Kitabı oku: «Festbierleichen», sayfa 4
Jetzt schien er zu bemerken, dass André auf die Stelle mit dem Verband starrte. Er zögerte, schaute erschreckt in Andrés Gesicht. Mit einem Ruck erhob er sich und stieß krachend den Stuhl neben sich um. Er verpasste André einen Stoß, sodass er gegen den Nachbartisch taumelte, dort vergeblich Halt suchte und zu Boden ging. Zwei ältere Damen schrien schrill auf, als sich der Aperol Sprizz über ihre Kleider ergoss.
Für einen Augenblick war André desorientiert. Er hatte im Fallen die Brille verloren. Nur mühsam kam er zwischen dem Bistrotisch und dem Roller, der auf ihn gekippt war, auf die Beine. Mit zusammengekniffenen Augen sah er gerade noch, wie der Asiate ein Mountainbike schnappte und sich auf den Sattel schwang. Behände schlängelte er sich durch das Chaos aus abgestellten Fahrrädern, Parkscheinautomaten, Schildermasten und parkenden Autos auf die Busspur.
André spürte unbändigen Zorn in sich aufsteigen. Was fiel diesem Typen nur ein, ihn einfach umzustoßen und ihn vor den kompletten Bistrobesuchern derart bloßzustellen. Er sah rot. Das Limit des Erträglichen war für heute endgültig überschritten.
»So nicht, Freundchen!«, schrie er zornig mit verbissenem Gesicht. Er ergriff seinen Roller. Ohne zu zögern, holte er Schwung und nahm die Verfolgung auf. In einer halsbrecherisch engen Kurve zirkelte er um die Ecke, zerrte den Scooter über den Bordstein. Er streifte den Parkscheinautomaten und riss mit dem Ellbogen beinahe den Seitenspiegel eines Cabriolets ab. Eine Reihe Fahrräder kippte wie aufgestellte Dominosteine zur Seite. Mit vor Anstrengung und Wut geröteten Wangen schaffte er es, sich mit dem Roller auf der Fahrbahn hinter den Asiaten zu bringen. Im Zornesrausch verdrängte er alles um sich herum. Irina schaute ihm verwundert und überfordert hinterher. Was tat er da nur? Was für ein Chaos hatte er im Dolceamaro hinterlassen? Die Kellnerin tobte und forderte ihn auf zurückzukommen.
Doch er hatte nur noch eines im Sinn. Er wollte diesen merkwürdigen Grobian einholen. Es war zu seiner privaten Mission geworden, der er alles unterordnete. Mit weit ausholenden Fußschwüngen versuchte er, dem Gefährt unter sich mehr Fahrt zu geben und trieb es an wie ein stures Maultier.
Ein Pkw hatte sich vor den Flüchtigen gesetzt und ihn zum Abbremsen gezwungen. Nur drei Fahrradlängen lagen noch zwischen ihnen. Der Asiate trat mit aller Kraft in die Pedale, um wieder Fahrt aufzunehmen. André drückte den kleinen Gashebel, der sich bedenklich unter dem Daumen bog, in die Maximalstellung. Er würde heute nicht noch einmal der belächelte Verlierer sein. Er würde diesen Rüpel stellen, koste es, was es wolle.
Schnell hatten sie gut 50 Meter zurückgelegt. Rechts neben ihnen lag bereits das Kongresszentrum Rosengarten mit der roten Sandsteinfassade. Davor staute sich der Verkehr. Ein Taxifahrer half umständlich einem älteren Fahrgast aus dem Wagen. Der Asiate bremste scharf ab. Zu spät, er riss den Lenker herum und wendete stark schwankend. André erging es nicht besser. Entschlossen stemmte er den Fuß in den Asphalt, um nicht in das Heck des Taxis zu prallen. Er spürte, wie der raue Straßenbelag unter seinen Sohlen entlangschabte und ihm den Absatz vom Schuh hobelte. Er kam zum Stehen, stolperte und zerrte den Scooter in die Gegenrichtung.
Die zweispurige Ringstraße, die um den Wasserturm und die ihn umgebende Parkanlage verlief, war eine Einbahnstraße. Zu Andrés Entsetzen befuhr der Flüchtige die hochfrequentierte Straße nun in entgegengesetzter Richtung.
»Verdammt«, stöhnte André. Bei dem gewagten Wendemanöver musste ein hinter ihm fahrendes Auto scharf bremsen.
Wieder vergrößerte sich die Distanz zwischen ihnen. Auf lange Sicht würde André das ungleiche Rennen verlieren. Während der Roller bei 25 Stundenkilometern abgeregelt war, kam man mit einem Rad auf freier Strecke deutlich schneller voran.
Glücklicherweise war die Straße alles andere als frei. Wie auf eine Perlenschnur gereiht kam ihnen Auto um Auto in dichter Folge entgegen. Eng quetschten sie sich am Fahrbahnrand an hupenden Autos und ihren fluchenden Fahrern vorbei. Wenigstens für den Moment gab es für den Asiaten vor ihm kein Entrinnen. Links fuhren die Autos, und rechts war der Bürgersteig durch eine Kette abgegrenzt. Abzubremsen, abzusteigen und das Rad darüber zu wuchten, würde viel zu lange dauern und André die Chance geben, ihn zu ergreifen.
Gerade bremste der Flüchtige vor ihm mit quietschenden Reifen. Ein wuchtiges SUV kam, ohne Anstalten zu machen auszuweichen, auf ihn zu. André schloss auf. Der Abstand war erneut auf wenige Meter geschrumpft. Für einen Augenblick keimte in ihm die Hoffnung auf, ihn stellen zu können. Ein entschlossener Griff in den Pulloverrücken, und er würde ihn vom Rad zerren. Er versuchte, alles aus dem Roller herauszuholen. Obwohl er den Gashebel in Maximalstellung gedrückt hielt, holte er zusätzlich mit dem Fuß Schwung, auch wenn ihm das jedes Mal Stabilität raubte, und er drohte, das Gleichgewicht zu verlieren.
Sie erreichten den Scheitelpunkt der Ringstraße, dort, wo die vierspurige Augustaanlage auf den Friedrichsplatz stieß. Die Straße verengte sich. Am Fußgängerübergang vor ihnen endete die Begrenzungskette. Hier war einer der Hauptzugänge zum Park, der deutlich tiefer als das Straßenniveau den Wasserturm umgab.
Unvermittelt stoppte der Asiate, sprang vom Rad und schnappte nach dem Lenker des Rollers, den er mit einem Ruck querstellte. André war völlig überrascht und konnte der Aktion seines Kontrahenten nichts entgegensetzen. Den Gesetzen der Schwerkraft folgend kippte der Roller in voller Fahrt vornüber und riss André mit sich aufs Pflaster.
Er fing sich mit den Händen ab, bevor es ihn auf den Asphalt riss. Der ihm entgegenkommende Kleinbus bremste scharf. Der ihm nachfolgende Pkw fuhr, begleitet von lautem Hupen, auf. André spürte, wie seine Knochen und Sehnen in den Armen überdehnt wurden. Völlig unter Schock, noch immer von der fixen Idee besessen, den Flüchtenden zu fassen, rappelte er sich auf. Auch dem Asiaten war es nicht besser ergangen. Beim Versuch, sich wieder aufs Rad zu schwingen, kam er ins Schlingern und stürzte ebenfalls. Andrés Gehirn hatte alles um ihn herum ausgeblendet. Selbst die stark blutenden Handflächen, mit denen er den Sturz auf der rauen Straßendecke aufgefangen hatte, schien er nicht zu bemerken. Ohne zu realisieren, dass das Vorderrad des Rollers grotesk deformiert abstand, zog er das marode Gefährt mit sich und folgte dem Flüchtigen.
Dieser war erneut aufs Fahrrad gesprungen und strebte dem Treppenabgang zum Park entgegen. Ohne zu zögern, trat er in die Pedale und fuhr kurzerhand über die flachen Treppenstufen nach unten. André folgte ihm noch ein paar Schritte bis zum Ende der neben dem Abgang terrassenförmig in den Park gebauten Plattform. Rasend vor Zorn über die Boshaftigkeit, mit der ihn der Fremde vom Roller geholt hatte, schleppte er seinen geschundenen Körper bis ans Geländer der Terrasse. Er hatte verloren. Zum wiederholten Mal hatte er heute den Kürzeren gezogen. Unmöglich würde er mit dem havarierten E-Scooter oder laufend diesem Typen hinterherkommen. Der hatte in halsbrecherischem Tempo den Fuß der Treppe erreicht. Doch als er zu früh den Lenker des Rads nach links riss, stürzte er erneut. André starrte wie gebannt auf ihn, wie er sich direkt unter ihm aufrappelte. In einem verzweifelten Affekt stemmte er mit seinen ramponierten Armen den Roller hoch und warf ihn kurzerhand über die Balustrade nach unten.
Wunden lecken
Samstag, 6. Juli 2019, 13.35 Uhr
André war ganz schummerig zumute. Eine Hand umklammerte grob seinen lädierten Oberarm und ließ ihn laut aufstöhnen.
»Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?«, herrschte ihn eine knarzige Männerstimme an. Wie in Zeitlupe drehte er den Kopf, sein Nacken schmerzte, hinter ihm erkannte er den älteren der beiden Polizisten von vorhin.
»Den, den da unten müssen Sie verhaften!«, stöhnte er kraftlos. Dem Asiaten schien es nicht viel besser zu gehen als ihm. Er kauerte noch immer auf dem Boden. Neben ihm kniete der andere der beiden Beamten.
André versuchte halbherzig, sich dem Griff des Uniformierten zu entwinden.
»Freundchen, du bleibst schön hier. Ich weiß ja nicht, was mit dir los ist, ob du getrunken oder gekifft hast oder einfach nur bescheuert bist, aber eines verspreche ich dir: Dieser Tag wird für dich in einer Zelle enden.«
André schwieg. Er war noch zu benommen, um die völlig chaotische Situation zu überblicken. Auf der Straße hatte sich der Verkehr gestaut. Eine Traube von Gaffern umringte ihn und seinen Bewacher. Er sah, wie das Blut seiner aufgeschürften Handflächen auf den staubigen Boden tropfte. In der Ferne, aus Richtung des Hauptbahnhofs, hörte er ein Martinshorn. Das Letzte, was er wahrnahm, war ein Schwindelgefühl, das ihn in sich zusammensacken ließ.
*
»Keine Sorge, Ihrem Bekannten geht es soweit gut, es war nur ein kurzes Kreislaufversagen«, hörte er wie im Traum etwa 15 Minuten später eine Stimme neben sich sagen. Er lag auf dem Rücken, die Hände ertasteten Stoff unter sich. »Alles okay, ich bin da«, säuselte Irina in einem merkwürdig nachsichtigen Ton, als spräche sie mit einem Kleinkind. Gleichzeitig spürte er ein aufmunterndes Schulterklopfen.
Zögerlich, noch etwas betäubt, schlug er die Augen auf und wandte den Kopf in die Richtung, aus der er ihre Stimme vernommen hatte. »Wo bin ich?«, krächzte er.
Dabei musterte er verwirrt das in nüchternem Weiß gehaltene Mobiliar mit allerlei Schubladen und Staufächern um sich herum.
»Du liegst in einem Krankenwagen, hier in der Nähe vom Wasserturm.«
Sofort machte sich Anspannung in ihm breit. »Und wo … wo ist dieser Kerl ohne Finger?«
»Die Krankenwagenbesatzung kümmert sich gerade um ihn.«
»Ist er … ich meine … lebt er?«
Irina lachte. »Außer, dass er von Rad gestürzt ist und dann ein Problem mit einem tief fliegenden Roller hatte, saß er schon wieder aufrecht, als ich ihn vor fünf Minuten gesehen habe.«
»Ihr müsst ihn … Hörst du, ihr müsst ihn festhalten, bis Frank kommt«, stammelte André hektisch und versuchte, sich zu erheben.
»Keine Sorge, vorhin stand einer der beiden Polizisten beim ihm.« Irina legte eine Hand auf seine Schulter und drückte ihn auf die Pritsche zurück.
»Du wirst hier brav liegenbleiben, der Sanitäter meinte, du musst in die Klinik zum Röntgen. Du hast dir wohl einige Knochen verstaucht, oder was auch immer.«
André bewegte jedes seiner geschundenen Glieder vorsichtig, als würde er einen systematischen Selbstcheck durchführen. Phasenweise verzog er dabei schmerzerfüllt das Gesicht.
»Schon gut, nichts Ernstes«, kommentierte er das Ergebnis.
»Na ja, deine Hände sahen jedenfalls aus wie Spaghetti Napoli«, erwiderte Irina grinsend.
»Wie Spaghetti was?«, fragte er verwirrt.
»Na, so, als hättest du damit Tomatensoße gerührt.«
»Was?«, fragte André noch immer benommen.
»Um es für dich verständlicher auszudrücken, alter Mann: Die Abriebfestigkeit deiner Haut war wohl dem rauen Asphalt nicht gewachsen. Im Klartext, du hast hier alles vollgeblutet. Hier sieht’s aus wie auf dem Mannheimer Schlachthof.«
Erst jetzt schien André wahrzunehmen, dass seine Hände in dicke Verbände verpackt waren, die wie überdimensionierte Fäustlinge anmuteten.
»Ach was, das sind doch nur Kratzer«, entgegnete er. Beim Versuch, die Finger zu bewegen, entglitten ihm die Züge.
»Trotzdem werde ich mich nicht in irgendein Krankenhaus verfrachten lassen, wo sie mich womöglich Tage wegsperren. Zum Arzt kann ich auch in Speyer gehen«, brummte er störrisch und erhob sich mit einer schmerzverzerrten Grimasse.
Irina wusste, dass es sinnlos war, ihn am Aufstehen zu hindern. Sie hatte mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass es hoffnungslos war, gegen seine Sturheit anzukämpfen. Er würde selbst schnell merken, wie ramponiert sein ganzer Körper war.
»Bleiben Sie bitte unbedingt liegen!«, rief ein Sanitäter, der sich gerade durch die Menschentraube drängte, die sich mittlerweile rund um die Unfallstelle gebildet hatte.
Ungerührt schob sich André von der Pritsche und stellte sich mit einem leisen Stöhnen auf die Füße.
»André, nein!«
Unwirsch, wie ein halsstarriger Junge, schüttelte er den Kopf und wandte sich Richtung Seitentür. Wackelig suchte er mit den verbundenen Händen an allen möglichen Griffen ungeschickt Halt und arbeitete sich schwerfällig zur Schiebetür des Krankenwagens vor. Irina gab den Widerstand auf und half ihm beim Aussteigen. Als er den Fuß von der etwas höheren Stufe hinab auf dem Pflaster aufsetzte, stöhnte er erneut.
»Stopp, Sie gehen auf keinen Fall von hier weg!«, herrschte ihn nun einer der beiden Polizisten an. Der Sanitäter hatte sich neben ihm aufgebaut und machte Anstalten, ihn wieder in den Wagen zurückzudrängen.
»Es reicht, dass uns der andere Irre schon mit einer gebrochenen Rippe davongelaufen ist, bevor wir seine Personalien aufnehmen konnten«, fauchte er kopfschüttelnd.
»Was! Sie haben ihn entkommen lassen?«, schrie André empört.
»Entkommen!« Der Beamte lachte laut auf. »Sie sind ein Witzbold. Vielleicht hatte er nur Angst, dass Sie ihm nun auch noch die Krankentrage hinterherwerfen.«
André brummelte mürrisch unverständliche Worte vor sich hin und humpelte einige Schritte fort vom Wagen.
Der Polizeibeamte eilte an seine Seite und packte ihn resolut am Arm. »Muss ich Ihnen erst Handschellen anlegen, damit Sie bleiben?«, brüllte er verärgert.
»Das müssen Sie nicht. Ich übernehme ihn. Er ist ein Kontaktmann von uns und gerade in unserem Auftrag verdeckt tätig.«
Es war Frank Achill, der seinem völlig perplexen Kollegen den Dienstausweis unter die Nase hielt.
»Ludwigshafen!«, zischte der abschätzig.
»Ganz recht, Ludwigshafen. Das hier ist eine länderübergreifende Ermittlung, die Sie gerade gefährden, da Sie den Verdächtigen haben laufen lassen. So, und nun machen Sie Platz. Um die Sache mit dem Roller kümmere ich mich. Meine Kollegin hat ihn gerade sichergestellt, und ich nehme mich des Herrn hier an! Alles Weitere können Sie via E-Mail mit mir klären. Hier ist meine Karte«, sagte Achill auf eine Art, die keinen Widerspruch duldete, und drückte dem verdutzten Mannheimer Beamten eine Visitenkarte in die Hand.
*
Als Ernst Berger gegen 19.30 Uhr die Haustür aufschloss, empfing ihn seine Ehefrau Karin nicht wie sonst an der Tür.
Sie saß im Wohnzimmer auf der Couch und starrte apathisch mit tränennassen Augen vor sich hin. Das Nächste, was ihm auffiel, waren die Latexhandschuhe, die sie sich übergezogen hatte. Vor ihr auf dem Couchtisch stand eine pinkfarbene Pappschachtel. Wie aufgebahrt auf einem Samttuch lagen darin vier rötlichbraune Fellwürste, die ihn an ihren Kater Sunny erinnerten.
Er trat rasch näher und beugte sich über die Schachtel. Noch immer verstand er nicht, was er da vor sich sah.
»Sunny … Sunny … Das sind Sunnys Beinchen!«, schluchzte sie und verlor alles Stoische, das sie bisher gezeigt hatte.
Berger sackte seinerseits das Blut in die Beine. Er begriff sofort, in welchem Kontext das hier stand.
Hastig wollte er nach dem kleinen Anhänger greifen, der an das Geschenkband geknüpft war, das die Katzenbeinchen wie ein Bündel zusammenhielt.
»Du darfst es nicht anfassen. Die Polizei …«, begann seine Frau kraftlos. Mit ihrem Latexhandschuh hielt sie ihm, sorgfältig an den Rändern gepackt, den Anhänger hin, sodass er ihn lesen konnte.
»Liebe Grüße aus Moskau, deine Natascha!«, war darauf in einer groben unregelmäßigen, kindlich wirkenden Handschrift geschrieben.
Er hat das getan, durchzuckte es Berger. Nun war es also Gewissheit, dass er all das tun würde, was er angedroht hatte. Seine Ehe, das Leben von Frau und Tochter, auch sein eigenes, standen auf dem Spiel, würde er nicht das tun, was der Russe von ihm verlangte.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Karin, der sein grüblerisches Schweigen signalisierte, dass er über etwas nachdachte.
»Nichts«, krächzte Berger, noch immer in Gedanken versunken.
»Wir müssen die Polizei anrufen! Simone wird bald nach Hause kommen. Sie ist noch im Fitnessstudio. Du musst Sunny suchen!«
»Nein!«, erwiderte Berger hart.
»Wieso nicht? Du kannst ihn doch nicht einfach irgendwo da draußen rumliegen lassen.«
»Natürlich werde ich nach ihm sehen. Aber keine Polizei! Hörst du? Keine Polizei!«, flehte er.
Karin schaute irritiert zu ihm auf. Sie konnte das nicht einordnen. Er, der sonst immer geradlinig auf ein Höchstmaß an Ordnung Wert legte, wollte das einfach so auf sich beruhen lassen? »Wieso?«, fragte sie ihn eindringlich. »Was hat das mit dieser Natascha auf sich?«
»Nichts. Nichts.«
Er löste sich von dem Karton und ging unschlüssig ein paar hektische Schritte durchs Wohnzimmer, das Gesicht in seinen Händen vergraben.
»Ich … ich geh raus, nach ihm suchen«, stammelte er und schlüpfte durch die Haustür ins Freie. Er musste sich sammeln, darüber nachdenken, was er ihr sagen sollte.
Karin schluchzte laut auf, als er die Tür hinter sich schloss. Was hatte das alles zu bedeuten? Was verschwieg er ihr? Er war schon die letzten Tage so seltsam gewesen. Erst das mit seinem kleinen Finger und nun das hier. Er hatte ihr erzählt, es sei beim Werkeln mit der Kreissäge bei einem Arbeitskollegen passiert. Dabei wusste sie nichts von jenem Kollegen, dem er angeblich bei der Holzdecke geholfen hatte. Als sie nach dessen Namen gefragt hatte, hatte er nur unwirsch abgewunken. Warum hatte er sich nicht, wie jeder andere vernünftige Mensch, im Krankenhaus behandeln und den Finger wieder annähen lassen? Das war nicht der Ernst, wie sie ihn kannte. Wo war seine übliche Pedanterie? Wo waren die Formulare für die Unfallmeldung und die Versicherung? Er würde doch so etwas nie einfach so auf sich beruhen lassen und ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen. Dann hatte er heute Morgen vorgegeben, dass er in der Brauerei zurzeit so viel zu tun hätte – und das mitten im Sommer. Zum Jahresanfang, wenn es darum ging, die Bilanz zu erstellen, war sie das von ihm gewohnt – aber jetzt? Samstags bis um 19.00 Uhr im Betrieb zu hocken, war alles andere als normal. Und was hatte das mit diesem Gruß von Natascha auf sich? Ging er etwa fremd, und es war die Rache eines gehörnten Ehemanns? Aber auch das passte nicht. Ernst war kein Lebemann, dem die Frauen hinterherliefen. Er war nicht so, wie es jetzt wirkte.
Katermorgen
Sonntag, 7. Juli 2019, 6.55 Uhr
Berger war kaum in der Lage, am Steuer wach zu bleiben. Die ganze Nacht hatte er kein Auge zugetan. Trotz des Sonntags war der Verkehr auf der A6 zäh wie Honig. Schon seit einer Viertelstunde kroch er im Schneckentempo über die Autobahn von Schwetzingen in Richtung Mannheim zur Brauerei. Gestern Abend hatte er noch den Rumpf des Katers gesucht und ihn in dem Wäldchen, das die Siedlung vom Bahndamm trennte, gefunden.
Alle vier Beine waren ihm wohl bei lebendigem Leibe dicht am Körper vielleicht mit einer Baumschere abgetrennt und danach als grausiges Bündel mit Geschenkband umwickelt worden. Berger hatte sich an Ort und Stelle übergeben, seinen Mageninhalt auf die Blutlache, die den Ort der Tat markierte, herausgewürgt. Natürlich war ihm in der Wohnung schon klar geworden, wessen Handschrift das war. Aber erst jetzt wurde ihm die exzessive Grausamkeit, mit der der Täter vorgegangen war, bewusst. Bis gestern hatte er noch die Hoffnung gehabt, es würde irgendwie gutgehen, der Russe könnte gefasst werden oder es sich anders überlegen. Aber nun war ihm klar, dass er alles tun musste, was der Mann von ihm verlangte, sonst …
Er wagte es nicht, weiter zu denken, es sich auszumalen, was seiner Frau und Tochter alles widerfahren könnte. Der eiskalte Stachel der Angst, der in sein Innerstes vorgedrungen war, raubte ihm fast den Verstand.
Er hatte die Reste des Katers mit bloßen Händen im Wald verscharrt. Karin durfte nichts davon erfahren. Es würde sie nur noch mehr anstacheln, die Polizei zu rufen. Den ganzen Abend hatte sie geweint, mehrfach hatte er sie vom Telefon weggezogen. Sie hatte nicht verstehen können, warum er sich dermaßen dagegen wehrte, die Polizei hinzuzuziehen. Seine Ausflüchte waren schwach und unlogisch gewesen. Zum Schluss hatte er sie nur noch angefleht. Hatte sich anfangs noch verwirrte Ungläubigkeit auf ihren Zügen gespiegelt, war es nun tiefe Verachtung. Ihre allmählich einsetzende Erkenntnis, dass er etwas vor ihr verbarg, schmerzte ihn. Seine Karin, die er selbst nach 21 Ehejahren noch liebte wie am ersten Tag, misstraute ihm nun. Und er war es, der das Band zwischen ihnen bis zum Zerreißen überdehnt hatte. Nun wurde ihm der blöde Ausrutscher mit dieser Natascha zum Verhängnis. Klar, die wenigen Besuche bei ihr waren aufregend gewesen, aber doch nur ein kleines Abenteuer und nichts im Vergleich zu der tiefen Zuneigung, die er für Karin empfand. Er hasste sich dafür, dass er seinerzeit schwach geworden war.
Aber wie sollte er sie und ihre Tochter sonst schützen? Er musste dem Russen nachgeben.
Der innere Konflikt lag ihm wie ein kalter Pflasterstein im Magen. Wie sollte er seine Familie vor der bösartigen Aggression dieses Mannes bewahren, und wie, um alles in der Welt, konnte er den Auftrag erfüllen?
Die Brauerei wurde nachts bewacht. Man konnte nicht einfach hineinfahren und einen Tankwagen leerpumpen, ohne dass es auffiel. Er war am Ende, er fühlte sich, als säße er in einer riesigen Schraubzwinge fest, die sich Millimeter für Millimeter weiter schloss und ihn und seine Familie in ihren stählernen Backen zerquetschte.
*
»Den ganzen Tag vegetierst du nun schon auf dem Sofa rum. Komm, lass dich nicht so hängen. Das sind doch nur Kratzer«, sagte Irina an das jämmerliche menschliche Bündel gerichtet, das vor ihr, in eine Wolldecke gehüllt, auf dem Sofa lag.
»Du hast gut reden. Es gibt keinen Knochen, der mir nicht höllisch wehtut, und die Hände werde ich wohl vier Wochen nicht bewegen können«, krächzte André heiser.
»Ich weiß, Männer leiden intensiver als Frauen.«
»Hm«, brummte er genervt, wickelte die Decke enger um sich und drehte sich von ihr weg.
»Und ein Depri bist du wohl jetzt auch noch.«
»Depri! Was würdest du sagen, wenn eine ganze Stadt über dich lacht?«
André griff zu seinem Smartphone und las laut aus dem Online-Auftritt des Mannheimer Abendblattes vor:
»Betrunken, unter Drogen oder einfach nur ein Rowdy? Die Polizei schweigt zu den Vorgängen am Wasserturm. Gestern gegen 13.00 Uhr lieferten sich zwei Männer auf Fahrrad beziehungsweise E-Scooter eine halsbrecherische Verfolgungsjagd, bei der beide Personen leicht verletzt wurden. Damit wurde die Diskussion um die E-Scooter in Mannheim wieder neu angefacht … Als der Rollerfahrer feststellte, dass er auf dem deutlich langsameren Elektro-Scooter das Nachsehen haben würde, nutzte er ihn kurzerhand als Wurfgeschoss und verletzte damit den flüchtenden Radfahrer. Angeblich war ein Streit der beiden um einen freien Tisch in einem Bistro unter den Arkaden die Ursache für die wilde Hatz, die jedem James-Bond-Film zur Ehre gereicht hätte.«
Irina lachte laut auf. »Wow, der alte Mann wird kinoreif. André 007 im Auftrag seiner Majestät.«
»War ich ja auch. Schließlich warst du es, die mir gesagt hat, dass ich ihn unbedingt festhalten muss, bis Frank kommt«, erwiderte André gespielt kleinlaut.
»Festhalten war dein Auftrag. Und nicht: mit Roller bewerfen«, ergänzte sie lachend. »Und das Ganze vielleicht einen Tick diskreter.«
»James Bond geht auch nie diskret vor, wenn er ganze Stadtteile in Trümmer legt.«
»Da hast du wohl recht. Komm schon, James, deine Miss Moneypenny lädt dich als kleine Entschädigung zum Abendessen ein.«
»Ich kann mir nicht mal alleine die Schuhe zubinden«, setzte sich André zur Wehr und hob die dick verpflasterten Hände.
»Steh jetzt endlich auf, bevor ich es mir anders überlege. Ich hol dir deine Schuhe.«
Als sie zurückkam, lachte sie schallend und hob sich einen schwarzen Lederschuh vors Gesicht. »Ich seh dich«, feixte sie und schaute von oben in den Schuh durch die halb abgerissene Sohle hindurch auf ihn. »Wow, du hast dich wirklich bis auf die Socken für mich ins Zeug gelegt. Oder ist das gut gegen Schweißfüße?«
»Die waren fast neu«, brummte er missmutig.
»Glaubt man gar nicht, so altmodisch, wie die aussehen.«
Stöhnend richtete er sich auf und wankte Richtung Schuhschrank. »Wenn man nicht alles selber macht.«
Irina blickte ihm kopfschüttelnd hinterher und warf die ramponierten Schuhe in die Mülltonne.
»Aber in ein anständiges Restaurant«, murmelte er in ihre Richtung.
»Aber selbstverständlich, der Herr. Seit du bei McDonald’s nach dem Ober gerufen hast, bin ich vorsichtig geworden. Schließlich hab ich einen Ruf zu verlieren. Wäre der Kardinal für einen Agenten Ihrer Majestät angemessen?«
*
»Du willst heute wohl gar nicht nach Hause, alter Freund. Und das, obwohl Sonntag ist. Hast du etwa Streit mit deiner Karin?«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung mit gespielter Fürsorglichkeit.
Wie gebannt starrte Berger aufs Display des Festnetzapparates. »Anonymer Anrufer«, stand dort zu lesen. »Aber woher wissen Sie, dass ich noch arbeite«, stammelte er und spürte, wie es ihn trotz der warmen Temperaturen kalt überlief.
»Ich sehe alles, was du treibst, mein Freund. Und dass dein Auto das letzte auf dem Hof ist, sehe ich auch. Beeil dich, deine Karin wartet schon.«
Berger schluckte trocken. Der Gedanke, dass ihm dieser Russe so nahe war, ließ ihn erneut erschaudern. Ängstlich blickte er aus dem Fenster. Wo, um alles in der Welt, saß dieser Typ, dass er ihn so gut beobachten konnte? Er musste morgen unbedingt die Jalousien geschlossen halten, durchzuckte es ihn.
»Was wollen Sie von mir?«, stieß er mit zittriger Stimme hervor.
»Ich will wissen, ob du dich an unsere kleine Abmachung hältst. Oder ob du lieber morgen die Reste deiner Tochter im Wald verscharren willst, wie du es mit diesem Kater getan hast. Er war übrigens sehr weinerlich, als ich ihm die Beinchen abgeschnitten habe. Fast so wie du bei deinem Finger. Ich bin gespannt, wie es bei deinem Töchterchen sein wird. Man sagt, Frauen seien nicht so wehleidig.« Der Anrufer lachte schmutzig.
Berger schluckte. Nur mit Mühe konnte er den Brechreiz, der sich in ihm breitmachte, unterdrücken.
»Ich… ich werde es machen«, stammelte er.
»Gut so, mein Freund. Ich mag Leute, die zu ihren Zusagen stehen.«
Berger nickte, als säße ihm der Russe gegenüber und könnte es sehen.
»Dann wie vereinbart am 9. Juli um 2.00 Uhr. Das Tor muss offen sein, wenn wir kommen. Und du bist alleine. Hast du verstanden! Alleine! Und wenn ich die Bullen auch nur vermute, besuch ich dich zu Hause. Und niemand wird dir helfen können. Selbst wenn du dir irgendwie Polizeischutz erbetteln solltest, wird er irgendwann enden. Und dann werde ich oder ein Kollege da sein. Versprochen.«
In Bergers Speiseröhre stieg Magensäure auf, die sich ätzend Richtung Kehle schob. Er war sich sicher, dass der Russe ernst machen würde, zu deutlich waren die Zeichen, um an dessen Brutalität zu zweifeln.
»Aber der Nachtwächter …«, presste er mit dem Mut der Verzweiflung heraus.
Der Anrufer lachte. »Hast du etwa Angst vor diesem Frührentner, der sich nachts in eurem Pförtnerhäuschen zu Tode langweilt und die halbe Zeit schläft, wenn er nicht gerade seine Runden laufen muss?«
Wieder wurde Berger bewusst, wie gut der Fremde die Abläufe in der Brauerei kannte. Er musste das Werksgelände gründlich beobachtet haben.
»Ja, also nicht direkt, aber er könnte dazwischenfunken«, bemühte sich Berger, wenigstens einigermaßen so zu wirken, als sei er Herr der Lage.
Wieder lachte der Russe.
»Dann musst du ihn eben ins Reich der Träume schicken. Oder soll ich ihn für dich umlegen?«
»Nein, ich kümmere mich um ihn«, beeilte sich Berger zu sagen. Er hatte sich bereits den Dienstplan organisiert und war sich sicher, dass es der von dem Anrufer erwähnte Mann war, der in der Nacht vom 8. auf den 9. Juli Dienst schob. Er kannte ihn schon jahrelang. Auf keinen Fall wollte er riskieren, dass er bei dieser Sache zu Tode kam.
»Ich werde ihn mit K.O.-Tropfen …«, begann Berger.
Der Russe lachte. »Was für ein todsicherer Plan«, kommentierte er hämisch. »Weißt du auch, wo du sie herkriegst?«
»Ja, also eher nein.«
»Was für ein Schwachkopf du doch bist, Berger. Geh in der Neckarstadt in die Grosny-Bar und frag nach Dimitri, der wird dir was geben. Aber sei brav, Dimitri ist nicht so gutmütig wie ich.«
»Danke«, sagte Berger naiv und bereute es sogleich.
»Gern geschehen, mein Freund«, antwortete der Russe.