Kitabı oku: «Ab 40 wird's einfach nicht schwer», sayfa 5
7. Kapitel
Die Ü40-Party und Reini kehrt ein
»Ihr benehmt euch gerade schwer spätpubertär!«
Sandra
Anett, die Nervensäge, hatte Silke überredet, zu dieser Party der Vergessenen in »Fortunas Licht« mitzukommen. Im Moment hatte sie sogar Lust darauf, und zwar auf Studien an Menschen. Es war schließlich Samstag, »müllkippenfreier« Tag sozusagen. Das sollte sie feiern. Schlimmer als die Wochentage konnte es nicht werden. Beschwingt machte sie sich am Abend zurecht. Was sollte sie nur anziehen, um dort nicht aufzufallen? Zu wenig chic – da fiele sie sicher auf. Eine wollte mehr glitzern als die andere. Zu viel? Ging auch nicht. Da würde sie eine ganze Herde Frauen gegen sich aufbringen. Sie sah sich schon beim Frauenwrestling. Zwei Stunden brauchte sie, ehe sie sich entschied: schwarzer Rock, zehn Zentimeter über dem Knie mit einer silber-schwarzen Bluse, die nur minimal glänzte. Die Haare blieben, wie sie waren. Ein wenig Make-up, Lidschatten. Die Show konnte beginnen. Gegen achtzehn Uhr nahm sie ihren Mantel, um Anett und Sandra abzuholen, und war gespannt, wie sich die beiden verkleidet hatten. Bei Anett konnte sie es ahnen, die ging eher in gedeckten Farben und schämte sich ihrer Weiblichkeit. Nur bei Sandra war sie sich nicht sicher. Nach ihrem starken Gewichtsverlust hatte sie sich die Haare ungünstigerweise kürzen lassen und verpasste ihnen regelmäßig massig Locken, die seltsam struppig aussahen. Auch ihre Kleidung war mehr als gewöhnungsbedürftig. Silke fand es trotzdem spannend, denn das machte ihre Freundinnen aus.
Anett wohnte nur fünf Kilometer von Silke entfernt. Gut, dass es Smartphones gab. Eine Nachricht über WhatsApp und bei ihrem Eintreffen stand Anett schon vor der Tür. Sie winkte Silke überschwänglich zu. Na, prima. Bereits jetzt war sie aufgescheucht wie ein Huhn; das konnte lustig werden. Als Anett näher kam, stockte Silke kurz der Atem. Ihre Freundin war bekanntermaßen ein Vollweib, wogegen nichts einzuwenden war. Vollweiber konnten sehr gut aussehen, wenn sie ihre Kurven geschickt in Szene setzten. Das richtige Kleid, die richtigen Hosen und Oberteile, und sie waren ein absoluter Hingucker. Wie sooft lag Anett auch an diesem Abend in ihrem Outfit vollkommen daneben. Sie trug ein knallrotes, hautenges Kleid, das nicht nur ihren Bauch und die Röllchen an Taille und Hüfte zeigte, sondern sie über Gebühr hervorhob, dabei aber ihre eigentlichen Vorzüge untergrub. Die blonden Haare musste sie wohl atomblond nachgetönt und auftuppiert haben. Sie sah aus wie die blondierte Tina Turner nach monatelanger Essorgie. Stolz drehte sie sich vor Silkes Auto.
»Na, wie sehe ich aus?«
»Anett …«
Silke wollte die Wahrheit sagen, denn sie mochte ihre Freundin.
»Anett …«, setzte sie wieder an.
»Da bist du baff, oder? So hast du mich noch nie gesehen!«
In der Tat. So hatte sie die Freundin noch nie gesehen und hätte gern darauf verzichtet.
»Fühlst du dich wohl? Das ist doch die Frage …«, versuchte Silke einen weiteren Anlauf, Anett diskret auf eventuell andere Reaktionen als erhofft hinzuweisen.
»Und wie! Ich habe fünf Kilogramm verloren, endlich passe ich in dieses hinreißende Kleid!«
Wo? Am kleinen Zeh? Okay, halt den Mund, Silke, halt nur den Mund!, schrie sie sich in Gedanken an. Anett quälte sich auf den Beifahrersitz. Das Kleid war viel zu eng. Offenbar konnte sie sich kaum bewegen.
»Hihi!« Sie lächelte unbeholfen.
»Fertig?«, fragte Silke, die kaum hinsehen konnte. Erst kam der Hintern auf den Sitz, dann drehte sie ihn mit geschlossenen Beinen, die sie mit beiden Händen unter den Knien haltend anhob. Silke erinnerte sich an den Transport ihrer Mutter nach deren Hüftoperation, die damals genauso vorsichtig und umständlich hatte einsteigen müssen.
»Ja, fertig, wunderbar, einfach Klasse!« Anett war wieder glücklich. Silke auch.
Es ging weiter zu Sandra.
»Schick ihr eine Nachricht, damit wir nicht warten müssen«, bat Silke ihre sehr aufrecht sitzende Beifahrerin. Tatsächlich stand Sandra wie eine Eins vor ihrer Haustür, als das Damentaxi vor der Einfahrt hielt. War das wirklich Sandra? Kaum zu glauben! Hatten die zwei heute ihre Rollen vertauscht, oder war Sandra jetzt Stammkundin bei der Typberatung? Was war mit der Frau passiert? Ungefähr vier Monate zuvor hatte Silke ihre Freundin das letzte Mal gesehen. Seitdem wog sie einige Kilogramm mehr, was ihr sehr gut stand. Die Haare waren geglättet und umrahmten in dezent blonden Strähnen ihr Gesicht. Sie trug unter ihrem offenen grauen Mantel einen schwarz-grauen Rock und ein hellgraues Oberteil mit leichten bordeauxfarbenen Glitzerfäden. Anett und Silke saßen mit offenem Mund im Auto und starrten ihre Freundin an. Nur die, natürlich zum Outfit passende, schwarz-graue Brille erinnerte an die »alte Sandra«. Silke kamen die Tränen, als Sandra lächelnd auf ihr Auto zusteuerte. Was war sie nur für ein Emotionsbolzen?
»Mädchen, was ist mit dir los? Dir verläuft noch die Schminke«, lächelte Sandra.
»Was ist mit dir los, diese Frage stellt sich eher!«, krächzte Silke und sah ihre Freundin bewundernd an.
»Wann habe ich deine Wandlung versäumt, hm?« Sandra kicherte.
»Ich kenne da eine Dame, die mir oft unmissverständlich klarzumachen versuchte – und manchmal ›von hinten durch die Brust ins Auge‹ –, dass ich aussehe, als wollte ich mit Kleidung von Gucci für die Welthungerhilfe Werbung machen. Wo hast du das eigentlich hergehabt?« Sandra prustete los.
Silke saß wie versteinert auf dem Fahrersitz. So etwas Böses hatte sie zu Sandra gesagt?
»Es hat doch gewirkt, wie du siehst, oder? Komm, entspann dich doch mal. Ich weiß ja, von wem es kam«, munterte Sandra die verdutzte Freundin auf.
Anett, bisher nur stumme Zeugin der Szene, begann zu lachen.
»So ist sie, unsere Silke, immer für einen Spaß zu haben, nicht wahr?«, rief sie und stieß Silke mit dem Arm in die Seite, die sich wieder fing.
»Du siehst jedenfalls umwerfend aus. Wie du diese Verwandlung hinbekommen hast, erzählst du uns später, ja? Unbedingt! Ich will alles wissen! Vielleicht wird ja aus mir auch noch was?«, meinte Silke, nachdem sie sich einigermaßen gefangen hatte.
Die beiden Frauen gackerten wie die Hühner und Silke startete. The Show must go on.
Vor der Kneipe tummelten sich bereits einige Gäste. Die meisten von ihnen rauchten und standen in Grüppchen. Damen und Herren noch für sich, verstand sich.
»Ach du Schande! Der erste Eindruck ist schon niederschmetternd«, flüsterte Sandra Silke zu, die daraufhin nickte.
»Lass uns reingehen, schlimmer kann es nicht werden!«
Anett zerrte ununterbrochen an ihrem Kleid und versuchte, kleine Schritte zu machen. An der Fassade von »Fortunas Licht« prangerte das Motto des Abends: »Älternabend mit den besten Hits aus den Achtzigern und Neunzigern.« Sollte sie lieber gehen? Diese Hinterwäldler! Den Älternabend hatten sie geklaut, das war irgendeine erste »Mumienshow« in München, noch weiter früher. So weit früher, dass deren Gäste bestimmt schon längst kalt gewesen waren. Nicht mal eigene Ideen hatten die … Egal. Schon jetzt bereute Silke, mitgekommen zu sein und dann auch noch in diese Kaschemme. Wie hatte sie sich dazu hinreißen lassen können, irgendwo hinzugehen, wo die Nichtzugehörigkeit zum Zeitgenössischen bereits im Namen geführt wurde? Und wo die meisten hier in dieser Nacht für alles, wirklich für alles, offen und dankbar waren? Wo man schon im Motto erbarmungslos daran erinnert wurde, dass die Jugend höchstens noch melancholische Erinnerungen sein konnten? Wenn man von 2020 zurückrechnete … Immerhin hieß Fortuna »Macht des Schicksals«. Hoffentlich verhieß das nichts Schlimmes.
Ehe sie es sich noch anders überlegen würde, betraten sie die »Senioreneinrichtung«. Oha! Die hatte ihr Innenleben zumindest heute verschönt. Es wirkte sauber und die äußerst spartanische Einrichtung mit alten Holztischen, noch älteren Stühlen und den altmodischen Lampen aus Zeiten der DDR (passend zu den Partygästen) wurde mit warmem, gedämpftem Licht wettgemacht. Wenigstens was! Die Tische waren einigermaßen geschmackvoll dekoriert. Auf jedem Tisch stand ein kleiner, »natürlich künstlicher« Blumenstrauß und eine Kerze auf weißem Tischtuch. Mehr konnte man hier nicht erwarten. Die Frauen sahen sich um und wählten ihren Tisch. Zum Tanzen war nicht gerade ausnehmend viel Platz, aber er würde reichen – sofern hier überhaupt getanzt wurde. Seit dem Rauchverbot in Gaststätten sah man bei längeren Veranstaltungen die Gasträume meist zur Hälfte leer und davor Menschenansammlungen. Außerdem herrschte in den Kneipen eine Fluktuation wie auf dem Bahnhof.
Ihr ausgewählter Tisch befand sich am Ende der Kneipe, sodass die Frauen alles überblicken konnten.
»So habe ich das gern«, grinste Sandra und nahm den beiden anderen die Mäntel ab, hängte sie an den Haken und verschwand in Richtung Toilette.
»Hallo, und einen schönen guten Abend!«, plärrte eine kratzig tiefe Stimme. Frau oder Mann? Frau. Schien zumindest so. Fortunas Wirtin, besser gesagt, offenbar Fortunas Urgroßmutter, kam aus der Küche und begrüßte Silke und Anett.
»Zauberhafte Frauen, zau-ber-haft!«, donnerte sie, das letzte Wort affektiert dehnend.
»Da werden sich unsere Männer aber heute um Sie scharen!«
Die Chefin, die wahrscheinlich noch gar nicht so alt war, aber mit zentnerweise Indianerbemalung so aussah, entblößte ihre Zähne, schniefte auffällig laut und rief:
»Habt Fun, Ihr hübschen Hühner!«
Dazu lachte sie wie Hexe Baba Jaga und verschwand erst mal hinter den Tresen. Die dünnen grauen, vermutlich ehemals blonden Haare hatte sie zur Feier des Tages hochgesteckt. Silkes Blick wanderte an ihr hinunter, denn sie stand jetzt seitlich zum Tresen. Oh nein! Eine Verschlimmbesserung sozusagen! Ein türkis-rosa hautenges Oberteil, in der Art »Plastik Doll Kostüm« und dazu eine glänzende, ebenso hautenge Leggins. Das ging gar nicht! Hatte die Frau die Zeiten verschlafen? Anett kicherte:
»Oh mein Gott! Erspart mir keiner dieses Elend?«
Anetts Outfit war an diesem Abend auch nicht gerade Silkes Geschmack, aber gegen die Plastik-Doll-Oma eine Augenweide.
»Es hätte schlimmer kommen können«, flüsterte Silke ihr zu. »Nur an den Brustansatz darf man auf keinen Fall sehen. Die Antifaltencreme hat sie sicherlich auf den Spiegel, anstatt die Haut aufgetragen!«
Anett lachte laut los. Genug der Boshaftigkeiten. Silke biss sich auf die Unterlippe und zog Anett lieber aus dem Lokal, ehe die anderen, die inzwischen den Gastraum betreten hatten, auf sie aufmerksam wurden.
Sandra wollte nichts verpassen, als sie von der Toilette kam und Anett mit hochrotem Gesicht vorfand. Silke sah sie betont unschuldig an und weil Anett noch immer nicht sprechen konnte, erzählte sie ihr, was sie gerade gesehen hatten und warum Anett lachte.
»Geh mal rein, guck dir das Auslaufmodell an!«, forderte sie Sandra auf und drängelte sie regelrecht in Richtung Gastraum.
»Du bist ein richtig böses Weib, weißt du das? Zu mir warst du das auch …« Da war es wieder.
»Nun ja, ich habe hervorragende Lehrerinnen«, konterte Silke.
Vor der Tür wurden es immer weniger Leute und das Lokal füllte sich.
»Schnell rein, sonst sehen die nicht, dass unser Tisch besetzt ist!«, drängelte Sandra jetzt.
Zwanzig Uhr. Die Horrorshow konnte beginnen, endlich. Je eher sie begann, desto schneller war sie überstanden. Der kleine Saal füllte sich zunehmend und damit erhöhte sich der Geräuschpegel. Keiner der weiblichen Gäste kam allein; sie waren meistens zu zweit, zu dritt oder zu viert und saßen an einem Tisch. Silke begann ihr Studium, als Fortunas Wirtin die Gäste begrüßte. An dem Tisch neben ihrem saßen vier Frauen. Drei davon waren wahrscheinlich Stammkundinnen in der Malerabteilung des Baumarktes. Die überschminkten Gesichter wirkten maskenhaft. Die vierte Frau aber sah erstaunlich natürlich aus und blickte sich gelangweilt um, während ihre Begleiterinnen aufgeregt gackerten. Sie schlürfte an einem Mixgetränk. Mit dem ersten eingespielten Lied musste Silke ihre Studien vorerst unterbrechen. »Brother Louie« lief an und schon sah man, wie alle mit den Köpfen oder Füßen wippten. Ja! Das war ein Lied, das uns alle an die schönen, alten Zeiten erinnert, wo wir noch ungestraft die Sau rauslassen konnten. Und wenn man den Text übersetzte, krachte es schon heftig in der ersten Strophe:
Liebe, Liebe ist ein brennendes Feuer
Bleib, denn dann werden die Flammen höher
Babe, lass ihn nicht dein Herz stehlen
Es ist ganz einfach
Mädchen, dieses Spiel kann nicht ewig dauern …
Egal, dieser Titel durfte nirgends fehlen. Anett sang mit, wie immer falsch, und zerrte dabei weiter an ihrem Kleid, zog sichtlich den Bauch ein, denn sie wirkte extrem verkrampft. Wie konnte sie da noch singen? Sandra unterhielt sich gerade mit einem Mann an der Bar, schien aber nicht sehr interessiert an ihm zu sein und verdrehte die Augen, als sie zu ihrem Tisch zurückkehrte. Silke sah, wie er ihr verdutzt nachblickte und noch immer den Mund nicht schloss.
»Was für ein geistiger Tiefflieger! Der brachte keinen anständigen Satz zustande«, schimpfte sie.
»Sag mal, was hast du denn zu ihm gesagt? Der guckt so verdattert?«, fragte Anett.
»Nichts weiter, warum?«, fragte Sandra mit aufgesetzt unschuldigem Blick.
»Grrr …« Anett grinste.
Sandra schüttelte den Kopf: »Nö, ehrlich.«
»Wahrscheinlich hast du ihn mit deinen Blicken fast getötet, das kannst du gut«, meckerte Anett.
Der Stehengelassene bewegte sich jetzt in Richtung seiner Kumpane. Er schlenkerte beim Laufen mit den Beinen und sah dabei aus wie eine rennende Kuh. Dazu trug er Schuhe – solche hatte Silke noch nie gesehen. Im Halbdunkel sahen sie weiß aus, mit auffällig bunten, schrecklichen Nähten und Gummizug an der Seite, mit Umrandungen, so breit wie eine Autobahn. Himmel! Noch war niemand auf der Tanzfläche, womöglich mussten erst alle einen gewissen Pegel erreichen. Ob einige der Herren überhaupt tanzen konnten? Zumindest waren sie laut. Manche hielten sich an ihrem Bier fest, andere an ihren vergessenen Manieren. Aus mancher Ecke hörte man es rülpsen. Was hatte sie auch erwartet? An einem der Herrentische unterhielt Mann sich angeregt. Sie hörte Wortfetzen wie »Bayern München« oder »Dortmund«. Ah ja, um Fußball ging es, worum auch sonst. Einer von ihnen war schon ziemlich alt, sicher weit über sechzig. Für den konnten die doch hier »Schöner fremder Mann« von der Connie Francis spielen? Oha! Jetzt stand er auf. Hilfe! Er kam schnurstracks auf Silkes Tisch zu! Glaubte der etwa, sie hätte ihn aus Interesse beobachtet? Natürlich, aber es war ein anderes Interesse, als er womöglich vermutete. Ihr Herz schlug immer schneller. Bitte nicht! Der Mann watschelte wie eine angeschossene Ente, knöpfte beim Laufen sein kariertes Sakko zu und steuerte in Richtung Anett. Die rutschte jetzt von einer Pobacke auf die andere. Schlagartig wurde ihr Gesicht fleckig und ähnelte einer aufgeplatzten Tomate.
»Meine Dame«, brachte der Herr keuchend zustande und grinste Anett mit gelben Zähnen dümmlich an.
»Darf ich bitten?«
Silke und Sandra schielten zu der Seite, wo er stand, und drehten sich synchron wieder weg. Im Sitzen war der Blick auf seinen monströsen Leibesumfang unumgänglich. Anett schluckte.
»Danke, ich kann momentan nicht tanzen.« Sie versuchte, höflich zu bleiben, die Liebe.
»Oh, das ist aber jammerschade, es ist so ein schönes Lied!«
In diesem Moment erst hörte Silke auf den gerade gespielten Titel.
»Neue Männer braucht das Land.« Sie sah Sandra an. Diesen Ausdruck in ihren Augen und das Zucken um den Mund kannte sie nur zu gut. Und nun konnte sie kaum an sich halten und fing an zu lachen.
»Sie finden das Lied wohl nicht schön?«, fragte der Mann. Sie sah, wie er zu schwitzen begann und Anett sie mit riesengroßen Augen anschaute.
»Doch, doch, es ist toll«, antwortete Silke mit einem sarkastischen Unterton. Der Mann ging wieder zu seinem Tisch, diesmal mit einem Schuss mehr in den Beinen. Seelenruhig nahm Silke ihren Martini in die Hand, schlürfte genüsslich, setzte das Glas ab und sah zu dem Herrn, der sich wieder an seinen Tisch gesetzt hatte und sich mit einem Stofftaschentuch die Stirn abtupfte. Mit einem Stofftaschentuch! Wer in Gottes Namen benutzte heute noch Stofftaschentücher? Sandra indessen lachte und versuchte krampfhaft, es zu verbergen.
»Du bist unmöglich!«, schalt Anett und sah Silke in die Augen.
»Was, ich? Warum das? Also wirklich, ich habe nichts gesagt!«
»Gesagt nicht, aber dein Tonfall war unmissverständlich!«, regte sie sich auf.
»Es ging nicht anders. Die Situation war einfach zu grotesk. Der Herr wird es überleben.« Anett schüttelte den Kopf, musste aber nun doch lächeln.
»Ihr Miststücke!«
»Sagst ausgerechnet du … Ich werde dich das nächste Mal, wenn du deine Krallen ausfährst, daran erinnern, meine Liebe.«
»Ihr benehmt euch gerade schwer spätpubertär!«, lachte Sandra und schon war alles wieder gut. Nur das gemeinsame Lachen war jetzt gedämpfter als sonst.
»Spätpubertär … Das passt; ich muss jetzt jedenfalls mal für kleine Mädchen«, stellte Silke fest und verschwand.
Die Damenklos selbst waren nicht mehr so sauber wie zu Beginn der Veranstaltung. Auf der Toilettenbrille perlten noch frische Urintropfen, ein Stück benutztes Papier lag neben dem WC und davor eine Pfütze. Pfui! Gingen die Frauen zu Hause auch so mit ihrem stillen Örtchen um? Was veranlasste gerade das Geschlecht, von dem man Sauberkeit und Pflege erwartete, fremde Lokusse so zu verlassen? Silke rümpfte die Nase und öffnete die Tür daneben, in der Hoffnung, dieses WC sauberer vorzufinden. Keine Tropfen auf der Brille, dafür aber kein Papier. Oh nein! Es wurde ein größeres Geschäft vollzogen und die Bürste stand nur zur Zierde neben dem Klosett. Weiter, zur nächsten und letzten Tür. Jetzt wurde es aber Zeit, sie kniff schon die Beine zusammen. Kurze Inspektion, okay, über die Brille hocken (immerhin trainierte sie ihre Beinmuskulatur, das musste ja einen Sinn haben) und – oh! – endlich! Nur nebenbei, konzentriert auf ihre Erleichterung, nahm sie wahr, dass die erste Tür der Toiletten geöffnet wurde. Es raschelte und atmete jemand schwer. Hatte da eine Asthma? In dem Fall könnte Silke mit einem Notfallspray aus ihrer Handtasche durchaus behilflich sein. Wieder schweres Atmen, dann ein Kichern. Ah! Zwei Frauen in einer Kabine? Nun gut, sollte es auch geben. Aber was war das?
»Hm! Du bist lecker!«, flüsterte eine tiefe Männerstimme. Die Frau kicherte.
Die machen …, die … wie jetzt? … die paaren sich – hier?, schoss es Silke durch den Kopf und kaum gedacht, ging die Post ab.
»Komm, ist keiner da, wir müssen aber schnell machen!«
Ein Grunzen.
»Klar, mein Rösslein, ich bin gaaaaaaaanz schnell!«
Na, hoffentlich! Verhaltenes Stöhnen, vor allem vom Mann. Rösslein feuerte den Lover an:
»Na, komm, mein geiler Bock, oh ja, fick mich!«
Das Grunzen wurde hastiger. Lange musste sie nicht warten. Das wollte Silke jetzt wissen und öffnete ihre Kabinentür leicht. Es raschelte und knisterte. Sie zogen sich an. Da! Sie sah eine extrem dünne Frau auf rot gelackten High Heels aus der Toilettenkabine staksen. Silke schielte aus dem Türspalt. Die trug einen, wie konnte es anders sein, extrem kurzen Rock, der auch als Gürtel hätte durchgehen können. Sie stakste taumelnd zum Waschbecken. Wie konnte man sich auf diesen dünnen Beinen fortbewegen, dazu auf solch hohen Schuhen? Das war Silke ein Rätsel. Sie starrte perplex auf diese Frau; auf die schrecklich unnatürlich gebräunte Haut, die zu ihrem Typ nicht passte und die schon einige Falten schlug. Sie war Silke bisher noch gar nicht aufgefallen. Vielleicht war sie die ganze Zeit auf dem WC? Was der Solariumgrillhenne an Gewicht fehlte, glich ihr Beglücker aus, ein unansehnlicher Kerl mit Vollbart und Glatze. Er schlurfte wenige Sekunden nach, richtete dabei sein Shirt und seine Hose. Silke schob die Tür leise wieder zu. Bloß nicht richtig schließen! Das Geräusch würde sie verraten.
»Hihi, das war geil. Ich war so was von untervögelt«, piepste sie. Der Mann gab eigenartige Laute von sich.
»Können wir gern später wiederholen, du meine Zuckerschnute.« Und dazu wieherte er wie ein krankes Pferd. Silke setzte sich auf die geschlossene Klobrille. Das war nicht zum Aushalten. Wie konnte man auf so einer dreckigen Toilette das Schönste der Welt vollziehen? Als die beiden verschwunden waren, schlich sie sich aus dem WC und hörte im Vorraum zum Lokal, wie die Grillhenne einer ihrer Freundinnen zuraunte:
»Männer machen es schließlich auch so, oder?«, zischte sie lispelnd, die Frauen nickten. Verdammter Feminismus. Silke grinste vor sich hin, als sie zu ihren Freundinnen stieß, die gerade an der Bar saßen.
»Ihr glaubt nicht, was ich gerade erlebt habe!«
Anett saß betont aufrecht auf dem Barhocker und atmete wahrscheinlich gar nicht mehr. Ihre Haut war stark gerötet.
»Was denn, hattest du Durchfall? Wäre ja kein Wunder, hier kann man nur Schiss kriegen!«
Sandra lachte über ihren eigenen Witz, Anett lächelte gequält und Silke plapperte weiter:
»Da haben zwei …, na, ihr wisst schon! Die Zaunslatte dort …«, sie zeigte möglichst unauffällig auf Grillhähnchen alias Zuckerschnute, die mit ihrer Freundin, in die sie fünf Mal reingepasst hätte, ebenfalls an der Bar stand.
»Was, die? Und wie?«, fragte Sandra.
»Also ehrlich mal, war ich dabei? Hast du keine Fantasie?«
Anett hielt sich auf den Bauch, warum auch immer und lachte laut. Irgendwann musste sie schließlich mal atmen.
»Und der Kerl? Wo ist der?«
Silke sah sich um. In der Ecke saß der Sexprotz und trank genüsslich sein Bier. Sein »Auftrag« für diesen Abend war offenbar erledigt.
»Igitt, das ist ja widerlich!«, prustete Sandra los.
»Na ja, das abgeknabberte Hähnchen war ›chronisch untervögelt‹, hat sie selbst zum Besten gegeben.«
Die drei drehten sich zur Bar und kicherten sich aus. Als sie sich beruhigt hatten, begann Silke die Herren der Schöpfung zu beobachten, wenigstens jene, die sie gut sehen konnte.
»Darf ich Sie um diesen Tanz bitten?«, fragte eine nicht gerade tiefe Männerstimme neben ihr und Silke blickte erschrocken auf. Jetzt war der Augenblick gekommen. Egal wen er meinte: Sie war alt. So was sagten früher die alten Leute oder heute noch bei vornehmen Gesellschaftstänzen, doch nicht hier in dieser billigen Absteige! Mit diesen Gedanken drehte sich Silke zur Seite und sah den Sprecher. Er schaute sie an, sie. Anett und Sandra schienen jetzt beide die Luft anzuhalten.
Zum Glück lief gerade der Song »People are People« von Depeche Mode, denn zuvor leierte gerade Trio sein unerträgliches »Da, da, da« herunter. Ein Song für Intelligenzallergiker. Wie das jemals jemand gut finden konnte, würde für sie ewig unergründlich bleiben. So blöd war man doch nicht mal in den Achtzigern, oder? Jetzt wurde es aber Zeit, ehe die People auch noch aussingen würden. Sie nickte, stand auf und ging mit dem Herrn auf die Tanzfläche. Kaum dort angekommen, stürmten nacheinander vier weitere Pärchen herbei. Der Mensch war eben ein Herdentier. Zumindest daran hatte sich im Zeitenlauf nichts geändert, wie beruhigend! Endlich konnte sie ihren Tanzpartner mustern. Eine Augenweide gegen die anderen hier! Warum hatte sie ihn bis dahin noch nicht bemerkt? Er kam ihr näher und schrie ihr ins Ohr:
«Cooler Song, was?« Danach lachte er kurz und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
Ihr schlug ein starker Duft von Parfum entgegen. Ziemlich aggressiv, diese Marke. Nun ja, zumindest trug er welches auf. Ein Zeichen von Selbstliebe, fand sie. Sie nickte zustimmend. Er tanzte seltsam. Manchmal vollzog er ausladende Hüftschwünge, dann wiederum sah er aus, als ob er mit einer Kettensäge loslegte, später warf er die Hände nach oben und bewegte sie, als ob er nach den Sternen greifen wollte, um später mit einer Schrittkombination zu überraschen, die er sicher noch aus Tanzschulzeiten in der Oberstufe mitgenommen hatte. Amüsiert sah Silke zu und dachte: Wer weiß, wie ich aussehe? Jedenfalls war es bald überstanden.
»Jetzt habe ich aber Durst«, raunte sie dem Tanzbären zu.
»Na klar! Wir trinken was.«
Sie standen an der überfüllten Bar. Das konnte dauern.
»Ich bin übrigens Reinhold. Die meisten nennen mich Reini. Und wie heißt du? Ha ha.«
Der sprach aber schnell, war sicher aufgeregt, der Gute.
»Ich bin Silke.«
Er grinste und gab ihr die Hand.
»Angenehm!«
Alte Schule, wie schön. Wenn sie nicht zu alt war, mochte es ja zu ertragen sein.
»Bist du öfter hier?«, fragte er und wartete ihre Antwort nicht ab, sondern sprach weiter.
»Ich war schon ein, zwei Mal vor paar Jahren hier … Da hat es mir nicht gefallen. Ein wenig anspruchsvoll darf man ruhig sein … Du bist ein Augenschmaus auf dem Friedhof der ausgestopften Kuscheltiere. Haha.«
Diese vier Sätze sprach er so schnell, dass Silke überlegen musste, was er gesagt hatte. Sicher war es die Aufregung, denn er musterte sie hingebungsvoll. Reini hatte noch volles Haar, eine Seltenheit bei den Herren der Schöpfung dieses Alters, himmlisch blaue Augen und ein hinreißendes Lachen mit verschmitzten Grübchen. Volle Punktzahl. Er trug ein knallrotes Shirt mit einer modernen Aufschrift und eine Blue Jeans mit leichten Rissen, sehr aktuell.
»Wie alt bist du?«, fragte sie ihn ungeniert, nachdem sie seine Hose begutachtet hatte.
»Gerade achtundfünftig geworden.«
Silke schluckte. Achtundfünfzig?
»Wow! Du siehst wesentlich jünger aus!«, rutschte ihr raus. Er grinste sie wieder an.
»Und du? Ich darf das doch fragen?«
Klar durfte er.
»Ich bin neunundvierzig.«
Immer schön bei der Wahrheit bleiben!
»Na, du hast dich auch gut gehalten, hahaha«, versuchte Reini es mit einem Kompliment. Jetzt fiel ihr auf, dass er nach jedem Satz lachte und immer gleich. Sei nicht so empfindlich, schalt sie sich. Der Typ hier war das Vernünftigste, was ihr an diesem Abend passieren konnte, das stand fest. Endlich waren sie an der Reihe, was man nicht unbedingt so bezeichnen konnte. Ein Schubsen und Drängeln, hier und da ein halb (nicht ernst gemeintes) entschuldigendes Lächeln, bisschen Ellenbogen und Reini:
»Zwei Sex on the beach, bitte«, bestellte er. Fehlte nur noch der Strand.
Die Gläser über die hinter ihnen wartenden Köpfe balancierend traten sie in den überfüllten Gastraum. Inzwischen waren fast alle aufgeweckt unterwegs. Nur an manchen Tischen sahen vor allem einige Herren der Schöpfung aus, als wollten sie jeden Augenblick zur Seite kippen. Aber auch manche Frauen machten keine gute Figur mehr. Es stank nach mit Schweiß vermischten Parfums aller Art. Und dazu lief wieder ein passendes Lied. Das schienen die sich heute auf die Fahne geschrieben zu haben. »Jenseits von Eden« – das war es auch. In dem ganzen Getümmel sah sie das Grillhähnchen betrunken auf der Tanzfläche taumeln. Wie peinlich. Ihre Spargelbeinchen gehorchten ihr nicht mehr und flogen umher wie die einer defekten Marionette. Das Haar hing an einer Seite herunter und das Make-up quoll auf ihren Wangen mit der Akne um die Wette. Daneben ihre Freundin, die den Fußboden mit Bewegungen attackierte, die an einen irischen Volkstanz erinnerten – nur das diese anschaulicher waren. Silke wandte sich angewidert ab. Nie wieder gehe ich in so einen Laden der Vitalitätsschwankungen!, schwor sie sich. Reini folgte ihrem Blick und schüttelte den Kopf.
»Wirklich traurig … viel mehr beschämend. Wollen wir bisschen an die Luft gehen? Hier ist es so stickig, hahaha«, ballerte er wieder im Eilzugtempo raus, als hätte er ihre Gedanken erraten und fügte dem Satz sein drolliges Auflachen hinzu.
»Ja, unbedingt, da kann ich gleich eine rauchen!«
Musste das sein? Wenn der Mann nun einer der penetranten Nikotinhasser war?
»Du rauchst?«
Diesmal kein Lachen. Da war es schon. Mist.
»Ab und zu nur.«
Er nickte. Keine Moralpredigt, keine hohlen Phrasen. Schwein gehabt. Dreiundzwanzig Uhr!, bemerkte Silke mit einem Blick auf ihr Handgelenk. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Fast hatte sie den Abend überstanden. Obwohl – jetzt schien er doch noch nett zu werden. Vor der Tür tummelten sich die Fluchtwilligen und Rauschsüchtigen. Sie nahm sich eine Zigarette aus der Handtasche und zündete sie an. Den Rauch genüsslich ausblasend, plapperte Reini los.
»Ich freue mich echt, dass wir uns hier kennengelernt haben. Normalerweise gehe ich gerne weg, fast jedes Wochenende unternehme ich was … Ich bin nicht der Stubenhocker … Das kann ich noch machen, wenn ich achtzig bin. Ich will noch was erleben und höre total gern Musik, auch die aktuelle … man ist ja mit bald sechzig, noch kein Opa. Wenn ich manche in meinem Alter sehe, da bin ich entsetzt. Die tun so, als ob sie scheintot wären. Nein, das brauche ich nicht … auf keinen Fall …«
Dff, dff, dff, dff, dff, wie ein Gewehr. Wieder sein kurzes Lachen. Was hatte er gesagt? Silke betätigte in ihrem Kopf die Rücklauftaste, drückte Pause, spielte wieder ab. Aha. Gut. Jetzt konnte sie resümieren.
»Reini, sei so lieb und sprich etwas langsamer. Oder fürchtest du, ich würde gehen, bevor du alles gesagt hast?«
Oh Mann! Warum musste sie immer so schrecklich direkt sein? Anett hatte recht. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah ihm in die Augen. Nichts Schlimmes geschah. Reini lachte. Er war offenbar eine Frohnatur.
»Jaja, ich weiß, dass ich schnell rede. Bei meiner Tochter muss ich immer Zungenbrecher wie ›Fischers Fritze fischt frische Fische‹ sprechen, damit ich langsamer rede. Sie meinte, im Internet gelesen zu haben, dass Zungenbrecher Schnellrednern helfen würden.«
Und wieder lachte der Mann. Silke sah ihn ungläubig an. Er hatte Humor und vor allem lachte er über sich selbst. Nicht schlecht. Für den Anfang.
»Kluge Tochter!«, meinte Silke und das kam aus vollem Herzen.