Kitabı oku: «Eine schräge Geschichte, die böse endet», sayfa 3
Im Auge des Tornados
Taleesha wollte unbedingt nach Des Moines, weil ihr Onkel vor mehreren Jahren mit seiner Familie dorthin gegangen war. »Er wollte einfach nur weg aus dem Süden. Ich habe zuhause über meinem Bett immer noch die erste Ansichtskarte angepinnt, die er uns geschrieben hat. ›Hier ist es wunderbar, kommt auch, es gibt Arbeit für alle.‹ Auf der Vorderseite war das Iowa State Capitol abgebildet, das hat eine Kuppel aus echtem Gold.« Deswegen wollte sie, dass wir dort anhielten, sie wollte das Kapitol mit der goldenen Kuppel sehen, das war für sie so etwas wie das Versprechen an alle, goldene Zukunft und so.
»Magst du deinen Onkel besuchen?«, fragte ich, »weißt du, wo er wohnt?«
»Ja, doch, weiß ich.«
»Dann lass uns hinfahren, oder?«
Taleesha gab zunächst keine Antwort, dann sagte sie: »Glendale Graveyard«.
»Der Friedhof? Was ist passiert?« Ich war geschockt.
»Keine Ahnung, irgendeinem Cop zu lange in die Augen geschaut oder die Hand nicht aus der Hosentasche genommen oder die Hand zu schnell aus der Hosentasche genommen, wie gesagt: keine Ahnung.« Wir schwiegen eine Dreiviertel Meile lang. Dann sagte sie: »Mein Cousin liegt auch dort.«
»Und deine Tante? Und die anderen?«
»Keine Ahnung, nie mehr was gehört.«
Aber die goldene Kuppel, die wollte sie doch sehen, also parkten wir da, wo der Des Moines River und der Raccoon River zusammenfließen, und spazierten hoch zum Kapitol, das am Ende nichts anderes ist als ein riesiger Kasten mit einer furchteinflößenden hohen Treppe und riesigen Säulen und einer im Verhältnis viel zu kleinen Kuppel, und ja: sie ist vergoldet. Wir ließen uns unsere Enttäuschung nicht anmerken, tranken auf dem Rückweg zum Auto eine Cola und suchten wieder Anschluss an die Route 80.
Es war früher Nachmittag, das Autoradio dudelte gerade Somewhere Over The Rainbow, als sich vor uns eine schwarze Wand aufbaute. Das muss kurz vor Genoa Bluff gewesen sein, und ich verfluchte Des Moines, denn eigentlich sollten wir schon viel weitergekommen sein. »O je«, sagte ich, »von wegen Rainbow, wie’s aussieht, fahren wir direkt in ein Unwetter.« Es war gespenstisch, rechts und links und hinter uns brannte die Sonne, die abgeernteten Mais- und Weizenfelder glänzten in ihrem Schein, und vor uns hatte irgendetwas alles Licht aufgesaugt.
»Nein, Laury«, erwiderte Taleesha ernst, »wir fahren nicht hinein, es kommt auf uns zu«. Jetzt sah ich es auch, halbrechts löste sich ein Streifen, der noch dunkler war als das dunkle Schwarz, das ihn umgab, und der von der Erde bis in den Himmel reichte. Er bewegte sich in unsere Richtung, bis er auf eine halbe Meile herangekommen war. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen: Eine Wolkensäule, vielleicht hundert Meter im Durchmesser, die sich mit rasender Geschwindigkeit um sich selbst drehte. »Ein Tornado«, sagte Taleesha mit Ehrfurcht in der Stimme, »Laury, wir müssen hier raus«.
»Ich kann doch nicht hier stehen bleiben, mitten auf der Landstraße«, wandte ich ein, aber sie war schon draußen und rannte zum Straßengraben. Die Wolkensäule war jetzt ganz nah. Sie hielt kurz an der Landstraße an, als sei sie sich nicht sicher, ob sie Vorfahrt hat, und kam dann direkt auf uns zu. Ich sprang Taleesha hinterher und warf mich auf sie in den Graben. Irrigation ditch, dachte ich – verrückt, welche Wörter aus dem Schulunterricht einem manchmal noch so einfallen. Wenn ich irrigation ditch denke, dann denke ich gleichzeitig immer auch an den Französisch-Kurs: fièvre paludienne, werde ich nie brauchen, aber auch nie vergessen. Kann sein, wenn ich mal wieder einen Tornado sehe, werde ich denken: irrigation ditch, fièvre paludienne. Was das Gehirn so mit einem macht …
Auf einmal war er da. Ich weiß nicht, wie ich das jetzt beschreiben soll: Ich bebte, ich glaube, das trifft’s am besten, alles in und an mir bebte, dann fand ich mich plötzlich neben dem Graben im Feld, alles war gelb vom trockenen Staub, dann wurde ich auf die Knie gehoben und es war still. Erst in diesem Augenblick merkte ich, welch einen Höllenlärm aus der Wolkensäule gekommen war, wie Propellermotoren einer ganzen Flugzeugarmada. Doch jetzt war es still – kein Laut, kein Wind, kein Stäubchen bewegte sich. Ich stand auf. Etwa zehn Meter weiter sah ich Taleesha, sie blickte nach oben, und ich folgte ihrem Blick. Wir standen inmitten einer Wolkenkathedrale, deren Wände sich um uns drehten, unten schwarz, dann allmählich heller werdend, bis sie in strahlendem Weiß den Himmel berührten. Der schaute in einem makellos hellen Blau zu uns herunter, das Blau, wie ihn der Mantel der Gottesmutter auf manchen Gemälden hat, so ein Alles-wird-gut-Blau, ein Wohlfühl-Blau, ein Willkommen-im-Paradies-Blau. Ich hatte einen starken Verdacht, aber noch schienen wir zu leben.
Das Blau des Himmels hatte etwas Tröstliches, Verheißungsvolles, denn hier unten waren alle Farben verschwunden, und das nicht nur in irgendeinem übertragenen Sinn, sondern ganz real. Taleesha war schwarz und ihre Augen weiß mit einem schwarzen Klecks in der Mitte, meine Hände und Arme waren grau, grau waren unsere Kleider, grau der Boden unter unseren grauen Schuhen, als hätte plötzlich jemand mitten im Film von Technicolor auf Schwarz-Weiß umgeschaltet.
Und dann sahen wir sie beide zur gleichen Zeit, und sie sah uns. Etwa fünfzig Meter entfernt, mitten in dieser Halle des Lichts und der Stille, stand ein Mädchen. Es war etwa sechszehn oder siebzehn Jahre alt, auch wenn es auf den ersten Blick jünger ausgesehen hatte, wohl weil es so kindisch angezogen war und seine Haare in zwei dicken Zöpfen über die Schultern fielen, und wohl auch, weil es still vor sich hin weinte. Taleesha lief hinüber, nahm es in den Arm, und ich ging auf die beiden zu.
»Ist das hier Kansas?«, fragte das Mädchen.
»Nein, ich glaube, wir sind in Iowa«, sagte ich ernsthaft, obwohl ich wusste, dass das jetzt nicht wirklich wichtig war.
»Iowa?«, wiederholte sie erschrocken und schaute sich um, als wollte sie überprüfen, ob sie mir Glauben schenken dürfte.
Da hörten wir diese Klänge, ein gewaltiges Brausen erhob sich, und ganz klar konnte man einzelne Töne vernehmen, die ineinander übergingen, es klang fast wie eine gewaltige himmlische Glasharmonika. Ich werde die Melodie nie vergessen, eigentlich waren es nur gebrochene Akkorde, und jetzt, im Rückblick, kann ich sagen, dass sie den Anfangstakten von Stairway To Heaven verdammt ähnlich waren. Ich habe versucht herauszufinden, wo Jimmy Page Anfang September 1961 war, aber da ging er wohl noch zur Schule. Die Musik klang überirdisch, sie war überall, füllte diese Kathedrale, und als ich nach oben blickte, glaubte ich zu sehen, dass sie sogar das Marianische Blau ein wenig verschleierte.
Da packte mich Taleesha am Arm und schüttelte mich. »Wir müssen uns auf den Boden legen und ganz dicht beieinanderbleiben«, schrie sie mich an. »Wenn sich der Tornado weiterbewegt, müssen wir uns so gut wie möglich sichern.« Wir fanden den Straßengraben wieder und schmiegten uns an die Erde, unter mir Taleesha, unter ihr das Mädchen, und alle mit ineinander verschränkten Armen und Beinen. Dann begann der Hölle zweiter Teil, die Erde bebte, und ich hatte das Gefühl, dass mir alle Glieder ausgerissen würden. Dann wurde es ruhiger, ein starker Sturm blies übers Feld, der sich schnell legte, das Donnern wurde zu einem Brausen, zu einem Sausen, einem Säuseln. Stille.
Wir setzen uns auf und entfernten Staubkörner und Strohhalme, so gut es ging, aus den Haaren und von den Kleidern. »Wie es wohl Tante Emily geht?«, fragte das Mädchen, das jetzt seine Farbe zurückgewonnen hatte. Ihr Haar war mittelbraun, sie trug ein blaues Trägerkleid, eine weiße Bluse und ihre Füße steckten in blauen Söckchen und roten Schuhen.
»Tante Emily?«, fragte Taleesha zurück.
»Ja, die Tante in Good Intent.«
»Was ist Good Intent?«, fragte ich.
»Das ist da, wo wir wohnen, Tante Emily, Onkel Henry, ich, Hunk, Hickory, Zeke, das heißt Good Intent.«
Ich betrachtete sie eingehend, und ich schwöre, sie war ziemliche siebzehn, ganz anders als ihre Frisur und ihre Kleider Glauben machen wollten. »Und du bist?«, fragte ich.
»Dorothy«, gab sie zur Antwort und schaute beschämt unter sich.
»Was ist passiert?«
»Ich weiß nicht, ich kann mich nicht erinnern. Ich denke, ich bin weggelaufen.«
»Von Tante Emily?«
»Ja, nein, mehr von Onkel Henry.« Sie schaute kurz auf, um sich unserer Reaktion zu vergewissern.
»Dein Onkel Henry, hat er …?« Sie zuckte nur heftig mit den Schultern. »Hat er dir etwas getan?« Dorothy schaute weiter nur unter sich.
»Plötzlich kam Sturm auf«, nahm sie ihre Erzählung wieder auf, »und dann …« Sie schaute wie zur Erklärung um sich. Überall im Feld und auf der Straße lagen Trümmerteile und in der Ferne drehte sich die schwarze Wolkensäule Richtung Carnforth weiter.
»Und jetzt?«, fragte ich in die Runde, und Taleesha sagte munter: »Jetzt bringen wir die Kleine erst mal wieder nach Hause.«
»Nein!«, schrie das Mädchen panisch, und das anschließende Schweigen war lauter als ihr Aufschrei.
»Wir müssen weiter nach New York«, gab ich zu bedenken, doch sie nickte nur.
»New York ist gut, alles klar, New York!« Dann zog sie geräuschvoll die Nase hoch.
Ich gebe zu, dass wir in dieser Situation alle ein klein wenig überfordert waren. Ist erst mal ein Tornado über dich hinweggegangen, dann funktioniert im Kopf nicht mehr alles so, wie es sollte. Ich stand auf und schaute mich um, wo ich den Wagen und den Trailer geparkt hatte. Den Travelette fand ich ein wenig abseits der Straße im Feld, und er schien so weit in Ordnung zu sein. Doch der Wohnwagen war verschwunden, nur die Tür mit dem Aufkleber Come In To Be Outside lag ein paar Meter vom Auto entfernt. ›Oh je‹, dachte ich, ›jetzt regnet es irgendwo Blech und Plastik und Würstchen mit Kartoffelsalat‹.
Ich bugsierte die Karre zurück auf die Straße, auf der es jetzt fast so aussah wie auf der Piste durch die Wüste vor ein paar Tagen. Als ich wieder zu den beiden anderen stieß, hörte ich, wie Taleesha sagte: »Aber du musst doch wieder nach Hause!«
»Ich will aber nicht zurück in das Good Fucking Intent«, schrie Dorothy sie mit zusammengebissenen Zähnen an, und ich musste lachen. »Was gibt’s denn da zu lachen?«, fauchte das Mädchen so aufgebracht, wie es nur ein Teenie kann.
»Na, wenn ich dich so ansehe«, ich ließ meinen Blick wandern, von den Zopfspangen bis zu den roten Schuhen mit den Schleifchen, »also, wenn ich dich so ansehe, denke ich, dass Fucking nicht die angemessene Sprache für dich ist. Du siehst eher aus, als ob du deinen Teddy vermisst.«
Dorothy riss sich die Spangen aus dem Haar, öffnete die Zöpfe, fuhr mit beiden Händen durch ihren Schopf, beugte sich vor und wieder zurück, um die ganze Pracht um ihren Kopf und auf ihren Schultern zu verteilen und sah mich von unten durch ihr Pony an: »Besser so?«
»Definitiv«, sagte ich, »jetzt brauchst du nur noch einen Petticoat mit Polka Dots oder Jeans und so eine von den Blusen, die du überm Bauch knotest …«
»Meingott, Männer!«, stoppte mich Taleesha. Also gut, ich hielt die Klappe und klemmte mich hinters Lenkrad. Zwei Tage, zwei Nächte, so dachte ich, dann bin ich sie endlich wieder los. Leider.
Bald – was auf amerikanischen Highways ›bald‹ heißt – erreichten wir den Lake Michigan, und ich bog auf eine kleinere Straße ab, auf der wir dem See näher sein konnten.
Ich muss so sieben oder acht gewesen sein, Opa gehörte noch nicht lange zu unserem Leben, da kamen wir von einem Badetag an der Ostsee zurück, Opa und ich. Schon in der Haustür platzte es aus mir heraus: »Opa ist heute übers Wasser gelaufen!«, erzählte ich aufgeregt meinen Eltern.
Mein Vater gab mir einen Klaps auf den Hinterkopf und sagte: »Du sollst nicht lügen!«
»Aber es ist doch wahr!« Ich stampfte mit dem Fuß auf.
Opa schaute zugleich betreten und herausfordernd. Weil er hinter mir stand, konnte ich freilich nicht sehen, wie er schaute, doch in den Augen meiner Mutter erkannte ich den Widerschein des Betretenseins und die Augen meines Vaters gaben das Spiegelbild der Herausforderung ab. »Ist doch keine große Sache«, sagte mein Opa, und meinte es beschwichtigend, doch meine Mutter antwortete umgehend: »Das wäre auch das erste Mal, dass du zu einer großen Sache fähig wärst.«
»Na, dann schau dir aber mal den Buben an«, gab er ohne Zögern zur Antwort, und Mutter fauchte ihn an: »Kein Wort mehr, sonst hast du ihn gesehen!« Ich verstand von alledem nichts, und weil er bemerkte, dass hinter meiner Stirn eine große Frage Gestalt annahm, scheuchte Vater mich in mein Zimmer.
Das war es, woran ich denken musste, als wir an diesem Lake Michigan entlangfuhren, der ein See ist, jedoch vom Ufer aus betrachtet so groß wie ein Meer. »Mein Opa konnte übers Wasser gehen«, sagte ich laut zu den beiden anderen, die es sich auf der Rückbank bequem gemacht hatten.
»O Jesus!«, entfuhr es Taleesha, »ohne Scheiß jetzt?«, fragte Dorothy, und ich nickte. »Mann, cool«, fügte Dorothy hinzu und Taleesha ließ ein »Wie konnte er …« unvollendet stehen.
»Keine große Sache«, antwortete ich mit Opas Worten, und ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber es rutschte mir einfach so heraus: »Kann ich auch.« So kam es, dass ich an einem Donnerstag, dem 7. September 1961 über die Wasser des Michigan-Sees gewandelt bin – nur für den Fall, dass ihr eine Sekte gründen wollt, wir können das auf Franchise-Basis machen. In Amerika würde das gut laufen, da bin ich mir sicher.
Soweit ich mich erinnern kann – mein Gott, das ist wie gesagt eine Ewigkeit her – sind wir bei Burns Harbor ans Ufer runtergegangen, und ich habe mir vorsorglich Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Der Wind blies sanft, aber beständig aus Süden, als ich die Wasserfläche betrat. Wahrscheinlich hat sich keiner so sehr gewundert wie ich, als ich tatsächlich die ersten Schritte machte. Die kleinen Wellen kitzelten an den Fußsohlen, aber sonst war alles ok. Vom Ufer her trug der Wind die erstickten Aufschreie der beiden Mädchen heran, und ich spürte einen Flow, der mich weitertrug. Wenn man mal den ersten Schritt gemacht hat, dann geht es wie von selbst, glaubt mir.
Ich schritt also über die Wasser des Michigan-Sees und erhob dabei – ich kann es nicht anders sagen – meine Seele zum Herrn. Es hatte etwas von einem Erweckungserlebnis, ich riss die Arme hoch, legte den Kopf in den Nacken, schaute in den Himmel, auf dem leichte weiße Wolken nach Norden getrieben wurden und immer wieder die Sonne verdeckten, und schrie so laut »Halleluja«, dass die Menschen in Chicago und Milwaukee zueinander sagten: »Hast du die Stimme vernommen, die da Halleluja gerufen hat?« Ach, was sage ich: Von Sheboygan bis Itchi-iti-kipi Spring und von Ludington bis Saint Ignace, rund um den ganzen großen See schauten sich die Menschen an, ob Amerikaner oder Kanadier oder Menschen der Ersten Nation, und lachten und sagten: »Er hat den Herrn gepriesen!«
In diesem Augenblick entschloss sich eine Silbermöwe, einen gewaltigen Schwall Scheiße fahren zu lassen, der mich mit einer solchen überraschenden Wucht auf die Stirn traf, dass er meine Sinne benebelte. Ich hatte einen dicken weißen Misthaufen auf dem Vorderlappen meiner linken Gehirnhälfte, und mir war sofort klar, dass das nichts Spirituelles war, auch wenn es von oben kam. »Scheiße!« rief ich aus, so laut, dass … na, ihr könnt es euch denken, und die Leute in Sheboygan und Saint Ignace zuckten zusammen und kehrten schnell und ein bisschen beleidigt zu ihren alltäglichen Beschäftigungen zurück. Doch jetzt war ich aus dem Tritt gekommen, strauchelte, stolperte, und ehe ich mich versah, war ich bis zu den Waden in den Fluten eingesunken. Ich fing an, mit den Armen zu rudern, trat heftig mit den Füßen, als wollte ich Rahm zu Butter verarbeiten, doch das Michigan-Wasser blieb eine sehr flüssige Angelegenheit. Ich versank.
Man kann sich unschwer die Gesichter der beiden Mädels vorstellen, als ich nach einem minutenlangen Kampf gegen den immer noch ablandigen Wind und die höher schlagenden Wellen das Ufer zurückgewonnen hatte. Jetzt, da ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, war ihre Besorgnis gewichen und hatte einem ganz leichten Anflug von Schadenfreude Platz gemacht, die sie meisterlich unter Ausrufen des Bedauerns und Trostes und Gesten der Fürsorge verbargen.
»Du musst die nassen Kleider ausziehen«, befahl Taleesha, »sonst holst du dir den Tod.«
»Ja, zieh deine Kleider aus«, nickte Dorothy beifällig.
Die Sonne war inzwischen völlig hinter grauen Wolken verschwunden und der Wind drehte auf Ost, es war ziemlich frisch geworden. »Aber ich kann doch nicht …« Es war ein schwacher Versuch, geboren aus doppelter Scham: Als Wasserläufer versagt zu haben und mich hier vor den Augen der Mädchen meiner nassen Kleider entledigen zu sollen.
Doch es half nichts, sie zogen und zerrten hinten und vorn, knöpften Knöpfe auf und zogen an den Ärmeln und an den Hosenbeinen, und Taleesha befahl: »alles!«, und so stand ich da, der Mann, der die Gesetze der Natur herausgefordert und beinahe besiegt hatte, und dann an einem Möwenschiss gescheitert war, nackt, nass und zitternd. Als ich bemerkte, dass Dorothy den Kopf leicht zur Seite neigte und intensiv meine unterkühlte Männlichkeit betrachtete, sprang ich ins Auto. »Einsteigen!«, rief ich, »wir fahren.«
Ein Wiedersehen in Holiday City
Als ich den Motor anließ, stieß der betagte Travelette eine schwarze Wolke aus und hinterließ auf der Pfütze unter dem Motorblock einen öligen Schimmer. Der Zustand der Karre bereitete mir schon seit einiger Zeit Kopfschmerzen, wir sollten so flott wie möglich unser Ziel erreichen.
»Keine goldenen Kuppeln mehr, keine Tornados, keine spirituellen Experimente«, sagte ich, während ich folgenlos eine rote Ampel überfuhr. »Wir dürfen unser Ziel nicht aus den Augen verlieren.«
»New York!«, rief es von der Rückbank wie aus einem Mund.
»Ja, genau: New York«, bestätigte ich, und die beiden begannen zu singen: »Start spreadin’ the news, I’m leaving today, I want to be a part of it: New York, New York!« Auf der Ladefläche des Pick-Up flatterten meine Kleider im Wind, und ich hoffte, dass sie bis zum Abend so weit trocken sein würden, dass ich nicht länger splitterfasernackt durch Amerika fahren musste. Taleesha hatte mir eine Jacke mit einer großen rosa Schleife umgehängt, damit ich nicht zu viel Aufsehen erregte, aber wahrscheinlich erregt ein Mann, der mit bloßem Oberkörper einen Pick-up steuert, im Mittleren Westen weniger Aufsehen als einer, der dabei eine rosa Jacke trägt.
Wir kamen an diesem Tag noch bis in die Nähe von Holiday City in Ohio, das klang so aufmunternd, dass ich entschied: genug für heute. Gleich am Ortsanfang lagen sich zwei Diners gegenüber, das eine hieß South Side Soda Shop und lag an der Südseite der Route 80, auf der anderen Straßenseite war Howie’s Diner. Wenn ich ein Schriftsteller wäre, der Geschichten einfach so erfindet, dann könnte ich mir jetzt alles Mögliche einfallen lassen. Ich könnte den Pick-up vor dem Soda Shop stoppen, dort wo schon zwei andere Wagen parkten, ich könnte Laurens seine inzwischen trockenen Kleider im Schutz des Wagens anziehen lassen und so tun, als ob er mit den Mädels den South Side Soda Shop betreten wollte. Oder ich könnte ihn das Gaspedal durchtreten und weiterfahren lassen bis, sagen wir: Elmira oder Ottokee. Als richtiger Schriftsteller wäre ich genauso frei in meinen Entscheidungen wie Laurens selbst es damals war: Lag es nicht ganz allein an ihm, was jetzt geschah? Das ist doch im ganzen Leben so, sage ich jetzt mal im Rückblick, heute, da ich älter bin als mein Opa je war, und die Reste des Zapaca-Rums sogar doppelt so alt. Man meint immer, man müsste, sollte, dabei kann man immer alles tun, was einem gerade einfällt. Ob dieser Laurens damals erst die Hose und dann das Hemd anzog oder umgekehrt? Oder ob er gar nackt die Straße überquerte und bei Howie’s gebackene Stierhoden bestellte? – und dass mir jetzt keiner einen Joke macht!
Aber ich bin kein Schriftsteller und ich muss wahrheitsgemäß berichten, was wirklich geschah, denn Laurens, frei in seiner Entscheidung, wendete den Wagen in der Ortsmitte und brauste zurück zu Howie’s Diner. Ich weiß heute nicht mehr wieso, aber ich hatte schon immer ein untrügliches Gespür für Gasthäuser, in denen einem etwas für sein Geld geboten wird. Auf dem Parkplatz vor Howie’s ließ ich den Wagen ausrollen und mir von den Mädels die Kleider reichen. Das Anziehen hinter dem Lenkrad erforderte einiges an körperlicher Tüchtigkeit, so dass mir die beiden helfen mussten, und ja, ich konnte eine gewisse Erregung dabei nicht verbergen, und nochmal ja, Dorothy ließ sich dabei zu kleinen Handgreiflichkeiten und derben Sprüchen hinreißen, was mich in meiner Meinung bestärkte, dass es sich um das wildeste brave Mädchen handelte, das jemals in einem Tornado vom Himmel gefallen war. Taleesha hatte ihr unterwegs in einem Anfall von schwesterlicher Vertrautheit erzählt, dass wir miteinander geschlafen hatten, und seitdem schaute mich Dorothy ihrerseits ganz unschwesterlich an.
Doch Howie’s Diner änderte alles, was über die Beziehung zwischen mir und Dorothy in irgendeiner Weise zu sagen gewesen wäre, von dem, was ich mir an diesem Tag vielleicht erhoffte, ganz zu schweigen. Das Gasthaus war gut besucht, an den meisten Tischen saßen Gäste – Männer, einzeln und in Gruppen, Paare, auch zwei Familien mit Kindern jeglichen Alters. Auch an der Bar standen ein paar Männer, die sich angeregt unterhielten. Der namengebende Howie war ein zierlicher Mann mit gepflegtem Oberlippenbärtchen, der die ganze Länge seiner Arme aufbieten musste, um an die Gläser im Regal zu langen, und der bei einer Kneipenschlägerei gewiss als erster hinter der Theke abtauchen würde. Wir hatten uns gerade an einen Tisch am Fenster gesetzt, von dem aus ich den Parkplatz und meinen Pick-up im Auge behalten konnte. (Habe ich schon erwähnt, dass ich die Flasche Zapaca-Rum aus dem Sturm gerettet hatte? Sie lag jetzt wohlverwahrt in meinem Rucksack unter der Rückbank.) Plötzlich löste sich ein Mann aus der Thekentruppe, der mir bereits durch seine ungewöhnlich große und magere Gestalt aufgefallen war, und setzte sich ohne Weiteres zu uns. Normalerweise saßen die Mädels immer nebeneinander und überließen mir die gegenüberliegende Tischseite, diesmal jedoch hatte sich Taleesha neben mich gesetzt, vielleicht wollte sie mich vor Dorothy beschützen, ich weiß es nicht. Der Fremde setzte sich folglich auf den einzigen freien Platz neben Dorothy, die so vertieft in die Speisekarte war, dass sie erst aufschaute, als ich schon das Wort ergriffen hatte.
»He, was soll das? Wer sind Sie, was wollen Sie?« - irgendetwas in der Art. Doch Dorothys Reaktion ließ mich augenblicklich verstummen. Sie fiel dem Langen um den Hals, küsste seine Stirn, seine Wangen, schließlich seinen Mund, und rief dazwischen immer wieder, atemlos: »Hunk! Mein Hunk! Mein Darling!« Während dieses überschwänglichen Gefühlsausbruchs beobachtete Howie ein wenig geistesabwesend die Szene, wobei er mit dem linken Zeigefinger auf Abenteuerreise in seiner Nase unterwegs war. Unsere Blicke trafen sich, und er rollte mit den Augen, ohne sich den Genuss zu versagen, den ihm der Zeigefinger bei der Penetration seiner Nase verschaffte.
Als Dorothy endlich mit einem tiefen, randvoll mit Glück gefüllten Seufzer (»Ach, mein Hunk!«) von ihm abgelassen hatte, nahm er seinen Hut ab, einen schmutzig-grauen und völlig verbeulten Hut, dessen Krempe sich in Auflösung befand und der am Kniff, dort wo er immer wieder zum Auf- und Absetzen angefasst wurde, ganz speckig war, und er sagte in die Runde: »Ja, da bin ich jetzt!«, gerade so, als hätten wir nichts sehnlicher erwartet als sein Erscheinen bei Howie’s in Holiday City. Dorothys Erwiderung war vorhersehbar, sie küsste ihn wieder ab, drückte sich an ihn und infizierte dabei ihr hübsches blaues Kleid mit einem beträchtlichen Teil des Staubs und des Schmutzes, der seinen einstmals grünen Overall und das karierte Flanellhemd bedeckte. Es sah gerade so aus, als hätte man ihn mit allem bekleidet, was eigentlich seine Zeit hinter sich hatte, wie man es mit einer Vogelscheuche machen würde, indem man sagte: Ach, für Hunk geht das noch.
Hunk war auch im Sitzen groß, was ihn dazu verleitete, immer den Kopf ein wenig einzuziehen, dabei die Schultern zu heben, die wie die zwei Enden eines umgedrehten Kleiderbügels unter dem Hemd hervorstachen. Hunk war dünn, fast dürr, und die Farbe seiner Haut bewegte sich irgendwo zwischen Grau und Gelb. Sein Gesicht war so unnatürlich lang wie es sein ganzer Körper war, beginnend in einer hohen glatten Stirn, unter der zwei kohlrabenschwarze Augen unergründlich auf die Welt blickten, gefolgt von einer schmalen, spitzen Nase, die geradewegs vom Gesicht abstand und mich an Pinocchio erinnerte (und mich in den Tagen unseres Zusammenseins dazu veranlasste, sie zu beobachten, ob sie wohl auch mal länger wurde oder schrumpfte). Den Mund umfassten die schmalsten Lippen, die ich je an einem Menschen gesehen hatte, und wenn sie sich öffneten, gaben sie den Blick frei auf ein wirres Gehege von Zähnen. Muss ich noch erwähnen, wie spitz sein Kinn war? Er schlug sich mit dem Hut auf das linke Bein, das nicht mehr unter den Tisch gepasst hatte, und fuhr sich mit der anderen Hand durch die gelben Haare, in denen die einzelnen Strohhalme nicht weiter auffielen. »Ja, hier bin ich!« wiederholte er, und das war in der Tat unbestreitbar.
»Das ist mein Hunk«, stellte Dorothy ihn vor, und dann, nach einem Augenblick voller Seligkeit, auf uns deutend, »und das ist Laurens und das ist Taleesha. Die beiden haben mich gerettet.«
»Danke«, sagte Hunk, als hätte ihm einer von uns beiden das Milchkännchen gereicht.
»Wie kommst du denn hierher?«, fragte Dorothy aufgeregt, und Hunk erwiderte: »Das Gleiche könnte ich dich fragen!«
»Ja, halt … hier … die …« antwortete Dorothy und zeigte auf uns beide. »Hast du denn schon was gegessen?«, wechselte sie das Thema und vertiefte sich wieder in die Speisekarte. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Familienvorstand zu geben. »Sie sind natürlich mein Gast«, sagte ich und zählte im Geist meine Dollars.
Wenn ich das richtig verstanden habe, war er zu der Zeit, als der Tornado wie ein Wirbelwind durchs Land fegte, in Atchison bei Doc Shicklegroover, »Hämorrhoiden, weißt du, eklig, kennst du?«, fragte er mich und schob eine Gabel voll Weißkrautsalat in seinen Mund. »Das juckt und juckt, zum Wahnsinnigwerden. Und immer mal wieder dieses Blut, kannst du dir das vorstellen?« Er spießte dabei mit seinen krummen Gabelzinken die Erbsen auf und ließ sie zwischen uns in der Luft schweben. »Na ja, ich hatte gerade meine Hosen runtergelassen und mich nach vorn gebeugt, damit Doc Shicklegroover ’ne bessere Sicht hat – isst du das nicht mehr, Darling?«, fragte er Dorothy, die ihr Besteck zur Seite gelegt hatte, und stach mit seiner Gabel in das letzte Stück Fleisch auf dem Teller des Mädchens, so dass noch ein wenig rotbrauner Fleischsaft herausfloss. »Und dann war der Doc weg, und mit ihm das halbe Haus. Gerade da, wo ich stand, hatte der Tornado die Vorderfront vom Haus abgerissen und zusammen mit dem Doc und dem Schreibtisch und dem grinsenden Skelett, das immer in der Ecke gestanden hat, und dem Schrank mit den Spritzen und so einfach weggeblasen.« Hunk blies mit vollen Backen und spitzen Lippen aus, um den wilden Wind nachzumachen, und ich konnte mir tatsächlich sehr anschaulich vorstellen, was da alles durch die Luft geflogen war.
Hunk setzte seine Erzählung fort, und Dorothy staunte ihn mit offenem Mund an. »Da habe ich mir schnell die Hosen hochgezogen und sehe doch, wie der Tornado gerade vor Hodgkins Grand Railroad Hotel & Bar Lounge anhält, als hätte er beim Blick über die Schulter bemerkt, dass er mich vergessen hat. Der Wirbel dreht auf, die Luft ist voller Dröhnen, er kommt zurück, zurück, zurück zu mir und – dann weiß ich nichts mehr. Doch, Moment! Erst kam Squirt vorbei, der Hund aus dem Barber Shop, wahrscheinlich weil er kleiner und leichter war, flog er schneller hinauf in den Wolkentrichter. Dann flog ich an General Denver vorbei, der hatte mit dem ganzen Gusseisen und dem Granit unter seinen Stiefeln natürlich nicht so viel Auftrieb. Irgendwo da oben sah ich dann das Harmonium aus der Shiloh Baptist Church auf mich zufliegen, und ob ihr’s glaubt oder nicht: Es spielte von selbst Onward, Christian Soldiers! Dann bekam ich einen Schlag gegen meinen Allerwertesten« – er griff sich dabei an den Kopf – »und das war’s!«
»Aber wie bist du bis hierher … ich meine: Wir sind hier in Ohio?« Dorothy sagte O-HAI-OOH und machte aus dem Namen eine lustige kleine Melodie. Doch Hunk schob nur die Kleiderbügel in seinen Schultern nach oben. »Das Wichtigste ist doch, dass wir uns wiederhaben.«
»Oh ja«, Dorothy strahlte und gab ihm einen Kuss auf die stoppelbärtige Wange. »Wir fahren nach New York«, sagte sie, und Hunk machte »Hmm, hmm.« Dann dachte er einen langen Moment nach, bis er das Ergebnis verkündete. »Ich kenne da niemand. Und dann gibt’s da ja auch keine Farm, ich glaube, die kommen ganz ohne Farmer aus.«
»Oh, du, da mach dir mal keine Gedanken«, plapperte Dorothy, »wir finden schon was. Ich hab’ da einen Onkel, bei dem können wir doch erst mal bleiben.«
»Noch’n Onkel?«, entfuhr es Hunk argwöhnisch.
»Nicht so einer wie Onkel Henry«, beeilte sich Dorothy den unausgesprochenen Einwand zu entkräften.
»Was ist mit Onkel Henry verkehrt?«, mischte ich mich ein, in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein bisschen mehr über die Affäre Henry zu erfahren.
Dorothy presste die Lippen aufeinander und schaute Hunk unverwandt an. Der löste endlich seinen Blick und wandte sich uns zu. »Henry hat seine Hände überall, wo sie einfach nicht hingehören. Kommt sonntags aus der Kirche und nimmt die Kleine zum Spaziergang ins Maisfeld mit. Badet so gern mit ihr, wenn Tante Emily bei den Sisters of Mercy zum Patchworken ist. Lass mich, Dorothy, das muss jetzt gesagt werden.« Er schüttelte ihre Hand ab, die sie beschwichtigend auf seinen Arm gelegt hatte. »Wir sprechen das jetzt einmal aus, und dann denken wir nie wieder an ihn. Hat ihre Muschi geleckt, da hatte ich noch nicht gewagt, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, und sein Ding …« Da schoss Dorothys Hand vor und hielt ihm den Mund zu.
