Kitabı oku: «Eine schräge Geschichte, die böse endet», sayfa 5
Unter Schmugglern
Die Piet Heyn fuhr nicht nach Rotterdam. Ich bin kein Seemann und auf dem Atlantik gibt es auch keine Straßenschilder, aber mir war schnell klar: Die Piet Heyn fuhr nicht nach Rotterdam, nicht nach Antwerpen und nicht nach Hamburg, auch nicht nach Southampton oder Le Havre, sie fuhr überhaupt nicht nach Osten. Selbst wenn man wie ich die meiste Zeit unter Deck verbringen musste, hat man doch irgendwann mal die Sonne an Backbord aufgehen und an Steuerbord untergehen sehen. Wir fuhren also geradewegs nach Süden. Dennoch hielt ich an dem Tag, an dem mir das klar wurde, den Erstbesten an, der mir im Gang entgegenkam, ein kleiner Bengale mit riesengroßen Glupschaugen. Ich deutete auf den Fußboden und fragte: »Nach Rotterdam?«, gerade so als ob das der Bus von Vejlby nach Skaade sei und Tante Liv mich an der Haltestelle Fredens Kirkegaard erwartete. Er schaute mich verwirrt an und zuckte mit den Schultern. »Donnoh«, sagte er und war schon verschwunden.
Auch die Gedanken der drei Seeleute, die mit mir die Kajüte teilten, blieben hinter den fremden Klängen ihrer Dialekte verborgen: Shkodran war Albaner, Panjang Malaie und Eduardo, den alle Eddy nannten, kam aus Chile. Vom Steuermannsmaat, einem rotblonden Schotten mit stechendem Blick, bekam ich zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben einen Tritt in den Hintern, als ich ihn nach dem nächsten Hafen fragte. Wenn mir die Richtung nicht passe, so rief er mir sinngemäß hinterher, als ich mich von den Planken aufgerappelt hatte und durch die nächste Luke unter Deck verschwand, wenn mir die Richtung nicht passe, könne ich ja von Bord gehen. Er lachte dazu noch nicht einmal!
Eines Abends hieß es, wir sollten uns unter Deck bereithalten, gleich würden wir anlegen und dann sofort alle Mann die Ladung löschen, um am nächsten Tag die Fracht für Rotterdam aufzunehmen. Es war schon schwarze Nacht, als wir die typischen Geräusche und Schiffsbewegungen spürten, die anzeigten, dass wir angelegt hatten. Dann ging alles ganz schnell, der Schotte, der Lademeister und zwei seiner Schergen, schlimme Kerle mit stahlharten Fäusten, trieben uns an, wir wuchteten die großen Holzkisten an Deck und dann, immer zu zweit, über die Gangway auf den Kai, wo ein paar dunkle Gestalten sie sofort auf einem Lastwagen stapelten. Bei aller Hetze und Mühe bekam ich doch mit, dass der ganze Bereich des Hafens nur von ein paar schwachen Laternen beleuchtet wurde, die kaum heller waren als der Vollmond, der am wolkenlosen Himmel stand.
Ich hatte gerade meine dritte Kiste abgesetzt, da brach die Hölle los: Von allen Seiten stürmten Männer in Uniform auf uns zu und schossen in die Luft. »Hou op! Politie! Handen omhoog!«, riefen sie, und ich war für einen Augenblick verwirrt. Nicht nur wegen des Zugriffs, des Lärms, des Schießens, das die stille Nacht am Hafen erfüllte, sondern weil sich die Uniformierten eindeutig des Holländischen bedienten. »Niemand beweegt«, rief einer der Polizisten, doch da ich auf dem Rückweg war, die Gangway hinauf und schon fast wieder das Deck erreicht hatte, verbarg mich das Dunkel, und ich lief gebückt zur nächsten Luke und rutschte über die Treppen abwärts bis zum Kajütdeck. Ich wusste, dass der einzige Fluchtweg vom Schiff, auf dem ich unentdeckt bleiben würde, über die Wasserseite führte, und mich schauderte bei dem Gedanken an das Hafenwasser und den Gestank, den ich tagelang nicht aus den Kleidern bekommen würde.
Auf dem Weg durch die Gänge unter Deck beschäftigte mich die Sache mit dem Holländischen. Erst hatte ich gedacht, na ja, ist ja ein holländisches Schiff, aber dann war mir klar, dass keine Polizei der Welt bei einem solchen Zugriff die Höflichkeit besaß, die Leute, die sie dingfest machen will, in ihrer Muttersprache anzurufen. ›Leute, morgen Razzia auf dem chinesischen Lastkahn, für alle, die dabei sein werden jetzt eine Stunde Chinesisch für Anfänger!‹ Nein, so geht das nicht. Also waren wir wohl nach Süden gefahren und in Holland gelandet?
Ich unterbrach den interessanten Gedankengang, denn jetzt hatte ich die Kajüte erreicht, tastete mich hinein und zu meiner Koje, links unten. Ich schnappte mir meinen Rucksack, kniete mich vor das Bett, griff panisch nach allem, was noch herumlag, und stopfte es in den Sack. Als ich mich an Shkodrans Koje festhielt, um mich auf die Füße zu ziehen, bekam ich etwas zu greifen, was ich zu erkennen glaubte. Er hatte es mir am ersten Abend gezeigt, als wir von New York ablegten. Geistesgegenwärtig griff ich danach und rannte nach draußen, durch das Labyrinth der Gänge und die Treppen hinauf, bis ich auf der Wasserseite stand, geschützt durch die Aufbauten des Brückendecks. Ich warf die Jakobsleiter, die dort zusammengerollt lag, über die Reling und ließ mich an ihr hinunter. Etwa zwei Meter über dem Wasserspiegel riss ich die Hülle von dem Souvenir, das Shkodran seinem kleinen Sohn hatte mitbringen wollen, ertastete das Ventil und blies hinein. Langsam entfaltete sich das Plastikding, blau und rot, etwas mehr als ein Meter im Durchmesser, und an der Seite gegenüber dem Ventil, in das ich hektisch blies, richteten sich Hals und Kopf von Goofy mit seiner langen Schnauze und den Hängeohren auf. Ich drückte den Stopfen in das Ventil, stieg noch ein paar Sprossen nach unten, ließ das Bootchen langsam aufs Wasser und stieg hinein. Kniend paddelte ich mit den bloßen Händen davon, ein paar Dutzend Meter vom Schiff entfernt war ich nur noch ein Schatten zwischen den Reflexen, die das Mondlicht auf den Wellen erzeugte.
Die Strömung erfasste mich und zog mich weg vom Land. Goofy nickte bedächtig und strahlte kindlich-naiv übers ganze Gesicht: Er freute sich offensichtlich über die vorzeitige Gelegenheit zur persönlichen Entfaltung und den unvermuteten Ausflug. Bei mir wich die Freude über die gelungene Flucht langsam der Besorgnis, denn es war nicht nur die Strömung, die es mir unmöglich machte, dem Ufer auch nur eine Handbreit näherzukommen, jetzt blies auch noch ein sanfter, aber beständiger Wind vom Land her und brachte den Geruch von exotischen Blüten und Pferdeäpfeln mit. Niemals kann das Holland sein, sagte ich mir, wohl wissend, dass Goofy genau dort einige Wochen oder Monate später anlanden könnte, wahrscheinlich jedoch ohne mich.
In diesem Augenblick nahm ich ein Licht vor mir wahr und eine Bewegung hinter mir. Das Licht vor mir schien von einem Schiff zu kommen, die Bewegung hinter mir von einem Fisch, einem sehr großen Fisch. Ich schaute über die Schulter nach hinten, ganz vorsichtig, um in meiner Nussschale nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, und sah langes goldblondes Haar, wasserblaue Augen, Sommersprossen, eine Stupsnase und einen kirschroten Mund, gerade so wie die Galionsfigur an der Valkyrien, die ich mal in irgendeinem Schifffahrtsmuseum auf Seeland gesehen hatte. Der Kopf hob sich aus den Wellen und spie einen Schwall Salzwasser aus, lachte mich an und klimperte mit den Wimpern, an denen Tropfen im Mondlicht funkelten wie Diamanten. Zwei schlanke, aber kräftige Hände legten sich auf den Gummiwulst, in dessen Mitte ich um meine Zukunft und die meiner Kinder und Kindeskinder kämpfte, und mit den Schlägen ihrer silbrigschimmernden Flossen trieb sie Goofy voran, direkt auf das Licht zu. Wie hätte ich den Blick von ihr wenden können? Ab und zu hob sich ihr blanker Rücken aus dem Wasser, dann wieder ihr muskulöser geschuppter Unterleib mit den Flossen, dann wieder sah sie mich an, lächelnd, als ob es ihr keinerlei Mühe bereitete, mich durch die kabbelige See voranzuschieben.
»Heh, kijk daar!«, rief es vom Schiff. Jetzt sah ich die beiden Männer an der Reling, ein großer, breitschultriger, und einer, der eher untersetzt war. Beide hatten sie Ferngläser in den Händen, sahen jetzt aber direkt zu mir herunter, da ich schon auf etwa fünf Meter herangekommen war. »Wie ben jij?«, rief der Große. »Waar kom jij vandaan?«
»Ich habe damit nichts zu tun!«, rief ich hinauf, denn ich sah, dass der Mann eine Uniform trug und auf dem Bug des Schiffs, eher ein Küstenboot oder eine Jacht, stand Waterpolitie und am Heck flatterte die rot-weiß-blaue Flagge. »Ich bin da nur zufällig reingeraten!«, rief ich, und der Kleinere fragte den Größeren: »Wat zegt hij?« – »Dat hij onschuldig is«, gab der Uniformierte zurück, und der Kleine antwortete: »Dat zeggen ze allemaal.«
Ich drehte mich um, aber die Seejungfrau war verschwunden. Meine Bewegung muss ein wenig zu hastig gewesen sein, denn Goofy schwankte, ich parierte zu heftig, Goofy legte sich auf die andere Seite, und ich kippte ins Wasser. »Hilfe!«, rief ich hinauf, wo die zwei Männer meinen Kampf mit den Elementen teilnahmslos betrachteten. Goofy tanzte zwei, drei Meter entfernt auf den Wellen und grinste mich blöde an, während ich versuchte, mich über Wasser zu halten. Immer wieder klatschte mir eine Welle ins Gesicht, manchmal genau dann, wenn ich den Mund weit geöffnet hatte, um Luft zu holen. Ich spuckte, das Salzwasser brannte in Kehle und Nase, und ich merkte, wie ich immer seltener den Kopf aus dem Wasser bekam. Dann gab ich auf.
Die Bewegungen der Meerjungfrau waren bewundernswert kontrolliert, dennoch geschmeidig und – wie soll ich sagen – auch ein wenig geziert. Eine Unterwasser-Rumba, eine Atlantik-Beguine oder eher eine karibische Quadrille? Ich hörte keine Musik, aber einen deutlich wahrnehmbaren Taktschlag wie von einem Metronom aus Glas. Das war mein Puls, mein Herzschlag, den ich jetzt nicht nur in der Brust, sondern auch im Bauch und im Kopf spürte. Die Meerjungfrau kam ganz nah zu mir, umschlang mich, und sie war gar nicht so kalt und glatt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich wollte etwas sagen, aber sie drückte ihre Lippen auf meinen Mund und küsste mich und presste dabei all das Salzwasser in meine Lungen.
Jetzt lag ich da, auf dem Grund des Meeres, in meinem nassen Grab, niemand weiß wo, noch nicht einmal ich selbst wusste es. So war das also, ertrinken: der Todeskuss einer Meerjungfrau. Mir war kalt und mir war kalt. Außerdem war mir kalt, ich zitterte am ganzen Körper, doch meine klammen Finger konnten die Decke nicht greifen, die mich hätte wärmen können. Ich zitterte, wie ich noch nie im Leben gezittert hatte, der ganze Körper bäumte sich dabei in Schüben auf, das ließ sich gar nicht unterdrücken. Und dann dieser stechende Schmerz, als ob mir jemand mit den Stiefelspitzen in die Nieren treten würde. »Laurens Baltruscheit Iversen, mach die Augen auf!«, brüllte mich der Herrgott an. Wahrscheinlich wollte er endlich über mich zu Gericht sitzen, und auch er hatte ja seine Zeit nicht gestohlen. »Verdammt, mach die Augen auf!« Der Herrgott fluchte, und das mit eindeutig holländischem Akzent.
Ich tat wie befohlen, schlug die Augen auf, und hinter mir sagte jemand »Na, eindelijk. Was macht ein Laurens Baltruscheit Iversen aus Oldrup in Jütland auf einem Schiff, das Waffen nach Guayana schmuggelt?« Ich verstand nur unvollkommen, was er damit sagen wollte. War das eine Frage? Sollte ich darauf irgendetwas antworten? War des Herrgotts himmlisches Tribunal jetzt ein königlich-niederländisches Amtsgericht? Ich sah den großen Polizisten an, holte Luft und musste die Reste des Salzwassers aus der Kehle husten. Da sprang ein dunkelhäutiger Mann auf mich zu, zwei Fäuste packten mich, zogen mich auf die Füße, nur um mich durch einen kräftigen Schlag in die Magengrube wieder auf die Planken zu schicken. »Ach, egal«, sagte der Große, der wohl das Kommando führte, »wir haben die Bande, wir haben die Waffen, und bald kennen wir auch das Netzwerk«.
»De koningin zal blij zijn«, sagte die Stimme hinter mir, wohl der kleinere der beiden, und der andere wiederholte es, »ja, die wird sich freuen«. Und der Kleine wieder: »Den brauchen wir nicht mehr, werft ihn über Bord.«
»Nein!«, schrie ich, »auf keinen Fall gehe ich wieder ins Wasser! Ich bin der Sohn des Konsuls in …« Da fiel mir ein, dass ich immer noch nicht wusste, wo wir uns befanden. »… der Konsul hier, der Sohn bin ich«, schloss ich so drohend wie ich konnte. Ich muss ein sehr beeindruckendes Bild abgegeben haben: halbnackt, nass und stinkend, mit blutigen Schrammen, zitternd vor Kälte und Angst, aber ansonsten zu allem entschlossen.
Und dann erschien SIE. »Wie is dat?«, fragte sie in die Runde, leicht amüsiert. Sie näherte sich mir und – kam es mir nur so vor oder wichen tatsächlich alle anwesenden Männer einen Schritt zurück? Der Kontrast hätte kaum größer sein können: Hier ich, in Unterhose und Socken (ich korrigiere: es war mir nur eine Socke geblieben), nass und zitternd, mit aufgeplatzter Augenbraue und faustgroßem Hämatom auf dem käsbleichen Bauch, ein Rinnsal der erbrochenen Erbsensuppe vom Abend hatte sich an meinem Kinn gesammelt; und dann: sie, die Dame in einem seidenen weißen Hosenanzug, silbernen Mokassins, die unglaublich bequem und unglaublich teuer aussahen, die blonden Haare frisch toupiert, mit dezentem Makeup, das ihre harten blauen Augen und ihre schmalen Lippen weichzeichnete, dabei die kleinen scharfen Falten rund um Augen und Mund kaschierte – und dann dieser Duft! Ich sage das jetzt einfach mal: Sie sah mir in die Augen und erkannte meine Seele. Und jeder dort erkannte im selben Augenblick das Offensichtliche, nämlich dass da was lief zwischen uns: Wir waren vom Schicksal füreinander bestimmt. Meine Güte! Glaubte ich das wirklich? Das musste die Wirkung des Sauerstoffdefizits auf das zentrale Nervensystem sein. Eigentlich konnte ich doch in diesem Augenblick an nichts anderes denken als an die Rettung meines Lebens, die Unversehrtheit meines Leibes und die Bekleidung meiner Blöße. Okay – ein Bier und ein Schnaps wären auch nicht schlecht gewesen.
O je, jetzt stand sie so dicht vor mir, dass ich die Limette und den Ingwer, die sie in ihrem Gin hatte, auf meiner Zunge schmecken konnte. »Geen angst«, hauchte sie mehr, als dass sie sprach. Es war nicht mehr als ein Versprechen, aber für mich öffnete sich in diesem Augenblick der Himmel, und ich sah, dass dort kein Herrgott über mich zu Gericht saß. »De jongen komt met mij mee«, sagte sie in den Raum hinein, ohne jemanden direkt anzusprechen. Dann nickte sie mir auffordernd zu, und ich trabte hinter ihr her. Sie brachte mich in eine Kajüte, so was hätte ich auf einem Polizeiboot nicht vermutet: geräumig, fast luxuriös, mit edelsten Tropenhölzern ausgeschlagen, Ledersessel, ein Bett und – eine Dusche. »Maak jezelf representatief«, hauchte sie mir zu und zog sich rücksichtsvoll zurück. Ich entledigte mich meiner Socke und meiner Unterhose und tauchte in das heiße Wasser ein, das so freigiebig aus dem Duschkopf strömte.
Märchenstunde
In den Kleidern, die mir jemand in der Kabine auf das Bett gelegt hatte, trat ich auf den Gang und suchte den Weg nach oben. Sie stand an der Reling, rauchte und schaute Richtung Land, dessen trübe Lichter langsam näherkamen. (Schon klar: natürlich waren wir es, die den Lichtern näherkamen, aber ich lass das mal hier so stehen, schließlich war ich ja noch ein wenig benommen.) »Na, Goofy …« Die Worte schwebten im warmen Wind wie der Rauch ihrer Filterzigarette, der ihrem Mund entströmte.
»Repräsentativ ist irgendwie anders«, wagte ich einzuwenden und schaute an mir herunter. Ich trug kurze Hosen, dazu Kniestrümpfe, die Füße steckten in klobigen Schuhen, das kurzärmelige Hemd war mehrere Nummern zu weit und alles in Khaki, Ton in Ton.
»So etwas trägt man hier«, gab sie zur Antwort.
»Hier?«, fragte ich zurück, »wo ist hier?«.
Sie drehte sich wieder dem Land zu, es kam eine Flussmündung in Sicht, schmutzig braunes Wasser vermischte sich mit dem Blau des Meeres, das Boot folgte dem Fluss in einer großen Schleife, dann waren Häuser zu sehen, eine Stadt. Der Platz, an dem sich die Polizeiaktion abgespielt hatte, war offensichtlich nicht der Hafen gewesen, mehr eine provisorische Landestelle, denn erst hier kamen uns im ersten Morgenlicht größere Schiffe entgegen. Sie stieß wieder eine Wolke Zigarettenrauch aus und antwortete, indem sie jede einzelne Silbe betonte: »Pa-ra-ma-ri-bo.« Und da sie zu Recht annehmen konnte, dass ich nicht den blassesten Schimmer hatte, wo das sein sollte, fügte sie hinzu: »Guayana, der Teil von Guayana, der Königin Juliana untertan ist.«
»Ich wollte aber nach Rotterdam«, sagte ich etwas einfältig. Sie lachte kurz auf.
»Ach, Goofy, da hast du dich aber ein wenig in der Richtung geirrt.«
»Und jetzt? Wie komme ich nach Hause?«
»Das hat Zeit.« Sie warf ihre Zigarette ins Meer, »jetzt kommst du erst einmal mit mir … mit uns«.
Sie hieß Wilhelmina und wollte auch so genannt werden, nicht Frau Buytendijk de Touseul, auch nicht Baronin oder Madame, schon gar nicht Wilma, Willy oder Mina, und ich hielt mich von Anfang bis Ende daran, auch wenn sie mich selbst niemals (und schon gar nicht auf mein Bitten hin) Laurens rief.
Mit einem Mal war die Sonne da, sie war links von uns über den Hütten auf der anderen Flussseite aufgegangen, etwas verwirrend, aber ich erinnerte mich daran, dass man an der Küste von Guayana tatsächlich nach Norden aufs Meer blickt, genau wie in Torup, Kollerup und Svinkløv. Wir legten an einem belebten Abschnitt der Uferbefestigung an, und ich bemerkte, dass ein Teil der Menschen, die sich dort aufhielten, bei unserem Eintreffen verschwand, der andere Teil sich aber diensteifrig dem Boot näherte. Jemand drückte mir meinen Rucksack in die Hand – er hatte überlebt! – und Wilhelmina trieb mich an: »Vorwärts! Los! Runter hier! Es gibt noch genug zu tun!«
Und was es noch alles zu tun gab! Wilhelmina scheuchte mich durch die Straßen, die hier Verlengde Gemendelandsweg, Zwartenhovenbrugstraat, Drambrandersgracht und so ähnlich hießen, mit meist zweigeschossigen Holzhäusern bebaut waren, deren Weiß unter dem tropischen blauen Himmel in den Augen brannte (in einem der ersten Läden bekam ich eine Sonnenbrille verpasst). Sie jagte mich durch Geschäfte und über Märkte, und am Ende war nicht nur ich, sondern waren auch die drei braunen Burschen, die sie irgendwoher organisiert hatte, bepackt. Während sie die Packesel zur Waterkant schickte – woher nahm sie das Zutrauen, dass ihre Einkäufe nicht unterwegs Liebhaber finden würden? – zog sie mich zu einem Gebäude in der Poststraat, das unten aussah wie eine Nordseekate, in der Mitte wie ein Louisiana-Haus und oben wie eine Pagode. »Zeit für Tee«, sagte sie und lotste mich an einen Tisch auf der Terrasse, von wo aus sie die Straße beobachten konnte und von allen gesehen wurde. Es kamen Rühreier auf den Tisch, Weiß-, Schwarz- und Rosinenbrot, Butter, Käse, Schinken, Salami, Marmelade, ein Schälchen mit etwas, das aussah wie geraspelte Schokolade und sich als geraspelte Schokolade entpuppte, dazu Tee (»oder magst du lieber Kaffee?«), Orangensaft und Buttermilch. Es war absurd: Da liefen Menschen durch die Straßen, die aussahen, als hätte sich die halbe Welt hier verabredet, die Sonne brannte vom Himmel, vor dem Haus gegenüber wehten Palmen im Wind und eine mannshohe Bougainvillea wand sich an der Mauer empor, und wir saßen hier bei einem holländischen Frühstück – nein, halt: ich vermisste den Matjes.
Frederik Wilhelmus Buytendijk Baron de Touseul war ein Mann, dem es angeboren war zu befehlen und dem man nicht widersprach. Er war es auch gewesen, der mich auf dem Polizeiboot hatte über Bord werfen lassen wollen, und wie viele Männer, die nicht ganz ausgewachsen sind, war er mit einem unbändigen Ehrgeiz, mit Hochmut und Rachsucht geschlagen. Dass Wilhelmina mich jetzt in ihrem Tross duldete, mir gar einen besonderen Platz einräumte, das fraß sichtlich an dem kleinen Despoten – aber die eigene Frau, vor allem eine wie Wilhelmina, war dann doch etwas anderes als unterwürfige Marrons, kumpelhafte Kaffee- und Kakaohändler oder geschmierte Polizeichefs. So beschränkte er sich darauf, die Träger und Bootsleute zu schikanieren. Ich hatte bis dahin geglaubt, Schaufelraddampfer gäbe es nur auf dem Mississippi, doch die Suriname Rivier Vervoer Maatschapij BV ließ ihr Flaggschiff Trots en Eer auf dem Suriname-Fluss hoch- und runterfahren. Das hätte ich gern mal erlebt, eine Flussfahrt durch den Regenwald, aber der Herr Baron, kaum dass die Kisten und Ballen an Bord verstaut waren, scheuchte uns zu einem Pick-up, ähnlich dem, den ich quer durch die Staaten gelenkt hatte. Auf der Ladefläche stapelten sich Kästen, Tüten und Säcke, einiges davon erkannte ich von unserer Einkaufstour wieder, und während das Paar vorne bei dem einheimischen Fahrer einstieg, verwies mich der Herr Baron auf die Ladefläche. »Nein, nein, Goofy kommt mit nach vorn«, widersprach Wilhelmina wieder einmal, »das wäre ja noch schöner.«
Als wir die letzten Holzhäuser Paramaribos hinter uns gelassen hatten, begann das Verhör.
»Was bist du eigentlich von Beruf, Däne? Seemann bist du ja wohl nicht.« Ich war einigermaßen überrascht, dass sich der Baron für mich interessierte, und überlegte, ob irgendeine Strategie für das Gespräch hilfreich und irgendeine Information schädlich für mich sein könnte, aber ich war mit solchen Spielchen schon immer überfordert. Also redete ich freiweg.
»Ich habe drei Semester Theologie in Aarhus studiert«, begann ich, »dann gab es etwas, das mich gezwungen hat, die Universität zu verlassen.«
»Erzähl, wir sind ganz Ohr!«
»Ach, vielleicht ein anderes Mal«, versuchte ich den Baron zu vertrösten. Ich hätte mich ohrfeigen können, dass mir das mit der Exmatrikulation rausgerutscht war. Zunächst versuchte ich es mit Schweigen, aber der Baron hatte Witterung aufgenommen.
»Na komm, wir haben zehn Stunden Fahrt vor uns, da kannst du uns doch ein wenig unterhalten!« Es machte ihm offensichtlich einen diebischen Spaß, mich in die Enge zu treiben. Also tat ich ihm den Gefallen.
»Unser Dekan war ein eigenwilliger Mann, sehr verschroben, wie man sich einen alten Theologie-Professor vorstellt, denken Sie sich alle Vorurteile und Karikaturen und schlechten Witze zusammen: das war Professor Severin Rundbladt. Vor dem Sonntagsgottesdienst in der Universitätskirche mussten wir Studenten alles vorbereiten: den Ornat mit der Stola und dem gefältelten Kragen raushängen, die Kerzen anzünden, Hostienschale und Kelche für das Abendmahl auf den Altar stellen, die Liedtafeln aushängen, sein Predigtmanuskript auf der Kanzel bereitlegen und so weiter. Rundbladt war ein kluger, zuweilen aufregend scharfsinniger Kopf, aber ein armseliger Prediger, all die luziden Gedanken und raffinierten Volten seiner Argumente verbarg er unter einem Wust von Worten, die er ohne irgendeine Gefühlsregung, ohne eine Modulation in der Stimme vortrug, ja eigentlich Wort für Wort ablas, als ob ein anderer für ihn die Predigt geschrieben hätte. Na ja, was soll ich sagen, Sie können es sich schon denken.«
»Nein, können wir nicht«, unterbrach mich der Baron, »kom nu op!«
Also setzte ich meine Erzählung fort. »Na, eines Sonntagmorgens halt, da habe ich das letzte Blatt seines Manuskripts an mich genommen, bin schnell in mein Zimmer im Wohnheim gelaufen, das gleich hinter der Kirche lag, habe die Vorderseite abgetippt und auf der Rückseite ein wenig frei formuliert.«
»Was hast du geschrieben?«, fragte Wilhelmina, und ich glaube, sie hielt vor Spannung die Luft an. Ah, die Macht der Märchenerzähler!
»Langsam, das kommt noch. Professor Rundbladt bestieg also die Kanzel, alle machten es sich schon für ein dämmriges halbes Stündchen in den Kirchenbänken bequem, und Rundbladt las vor, Paulus, die Korinther, der Geist Gottes und der Menschen Geist, Erkenntnis und Glaube, und dann die Liebe, hätte ich die Liebe nicht usw. Dann kam das letzte Blatt, blablabla, und dann kam er zum Ende des letzten Blattes und er las weiter unbeteiligt und unbeeindruckt: ›Wenn aber der Apostel Paulus die Korinther ermahnt und zu diesem schönen Schluss führt, dass uns nämlich bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen, so frage ich …‹ er blätterte um und fuhr fort, ›dich, liebe Penilla: Willst du meine Frau werden?‹ Als er den Namen vorgelesen hatte, weckte er sich sozusagen selbst aus seinem Singsang auf, ein Anblick, der allein es schon wert war, und Penilla, die fünfundvierzigjährige unverheiratete Tochter des Apothekers, fuhr mit hochrotem Kopf aus ihrem Halbschlaf hoch, und da Rundbladt vor Schreck an dieser Stelle aufgehört hatte weiterzulesen, stand das Fragezeichen laut dröhnend zwischen Kanzel und Gemeinde. Es war mucksmäuschenstill, und Penilla antwortete von der Kirchenbank her mit ihrer dunklen, etwas rauen Stimme: ›Ja, ich will.‹ Rundbladt murmelte etwas vom Wort des Herrn, das Fuß deiner Leuchte sei, und weg mit dem Licht und ähnlich verqueren Unsinn, der nicht in der Gudstjenesteordning for Den Danske Folkekirke stand, und verschwand in der Sakristei. Der Rest des Gottesdienstes fiel aus.«
Ich machte eine dramatische Pause. »Und dann?«, fragte Wilhelmina.
»Das könnt ihr euch ja denken. Zu meinem Unglück hatte der Professor gesehen, dass ich der Letzte war, der das Predigtmanuskript in der Hand gehabt hatte, das war zwar kein Beweis im juristischen Sinn, aber ich hätte keinen Fuß mehr auf den Boden der theologischen Fakultät bekommen. Also habe ich meinen verdienten Abschied genommen. Rundbladt und Penilla sind dann übrigens doch nicht Mann und Frau geworden, aber sie hat immer von dem Dekan als ›meinem Verlobten‹ gesprochen.«
»Und dann, Goofy?«, fragte Wilhelmina.
»Dann bin ich nach Grönland gegangen.«
»Nach Grönland?«, riefen beide entsetzt.
»Ja, als Landvermessergehilfe.«
»Aber in Grönland ist es kalt«, wandte Wilhelmina ein und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Im Sommer ist es da auch nicht kälter als im Winter in Dänemark. Ich denke, die ganze Sache habe ich Kai Lindberg, dem Grönlandminister im warmen Kopenhagen zu verdanken, lange Geschichte.«
»Wie gesagt, wir haben Zeit«, ließ sich der Baron von vorn vernehmen.
»Lass ihn doch mal erzählen«, fuhr ihn seine Frau an, und ich erzählte.
»Wir waren nordwestlich von Myggbukta.«
»Myggbukta, wie das klingt.«
»Es war genauso, wie es klingt: Mückenbucht. Doch mit den Mücken wurde es besser, je weiter wir ins Landesinnere kamen. Per Olsen war schon zigmal in Grönland gewesen, ich fühlte mich richtig gut aufgehoben bei ihm, genau wie die Hunde, die den Schlitten zogen, und das ist da draußen das Wichtigste.«
»Da kommt doch noch was, Goofy«, argwöhnte Wilhelmina.
»Hm«, sagte ich nur und nahm erst mal einen Schluck aus der Wasserflasche. »Also, was soll ich sagen, eines Morgens wache ich auf, weil Per gegen mich getreten hat, als er das Zelt verlassen wollte, um zu pinkeln. Man hat dort oben im Sommer ja kein Zeitgefühl, weil es fast immer hell ist. Also schaue ich auf die Uhr, kurz nach sechs am Morgen, kann man so stehenlassen, habe ich gedacht, noch ein Stündchen, Schneefelder vermessen in Grönland eilt ja nun nicht so. Ich muss noch mal kurz eingenickt sein, Mann, …«, ich nahm noch einen Schluck.
»Mach’s nicht so spannend«, quengelte der Baron gequält.
»… na ja, wie ich rausgehe, sehe ich diese Eisbärin mit ihrem Jungen, das war schon ein Hingucker, das schneeweiße Fell und dann die tiefroten Flecken um die Schnauze und auf der Brust. Sie stellt sich auf die Hinterbeine, hat etwas in den Tatzen, das sah aus, als ob jemand aus Per Olsens Trainingsanzug einen Sack genäht hätte, und ich denke noch, man sagt ja immer so, letzte Worte, also, Pers letzte Worte waren, als er über mich gestolpert ist: ›Tschuldigung, muss mal pissen‹. Seiner Witwe habe ich natürlich später erzählt, dass er ganz deutlich ›Smilla, meine Smilla!‹ gerufen hat. Und dann dachte ich: zum Glück ist Per rausgegangen, sonst hätte es vielleicht die Hunde erwischt, keine Ahnung.
Als die Bärin weg war, bin ich sofort auf den Schlitten und ab durch die Mitte. Irgendwann kamen wir zu einer Siedlung, na ja, was heißt irgendwann! Das hat drei Tage und drei Nächte gedauert, ich war völlig fertig, bis wir ankamen. Ok, ich muss zugeben, tatsächlich waren es die Hunde, die ankamen, ich war ein paar Kilometer vorher vom Schlitten gefallen.
Nanuq hat mich gefunden und in seinem Iglu aufgepäppelt. Er war Künstler, hat Tupilak geschnitzt, tolle Sachen aus Walross-Elfenbein. Er war bekannt in der ganzen Gegend, und das können in Ost-Grönland schon mal ein paar tausend Quadratkilometer sein. Die Schamanen sind zu ihm gekommen und haben sich ihre Tupilak schnitzen lassen, wegen der Geister. Ich hab’s bei ihm gelernt, ein bisschen jedenfalls, also wenn ihr mal Walross-Elfenbein zu viel habt …«
»Wir beschwören unsere Geister mit Rum«, bemerkte Wilhelmina sarkastisch, »die guten wie die bösen, nicht war Freddy?« Ich bekam zum ersten Mal mit, dass sie ihren Mann mit so etwas wie einem Kosenamen anredete.
»Nanuq war sehr nett, nicht nur, dass er mir das Leben gerettet hat. Er hat auch fürs Essen gesorgt, war ein prima Jäger, und er hat seine Frauen Ataqatigiit und Miilaaraq angestiftet, in meinen Schlafsack zu schlüpfen, wenn ihr versteht, was ich meine, da sind die Eskimos ganz entspannt.«
»Jeetje«, entfuhr es Wilhelmina.
»Im Winter ist es halt lange dunkel«, gab ich zu bedenken.
»Schmieren die sich nicht Pisse ins Haar, damit es glänzt, und reiben sich mit Walrosstran ein gegen die Kälte?«, fragte der Baron.
»Ja, nun …« war alles, was ich dazu zu sagen hatte.
»Wie lange warst du bei diesem Schnitzweltmeister und seinen Damen?«
»Bis zum nächsten Frühjahr, also so etwa Mai. Da haben sie die Überreste der Gerätschaften gefunden, das Zelt und was von Per übrig war. Dann haben sich mich eingesammelt. Ich musste in Kopenhagen alles zu Protokoll geben, es gab einen, der wollte mir unbedingt nachweisen, dass ich Per aufgefressen habe, und als sich das als zu blöd herausgestellt hat, wollte er Schadenersatz für die Instrumente, die sie nicht mehr gefunden haben, und mein Gehalt wollten sie auch nicht zahlen. Da bin ich abgehauen, aufs nächste Schiff und hoch nach Oslo. Da gibt’s eine Tante, die hat mich aufgenommen.«
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