Kitabı oku: «Eine schräge Geschichte, die böse endet», sayfa 4
»Ist alles vergessen«, rief sie aufgebracht und in einem fast fröhlichen Singsang und schüttelte ihren Kopf mit geschlossenen Augen, »alles vergessen, alles vergessen. Jetzt gehöre ich nur dir, verstehst du, ich bin deine Dorothy, dein sauberes Mädchen. Alles vergessen.« Sie schaute uns an und nickte heftig. »Alles vergessen!« Das duldete keinen Widerspruch.
Wir fuhren ein Stück weiter, da gibt es hinter Holiday City ein kleines Wäldchen, dort haben wir übernachtet, die zwei Frauen vorne und Hunk und ich hinten auf der Ladefläche. Ich hatte noch Segeltuch, in das haben wir uns eingewickelt, ging schon, ich habe sogar geträumt, aber darüber will ich jetzt nicht reden.
New York! New York!
»Weißt du denn, wo dein Onkel wohnt, ich meine, der andere?«, fragte ich nach hinten, als wir am nächsten Morgen weiter ostwärts fuhren. Hunk saß neben mir und klaubte Kletten aus seiner Hose, die beiden Damen wie üblich hinten.
»So ein bisschen«, antwortete Dorothy unbestimmt.
»Und?«, bohrte ich weiter.
»Das muss Yellow Brick Road heißen, oder die Straße ist mit gelben Ziegelsteinen gepflastert, weiß nicht, eins von beiden. Tante Emily hat von ihm erzählt, er ist ihr Stiefbruder, aber Stiefbruder ist nichts Schlimmes, das ist ganz normal, viele Leute haben Stief«, beeilte sie sich anzufügen.
»Und wie heißt er?«
»Onkel Ozzy. Er ist Zauberer, also natürlich kein richtiger Zauberer wie im Märchen.« Dorothy kicherte ihr Kleinmädchen-Kichern, das mit den Zöpfen. »Er tritt auf«, sagte sie, und es klang gerade so, als hätte sie nicht den blassesten Dunst, was das heißen könnte: auftreten.
»Du kannst ja vielleicht seine Assistentin werden«, schlug Taleesha vor. »Viele Zauberer haben Assistentinnen, und die meisten sind noch nicht mal so hübsch wie du!«
»Was macht denn ’ne Sistentin?«, fragte Dorothy und kaute auf der Unterlippe.
»Eine As-sistentin, also, die hilft dem anderen, also dem Chef oder wem sie halt assistiert.«
»Ich glaube, Onkel Ozzy braucht keine As-sistentin, der braucht niemanden, der ihm beim Zaubern hilft«, beeilte sich Dorothy um Klarstellung.
Irgendwo war ich falsch abgebogen und fand mich irgendwann, weil ich abkürzen wollte, auf Nebenstraßen von Nebenstraßen wieder. Nach den endlosen, menschenleeren Weiten in Gelb-Braun-Grün war die Fahrt durch die Appalachen die reinste Achterbahnfahrt, na ja, vielleicht auch eine Geisterbahnfahrt, wenn ich an die Typen in den Diners, Tankstellen und Cafés denke. In der letzten Nacht vor New York haben wir dann in einem Motel übernachtet, damit wir wenigstens sauber geduscht in der Stadt ankamen. Ich war ja der einzige, der in den vergangenen Tagen Wasserberührung gehabt hatte, und das nur wegen dieser Folge-dem-Rabbi-Geschichte.
Das Motel in der Nähe von Hemlock Glen nannte sich Grandview Comfort Inn Suites, Grandview weil die riesigen alten Eiben, die ihre Zweige bis in die Fenster streckten und für 24/7 Dämmerung sorgten, den Ausblick auf das Zementwerk im Tal gnädig verbargen, Comfort, weil jedes Zimmer über einen Kunstledersessel unbestimmter Farbe verfügte, Inn, weil in der Anmeldung ein mannshoher Automat Käsesandwichs, Snickers und Root Beer bereithielt, und Suites, weil jedes Zimmer eine Verbindungstür zu den beiden Nachbarzimmern besaß, so dass man, wenn man bereit war, alle Zimmer zu buchen, eine Wohnfläche zur Verfügung hatte, die nahe an die der Präsidentensuite im Waldorf Astoria heranreichte.
Die alte Dame an der Anmeldung war nett, sie nahm wirklich Anteil am Leben ihrer Gäste, fragte nach dem Woher und Wohin, den verwandtschaftlichen Banden, die uns aneinander schmiedeten, womit wir unseren Lebensunterhalt verdienten und welcher Konfession wir anhingen. Und zu jeder unserer Antworten wusste sie ein Erlebnis, eine Beurteilung oder eine Lebensweisheit beizutragen. Dabei verband sie überraschend tiefgründige Allgemeinbildung mit hanebüchenen Aussagen. »Ah, Dänemark«, sagte sie, »da habt ihr doch diesen Hamlet: Sein oder Nichtsein …« Ich war einigermaßen erstaunt, bis sie mich fragte: »Und, hat er sich schon entschieden?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, stellte sie Hunk in Sachen Mähdrescher auf die Probe: »Gleaner, John Deere oder Case IH? Na ja, so was wie Hangausgleich braucht ihr in Kansas ja nicht, da ist ja alles so flach wie das Fräuleinchen hier«, und sie kniff Dorothy in die Wange, nur um im selben Atemzug Taleesha um ihre Stimme zu beneiden: »Schwarze Baptistenfrauen haben die schönsten Stimmen«, stellte sie fest. Doch dann sang sie selbst mit ihrer dünnen, klirrenden Altweiber-Stimme: »Ring the bells of heaven, there is joy today.«
Mit der Zimmerverteilung hatte sie ihre liebe Not: Sie konnte ja wohl kaum zulassen, dass wir Männer mit je einer der Frauen ein Zimmer teilten (in welcher Kombination auch immer), noch konnte sie es über sich bringen, dass Taleesha und Dorothy die Nacht gemeinsam verbrachten, weil das bedeutete, dass wir Männer unter einer Bettdecke stecken würden. Das war wohl ihr Schicksal: Immer musste sie zwischen zwei gleich schlechten Alternativen entscheiden, das machte sie völlig fertig. Überließ sie ihrer Stieftochter sonntags die Anmeldung, konnte sie sicher sein, dass einige Zehn-Dollarscheine in die falsche Tasche wanderten; sie hatte sogar den Verdacht, dass noch der eine oder andere Zehner dazukam, wenn sie alleinreisenden Männern das Zimmer und seine Annehmlichkeiten zeigte. Kümmerte sie sich selbst um die Gäste, konnte sie aber ihren Enkel nicht sehen. Oder: Ließ sie die Leuchtreklame an der Straße nachts ihre Botschaft verkünden
The shades of the yew
guard your sleep in Grandview
kostete sie das genau soviel Stromgeld, wie sie verdiente, wenn die Lichter noch ein, zwei Gäste anzogen. So war das immer, und so wie ich sie einschätzte, wusste sie sogar, dass man das Dilemma nennt.
»Wissen Sie was, Rosemary«, sagte ich, um der Rumdruckserei ein Ende zu machen, »wir nehmen nur ein Zimmer und passen alle schön aufeinander auf«. Das hatte sie jetzt davon, und für uns war ein Kingsize-Bett allemal ausreichend. Hunk und Dorothy waren zusammen so breit wie jeder einzelne von uns beiden anderen, und so wickelten wir uns nach dem Duschen in unsere Badetücher, legten die Mädels in die Mitte und wir Männer sicherten das Lager rechts und links.
Als ich morgens aufwachte, lagen alle noch so da, wie sie sich abends gebettet hatten, außer Dorothy. Sie war nach unten vom Bett gerutscht und hatte gerade ihr Badetuch fallen lassen, als ich die Augen öffnete. Sie war bemüht, kein Geräusch zu machen, und ich beschloss, es ihr gleichzutun, um den Anblick niemals zu vergessen, dieses Zwielicht aus Herbstnebel, Sonnenaufgang und Eibendickicht, das einen Streifen Glanz auf ihren jugendlichen Körper und auf ihr reizendes Gesicht zauberte, auf ihre, ja, verdammt noch mal, wenn es doch so war: rosigen Wangen, ihre wunderschön geschwungenen Lippen, ihre glatte hohe Stirn, hinter der sie ganz kindlich vertieft war in das, was sie tat. Sie schaute an sich hinunter, wiegte sich dabei in der Hüfte, und sah plötzlich zum Bett herüber, da trafen sich unsere Blicke. Sie hielt einen Moment inne, für den Bruchteil einer Sekunde aus ihren Gedanken gerissen und erschrocken, dann drehte sie sich mir zu, breitete die Arme aus, lächelte fast unmerklich und verschwand im Bad.
Als wir uns New York näherten, so etwa nach den letzten Hügeln vor Roxbury, wurde der Verkehr dichter und die Bebauung ebenfalls. »He, Leute«, sagte ich, »wir machen’s so: Ich habe keine Lust mit der Karre durch New York zu kreuzen, außerdem brauche ich das Geld, das ich noch dafür kriegen kann, so lange die Kiste überhaupt noch einen Stoffwechsel hat. Ich verkaufe den Wagen, bevor wir in die Stadt reinfahren, und wir nehmen dann den Bus.« Alle fügten sich in ihr Schicksal, und ich glaube, sie waren viel zu sehr mit ihrer ferneren Zukunft beschäftigt, als dass sie über solche naheliegenden praktischen Dinge nachdenken wollten.
Für den Wagen bekam ich in Hackensack dreihundert Dollar. Vom Ortsschild an (Hackensack, pop. 32,127 – A City In Motion) konnte ich mich vier Blocks lang vor Lachen nicht halten: Hackensack, wie bescheuert klang das denn! Da wusste ich noch nicht, dass der Autohändler, der die Karre mit verkniffener Mine begutachtete und jedes Stäubchen auf dem Blech in Abzug brachte, Walter John Sackenhack hieß. Trusted Cars and a Trusted Name: Sackenhack in Hackensack.
Von Hackensack ist es nur noch ein Katzensprung über den Hudson hinein ins pralle Menschenleben New Yorks. Wir stiegen am Grand Central aus, und ich folgte den anderen wie ein herrenloser Hund, als sie wie besoffen durch die Straßen torkelten, immer mit dem Kopf im Nacken und Aahs und Oohs und Guck-mal-das und He!-Habt-ihr-gesehen? Irgendwann war ich’s leid. »Leute, macht ihr allein weiter, wir treffen uns in zwei Stunden genau hier, könnt ihr euch das merken? Broadway« – ich zeigte die Straße hinauf – »Canal Street« – ich bewegte die Arme von rechts nach links. »Genau hier! Habt ihr verstanden?« Alle nickten.
Und was soll ich sagen? Sie waren pünktlich alle wieder am vereinbarten Treffpunkt. »Prima!«, lobte ich, »erste Aufgabe bestanden«. Gemeinsam schlenderten wir nach Süden, bogen irgendwo Richtung Hudson ab und suchten uns ein Diner, denn es war schon später Nachmittag. Inmitten all der Radiogeschäfte und -reparaturläden auf der Cortlandt Street fanden wir einen Deli, der Kosher Knish, Lachsbagel, Corned Beef-Pastrami-Sandwich mit sauren Gürkchen und solche Sachen anbot. »Was ist denn Knockwurst?«, fragte Dorothy, »und Kreplach Soup?«, fragte Hunk. »Ich weiß nicht«, sagte ich, »bestellt’s, dann seht ihr’s, oder esst, was ihr kennt.«
Für den Abend hatte jeder einen anderen Plan: Dorothy wollte unbedingt ins Kino, Hunk auf das Empire State Building und Taleesha hatte einen Jazz Club gefunden, wo sie SCHON DIREKT HEUTE ABEND vorsingen sollte. Ich hatte mittlerweile herausgefunden, dass es tatsächlich eine Yellow Brick Road gab.
»Taleesha muss wissen, was sie tut, aber ihr zwei solltet euch in die Bahn setzen und nach Northport gondeln, das ist auf Long Island und da ist nämlich diese Straße, in der Onkel Ozzy wohnen soll. Je früher, umso besser«, und ich dachte: das gilt für Erfolg wie für Enttäuschung.
»Und du?«, fragten alle wie aus einem Mund.
»Ich werde sehen, dass ich noch heute ein Schiff finde, dass einen Seemann wie mich braucht, um nach Europa zurückzuschippern.«
Waren wir Freunde? Keine Ahnung, wir hatten wahrscheinlich nicht ausreichend Gelegenheit gehabt, das auszuprobieren, obgleich wir uns ja nah genug gekommen waren (der eine mehr, der andere weniger). Taleesha, der Opa und ich, das war die eine Geschichte, Dorothy, vom Winde verweht, und ihr seltsamer Lover, das war eine andere. Und alle hatten wir den Anfang eines langen Fadens in der Hand. Irgendwo dort, ein paar Handbreit oder ein paar Armlängen weiter mochten sich die Fäden verwirren oder es wartete jemand mit einer scharfen Schere. Vielleicht war es aber auch dem einen oder anderen vergönnt, Hand über Hand die Spule abzuwickeln, bis der Faden auf natürliche Weise aufgebraucht war.
Ob wir uns noch mal wiedersehen, fragte ausgerechnet Hunk, dem ich so viel Empfindsamkeit und Weitblick gar nicht zugetraut hätte. Niemand antwortete darauf sofort. Nach einer Weile sagte ich: »Ok, so machen wir’s! Hier, genau hier, und zwar am selben Tag in … wie vielen Jahren?«
»Fünf«, rief Dorothy in die Runde, aber Taleesha gab zu bedenken, dass wir das wohl nicht schaffen würden, »ich meine, Laurens muss ja extra übers Meer kommen, und in fünf Jahren ist ja wahrscheinlich auch noch nicht so viel passiert.«
Mein Blick fiel auf die Menükarte vor uns auf dem Tisch. 40 Jahre Jaffah Kosher Deli stand oben drauf. »Was haltet ihr von vierzig Jahren? Mit Kindern, Gehhilfe und falschen Zähnen!« Alle lachten. »Ja, so machen wir’s, aber dann schon zum Frühstück, damit wir genügend Zeit haben«, – »ja, ja zum Frühstück, so halb neun, neun, am 11. September 2001«, (»du meine Güte: geht das denn überhaupt, ich meine das mit den Zweitausend?«, gab Dorothy zu bedenken), »genau hier in der Cortlandt Street 17. Das wird bestimmt ein Mordsspaß!«.
Liebe Mama!
Mutter hatte schon lange nichts mehr von mir gehört, und deswegen dachte ich, es wäre ganz gut, wenn ich ihr jetzt mal einen Brief schriebe, bevor ich wieder aufs Schiff gehe. Seit Vater im Rosenborg war, ging es ihr zwar besser, aber sie war doch ziemlich allein, na ja, das Ganze hat sie einige Freundschaften im Ort gekostet.
Ich hatte mir Schreibpapier besorgt und mich in den Batterypark gesetzt, geradewegs mit Blick auf die Freiheitsstatue, und ich begann zu schreiben.
›Liebe Mama, ich bin jetzt wieder in New York und denke, dass ich bald eine Passage über den Teich bekomme, dann komme ich erst mal nach Hause. Seit ich ohne Opa unterwegs bin, ist viel passiert, aber das erzähle ich dir, wenn wir uns wiedersehen, und das wird ja schon bald sein. Ich hatte nette Reisegesellschaft, so ist es mir auf der Fahrt hierher nicht langweilig geworden.‹
Ich hielt inne. So weit, so gut. Ich wollte bewusst nichts von den Mädchen schreiben, sonst würde sie sich alles Mögliche ausdenken.
Weiter geht’s.
›Ich soll dich auch schön von Großtante Margret, Tante Mabel, Onkel Jasper und von Kiley und Kirk und Pete und allen, die du nicht kennst, grüßen. Ich habe sie zweimal besucht, einmal auf dem Hinweg in den Süden und einmal auf dem Rückweg. Es geht ihnen allen gut.‹ Schon seltsam: Da kennt man die Verwandtschaft jahrelang nur aus Briefen und kleinen Schwarz-Weiß-Fotos, und dann liegt man sich eines Tages in den Armen, als sei ein Sonntagnachmittagbesuch in Iowa das Selbstverständlichste auf der Welt.
›Wie geht es eigentlich Vater? Hat er sich eingelebt im Rosenborg? Sind die Schwestern nett?‹
Ja, Vater, das war so eine Geschichte für sich. Eines Sonntagmorgens vor etwa anderthalb Jahren haben wir uns für den Kirchgang zurecht gemacht, ich hatte eine Tasse Kaffee im Stehen, half Mutter, die Knöpfe ihres Kleides auf dem Rücken zuzumachen, zog schon meine Schuhe an, da hörte ich aus dem Elternschlafzimmer, wie sie mit Vater laut wurde.
»Du musst jetzt endlich mal aufstehen, Vilmer, wir sind schon fast fertig und du liegst noch im Bett«, fuhr Mutter ihn an.
»Lass mich!«, antwortete Vater, deutlich leiser und ein wenig matt.
»Ich kann dich aber nicht lassen, ich muss dir jetzt die Decke wegziehen«, und dann hörte ich einen Aufschrei meines Vaters.
»Gib mir die Decke zurück, was soll das denn, du gemeine Frau. Lass mir meine Ruhe!«
Nach einem Moment der Stille, in der von oben nur das Gruscheln des Bettzeugs und das Gaksen des Bettgestells zu hören war, hatte sich Mutters Stimme verändert: Sie war nicht mehr ärgerlich, sondern eher verstört und fast verzweifelt. »Vilmer Iversen, würdest du mir bitte mal erklären, was das hier soll?« Es klang so unheimlich, dass ich die Treppe hinaufstieg, um nach dem Rechten zu sehen.
»Es soll, was es ist, was es bleibt, was es wird, was es sein kann, sein muss«, hörte ich Vater streng sagen. In dem Augenblick, da ich das Zimmer betrat, warf er sich herum und setzte sich auf, schaute meine Mutter böse an und fragte: »Kann mir mal einer sagen, warum ich heute, wo ich gern ein wenig länger schlafen möchte, un-be-dingt in die blöde Kirche gehen muss?«
Und Mutter und ich sagten wie aus einem Mund: »Weil du der Pfarrer bist!«
Vater lachte nur, als er das hörte. »Ihr seid ja völlig verrückt.« Er warf sich in die Kissen, aus denen es dunkel hervormurmelte: »Ich, der Pfarrer, ihr müsst ja wirklich beide völlig verrückt sein.«
Es kam dann die Zeit, in der er ab und an den Schlüssel aus der Garderobenschublade nahm und in die Kirche ging, die Kanzel bestieg und predigte. Das konnte gern an einem Dienstagvormittag sein oder einem Samstagabend, und wer draußen vorbeiging oder hinter der Kirche die Blumen auf einem Grab goss, der hörte ihn reden mit seinem schönen, klangvollen, modulierenden Bariton. Manchmal sprach er über Psalm 14 und die Torheit der Gottlosen, manchmal über die Geldwechsler im Tempel und die neue Abwasserumlage der Gemeinde, und manchmal auch über das letzte Spiel von Esbjerg gegen Odense. Wenn er alles gesagt hatte, was er glaubte sagen zu müssen, stieg er von der Kanzel herunter, ging durch die Sakristei nach draußen und schloss sorgfältig ab.
Eines Tages kam der Bischof von Aarhus herübergefahren und schloss sich mit Vater in der Studierstube ein. Nach nur zwanzig Minuten saß er wieder in seinem Mercedes und ließ sich zurückfahren. Vater kam verwirrt zu uns in die Küche. »Er will mir eine Wohnung bei seinem Vater anbieten, versteht ihr das?« Wir sahen ihn zweifelnd an. »Doch, er hat gesagt, dass es in seines Vaters Haus viele Wohnungen gibt. Aber in den Weinberg will er mich nicht mehr schicken, da sollen jetzt andere ran, dabei hat doch das Bistum seit dem Mittelalter schon keine Weinberge mehr.« Er schüttelte den Kopf und ging nach draußen, um den Gartenzaun zu gießen.
Das war auch die Zeit, in der er sich am Büffet der Landfrauen eine Gabel nahm und den Heringssalat direkt aus der Schüssel aß. Mutter konnte ihm gerade noch das Essbesteck entwenden, bevor er es in den Schokoladenpudding tauchte. Zuweilen ging er auch zu Olsens oder Bjarnesens oder Dahls, trat dort durch die Haustüren ein, die wie üblich bei uns im Ort ja selten verschlossen waren, setzte sich an den Wohnzimmertisch und fragte, wo das Essen bleibe. Oder er ging zu den Norups, da war es schon spät abends und alle lagen im Bett, und als sie am nächsten Morgen herunterkamen, da saß Vater im Sessel und war vor dem Fernseher eingeschlafen.
Dass er eines Nachts, etwa um zwei oder halb drei, die Kirchenglocken läutete und erklärte, die Wikinger kämen von Dyngby her über den Storskov, war noch nicht das entscheidende Ereignis, das meine Mutter endgültig darin bestärkte, Vater wegzugeben, doch es wird immer so dargestellt. In Wirklichkeit brachte jedoch das, was drei Nächte später folgte, das Fass zum Überlaufen. Vater nämlich schlich sich wieder einmal unbemerkt nach draußen, nur mit dem leichten Sommerschlafanzug und den Hausschuhen bekleidet, und er ging geradewegs zum Haus von Derke Reenberg, jener Derke, die sich im Frauenkreis immer so hervortat mit ihrem Blumenschmuck für die Kirche und, Herr Pfarrer vorn, Herr Pfarrer hinten, immer um Vater herumschwänzelte. Sie war die Hebamme des Ortes, hatte aber selbst weder Mann noch Kind und erlaubte sich seit einiger Zeit, Vater mit seinem Vornamen anzusprechen. Sie war so adrett und ansehnlich, wie eine dänische Landfrau jenseits der Jugend sein kann, ihr Gesicht strahlte etwas Angenehmes aus, eine Zugewandtheit, wie man sie hier oben nicht überall findet, ansonsten waren ihre Brüste klein und ihr Hintern erheblich.
Vater also, so wurde der Tatverlauf später rekonstruiert (von Mutter, nebenbei), ging zu Derke, betrat unbehelligt das Haus, stieß in der Küche zunächst gegen die Milchschüssel der beiden Katzen, drehte dann um, sich des Grundrisses erinnernd, und fand ohne Weiteres das Schlafzimmer. Derke hat sich wohl nicht gewehrt, es war vielmehr die Nacht, die ihr schon vor langer Zeit verheißen worden war. Und so entjungferte mein Vater, Pfarrer außer Dienst Vilmer Iversen, die Hebamme Derke Reenberg in ihrem achtunddreißigsten Jahr. Und soll ich was sagen: Ich habe es beiden gegönnt. Nur dass Derke den Bub, den sie neun Monate später allein entband (da muss so etwas wie Berufsstolz dabei gewesen sein) Laurens nannte, das hat mich getroffen.
›Hat er im Rosenborg alles, was er braucht‹, schrieb ich weiter, ›zumindest, was man ihm ohne Verletzung von Anstand und ohne großes Aufsehen zugestehen kann?‹
Mein Blick fiel auf die ersten Worte des Briefes und ich stellte fest, dass Mutter noch nichts davon wusste, dass ihr Vater tot war. ›Liebe Mama, jetzt muss ich dir von Opa erzählen. Das mit dem Fallschirmsprung war ja sein größter Wunsch, es ging ja auch anfangs alles gut, eigentlich fast bis zum Schluss. Ich habe ihm ein schönes Grab bereitet dort unten, und ein paar Indianer waren auch dabei, ich glaube, das hätte ihm gefallen.‹
So, jetzt war’s raus, ich atmete erleichtert auf, aber eigentlich war ja noch gar nichts passiert, denn der Brief lag noch auf meinen Knien.
›Liebe Mutter‹, fuhr ich also fort, ›ich freue mich darauf, bald wieder zuhause zu sein. Ich habe mir gerade eine Passage besorgt auf einem kleinen Frachtschiff. Die Piet Heyn fährt nach Rotterdam, wenn alles gut geht, bin ich spätestens in zwei Wochen bei dir. Die Überfahrt kostet mich nichts, dafür muss ich aber auch zupacken, alles was es so auf und unter Deck für einen wie mich zu tun gibt.‹
Dann fiel mir nichts mehr ein. Ich schrieb ein paar ungelenke letzte Worte und grüßte ganz lieb, herzlich und mit Küssen. Dann steckte ich den Brief in meinen Rucksack, bis ich einen Postkasten finden würde.
