Kitabı oku: «50 Meisterwerke Musst Du Lesen, Bevor Du Stirbst: Vol. 2 (Golden Deer Classics)», sayfa 8
»Ich werde dir keben die finfundzwanzigtausend Franken im Salon … par, par.« »Ah!« sagte Europa, »mißtrauischer sind Sie nicht? … Entschuldigen Sie … « »Du wirst oft haben Kelegenheit, mich zu rupfen … Wir werden schließen Peganntschaft.« »Gut, seien Sie um Mitternacht in der Rue Taitbout; aber dann stecken Sie dreißigtausend Franken zu sich. Die Ehrlichkeit einer Kammerfrau ist wie die Droschken nach Mitternacht bedeutend teurer.« »Aus Vorsicht werde ich dir keben ainen Scheck auf die Pank … « »Nein, nein,« sagte Europa, »Banknoten, oder es gibt nichts … «
Um ein Uhr morgens war der Baron von Nucingen, den Europa in der Mansarde, wo sie schlief, versteckt hatte, allen Ängsten eines Mannes auf der Verfolgung galanter Abenteuer unterworfen. Er bebte, sein Blut schien ihm in den Zähnen zu kochen, und der Kopf war bereit, wie eine überheizte Dampfmaschine zu bersten. »Ich hatte moralisch fier mehr als hünderttausend Taler Kenüsse,« sagte er zu du Tillet, als er ihm dieses Abenteuer erzählte.
Er hörte die geringsten Geräusche der Straße, und um zwei Uhr vernahm er den Wagen seiner Geliebten schon vom Boulevard an. Als sich das große Tor in den Angeln drehte, pochte ihm das Herz so stark, daß es die Seide der Weste hob: er sollte also Esthers himmlisches, glühendes Gesicht wiedersehen! … Bis ins Herz hinein spürte er das Knirschen des Wagentritts und das Schlagen der Tür. Die Erwartung des höchsten Augenblicks regte ihn mehr auf, als wenn es sich um den Verlust seines Vermögens gehandelt hätte. »Ah!« rief er, »das haißt Leben! Szu sehr sokar; ich werde sain imstand zu nix!«
»Die gnädige Frau ist allein, kommen Sie hinunter,« sagte Europa, die sich plötzlich zeigte; »machen Sie kein Geräusch, Sie dicker Elefant!« »Ticker Elewant!« wiederholte er lachend, indem er dahinging wie auf rotglühenden Eisenstangen. Europa führte ihn, einen Leuchter in der Hand.
»Ta, ßähl nach,« sagte der Baron, indem er Europa die Banknoten hinhielt, sowie sie im Salon waren. Europa nahm mit ernstem Gesicht die dreißig Scheine entgegen und ging hinaus, indem sie den Bankier einschloß.
Nucingen ging sofort zum Schlafzimmer, in dem er die schöne Engländerin fand, die zu ihm sagte: »Bist du es, Lucien?« »Nain, schönes Gind … « rief Nucingen, der seinen Satz nicht beendete.
Er blieb erstarrt stehen, als er eine Frau erblickte, die das gerade Gegenteil von Esther war: blond, wo er schwarz gesehen hatte; Schwäche, wo er Kraft bewunderte; eine liebliche britische Nacht, wo Arabiens Sonne gefunkelt hatte.
»Ah! Woher kommen Sie? … Wer sind Sie? … Was wollen Sie? … « sagte die Engländerin, indem sie schellte, ohne daß die Glocken erklangen.
»Ich hab umfickelt die Klocken, aber haben Se kaine Ankst, ich kehe,« sagte er. »Ta sind treißigtausend Franken ins Wasser geworfen. Sie sind die Keliepte des Herrn von Ripembré?« »Ein wenig, mein König,« sagte die Engländerin. »Aber wer pist du?« fragte sie, indem sie Nucingens Sprechweise nachahmte. »Ain Mensch, der schön herainkefallen ist!« sagte er jämmerlich. »Ist man herainkefallen, wenn man aine hibsche Frau hat?« fragte sie scherzend. »Erlauben Se mir, daß ich Ihnen schicke ainen Schmuck, als Antenken an den Paron von Nischinguen.« »Kenn ich nicht,« sagte sie, indem sie lachte wie eine Wahnsinnige; »aber der Schmuck soll wohl aufgenommen sein, mein dicker Einschleicher.« »Sie werden ihn lernen kennen! Atiee, knädige Frau. Sie sind ein Gönigsbissen; aber ich bin nur ein armer Bangier von ieber sechzig Jahren, und Sie haben mir geßaigt, wieviel Macht die Frau hat, die ich liebe; denn Ihre iebermenschliche Schönheit hat sie nicht in Verkessenheit kepracht … « »Ai, das ist hibsch, was Sie mir da sagen,« erwiderte die Engländerin. »Nicht so hibsch wie die, die es mir einkiebt … « »Sie sprachen von treißigtausend Franken … Wem haben Sie die kekeben?« »Ihrer Gammerfrau, der Halungin! … «
Die Engländerin rief; Europa war nicht fern. »Oh!« rief Europa aus, »ein Mann im Schlafzimmer der gnädigen Frau, und nicht der gnädige Herr! … Was für ein Greuel!« »Hat er dir dreißigtausend Franken gegeben, damit du ihn einließest?« »Nein, gnädige Frau, denn soviel sind wir beide zusammen nicht wert … «
Und Europa begann so energisch um Hilfe zu rufen, daß der erschreckte Bankier zur Tür eilte, von wo aus Europa ihn die Treppe hinunterstieß … »Dicker Halunke!« rief sie ihm nach, »Sie denunzieren mich bei meiner Herrin! … Diebe! Diebe!«
Der verliebte Baron war verzweifelt, aber er konnte unverletzt seinen Wagen erreichen, der auf dem Boulevard wartete; doch wußte er jetzt nicht mehr, welchem Spion er sich anvertrauen sollte.
»Wollte die gnädige Frau mir etwa meine Verdienste nehmen?« sagte Europa, als sie wie eine Furie zu der Engländerin zurückkehrte. »Ich kenne die französischen Sitten nicht,« erwiderte die. »Aber ich brauche dem gnädigen Herrn nur ein Wort zu sagen, so werden Sie morgen vor die Tür gesetzt,« sagte Europa unverschämt.
»Die vertammte Gammerfrau«, sagte der Baron zu Georg, der seinen Herrn natürlich fragte, ob er zufrieden sei, »hat mich um treißigtausend Franken kebrellt … Aber es ist maine eikene Schuld, maine kroße Schuld!« »Also hat dem gnädigen Herrn seine Toilette nichts genützt? Teufel, ich rate dem gnädigen Herrn nicht, seine Pastillen für nichts und wieder nichts zu nehmen … « »Schorsch, ich komme um vor Verßweiflung … Mich friert … Ich hab Aiß ums Herz … Kaine Esder, main Freind!« Georg war in allen großen Angelegenheiten der Freund seines Herrn.
Zwei Tage nach dieser Szene, die die junge Europa viel amüsanter spielte, als man sie erzählen kann, denn sie fügte ihre Mimik hinzu, frühstückte Carlos mit Lucien unter vier Augen.
»Weder die Polizei, mein Kleiner, noch irgend jemand sonst darf die Nase in unsere Angelegenheiten stecken,« sagte er leise, während er sich eine Zigarre an der Luciens anzündete. »Das bekommt nicht gut. Ich habe ein verwegenes, aber unfehlbares Mittel gefunden, um unsern Baron und seine Agenten zur Ruhe zu bringen. Du wirst zu Frau von Sérizy gehen und wirst sehr artig gegen sie sein. Du wirst ihr in der Unterhaltung sagen, daß du Herrn von Rastignac, um ihm gefällig zu sein, da er von Frau von Nucingen seit langem genug hat, als Deckmantel dienst, um eine Geliebte zu verbergen. Herr von Nucingen sei nun sterblich in die Frau verliebt, die Rastignac versteckt – darüber wird sie lachen müssen –, und er hat es sich einfallen lassen, dir durch die Polizei nachzuspionieren, dir, der du völlig unschuldig bist an den Ausschweifungen deines Landsmannes und dessen Interessen bei den Grandlieus gefährdet werden könnten. Du wirst die Gräfin bitten, dir bei einem Gang auf die Polizeipräfektur die Stütze ihres Gatten zu verschaffen, der Staatsminister ist. Bist du einmal dort und stehst vor dem Herrn Präfekten, so beklage dich, aber wie ein Politiker, der bald in die ungeheure Staatsmaschine eintreten wird, um einer ihrer wichtigsten Kolben zu werden. Du wirst die Polizei als Staatsmann begreifen, und du wirst sie, einschließlich des Präfekten, bewundern. Die schönsten Maschinen machen Ölflecken oder spritzen. Werde nur im rechten Augenblick ärgerlich. Du grollst dem Herrn Präfekten keineswegs; aber ermahne ihn, seine Leute zu überwachen, und beklage ihn, daß er sie schelten soll. Je milder und je mehr Edelmann du bist, um so furchtbarer wird der Präfekt gegen seine Agenten sein. Dann haben wir Ruhe, und wir können Esther zurückkehren lassen; sie wird röhren wie die Damhirsche in ihrem Walde.«
Der damalige Präfekt war ein ehemaliger Richter. Ehemalige Richter ergeben viel zu junge Polizeipräfekten. Sie sind voll vom Recht, sie reiten auf der Gesetzmäßigkeit; ihre Hand ist nicht gewandt genug, wenn eine kritische Situation Entscheidungen nach eigenem Ermessen verlangt; denn oft muß das Handeln der Präfektur dem eines Feuerwehrmannes gleichen, der ein Feuer löschen soll. In Gegenwart des Vizepräsidenten des Staatsrats erkannte der Präfekt der Polizei mehr Nachteile zu, als sie hat; er beklagte die Mißbräuche und entsann sich des Besuches, den der Baron von Nucingen ihm gemacht hatte, um Auskünfte über Peyrade einzuziehen. Der Präfekt versprach, die Überschreitung der Befugnisse seiner Agenten zu ahnden, dankte Lucien dafür, daß er sich direkt an ihn gewandt hatte, und versprach ihm Schweigen; dabei machte er eine Miene, als verstände er die ganze Intrige. Schöne Worte über die individuelle Freiheit, über die Unverletzlichkeit des Hauses wurden zwischen dem Staatsminister und dem Präfekten ausgetauscht; und Herr von Sérizy bemerkte, wenn auch die großen Interessen des Königreichs zuweilen heimliche Ungesetzlichkeiten erforderten, so beginne das Verbrechen doch da, wo man diese Hilfsmittel des Staates in den Dienst privater Interessen stelle.
Als Peyrade am folgenden Morgen in sein teures Café David ging, um sich am Anblick der Bürger zu ergötzen, wie ein Künstler sich ein Vergnügen daraus macht, Blumen wachsen zu sehen, sprach ihn ein Gendarm in Zivilkleidung auf der Straße an. »Ich war auf dem Wege zu Ihnen,« sagte er ihm ins Ohr; »ich habe Befehl, Sie auf die Präfektur zu führen.«
Peyrade nahm einen Fiaker und stieg, ohne die geringste Bemerkung zu machen, mit dem Gendarmen ein.
Der Polizeipräfekt behandelte Peyrade, als wäre er der letzte Stockmeister des Bagnos, während er in einer Allee des kleinen Gartens der Polizeipräfektur auf und ab ging, der sich damals am Goldschmiedkai entlang zog.
»Nicht ohne Grund hat man Sie seit 1809 aus der Verwaltung entfernt … Wissen Sie nicht, welchen Möglichkeiten Sie uns aussetzen und sich selbst aus setzen? … «
Der Verweis schloß mit einem Blitzschlag. Der Präfekt verkündete dem armen Peyrade in aller Härte, daß man ihm nicht nur seine jährliche Unterstützung entzöge, sondern daß er selbst sogar einer besonderen Polizeiaufsicht unterstellt würde. Der Greis nahm diesen Wasserstrahl mit der ruhigsten Miene von der Welt auf. Nichts ist so regungslos und gleichgültig wie ein vom Blitz getroffener Mensch. Peyrade hatte sein ganzes Geld im Spiel verloren. Lydias Vater zählte auf seine Stellung, und er sah sich, abgesehen von den Almosen seines Freundes Corentin, ohne alle Mittel.
»Ich bin selbst Polizeipräfekt gewesen, ich gebe Ihnen vollkommen recht,« sagte der Greis ruhig zu dem Beamten, der in seiner richterlichen Majestät posierte und mit dem Oberkörper eine bezeichnende Bewegung machte. »Aber erlauben Sie mir, Sie, ohne mich etwa entschuldigen zu wollen, darauf aufmerksam zu machen, daß Sie mich nicht kennen,« fuhr Peyrade fort, indem er dem Präfekten einen feinen Blick zuwarf. »Ihre Worte sind entweder für den ehemaligen Generalpolizeikommissar in Holland zu hart oder für einen einfachen Spitzel nicht streng genug … Nur, Herr Präfekt,« fügte Peyrade nach einer Pause hinzu, da er sah, daß der Beamte Schweigen bewahrte, »vergessen Sie nicht, was ich die Ehre haben werde, Ihnen jetzt zu sagen. Ohne daß ich mich im geringsten in ›Ihre Polizei‹ einmische oder meine Rechtfertigung versuche: Sie werden Gelegenheit haben, zu erkennen, daß in dieser Angelegenheit irgend jemand betrogen wird: in diesem Augenblick ist es Ihr Diener; später werden Sie sagen: ›Der war ich!‹«
Und er grüßte den Präfekten, der nachdenklich zurückblieb, um sein Staunen zu verbergen. Er ging nach Hause, an Armen und Beinen gebrochen, von kalter Wut gegen den Baron von Nucingen erfaßt. Dieser plumpe Finanzier allein konnte ein Geheimnis verraten haben, das sich auf die Köpfe Contensons, Peyrades und Corentins beschränkte. Der Greis beschuldigte den Bankier, er wolle sich, nachdem er sein Ziel erreicht hatte, von der Zahlung entbinden. Eine einzige Unterredung hatte ihm genügt, um die Verschlagenheit des verschlagensten aller Bankiers zu erraten.
›Er akkordiert mit jedermann, selbst mit uns; aber ich werde mich rächen,‹ sagte der Biedermann bei sich selber. ›Ich habe Corentin nie um etwas gebeten: ich werde ihn bitten, daß er mir hilft, mich an dieser bornierten Kasse zu rächen. Verdammter Baron, du sollst erfahren, mit was für Holz ich einheize; du sollst deine Tochter eines Morgens geschändet vorfinden … Aber liebt er seine Tochter?‹
Am Abend nach dieser Katastrophe, die alle Hoffnungen des Greisen umstieß, war er um zehn Jahre gealtert. Als er mit Corentin sprach, mischte er unter seine Beschwerden die Tränen, die ihm die Aussicht in die traurige Zukunft entlockte, wie er sie seiner Tochter, seinem Idol, seiner Perle, seinem Gottesopfer vermachte.
»Wir werden diese Angelegenheit verfolgen,« sagte Corentin zu ihm. »Wir müssen zunächst in Erfahrung bringen, ob der Baron dein Denunziant ist. Sind wir vorsichtig gewesen, indem wir uns auf Gondreville stützten? Dieser alte Malin verdankt uns zuviel, als daß er nicht versuchen sollte, uns überzuschlucken; deshalb lasse ich auch seinen Schwiegersohn Keller überwachen; der ist in der Politik ein Tropf und ganz imstande, an einer Verschwörung teilzunehmen, die die ältere Linie zugunsten der jüngeren stürzen will … Morgen werde ich erfahren, was bei Nucingen vorgeht, ob er seine Geliebte gesehen hat, und woher dieser Zügelzug kommt … Verzweifle nicht. Zunächst wird der Präfekt nicht lange in seiner Stellung bleiben … Die Zeit geht mit Revolutionen schwanger, und die Revolutionen, die sind unser trübes Wasser.«
In der Straße erscholl ein eigentümlicher Pfiff.
»Das ist Contenson,« sagte Peyrade, indem er ein Licht ins Fenster stellte, »und es gibt etwas, was mich persönlich angeht.«
Einen Augenblick darauf erschien der treue Contenson vor den beiden Polizeignomen, die er wie zwei Genies verehrte. »Was gibt es?« fragte Corentin. »Neues! Ich komme aus der Hundertdreizehn, wo ich alles verloren habe. Was sehe ich unter den Galerien? … Georg! Diesen Burschen hat der Baron fortgeschickt, weil er ihn für einen Spitzel hält.«. »Das ist die Wirkung eines Lächelns, das mir entschlüpft ist,« sagte Peyrade. »Oh, wieviel Unheil, das durch ein Lächeln kam, habe ich erlebt!« sagte Corentin. »Nicht zu zählen, was durch einen Hieb mit der Gerte kommen kann,« sagte Peyrade mit einer Anspielung auf die Angelegenheit Simeuse (siehe ›Eine dunkle Begebenheit‹). »Aber laß sehen, Contenson, was geht vor?« »Dies,« fuhr Contenson fort: »Ich habe Georg zum Schwatzen gebracht, indem ich ihn kleine Gläschen in unendlich vielen Farben bezahlen ließ, die ihn betrunken machten; ich meinerseits muß wie ein Brennkolben sein! Unser Baron ist, gepfropft voll Serailpastillen, in die Rue Taitbout gegangen. Dort hat er die Schöne gefunden, die Sie kennen. Aber was für ein Possen! Diese Engländerin ist nicht seine ›Unpegannte‹! … halt. Der Baron, dem man seine Binde abnimmt, sieht in einem gleichfalls haltenden Wagen seine Unbekannte, die – hast du nicht gesehen! – verschwindet. Und der Wagen fährt ihn (Fahrt Ludwigs XVIII.) zur Brücke von Neuilly zurück, wo er seinen eigenen Wagen vorfindet. Georg hatte man ein kleines Billet dieses Inhalts in die Hand gedrückt: ›Wieviel Tausendfrankenscheine gibt der Herr Baron her, wenn man ihn mit seiner Unbekannten in Verbindung bringt?‹ Georg gibt das Billet seinem Herrn; und der Baron, der nicht daran zweifelt, daß Georg mit mir oder mit Ihnen, Herr Peyrade, im Einverständnis steht, um ihn auszubeuten, setzt Georg vor die Tür. Das ist mir ein Dummkopf von einem Bankier! Georg durfte er erst fortschicken, nachdem er ›bei der Unpegannten keschlafen hat‹.«
»Georg hat die Frau gesehen?« fragte Corentin. »Ja,« sagte Contenson. »Nun,« rief Peyrade, »wie sieht sie aus?« »Oh!« erwiderte Contenson, »er hat mir nur ein einziges Wort gesagt: eine wahre Sonne der Schönheit! … «
»Da machen sich stärkere Schelme über uns lustig, als wir es sind!« rief Peyrade. »Die Hunde werden ihr Weib dem Baron teuer verkaufen.« »Ja, mein Herr,« erwiderte Contenson auf Deutsch. »Deshalb habe ich auch, als ich erfuhr, daß man Sie auf der Präfektur geohrfeigt hat, Georg zum Schwätzen gebracht.« »Ich möchte wohl wissen, wer mich betrogen hat,« sagte Peyrade, »wir würden unsere Sporen messen!« »Müssen die Asseln spielen,« sagte Contenson. »Er hat recht,« rief Peyrade; »wir müssen in die Ritzen schlüpfen, um zu lauschen und abzuwarten … «
»Wir werden diese Version studieren,« sagte Corentin; »für den Augenblick habe ich nichts zu tun. Halte dich vernünftig, Peyrade! Wir müssen dem Herrn Präfekten immerhin gehorchen … « »Herr von Nucingen ist gut zu schröpfen,« bemerkte Contenson, »er hat zuviel Tausendfrankenscheine im Blut … « »Und da war auch Lydias Mitgift!« sagte Peyrade Corentin ins Ohr. »Contenson, komm mit, wir wollen unsern Vater schlafen lassen … Bis morgen!«
»Herr Corentin,« sagte Contenson auf der Schwelle der Tür, »was für ein reizendes Geldgeschäft hätte der Biedermann da gemacht! … He? Seine Tochter verheiraten mit dem Erlös … Haha! Man könnte ein hübsches Moralstück daraus machen, mit dem Titel: ›Die Mitgift eines jungen Mädchens‹.« »Ah, was für Organe ihr habt, ihr! … Was für Ohren!« sagte Corentin zu Contenson. »Es ist klar, die soziale Natur bewaffnet all ihre Gattungen mit den Eigenschaften, die für die Dienste nötig sind, wie sie sie von ihnen erwartet! Die Gesellschaft – das ist eine zweite Natur!« »Was Sie da sagen, ist sehr philosophisch,« rief Contenson; »ein Professor würde ein System daraus machen!« »Halte dich«, fuhr Corentin fort, indem er lächelte und mit dem Spion durch die Straßen davonging, »über alles, was in betreff der Unbekannten bei Herrn von Nucingen vorgeht, auf dem Laufenden … So im großen … keine Kniffe dabei … « »Man paßt auf, ob die Schornsteine rauchen!« sagte Contenson. »Ein Mann wie Baron von Nucingen kann nicht inkognito glücklich sein,« fuhr Corentin fort. »Übrigens dürfen wir, für die die Menschen Karten sind, uns niemals von ihnen foppen lassen!« »Bei Gott! Das wäre, als wollte der Verurteilte sich damit amüsieren, dem Henker den Hals abzuschneiden!« rief Contenson. »Du findest immer das Wörtchen, über das man lachen muß,« erwiderte Corentin, indem er sich ein Lächeln entschlüpfen ließ, das leise Falten in seine Gipsmaske zeichnete.
Diese Angelegenheit war an sich und abgesehen von ihren Ergebnissen von Wichtigkeit. Wenn nicht der Baron Peyrade verraten hatte, wer hatte dann ein Interesse daran gehabt, den Polizeipräfekten aufzusuchen? Es handelte sich für, Corentin darum, zu erfahren, ob er nicht falsche Brüder unter seinen Leuten hatte. Als er zu Bett ging, sagte er bei sich selber, was auch Peyrade sich überlegte: ›Wer ist nur zum Präfekten gegangen, um sich zu beklagen? … Wem gehört diese Frau?‹
So kamen sich, ohne daß die einen etwas von den andern wußten, Jakob Collin, Peyrade und Corentin unbemerkt immer näher; und die arme Esther, Nucingen und Lucien mußten notwendig in den schon begonnenen Kampf, den die Eigenliebe, die alle Leute von der Polizei auszeichnet, furchtbar machen sollte, mit hineingezogen werden.
Dank der Gewandtheit Europas konnte der bedrohlichste Teil der sechzigtausend Franken Schulden, die auf Esther und Lucien lasteten, getilgt werden. Das Vertrauen der Gläubiger wurde nicht einmal erschüttert. Lucien und sein Verführer konnten einen Augenblick aufatmen. Wie zwei verfolgte wilde Tiere, die am Rande irgendeines Sumpfes ein wenig Wasser schlecken, konnten sie weiter an den Abgründen hinziehen, an denen entlang der Starke den Schwachen zum Galgen oder zum Glück leitete. »Heute«, sagte Carlos zu seinem Geschöpf, »spielen wir für alles um alles; aber zum Glück sind die Karten gestichelt, und die Gegner sind sehr jung!«
Während einiger Zeit bemühte Lucien sich auf Befehl seines furchtbaren Mentors emsig um Frau von Sérizy. Wirklich durfte Lucien nicht in den Verdacht kommen, daß er ein ausgehaltenes Mädchen zur Geliebten hatte. Er fand übrigens in dem Vergnügen, geliebt zu werden, in dem Schwung des gesellschaftlichen Lebens die Scheinkraft, um sich zu betäuben. Er gehorchte Fräulein Klotilde von Grandlieu und sah sie nur noch im Bois und auf den Champs Elysées.
Am Tage, nachdem Esther im Hause des Wildhüters eingeschlossen worden war, kam das für sie rätselhafte und furchtbare Wesen, das ihr auf dem Herzen lastete, und verlangte, daß sie drei gestempelte Papiere unterschrieb, auf denen folgende Folterworte standen; auf dem ersten: ›Akzeptiert für sechzigtausend Franken‹; auf dem zweiten: ›Akzeptiert für einhundertundzwanzigtausend Franken‹; auf dem dritten: ›Akzeptiert für einhundertundzwanzigtausend Franken‹. Im ganzen waren es für dreimalhunderttausend Franken Akzepte. Wenn man schreibt: ›Gut für‹, so stellt man eine einfache Anweisung aus. Das Wort ›Akzeptiert‹ macht den Wechsel aus und unterwirft einen der Schuldhaft. Dieses Wort bedroht den, der es unvorsichtig hinschreibt, mit fünf Jahren Gefängnis, einer Strafe, die das Zuchtpolizeigericht fast niemals auferlegt und die das Kriminalgericht nur über Verbrecher verhängt. Das Gesetz über die Schuldhaft ist ein Rest der barbarischen Zeiten, der mit seiner Borniertheit das seltene Verdienst verbindet, daß er nutzlos ist, weil er die Schelme niemals trifft (siehe ›Verlorene Illusionen‹).
»Es handelt sich«, sagte der Spanier zu Esther, »darum, Lucien aus der Verlegenheit zu ziehen. Wir haben sechzigtausend Franken Schulden, und mit diesen dreihunderttausend Franken kommen wir vielleicht aus.«
Carlos datierte die Wechselbriefe um sechs Monate zurück und ließ sie auf Esther ziehen, und zwar durch einen ›von der Zuchtpolizei verkannten Menschen‹, dessen Abenteuer trotz des Aufsehens, das sie erregten, bald vergessen wurden und versanken, zugedeckt von dem Lärm der großen Julisymphonie von 1830.
Dieser junge Mann, einer der verwegensten Industrieritter, der Sohn eines Gerichtsvollziehers in Boulogne bei Paris, heißt Georg Maria Destourny. Der Vater, der sich gezwungen sah, seine Stellung unter wenig gedeihlichen Umständen zu verkaufen, ließ seinen Sohn um 1824 ohne alle Mittel zurück, nachdem er ihm jene glänzende Erziehung gegeben hatte, auf die die kleinen Bürger für ihre Kinder versessen sind. Mit dreiundzwanzig Jahren hatte der junge, glänzende Student der Rechte seinen Vater bereits verleugnet, indem er seinen Namen auf der Visitenkarte also schrieb: ›Georg d'Estourny‹. Diese Karte gab seiner Persönlichkeit einen Hauch von Aristokratie. Der elegante junge Mann war verwegen genug, sich einen Tilbury und einen Groom zu halten und die Klubs zu besuchen. Ein Wort wird alles erklären: er spielte an der Börse mit dem Gelde der ausgehaltenen Frauen, deren Vertrauter er war. Schließlich unterlag er vor dem Zuchtpolizeigericht, wo man ihn beschuldigte, sich allzu glücklicher Karten bedient zu haben. Er hatte Mitschuldige, junge Leute, die er verdorben hatte, Sklaven, die ihm schuldpflichtig waren, Gevattern seiner Eleganz und seines Kredits. Zur Flucht gezwungen, vergaß er, seine Differenzen an der Börse zu begleichen. Ganz Paris, das Paris der Luchse und der Klubs, zitterte noch vor dieser doppelten Angelegenheit.
Zur Zeit seines Glanzes hatte Georg von Estourny, ein hübscher Junge und vor allem ein guter Kerl, großmütig wie ein Räuberhauptmann ein paar Monate hindurch die Torpille begönnert. Der falsche Spanier begründete seine Spekulation auf Esthers Verkehr mit diesem berühmten Halunken, einen Verkehr, wie er den Frauen dieser Klasse eigen ist.
Georg von Estourny, dessen Ehrgeiz mit dem Erfolg immer kühner geworden war, hatte einen Mann unter seinen Schutz genommen, der aus der tiefsten Provinz gekommen war, um in Paris Geschäfte zu machen, und den die liberale Partei entschädigen wollte, weil er in dem Kampf der Presse gegen die Regierung Karls X., dessen Verfolgung sich während des Ministeriums Martignac verlangsamt hatte, mutig einige Verurteilungen auf sich nahm. Man hatte damals den Herrn Cérizet, jenen verantwortlichen Herausgeber mit dem Beinamen ›der mutige Cérizet‹, begnadigt.
Nun begründete Cérizet, den der Form halber die Spitzen der Linken begönnerten, ein Haus, das zugleich etwas von einer Geschäftsagentur, einer Bank und einem Kommissionshaus an sich hatte. Es war eine jener Stellungen, die im kaufmännischen Leben etwa jenen Dienstboten glichen, wie sie im ›Kleinen Anzeiger‹ als ›Mädchen für alles‹ annoncieren. Cérizet war sehr glücklich, sich mit Georg von Estourny liieren zu können, und der bildete ihn aus.
Esther konnte kraft der Anekdote über Ninon ganz gut als getreue Bewahrerin eines Teiles der Habe Georg von Estournys gelten. Ein Blanko-Indossament mit der Unterschrift ›Georg von Estourny‹ machte Carlos Herrera zum Herrn der Werte, die er selbst geschaffen hatte. Diese Fälschung war ganz gefahrlos, sobald nur Esther oder für sie ein anderer zahlen konnte oder zahlte. Als Carlos über das Haus Cérizet Auskünfte einzog, erkannte er in seinem Gründer eine jener dunklen Persönlichkeiten, die entschlossen sind, ihr Glück zu machen, aber … auf gesetzmäßige Weise. Cérizet, der wirkliche Vertrauensmann von Estournys, hatte große Summen in der Hand, die an der Börse in Haussespekulationen engagiert waren und die ihm erlaubten, sich Bankier zu nennen. Derlei macht man in Paris; man verachtet einen Menschen, aber sein Geld verachtet man nicht.
Carlos begab sich zu Cérizet, und zwar in der Absicht, ihn auf seine Art zu bearbeiten, denn zufällig war er Herr aller Geheimnisse dieses würdigen Partners von Estournys.
Der mutige Cérizet wohnte in einem Zwischenstock der Rue du Gros-Chenet; und Carlos, der sich geheimnisvoll melden ließ, als käme er von Georg von Estourny, überraschte den sogenannten Bankier, wie er ob dieser Meldung ganz bleich war. Der Abbé sah in einem bescheidenen Arbeitszimmer einen kleinen Mann mit spärlichem blonden Haar, und er erkannte in ihm nach der Schilderung, die Lucien ihm entworfen hatte, den Judas David Séchards.
»Können wir hier reden, ohne fürchten zu müssen, daß man uns hört?« sagte der Spanier, der sich plötzlich in einen rothaarigen Engländer mit blauer Brille verwandelt hatte und so sauber und peinlich aussah wie ein Puritaner, der in die Predigt geht. »Und weshalb?« fragte Cérizet; »wer sind Sie?« »William Barker, ein Gläubiger des Herrn von Estourny; aber da Sie es wünschen, will ich Ihnen zeigen, wie notwendig es ist, daß Sie Ihre Türen schließen. Wir wissen, Herr Cérizet, welches Ihre Beziehungen zu den Petit- Clouds, den Cointets und den Séchards in Angoulême waren.«
Bei diesen Worten stürzte Cérizet zur Tür, schloß sie, eilte zu einer zweiten Tür, die in ein Schlafzimmer führte, verriegelte sie und sagte dann zu dem Unbekannten: »Leiser, mein Herr!« Und er sah den falschen Engländer prüfend an, indem er zu ihm sagte: »Was wollen Sie von mir?«
»Mein Gott!« erwiderte William Barker, »jeder für sich in dieser Welt! Sie haben die Gelder dieses Schelms von Estourny … Beruhigen Sie sich, ich komme nicht, um sie von Ihnen zu verlangen; aber da ich ihn drängte, hat mir der Halunke, der, unter uns, den Strick verdient, diese Werte gegeben, indem er mir sagte, es sei vielleicht Aussicht vorhanden, sie einzulösen; und da ich nicht in meinem Namen pfänden will, so sagte er mir, Sie würden mir Ihren Namen nicht versagen.«
Cérizet sah die Wechsel an und sagte: »Aber er ist nicht mehr in Frankfurt … « »Ich weiß«, erwiderte Barker; »aber zur Zeit des Datums dieser Tratten kann er noch dort gewesen sein … « »Ich will keine Verantwortung tragen … « sagte Cérizet. »Dieses Opfer verlange ich nicht von Ihnen; Sie können beauftragt sein, Zahlung in Empfang zu nehmen. Quittieren Sie, und ich übernehme die Einziehung.« »Ich bin erstaunt, daß von Estourny so viel Mißtrauen gegen mich zeigt,« sagte Cérizet. »In seiner Lage«, erwiderte weniger ist, Treue! Wir werden uns wiedersehen, und ich werde dafür sorgen, daß Sie Ihr Glück machen.«
Nachdem er in diese Kotseele eine Hoffnung gesenkt hatte, die auf lange hinaus ihre Verschwiegenheit sichern mußte, ging Carlos, immer noch als Barker, zu einem Gerichtsvollzieher, auf den er zählen konnte, und beauftragte ihn, die entscheidenden Urteile gegen Esther zu erwirken. »Man wird zahlen,« sagte er zu dem Gerichtsvollzieher, »es ist eine Ehrensache; wir wollen nur ordnungsgemäß vorgehen.«
Barker ließ Fräulein Esther beim Handelsgericht durch einen Prozeßagenten vertreten, damit die Urteile vollstreckbar wären. Der Gerichtsvollzieher, den man gebeten hatte, höflich vorzugehen, tat die Prozeßakten in seine Mappe und ging selbst in die Rue Taitbout, um das Mobiliar zu pfänden; er wurde von Europa empfangen. Als die Schuldhaft einmal verhängt worden war, stand Esther scheinbar unter dem Druck von dreihundert und einigen tausend Franken unbestreitbarer Schulden.
Carlos stürzte sich dabei nicht in große Erfindungskosten. Dieser Schwank der falschen Schulden wird in Paris sehr oft gespielt. Es gibt dort ›Unter‹-Gobsecks, ›Unter‹-Gigonnets, die gegen eine Provision zu diesem Kalauer bereit sind, denn sie scherzen über diesen ehrlosen Streich. Es ist das eine Erpressung gegen widerspenstige Eltern oder filzige Liebhaber, die angesichts einer brennenden Notwendigkeit oder einer angeblichen Entehrung ›in den sauren Apfel beißen‹. Maxime von Trailles hatte sich dieses Mittels sehr oft bedient; entnommen ist es den Komödien des alten Repertoires. Nur hatte Herrera, der die Ehre seines Gewandes und Luciens retten wollte, seine Zuflucht zu einer gefahrlosen Fälschung genommen, die freilich oft genug vorkommt, um eben jetzt die Justiz gegen sie ins Feld zu rufen. Es gibt, so sagt man, in der Umgebung des Palais Royal eine Börse falscher Werte, wo man eine Unterschrift für drei Franken erhält.
Ehe Carlos die Frage dieser hunderttausend Taler anschnitt, die an der Tür des Schlafzimmers Posten stehen sollten, nahm er sich vor, Herrn von Nucingen zunächst weitere hunderttausend Franken zahlen zu lassen. Die Art und Weise war diese.
Auf seinen Befehl gab Asien sich dem verliebten Baron gegenüber als alte Frau aus, die in den Angelegenheiten der schönen Unbekannten auf dem laufenden war. Bisher haben die Sittenschilderer zwar viele Wucherer auf die Szene gebracht; aber man hat die Wucherin, die heutige Kleiderhändlerin, vergessen, eine höchst merkwürdige Persönlichkeit, die die wilde Asien spielen konnte, denn sie besaß zwei Geschäfte, eins auf dem Trödelmarkt, das andere in der Rue Neuve Saint-Marc, die beide von ihr ergebenen Frauen geleitet wurden. »Du wirst dich wieder in die Haut der Frau von Saint-Estève stecken,« sagte Herrera zu ihr. Er wollte Asien in ihrem Kostüm sehen.
