Kitabı oku: «Festbierleichen», sayfa 2
Showtime
Samstag, 8. Juni 2019, 10.55 Uhr
Und wieder hallte das Klatschen der rund 100 Handpaare von den kahlen Wänden des Foyers der Postgalerie, einer Einkaufspassage im Herzen von Speyer. Hier fand offiziell die vom Verkehrsverein und vom Dirndl- und Lederhosenkomitee organisierte Vorauswahl unter den fünf Bewerberinnen für das Amt der Brezelkönigin statt. Das Quintett war eingeladen, damit die Jury und die Speyerer prüfen konnten, ob sie auch wirklich die Voraussetzungen erfüllten. Jeder wusste, dass es eine reine Promotion-Veranstaltung war, die Interesse wecken sollte, am 13. Juli im Bierzelt auf dem Brezelfest bei der Endauswahl dabei zu sein.
Die bedirndelten jungen Frauen, die nebeneinander auf der Bühne standen, lächelten artig. Nur in Irinas Gesicht erstarb das Lächeln allzu schnell. Sie fühlte sich unwohl. Unsicher zupfte sie am Ausschnitt ihres Dirndls. Ihr Blick suchte Johanna, die sie begleitete. Warum nur hatte sie sich von ihr breitschlagen lassen, bei diesem Wettbewerb mitzumachen – sie, die Russin und damit eine völlige Außenseiterin.
Johanna schmunzelte und bedeutete Irina, mit an die Mundwinkel gelegten Zeigefingern, zu lächeln. In Irina keimte Zorn auf. Johanna war ein Profi. Vor einem Jahr war sie Karnevalsprinzessin gewesen und hatte Irina nach ein paar Aperol Sprizz überredet, sich für das hier zu bewerben.
Die hat gut reden, dachte Irina. Sie ist hübsch, hat eine gute Figur, und das Lächeln ist ihr geradezu ins Gesicht gewachsen. Dazu hat sie Charme.
Sie selbst hingegen war alles andere als ein Showgirl, sie war dünn, zierlich, ernst und eher zurückhaltend. Am liebsten würde sie von der Bühne schleichen und einfach abhauen.
Sie warf Johanna einen leidenden Blick zu. Die rollte mit den Augen. Sie konnte das Zaudern ihrer Freundin ganz und gar nicht nachvollziehen.
In diesem Augenblick löste sich eine kleine Gruppe um Johanna aus dem Publikum. Offensichtlich wollten sie ihre Einkäufe fortsetzen und nicht weiter zuschauen. An ihre Stelle schoben sich zwei bekannte Gestalten – André Sartorius und Frank Achill.
Irina erlebte ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits freute sie sich über den unerwarteten Beistand, hatte sie doch bewusst ihre Teilnahme vor den beiden verheimlicht. Andererseits war nun jede Flucht ausgeschlossen. Sie war viel zu stolz, um ihnen gegenüber ihre Schwäche einzugestehen. Sie hatte sich diese Suppe selbst eingebrockt und würde sie nun auch auslöffeln. Und das, obwohl sie sich sicher war, auf dem letzten Platz zu landen.
Der Moderator kündigte unter dem Beifall des Publikums an, dass die Kandidatinnen nun ihr Geschick im Brezelteigschlingen unter Beweis zu stellen hatten. Irina stöhnte innerlich auf.
*
»Immerhin warst du die Schnellste beim Teigschlingen«, sagte André und klopfte Irina anerkennend auf die Schulter.
»Wir Russen sind eben das Arbeiten noch gewohnt.« Sie lächelte befreit, man konnte ihr ansehen, wie erleichtert sie war, weitab vom Trubel der Postgalerie nun hier mit André und Frank im gemütlichen Berzelhof-Café zu sitzen. André hatte wie immer einen guten gastronomischen Riecher bewiesen, als er sie in diesen von historischen warmroten Sandsteinmauern umgebenen Innenhof geschleppt hatte. Jetzt, im Frühsommer, wo die Bienen ihre Saugrüssel in die engen Lippenblüten der Lavendelrispen zwängten oder sich auf den fast handtellergroßen roten Blüten des türkischen Mohns tummelten, gab es keinen romantischeren Ort in der Altstadt.
»Und wie ging die Sache mit dem Finger weiter?«, wechselte Irina das Thema und sah erwartungsvoll zu Frank.
Der räusperte sich. Er tat sich schwer, mit Dritten über laufende Ermittlungen zu sprechen.
»Na ja«, begann er stockend, »der Finger wurde, wie vermutet, ans Ufer getrieben. Die Kollegen der Rechtsmedizin haben herausgefunden, dass er wohl schon etwa 20 Stunden im Rhein gelegen haben muss, ehe ihn Johannas Hund dem Jungen vor die Füße gelegt hat.«
André rieb sich das Kinn. »Bei einer Fließgeschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde, die der Rhein in unserem Flussabschnitt hat, könnte das bedeuten, dass er rund 120 Kilometer rheinaufwärts in den Fluss geworfen wurde. Also so etwa bei Straßburg.«
Achill stieß Luft durch die Lippen. »Du kannst es aber auch nicht lassen, dir unseren Kopf zu zerbrechen. Als du letztes Jahr meintest, dich in die Polizeiarbeit einmischen zu müssen, hätte dich das beinahe das Leben gekostet.«
»Einmischen?«, hob André an, verstummte aber sofort wieder. Er wusste, wie es seinen Freund noch immer wurmte, dass es André gewesen war, der überhaupt erst auf die Mordserie aufmerksam geworden war. Achill hatte damals seiner Theorie zu spät Glauben geschenkt und dabei das Leben eines Opfers aufs Spiel gesetzt.
»Könnte es nicht sein, dass der Finger schon in oder kurz vor Ludwigshafen in den Rhein gefallen ist, am Ufer hängen blieb und erst durch ein vorbeifahrendes Schiff losgerissen wurde? Also auf die gleiche Weise, wie er an der Parkinsel angeschwemmt wurde?«, führte Irina Andrés Gedanken fort.
»Jetzt fängst du auch noch an zu spekulieren. Seid ihr beide denn noch zu retten?«, brummte Achill resigniert.
»20 Stunden? Das heißt, der Finger wurde am Donnerstag so gegen 23.00 Uhr in den Rhein geworfen. Es war also dunkel, eine passende Zeit, um Leichenteile zu entsorgen«, machte André weiter.
»Es handelt sich dabei nicht um ein Leichenteil, deshalb werde ich möglicherweise diesen Fall auch wieder los«, sagte Achill hart, als wolle er damit die Diskussion beenden.
»Wie, was? Wieso kein Leichenteil?«, fragte Irina unbeirrt weiter.
»Weil der Finger nicht post mortem abgetrennt wurde. Der Eigentümer hat noch gelebt, als er ihn verlor. Es kann also auch ein harmloser Unfall gewesen sein. Und ihr habt euch umsonst den Kopf zerbrochen.«
»Verlor?«, flötete Irina lachend. »Das hört sich irgendwie harmlos an. Der Eigentümer wird ja wohl kaum im Fundbüro anfragen.«
»Nein, wird er nicht, der Finger wurde wohl mit einer Zange oder schweren Schere abgeschnitten, und er gehörte zur rechten Hand eines Asiaten, hat die Rechtsmedizin herausgefunden. So, jetzt wisst ihr alles und könnt mich endlich in Ruhe lassen. Die Kollegen sind gerade dabei, sämtliche Krankenhäuser und Chirurgen zwischen Straßburg und Ludwigshafen abzutelefonieren. Sie werden bestimmt bald den armen Teufel finden, dem das zugestoßen ist, und ich bin aus der Sache raus. Keine Leiche, keine Arbeit für die Mordkommission. Basta!«
Arbeit
Montag, 17. Juni 2019, 6.40 Uhr
Irina fröstelte. Obwohl man für heute warmes Frühsommerwetter vorausgesagt hatte, war die Nacht frisch gewesen. Zudem verunsicherte sie das Neue, das ihr in den nächsten zwei Monaten bevorstand. Nach einer erholsamen Pfingstwoche, die sie zum Ausschlafen nach dem Prüfungsstress an der Uni genutzt hatte, sollte heute ihr Praktikum beginnen. Nach langem Abwägen hatte sie sich für eine Tätigkeit bei der Brauerei Eichbaum in Mannheim entschieden. Eigentlich war alles nach ihrem Geschmack. Ein mittelständisches Unternehmen mit knapp 400 Beschäftigten, in dem es noch familiär zuging und das dennoch zukunftsorientiert arbeitete. In den letzten Jahren hatte man es geschafft, sich – an vielen großen Brauereien vorbei – erfolgreich die ausländischen Märkte zu erschließen. Der springende Punkt bei der Sache war, dass man im Moment ausgerechnet nach Russland expandierte und sich im Vorstellungsgespräch ganz entzückt über ihre muttersprachlichen Russischkenntnisse gezeigt hatte. Sie würde sich also nützlich machen können und nicht, wie sie es oft von anderen Praktikanten in ihrem Jahrgang hörte, in der Ecke sitzen und Imagebroschüren oder Arbeitsanweisungen lesen müssen. Dazu war sie viel zu umtriebig und praktisch veranlagt.
Nervös ging sie vor der breiten Einfahrt, die noch mit einem riesigen Schiebetor verschlossen war, auf und ab. Bei jeder Runde warf sie einen flüchtigen Blick auf das Pförtnerhäuschen, das, hätte es nicht die grüne Dachverblendung in der Unternehmensfarbe und mit dem Logo des stilisierten Eichbaums gehabt, auch gut an der russischen Grenze hätte stehen können. Die Dame darin schien nicht daran zu denken, das Tor zu öffnen. Kein Wunder, schließlich war Irina auch eine gute Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin hier aufgeschlagen.
Aus dem Augenwinkel nahm sie einen jungen Mann wahr. Unschlüssig schlurfte er auf dem Gehweg der Käfertaler Straße entlang, verweilte an jedem der Eingänge und Tore des weitläufigen Werksgeländes und glich sie mit einem Papier ab, das er in Händen hielt.
Als er näher kam, musterte er Irina unsicher. »Kean Sie do dazua?«, fragte er mit kehliger Stimme.
Irina starrte ihn fragend an. Sie hatte rein gar nichts von dem Kauderwelsch verstanden.
»Exkjuse mi, du ju wörk hier?«, versuchte es der junge Mann erneut.
Wieder musste sie grinsen. Deutsch konnte er nicht und Englisch offensichtlich auch nicht. Aus welchem Kral war wohl dieser komische Vogel geflohen?
»Wot’s so funny? Wei du ju laf ät mi?«
»Sorry, I’m Irina from Russia.«
Der junge Mann schien nun völlig aus dem Konzept gebracht. »Sorry, ei dont schpiek Russian. Ei äm from Bavaria.«
Irina konnte sich nun nicht mehr zurückhalten und prustete los. »Dann red doch Deutsch, du komischer Vogel!« Dabei streckte sie ihm freundlich die Hand entgegen.
Der junge Mann errötete und reichte ihr nun seinerseits die Hand. »I hob ma hoid denkt, oiso … i bin da Quirl.«
»Quirl? Was ist das denn? Arbeitest du nebenberuflich als Mixer?«
»Na, so song meine Freind hoid zu mia.«
Irina schüttelte den Kopf. »Wo kommst du denn her? Wer nennt denn seinen Freund Mixer?«
»Quirl«, verbesserte er. »I bin aus Neiploching.«
»Neiwas? Leider ist mir diese Metropole noch nicht untergekommen.«
Er schaute nur betroffen. Irgendwie tat er Irina mit seinen großen braunen Augen, die sie nun anschauten, als gehörten sie einem treuen Hund, leid.
»Sorry. Ich war wohl …«, begann sie.
Er winkte ab. »Basst scho.«
»Und was wolltest du mich fragen?«
»I woit bloß wissn, wo’s do nei geht?«
»Nei geht’s hier, wenn die Dame da drin die Güte hat, uns zu öffnen.« Irina wies zum Pförtnerhäuschen.
»Du bist aba fei koa Brauerin.« Er musterte Irina abschätzig.
Sie lachte laut auf. »Wieso? Sieht man mir das an?«
»Na, äh, des hoaßt, äh …«, stammelte er mit geröteten Wangen.
Irina bedauerte sogleich, ihn derart gefoppt zu haben. So unbeholfen, wie er war. Er wirkte überfordert. Wahrscheinlich war er in seinem Leben noch nicht oft in eine fremde Stadt gekommen. Die Situation erinnerte sie daran, wie sie vor vier Jahren zum ersten Mal in Mannheim vor der Uni stand und niemanden hatte, der sie ein wenig eingeführt hätte.
»Mir hat jemand gestern am Telefon erklärt, dass ich mich hier an dieser Pforte melden muss. Der Praktikumsbetreuer wird mich hier abholen. Bei dir ist es bestimmt ähnlich. Und nein, ich bin keine Brauerin. Ich studiere hier an der Uni Betriebswirtschaftslehre und mache bei Eichbaum ein zweimonatiges Praktikum in internationalem Marketing.«
Die Züge des Jungen entspannten sich. Dankbar nickte er. »Und i wui heia im Heabscht mei Studium zum Diplom-Braumoasta an da TU in Minga, also München moan i, ofanga.«
Irina entging nicht der Stolz, mit dem er die Worte »Diplom-Braumeister« aussprach.
»I hob scho a Lehr zum Brauer und Mälzer g’macht und mecht ma des ez amoi oschaun, wia de do braun.«
Allmählich gewöhnte sich Irina an den merkwürdigen Dialekteinschlag und verstand schon weitgehend, was er sagte.
Da ertönte plötzlich ein Signal, und das mächtige Eisentor schob sich zur Seite. Der junge Mann hastete als Erster durch und eilte zum Pförtnerhäuschen. Irina lief ihm hinterher und musterte ihn. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er eine Trachtenweste trug. Unwillkürlich musste sie an ihr Dirndl denken, das sie vorletzten Samstag, als sie für den Brezelköniginnen-Contest aufgetreten war, getragen hatte. Fesch war er, wie er da mit seinem kräftigen Körper und knackigen Hintern vor ihr herlief.
Felco
Samstag, 23. Juni 2019, 0.55 Uhr
Ernst Berger war ein schreckhafter Mann. Linkisch schaute er alle 50 Meter über die Schulter, ob ihm jemand folgte. Zu dieser Tageszeit wäre er nie auf die Idee gekommen, sich in diesem Stadtteil zu bewegen. Dabei war der Mannheimer Jungbusch nicht mehr das, was er noch vor zehn Jahren gewesen war. Ursprünglich waren die schönen alten Häuser hier im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts für reiche Reeder und Kapitäne erbaut worden. Nach dem Niedergang der Rheinschifffahrt in den 70er-Jahren waren sie zunehmend heruntergekommen. Amüsierlokale, Prostitution und Drogenhandel hatten sich hier breitgemacht – zum sozialen Brennpunkt war der Jungbusch geworden. Doch nun siedelte sich allmählich eine neue Bevölkerungsgruppe hier an. Die Studenten der Uni und der zahlreichen anderen hier beheimateten Hochschulen – wie der unweit von hier gelegenen Pop-Akademie – machten sich mit ihren Wohngemeinschaften in den oft großzügig geschnittenen Altbauwohnungen breit. Ihnen folgte ein bunter Mix aus Szenekneipen und kleinen Läden. Der Stadtteil war im Aufwind und wurde bei der jungen urbanen Gesellschaft immer beliebter. »Gentrifizierung« nannte man das neuerdings.
Dennoch gab es nachts noch genügend finstere Gestalten, die die Gegend für Berger, den ängstlichen Buchhalter bei der Brauerei Eichbaum, zur No-go-Area machten. Er hatte am Rand der Hafenstraße geparkt und marschierte schnellen Schrittes durch die um diese Tageszeit noch trister wirkende Böckstraße mit ihrem verfallenen Mühlengebäude gleich am Straßenanfang. Er hatte sich bewusst für diese ruhige Straße entschieden und nicht die belebtere Jungbuschstraße mit der legendären Onkel-Otto-Bar und den anderen um diese Zeit stark frequentierten Kneipen genommen. Er wollte nicht, dass man ihn hier sah.
Vor einem Haus türmten sich alte Matratzen und ein Sessel mit aufgeplatztem Polster. Wilder Müll aus den Wohnungen der vier- bis fünfstöckigen Gründerzeithäuser, einfach am Straßenrand entsorgt, war hier keine Seltenheit. Vor ihm huschte eine fette Ratte über die Straße und verschwand in einem offenen Kellerfenster. Er beschleunigte sein Tempo und bog um die Ecke in die Beilstraße. Hinter sich hörte er unregelmäßige Schritte. Ein Betrunkener, der über den Bürgersteig wankte und sich hin und wieder an einem Laternenmast festhalten musste.
Was tat er nur hier? Warum hatte er sich derart beunruhigen lassen? Seit wann ließ er sich erpressen? Wer war überhaupt dieser Typ mit dem russischen Akzent, der ihn heute Nachmittag angerufen hatte? Heute Morgen erst hatte er den Umschlag mit der Aufschrift »Herrn Ernst Berger – persönlich« aus der Hauspost gefischt. Zum Glück war er noch verschlossen gewesen. Nicht auszudenken, wenn das Foto darin auf dem Tisch eines Kollegen gelandet wäre. Es zeigte ihn nackt auf dieser Blondine, die sich Natascha genannt hatte und angeblich aus Moskau kam. Es war in jenem Speyerer Bordell aufgenommen worden, das er, bis zu dessen Schließung vor zwei Jahren, einige wenige Male besucht hatte. Sollte er das Foto doch schicken, wohin er wollte, er würde nicht zahlen, redete er sich trotzig ein.
Es fiel ihm schwer, sich im schwachen Licht der Straßenbeleuchtung zu orientieren. Haus um Haus näherte er sich der von diesem Typen am Telefon angegebenen Hausnummer. Warum nur machte er es so kompliziert? Wieso wollte er ihn persönlich sprechen? Warum konnte er ihm nicht telefonisch seine Forderung nennen? Um irgendwo ein paar 1.000 Euro zu deponieren oder, wie es im Erpressermilieu üblich war, ein paar Bitcoins zu transferieren, brauchte man wahrlich kein Treffen. Und Negative, die man ihm im Ausgleich übergeben würde, gab es im Digitalzeitalter sowieso nicht mehr.
»Da rein!«, unterbrach eine harsche Stimme mit osteuropäischem Akzent seine Überlegungen. Ein wuchtiger Schemen schälte sich aus der Dunkelheit eines offenen Eingangs. Er fühlte den Griff einer kräftigen Hand, die ihn in die Tür zog.
Das Treppenhaus war völlig finster. Nur durch ein kleines Fenster gelangte etwas vom fahlen Schein des Halbmonds ins Innere. Mit dessen Hilfe gelang es ihm wenigstens, die Umrisse des schmalen Flurs zu erkennen. Es roch nach modrigem altem Holz und frischem Zement. Jeder Schritt verursachte ein unangenehmes Scharren. Offensichtlich mahlte er Bauschutt, der den alten Fliesenboden bedeckte, unter den Füßen. Die feuchte Kälte der Nacht kroch ihm in die Knochen und nährte die Angst, die in ihm aufstieg. Wieso nur hatte er sich auf das hier eingelassen? Er war sich nun sicher, dass es eine riesige Dummheit gewesen war, alleine hierher zu kommen.
»Hier rein!«, herrschte ihn der Osteuropäer, der sich noch immer hinter ihm hielt, mit einer Stimme rau wie Schmirgelpapier an.
Er gehorchte. Was sollte er auch sonst tun, so schmächtig und wenig wehrhaft, wie er war.
Mit einem groben Stoß drückte ihn der Unbekannte durch eine der offenen Wohnungstüren. Die beiden Fenster des Zimmers, in das er mehr gestolpert als gelaufen war, waren größer und ließen das trübe Mondlicht in den Raum dringen. Weiterhin blieb der Fremde außerhalb seines Sichtfeldes. Er traute sich nicht, sich nach ihm umzudrehen.
Als hätte der Mann seine Gedanken gelesen, schrie er ihn nun an: »Wenn du dich umdrehst und mich ansiehst, bist du tot!«
Im gleichen Atemzug legte sich eine raue, kräftige Hand um seinen knochigen Nacken. Daumen und Mittelfinger umspannten den schlanken Hals zu drei Vierteln. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er zwischen den stählernen Backen eines mächtigen Schraubstocks eingespannt. Der Fremde musste gewaltige Hände haben. Berger wagte es nicht, sich zu bewegen, und blieb wie angewurzelt stehen. Dabei spürte er, wie seine Knie weich wurden. Für einen Augenblick fürchtete er, einfach kraftlos niederzusacken.
»Du hörst jetzt genau zu, was ich dir sage!«
»Kein Problem, ich zahle Ihnen, was Sie wollen. Ich mache Ihnen keine Schwierigkeiten«, stieß Berger mit brüchiger Stimme hervor.
»Maul halten! Ich rede. Du redest nur, wenn du gefragt wirst.«
»Jawohl!«, antwortete er servil, außer sich vor Angst.
Der Unbekannte drückte die Hand, die noch immer um seinen Hals lag, wie eine schwere Rohrzange zusammen.
Berger brachte nur ein Stöhnen heraus, das in ein heiseres Gurgeln überging.
»Du wirst das tun, was ich dir sage. Und zwar genau das. Sonst werde ich die Fotos deiner Frau schicken, du alter Hurenbock. Und danach werde ich mir deine Tochter vornehmen!« Er lachte diabolisch. »Sie hat genau das richtige Alter! Wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie kein Mann mehr anfassen. Und wenn ich gehe, werde ich ihr noch erzählen, dass sie das alles ihrem geilen Vater zu verdanken hat.« Wieder lachte er dröhnend.
»Ich tue alles, was Sie sagen, aber …« Berger kam nicht dazu weiterzusprechen, wieder schloss sich die Hand fest um seinen Hals.
»Sei ganz entspannt, mein Freund«, säuselte der Fremde süßlich. »Ich will doch nur ein paar Dosen Bier bei dir kaufen.«
»Ja, ja, natürlich«, stammelte Berger.
»Die Bestellung über 20.000 Dosen für meine russische Firma wird in den nächsten Tagen bei dir eingehen.«
»Kein … kein Problem«, antwortete Berger, in dem gerade die Hoffnung wuchs, es könnte sich doch alles in Wohlgefallen auflösen.
»Und weißt du was, mein Buchhalterchen, ich werde dir sogar dabei helfen, sie zu befüllen.«
Berger nickte hektisch.
»Du wirst am …« Jetzt stockte der Fremde, nestelte in seiner Jacke herum, Papier knisterte, ein Feuerzeug flammte auf. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Berger das Spiegelbild des Fremden, der ihn um mehr als einen Kopf überragte, in der Fensterscheibe vor ihm. Sein Haar war kurz, das Gesicht grob und pockennarbig. Zwischen seinen Lippen klebte eine selbstgedrehte Zigarette. Der Augenblick war lang genug, um seine Angst in rasende Panik zu verwandeln, aber zu kurz, um ihn je wiederzuerkennen.
»Du wirst in der Nacht vom 8. auf den 9. Juli um 2.00 Uhr bei deiner Brauerei eine Tankladung erhalten und den Inhalt in die Bierdosen füllen, die dann am Mittwoch, dem 16.7., abgeholt werden. Verstanden?!«
»Aber ich bin nur Buchhalter. Sie müssen mich verwechseln, ich habe mit der Abfüllung nichts zu tun. Ich …«, wimmerte Berger.
Wieder lachte der Fremde gallig. »Dann hast du es eben ab jetzt!«
»Aber ich …«, begann Berger, bevor ihm die kräftige Hand förmlich die Stimme abdrückte.
»Weißt du, was das ist?«, dröhnte der Fremde und hielt ihm eine grobe Schere mit roten Griffen vors Gesicht.
»Eine … eine Gartenschere«, stotterte Berger heiser.
Der Fremde lachte. »Nicht irgendeine Gartenschere, es ist eine Felco, Schweizer Wertarbeit, die Königin der Baumscheren, ich hab sie extra für dich ausgesucht.«
Berger konnte sich kaum noch auf den Füßen halten, das nackte Entsetzen schlug ihm wie ein Stock in die Kniekehlen.
»Mit dieser schönen Felco werde ich dich jetzt zum Abfüller umschulen, mein Freund.«
»Bitte, bitte …«, flehte Berger.
»Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie auch eine gute Gedächtnisstütze für Leute wie dich ist, die gerne vergessen, was man ihnen aufträgt!«
Berger brachte nur noch ein Glucksen heraus.
Der Hüne löste den Würgegriff um Bergers Nacken, nahm dessen knochige Hand und schob den kleinen Finger zwischen Klinge und Gegenklinge der Schere.
Berger versuchte, sich ihm zu entwinden, doch die muskulösen Arme seines Peinigers hatten sich wie riesige Tentakel um seinen zierlichen Körper gelegt.
»Nein!«, schrie er atemlos.
Ein Geräusch, als schnappe die scharfe Klinge durch ein dünnes Gehölz, wie es Berger kannte, wenn er den Zweig einer seiner historischen Rosenstöcke beschnitt, ertönte. Dann folgte ein stechender Schmerz an seiner linken Hand, der ihm für einen Augenblick die Besinnung raubte. Er krümmte sich, die Beine knickten endgültig unter ihm weg. Er glitt zu Boden.
Laut grölend hielt ihm der Fremde den abgetrennten Finger vors Gesicht und warf ihn dann kichernd auf einen Schutthaufen.
Berger wimmerte laut auf, seine Sinne vernebelten.
»Merk dir den 9. Juli um 2.00 Uhr. Wenn du die Bullen rufst oder sonst jemandem davon erzählst, werde ich diese Schere an den Fingerchen deiner Tochter ausprobieren. Verstanden?«
Berger brachte nur ein kraftloses Nicken zustande, zu sehr war er damit beschäftigt, mit einem Taschentuch das pulsierend aus der Wunde spritzende Blut zu stoppen.
Fortan nahm Berger alles um sich herum nur noch wie in Trance wahr. Die ausgerauchte Zigarette, die dicht an seinem Kopf vorbei auf den Bauschutt geschnippt wurde. Den unbarmherzigen Griff an seinem Kragen, der ihm die Luft abschnürte. Die Kaltblütigkeit, mit der ihn der Fremde über den mit Steinbrocken und Schutt übersäten Fußboden vor die Haustür schleifte und ihn wie einen Kartoffelsack einfach auf dem Bauch liegen ließ. Berger hörte, wie er die alte Holztür ächzend ins Schloss drückte. Zum Abschluss packte er ihn im Genick und schob sein Gesicht ruckartig so dicht an den Türgriff, als wollte er ihm daran die Nase zertrümmern.
»Schau her!«, herrschte er ihn an, steckte einen Dietrich ins Schloss und brach ihn ab.
»So, jetzt kannst du es dir sparen, nach deinem dürren Buchhalterfinger zu suchen. Bis du einen gefunden hast, der die Tür aufkriegt, haben ihn längst die Ratten gefressen. Und überleg erst gar nicht, ins Krankenhaus zu laufen. Man fragt dort zu viel. Und von deinen Antworten würde ich irgendwann hören, und dann wärst du tot. Ein Druckverband, und in zwei Tagen ist alles gut. Sei keine Memme, denk dran, ich habe ein Auge auf dich!«
In diesem Augenblick näherten sich Schritte. Ein einsamer Fußgänger kam auf sie zu. Eine unbestimmte Hoffnung keimte in Berger auf.
»Komm, Briederchen, der letzte Wodka war zu viel fier diiech«, lallte Bergers Peiniger leutselig. Er stützte ihn. Dabei legte er wieder seine Schraubzwingenhand um dessen Kehle und drückte sich Bergers Gesicht fest an die Brust, sodass ihn niemand erkennen konnte und er außerstande war, um Hilfe zu rufen.
Berger würgte. Die Schmerzen, dazu der scharfe Geruch nach Mentholtabak und das aufdringliche Rasierwasser forderten ihren Tribut.
Der Fußgänger, dem ein knurrender Pitbull an einer Leine folgte, schüttelte nur den Kopf.