moines noch mal Halt machen bei den Verwandten in Ole Crossing, dänische Blutsbande, noch mal Großtante Margret sehen, Onkel Jasper, Tante Mabel und so weiter. Die Leute in Earlham oder Dexter oder Winterset denken, dass Ole Crossing so heißt, weil hier eine alte Furt über den Middle Creek führt (Ole im Sinn von: Ol’ Man River), aber es war Ole Olsen aus Store Thorlund, der 1847 hier einen Schweinestall gebaut hat – erst einen Schweinestall, dann sein Wohnhaus, und nach dem ist die Furt durch den Middle Creek benannt.

Es ist Samstagabend in Ole Crossing und alle sind draußen unterwegs, Straße fegen, die Kirche mit Blümchen schmücken, Heu einbringen, Kleid von der Schneiderin holen, Kinder zum Baden einsammeln, einfach nur geschäftig sein, hin- und herlaufen, sich sehen lassen. »Hej, Arne, dejlig aften.« – »Ja, det kan du sige.« Worte, die hin- und herfliegen, tausendmal gesprochen, belanglos der Inhalt, dennoch wichtig. Jetzt aber: großes Hallo bei unserer Ankunft. »Wie war’s bei den Chicos?« – »Wir können aber auch ganz schön heiß hier oben.« – »Hast du Mabel ’nen Kaktus mitgebracht?« – »Nun mal her mit dem Tequila!« – »Treffen sich zwei Mexikaner beim Metzger …« – lauter solche Sachen, über die man zwischen all dem Händeschütteln und Schulterklopfen und Umarmen nur hinweggrinst. Bis zu dem Augenblick, wo Großtante Margret die Frage aller Fragen stellt: »Wo habt ihr denn Hänschen gelassen?«

Ich weiß bis heute nicht, welchen Teil meiner Erzählung sie geglaubt haben: Das mit dem Fallschirm, das mit dem lutherischen Pastor, der zufällig vorbeikam und Opa beerdigt hat, oder das mit seinen letzten Worten. »Hat er noch etwas gesagt?« – »Ja, doch, ich hielt ihn in den Armen, etwa so, und er schaute mich glücklich lächelnd an.« – »Und was hat er gesagt?« Mir fiel nichts Besseres ein als: »O Junge, wir sind dem Bertil noch einen Hahn schuldig, entrichte ihm den, und versäum es ja nicht.« – »Ja, so war er, treu und gewissenhaft bis zum Ende«, sagte Mabel und alle nickten, obwohl sie ihn erst wenige Wochen zuvor persönlich kennengelernt hatten.

Es wurde dann doch noch ein lustiger Samstagabend. Ich erzählte natürlich noch die Geschichte von der Grenze und der Zirkustruppe, »det er opfundet«, warf Onkel Jasper aufgebracht ein.

»Nein, so wahr ich hier sitze, es ist nichts erfunden«, entgegnete ich und war so angestachelt, dass ich beinahe die Sache mit den blutigen Händen zum Besten gegeben hätte. Noch bevor mir Taleesha ihren Ellbogen in die Rippen rammen konnte, setzte die Musik ein, jemand hatte Fidel und Banjo geholt und es wurde gesungen.

Morten kam rübergeschlendert, reckte vor mir die Brust raus und sagte: »Lass sie doch mal tanzen, Negerweiber können doch so gut tanzen, das wär’ doch ’n Spaß.«

»Frag sie doch selber!«, gab ich zurück.

Morten schaute nur aus den Augenwinkeln zu Taleesha hinüber, beugte sich zu mir herunter und flüsterte laut genug: »Und wie ist sie so?« Zum Glück legte jemand von hinten Morten die Hand auf die Schulter, »machst du mit?«, fragte er ihn, und Morten nickte und drehte ab.

»Nein, nein, kommt nicht in Frage«, sagte Margret später, »du schläfst nicht in dieser Kiste da.« Sie meinte den Wohnwagen, den ihr Neffe Jake aus Bevington uns bei unserem ersten Halt auf dem Weg in den Süden verkauft hatte. »Du schläfst im Haus, und die« – sie zeigte auf Taleesha –, »Brenda, Liebes, warum bringst du sie nicht zu der Hütte, wo die Erntehelfer immer schlafen« – und im gleichen Atemzug an mich gewandt: »Sie ist doch reinlich, oder?«

Ich hatte die Nase voll, aber Taleesha beruhigte mich: »Lass nur, ist schon gut, ich kenne das.«

»Ich war immer gut zu meinen Negern«, sagte Margret, die mitbekommen hatte, dass ich sauer war, »und Neil und Kirk durften immer mit ihnen spielen. Frag Yetty!« Sie zeigte auf eine alte Frau, die abseits unter einem Ahornbaum saß und an einer Flasche Cola nuckelte. Sie war die einzige schwarze Einwohnerin des Ortes und mit ihren einhundertundzwei Jahren hätte sie eine Menge Geschichten auf Lager haben können. »Wenn sie noch richtig im Kopf wäre, könnte sie dir erzählen, wie gut wir immer für alle gesorgt haben. Das ist nicht der Süden, wir sind hier in Iowa, und Großvater hat für die Union seinen linken Arm gegeben.«

Woher kommt das, dass man manchmal einfach das Falsche sagt oder tut, gar nicht böse gemeint, einfach so, ohne nachzudenken, und alles ist verdorben, und man mag sich nicht mehr im Spiegel ansehen und noch Jahre später quält einen die Scham, wann immer man an diesen Augenblick denkt. Und manchmal sagt und tut man genau das Richtige, das einzige, was angemessen ist, ehrlich, aufrichtig, und so sagte ich: »Nein, Taleesha bleibt bei mir.«

Taleesha schlief im Wohnwagen und ich auf der Rückbank des Pick-ups, so weit wollte ich dann doch nicht gehen, dass ich mit einem Negermädchen im selben Bett liege, sozusagen vor aller Augen. Auch in Iowa – ups! – brennen zuweilen Hütten.

Sonntag, Kirchgang. Das war wie zuhause in meiner Kindheit: leiernde Choräle (von einem Lied haben wir vierzehn Strophen gesungen!), gemurmelte Gebete, eine endlose Predigt (ich nahm sie als Buße für all meine Sünden der letzten Tage), Fürbitte für den Präsidenten, die Verworfenen dieser Welt und Peter Peterson, der sich vergangene Woche ein Bein und einige Rippen gebrochen hatte, als er seinen Zuchteber bändigen wollte. Auf den geistlichen Segen folgte der Segen der dänisch-amerikanischen Küche: rie­sige Hackbraten, in deren Innerem sich Hühnerleber, Käsewürfel, Lauchringe und ganze gekochte Eier verbargen, gegrillte Schweinebäuche, geräucherter Speck, Hühnerschenkel, luftgetrocknete Hartwürste, buttertriefende Maiskolben, Berge von Kartoffelsalat (deren Herstellung und Zutaten ein unerschöpfliches Gesprächsthema während des Essens waren, wie wahrscheinlich schon seit hundert Jahren), verschiedene Weißkrautsalate, mit Käse überbackener Blumenkohlauflauf, schließlich mehrere Lagkage, zwischen deren Schichten sich die Beerenernte des gesamten Countys drängte (was man aber erst erkennen konnte, wenn man sich durch die Schlagsahne gearbeitet hatte), dazu Hefezöpfe, gefüllt mit Pflaumenmus. Ständig kam eine der Frauen vorbei, um eines ihrer Werke anzupreisen und zur Überprüfung der Werthaltigkeit ihrer Worte auch gleich auf den Teller zu häufen. Nach den Wochen schmaler Kost befürchtete ich das Schlimmste für meine Verdauungsorgane, doch halt!: dafür gab es ja den Akvavit!

Wir müssen morgen früh los, entschuldigte ich uns am frühen Abend, und wir umarmten uns und sagten »Ses snart!« und »See you!« und »Tak for gæstfriheden!« und »Danke für alles!«, und dann zogen wir uns in den Wohnwagen zurück. Lass uns gleich abhauen! schlug ich vor, doch Taleesha sagte etwas von Höflichkeit und Müdigkeit und Dunkelheit, und so legte ich mich im Pick-up schlafen und so war es auch gut.

Der Abschied war versöhnlich, wir bekamen noch einen Kaffee, und Großtante Margret belud den Pick-up eigenhändig mit Bergen von Plastikbehältern, bis zum Rand gefüllt mit Schinken und Würsten, mit Kartoffelsalat und Roter Grütze, damit wir nicht schon am ersten Tag unserer Weiterreise verhungerten. »Hilsen mit hjem«, bat mich Margret, und ich versprach, beim nächsten Besuch eine Tüte mit Heimaterde mitzubringen.

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