Kitabı oku: «Ab 40 wird's einfach nicht schwer», sayfa 6
»Wie alt ist sie denn?« Reini steckte die Hände in seine Hosentaschen und grinste.
»Sie ist fünfundzwanzig und nicht nur klug, sondern auch sehr hübsch.«
Er griff in einer Gesäßtasche nach seiner Brieftasche und zog ein Foto heraus. Wie in alten Zeiten. Andere nahmen das Smartphone in die Hand und öffneten die Fotos in der Galerie. Wer hatte heute noch ein Foto in der Brieftasche? Sie sah ein ausnehmend schönes Mädchen mit dunklem Haar und zarten Gesichtszügen.
»Wow! Sie ist wirklich sehr hübsch. Ich gratuliere dir zu solch einer Tochter.«
Das Kompliment saß. Der stolze Papa grinste von einem Ohr zum anderen.
»Und du? Hast du auch Kinder?«
Jetzt war es so weit, man begann mit seinem Lebenslauf.
»Ja, fünf«, entgegnete Silke, »eigentlich wollte ich elf, hat nicht geklappt.«
Reini riss stumm die Augen auf. Bei ihm war das sicherlich kein gutes Zeichen. Dann lachte er sein putziges, kurzes Lachen. Da er danach immer noch aussah, als wäre er verblüfft, klärte sie ihn auf:
»Das war ein Witz. Ich habe nur einen Sohn.«
Reini lachte wieder. Gott sei Dank!
»Jetzt sehe ich mal nach meinen Freundinnen.«
Das musste sie unbedingt, denn sie hatte Anett eine Weile nicht mehr gesehen. Sandra hatte sich mit der Natürlichsten in diesem Saal, die mit den Indianerbemalten am Nebentisch saß, angeregt unterhalten. Warum gingen sie eigentlich aus, wenn Frauen am Ende untereinander die besten Gespräche hatten? Egal, Anett war die, um die sie sich gerade sorgte.
»Kann ich bitte deine Telefonnummer haben? Hahaha«, schmetterte Reini ihr so laut und hektisch entgegen, dass sie den spontanen Impuls verspürte, in Deckung gehen zu müssen.
»Klar«, sagte sie und fischte einen Zettel aus ihrer Handtasche. Er reichte ihr galant einen Stift und lachte. Warum, das wusste sie nicht.
»Suche mal deine Freundinnen, ich mach los … Ich melde mich, okay?«, rannte Reini durch die Worte und lachte.
Als Silke den Saal betrat, fiel sie fast um. Nicht nur ein unerträglicher Dunst kam ihr entgegen, auch die Atmosphäre in diesem Raum war erdrückend. In einer Ecke sah sie ein Grüppchen Leute. Man beugte sich über eine Frau, die offensichtlich an der Wand lehnte und schimpfte wie ein Rohrspatz. Sie beleidigte die besorgten Umstehenden, bis sich die meisten von ihr abwandten. Das wollten sie sich offenbar nicht antun. Silke erkannte jetzt das Grillhähnchen. Nur deren Freundinnen ließen sich nicht abschrecken. Eine von ihnen schwankte so stark über ihr, dass Silke befürchtete, sie würde jeden Augenblick auf sie fallen. Ob sie das überleben würde? »Lasst mich doch in Ruhe, ihr Verrückten! Wisst ihr, worauf ich Lust habe? Den Kerlen mal zu zeigen, wo der Hammer hängt! Die können doch nur Kinder machen und sich verziehen, eh! Und wenn dann was schiefgeht, schieben sie alles auf die Mütter. Blödmänner. Mein Junge schiebt sich dafür eine Spritze nach der anderen in den Arm und ich? Ich bin schuld …!« Der Ansage folgte ein Schluckauf, ein Sturzbach von Tränen und weitere Schimpftiraden. Aha, da lag das ganze Dilemma bei der Frau. Es war traurig, einfach nur traurig. Weiter konnte Silke nicht denken; sie wollte unbedingt Anett finden. Wo war sie nur? An der Bar war Sandra noch immer mit der netten Frau vom Nebentisch ins Gespräch vertieft. Sie gestikulierte, die Frau sah ihr interessiert zu und nickte. Silke steuerte die beiden an. Sandra bemerkte sie nicht mal, legte liebevoll die Hand auf den Unterarm der Frau. Eine freundschaftliche Geste? Oder doch …? Nein! Sandra und … Aber warum nicht? Sie erinnerte sich an eine Szene, als Sandra ihr erklärte, dass sie Männer abscheulich fand und warum es besser sei, lesbisch zu werden. Aber im Augenblick wollte sie Anett finden.
»Hey, Mausi, da bist du ja!«, rief Sandra überdreht, als sie Silke endlich wahrgenommen hatte.
»Das ist meine Freundin Silke – das ist Diana«, stellte sie die beiden einander vor. Diana nickte Silke freundlich zu.
»Freut mich«, rasselte Silke runter, um gleich mit ihrem Anliegen rauszuplatzen. »Weißt du, wo Anett ist? Ich habe sie schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!«
Sandra zog die Stirn in Falten.
»Nein, oh …, jetzt, wo du es sagst … stimmt, ich habe sie auch schon eine Weile nicht gesehen.«
»Okay, ich schau mal auf der Toilette nach. Bleib du bitte hier und pass auf, ob du sie zu Gesicht bekommst.«
Sandra war besorgt. Sie glaubte nicht, Anett auf dem WC zu finden. Warum sollte sie die ganze Zeit dort verbringen, außer – sollte sie wie das Grillhähnchen …? Nein! Doch nicht Anett. Manchmal war sie wirklich eine oberflächliche Hupfdohle, aber nur nach außen. Sie eilte zu den Toiletten, öffnete die Tür und sah, dass nur eine Tür verschlossen war. Sie ging in das WC daneben, schloss die Tür und horchte an der Wand zur Nachbartoilette. Es schniefte und klang nach unterdrückten Schluchzern.
»Anett?«
Ruhe. Dann ein lauteres Schniefen.
»Anett?«, wiederholte sie.
»Ja«, kam es zaghaft aus der Kabine.
»Was ist los? Ich suche dich schon eine Weile und habe mir Sorgen gemacht!«
Anett weinte immer mehr und lauter.
»Ich komme rüber, mach die Tür auf, verdammt noch mal!«
Der Türschließer drehte sich von innen. Als Silke die Kabine betrat, traf sie fast der Schlag. Sie stutzte, erstarrte und glotzte regelrecht auf Anett. Nicht nur, dass deren Mascara jetzt über das ganze Gesicht verteilt war, was auf dem verweinten Gesicht gruselig aussah, sie hatte auch noch ihr Kleid ausgezogen und saß in einer viel zu engen Strumpfhose und in BH auf dem geschlossenen WC. Silkes Blick wanderte nun genauer zu dem Kleid, auf dem noch ein anderes Kleidungsstück lag. Ein Bauchweggürtel? Ein Korsett? Was war das? Warum, zum Henker …?
»Ich kann das nicht mehr anziehen. Mir ist so schlecht«, schluchzte Anett.
»Ich musste mich im Saal bücken, weil mir etwas runtergefallen war und als ich … als ich … da platzte hinten das Kleid auf.«
Ihr Weinen wurde lauter und hysterisch.
»Bitte, Anett, beruhige dich, ganz langsam, bitte!«
Sie nickte.
»Hinter mir standen die drei aufgedonnerten Frauen vom Nebentisch. Die fingen so laut an zu lachen, dass alle, die in der Nähe waren, alles mitbekamen und sich hinter mich drängelten. Ich konnte mich gar nicht so schnell umdrehen und wenigstens versuchen, den großen Riss am Po zu verbergen!«
Und wieder wurde das Weinen zum Schreien.
»Und dann? Was dann, Anett?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Alle standen hinter mir und lachten, aufgestachelt von den drei Frauen. Es war furchtbar! Ich habe mich so geschämt. Ich bin selbst schuld, ich dumme Pute. Da ziehe ich ein viel zu enges Kleid an, kann deshalb den ganzen Abend keinen Spaß haben und mache mich so zum Affen, dass ich das nie, nie vergessen werde! Die Weiber haben mich vor den anderen noch so richtig zur Sau gemacht, selbst als die genug gesehen hatten, hörten sie nicht auf und zeigten auf mich!«
Anett kreischte förmlich. Das reichte.
»Du bleibst hier! Und du schließt nach mir ab und verhältst dich ruhig. Klar?«
Die Frau brauchte jetzt klare Anweisungen, das stand fest.
Sie musste Sandra einweihen. Festen Schrittes lief sie in den Saal zurück. Was für ein Abend! Sandra hatte inzwischen den Arm um die Taille der Frau gelegt, deren Wangen eine eigene Sprache sprachen. Mit den Fingern in ihrem langen brünetten Haar spielend, sendete die von Sandra Umgarnte eindeutige Signale; die schlanken, langen Beine übereinandergeschlagen und einen Augenaufschlag, um den sie Romy Schneider beneidet hätte. Egal, sie musste die Turteltäubchen stören.
»Sandra!«
Befehlston. Die war gerade im Säuselmodus, da brauchte es Generalsvokabular.
»Mitkommen!«
Betroffen und zugleich entsetzt sah sie Silke an, die sie zu sich winkte. Sandra zuckte bedauernd mit den Schultern, rief ihrer neuen Freundin »Warte auf mich!« zu und wurde von Silke aus dem Saal gezogen. Im WC konnten sie nicht reden, jetzt waren die anderen zwei Kabinen besetzt. Also standen sie davor, als würden sie auf das Freiwerden dieser einen Kabine warten. Als die Frauen nach dem Haare richten, Make-up und Lippenstift nachlegen, den Sitz von Rock und Kleid prüfen und gegenseitigen Versicherns, gut genug auszusehen, endlich die Toilette verließen, sperrte Anett ihre Tür auf. Sandra sah das Dilemma und lachte. Wütend stieß Silke sie mit dem Ellenbogen in die Seite.
»Aufhören! Was machen wir?«
Und dann war Sandra, ihre Problemlöserin, wieder die Alte.
»Wir brauchen eine Klamotte. Lass uns zur Fortunachefin gehen!«
Gute Idee. Aber: Diese Frau war zu dünn, hatte sicher nur Kleidergröße sechsunddreißig/achtunddreißig. Anett brauchte mindestens die vierzig, eine zweiundvierzig wäre noch besser. Egal, vielleicht hatte sie etwas Größeres. Frauen waren da vielfältig.
»Schließe wieder ab, wir kommen wieder.« Anett nickte artig und dankbar wie ein kleines Mädchen, dem man versprochen hatte, nach der verlorenen Mama zu suchen.
Sie gingen im Gänsemarsch in den Saal, preschten sich zur Bar vor, nutzten dabei alle Mittel, die ihnen zur Verfügung standen und plärrten die hübsche Bardame an:
»Wo ist die Chefin? Wir müssen dringend mit ihr reden!«
Sie gab gerade einem Gast eine Cola und brüllte zurück:
»Meine Mutter ist oben. Was ist denn los? Kann ich euch vielleicht helfen?«
Silke klappte die Kinnlade runter. Dieses hübsche Frauenzimmer war die Tochter der abgewrackten Chefin? Das konnte doch nicht wahr sein!
»Nein, kannst du nicht. Wir brauchen deine Mutter mal!«, schrie Sandra in »Santa Maria« hinein und schüttelte sich kurz. Dieses Lied war ein Grauen. Aber offenbar genau richtig zu dieser Zeit. Einige Paare hatten sich gefunden und schleckten sich nun voller Inbrunst eng umschlungen ab. Töchterchen bat den Langhaarigen neben sich, kurz zu übernehmen, rief ihnen »Moment, ich hole sie« zu, lächelte sogar noch liebreizend und verschwand. Es dauerte nicht lange, da sprang sie wie ein junges Reh wieder hinter die Bar. Die Tür zur Küche öffnete sich und das Mütterchen schlurfte mit Hausschuhen an den Tresen.
Warum zum Teufel verkleidete sich die Frau sonst so? Warum machte sie sich mit ihren verkorksten Outfits wie vorhin hässlicher, als sie in Wirklichkeit war? Das war nicht zu fassen. Wieder stand Silke, diesmal gefolgt von Sandra, mit offenem Mund vor der Frau. Die hatte es sich offensichtlich in ihrem trauten Heim über der Kneipe gemütlich gemacht und trug eine lockere Baumwollhose, einen schlichten, aber modernen Pullover, das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden; war nicht mehr geschminkt und sah in diesem Aufzug sogar attraktiv aus. Was war nur mit manchen Frauen los? Aber Silke und Sandra mussten sich rasch wieder fangen und gaben der Chefin Handzeichen, ihnen doch in den Vorraum zu folgen, um sich störungsfreier artikulieren zu können. Dort angekommen, schilderten sie in groben Zügen das Problem.
»Mensch, Mädels, ich dachte, es sei etwas Schlimmes passiert!«, scherzte sie.
»Das ist kein Problem. Ich hatte bis vor einem Jahr Krebs und davor war ich einige Kilos schwerer. Von den Klamotten konnte ich mich jedenfalls nie trennen, zumal mir meine Tochter geraten hatte, sie aufzuheben. Man weiß ja nie, ob sich das Gewicht nicht wieder normalisiert. Aber bisher, nun ja, der Krebs hat eben seine Spuren hinterlassen.«
Das war einer jener Momente, in dem Silke sich hasste. Sie zogen über die Frau her, sie urteilten sie ab und wussten nichts von ihr. Nichts. Sie hatten kein Recht dazu. Die Dame des Hauses wirkte jetzt völlig normal, kein wenig aufgedreht.
»Welche Größe hat eure Freundin denn?«, fragte sie Silke, da diese vor ihr stand, nur auf der Unterlippe kaute und nun ob der Frage zusammenzuckte.
»Vierzig/zweiundvierzig«, sagte sie knapp und musste ihre Tränen zurückhalten. Das war heute Abend alles zu viel.
»Kein Problem, Mädels. Wir kommen auch von hier in meine Bude. Folgt mir und wir suchen fix etwas Nettes für eure Freundin.«
Gesagt, getan. Sie gingen eine Treppe nach oben und der Frau einfach nach. Als sie ihre Wohnungstür aufgeschlossen hatte, empfing sie ein überaus angenehmer Duft. Drinnen angekommen, wartete die nächste Überraschung auf sie. Man sagte ja, die Wohnung einer Frau sage sehr viel über sie aus; überall war es sauber, gepflegt und wunderschön dekoriert.
Im Schlafzimmer traute sie ihren Augen kaum. Die Dame schlief in einem Himmelbett und es wirkte nicht einmal albern. An den Wänden: Gemälde, die nicht nach Billigkram aussahen, eine große Pflanze in der Ecke des Zimmers. Als die Frau den Kleiderschrank öffnete, war Silke nicht mehr auf Überraschungen eingestellt. Wer solch eine geschmackvolle Wohnungseinrichtung hatte, konnte im Kleiderschrank unmöglich ein Chaos führen. So war es auch. Ihnen strömte ein angenehmer Duft von Jasmin entgegen. Wahrscheinlich hatte die Frau ihre Pullover mit dem Lineal ausgerichtet. Ich muss unbedingt mal wieder meinen Kleiderschrank aufräumen. Ich will auch so ordentlich sein, dachte Silke. Die Kleider hingen der Farbe nach geordnet im Schrank.
»Ich habe die Kleider auch nach Größe geordnet«, sagte die Frau und wies auf die rechte Seite des Schrankes.
»Sucht euch eins aus«, bat sie und lächelte. Sandra war die Modequeen und griff nach einem Schwarzen, sah beim eingenähten Schild nach der Größe und meinte:
»Das ist schon gut und es ist Größe zweiundvierzig, passt auf jeden Fall.«
Die Frau nickte.
»Ein sehr schönes Kleid, ich habe es geliebt, aber leider nur zweimal tragen können, bevor …«
Sie schluckte. Silke bekam den Impuls, sie in den Arm zu nehmen. Bloß keine Sentimentalitäten! Die Frau öffnete die Schublade ihres Nachtschrankes und holte ein Foto hervor.
»Hier. Auf dem Foto habe ich das Kleid getragen. Das war zum fünfundzwanzigsten. Geburtstag meiner Tochter.«
Melancholisch sah sie auf das Bild und reichte es Sandra, die es nahm, mit großen Augen auf das Foto, dann zur Frau und wieder zurück auf das Foto blickte und schwer schluckte. Silke trat an Sandra heran und traute ihren Augen nicht. Doch noch eine Überraschung. Auf dem Bild war eine wunderschöne Frau zu sehen, das blonde Haar lang und lockig, mit weiblicher Figur und einer unübersehbaren Lebenslust in den Augen. Die Frau ähnelte sich jetzt kaum noch. Silke sah sie an.
»Ich weiß, dass man denken könnte, das sei nicht ich. Doch das war ich, vor der Krankheit. Wäre meine Tochter nicht gewesen, wer weiß, ob ich den Krebs überlebt hätte. Sie hat immer zu mir gestanden, mir Mut gemacht. Aber so wie damals werde ich nie wieder aussehen, dazu habe ich zu viele Federn gelassen.«
Sie grinste schräg und fast verlegen.
»Das Wichtigste ist doch aber, dass Sie überlebt haben …«, versuchte sich Silke und wusste, es klang einfach nur platt. Wie damals bei Martina. Ihr Kolibri. Schnell vertrieb sie die Gedanken an ihre verstorbene Freundin. Eine Frau war eine Frau, war eine Frau. Und eine Frau wollte schön, attraktiv, begehrenswert sein. Am schlimmsten war es für sie, einmal genau das gewesen zu sein und durch Erlebnisse, egal welcher Art, sich nicht mehr schön zu fühlen.
»Ja, ich weiß«, flüsterte die Frau, die Silke bis vor einigen Minuten noch mit Fregatte und anderen Schimpfwörtern betitelt hatte. Wie oft musste sie noch darauf hingewiesen werden, wie das Leben sein konnte? Es hatte nichts Bodenloses. Wohl dem, der dies zu erfassen vermochte. Zum Philosophieren war jedoch keine Zeit. Anett wartete unten, saß weinend auf dem Klo und hoffte, dass sie bald erlöst würde. Silke hatte eine Idee. Die Frau war ihr sympathisch geworden, warum sie nicht einweihen und fragen?
»Weißt du, Anett hat erst einige Kilos abgenommen, sie kämpft, seit ich sie kenne, gegen ihre Pfunde. Sie war so glücklich und dachte, sie könnte sich mit diesem Kleid belohnen«, begann Silke vorsichtig, um die Frau emotional in ihr Boot zu holen.
»Doch es war etwas zu früh, das Kleid war zu eng. So sind wir Frauen eben«, fuhr sie fort und grinste verlegen.
»Leider ist unsere Anett von so ein paar Schabracken ausgelacht worden, als ihr das Kleid mitten im Saal platzte – ausgerechnet am Allerwertesten. Die stellten sich hinter sie, lachten laut und machten dadurch auch noch einige Gäste auf sie aufmerksam. Anett hat sich so geschämt! Ehrlich! Wie alt sind die? Zwölf? Das geht doch gar nicht!«, entrüstete sich Silke, warf Sandra einen Blick zu, den diese richtig deutete.
»Es war furchtbar, wie wir Anett vorgefunden haben!«, sprang Sandra ein.
»Ja, die haben eine kleine Abreibung verdient«, ergänzte nun Silke, um zum Punkt zu kommen. Die Frau sah die beiden an und schüttelte entsetzt den Kopf.
»Da habt ihr recht, aber wie sollte das gehen?«
»Nun ja, ich habe überlegt. Es soll ja nichts sein, womit wir uns strafbar machen würden. Aber wie wäre dieser Plan: Wir geben Anett das Kleid von dir, sie zieht sich um, wir zahlen bei deiner Tochter und danach locken wir die drei ›netten‹ Damen in das WC. Ein wenig Einfallsreichtum ist hier eben noch vonnöten. Du schließt das WC mal für eine viertel Stunde ab. Ein bisschen klaustrophobische Anwandlungen dürfen die ruhig kriegen. Und wenn du später aufschließt, dann tust du ganz unschuldig. Du hättest gedacht, alle wären raus. Damit eine unbefugte Nutzung deiner Toiletten ausgeschlossen werden könnte … und so was eben. Meinst du …?«, Silke unterbrach sich und sah die Frau unschuldig an. »Meinst du, dass wir das von dir verlangen dürfen?«
Sie war einfach ein Biest. Aber sie würde die Frau nicht fragen, wenn das Eis nicht zuvor gebrochen worden wäre, sonst hätte sie sich nur blamiert oder noch selbst was eingesteckt.
»Warum nicht«, meinte diese, reichte Silke die Hand und sagte: »Ich bin übrigens Carola.«
Jetzt hatte »die Frau« einen ordentlichen Namen. Silke und Sandra stellten sich ihr auch vor.
»Aber nun hopp, hopp, geht zu eurer Freundin!«, lachte Carola und gab Silke geistesgegenwärtig noch einen leeren Plastikbeutel.
»Für die alten Klamotten«, meinte sie.
»Ich weiß nicht, ob ich Diana überreden kann, sie ist immerhin mit diesen Frauen gekommen«, gab Sandra zu bedenken.
»Einen Versuch ist es wert, sonst müssen wir eben umdisponieren. Aber Diana bleibt nichts anderes übrig, wie sollte sie sonst nach Hause kommen, wenn ihre Begleiterinnen eingesperrt sind?«
Silke schob Sandra zur Wohnungstür. Sie liefen aufgeregt wie Teenager, die sich zum ersten Mal zur Disko trauten, die Treppen runter, um Anett zu erlösen.
»Bring du das Kleid zu Anett, ich suche Diana und rede mit ihr, okay?«, flüsterte Sandra Silke zu.
Den Kopf müde an die Wand gelehnt, saß Anett noch immer im geschlossenen WC. Schwerfällig öffnete sie Silke die Tür.
»Hör zu, zieh das an, pack die alten Klamotten in den Beutel und dann warte hier, bis ich dich hole. Es dauert nicht lange«, bat sie Anett, die wieder gehorsam nickte. Der Frau konnte man jetzt alles auftragen. Silke lief in den Gastraum, den man kaum noch betreten konnte, ohne umzufallen. Sie atmete schwer. Ihre Augen begannen sofort zu tränen, obwohl dort nicht geraucht wurde. Konnten diese Leute nicht wenigstens lüften? An ihrem seit einiger Zeit verwaisten Tisch sah sie Sandra mit Diana flüstern. Wie zuvor sprach ausschließlich Sandra. Diana himmelte sie hingebungsvoll an und nickte. Das sah gut aus! Schnurstracks steuerte Silke auf die beiden zu und platzte ohne Umschweife in das Gespräch hinein: »Und?« Sandra nickte und winkte Silke zu sich runter, die sich daraufhin zu ihr beugte.
»Diana kennt die kaum, sie hat kein Problem damit. Im Gegenteil, die haben sich auch über sie dauernd lustig gemacht. Also, no Problem, Baby.«
Warum Sandra immer einen so eigenartig »denglisch-coolen« Sound in ihren Wortschatz aufnahm, sobald jemand dabei war, dem sie offenbar imponieren wollte, erschloss sich Silke nicht. Aber egal, sie war eben, wie sie war.
»Diana, sollen wir dich dann gleich mitnehmen und nach Hause bringen?«, fragte Silke die kleine Hübsche im grünen Overall, der ihre mädchenhafte Figur betonte, und einem Gesicht, das an Janis Joplin erinnerte.
»Ja, gern«, antwortete diese mit zartem, aber sehr angenehmem Stimmchen.
»Okay, lets go, ihr Süßen!«, denglischte Sandra wieder.
»Moment, ich sehe nur nach, ob Anett auch wirklich fertig ist und sage Carola Bescheid.«
Anett war fertig, nicht nur mit dem Umziehen. Ihre Wimperntusche verteilte sich mittlerweile bis zum Hals und sie sah aus, als würde sie sich um die Hauptrolle in dem Horrorfilm »Annabelle« bewerben. Aber das Kleid saß. Wenigstens was. Sie schob Anett zum Auto, die sich anschließend widerstandslos auf den Rücksitz verfrachten und anweisen ließ, das Auto nicht zu verlassen. Aufs Klo würde sie ganz bestimmt nicht mehr müssen.
Silke lief wieder zurück, die Treppen hoch, klopfte bei Carola an die Wohnungstür, die direkt dahinter gewartet haben musste, die Tür öffnete sich sofort.
»Ich gehe zu meiner Tochter hinter die Bar, gib mir dann ein Zeichen. Ist die Gaststube leer?«
Das war sie fast, nur noch ein paar angetrunkene Männer grölten dort herum, und die mussten schließlich nicht auf die Frauentoilette. Na gut, nicht unbedingt, wie Silke an diesem Abend erlebt hatte. Aber Frauen waren keine mehr zu sehen, außer die drei Gazellen mit knallrotem Lippenstift, den sie sich wahrscheinlich teilten.
»Ja, bis auf ein paar Herren und eben die drei Frauen, meine Freundin Sandra und Diana, die mitmacht. Hier …«, Silke gab Carola einen Zettel mit ihrer Handynummer.
»Vielleicht kannst du mir Bescheid geben, wenn alles funktioniert hat?«
Carola lächelte erschöpft. Silke überkam ein schlechtes Gewissen.
»Du bist müde. Es tut mir leid …«
Das meinte sie ehrlich.
»Ist schon in Ordnung, ich kann sowieso nur schlecht schlafen, zumal wenn unten noch nicht alles zu ist. Das ist das Schicksal von Gastronomen. Deshalb bin ich froh, das Ganze bald an meine Tochter abzugeben, glaub mal«, meinte Carola und gähnte herzhaft. Silke drückte ihre Hand.
»Danke.«
Das war alles, was sie noch sagen konnte, bevor sie wieder nach unten ging.
An der Bar zahlte sie, sagte Sandra und Carola, die inzwischen hinter dem Tresen stand, dass es in fünf Minuten losgehen würde, ging nach draußen und zündete sich eine Zigarette an, drückte sie nach der Hälfte wieder aus und lief ins Haus zurück.
Am Gang sammelte sie sich kurz, vergewisserte sich, dass die Toilette leer war, riss die Tür zur Gaststube auf und rief so laut sie konnte: »In der Toilette ist was los! Irgendjemand schreit da! Da ist was total komisch! Hilfe!«
Sie lief filmreif wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Raum, Sandra und Diana kamen sofort zu ihr.
»Was? Um Himmels willen!«, zeterten sie mit und rissen ihre Augen auf.
Die drei Damen klönten gerade an der Bar und schlürften am zigsten Mixgetränk, sahen nicht mehr besonders frisch aus und blickten mit wässrigen Augen zu ihnen.
»Hä?«, sagte die eine und verdrehte ihre Augen so sehr, dass man fast nur noch das Weiße sehen konnte.
»Kommt, schnell, helft uns!«, forderte Silke sie auf.
»Bitte!«, und schob die Frauen zur Tür, die mit kleinen, albernen Schritten und dümmlich lachend vor ihnen hertänzelten. Es entstand ein Gerangel vom Feinsten. Sandra und Diana seufzten laut, brabbelten irgendwelchen Quatsch vor sich her, schoben die Frauen mit, die im alkoholisierten Zustand gar nicht mehr anders konnten, als sich schieben zu lassen, dann sprang Sandra am Gang vor sie, um die Tür zu den Damentoiletten zu öffnen. Silke und Diana quasselten weiter aufgeregt und schoben die Frauen rein. Schon war Carola zur Stelle und schloss die Tür zu den Toiletten ab.
»Was ist hier los?«, hörten sie die verdutzten Stimmen von drinnen.
«Eh!«, hämmerte es an die Tür.
»Macht auf!«, plärrten die Frauen hysterisch. Silke grinste zufrieden. Sie klatschten sich ab.
»Los, macht euch vom Acker!«, meinte Carola. »Ich schaffe das schon, meine Tochter weiß auch Bescheid. Also alles unter Kontrolle, Mädels«, fügte sie verschwörerisch hinzu. So verließen Silke, Sandra und Diana dieses Haus und verschwanden eilig im Auto. Silke ließ den Motor an und brauste davon.
»Shit, was für ein Abend!«, brummte Sandra in die Stille hinein. Was für ein Mist, dachte Silke. Eigentlich wollten wir längst erwachsen sein.
Sie setzte nicht nur Diana zu Hause ab, sondern mit ihr auch Sandra. Arm in Arm verschwanden sie in Dianas Haus. Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten, dachte Silke und grinste. Anett sagte die Fahrt über keinen Ton mehr und schniefte ununterbrochen. Silke reichte ihr Taschentücher und ließ das Auto wieder an. Nach fünfzehn Minuten kamen sie vor Anetts Haus an. Sie brachte ihre Freundin, die sich in desolatem Zustand befand, in ihre Wohnung und empfahl ihr, sich schlafen zu legen. Wieder nickte Anett nur. Als sie ihr eigenes Haus erreichte, atmete Silke tief und erleichtert durch. Seit dem Verlassen von »Fortunas Licht« war über eine Stunde vergangen und ihr Handy piepte.
»Mission erledigt. Mehr morgen, besser gesagt heute. Schlaf gut, C.«
Gute Frau! Es war ein Uhr. Zeit, schlafen zu gehen und an was Schönes zu denken. Zum Beispiel an Reini?