Kitabı oku: «Der siebte Skarabäus», sayfa 5
Der Herrscher, Karte IV der Heldenreise
Zur Aufgabe des Herrschers gehört es, aktiv in Geschehnisse einzugreifen. Sein Ziel ist Regelmäßigkeit, Ordnung, Klarheit und Umgang mit Kraft und Energie. Der Herrscher schenkt uns nichts. Wir sind es, die jetzt die Dinge in die Hand nehmen, und Struktur in unser Dasein bringen. Die hohe Kunst des Lebens wird gefördert.
Gelingt es uns nicht, herrscht er über uns.
***
Aram
Der mittlerweile erwachsene Aram rebellierte. Brachte er als Junge noch ein begrenztes Maß an Gehorsam auf, nahm Anweisungen als gegeben hin, hinterfragte er jetzt alles. Seine heroischen Phantasien endeten schlagartig an der Akademie, die eher einem Gefängnis mit Freigang glich, als einer gehobenen Lehranstalt. Hier unterwiesen sie ihn nicht nur in höherer Bildung, sondern auch in niedrigen Künsten, die der Genfer Konvention nicht standgehalten hätten. Bald erkannte er, dass er den falschen Platz gewählt hatte.
Drei Beweggründe motivieren einen Menschen, eine Militärlaufbahn einzuschlagen: Patriotismus, Gene, oder sie suchen einen legalen Weg, um zu töten.
Zwei davon trafen auf Aram zu. Nur trat er Machthabern mit ständigem Misstrauen entgegen, und er ließ sich schwer führen.
Die ersten Wochen bestanden aus Schikanen der übelsten Art. Aram wurde noch härter gepeinigt als die anderen, denn es war keine leichte Aufgabe, ihn zu brechen. Selbst im Halbschlaf war er noch ein Gegner, dem man lieber nicht zu nahe kam.
Führten seine Kameraden am Wochenende stolz ihre Uniformen spazieren, jagten sie ihn durch die Bahnen, ließen ihn Liegestützen stemmen, Hauswand rauf, Sprung in den Dreck, Gesicht in den Matsch, und nochmals und nochmals, bis er vor Erschöpfung heulte. Wie ein Wellnessurlaub fühlte es sich nicht an. Er wurde solange gequält, bis er lernte, die Faust im Sack und nicht vor der Nase der Ausbildner zu ballen.
Es erwies sich auch nicht als hilfreich, dass er ursprünglich aus Albanien stammte. Er musste schneller rennen als die anderen, um seine Herkunft abzuschütteln. In Jugoslawien empfand jeder Staat seinen Nachbarn als den natürlichen Todfeind. Slowenien vertrat die Meinung, sie ernährten den Rest des damals sozialistischen Jugoslawiens. Dabei versprühten sie nicht Slawische Freundlichkeit, sondern Rassenverachtung. Arams Lehrmeister war Slowene.
Aram wiederum war bestrebt, diesen möglichst lange zu beschäftigen, denn auch der Ausbildner bekam erst Feierabend, wenn Aram am Boden lag, und das dauerte bei diesem „Bauerntrampel“ schon mal etwas länger. Er verfügte über beinahe unerschöpfliche Kraftreserven und ausgezeichnete Reflexe. Eigenschaften, die ihm mitgegeben wurden wie Haarfarbe oder Körpergröße. Kombiniert mit jahrelangem Training und erlernter Kampftechnik wurde er zu einer gefährlichen Waffe, was das angestrebte Ziel dieser Schmiede für Einzelkämpfer war: Soldaten, die zu Fuß vorwärts drangen, deren Körper als tödliches Kampfgerät eingesetzt wurde und deren Waffen eine Verlängerung ihrer Körperglieder waren.
Diese Ausbildung war der Preis, den er für sein Interesse an Mathematik, Chemie und Geschichte bezahlte. Diese Bildung war es, die ihn hierhergebracht hatte. Ein Ausstieg wäre für die Familie eine Schande gewesen. Dazu erwarteten sie Geld von ihm, denn ihm als Ältesten oblag die Ausbildung der jüngeren Geschwister. Zähneknirschend blieb er weiterhin in der Anstalt, in der aus Kadetten Männer gemacht werden und graduierte.
Aram erachtet das Militär nach wie vor für notwendig: „Willst du Frieden, so rüste auf! Es wird immer Idioten geben, die glauben, nur mit einem Gewehr in der Hand ihr Recht einfordern zu können. Ob es uns gefällt oder nicht, andere Völker bewaffnen sich. Dann genügt es nicht, wenn du mit dem Finger auf sie zielst und rufst: Peng, du bist tot.“
Ihm missfiel einiges. Ehre, Ehre, Loyalität brüllten sie in einer Welt, in der kein Wert auf Ehre gelegt wurde.
Je höher er in der Hierarchie aufstieg, umso mehr zählte die Partei. Aber er war ein Krieger, er wollte Wände hinaufklettern und nicht die Karriereleiter.
Da Aram eher klein gewachsen, schlank, zäh und flink war, setzten sie ihn dort ein, wo andere nicht durchkamen. Er galt als der ideale Mann, um hinter der Linie zu kämpfen und unter dem Radar wegzutauchen. Er wurde nicht aus lärmenden Helikoptern abgeseilt, er agierte leise.
Kleinere Personen werden unterschätzt, doch in seinem Körper steckte eine unglaubliche Schnelligkeit. Er war schlau, hatte eine hervorragende Beobachtungsgabe und einen sechsten Sinn für Gefahren, den er seiner eher primitiven Herkunft verdankte.
In jeder Armee existiert die Truppe der Zähen, woraus wiederum die Truppe der ganz Zähen herausgefiltert wird. Da landete Aram. Doch seine Gegner waren ebenfalls hart und schnell. Überleben kann nur, wer noch härter und schneller wird. Ihr Trainingsprogramm war, um es nett auszudrücken, rau, wobei 60 % die Fortbildung nicht durchhielten, und keiner von diesen war durchschnittlich.
Es ging darum, jederzeit über hundert Prozent Muskelkraft zu verfügen. Nur weil ihre Schenkel wie Feuer brannten, der ganze Körper zitterte, war das nicht die Grenze. Irgendwann war die Kraft dahin, alles schüttelte sich. Dann ging es nur noch ums Durchhalten. Wer aufgab, war draußen. Danach gehörten sie zu den Besten.
Hier lernte er, den Feind zu eliminieren, bevor dieser ihn eliminieren konnte. Ihm aber auch mit Vorsicht, Respekt und dem Wissen, wozu dieser fähig ist, zu begegnen. Hier lernte er Angst zu überwinden, sie aber gleichzeitig anzunehmen, denn ihre Kraft hilft, ihn am Leben zu erhalten.
Für Aram stand noch eine weitere Ausbildung an: Wie halte ich einem Verhör stand, wenn der andere nicht besonders nett zu mir ist.
Doch in unserem Leben entscheiden nicht nur Geschick und Kraft, auch zufällige Mächte spielen mit. Wer erkennt, wann er verloren hat, wer erkennt, dass er gut, aber nicht kugelsicher ist, und sich vor dem Schicksal verneigt, hat auch gewonnen.
Aram wechselte nie auf die dunkle Seite. Nach langer Tradition sozialistischer Staaten wurde das Militär für eigene Zwecke instrumentalisiert und nicht nur zum Schutz der Bevölkerung eingesetzt. Die hohe Kunst der Liquidation wurde eingesetzt, und kommunistische Regierungen handelten nach dem Grundsatz: Zuerst schießen, dann fragen. Menschen wurden eliminiert, politisch unbequeme verschwanden.
Aram wusste, dass es lediglich noch eine Frage der Zeit war, bis sie diese Anweisung von ihm verlangten, und dann?
Die Konsequenz einer Verweigerung kannte er. Die Partei beobachtete ihn bereits, da zwei seiner zahlreichen Großonkel lange vor seiner aktiven Zeit ein Attentat auf Tito verübt hatten. Der Balkan vergisst nie!
Tito überlebte, die Onkel wurden exekutiert, doch ihr Widerstand wirkte in Aram weiter.
Nach zehn Jahren Dienst hatte er genug von durchfrorenen Nächten, schlechtem Essen und schmerzenden Muskeln. Es missfiel ihm, wie ehemalige Kameraden vor ihm salutierten. Rastlos versuchte er, aus dem Vakuum auszubrechen und sein Leben neu zu ordnen. Die mit einer Überdosis Testosteron getriebenen Kerle der Spezialeinheit empfand er nicht als angenehmen Umgang. Niemand ist gefährlicher oder arroganter als ein ganzer Haufen davon, denn die Macht der Gruppe enthebt sie jeder Verantwortung. Sein Großvater nannte diese Einheit die Truppe der Idioten.
Im Urlaub zog es ihn in die Einsamkeit seines geliebten Kroatiens. Tagelang wanderte er ziellos dahin. Versperrten ihm Schlangen oder Bären den Weg, änderte er kurzerhand die Richtung. Manchmal traf er auf abgelegene Höfe, wo ihm, nachdem sie sich gegenseitig beschnuppert hatten, Gastfreundschaft angeboten wurde, wie es die Kultur verlangte. Dann übernachtete er bei Familien, die den hochprozentigen Slibowitz tranken wie Wasser, und brach der Morgen an, zog er erleichtert weiter.
Mit zunehmendem Alter verringerte sich sein Drang zu kämpfen, und er räumte einer neuen Begeisterung Platz ein: Frauen. Er liebte sie, ihre Sanftheit, ihren Duft, ihre Haut, ihre hellen Stimmen, und beinahe alle entzückten ihn.
Dieser neuen Beschäftigung kam er genauso leidenschaftlich nach, wie er zuvor kämpfte. Doch anders als die Alte erforderte die Neue nicht die geringste Anstrengung. Es existierten genug Willige, die mit allen Mitteln versuchten, sich einen Offizier zu angeln und sich damit einen besseren Lebensstandard erhofften.
Zudem verstehen sich Offiziere aufs Küssen. Jede Frau, für die er sich interessierte, fühlte sich auserwählt, denn seine Aura war raumfüllend, seine Präsenz unübersehbar, selbst wenn er ruhig in einer dunklen Ecke stand. Dazu eilte ihm der Ruf des ultimativen Liebhabers voraus, und an diesem arbeitete er fleißig.
Er genoss das Spiel mit den Frauen; und verließ sie wieder. Die Spur gebrochener Herzen, die er hinterließ, war beachtlich. Doch dann verliebte er sich unsterblich.
Sie hieß Vanessa und spielte mit ihm, wie er zuvor mit Frauen gespielt hatte. Tausend Tode starb er, während er hinter ihr herrannte. Sie begehrte keinen Mann aus armem Haus. Nicht gut genug, nicht fein genug, nicht reich genug.
Zwanzig Jahre später begegneten sie sich wieder in einem Spital in der Schweiz. Zufall? Zwei Millimeter sorgten für Arams Kampfunfähigkeit. Über Wochen lag er nach einem Zeckenbiss auf der Intensivstation. Zuerst gaben ihn die Ärzte auf, dann die Familie. Sie organisierte schluchzend seinen Rücktransport, um ihn in heimatlicher Erde begraben zu können.
Doch Arams Zeit war noch nicht abgelaufen.
Einen Tag vor seiner Entlassung schoben sie einen neuen Patienten ins Zimmer. Eine bullige Person, dessen Gewicht nur noch von seiner Blödheit übertroffen wurde.
Wie bei Bettnachbarn üblich, begannen sie ein Gespräch und bald ordnete Arams neuer Bettnachbar ihn als serbischen Landsmann ein: „Du hast Glück, dass du Serbe bist. Als Albaner überlebst du keine Nacht neben mir“, blökte er.
Den Rest des Tages verbrachte Aram verärgert in der Cafeteria, bis ihn die Erschöpfung zurücktrieb.
Am Bett seines Nachbarn saß Vanessa. Sie erkannten sich augenblicklich und verabredeten sich heimlich im Flur. Gemeinsam spazierten sie auf und ab. Aram brauchte nicht erst zu fragen, ob sie jetzt mit diesem Blödmann die bessere Wahl getroffen hatte. Verängstigt und von Verzweiflung gezeichnet beschwor sie ihn, ihrem Mann nichts zu erzählen. Aram schüttelte nur verächtlich den Kopf.
Nachdem am nächsten Morgen die Austrittsformalitäten erledigt waren, zog Aram langsam einen Stuhl hinter sich her und setzte sich ans Bett des Genossen. Bedächtig schlug er ein Bein über das andere, zupfte die Bügelfalten zurecht und wischte ein Stäubchen von den Oberschenkeln. Langsam zog er seinen Pass aus der Hemdtasche und überreicht ihn dem Nachbarn. Danach lehnte er sich zurück.
„Warum gibst du mir deinen Pass, was soll ich damit?“, reagierte dieser ärgerlich.
„Oh, du kannst nicht lesen? Das dachte ich mir schon. Da steht geschrieben, dass ich Albaner bin. Ich war anständig zu dir. Weshalb bist du es nicht auch zu mir?“
Mit bohrenden Augen fixierte er ihn. „Ich bezweifle nicht, dass du in Satans Diensten stehst. Dein Herr würde sich freuen, wenn du den Krieg wieder aufleben lässt. Nur, falls alle so dumm sind wie du, verliert ihr ihn erneut. Ach, übrigens. Wurde dir nie beigebracht, den Gegner zuerst zu taxieren?“
Langsam krempelte er den linken Ärmel seines Hemdes hoch, wobei er exakt Umschlag für Umschlag faltete, bis eine Tätowierung sichtbar wurde. Die Körpersprache beherrscht Aram hervorragend. „Was siehst du da? Erkennst du den Stempel der jugoslawischen Militärpolizei? Ja, ich stelle fest, das tust du. Nicht ich hatte Glück, sondern du. Was du dir erträumt hast, habe ich gelernt. Schnell und effizient. Oder auch langsam.“
Mit der Zeit trat in der jugoslawischen Armee eine Veränderung ein, die keiner zu benennen vermochte. Plötzlich begann das Militär ihre Kanonen von hier nach da, und von da nach hier zu verschieben. Alle ahnten, dass etwas im Anzug war, aber niemand nannte genaues, und die Luft schwirrte vor Nervosität.
Aram war erwachsen geworden. Soldaten werden es unweigerlich, wenn sie das erste Mal den Sarg eines Kameraden zu Grabe tragen. Seine Zeit war abgelaufen. Er brauchte frische Luft und Freiheit. Solange noch keine Narben, keine Schatten sichtbar waren, wollte er verschwinden. 30 Jahre alt war er und mit Ausnahme der ersten zwölf hatte er eine Uniform getragen.
Noch einmal saß er auf der Stadtmauer von Dubrovnik und blickte in die untergehende Sonne, bis nicht mehr zu erkennen war, wo die Erde endete und der Himmel begann.
Er stand vor dem Nichts. Zum zweiten Mal verließ er seine Heimat, doch die Erleichterung darüber, auf unblutige Hände blicken zu dürfen, war größer als die Trauer. Nicht mehr überall Feinde wittern, wo keine waren, nicht mehr in jeder Spalte nachsehen und ständig unter Strom stehen.
Zuerst Frieden für die Seele finden und danach eine eigene Familie gründen, das war sein Ziel.
Nun doch ein wenig wehmütig schwor er der Stadtmauer, eines Tages zurückzukehren und in den Kaffees zu warten, bis seine Frau gekocht hatte.
In der Ferne erwartete ihn eine Seelenverwandte, das wusste er. Er musste sich nur noch auf den Weg begeben und das rote Band aufwickeln, das sie verband. An einem Zeichen, auf das er nie mit dem Finger deuten könnte, würde er sie erkennen.
So war es schon immer und so wird es immer wieder sein.
Danach reiste er, wohin ihn der Weg führte, und wenn es ihm an einem Ort gefiel, blieb er für eine Weile, um sich Geld für die Weiterreise zu erarbeiten. Zwei Jahre dauerte seine Wanderschaft.
Als seine Barschaft wieder zu Ende ging, suchte er sich vorübergehend eine Arbeit in der Schweiz.
Der Hierophant, Karte V der Heldenreise
Der Narr tritt aus dem geschützten Kreis heraus. 6/7 der Kräfte wirken im Unterbewussten, 1/7 im Bewussten. Die Oberen werden ausgebildet, das Ego gestärkt. Werte, von der Gesellschaft oder Erziehung an uns vermittelt, werden überprüft und eine eigene Einstellung dazu gesucht. Die Säulen sind nicht mehr schwarz und weiß, sondern grau. Der Hierophant ersucht uns, den Mittelweg zu finden. Wer steckenbleibt, übernimmt nie Verantwortung für sein Handeln und lässt sich diktieren. Misstrauen, Hochmut und Scheinheiligkeit gedeihen daraus.
***
Hugo
Für Hugo war jene Offizierskarriere vorgesehen, die sein Vater gerne eingeschlagen hätte. Widerrede wurde nicht akzeptiert, auch nicht versucht, denn wenn jemand dazu prädestiniert war, dann doch er, der Sohn eines Obersten.
Anfangs glaubte ich diese Mär noch vom hohen Offizier. Warum sollte mir Hugo auch eine Lüge auftischen, die nur ganz kurze Beine hatte? Zudem betonte sein Vater stets seine Wichtigkeit in der bedrohlichen Zeit des Kalten Krieges.
Zwei Jahre verbrachte Hugo in unterschiedlichen Kasernen, wodurch unsere erlaubten Treffen noch weiter eingeschränkt wurden.
Da sämtliche Hinweise seiner Eltern bei mir nichts fruchteten, beehrten sie meinen Vater mit einem Besuch und richteten den Appell an ihn, mir den Umgang mit Hugo zu verbieten. Ein Kind, das die Anweisungen des Vaters nicht befolgte, war für sie undenkbar.
Ihr Ansinnen wurde nicht nur verweigert, mein Vater setzte auch noch nach: „Wenn unsere Offiziere nicht imstande sind, über ihre eigenen Anliegen zu bestimmen, dann fürchte ich um die Sicherheit unseres Landes.“
Nach vier Jahren Beziehung und mehreren Trennungen meinerseits, die ich doch nie durchstand, reichte mir der Tanz um seine Mutter „Madame Mère“.
Ich drängte Hugo, mit mir zusammenzuziehen, und zu meinem Erstaunen willigte er ein. Die Moral der Zeit zwang uns, zuerst eine anständige Verlobung zu zelebrieren, was seine Eltern sogleich unterbanden.
Gezwungenermaßen beschlossen wir, uns heimlich zu verloben. Den stimmungsvollen Hintergrund dazu wurde durch den Offiziersball im Schloss Lenzburg geboten.
An diesem wichtigen Tag hörten wir viele Reden, viel Militärmusik und anschließend folgte der Märchenball mit Ballkleid in Größe 36. Ohne Eltern!
Gab es für eine junge Frau, die in romantischen Träumen lebte, für eine Verlobung ein passenderes Ambiente als ein mittelalterliches Schloss?
Das weiße Pelz Cape, auf das ich so stolz war, fest um mich geschlungen und immer darauf bedacht, mein neues Kleid nicht zu ruinieren, wartete ich auf unsere Stunde. Ich war überglücklich und kam mir unglaublich wichtig vor. Bald würde ich mich einem Mann aus der Elite versprechen. Es war berauschend. All die feschen Offiziere um mich herum und meiner war ohne Zweifel der prächtigste.
Endlich erreichten wir ihn, unseren geheimen Höhepunkt.
Im Schlosspark unter dem Sternenhimmel mit Blick über die beleuchtete Stadt stand ich erwartungsvoll und mit überfließenden Gefühlen vor dem Mann in Galauniform, die er, um sie zu schonen, nur einmal im Leben trug.
Doch keine zärtliche Umarmung erwartete mich. Er zappelte umher, rieb pillendrehend Daumen und Zeigefinger aneinander und verkündete: „Zuerst will ich beichten, dafür ist jetzt der letzte Zeitpunkt.“
Ich spürte, wie es in meiner Brust eng wurde, aber es gelang mir, zu lächeln. Nach einer bedeutungsvollen Pause fuhr mein beinahe Verlobter fort: „Vor einigen Wochen traf ich zufällig eine ehemalige Schulkollegin, Barbara. Sie nebelte mich ein und zerrte mich in ein Hotel. Sie hatte so mächtige Brüste.“
Erleichtert atmete er aus und fügte hinzu, wobei er immer noch mit den Händen die Größe ihrer Brüste maß: „Jetzt fühle ich mich besser.“
Der Schmerz erfasste mich mit voller Wucht und die Romantik zersplitterte hörbar. Eine große Kraft drückte mich zu Boden, aber ich lächelte weiter. Der Ball hatte seinen Zauber verloren, nur Hugo strahlte noch.
Er log nicht, um eine Fehltat abzustreiten, sondern um eine aufzubauen. Die Blume mit dem Namen Narzisse war erblüht.
Wir heirateten und anfangs waren wir glücklich, lebten zufrieden unseren Alltag und blickten hoffnungsvoll in die Zukunft.
Hugo arbeite außerhalb, ich war für das Management innerhalb des Hauses zuständig. Dazu bekam ich Beratung. Wann und wo hätte ich bei meiner Herkunft auch putzen und kochen lernen sollen?
Hugo demonstrierte mir männliche Logik, an der es mir leider mangelte, und meine Schwiegermutter ließ sich lang und breit über die Wichtigkeit von Sauberkeit, Ordnung und das Führen eines Haushaltsbuches aus.
Damit ich auch verstand, wie ein Haushaltungsbuch in etwa aussehen sollte, kaufte sie mir ein Exemplar. Allerdings verlangte sie dessen Kosten zurück.
Nach drei Jahren kam unser Sohn Alexander zu uns. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht geplant gewesen, aber wir freuten uns umso mehr über ihn.
Eine Transformation fand statt und die Welt bestand nur noch aus drei Kilo 750 Gramm. Ich konnte mich mit einer Mischung aus Glückseligkeit und Furcht um ihn, die mich bis an mein Lebensende begleiten wird, nicht sattsehen an ihm. Immerzu wollte ich ihn aus der Wiege nehmen, ihn streicheln und beschnuppern. Nur nachts, da wollte ich nicht, da musste ich ihn aus der Wiege nehmen. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Unglaublich, wie ein so kleines Wesen einem Erwachsenen jede Kraft rauben kann.
Der letzte Rest meiner Fähigkeit, selbständig zu denken, wurde von Müttern mit Erfahrung niedergewalzt. Alles, was meinen Alltag hätte vereinfachen können, galt als tabu. Geregelte Zeiten für alles und jedes und nur zum Wohle des Kindes zählten noch. Dazu sind Mütter ja da: ausschließlich für die Zufriedenheit ihrer Kinder.
Ich machte alles falsch und war umgeben von erfolgreichen, gepflegten Müttern, deren Leben exakt so wundervoll war, wie sie es anstrebten, und die vor Glück strahlten, wenn ihr Baby nachts schrie.
Hugo entpuppte sich als liebevoller Vater und übernahm viele Pflichten. Nur auf einen ungestörten Schlaf bestand er, da er tagsüber alle Ressourcen für seine wichtige berufliche Position benötigte. Das verstand ich.
Wie es die Tradition verlangte, bauten wir uns ein Nest und schlugen den üblichen Weg ein. Haus mit Garten, Samstagsausflug zum Gartenmarkt, Grillieren auf der Terrasse, einen Hund und Erfolg im Beruf. Das Letztere ließ er so verlauten, und bezweifelte auch niemand, denn er strickte fleißig am Mythos seiner heroischen Person.
Aber ein strahlendes Bild zu erhalten benötigt viel Kraft. Je höher der Sockel wurde, auf den er sich stemmte, desto anstrengender wurde es für ihn, sich oben zu halten.
Unser zweiter Sohn Philipp war sechs Tage alt, als Hugo wiederum Barbara traf, und mit ihr im Hotel verschwand.
Wer weiß, was wirklich geschah. Ob ja oder nein ist nicht von Belang. Nur die Tatsache zählt, dass ich ihm glaubte.
Niemand ist so verletzlich wie die Mutter eines neugeborenen Kindes. Ihr Körper ist durch das Trauma der Niederkunft geschwächt, wild gewordene Hormone flitzen durcheinander und das Stillen rund um die Uhr erschöpft sie.
Abends kam Hugo von der Arbeit nach Hause und leerte einen Kübel Verachtung über mich. Mein Aussehen wurde bemängelt, darauf aufmerksam gemacht wie hässlich, wie wertlos ich war, dumm und dick, und wie schlecht mir meine Haushaltsführung sowie meine Kindererziehung gelang.
Anfangs wehrte ich mich, was unverzeihlich war, denn ein Narzisst braucht eine Partnerin, die ihn als göttliche Fügung ansieht. Er reagierte mit Drohungen und alles, was ich zu meiner Verteidigung vorbrachte, wurde überheblich abgeschmettert.
Ich war ihm klar unterlegen. Selbst als ich schon am Boden lag, trat er mich weiter mit Füssen. „Du kannst nichts“ und „Du bist nichts“ kannte ich schon seit meiner Kindheit. Er modifizierte lediglich die Formel. Im einen Augenblick konnte ich nichts richtig machen, im anderen überschüttete er mich mit Fürsorge und Zärtlichkeiten. Zuckerbrot und Peitsche.
Dann nur noch Peitsche.
Ich weiß nicht, warum ich mich nicht wehren konnte. Worte besitzen Macht, ich glaubte ihm. Die Botschaft war verinnerlicht: Ich war wertlos, dumm und dick.
Ängstlich lotete ich seine Stimmung aus und versuchte, ihm immer einen Schritt voraus zu sein, um Unheil abzuwenden, versuchte alle glücklich zu sehen außer mich, redete mir ein, dass wir alle glücklich würden, wenn nur er glücklich war. Wer war ich denn, dass ich mich meinem Ehemann entgegenstellen durfte? Er, beruflich erfolgreich, und ich, zu nichts imstande. Dumm und dick eben.
„Kannst du nicht wenigstens versuchen, ein wenig sauber zu machen, bevor ich nach Hause komme? Du erwartest doch nicht, dass ich das auch noch erledige! Meine schwerwiegende Arbeit erfordert bereits all meine Aufmerksamkeit und Kraft.“ Dabei hatte er einen verächtlichen Ausdruck im Gesicht, als wollte er mich noch ein letztes Mal verwarnen.
Unentwegt lag ich im Schatten seiner mentalen Angriffe. Nie wusste ich, wann der Nächste kam. Er brauchte keinen
Grund dazu. Schon ein unbewusster Blick, eine Geste, eine leise Freude meinerseits reichte dazu aus.
„Aha. Wie ich sehe, warst du schon wieder beim Friseur. Im Gegensatz zu dir habe ich dazu keine Zeit. Ich arbeite hart für euch, damit ihr ein schönes Leben habt. Das ist mein Ziel. Nicht meins ist wichtig, nur eures.“
Seine Verachtung war unübersehbar. Alles drehte sich nur noch darum, ihm zu gefallen. Er weidete sich an meiner Angst und ernährte sich davon. Je mehr ich davon zeigte, umso mehr begehrte er sie, und umso größer wähnte er sich. Sie half ihm, seine negativen Gefühle zu überwältigen. Einige tranken in seiner Situation, andere schlugen ihre Frauen, traten die Katze oder bewältigten den inneren Schmerz, indem sie die nächst Schwächeren psychisch misshandelten.
Ein schleichendes Gift breitete sich aus, nur konnte dieses Gas niemand riechen. Es war leicht, so zu tun, als existierte es nicht.
Er war doch ein guter Vater. Wie könnte ich die Kinder von dem wegreißen, was ihnen Stabilität gab. Wir verbrachten doch auch schöne Zeiten zusammen, diese würden bestimmt den Weg zurückfinden, das eine oder andere nette Wort würde er mir sagen, wenn ich mich nur ein Bisschen anstrengte, weniger an mich und mehr an sein Wohlbefinden dachte.
Meine Persönlichkeit wurde mir ausgetrieben, meine Lebensfreude ausradiert, meine Freundinnen weggetrieben, eine eigene Meinung stand mir nicht zu. Für ihn gab es ohnehin nur zwei: seine oder die falsche. Selbst Wasser war nicht nass, wenn er es so wollte. Er presste mich immer mehr in die Form, die ihm genehm war.
Nahte Besuch, malträtierte er mich im Vorfeld, bis ich in Tränen ausbrach. Danach begrüßte er die Gäste mit dem Schwung eines Siegers und kommentierte mit verächtlichem Schnauben das Lob, das an mich gerichtet war: „Ja. Kochen kann sie.“ Um ihm zu gefallen, bewies ich einen Intellekt, der nicht über die Küche hinausging.
Großzügig spielte er den fürsorglichen Ehemann, berührte mich zärtlich und sah liebevoll auf mich herab. Die blitzschnellen Wechsel zwischen fröhlichem Lächeln, mit dem er seinen Besuch beglückte und der verachtenden Grimasse, wenn er sich mir zuwandte, sah nur ich.
Für mein Umfeld war ich die unzufriedene Gattin, die nicht dankbar war für ihren außerordentlichen Partner. Beklagte ich mich, meinten sie: „Hör auf. Jetzt übertreibst du aber massiv.“ Dabei war es noch untertrieben.
Er hatte sie auf seine Seite gezogen und ihr Mitgefühl galt ihm. Auf meine ständig gereizte Laune angesprochen, antwortete er lächelnd: „Ach weißt du, ich habe Geduld. Was soll ich denn machen? Da sind ja noch die Kinder.“
Beinahe hätte er mich ausgelöscht.
Alexander war 12 Jahre alt, als er sich das erste Mal zwischen uns schob, und seinen Vater mit einem einzigen Satz vom Sockel stürzte.
Aus meinem kleinen Jungen war ein Mann geworden.
Auf der Suche nach Liebe und Aufmerksamkeit fand ich das wirkliche Leben. So flüchtete ich wieder in meinen Zauberwald und verirrte mich darin. So ließ ich wieder meinen schwarzhaarigen Helden aufleben. Er gab mir Wärme und ich sehnte mich nach ihm. Ich spürte seine Anwesenheit, ließ mich von ihm berühren und lebte mit ihm in einer anderen Welt. Jede Minute, die ich alleine verbrachte, träumte ich mich weg zu ihm. Er tröstete mich, lobte mich und liebte mich. Wurde es unerträglich, legte ich mich hin und suchte ihn in der Zwischenwelt. Die Wirklichkeit glitt davon und ließ mich in der Geschichte meines zweiten Skarabäus zurück.
Man nennt mich Mahira und ich lebe im alten Perserreich. Ein blaues Licht aus einer kleinen Lampe schimmert vor mir. Nur diese Quelle erhellt das Zelt. An den Wänden hängen prächtige Teppiche, auf dem Boden liegen mehrere Lagen und ich sitze angenehm auf Kissen. Ein niedriger Tisch mit Tee, der meinen Durst stillt und kandierten Früchten, die mich erfreuen, befindet sich neben mir. Alles ist mir fremd, trotzdem fühle ich mich zu Hause. Mein Herr hat mir befohlen, das Licht mit den Augen zu fixieren, bis er zurückkehrt. So habe ich es verstanden, denn er spricht eine Sprache, die nicht die Meine ist.
Vor vielen Tagen hob er mich auf sein Pferd und brachte mich zu seinem Stamm in die Wüste. Ich denke, er ist der Anführer dieser Sippe, denn sie erweisen ihm ihre Ehrerbietung. Sie nennen ihn Arsam. Sein Zelt erzählt von Reichtum, vor allen durch die blaue Farbe, die bei uns selten und teuer ist. Jetzt warte ich, bis er heimkehrt. Ich bin aufgeregt, ängstlich und dennoch weiß ich, dass es so sein soll.
Zuvor lebte ich in einem Land, indem die Menschen in Häusern aus Stein wohnen. Meine Eltern sind mir unbekannt. Ein altes Paar, dem keine eigenen Kinder geschenkt wurden, fand mich und sah mich als ein Geschenk der Götter. Sie kleideten, nährten und liebten mich. Sie ließen mir Lesen und Schreiben beibringen, denn sie waren vermögend. Als ich älter wurde, begann ich Kräuter zu sammeln. Damit heile ich die Kranken. Wenn diese nicht helfen, lege ich meine Hände auf ihre Beschwerden, damit die Götter ihre Kraft fließen lassen und ich Gebrechen wegwischen kann. Woher ich dieses Wissen habe, ist mir nicht bekannt. Es ist tief in meinem Inneren verborgen.
Nach dem Tod der Eltern, den ich heute noch sehr bedaure, bereitete ich ihnen ein würdiges Begräbnis, damit sie zurückfinden, sobald sie dazu bereit sind.
So war es schon immer und so wird es immer wieder sein.
Danach ging ich auf Wanderschaft, um mein Wissen in fremden Ländern zu verbessern. Unterwegs half ich den Kranken, so dass ich nie Hunger leiden musste.
Nach langer Reise traf ich auf ein Kloster in der Wüste, in dem sie mir unglaubliches Wissen beibrachten. Nicht nur in der Heilkunst, sie unterrichteten mich auch in Sternkunde und Philosophie, was mir in der Ausübung meiner Kunst helfen wird. Ihre Weisheit, die ihnen ihr Gott gegeben hat, ist groß. Sie kennen nur einen Gott, was ungewöhnlich ist. Für unsere Anliegen haben wir mehrere Möglichkeiten, um Opfer niederzulegen, denn hilft der eine nicht, wechseln wir den Tempel.
Eines Abends schickten sie mich, Birkenrinde abzuschälen. Diese entfaltet zu einem Sud gekocht eine Kraft, die alle Schmerzen nimmt. Ein seltsames Gefühl hat von mir Besitz ergriffen, denn ich habe die Gabe, Dinge zu erspüren. Ich drehte mich um und da sah ich den Sohn der Wüste. Bewegungslos saß er auf einem Pferd, umgeben vom strahlenden Licht der untergehenden Sonne in seinem Rücken. Er war nicht wie unsere Männer in buntes Tuch gekleidet, sondern in einem blauen Linnen, das er bis über den Kopf gezogen hatte. Die Sonne hinter ihm glühte nicht mehr unbarmherzig, sondern wärmend, so dass er mich wohlig anzog. Ich rannte zu ihm, denn ich wusste, dieser Mann gehört zu mir.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.