Kitabı oku: «Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache», sayfa 4

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1.4.1 Fachdisziplin

Wissenschaftsdisziplin

Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation versteht sich als wissenschaftliche Disziplin mit wissenschaftlichen und anwendungsbezogenen Bezügen (Schad 2014; Grohnfeldt / Ritterfeld 2005). Dabei wird der Mensch mit seinem individuellen Erscheinungs-, Kompetenz- und Handlungsbild in Bezug zu seinem Umfeld und der Gesellschaft in den Mittelpunkt gestellt (Kap. 2). Aus dieser Sicht heraus wird die Pädagogik bzw. die Erziehungswissenschaft als Leitwissenschaft verstanden. Außerdem ist das Fach interdisziplinär auf verschiedenen Ebenen mit den Bezugswissenschaften der Linguistik, Medizin und Neurowissenschaften sowie der Psychologie, Semiotik (Wissenschaft von den Zeichen), Soziologie und Philosophie verbunden. Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation gilt somit auch als Integrationswissenschaft für sprachpädagogische und sprachdidaktische Aufgabenstellungen (Kap. 2).

Bereiche

Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation beinhaltet die Bereiche der Sprachpädagogik sowie der pädagogischen Sprachtherapie. Beide Bereiche zielen innerhalb des Bildungs- und Gesundheitswesens auf Bildungs- und Teilhabeorientierung ab. In der Anwendung des Faches auf der Grundlage sprachdidaktischer und / oder sprachtherapiedidaktischer Ansätze steht in beiden Ausrichtungen der Mensch im Hinblick auf seine persönliche und gesellschaftliche Verwirklichung im Mittelpunkt. Dabei können einerseits stärker sprachliche Lehr-Lern-Prozesse in Bildungskontexten im Schwerpunkt stehen oder andererseits mehr sprachtherapeutisch rehabilitative Prozesse in Einrichtungen des Gesundheitswesens (Grohnfeldt 2014c). Trotz historisch gewachsener und zumeist administrativ-struktureller Schwerpunktsetzungen weisen beide Bereiche immer auch integrierende Anteile des anderen Bereiches auf und schaffen somit eine Grundlage für Synergieeffekte in der Arbeit mit Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen (Kap. 2) – dies gerade auch im Zuge der Inklusion.

1.4.2 Professionsstrukturen

Kontext der Professionsentwicklung

Die Entwicklung der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation in Deutschland führte zu unterschiedlichen Professionsfeldern im schulischen und außerschulischen Kontext. Im historischen Verlauf leitender Menschenbilder, wissenschaftlicher Erkenntnisse, methodologischer Grundlagen, beeinflussender Umwelt-Kontexte, berufsständischer Strömungen, finanzpolitischer Zusammenhänge und administrativ-organisatorischer Rahmenbedingungen formierten sich diverse Berufsgruppen im Zusammenhang mit teils unterschiedlichen und teils einander überschneidenden Aufgaben- und Handlungsbereichen (Grohnfeldt 2014b, 2014d) (Kap.4).

Professionsgruppen

Im Wesentlichen existieren in Deutschland nachfolgende Berufsgruppen, die im Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation tätig sind (Kap. 4):

 Förderschullehrerin,

 Akademische Sprachtherapeutin ,

 Logopädin,

 Atem-, Sprech- und Stimmheillehrerin,

 Sprachförderfachkraft.

Vielfalt der Professionsstrukturen

Die Berufsgruppen, die mit Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen arbeiten, weisen unterschiedliche Merkmale innerhalb der Professionsstrukturen auf:

 Fähigkeiten und Handlungskompetenzen, die eine Fachkraft für spezifische Aufgabenbereiche und Handlungsfelder benötigt,

 Ausbildungswege zum Erwerb entsprechender Kompetenzprofile und festgelegter Abschlüsse,

 Klientel der Menschen mit sprachlich-kommunikativen professionellen Unterstützungsbedarfen in verschiedenen Lebensphasen,

 Organisationseinheiten, in denen entsprechende professionellen Aufgaben ausgeführt werden,

 Kostenträger zur Finanzierung der professionellen Tätigkeit.

1.4.3 Gegenstand und Klientel

deskriptive Klassifikation

Der fachliche Gegenstand der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation umfasst eine Vielfalt an Erscheinungsformen. Diese Vielfalt kann nach unterschiedlichen Ordnungskriterien strukturiert werden. Zunächst können die unterschiedlichen Erscheinungsformen deskriptiv erfasst und auf der Symptomebene beschrieben bzw. entsprechend eingeteilt werden, z. B. in Störungen der Aussprache, des Wortschatzes, der Grammatik usw. Ein klassisches Klassifikationsschema folgt der Grob-Unterteilung nach den Aspekten der Sprache, des Sprechens, der Rede, der Stimme und des Schluckens. Somit sind folgende Störungsbereiche grob zu erfassen (Grohnfeldt 2012) (Kap. 5):

 Sprachstörungen,

 Sprechstörungen,

 Redestörungen,

 Stimmstörungen,

 Schluckstörungen.

ätiologische Klassifikation

Außerdem können Erscheinungen auch ätiologisch systematisiert und auf der Ursachenebene erklärend erfasst werden. Dazu wäre eine Klassifikation nach Ursachen oder Ursachenbündeln von Störungen und Problemfeldern möglich (Braun 2006) (Kap. 5):

 entwicklungsbedingt, z.B. Sprachentwicklungsstörung,

 organisch bedingt im Bereich der peripheren Funktion, z.B. Zustand nach Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder im Bereich der zentralen Funktion, z.B. Aphasie,

 psychisch bedingt, z.B. Sprechangst,

 erblich-genetisch bedingt, z.B. sprachliche Erscheinungen im Zusammenhang mit Trisomie 21,

 sozio-kulturell bedingt, z.B. durch benachteiligte Lebenslagen.

Möglichkeiten und Grenzen von Klassifikationen

Auf der Basis der vorgenannten Klassifikationsschemata erfolgte früher eher eine quantitative Bestimmung im Sinne des Schweregrades von Störungen. Immer mehr wurde erkannt, dass eine qualitative Sichtweise notwendig ist, um die Erscheinungsvielfalt im Bereich sprachlich-kommunikativer Beeinträchtigungen differenziert erfassen sowie geeignete Interventionsstrategien entwickeln zu können. Allerdings wirft eine Klassifikation immer auch Schwierigkeiten auf, da eine Untergliederung in vermeintlich homogene Gruppen die Individualität der betroffenen Menschen verfälschen kann.

demographischer, sozioökonomischer, technischer Wandel

Unser Fach wird auch weiter in der Perspektive neuer gesellschaftlicher Herausforderungen die Klassifikation von Phänomenen im Bereich der Sprache und Kommunikation anpassen müssen. Im angloamerikanischen Raum widmet sich unser Fach schon seit längerer Zeit neben den klassischen Störungsbildern zusätzlichen Erscheinungsformen (Schraeder 2013, ASHA 2005). Dort reagiert man bereits auf den Trend des demografischen, sozioökonomischen und technischen Wandels. Vor diesem Hintergrund erschließen sich zusätzlich folgende Erscheinungsformen:

 Erscheinungen im Kontext von Cultural and Linguistic Diversity (kulturelle und sprachliche Vielfalt),

 sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen im Alter,

 Sprache und Kommunikation unter Armutsbedingungen,

 Sprachentwicklung und Sprachgebrauch im Zusammenhang mit neuen Medien und digitalen Netzwerken.

Identitätsbildung und Partizipation

Darüber hinaus müssen mittlerweile weltweit Anforderung der Inklusion einbezogen werden. So bestehen weitere Überlegungen, die Identitätsbildung der betroffenen Menschen im Zusammenhang mit ihren sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen in den Blick zu nehmen. Ebenso sind nicht nur Erscheinungen oder Störungen des Subjektes, sondern gleichfalls die Partizipationsmöglichkeiten innerhalb der Gesellschaft sowie innerhalb der Bildungschancen in Betracht zu ziehen. Diese neuere Sichtweise erweist sich komplexer und mehrdimensionaler und findet damit Anschluss an eine inklusive Pädagogik. Hierbei werden sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen mit anderen (primären) Unterstützungsbedarfen in Beziehung gesetzt (Kap. 5), nämlich sprachliche Beeinträchtigungen im Kontext von

 Beeinträchtigungen des Hörens, z.B. phonetisch-phonologische Störungen im Zusammenhang mit einer Schallleitungsschwerhörigkeit,

 Beeinträchtigungen des Lernens, z.B. morphologisch-syntaktische Störungen im Zusammenhang mit dem Schriftsprachlernen,

 Beeinträchtigungen der emotionalen und sozialen Entwicklung, z.B. Redeflussstörungen im Zusammenhang mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS),

 Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung, z.B. Sprachentwicklungsstö-rung im Zusammenhang mit einer Autismus-Spektrum-Störung,

 Beeinträchtigungen der körperlichen und motorischen Entwicklung, z.B. zentrale Störungen der Sprechmotorik im Zusammenhang mit einer infantilen Cerebralparese.

1.4.4 Aufgabenbereiche und Handlungsfelder

Aufgaben des Faches

Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation weist verschiedene Aufgabenbereiche wie auch unterschiedliche Handlungsfelder auf (Lüdtke 2014b; Grohnfeldt 2010). Zu den Aufgabenbereichen zählen:

 Diagnostik (Kap. 5),

 Prävention (Kap. 7),

 Förderung (Kap. 7),

 Unterricht(Kap. 6 u. 8),

 Therapie (Kap. 6 u. 9),

 Beratung (Kap. 8),

 Bildung, Erziehung (Kap. 2) und

 Evaluation, Innovation (Kap. 3).

adressatenbezogene Handlungsfelder

Handlungsfelder des Faches sind auch hinsichtlich des Adressatenbezuges strukturell zu erfassen. Dabei erfolgen fachliche Aufgaben im Fokus der Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Lebensphasen. Somit muss auf die besondere Bedürfnislage adäquat eingegangen werden, z.B. in der Arbeit mit Säuglingen, Kleinkindern, Schulkindern, Jugendlichen, Erwachsenen sowie älteren Menschen (Kap. 4).

organisationsbezogene Handlungsfelder

Ferner lassen sich Handlungsfelder des Faches nach den möglichen Organisationseinheiten zur Ausführung oben benannter Aufgaben sowie der Kostenträger zur Finanzierung der professionellen Tätigkeit strukturieren, z.B. Arbeit in Krippe, Kindertagesstätte, Schule, sprachtherapeutischer und logopädischer Praxis, Klinik, Beratungsinstitutionen, wissenschaftlichen Instituten (Kap. 4).

1.4.5 Inklusion

Akzeptanz der Vielfalt

Die Perspektive der vollen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und an hochwertiger Bildung steht seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (United Nations 2006) durch die Bundesregierung im Jahr 2009 besonders im Fokus. Nicht-Aussonderung und Nicht-Diskriminierung wurden zwar auch in Zeiten von Integrationsbestrebungen verfolgt. Allerdings vermag erst der Leitgedanke der Inklusion eine konsequente Umsetzung der Akzeptanz von Vielfalt zu schaffen. So gilt Inklusion als unumgänglicher und zunehmend wichtiger Aufgabenbereich des Faches, um die sprachlich-kommunikativen Verwirklichungsmöglichkeiten aller Menschen zu fördern und zu sichern. Dabei sind folgende Aspekte vertieft zu berücksichtigen (Kap. 8):

 Paradigmenwandel der klassischen „Sprachheilpädagogik“ in der Perspektive zur Inklusion,

 internationale Bezüge und Vergleiche der Inklusionsbestrebungen,

 Klärung der Inklusionsdebatte im Förderschwerpunkt Sprache,

 Öffnung des Berufsbildes der Akademischen Sprachtherapie für schulische Zusammenhänge.

1.4.6 Internationalisierung und Globalisierung

national und international

Im Zeichen zunehmender Globalisierung gesellschaftlicher Zusammenhänge ist es von großer Bedeutung, internationale Aufgaben- und Handlungsfelder zu erschließen sowie nationale und internationale Erscheinungen und Vorgänge im Zusammenhang zu verstehen. Daraus ergeben sich auch für das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation relevante Überlegungen (Kap. 10):

 Ethik als individuelle und globale Perspektive,

 Kultursensibilität als wesentlicher Aspekt der international vergleichenden Forschung,

 interkulturelle Kompetenz als Notwendigkeit in der Ausbildung,

Zusammenfassung

Dieses erste Kapitel hat für alle weiterführenden Überlegungen die aktuelle Positionierung des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation bestimmt. Dazu war eine Einarbeitung in wissenschaftstheoretische Grundlagen notwendig. Von hier aus ist es nun möglich, die vielfältigen Praxisphänomene und Konzeptualisierungsebenen sowie die unterschiedlichen Paradigmen und Terminologien unseres Faches zu reflektieren. Gleichzeitig wurden auch die zentralen Begriffsfelder des Faches umrissen, die nun in den einzelnen weiterführenden Kapiteln ausdifferenziert und im Detail erläutert werden können.

Prüfungsfragen und -antworten zu diesem Kapitel im Online-Zusatzmaterial zu diesem Buch.

2 Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation als Integrationswissenschaft

Im zweiten Kapitel dieses Buches wird der Charakter des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und Kommunikation als Integrationswissenschaft erläutert. Dazu wird zunächst das Gefüge aus Pädagogik als Leitwissenschaft mitsamt ihren vielfältigen Bezugswissenschaften dargestellt. Anschließend werden sprachphilosophische und anthropologische Grundlagen unter dem Fokus unseres Faches – der Mensch in seiner Sprachlichkeit – erörtert. Abschließend werden pädagogische Grundlagen der Sprachpädagogik und pädagogischen Sprach- und Kommunikationstherapie im Hinblick auf Bildung und Erziehung erklärt.

 LernzielePädagogik als Leitwissenschaft für das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation verstehen (Kap. 2.1),sprachphilosophische und anthropologische Grundlagen unseres Faches reflektieren (Kap. 2.2),pädagogische Grundlagen des Faches kennen und daraus relevante Fragestellungen für die Sprachpädagogik und die pädagogische Sprach- und Kommunikationstherapie ableiten (Kap. 2.3).

2.1 Pädagogik als Leitwissenschaft

Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation wird seit Bestehen stets als Integrationswissenschaft verstanden (Knura 1982). Dazu existieren die Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft als Leitwissenschaft (Kap. 1) und weitere Disziplinen als Bezugswissenschaften, welche von der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation integriert werden (Abb. 8).


Eine Integrationswissenschaft bezeichnet eine Wissenschaftsdisziplin, die unterschiedliche Teilbereiche anderer Wissenschaftsdisziplinen rezipiert. In der Forschungsarbeit werden Erkenntnisse und Ansätze der anderen Wissenschaftsdisziplinen analysiert und unter dem Fokus und Gegenstandsbereich des eigenen Faches adaptiert und integriert. Derartige Integrationswissenschaften werden auch als interdisziplinär ausgerichtete wissenschaftliche Fachrichtungen beschrieben.

Unter Leitwissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin zu verstehen, die als maßgebliche Orientierung für ein Fach zu sehen ist. Die Denkmuster und Erklärungsansätze einer leitenden Wissenschaftsdisziplin bestimmen primär die

Ausrichtung eines Faches und den Fokus der Analyse, Rezeption, Reflexion, Adaptation und Integration anderer Wissenschaften.

Eine Bezugswissenschaft liefert theoretische Ansätze und Erkenntnisse, die in einer anderen Disziplin als Wissensgrundlage und Erklärungsmuster genutzt werden können. In der Zusammenführung innerhalb einer Integrationswissenschaft können mit dem Wissen mehrerer Bezugswissenschaften spezifische und komplexe Fragestellungen beantwortet werden.


Abb. 8: Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation als Integrationswissenschaft

Komplexität der Praxisphänomene

Warum aber hat unser Fach seit jeher diesen integrativen Charakter? Dies wird deutlich, wenn wir uns die Komplexität unserer fachlichen Aufgabenstellungen auf der Ebene der Praxisphänomene anschauen. Dazu wird eine weitere Situation des Jungen aus dem Fallbeispiel 3 Bastian (Kap. 1) geschildert und im Anschluss daran im Hinblick auf Erkenntnisse der Bezugswissenschaften beleuchtet.


Im Unterricht der zweiten Klasse werden Zeichnungen von den Schülerinnen und Schülern über ihre Wochenenderlebnisse angefertigt. Die Zeichnungen fungieren als Grundlage für anschließende Erzählungen der Kinder. Bastian versucht der Lehrerin seine gezeichnete Figur aus dem Fernsehen näher zu erläutern. Die Lehrkraft kann jedoch den undeutlich ausgesprochenen Namen der Figur nicht verstehen. Bastian wiederholt mehrmals den Namen. Auch auf Nachfrage der Lehrerin und Benennungsversuchen ihrerseits gelingt keine eindeutige Aufl.ösung. Ebenso wenig führen Bastians mimische und gestische Unterstützungen zum Erfolg. Er zeigt sich höchst verunsichert, da er doch genau weiß, wie die Figur heißt. Zudem spricht er auch den Namen der Figur mit ganz besonderer Konzentration aus. Bastian schickt nun Hilfe suchende Blicke an seine Mitschülerinnen und Mitschüler. Es dauert eine Weile und wirkt wie eine Erlösung, als ein Mädchen endlich den rettenden Einfall hat und „Spongebob!“ ruft.

Bezugsdisziplinen des Faches

Das oben geschilderte Fallbeispiel wird im Folgenden vor dem Hintergrund der Bezugsdisziplinen des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation hinsichtlich einzelner Aspekte analysiert und anschließend pädagogisch zusammengeführt.

Semiotik Soziologie

Der Junge versucht in der Unterrichtssituation mehrmals ein bestimmtes Zielwort – Spongebob – korrekt auszusprechen. Er ist sich dabei über den Inhalt genau im Klaren und möchte darüber etwas erzählen. Er unterstützt sein Sprechen mit den nonverbalen Mitteln der Mimik, Gestik und des Hilfe suchenden Blickkontaktes. Diese vielfältigen kommunikativen Zeichen, die der Junge in der Gesprächssituation auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen anwendet, können durch die Wissenschaftsdisziplin der Semiotik erklärt werden.

Soziologie

Weiter zeigt das Fallbeispiel, dass der Schüler sprachlichen Normen, hier der korrekten Aussprache bzw. Artikulation, nicht entsprechen kann. Da Bastian spürt, dass die Lehrerin ihn deshalb nicht versteht, verstärkt sich sein bereits bestehendes Störungsbewusstsein. Auch wenn die Lehrerin ihrerseits alles tut, um Bastians Leidensdruck durch ihre Reaktion auf seine beeinträchtigte Aussprache nicht noch zu verschlimmern, so ist sie wiederum in der Zwickmühle, dass sie sowohl seine mündlichen Unterrichtsbeiträge als auch deren ebenfalls fehlerhaften Verschriftlichungen leistungsmäßig mit Noten beurteilen muss Dieses komplexe Rahmenthema der Vermittlung sprachlicher Normen sowie deren institutioneller, gesellschaftlicher und kultureller Kontext kann mit der Bezugswissenschaft der Soziologie, insbesondere der Sprachsoziologie (Erforschung des Wechselverhältnisses von Sprache und Gesellschaft), reflektiert werden.

der korrekten

Versucht man die nicht-gelingende Kommunikation zwischen Bastian und seiner Lehrerin auf einer noch tiefer liegenden Ebene zu verstehen, so stößt man auf das existenzielle Grundthema aller Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen: die Verletzlichkeit bzw. Vulnerabilität der Person in ihrem Kern. Aber auch die Lehrerin ist mit dem Thema Vulnerabilität konfrontiert, und zwar nicht nur mit der des Jungen, sondern auch mit ihrer eigenen, beispielsweise in Form ihrer Ungeduld oder Befremdungsreaktion im Umgang mit Beeinträchtigungen. Mit der Reflexion des individuellen wie gesellschaftlichen Umgangs mit Anders-Sein bzw. sprachlicher Differenz befasst sich die Philosophie, speziell die Sprachphilosophie.

Linguistik, Medizin, Neurowissenschaften

Im Fallbeispiel wird deutlich, dass die Aussprache des Jungen stark beeinträchtigt ist. Dagegen entspricht seine Sprach- und Kommunikationsfähigkeit den Erwartungen, da er die alternativen Benennungsangebote der Lehrerin – „Kung Fu Panda“ und „Star Wars“ – unmissverständlich als falsch zurückweist. Es gilt also herauszufinden, ob Bastians unverständlicher Lautbildungsprozess seine Ursachen beispielsweise in der Mundmotorik, in der auditiven Wahrnehmung oder in der phonematischen Differenzierung hat. Mit den Erkenntnissen der Linguistik, Medizin und Neurowissenschaften können solche Aspekte der Sprachrezeption, Sprachverarbeitung und Sprachproduktion – hier auf Ebene der Phonetik und Phonologie – erklärt werden

Psychologie

Die Situation, nicht verstanden zu werden und damit auch noch unangenehm im Mittelpunkt zu stehen, kann verletzen. Bastians Emotionen und seine Motivation weiterzusprechen werden davon negativ beeinflusst. Erst durch das Verständnis und die Hilfe des Mädchens kann sich sein Selbstwertgefühl wieder stabilisieren. Die wesentliche Rolle solcher relationaler Emotionen im sozial-intersubjektiven Kommunikationskontext kann mit der Bezugswissenschaft der Psychologie, v.a. der Entwicklungspsychologie und Neuropsychologie, analysiert werden

Pädagogik / Erziehungswissenschaft

Wird das Fallbeispiel in der Gesamtheit betrachtet, zeigt sich die pädagogische Dimension: Auswirkungen der sprachlichen Beeinträchtigungen des Jungen zum einen auf den gesamten schulischen Lernprozess, zum anderen auf seine Identitätsbildung, seine Peergroup-Zugehörigkeit und seine gesellschaftlich-kulturelle Teilhabe sind mehr als nur zu erahnen Auch die Lehrerin braucht Unterstützung, den Lernprozess in dieser wie in anderen Situationen günstig zu beeinflussen. Die Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft liefert hierzu Ansätze, die sich mit theoretischen und anwendungsbezogenen Aspekten von Bildung und Erziehung beschäftigen Lehren und Lernen unter besonderen Bedingungen, wie beispielsweise bei sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen, wurde dabei von jeher als „Pädagogik und nichts anderes“ (Moor 1974, 273) verstanden (Lüdtke / Bahr 2005).

Komplexität des Faches

Die interdisziplinäre Analyse des Fallbeispiels macht deutlich, dass Studierende und professionell tätige Personen des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation auf Erkenntnisse aus den Bezugswissenschaften der Semiotik, Soziologie, Philosophie, Linguistik, Medizin, Neurowissenschaften und Psychologie Bezug nehmen und diese pädagogisch geleitet integrieren müssen, um die vielen sprachpädagogischen und sprachtherapeutischen Aufgaben der Praxis lösen zu können. Diese spezifischen Aufgaben betreffen u.a. Diagnostik (Kap. 5), Prävention und Förderung (Kap. 7), Unterricht (Kap. 6 und 8), Therapie

(Kap. 6 und 9), Beratung (Kap. 8), Bildung und Erziehung (Kap. 2), Evaluation sowie Innovation (Kap. 3).

pädagogische Ganzheit

Die Notwendigkeit, viele einzelne Wissensmomente dabei nicht additiv nebeneinanderzustellen, sondern zu einer pädagogischen Ganzheit zu integrieren, gilt nicht nur für Bastian, sondern für alle Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen in der gesamten Lebensspanne vom Säuglingsalter bis hin zum älteren Menschen (Abb. 8).


Literaturempfehlungen zu den Bezugswissenschaften

Ammon, U., Dittmar, N., Mattheier, K. J., Trudgill, P. (Hrsg.) (2005): Soziolinguistik. Ein internationales Handbuch zur Wissenschaft von Sprache und Gesellschaft. 2. Aufl. de Gruyter, Berlin Fiori, A., Deuster, D., Zehnhoff-Dinnesen, A. G. am (2012): Hören und Sprechen. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 277-289 Jaspers, J. (2012): Norm und Differenz. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 49-59 Karnath, H.-O., Thier, P. (Hrsg.) (2012 ): Kognitive Neurowissenschaften. 3.

aktual. u. erw. Aufl. Springer, Berlin Kauschke, C., Huber, W., Domahs, F. (2012): Spracherwerb und Sprachverlust. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 246-276 Klann-Delius, G. (2008): Spracherwerb. 2. aktual. und erw. Aufl. Metzler, Stuttgart

Kristeva, J., Gardou, C. (2012): Behinderung und Vulnerabilität. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 39-48 Newen, A., Schrenk, M. (2008): Einführung in die Sprachphilosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt Nöth, W. (2012): Zeichen und Semiose. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 161-176 Nöth, W. (2000): Handbuch der Semiotik. 2. Aufl. Metzler, Stuttgart Rupp, E. (2012): Sprache und Gehirn. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 230-245

Schindelmeiser, J. (2014): Anatomie und Physiologie für Sprachtherapeuten. 3. Aufl. Urban u. Fischer, München

Trevarthen, C. (2012): Intersubjektivität und Kommunikation. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 82-157

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