Kitabı oku: «Lords of the Left-Hand Path», sayfa 5
Vamacharins sind auch noch gegenwärtig dafür bekannt, dass Praktiken pflegen, die von eher orthodoxen Dakshinacharins als schändlich angesehen werden. Von den Aghora-Sekten beispielsweise sind Akte der Nekrophilie und des Kannibalismus bekannt. Diese und andere Praktiken werden nicht um eines perversen Vergnügens willen begangen, sondern sie hängen eher mit tiefverwurzelten kulturellen und religiösen Tabus zusammen. Indem diese gebrochen und die Grenzen von Gut und Böse überschritten werden, erklimmt der Aghori neue Stufen der Kraft und der „Befreiung“ (von seinen menschlichen Beschränkungen).
Der Begriff „Aghora“ bezeichnet im literarischen Sinne den „Furchtlosen“, und diese Eigenschaft wird mit dem südlichen Antlitz des fünfgesichtigen Shiva gleichgesetzt. Dieses Gesicht ist von schwarzblauer Farbe und verkörpert das Prinzip des Intellekts (Buddhi Tattva) oder des ewigen Gesetzes (Dharma).57
Weiter verbreitet als diese extremen Ausprägungen sind freilich die gemäßigteren Praktiken der sexuellen Mystik. Viele von diesen sind dazu gedacht, sexuelle und andere gesellschaftliche Tabus oder auch solche der Ernährungsgewohnheiten zu überwinden. Das Wort „Tantra“ wird im Westen seit den ersten populären Behandlungen dieser Thematik in den sechziger und siebziger Jahren synonym mit „Sexualmagie“ verwendet. Zur tantrischen Tradition gehört weitaus mehr als Sexualmystik, aber vor allem die linkshändigen Tantriker üben tatsächlich sexuelle Rituale als Bestandteil ihrer Praktiken aus.58
Die wichtigste Form der Sexualmystik ist in einem Ritus enthalten, den man Panchamakara (fünf Ms) nennt. Er wird im Kalivilasa-Tantra (X-XI) beschrieben, aber dort wird die Warnung ausgesprochen, dass er nur mit initiierten Frauen praktiziert werden darf. Die „fünf Ms“ beziehen sich auf die fünf Elemente, aus denen dieses Ritual besteht und deren Sanskritnamen alle mit dem Buchstaben „M“ beginnen: Matsya (Fisch), Mamsa (Fleisch), Madya (berauschender Trank), Mudra (Getreide) und Maithuna (Geschlechtsverkehr).
Auf dem rechtshändigen Weg wird gewöhnlich auf einen Ersatz zurückgegriffen: auf Räucherwerk, Essen, Sandelholz, eine Lampe und Blumen. In jedem Fall aber besteht eine reguläre Korrespondenz zu den fünf klassischen hinduistischen Elementen oder Tattvas: Äther, Wasser, Erde, Feuer und Luft.
Bei einer typischen Übung des Panchamakara des linkshändigen Pfades werden die beiden Feiernden der vier essbaren Aspekte teilhaftig, bevor sie zu einer sexuellen Yoga-Praxis übergehen. Diese Elemente wurden als Aphrodisiaka beschrieben, und sie werden gewöhnlich als tabuisierte Substanzen angesehen (die aus orthodox-hinduistischer Perspektive generell als profan gelten), jedoch sakralisiert durch geistige Disziplin und tantrische Praktiken. Mit anderen Worten: Die in das Panchamakara einbezogenen Substanzen und Handlungen hält man gemeinhin für Mittel zur Fesselung und deshalb für alles andere als zur Befreiung geeignet, aber wer den linkshändigen Pfad beschreitet, verwendet diese Stoffe und Erfahrungen, um die Kundalini-Energie zu wecken, und wird nicht selbst von ihnen beherrscht.
Eine weitere bedeutsame Spielart der Sexualmagie ist ein als Chakra Puja („Feier im Kreis“) bekannter Ritus. Eine ganze Gruppe von Tantrikern nimmt dabei an einem sexuellen Ritual teil, bei dem sich Männer und Frauen durch Zufall paaren. Eine Weise, wie dies vonstatten geht, besteht darin, dass die Frauen ihre Gewänder in einen Korb (Choli) werfen, aus dem dann jeder der Männer ein Kleidungsstück herausnimmt. Die Frau, der das Kleid gehört, wird in der nächsten Nacht die rituelle Partnerin des jeweiligen Mannes werden – sei sie seine Ehefrau, Schwester, Mutter oder was immer. Die Teilnehmer sitzen alle im Kreis, wobei Männer und Frauen einander immer abwechseln und der Mann seine Partnerin stets zu seiner Linken hat. Möglicherweise liegt hierin der Ursprung des Begriffs „linkshändiger Pfad“; auf jeden Fall zeigt sich hier der Zusammenhang zwischen Frau und linker Seite. In der Mitte des Kreises befindet sich ein – meist sehr junges – Mädchen, das von dem Priester, der die Zeremonie leitet, Huldigungen erfährt. Das Ritual dauert mehrere Stunden und endet in einer gemeinsamen Panchamakara.59
Dieses und andere ähnliche tantrische Rituale dürfen nicht so einfach und oberflächlich interpretiert werden, wie es zunächst naheliegen könnte. Offenkundig liegt ein wichtiges Element ihres Funktionierens in der Idee des Antinomismus: in der Heiligung des Profanen. Aber der Aspekt erotischen Vergnügens, der deutlich aus fortgeschrittenen Praktiken spricht, scheint darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um ein durchgängiges Merkmal handelt. Das ursprüngliche Motiv einer magischen oder psychologischen Verwandlung mag in der Überwindung von Hemmungen und dem Bruch konventioneller Tabus gelegen haben, aber wenn dieses Stadium einmal überwunden ist, werden die Handlungen in einem neuen und resakralisierten Sinne fortgesetzt. Der Bruch verhältnismäßig leicht überwindbarer sexueller Tabus und Essverbote könnte auf die Praktiken weitaus extremerer Sekten verweisen, die erheblich stärkere Tabus zu brechen suchen. Einige dieser Sekten interpretieren die fünf M’s so, dass eigentlich Meha (Urin), Mamsa (Menschenfleisch), Mala (Ausscheidungen), Medha (Saft, d. h. Blut) und Mehana (Penis, d. h. hier Samen) gemeint seien. Es gibt andere, die – gleichsam als entgegengesetztes Extrem, der beiden Pole oder Schulen innerhalb des linkshändigen Pfades entsprechend – die „fünf Grundlagen“ (Panchatattvas) nicht als fleischliche Realitäten, sondern als spirituelle Symbole auffassen. Stets aber scheint das verbindende Moment die Idee einer nietzscheanischen „Umwertung aller Werte“ zu sein. Grenzen werden überschritten, soziales und psychologisches Chaos wird erzeugt, aus dem eine neue und erneuerte, verwandelte und wiederbelebte Ordnung, dem Willen des Tantrikers gemäß, erwachsen soll.
Allgemein heißt es, der Tantriker des linkshändigen Pfades sei in der Lage, Gifte – vielleicht symbolisch für Substanzen gesehen, die sich hemmend auf die Befreiung auswirken – zu sich zu nehmen und damit durchweg heilsame Ergebnisse zu erzielen. Dieses wurde dadurch möglich, dass der Tantriker zu [einem] Shiva geworden ist, das heißt, dass er sein wirkliches Selbst oder seine Seele verwirklicht hat und nun Shivas Kraft besitzt, alles, was er zu sich nimmt, in amrita umzuwandeln (den heiligen Nektar der Unsterblichkeit oder des Nicht-Todes).60 Das magische Prinzip, jedwede Substanz oder Erfahrung so zu transformieren oder zu „reinigen“, dass sie den Zwecken und dem reinen Willen des Magiers dient, ist typisch für alle Ebenen des linkshändigen Pfades.
Eine andere wichtige Vamachara-Technik, welche die Umkehrung von Normen oder natürlichen Neigungen beinhaltet, ist die Kontrolle des Samenflusses. Oberflächlich betrachtet, scheint diese nur eine von vielen magisch-technischen Übungen und damit für diese Untersuchung von untergeordneter Bedeutung zu sein. Doch das dahinter liegende Grundprinzip – wenn nicht gar die philosophische Perfektion oder wahrhaft gegenständliche Wirksamkeit – ist eine wichtige Aussage des linkshändigen Pfades.
Unter Tantrikern wird angenommen, dass sich im Sperma das Wesen von Shiva befindet,61 und dass sie unsterblich sind, so lange sie es einbehalten oder reabsorbieren können. In der esoterisch-tantrischen Philosophie ist es so konzipiert, dass die Samenflüssigkeit oder deren spirituelle Komponente (Skt. Bindu) ihren Ursprung im Kronenchakra Sahasrara hat und normaler- und natürlicherweise durch eine feine Arterie (Nadi) hinuntergeleitet und ausgestoßen wird, und schließlich verloren geht. Dieses wird als ein Verlust von Kraft, Selbstheit und Leben betrachtet.62
Daher wird es dem tantrischen Adepten zur Aufgabe, den natürlichen Prozess gewissermaßen umzukehren mit dem Ziel, diese spirituelle Substanz zu erhalten und zu reabsorbieren. So wird der Tantriker die Ejakulation aufhalten, um das Bindu in die entgegengesetzte Richtung nach oben zur Krone des Kopfes zu leiten, wo es die Selbstheit nährt und zur Unsterblichkeit befähigt. Alternativ kann der gleiche Effekt erzielt werden, wenn die Samenflüssigkeit in die Yoni (Vulva) ejakuliert und dann wieder durch den Penis in die feine Nadi hochgezogen wird bis zum Kronenchakra. Ebenso ist es möglich, das „gefallene“ Bindu oral aufzunehmen.63 Ähnliche Vorstellungen hatten möglicherweise bestimmte gnostische Sekten (siehe Kap. 4), bei denen oft die Rede war von „der Kraft, den Fluss des Jordan umzukehren“.64
Die Bedeutung wirklicher Verehrung der Shakti in Gestalt des weiblichen Geschlechts und der physischen Vulva im hinduistischen Tantrismus könnte erklären, warum Praktiken, die den Ausstoß von Samenflüssigkeit und deren Mischung mit weiblichen Ausströmungen beinhalten, bevor es zu Resorption kommt, hier gängiger sind als im buddhistischen Tantrismus.65
Was an dieser Stelle wichtig ist, ist die Methode des linkshändigen Pfades oder das philosophische Modell der Umkehr natürlicher Prozesse durch die Kraft des Willens und des Bewusstseins. Durch die Fähigkeit, natürliche Fließrichtungen – seien diese subjektiv (im Körper) oder objektiv (in der Welt) – umzukehren, demonstrieren oder trainieren Praktizierende des linkshändigen Pfades ihre Unabhängigkeit vom natürlichen Universum. Damit begründen sie, was in ihrer Individualität göttlich ist (Jivatman). Dies scheint die philosophische und magische Kernaussage zu sein, die dem tantrischen Samenkult zugrunde liegt.
Das Konzept von der souveränen Macht eines „Herrn“ stimmt in hohem Maße mit der Hindu-Terminologie bezüglich jener überein, die Mahapurushas oder „große Seelen“ genannt werden. Von diesen existieren vier aufsteigende Grade oder Ebenen der Kraft: Siddha („ein Unsterblicher mit besonderen Fähigkeiten“), Nath (Meister), Muni oder Mauni (Schweigsamer) und Rishi (Seher).66
Der Weg des Vamamarga scheint ein Weg zu sein, der mit den archaischsten Wurzeln des Hinduismus übereinstimmt und der folgerichtig aus bestimmten Aspekten des indoeuropäischen Denkens erwachsen ist. Die Entwicklung des individuellen Selbst (Jivatman) bis zu einer göttlichen Ebene – und die Behauptung dieser Seinsstufe für alle Ewigkeit, ohne je nach einer endgültigen Befreiung vom individuellen Selbst oder einem vollständigen Aufgehen im universellen Selbst (Paramatman oder Brahman) zu streben –, ist das klare Ziel indoeuropäischen Denkens in seiner ursprünglichen Lebendigkeit.
Der linkshändige Pfad im Buddhismus
Die Position des linkshändigen Pfades im Buddhismus ist eher philosophischparadox, aber in Tat und Praxis ähnlich verbreitet wie im Hinduismus. Das Paradoxe an der buddhistischen Variante des linkshändigen Pfades besteht darin, dass dieser auf der Voraussetzung gründet, dass es kein individuelles Selbst gibt und die Idee eines Selbst eine vom Geist erschaffene Illusion ist. Der Hindu glaubt hingegen, dass ein Selbst existiert, wie auch die Götter und Göttinnen existieren. Die Buddhisten weisen diese Behauptungen zurück, ebenso wie sie die ultimative Gültigkeit der Veden bestreiten; dies sind wohl auch die Hauptgründe dafür, dass die Buddhisten in Indien als Häretiker verfemt sind. Ursprünglich war der Buddhismus nicht so sehr eine Religion, sondern eher eine Methode oder Technik der „Erleuchtung“, um den Zustand des Nirwana zu erreichen. Im Laufe der Geschichte sind viele Elemente in die buddhistische Methodik eingegangen, als sie sich verschiedenen regionalen Kulten und gesellschaftlichen Bedingungen in ganz Asien anglich.
Der historische Siddharta Gautama, der „Buddha“ („Der Erwachte“) genannt wurde, verstarb 544 v.u. Z. Er war ein indischer (arischer) Prinz eines Stammes der Kshatriya (Kriegerkaste), der paradoxerweise einen brahmanischen Namen trug: Gautama, „Abkömmling des Weisen Gotama“. Siddharta begründete eine tief greifende Lehre, um zur Erleuchtung zu gelangen. Diese Lehre basiert auf den so genannten Vier Edlen Wahrheiten:
1. Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll (Pali Dukka).
2. Ursache des Leidens ist die Begierde (Pali Tanha).
3. Das Leiden kann durch „Auslöschung der Begierde“ beendet werden (Pali Nibbana, Skt. Nirvana).
4. Zur „Auslöschung der Begierde“ führt der Edle Achtfache Pfad (Pali ariya).
Der Edle Achtfache Pfad umfasst folgende Grundprinzipien: rechtes Verstehen, rechtes Denken, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebensunterhalt, rechtes Streben, rechte Achtsamkeit (Kontemplation), rechte Sammlung (Einsgerichtetheit des Geistes). Durch das Beschreiten des Achtfachen Pfades erlangt der Praktizierende den erwachten Zustand der Buddhaschaft.
Der Buddhismus ist auf dieser Ebene eine hoch entwickelte und komplexe Lehre, die den rechtshändigen Pfad versinnbildlicht. Ihr Ursprung ist leicht zu verstehen, wenn man die erste der Vier Edlen Wahrheiten analysiert. In einer Kausalkette ist das Leid der Ignoranz gleichgesetzt; diese verursacht Einbildung; Einbildung bewirkt Selbst-Bewusstsein, welches wiederum die Verkörperung der Existenz verursacht, durch welche die Sinne entstehen, die Wahrnehmungen hervorrufen. Wahrnehmungen bewirken Emotionen; Emotionen rufen Begierden (Tanha) hervor; diese erzeugen Anhaftung (an die begehrten Dinge); Anhaftung führt zum Werden, und Werden führt zur Wiedergeburt – dem Urphänomen, das sowohl in der hinduistischen als auch in der buddhistischen Tradition mit Leiden gleichgesetzt wird. Die Ignoranz, welche die ganze Kette in Bewegung setzte, wird mit einer Ignoranz gegenüber der Natur des Universums gleichgesetzt, die voller Leid (Dukka), Instabilität oder Werden (Anicca) sowie „Nichtvorhandensein von Selbst“ (Anatta) ist. Wären die Buddhisten diesen fundamentalen philosophischen Standpunkten treu geblieben, könnte von einem buddhistischen linkshändigen Pfad keine Rede sein.
Die am meisten „orthodoxe“ – oder einfachste – buddhistische Schule wird als Theravada („Schule der Ältesten“) bezeichnet und ist am stärksten im südlichen Buddhismus in Sri Lanka und in Südostasien vertreten. Doch um das erste und zweite Jahrhundert begannen gelehrte Mönche, eine stärker esoterische Tradition zu entwickeln, die als Mahayana („Großes Fahrzeug“) bekannt wurde. In diesem Kontext wird Theravada oft als Hinayana („Kleines Fahrzeug“) bezeichnet. Mahayana-Buddhismus herrscht vor allem im Norden vor: in Tibet, China und Japan. Der orthodoxe Standpunkt ist, dass jeder Einzelne für seine eigene Erleuchtung voll verantwortlich und dass Nirwana, das Reich der Seligkeit, vom Reich der Illusion oder Maya (der Welt der Erscheinungen) vollkommen geschieden ist.
Im Mahayana gab es eine Tendenz, die absolute Trennung zwischen Nirwana und Maya zu überbrücken. Ein Weg dorthin wurde in der Lehre vom Bodhisattva („Erleuchtungswesen“) gefunden. Ein Bodhisattva ist ein nahezu vollendetes Wesen, das durch eine Art magischer Intervention aus seinem aufgestiegenen Zustand heraus die Erleuchtung oder Weiterentwicklung weniger erleuchteter Menschen bewirken kann. (Diese Lehre, wie sie im tibetanischen Buddhismus zu finden ist, ist augenscheinlich die Hauptquelle späterer Vorstellungen von „unbekannten Oberen“, „geheimen Führern“ und Mahatmas, wie sie in einigen freimaurerischen, freimaurerähnlichen und theosophischen Schulen des Westens zu finden sind.)
Eine bestimmte, Madhyamika genannte philosophische Schule innerhalb der Mahayana-Tradition behauptete, dass es zwischen Maya und Nirwana keinen Unterschied gäbe: Beide seien gleichermaßen leer (Shunyata), oder – alternativ – die Welt der Erscheinungen (Maya) bestünde nur im Denken des Wahrnehmenden.
Diese Vorstellungen mögen den Leser an die „Sens-data“-Theorien der britischen Philosophen George Berkeley (1685 - 1753) und David Hume (1711 - 1776) erinnern, deren Anwendung des Empirismus sie zu dem Schluss geführt hat, dass wir die subjektiven Inhalte unseres Geistes (mind) nur durch Sinneseindrücke erfassen können. Die „Realität“ der Welt außerhalb unseres Geistes ist ungewiss. Bereits in der Antike durchliefen die Erkenntnistheorien des Buddhismus und des Hinduismus einschneidende Stationen subjektivierender Betrachtung, wie sie im Westen erst nach dem Niedergang der intellektuellen Hegemonie des Christentums möglich werden konnte (siehe Kap. 6).
Die markanteste Entwicklung innerhalb des Mahayana-Buddhismus ist das Aufkommen des Vajrayana („Donnerkeil oder Diamantfahrzeug“), der sich besonders in Tibet verbreitete. Philosophisch gesehen, ist Vajrayana praktisch gleichbedeutend mit tibetisch-buddhistischem Tantrismus. Wenn also Maya gleich Nirwana ist, dann kann der Genuss in der Welt der Erscheinungen durchaus in die Welt der Seligkeit führen. Maya wird benutzt, um Nirwana zu erreichen. Unter praktischen Gesichtspunkten öffnet dies den Weg zum Antinomismus. „Profane“ Dinge werden in einer gedanklichen Übung zu „reinen“ gemacht. Vajrayana ist auf philosophischer wie auf praktischer Ebene stark vom indischen (hinduistischen) Tantrismus, der indigenen tibetischen Religion (Bön) und dem zentralasiatischen Schamanismus beeinflusst. Wieder nimmt die „Hochkultur“, im antinomistischen Geiste, Techniken aus der „unteren Kultur“ in sich auf.
Im Buddhismus wie im Hinduismus endet der linkshändige Pfad nicht in der Absorption oder Annihilation der Individualität im Moksha oder Nirwana, sondern in einer Verewigung dieser Individualität auf einer beständigeren Existenzebene. In der buddhistischen Terminologie strebt der Praktizierende des linkshändigen Pfades nur danach, den Zustand des Bodhisattva zu erreichen – und darin als Gottheit zu verweilen – „engelhaft“ oder „dämonisch“. Der endgültigen Entwerdung widersetzt er sich.
Natürlich bilden solche Ziele, wenn wir die ursprünglichen buddhistischen Lehren betrachten, eine theoretische Antithese zum Fundament des Buddhismus. Doch in der Geschichte religiöser Vorstellungen sind solche Widersprüche keine Seltenheit. Wer würde zum Beispiel daran denken, dass die Lehren des Nazareners, wie sie in den Evangelien wiedergegeben werden, benutzt werden könnten, um Institutionen wie die Inquisition zu unterstützen oder um zu Kreuzzügen aufzurufen? So überrascht es auch nicht, wenn der Buddhismus aus sich selbst heraus Muster entwickeln könnte, die mit den ursprünglichen Absichten seines Begründers nicht übereinstimmen. Durch die fünfzehn Jahrhunderte nach Gautamas Tod hindurch verbreitete sich der Buddhismus von Indien aus auf überwiegend friedliche Weise bis nach Südostasien, China, Tibet, die Mongolei und Japan. Auf dem Nährboden dieser kulturellen Vielfalt ist es sicherlich kein Wunder, dass auch Lehren ihre Wurzeln im Buddhismus schlagen konnten, die zu denen des Begründers im Widerspruch stehen.
Der Tantrismus des linkshändigen Pfades scheint in der buddhistischen Welt mehrere Entwicklungszentren zu haben. Die bedeutendsten davon sind Tibet und Bengalen (das heutige Bangladesh). Aus letzterer Region wurde der Buddhismus schließlich durch die muslimischen Eroberer seit etwa 1200 u. Z. vertrieben und verbreitete sich weiter nach Java und bis nach Nepal.
Methoden des linkshändigen Pfades im Buddhismus
Einer der Hauptaspekte des linkshändigen Pfades im Buddhismus ist die positive Einstellung gegenüber der Sexualität. Der Buddhist des linkshändigen Pfades erkennt bestimmte Shakta-Vorstellungen an, nach welchen die schöpferische Energie oder „Wirkmächtigkeit“ einer Gottheit, eines Engels, Dämons oder Bodhisattvas in seinem Ehepartner oder Gefährten personifiziert ist. Im buddhistischen Tantra des linkshändigen Pfades werden die Shaktis – weibliche Aspekte überweltlicher Wesenheiten – als Geliebte verehrt. Der praktizierende buddhistische Tantriker sucht die sexuelle Vereinigung mit diesen Shaktis mit dem Ziel, sich ihrer Kraft zu bedienen und die Kraft, die er aus diesen Vereinigungen zieht, für seine weitere spirituelle Entwicklung zu nutzen. Eine weitere Haupteigenschaft des tantrischen Buddhismus des linkshändigen Pfades ist die Nutzbarmachung nicht nur von „Gottheiten“ oder „Engeln“ (d. h. Wesenheiten, die grundsätzlich als Segen bringend gelten), sondern auch von „Dämonen“ und deren Gefährten. So wird etwa der Gott Bhairava („der Schreckliche“) verehrt, und an Begräbnisstätten werden aufwändige Riten abgehalten. Auch Geschlechtsverkehr und andere Tätigkeiten, die bei der allgemeinen Bevölkerung als unmoralisch gelten, werden für die spirituelle Weiterentwicklung genutzt oder um Seligkeit zu erlangen.67
Der tantrische Buddhismus des linkshändigen Pfades geht davon aus, dass die Leidenschaften und Sehnsüchte, die der rechtshändige Pfad entweder auszulöschen oder zu sublimieren sucht, in ihrer direkten, unsublimierten Form als Mittel zur „Erweckung“ genutzt werden können.
Walter Evans-Wentz zitiert die folgenden technischen Instruktionen aus einem tibetischen buddhistischen Text, der „Inbegriff des Großen Symbols“ genannt wird (87 - 88):
87. Welche Gedanken, Konzepte oder verdunkelnde [oder störende] Leidenschaften auch immer aufkommen, sie sind weder aufzugeben, noch sollte ihnen die Kontrolle über einen erlaubt werden; es sollte ihnen erlaubt werden aufzukommen, ohne dass man versucht, sie zu lenken [oder zu formen]. Wenn man nicht mehr tut, als sie zu erkennen, sobald sie aufsteigen, und in diesem Tun anhält, werden sie in ihrer wahren [oder leeren], unbändigen Form bemerkt [oder heraufdämmern].
88. Mit dieser Methode können alle Dinge, die das spirituelle Wachstum scheinbar hemmen, als Hilfen auf dem Pfad genutzt werden. Und darum wird diese Methode „die Nutzung von Hindernissen als Hilfen auf dem Pfad“ genannt.68
Wie so viele andere Ausdrucksformen des linkshändigen Pfades in der Welt scheut der Buddhismus des linkshändigen Pfades feste Institutionen und gesellschaftlich tragfähige Normen. Er tendiert eher in die Richtung individuellen Ausdrucks und gesellschaftlich inakzeptabler Verhaltensweisen.
In der eigentlichen sexuellen Praxis wird der männliche buddhistische Tantriker des linkshändigen Pfades wahrscheinlich seine Samenflüssigkeit bei sich behalten oder sie, falls er ejakuliert hat, vollständig oral wieder zu sich nehmen. Das Behalten des Samens (Skt. Bija) ist gleichbedeutend mit dem Erhalt von Kraft und Vitalität, sowohl körperlich als auch geistig. Außerdem scheint es – obwohl der tantrische Buddhismus des linkshändigen Pfades eine grundsätzlich positive spirituelle Haltung gegenüber Sexualität und dem weiblichen Geschlecht einnehmen mag – immer noch die Angst zu geben, dass Frauen, und insbesondere dämonische weibliche Wesenheiten, Männer ihrer spirituellen Lebenskräfte berauben könnten.69
In philosophischer Hinsicht konzentriert sich der Buddhist des linkshändigen Pfades mehr auf einen subjektiven – innerpsychischen – Prozess. Die (orthodox-)buddhistische Sicht wäre, dass Polaritäten wie die Zweiteilung in männlich und weiblich (oder auch den Pfad zur rechten und zur linken Hand) illusorische Gedankenkonstrukte des Individuums seien. Es gibt Praktiken, die zum Ziel haben, diesen illusorischen Aspekt zu demonstrieren. Der Buddhist des linkshändigen Pfades wird dazu neigen, sein eigenes subjektives, in sich ganzes und abgeschlossenes System zu kreieren, während der den linkshändigen Pfad praktizierende Hindu dazu tendieren wird, die objektive Existenz der Göttin (Shakti) als wahr anzuerkennen.
Praktizierende, die meinen, dass das Reich der fünf Sinne ein reines Gedankenkonstrukt und in Wahrheit das Produkt einer Illusion (Maya) sei, stützen sich oft auf das, was Nichteingeweihten wie Täuschung und Taschenspielertricks erscheint. Wenn die Welt, wie wir sie vor uns sehen, eine Illusion ist, dann weist der Magier uns nicht mit den Methoden der Philosophie darauf hin, sondern mit dem Mittel des direkten Angriffs auf die Sinne und die Weise, wie diese den Verstand (des-)informieren. So ist das, was beim ersten flüchtigen Hinsehen wie ein Täuschungsversuch oder eine Trickserei anmutet, in Wahrheit als die direkteste Methode konzipiert, die (aus buddhistischer Sicht) zentrale Wahrheit zu lehren, dass die Welt eine Schöpfung des Verstandes sei. Dies ist eine weit unterhaltsamere Annäherung an die Problematik, die in Platons „Höhlengleichnis“ beschrieben wird.70
Aufgrund der große Zeiträume umfassenden, kontinuierlichen Verbreitung von Lehren und Abspaltungen sowohl im buddhistischen als auch im hinduistischen Tantra/Shakta lässt sich weder einheitlich oder definitiv aufzählen, was nun geglaubt oder praktiziert wird, noch kann mit Bestimmtheit gesagt werden, was diese Glaubensrichtungen unterscheidet. Einzig gewiss erscheint nur die allgemeine Sehnsucht nach fortwährender – oder fortwährend transformierter – Individualität und Nicht-Entwerdung (auch wenn dieses in gegenwärtigen tantrischen Texten des linkshändigen Pfades oft verschleiert wird).
Der Einfluss des linkshändigen Pfades, wie er auf der Basis aus Indien stammender Systeme (sowohl des Buddhismus als auch des Hinduismus) praktiziert wurde, auf die modernen westlichen Formen des linkshändigen Pfades ist enorm gewesen. Historisch gesehen scheint es, dass dieser Einfluss in mindestens zwei großen Schüben stattgehabt hat. Der erste Schub erfolgte wahrscheinlich mit der Öffnung der kulturellen Kanäle zwischen „Ost“ und „West“ durch die Eroberungen Alexanders (gest. 323 v.u. Z.). Seit dieser Zeit entwickelte sich eine Fülle von Vorstellungen über den „Osten“ (Indien und Iran), aus denen heraus sich im Mittelmeerraum Sekten gründeten und reformierten. Diese Sekten wiederum übten vom ersten Jahrhundert u. Z. mit der christlichen Mission (die oft gnostischen Charakter hatte) einen sekundären Einfluss in Indien aus.71 Der zweite Einflussschub des östlichen linkshändigen Pfades ist besser dokumentiert. Im Wesentlichen war er eigentlich die Folge einer anderen „Eroberung“ aus dem Westen: der Ausdehnung des britischen Empires nach Indien (die im achtzehnten Jahrhundert begann). Als der Westen wieder einmal in wachsendem Maße für Vorstellungen offen war, die ihren Ursprung in Indien und Tibet hatten, drangen diese allmählich bis zu einer populäreren kulturellen Ebene durch, auf der die Theosophische Gesellschaft (gegründet 1875) und der Ordo Templi Orientis (gegründet 1896 oder 1904) entstanden. Wie wir in Kapitel 7 sehen werden, spielten die linkshändigen Lehren des Buddhismus und des Hinduismus in beiden Fällen eine wichtige Rolle. Die Formen der Sexualmagie, wie sie Aleister Crowley und seine Anhänger lehrte, und auch das antinomistische Täuschungsmanöver, das Anton LaVey praktizierte (siehe Kap. 9), haben ihre Entsprechungen in den indischen Praktiken des linkshändigen Pfades.