Kitabı oku: «Der siebte Skarabäus», sayfa 2
Teil 1 der Heldenreise
Die Erziehung des Helden und Entwicklung zur
Eigenständigkeit
Der Narr, Karte 0 der Heldenreise
Das Unterbewusstsein der Menschen unterscheidet sich in keinem Volk der Erde. Alle kennen die gleichen Märcheninhalte, verstehen dieselben Symbole und besitzen den identischen Archetypen.
Jede Heldenreise beginnt als Narr, um unsere Eigenheiten und Stärken zu entdecken.
Der Narr wird noch nicht durch festgefahrene Meinungen blockiert. Alle Wege stehen ihm offen. Unbekümmert trampelt er los, nur sein kleiner Hund schützt ihn vor dem Abgrund.
Diese Karte erscheint, wenn wir uns festfahren. Sie fordert dazu auf, das Kind in uns zu wecken, gibt die Kraft, die den Stillstand verhindert und ermuntert uns, den Sprung ins Dunkle zu wagen.
Großes vollbringen immer wieder diejenigen, bei denen wir es uns nicht vorstellen können. Die Lösung kommt nie von dort, wo wir sie erwarten, sondern immer vom Narren.
***
Aram
Hör zu. Du musst wissen, es ist mir zu Ohren gekommen, und nur Gott alleine kennt die wahre Geschichte …
In einer fernen Zeit in einem fernen Land, so wird erzählt, wurde in einem Dorf, das immun gegen den Lauf der Zeit war, ein Knabe geboren. Sein erster Schrei war bemerkenswert. Hoffnungsvoll nannten sie ihn Aram, nach seinem Großvater, und begrüßten ihn mit einer Gewehrsalve, denn nur in einer starken Sippe lebten sie sicher.
Er war der Erstgeborene einer Frau, die noch nicht ganz dem Mädchenalter entwachsen war, und des ältesten Sohnes eines Familienoberhauptes. Somit wurde er zum Kronprinzen eines Stammes ausersehen, der beinahe so viele Mitglieder zählte wie die Schweiz Einwohner.
Nicht nur aufgrund seines Geburtsrechts galt er als Anführer, er bewies sich auch als Alfa-Tier der Alfa-Tierchen.
Ausgestattet mit Kriegergenen bis unter die Schädeldecke, kräftig, wild und ohne Furcht, war er so glücklich, wie es nur Kinder sein können, für die weder das Gestern noch das Morgen existiert, sondern nur das Heute.
Ihr Dasein war hart und geprägt von Hunger. Lange vor dem Abendessen saßen die Kinder auf dem Boden vor der offenen Kochstelle, und aus spielenden Geschwistern wurden Feinde, die bereit waren, ihre karge Mahlzeit zu verteidigen.
Die Erziehung der Nachkommen übernahm, wie es üblich war, der Großvater. Er brachte ihnen die wichtigsten Regeln ihres Volkes bei wie das Gesetz der Gastfreundschaft und die Notwendigkeit, Beleidigungen zu rächen.
Mit Aram hatte er eine rahmenfüllende Aufgabe übernommen. Er war nicht schwererziehbar, aber schwer zu erziehen.
„Junge, lerne deine Kraft zu zügeln. Wenn du deine Freunde behalten möchtest, dann lass sie auch mal gewinnen. Du weißt, dass du der Stärkere bist. Wozu brauchst du noch Beweise?“
„Junge, lerne endlich eine gesunde Furcht. Ein Stier, der mit den Hufen scharrt, will nicht mit dir spielen. Und jetzt verschwinde, hilf deiner Großmutter.“
Aram fürchtete und respektierte seinen Großvater gleichermaßen. Ein Blitz aus dessen Augen oder ein vorgestreckter Zeigefinger reichte aus, um aus dem Straßenkater ein folgsames Kätzchen zu machen.
Aber das hier war jetzt wirklich eine ungerechte Strafe! Großmutter beaufsichtigte doch die Babys. Niemand hier nahm ihn erst. Die ließen ihn nicht einmal abends mit seinen Onkeln die Bettlacken nach Schlangen kontrollieren. Maulend suchte er seine Großmutter, die sicher wieder entzückt irgendwo irgendwelche schreiende Babys wiegte.
Den Haushalt der Familie, verteilt auf ihre drei Häuser, die mittlerweile so überbevölkert waren, dass sich die Wände nach außen bogen, erledigten die Schwiegertöchter. Eine Woche arbeiteten sie in der Küche, eine auf dem Hof und eine im Haus. Danach waren sie für eine weitere freigestellt, die sie gelangweilt dazu benutzten, Streit anzuzetteln.
Wie sollten sie sich auch sonst beschäftigen? Ins nächste Dorf spazieren, das genauso erbärmlich aussah wie ihres? Ihre Mutter besuchen, die mit 50 Jahren bereits verbraucht war und ihre Leiden an der Tochter ausließ? Lieber schwitzten sie im Küchenhaus, bemängelten das Feuer und stießen hier etwas um, beschmutzten dort etwas.
„Was machst du da! Hat man dir nicht beigebracht, die Kartoffeln sparsam zu schälen? Wie auch! Wo du herkommst, gibt es ja keine Kartoffeln.“
„Dumme Kuh! Meine Familie ist reicher als deine. Ich wurde mit zehn Jahren verlobt. Du warst schon alt, als dich endlich ein Mann aufnahm.“
„Bist du eifersüchtig? Vielleicht hast du ja seine prächtigen Waden gesehen? Hörst du, wie er mich Nacht für Nacht aufsucht?“
„Was nutzen dir schöne Beine, wenn er sonst nichts taugt. Ich habe drei Söhne, du nur eine Tochter.“
Wie ein Erdbeben fühlte sich der Streit an und endete erst, wenn ein Onkel dazwischen ging.
Aram streifte trotz brennender Sonne barfuß durch das halbverfallene Dorf - Schuhe konnten sie sich nicht leisten - und übte seine späteren Aufgaben als Befehlshaber der Streitmacht des Stammes, indem er die Kinder des Dorfes herumhetzte. Begeistert hing er seinen überbordenden Phantasien nach, in denen er sich als der größte Krieger aller Zeiten wähnte und bewaffnete sich mit allem, was er als brauchbar erachtete. Er baute ein gut getarntes Waffenlager, ernannte Vasallen und trainierte seine Kampfstärke. Jeder, der sich nicht rechtzeitig drücken konnte, wurde verpflichtet.
Leider zeigte Großvater keine Begeisterung über seine heroischen Pläne. „Ein Krieger willst du werden? Drei Kriege habe ich erlebt. Mein Vater musste kämpfen, mein Großvater musste kämpfen, so wie alle unsere Vorfahren kämpfen mussten. Ich bete, dass du nie erleben musst, wie es sich anfühlt, wenn andere Völker unser Land als das Schönere empfinden. Spiel Fußball!“
Fußball wäre nicht schlecht, eine weitere Kampfart. Aber dazu war der Diebstahl einer Melone zwingend, was dann auch wieder bestraft wurde. Und barfuß gegen eine Melone kicken? Das war seiner nicht würdig. Und überhaupt. Seine Füße wurden noch gebraucht, wenn er in die Schlacht marschierte.
Arams Kriegergene waren stärker als seine Gehorsamkeit. Den Großvater stufte er höchstens als ernstzunehmenden Gegner ein, weshalb er ein Frühwarnsystem einführte. Wenn das dann mal Lücken aufwies, und ein brüllender Gjysh (Großvater) brach durch, fand Aram kein Versteck, das ihm sicher genug erschien und wechselte von einem Unterschlupf zum nächsten, bis er vergaß, wovor er auf der Flucht war.
Regelmäßig wurde die Familie mit Babys versorgt. In kurzer Zeit hatte er sieben Brüder, womit sein Vater als reich angesehen wurde. Er hatte gute Arbeit geleistet.
Ein Bub starb, weil Gott es so wollte. Die Trauer war unermesslich, doch niemand stellte dieses Schicksal in Frage.
„Gott hat ihn gebraucht, was willst du da machen?“
Überraschend bekamen die Brüder mit einem Abstand von 11 Jahren zum jüngsten Sohn noch eine Schwester. Branca mutierte zur meistgeküssten Prinzessin. Wo immer sie erschien, erstrahlten gleich mehrere Brüder, die sie entzückt hochhoben. Was immer sie anstellte, die Brüder applaudierten begeistert. Sie fühlte sich wie der Mittelpunkt der Erde und wuchs im Glauben auf, für Männer das Wasser in der Wüste zu sein.
Mittlerweile mussten die Großeltern eine beachtliche Schar Kinder im Auge behalten, denn auch die Onkel waren fleißig gewesen. Doch nach einem harten Arbeitsleben die schmerzenden Gelenke der wärmenden Sonne zuwenden und dem Nachwuchs beim Spielen zuzusehen, empfanden sie als Belohnung. Zusammen entdeckten sie die Welt und brachten ihnen ihre Sicht des Lebens bei.
Arams Kindheit war erfüllt von Wärme und Zuneigung. Die Fähigkeit zu lieben wird von den Eltern kopiert und ist im Alter von sechs Jahren abgeschlossen.
Aram lernte sie. Trotz Hunger und Armut.
Das Leben am Rand des Abgrunds liebte er, Verbote reizten ihn bestenfalls, und Gefahren übersah er, beschützt durch die Karte „der Narr“.
Ein großes Risiko und darum so begehrenswert war der Diebstahl von Nachbars Zwetschgen. Solche Handlungen lösten Familienfehden aus, die blutig ausgetragen wurden und kein Ende fanden, selbst wenn sich niemand mehr an die Ursache erinnerte.
Nach sorgfältiger und längerer Überprüfung der Lage - Bauer weg, Großvater beschäftigt - schätzte Aram das Wagnis als vertretbar ein und kletterte auf den Zwetschgenbaum. Schon das Buch Genesis lehrt uns: Keine Frucht schmeckt so süß wie die Verbotene.
Mit sich zufrieden verschlang er den Fruchtzucker, der ihm so viel bedeutete wie den westlichen Kindern Gummibärchen.
Satt und ermüdet durch den begehrten Adrenalinkick lehnte er sich an den Stamm zurück, träge schaute er sich um und sah seine Strafe vorrücken. Dutzende Schlangen krochen über die Wiese und legten sich bei den Baumwurzeln nieder. Immer mehr und noch mehr! Die Grashalme bogen sich, als würde der Wind durch sie hindurch blasen, und am Fuße des Stamms brodelte es.
Bisher kannte er kein Grauen, aber jetzt gefror ihm das Blut in den Adern. Weinend rief er nach seinem Großvater, aber der war ja beschäftigt, wie er sich zuvor vergewissert hatte.
Die unschuldige Zeit der Karte „der Narr“ war vorüber. Endlich hatte er die Gefahr erkannt.
Aram liebte die Schule und seinen Bleistift, den er bis zum Stummel abnutzte, da der Ersatz bereits ein finanzielles Problem darstellte. Wissbegierig übersprang er einige Klassen, sah aber bald den Sinn nicht mehr, anwesend zu sein. Was er in der Schule lernte, passte auf eine Briefmarke. Lieber nutzte er die Zeit, um in die Freiheit zu verschwinden, denn davon hatte er immer weniger. Je kräftiger die Kinder wurden, umso mehr mussten sie arbeiten. Die Schule unterrichtete morgens die eine Hälfte der Kinder, nachmittags die andere, damit immer genug Helfer auf dem Feld zur Verfügung standen.
Zweimal täglich stand Großvater unter der Haustüre und kontrollierte den Exodus in Richtung Schule. „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Es fehlen drei. Holt sie her!“
Aram stand mit unschuldigem Ausdruck neben dem Großvater und verschwand erst, nachdem er die Schule betreten hatte. Keiner, auch nicht seine Lehrer, fanden es für angebracht, seinen Großvater darüber zu informieren.
Nur zu den Prüfungen erschien er pünktlich. Er nutzte jede Gelegenheit, einem Kampf ins Auge zu sehen, auch wenn dieser mit dem Bleistift ausgetragen wurde.
Jeden Abend, wenn die Kinder vor die Wahl gestellt wurden: Moscheebesuch oder Hausaufgaben, arbeitete er durch, was ihm seine Vasallen überreicht hatten. Auch seine Geschwister und Cousins erledigten ihre Hausaufgaben sehr sorgfältig. Notfalls auch zweimal.
Die Familie erzog ihren Nachwuchs nicht religiös und der Islam wurde vom Staat weder gefördert noch unterbunden. Albanien betrieb seit jeher einen humanen Islamismus. Großvater benutzte die Moschee lediglich als erfolgreiche Erziehungsmaßnahme.
Zu seinem Ärger teilten sie ihm die Verantwortung der Büffel zu. Da kein Weg daran vorbei führte – und er hatte alle Ausreden getestet - trieb er die Viecher schlecht gelaunt vor sich hin, bis er sich außerhalb des Radars von Gjysh wähnte.
„Unwürdig!“, schimpfte er vor sich hin, als er durch die brütende Hitze lief und mit dem Hirtenstab auf die Büsche einschlug.
Ihm gebührte ein Schwert, nicht dieser läppische Stab.
Beleidigt legte er sich in den Schatten eines Granatapfelbaumes. Wenn sie ihn wenigstens aus dem Hinterhalt angreifen würden. Aber sein unbesiegbarer Ruf war ihm ja vorausgeeilt.
Bei seiner Arbeit trug er eine andere kostbare Waffe mit sich. Die wenigen Bücher, die das Dorf besaß, waren in seinem nicht ganz legalen Besitz. Aus Langeweile multiplizierte er im Schnellfeuer die willkürlich aufgeschlagenen Seitenzahlen oder studierte anhand des Korans Arabisch. Die Geschichten ließen Phantasien treiben und er träumte von Heldentaten in künftigen Schlachten, bis ihn der Schlaf hinterrücks überfiel; und die Büffel verschwanden.
Viele gute Ausreden tischte er danach wild gestikulierend den Onkeln auf, damit sie ihm bei der Suche nach den verschwundenen Tieren halfen.
Doch leider glaubten ihm bald nur noch die Frauen vorbehaltlos.
Mit 12 Jahren beendete Aram das 8. Schuljahr und sah in eine Zukunft, die ihm nicht gefiel. Getrieben von intellektueller Langeweile fielen seine Streiche immer heftiger aus. Mit zunehmendem Alter befriedigten ihn auch seine Waffen nicht mehr, und er modernisierte das Arsenal, indem er Raketen bastelte.
Für den Anfang mal drei Stück. Die Prototypen starteten wie erhofft, änderten aber unerwartet ihre Flugbahnen und landeten auf Nachbars Scheune und dessen Feld, das kurz vor der Ernte stand.
Zwei Tage lang verdunkelte eine schwarze Wolke das Dorf und Aram floh in den Wald, was als Schuldeingeständnis gewertet wurde. Immer wieder sah er sich gezwungen, sein Versteck zu wechseln, da ihm weinende Tanten und brüllende Onkel zu nahekamen. Doch der Hunger überstieg die Angst vor Repressalien, und so schlich er in einem großen Bogen und mit einer guten Ausrede im Kopf nach Hause. Sie überzeugte nicht.
Die Männer des Dorfes richteten die Scheune wieder auf, jeder spendete von seiner Ernte, was er entbehren konnte und Aram beschloss, den Ort zu suchen, wo ihm beigebracht wird, wie man eine anständige Rakete baut.
Rechtzeitig hörte er, dass in der nahen Stadt ein Rekrutierungsbüro propagierte: „In der Armee lernt ihr fürs Leben“. Lernen war für ihn noch verlockender als das Klauen von Zwetschgen.
Zum ersten Mal verließ er das schutzbietende Dorf, in dem Gefahr höchstens von einem hungrigen Bären ausging oder von einem Nachbarn, der sein Gewehr reinigte.
Was für eine unglaubliche Stadt! Hier gab es Autos, die nicht auseinanderfielen. Er nahm sich vor, später eins zu testen.
Und diese seltsamen Menschen! Wozu stellten die sich in Reihen auf? Vorsichtig näherte er sich auf gesicherten Umwegen der Menschenschlange und vernahm, indem er tat, als sei ihm bereits alles klar, dass es dem Besitzer dieses Musikgeschäftes gelungen war, Kopien von Beatles-Schallplatten anzubieten. Von was? Er kannte weder Schallplatten noch Beatles.
Das Rekrutierungsbüro fand er ohne Schwierigkeiten. Es befand sich am Ende der einzigen großen Straße, die schon jetzt in der Hitze flimmerte. An den Schaufenstern prangten Parolen wie „Arbeit, Erziehung, Wachsamkeit“ und die Auslagen warben für Nudeln, Shampoo, Parteitreue. Im Fenster des Rekrutierungsbüros las er:
IN DER ARMEE LERNT IHR FÜR`S LEBEN. Na also!
Im Büro saß ein gelangweilter Sergeant und rauchte wie beinahe jeder Landsmann. Eine Zigarette in der Hand zu halten ist ein Symbol der Volkszugehörigkeit.
Vielleicht nahm in diesem Land der Vater seinen halbwüchsigen Sohn zur Seite und erklärte ihm feierlich: „Mein Sohn. Mit dieser Zigarette wirst du zum Manne. Mit dieser Zigarette gehörst du zu uns.“
Den Gebrauch einer Schusswaffe konnte er ihm schließlich nicht beibringen, denn hierzulande lernen das die Knirpse bereits im Kindergarten.
Aram baute sich vor dem Sergeanten auf und unterbrach diesen beim Nichtstun.
Wie in allen sozialistischen Staaten erhielt der Bürokrat, der in der untersten Schublade der Hierarchie gelandet war, keine nennenswerte Beschäftigung.
Tag für Tag saß er seine Zeit ab, die unvermeidliche Zigarette zwischen den Lippen. Den heutigen Antrag für den Erhalt eines Antragsformulars, mit dem er ein Antragsformular anfordern durfte, hatte er bereits an den Vize-Parteivorsitzenden weitergeleitet.
Nach Erledigung dieser schwierigen Aufgabe hatte er sich zwei, drei Zigaretten verdient, und der Junge störte ihn dabei.
„Was willst du?“, blaffte er ihn an.
„Ich möchte Soldat werden.“
„Gut, schön. Komm später wieder.“ Mit einer Handbewegung wedelte er den lästigen Besucher weg.
In der Woche darauf stellte Aram sich wieder vor den Sergeanten und salutierte. Das hatte er sich vorsorglich schon einmal beigebracht.
„Du willst in die Armee? Ausgezeichnet. Komm wieder, wenn du 18 bist.“
„Junge, was hast du angestellt? Warum rennst du vor deinem Vater davon?“, stöhnte der Sergeant, als er Aram zum dritten Mal erblickte.
Ungläubig sah er, wie der Knabe ein viertes Mal erschien und hinter ihm trat gemächlich ein alter Mann in der Kleidung der Landbevölkerung ein. Weite schwarze Pluderhosen, die zu den Knöcheln hin immer enger wurden, kombiniert mit einem halblangen Sakko, das mit Zotteln und Stickereien verziert war, und um die Hüfte eine Schärpe gewickelt. Der Sergeant wäre nicht erstaunt gewesen, wenn darin ein Säbel gesteckt hätte. Und dann diese rote Pfanne auf dem Kopf! In welchem Jahrhundert lebte der denn?
Aber er stand in einer Haltung da, die Respekt einforderte. Dieser Mann verlangte Gehorsam.
Wie der Sergeant erfuhr, war das Arams Großvater, der regungslos im Eingang stand und mit finsterem Blick das Büro musterte, wobei er lediglich die Augen bewegte. Mit verschränkten Armen wartete er, bis dem Sergeanten mulmig zumute wurde.
Als es soweit war, eröffnete Gjysh ein ausführliches Begrüßungszeremoniell, erläuterte Arams Lebenslauf, beginnend bei den ersten Milchzähnen und endete: „Wenn mein Enkel zur Armee will, geht er zur Armee. Haben wir uns verstanden?“
Daraufhin wurde der Vorgesetzte aus einer obligatorischen Versammlung befreit, in der er sich wie jeden Tag anhörte, was er tun sollte oder tun müsste.
Mit dramatischer Miene trat dieser ein und betonte seine Wichtigkeit bei der Tagung des Komitees, das zur Umerziehung zum wahren Leben und zur Wahrnehmung der Pflichten gegenüber der Partei aufrief.
In einer wohldosierten Mischung aus Schmeicheleien und Drohungen trug Großvater sein Anliegen vor.
„Wir Genossen werden niemals davon ablassen, uns mit aller Kraft für den positiven Helden einzusetzen“, antwortete der Vorgesetzte eifrig. Endlich durfte er seine Fähigkeiten beweisen.
Da Arams Familie um seine Talente als Anführer wusste, empfand man eine Militärlaufbahn als die geeignete Wahl und sie meldeten ihn zur Aufnahmeprüfung einer Kadettenschule an. Der Vorgesetzte ging davon aus, dass Aram nie bestehen würde, und sah das Problem auf natürliche Weise behoben. Schließlich bestand nur einer von hundert Prüflingen, und die hatten weitaus bessere Voraussetzungen.
Aram bestand und sie steckten ihn in eine Kadettenschule in Kroatien.
Das Dorf sammelte erleichtert Geld für eine Fahrkarte. Ein wenig Disziplin und Struktur würden ihm nicht schaden. Zudem wuchs dieser Teufel unaufhaltsam zu einem jungen Mann heran, und sie alle hatten schließlich Töchter zu Hause.
Für Aram war die Zeit des Narren vorbei.
Überglücklich, mit gerade mal zwölf Jahren, nahm er sein Leben selbst in die Hand und zog auf seiner Heldenreise die nächste Karte.
Der Narr, Karte 0 der Heldenreise
Das Unterbewusstsein der Menschen unterscheidet sich in keinem Volk der Erde. Alle kennen die gleichen Märcheninhalte, verstehen dieselben Symbole und besitzen den identischen Archetypen.
Im Märchen schickt der König seine sieben Söhne los, um das Reich zu retten. Nur den naiven Jüngsten behält er zu Hause. Ausgelacht von den Brüdern zieht dieser trotzdem los. Die sieben Söhne scheitern, nur der Kleinste kehrt siegreich zurück.
Im Märchen ist es der Narr, der die Bewerber der schönen Königstochter besiegt. Es ist die Unschuld, die vom Prinzen geküsst wird.
Die Welt bietet demjenigen, der offen bleibt, viele Möglichkeiten, und Probleme werden häufig von Menschen gelöst, denen es niemand zutraut.
***
Mara
Auch meine Reise begann als Narr.
Unterschiedlicher hätten unsere Lebenswege nicht starten können. Für mich feuerten sie keine Salutschüsse ab, auch war ich nicht mehr geplant gewesen. Mein Vater freute sich trotzdem. Und meine Mutter? Ich werde es wohl nie erfahren.
In meiner Familie war Geld kein Thema. Wir hatten es. Wohlstand war für mich selbstverständlich, denn die anderen Kinder wohnten ebenfalls in großen Häusern, ihre Eltern waren ebenfalls Akademiker. Ich wuchs isoliert im Ghetto der Bessergestellten auf. Dass ich privilegiert war, wusste ich nicht.
Aber alle Kinder kennen Nöte, egal, wie viele Silberlöffel ihnen bei der Geburt in den Mund gelegt werden.
Dass andere Kinder hungerten, war mir nicht bekannt. Meine Probleme bestanden eher darin, meine klitzekleine Portion des verhassten Gemüses herunterzuwürgen.
Wir aßen auch nicht auf dem Fußboden vor einer offenen Feuerstelle, sondern speisten mit streng kontrollierten Tischmanieren an der nach den Regeln der Etikette gedeckten Tafel. Mittags weißes Leinen, Servietten mit Monogramm, edles Porzellan und Fingerschalen für das Obst. Abends leger mit farbigem Tischtuch und fröhlichem Gedeck. Im Hintergrund ertönten die Nachrichten im Radio, während wir Kinder antrainiert schwiegen, und anschließend erläuterte uns Vater die drohende Gefahr des dritten Weltkrieges.
Heute beherrsche ich mühelos beide Esssitten. Um dabei nicht völlig zu verrohen, benutze ich für meine Malzeit auf dem Fußboden das kostbare Service.
Für mich existierten keine Pflichten, außer zur Schule zu dackeln und zu spielen. Für alles andere hatten wir Personal.
Die ersten Jahre verbrachte ich in der väterlichen Bibliothek. Es gibt Gerüche, die vergisst man nie. Jede Buchhandlung versetzt mich zurück in meine Kindheit. Anfangs schob ich Bücher auf den Regalen nach hinten zur Wand. Am nächsten Morgen standen sie wieder akkurat aufgereiht an der Vorderkante, und ich durfte erneut mit meiner Arbeit beginnen.
Bald zog ich sie heraus, warf sie auf einen Haufen. Mit zunehmendem Alter inspizierte ich sie. Am liebsten jene, die für mich ungeeignet waren. Beinahe zwanghaft nahm ich diese immer wieder zur Hand. Bei den Bildern in Dantes Komödie über die neun Kreise der Hölle schüttelte mich wohliges Grauen. Doch im geschützten Raum der Bibliothek konnte ich mich den Schrecken des Lebens stellen, so wie es die Aufgabe der Märchen ist.
Mit der Zeit öffnete sich die Welt der väterlichen Bibliothek und das Leben außer Haus begann. Die Kindheit soll die Zeit der Unschuld sein, aber in Wirklichkeit ist sie eine harte Lebensschule. Wir mobbten, stritten unerbittlich, gaben Kriegserklärungen ab, Kinder rannten heulend nach Hause, wir schlossen Allianzen und brachen sie, schlossen neue Allianzen und vergaßen alles wieder.
Durch die Schulbibliothek bekam ich Zugang zu Kinderbüchern, aber um die Bücherregale in der Schule abzugrasen, brauchte ich nicht viel Zeit. Ich verschlang die Bücher, schlief mit ihnen ein, träumte von ihnen. Nur enttäuschte mich die für meine Generation vorgesehene Literatur etwas.
Mit viel Fantasie ausgestattet erschuf ich eigene Welten. Ich liebte es, mir Geschichten auszudenken, dachte eine neue Familie aus, gab ihr einen anderen Namen und ein anderes Leben, bevölkerte sie mit schwarzen Schafen und Geheimnissen.
Die Vorstellung, nicht ich zu sein, gehörte zu mir. In meiner Fantasie spielte ich an der Seite eines furchtlosen Jungen. Sein Haupt war bedeckt mit wildem, schwarzem Haar und meins mit blonden Härchen, er ritt auf einem Rappen, ich auf einem Schimmel. Die Metapher schwarz-weiß war mir nicht bekannt, sie entsprang dem Unterbewusstsein.
In meinen Träumen war ich von hoher Geburt und er von geringem Stand, was genug Stoff für glückliche Tagträume bot. Wir schworen uns, einander zu heiraten. Etwas anderes wäre nicht in Frage gekommen. Dabei ahnten wir, dass man uns Steine in den Weg legen würde, was alles noch viel romantischer erscheinen ließ. Meine Familie würde es nie gestatten, uns vielleicht sogar verstoßen. Herrlich.
Es war eine fantastische Zeit, die wir miteinander teilten; auf der Suche nach irgendwas, wovon ich nicht wusste, was es war.
Je älter ich wurde, umso realer fühlten sich diese Abenteuer an. Ich träumte sie nicht nur, ich lebte sie. Mein „Fantasienland“ lag im Osten. Die Männer kleideten sich mit langen Hemden, an der Taille durch ein breites Band geschnürt, in dem ein Krummsäbel steckte, die Frauen hingegen trugen westliche Kleidung. „Fantasienland“ ist nicht an die Wirklichkeit gebunden.
In meiner Fantasie existierte eine wunderbare Welt, und es war enttäuschend, dass die Realität nicht mit meiner Traumwelt übereinstimmte.
Für Mutter war ich eine Enttäuschung, da ich nicht dieselbe schillernde Persönlichkeit zeigte, die meine Schwester in ihren Augen darstellte. Fasziniert von ihr vergaß sie mich, sobald sie erschien, woraufhin die Hausangestellten meine Wiege übernahmen.
Alle meine Handlungen wurden mit ihren verglichen. Sie machte nichts falsch, während ich nichts richtig machte. Ich war nicht so musikalisch, brachte keine Gefolgschaft von Bewunderern nach Hause, hatte nicht die Figur eines jungen Rehs und überhaupt!
Diese Vorgabe stellte ich nie in Frage. Im Gegenteil. Wenn Mutter stolz auf sie war, dann war ich es auch. In diesem Entwicklungsstadium konnte ich nur wiederholen, was Erwachsene mir vorlebten.
Ich war introvertiert und sie extrovertiert. Ich hörte zu, sie führte Wort. Ich beobachtete, sie ließ sich beobachten. Auch ich besaß Kumpänchen, nur nahm ich diese nicht nach Hause, denn sie hätten mich vor einer Reise nach Fantasienland abgehalten. Dort herrschte für Fremde Zutrittsverbot, dort wartete mein Freund, der mich nie wütend machte und mich so sehr liebte.
Zum Glück lebte noch ein Bruder in unserem Kreis. Er war genauso introvertiert wie ich. Der Status des Erstgeborenen machte ihn unantastbar, aber seine Qualitäten musste ich nicht erreichen. Zehn Jahre älter als ich gehörte er bereits einer anderen Generation an. Bestens geeignet, um lästigen Kindern mit ihm zu drohen.
Meine Schwester brillierte, der Bruder war ein talentierter Künstler und ich, das immerwährende Baby der Familie, eine erfolgreiche Träumerin. Wo immer die Zeit es zuließ, blickte ich abwesend in die Ferne.
Kinder lernen als ihr Interesse anzusehen, was ihre Eltern vorgeben. Meine Mutter liebte Mythologie. Spannender als ein Krimi, brutaler als ein Horrorfilm und schöner als eine Liebesgeschichte vermittelte sie mir die klassische Sagenwelt.
„Am Anfang, so erzählt man, am Anfang war Chaos. Wieso es plötzlich einen Urknall gab und daraus die Welt entstand, kann ich dir nicht erklären. Auch nicht die Physik, auch nicht die Kirche. Aber plötzlich waren sie da, Gaya, die Welt, und Uranus, der Himmel. Die beiden liebten sich - wen hätten sie denn sonst lieben können - und umarmten sich leidenschaftlich. Noch heute kannst du ihre Vereinigung sehen. Immer dann, wenn der Himmel in Form von Nebel zur Erde heruntersteigt, legt sich Uranus zu Gaya.“
Vielleicht gehöre ich deshalb zu den Menschen, die bei Nebel von geheimnisvollem Glück eingehüllt werden.
Mutters Gedächtnis für ihre Helden ist unerschöpflich. Heute verwechselt sie schon mal ihre Enkel und Urenkel, aber ganz gewiss nicht irgendwelche unbedeutenden Nebenfiguren aus Lohengrin oder Parzival.
Je nach Entwicklungsstufe legte ich die Quintessenz der Sagen anders aus. Mal war ich über Medea entsetzt, die ihre Kinder ermordete, um sich an ihrem Mann zu rächen, mal zeigte ich Verständnis. Bei Lohengrin stürzte ich mich in Trauer, weil er seine Liebe verließ und es stresste mich, dass er die Ursache dafür nie verriet. Das geht mir heute noch so.
Nicht mit Hänsel und Gretel wuchs ich auf, aber sie stammen aus der gleichen Quelle. Nur älter, und ohne Happy End.
Vater war heimlicher Mystiker. Die Heimlichkeit war zwingend, denn er war Theologe. Von ihm wurde damals noch das Gegenteil erwartet.
Stolz an seinem Schreibtisch sitzend, wobei mein Kopf gerade die Tischkantenhöhe erreichte, und die Beine in der Luft baumelten, wurde ich in seine Welt eingeführt. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, schritt er auf und ab und rezitierte den Zauberlehrling oder Goethes Faust.
Über eine stille Natur zu verfügen bietet durchaus Vorteile. Mir wird oft Unterhaltung von Leuten geboten, die glücklich sind, weil ich ihnen zuhöre.
Nicht nur Eltern prägen ihre Kinder. Auch Erzieher üben einen bleibenden Einfluss aus.
Mein Lehrer sorgte für einen permanenten Angstpegel und lehrte uns, über den eigenen Schatten zu erschrecken.
Titus, er hieß tatsächlich wie ein römischer Imperator, hatte einige Zeit im Befriedungseinsatz in Korea verbracht. Andere Schüler ackerten Fauna und Flora der heimatlichen Scholle durch, wir wurden detailliert in die Folgen eingewiesen, sollten wir in Indonesien in eine Schlangengrube geworfen werden. Ihm verdanke ich, dass ich beim Anblick einer Blindschleiche zu atmen vergesse und mich Fotos von Schlangen erstarren lassen.
Er klärte uns so detailliert über die Foltermethoden der Asiaten auf, dass bei der bloßen Erwähnung des Kontinents vor meinem inneren Auge ein an einen Baum gefesselter Soldat erscheint, der von roten Ameisen aufgefressen wird.
In die Pause führte er uns im Gleichschritt: „In Zweierkolonnen antreten. Marsch! Links recht, links rechts.“ Geriet ein Kamerad aus dem Tritt, bekamen wir kollektives Pausenverbot. Was meistens eintrat.
Die Turnstunde fand auf dem benachbarten Kasernenareal statt. Hier jagte uns der Lehrer über einen Hindernissparcour, der für Rekruten gedacht war. Nur, dass wir gerade mal zehn Jahre alt waren. Mit Hilfe von Höhenkurven lernten wir Kartenlesen und trainierten an Steilwänden, uns abzuseilen. Er vermittelte uns eine militärische Ausbildung. Was sonst noch auf dem Schulplan stand, prügelte er uns ein.
Zuhause erzählte ich wenig, denn mich quälte das Wissen, eine miese Schülerin zu sein, da ich im Militärparcours versagte.
