Kitabı oku: «Beurteilungsgespräche in der Schule», sayfa 18

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Interessant ist nun die Bearbeitung des indirekten Vorwurfes durch die Lehrerin: Sie bearbeitet vorerst die Frage nicht als Vorwurf oder als rhetorische Frage, sondern nennt das Klassenbuch als Grundlage der Absprache bezüglich Prüfungstermine und liefert damit die Information, auf die die Frage von V abzielte (Z. 026–035). Dann räumt sie Mängel dieses Systems ein: Manchmal vergessen Lehrpersonen, die Termine einzutragen (Z. 036f., 040). Flavio fügt in derselben wenn-Satzstruktur die Ergänzung an, dass auch SchülerInnen das Klassenbuch vergessen können (Z. 039) und baut in einer kleinen Erzählung weiter aus, dass das Klassenbuch an diesem Tag bei einem kranken Schüler zu Hause war und der Mathematiklehrer dann offenbar jemanden zu dem heimgeschickt habe, um das Klassenbuch zu holen (Z. 045–052). Diese Erzählung bewirkt eine kurzzeitige Fokusverschiebung, denn L zeigt sich über diese Praktik erstaunt und macht deutlich, dass ihr diese Lösungsstrategie nicht bekannt war (Z. 054, 056).

Dass alleine die Organisation des Klassenbuchs nicht die Lösung des von V angesprochenen Problems ist, zeigt die Refokussierung durch M ab Zeile 058. Sie liefert nun weitere Details zur kritisierten Überbelastung von S, indem sie Prüfungen und Vorträge aufzählt und beschreibt (Z. 060, 066, 068–069, 071–074, 077–079, 082–085) und sie wird dabei teilweise von S redebegleitend unterstützt. Während V zwar die Frage zu Beginn der Sequenz als persönliche Frage in der ersten Person Singular formulierte, zeigt sich hier einerseits durch die Verwendung von wir (das wo mIr mäine isch isch (.) isch wirklich grad e hEwi WUche gsi;, Z. 059) sowie andererseits durch die vielen gegenseitigen Ergänzungen von allen Familienmitgliedern, dass die Kritik von allen getragen und gemeinsam hervorgebracht wird. Die Familie als Einheit wird dabei auch durch kollektives Sprechen gestärkt (z.B. in Z. 075–077).

M relativiert den nun durch das Aufzählen von Prüfungen stärker akzentuierten Vorwurf immer wieder, indem sie die Häufung von Prüfungen und Vorträgen bei S als ungünstigen Einzelfall darstellt, da er durch das Losverfahren ungleich mehr belastet gewesen sei (Z. 062, 066, 083, 085). Diese Relativierungen haben abschwächenden Charakter und dienen damit der Gesichtswahrung von L. Diese wiederum macht nun Gebrauch von der Strategie der Selbstkorrektur, als sie zuerst in Form einer Frage (Z. 090) und berichtigend anmerkt, dass S die Vortragstermine hätte frei wählen können (Z. 096f.). Es folgt dann eine konsensuell geführte Aushandlung darüber, dass S vielleicht die Termine nicht mehr wusste und somit selbst die Überbelastung provoziert haben könnte. Alle sind sich darüber einig, dass die Belastung hoch war (Z. 108–116) und schliesslich resümiert V, dass er in Bezug auf Lernerfolg und positive Erlebnisse für die Kinder vilicht irgendwie e gwüsses potenZIAL (Z. 117) sieht. Er schwächt diesen Verbesserungsvorschlag umgehend durch perspektivierende Relativierungen ab: dass es ähm (.) oder me vi!LICHT! wenn das mö– wenn das überHAUPT; wenn das (-) dr LEERstoff und dr LEERplan zuelosst notüerlich. (Z. 125, 127f.). L zeigt sich in Bezug auf die bessere Verteilung der Belastung unter dem Semester optimistisch (Z. 130, 133), problematisiert allerdings die Zeit vor Notenabschluss. Sie führt dann auch ihr eigenes mangelhaftes Zeitmanagement an (Z. 139–143, 145, 147f., 162–164), was jedoch durch S (Z. 151–153) und V (Z. 160) als Mangel aufseiten aller Lehrpersonen identifiziert wird. L verspricht, sich die bessere Verteilung von Prüfungen zum Ziel zu setzen (Z. 167–169), führt aber gleich als Abschwächung unkontrollierbare Faktoren an (Z. 170f., 173, 176–178) und übernimmt dadurch nur eine Teilverantwortung über die beanstandete Prüfungssituation. M bekundet ihr Verständnis für die nicht vollständig lösbare Problematik (Z. 174).

Die sequenzielle Analyse zeigt, wie die Beteiligten gemeinsam durch verschiedene (abschwächende) Praktiken eine wohlwollende Situation gestalten, in der Kritik angebracht und bearbeitet werden kann. V beginnt mit einer Frage, die er dann begründet und wodurch er die eigentliche Kritik erst anbringt. M und S steigen mit weiteren Ausführungen über die problematische Situation ein und präzisieren sowie verstärken damit die Kritik. V beendet die Kritik durch das Aufzeigen von Potenzial und eines Verbesserungsvorschlags, den er abgeschwächt hervorbringt. L reagiert jeweils sachlich in Bezug auf die Fragen, zeigt Verständnis für die Kritik, macht Eingeständnisse bezüglich ihrer eigenen Fehlplanung und verweist aber auch einerseits auf Flavios verpasste Chance der Terminwahl bei Vorträgen sowie andererseits auf die teilweise unumgehbare Verdichtung von Prüfungen zum Semesterende. Auch die Eltern zeigen sich verständnisvoll für die Situation. Durch die gegenseitigen Empathiebekundungen wirken alle deeskalierend auf die Situation ein und die Kritik wird gesichtsschonend hervorgebracht und bearbeitet.

5.5 Zusammenfassung

In den vorliegenden Daten kann tendenziell ein Streben nach Symmetrie ausgemacht werden, was mit der in der Forschungsliteratur identifizierten konsensorientierten Gesprächshaltung in Beurteilungsgesprächen (vgl. Adelswärd & Nilholm 1998; Baker & Keogh 1995; Kotthoff 2012a; 2012b; 2015a) eng zusammenhängt. Konkret bedeutet dies, dass von Lehrpersonen Handlungen vollzogen werden, die eine Angleichung an die Identitäten der Eltern und SchülerInnen bewirken und umgekehrt finden sich von Eltern Positionierungen als Expertinnen und Experten für die Schule und für die Erziehung (vgl. auch Korn 2013: 80; Zorbach-Korn 2015: 171 zur „Nivellierung der Rollenhierarchie“). Dadurch wird das Beurteilungsgespräch als inter-institutionelles Gespräch etabliert (vgl. Baker & Keogh 1995; Kotthoff 2012a).

Allerdings handelt es sich keineswegs um festgefahrene Rollen, sondern es lässt sich häufig ein interaktives Oszillieren zwischen einem asymmetrischen und symmetrischen Rollengefüge ausmachen. Das Handeln der Interagierenden lässt sich dadurch nicht komplementären Rollen zuweisen, sondern es finden sich widersprüchliche und wechselnde Positionierungen, die den unterschiedlichen Ansprüchen in diesem Gesprächstyp Ausdruck verleihen. Auch Ackermann (2014: 50ff.) kommt in ihrer Studie zu lehrpersonenseitigen Positionierungen zum Ergebnis, dass zwar eine Unterscheidung zwischen Selbststilisierungen als ExpertIn und als empathische Lehrperson auszumachen sei, dass die Identitäten aber jeweils lokal entstehen und wechseln können.

Die Analysen zeigen wie Selbst- und Fremdpositionierungen als (Ko-)Lehrpersonen oder als Eltern bzw. Erziehende das gegenseitige Zuschreiben von Kompetenzen ermöglichen und dadurch Symmetrien schaffen. Bei Selbstpositionierungen von Erwachsenen als noch Lernende oder als ehemalige Lernende zeigt sich zudem, wie Lehrpersonen und Eltern nicht nur idealisierte Identitäten ihrer jeweiligen Institutionen präsentieren, sondern im Beisein der Kinder auch gerade entgegengesetzte Positionierungen vornehmen können, die sie als fehlbare Personen darstellen. Dies lässt sich durch die Anwesenheit der SchülerInnen sowie die damit verbundenen Fremdpositionierungen und Beurteilungspraktiken erklären. So kann die Gegenüberstellung von Stärken oder Schwächen der SchülerInnen mit den eigenen (ehemaligen) Eigenschaften die Glaubwürdigkeit der Kritik bzw. des Lobes verstärken. Und schliesslich zeigt sich auch bei elternseitigen Kritikäusserung, dass die wechselseitigen Positionierungen zu einer konsensorientieren Gesprächsdefinition beitragen.

6 Gemeinsame Herstellung interaktiver Beteiligung

„du muesch o öppis drzue SÄge; MARC,“

(Mutter an Sohn in Beispiel # 43)

Wenn sich Lehrpersonen, Eltern und SchülerInnen zu einem Beurteilungsgespräch zusammensetzen, hat die triadische Gesprächskonstellation einen nachweisbaren Einfluss auf die Gesprächsstrukturierung. Bei den zwölf Gesprächen, an denen die SchülerInnen teilnehmen, zeigt sich deren Anwesenheit in Bezug auf das Recipient Design für die Gesprächsbeteiligten als unmittelbar relevant, denn sie müssen ihre Äusserungen nicht nur auf eine Person zuschneiden, sondern sich gleichzeitig an verschiedenen Rezipierenden mit unterschiedlichem Wissensstand orientieren. Auch stellt sich für alle Anwesenden laufend die Frage nach dem aktuellen Beteiligungsstatus. Der Fokus liegt im Folgenden darauf, wie die Beteiligten in das Interaktionsgeschehen einbezogen werden. Dabei interessiert auch, wer steuernd auf die Gesprächsorganisation einwirkt und inwiefern die anwesenden SchülerInnen thematische Gestaltungsmöglichkeiten erhalten und auch nutzen können. Für dieses Kapitel werden diejenigen Gespräche beachtet, bei denen die SchülerInnen ebenfalls anwesend sind, was zwölf der vierzehn Gespräche aus dem Korpus betrifft.

In einem ersten Teil (Kap. 6.1) geht es um Beteiligungsstrukturen bei expliziter Adressierung. Dann werden die auffälligen Formen der impliziten und wechselnden Adressierung thematisiert (Kap. 6.2) und es folgt abschliessend ein Resümee der Ergebnisse (Kap. 6.3).

6.1 Beteiligungsstrukturen bei expliziter (verbaler) Adressierung

Während in dyadischer Interaktion die Sprecherwechsel meist reibungslos verlaufen und das Gegenüber auch ohne explizite Adressierung als eindeutige Rezipientin bzw. als eindeutigen Rezipienten identifiziert werden kann, bedarf es in der Mehrparteieninteraktion zusätzlicher Hinweise. Hierbei kommt der Adressierung eine besondere Bedeutung zu, da dadurch die Rederechte mitorganisiert werden. Auf Basis der verbalen Daten lässt sich in der Regel anhand der Pronomen Sie und du die adressierte Person ausmachen und eine genaue Untersuchung der gewählten Pronomen gibt dadurch Aufschluss über Adressierungsverfahren.1 Weiter nennen die Beteiligten die adressierten Personen teilweise beim Namen, womit explizit eine Anwesende als nächste Sprecherin oder zumindest als intendierte Rezipientin der Äusserung ausgewählt wird. Insbesondere wenn es sich um eine namentlich adressierte Frage handelt, wird eine hohe konditionelle Relevanz für eine Antwort der adressierten Person hergestellt (vgl. Lerner 2003).

Im Folgenden werden nun solche Stellen betrachtet, die auf verbaler Ebene deutliche Hinweise in Bezug auf die Adressierung liefern. In Kapitel 6.1.1 gehe ich der Frage nach, wie SchülerInnen als Gesprächsteilnehmende oder als Gesprächsobjekt positioniert werden. In den Gesprächen werden die SchülerInnen überwiegend als primär Adressierte angesprochen. Dennoch kommt es in spezifischen Kontexten zu Redeübernahmen durch die Eltern. Dies steht im Fokus von Kapitel 6.1.2.

6.1.1 Schülerinnen und Schüler in der Rolle als Gesprächsteilnehmende oder als Gesprächsobjekt

In diversen Studien zu pädiatrischen Sprechstunden und Familientherapien mit der Gesprächskonstellation Institutionsvertretende – Eltern – Kind wird die zurückhaltende Beteiligung des Kindes problematisiert (vgl. z.B. Aronsson 1991; 1998; Clemente 2009; Clemente, Lee & Heritage 2008; Hutchby 2012; Hutchby & O’Reilly 2010; Schwabe 2006; Stivers 2001; Stivers & Robinson 2006; Tates et al. 2002). Zum einen wird gezeigt, wie Eltern den Kindern das Rederecht absprechen und sie interaktiv als inkompetente Gesprächsbeteiligte positionieren. Zum anderen kann die Art und Weise der Rederechtszuweisung die Beteiligung der Kinder begünstigen oder eingrenzen, beispielsweise durch unterschiedliche Frageformate.

Im Folgenden wird diskutiert, welche unterschiedlichen Ausprägungen von Beteiligungsstrukturen in den Gesprächen vorkommen und insbesondere welche Rolle dabei den anwesenden SchülerInnen zukommt.

SchülerIn im Fokus interaktiver Ausrichtung

Wenn SchülerInnen als primär Adressierte positioniert werden, bewirkt diese Ausrichtung in den verschiedenen Gesprächen und Gesprächskontexten eine unterschiedlich hohe Beteiligung der Adressierten. Teilweise mag dies mit dem Alter der Kinder und Jugendlichen zusammenhängen (vgl. auch Clemente 2009: 873; Stivers 2001: 266ff.). So finden sich bei den jüngeren SchülerInnen Formulierungs- und Positionierungsschwierigkeiten, die bei Jugendlichen nicht in demselben Masse auftreten. Um jedoch den Einfluss des Alters systematisch zu untersuchen, wäre ein grösseres Korpus nötig. Abgesehen von dem potenziellen Einflussfaktor des Alters zeigt sich aber durchgängig die Gesprächskonstellation als Einwirkung auf die Beteiligung der SchülerInnen. Die Betrachtung der lokalen Kontexte ermöglicht dabei eine Analyse des Zustandekommens interaktiver Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in Gesprächen mit den Eltern und den Lehrpersonen.

Die folgenden beiden Beispiele # 32 und # 33 stammen aus zwei Gesprächen derselben Lehrerin und enthalten jeweils eine vergleichbar organisierte Einstiegssequenz. Die Lehrerin wendet sich an den Schüler (in # 32 an Flavio und in # 33 an Jonas) und fordert ihn auf, sich zu bestimmten Begriffen zu äussern. Die Adressierung erfolgt durch die Verwendung des Anredepronomens du, mit welchem die Lehrerin in diesem Gesprächssetting eindeutig auf den anwesenden Schüler referiert:

# 32 Selbstständigkeit

(Flavio, SJ6_L6B_LMVS, 00:45–02:48)1


001LGUET Also;gut also
002((schnalzt)) WÄISCH du scho was du muesch mAche;weisst du schon was du machen musst
003mit dene beGRIFF;mit diesen Begriffen
004Säh::m NÄʔäh? h°ähm nein
005Ldu muesch se (.) °h zerscht nochär denn mol DUrelääse?du musst sie zuerst nachher dann mal durchlesen
006und wennd se DUreglääse hEsch;und wenn du sie durchgelesen hast
007°hh chasch du drEi vIer USwääle?kannst du drei vier auswählen
008wo du GÄRN no öppis wü (.) drzue würdsch sÄÄge;wo du gerne etwas wü dazu sagen würdest
009wo dir grad WICHtig isch,wo/das dir gerade wichtig ist
010(--) du chasch au sache zämme kombiNIEre?du kannst auch Sachen zusammen kombinieren
011(-) °h wo du findsch das PASST grad zämme.wo du findest das passt gerade zusammen
012SOke;okay
013oKEE also ähm;okay also ähm
014(1.5)
015L<<p> zerscht äfach mol LÄÄse,>zuerst einfach mal lesen
016(7.84)
017M°h <<p> has GWÜSST;>habe es gewusst
018L<<lachend> hm hm hm hm hm hm> °hhm hm hm hm hm hm
019Sheh hh°heh
020(--)
021?°h
022((teilweise raschelndes Papier, 12.53 Sek.))
023S°h Also ähm (.) ich ha jetz do also zwäi wo so ZÄMme ghÖre?also ähm ich habe jetzt da/hier also zwei wo/die so zusammen gehören
024Lmh_hm [(.) guet,mhm gut
025S [also bi de HUSufgoobe? also bei den Hausaufgaben
026s ÄInte isch dass mini eltre äifach immer WÜSse,das eine ist dass meine Eltern einfach immer wissen
027dass ich HUSufgoobe mAch,dass ich Hausaufgaben mache
028und ich das au SÄLBständig mAche dUe?und ich das auch selbstständig machen tue
029°hh und dass sii mi gar nit FROOge müend–und dass sie mich gar nicht fragen müssen
030h° aso besser gsäit SAAge müend,also besser gesagt sagen müssen
031dass ich HUSufgoobe mache sÖtt?dass ich Hausaufgaben machen sollte
032°hh und bi de HUSufgoobe,und bei den Hausaufgaben
033das klingt jetz vi bitz NÖRDmässig,=aber,das klingt jetzt vi bisschen nerdmässig aber
034[((Lachen im Hintergrund))
035S[Ich FIND aso (.) mir händ im gEgesatz zu de erschte bis fÜnfte klass,ich finde also wir haben im Gegensatz zu der ersten bis fünften Klasse
036!WE!niger husufgoobe ka.weniger Hausaufgaben gehabt
037aso (.) JETZT hämmer wEniger hUsufgoobe als [in dr erschte bis fÜnfte klass;also jetzt haben wir weniger Hausaufgaben als in der ersten bis fünften Klasse
038L [als DENN, als dann
039Sjä (.) find ICH (.) jä,ja finde ich ja
040(-)
041Ljo GUET?ja gut
042(.) <<:-)> de chan i dÄm fall no chli UFdrülle,>=nänäi.dann kann ich in dem Fall noch bisschen aufdrehen nein
043SdEnne bi de st aso bi prüefig und STERke han ich zämme do,dann bei den St also bei Prüfung und Stärken habe ich zusammen getan
044dass i ähm °h dass ich mi immer seer guet VOR,dass ich ähm dass ich mich immer sehr gut vor
045dass es e STERki isch für mi;dass es eine Stärke ist für mich
046dass ich mi immer seer guet VORberäit, °hdass ich mich immer sehr gut vorbereite
047Lmh[_hm,mhm
048S [für d PRÜEfige und (.) jo (.) so; für die Prüfungen und ja so
049(1.23)
050Lhan i AU s gfüül jä,habe ich auch das Gefühl ja
051(.)
052Smh–mh
053(--)
054Laso das HÄISST,also das heisst
055(.) das chÖnnt me do äigentlich no drZUE due;=oder,das könnte man da eigentlich noch dazu tun oder
056[d SÄLBständigkäit.die Selbstständigkeit
057[((jemand räuspert sich))
058Ldu düsch SÄLB[ständig (.) hUsi mache,du tust selbstständig Hausaufgaben machen
059S [ah jo (genau); ah ja (genau)
060Lund sÄlbständig dI VORbereite uf prÜefige,und selbstständig dich vorbereiten auf Prüfungen
061(--)
062Lund dorum [funktioNIERT das au seer guet.und darum funktioniert das auch sehr gut
063V [(xxxxxx)
064Smh (.) oKEE.mh okay
065(-)
066Ldas glaub ich AU.das glaube ich auch

L fragt in Zeile 002 nach eventuellen Wissensbeständen von S und formuliert dann ab Zeile 005 die Einstiegsaufgabe als neue Information. Sie richtet sich durch die Nachfrage zu Beginn im Sinne einer Design-Aktivität optimal an S aus und projiziert durch ihre Frage eine folgende Erklärung. Diese beinhaltet eine schrittweise Abfolge von Aufforderungen an S, der auf Basis vorgelegter Begriffsimpulse sagen soll, was ihm wichtig ist. L steuert hier grundsätzlich die Gesprächsorganisation, indem sie S das Rederecht erteilt und von ihm eine Einschätzung zu Begriffen einfordert. Während zwar die impulsgebenden Begriffe thematisch einschränken, wird doch diese steuernde Wirkung durch die offene Formulierung der Redeaufforderung relativiert. So kann S einerseits selber die Begriffe auswählen, zu denen er etwas sagen möchte und andererseits kann er irgendetwas dazu sagen, was ihm gerade wichtig ist (wo du GÄRN no öppis wü (.) drzue würdsch sÄÄge; wo dir grad WICHtig isch,, Z. 008f.). Es wird also nach einer spontanen Äusserung bzw. Einschätzung gefragt. In Zeile 013 setzt S bereits antwortend an, wird dann jedoch von L auf den ersten Schritt, das Lesen der Begriffe, hingewiesen. Ihm wird in der Folge sehr viel Zeit für seine Überlegungen gelassen und zugestanden (insgesamt über 20 Sekunden, Z. 016–022). In Zeile 023 kündigt S an, dass er nun ein Begriffspaar habe und beginnt strukturiert dazu Stellung zu nehmen (s ÄInte isch…, Z. 026). S führt detailliert aus, wie er zu Hause selbstständig Hausaufgaben erledigt und zeigt, dass er mit schulischen Kriterien vertraut ist. Interessant ist nun, wie S ab Zeile 032 eine Nebensequenz mit einer eigenen kritischen Bemerkung einführt. Er setzt die Kritik deutlich ab und markiert sie als eigene Einschätzung (Ich FIND aso, Z. 035 und später: find ICH, Z. 039). Seine Einschätzung, nämlich dass sie in der Klasse nur wenige Hausaufgaben haben, lässt sich v.a. durch den Einschub das klingt jetz vi bitz NÖRDmässig (Z. 033) als indirekte Kritik lesen. Durch die Selbstdarstellung als Nerd positioniert sich S als fleissigen Schüler, der mehr leisten könnte. S nimmt in dieser Sequenz die offene Formulierung der Redeaufforderung ernst und bringt eigene Punkte ein, die ihm wichtig sind. So vermag er das Gespräch an dieser Stelle auf thematischer und gesprächsorganisatorischer Ebene zu steuern. Er liefert nicht nur eine Selbsteinschätzung, sondern beurteilt auch implizit die Entscheidung der Lehrerin bezüglich Hausaufgaben. Dies bewirkt eine Reaktion von L, die verständnissichernd nachfragt (Z. 038) und dann scherzhaft die Konsequenz formuliert, sie könne also noch mehr Hausaufgaben geben, was sie allerdings durch das nänäi als ironische Äusserung markiert (Z. 042). Dadurch rahmt sie die Anmerkung von S als nicht ernstzunehmende Kritik. Aufgrund der unernsten Bearbeitung der Kritik durch L werden asymmetrische Rollen etabliert, indem die Fremdbeurteilungskompetenz der Lehrperson zugeordnet wird und diese Rechte dem Schüler abgesprochen werden.

Auffällig ist, wie S nach dieser Zwischensequenz ohne Verzögerung zurückführt und mit den nächsten Begriffen weiterfährt. Dadurch zeigt er, dass er noch immer das Rederecht hat, da er seine Ausführungen zu den gewählten Begriffen noch nicht zu Ende geführt hat. L teilt die Selbsteinschätzung von S (Z. 047, 050) und ergänzt noch zusammenfassend (Z. 054ff.). Dabei reformuliert sie die Einschätzung von S so, dass sie nicht mehr als Meinung im Raum steht, sondern als Tatsache (du düsch SÄLBständig (.) hUsi mache, und sÄlbständig dI VORbereite uf prÜefige,, Z. 058, 060) und ratifiziert damit die Einschätzung von S.

In Beispiel # 32 sehen wir, wie S das zugesprochene Rederecht nutzen und durch eigene Steuerung seine Schwerpunkte setzen kann. Dass diese kompetent strukturierte Selbstbeurteilung von Schülerseite nicht selbstverständlich ist, zeigt die kontrastive Analyse des folgenden Beispiels. Der Schüler Jonas besucht dieselbe Klasse wie Flavio aus Beispiel # 32, wiederholt allerdings das sechste Schuljahr und wird von einer Heilpädagogin (H) begleitet, welche ebenfalls am Gespräch teilnimmt:

# 33 Stärken und Schwächen

(Jonas, SJ6_L6A_LHMS, 00:10–01:49)


001L((schnalzt)) als ERSCHTS (.) wäisch du was du (.) dÖrfsch muesch mAche,als Erstes weisst du was du machen darfst musst
002S°h <<flüsternd> näi–>nein
003(--)
004Lkäi AAnig;keine Ahnung
005(-) het dr nIemer verROOte,hat dir niemand verraten
006oKEE; °hh h° [((lacht))okay
007M [((lacht))
008Hwir haben GEStern schon bisschen darüber [gesprOchen.wir haben gestern schon bisschen darüber gesprochen
009L [ah Ebe? ah eben
010°hh (-) du gseesch do ganz vili beGRIFF (.) uf däm tIsch?du siehst da/hier ganz viele Begriffe auf diesem Tisch
011°h un::d wenn du die DUre glääse hesch;und wenn du die durchgelesen hast
012(--) chasch du ZWÄI drei vier begrIff nEE?kannst du zwei drei vier Begriffe nehmen
013°hh un::d (.) zu dene wo du gÄrn öppis würdsch SÄÄge.und zu denen wo du gerne etwas sagen würdest
014du chasch au begrIff UNterenander kombinIere?du kannst auch Begriffe untereinander kombinieren
015(-) wenn du findsch die PASse jetz guet zÄmme.wenn du findest die passen jetzt gut zusammen
016(---) und s mami döf notÜerlich (.) AU d begrIff dure lääse;und die Mama darf natürlich auch die Begriffe durchlesen
017(13.64)
018S<<pp> ich has GSEE?>ich habe es gesehen
019(-)
020?(jä uff)(ja uff)
021((leises Lachen))
022Mjä und [(JETZT/DENN)?ja und (jetzt/dann)
023L [jEtzt <<:-)> chasch USsueche;> jetzt kannst du aussuchen
024Säh::–äh
025(1.96)
026S((Papier raschelt)) okEE DAS,okay das
027L[((lacht))
028M[((lacht))
029S(1.04) DAS,das
030(--) DAS;das
031(--) hh°
032(3.1)
033S(fetig).(fertig)
034((Papier raschelt))
035Lmh_hm und jetz was WÜRDSCH gärn zu dene begrIff sÄÄge?mhm und jetzt was würdest du gerne zu diesen Begriffen sagen
036S(4.82) °h äh zu DEM bi–äh zu dem bin
037Hzu den STÄR[ken.zu den Stärken
038S [zu °h zu
039Lmh_MH,mh
040Sbin ich guet in: MAthe?bin ich gut in Mathe(matik)
041(1.43)
042Si: (2.45) und im TURne.i und im Turnen
043(---)
044Lmh_HM?mhm
045Hund im TURnen;und im Turnen
046(--)
047Hmh_HM,mhm
048(-)
049Sund bi SCHWÄche isch so (.) mh bIo und gEo.und bei Schwächen ist so mh Bio(logie) und Geo(grafie)
050(--)
051SUnd muSIK.und Musik
052(1.75)
053Lmh_HM,mhm

Ähnlich wie in Beispiel # 32 erfragt L zuerst eventuelle Wissensbestände von S und bemüht sich damit um ein optimales Recipient Design. Während L allerdings in Beispiel # 32 die Positionierung von S als Unwissenden akzeptiert und sofort mit der Einstiegsaufgabe beginnt, zeigt sich hier in Beispiel # 33 eine andere Situation. L fragt nach einer kurzen Pause erneut nach (het dr nIemer verROOte,, Z. 005), gefolgt von Lachen, was sich durch die prosodische Markierung als Überraschung deuten lässt. H fügt im Folgenden an, dass S tatsächlich schon über die Aufgabe Bescheid weiss, da sie am Vortag darüber gesprochen haben (wir haben GEStern schon bisschen darüber gesprOchen., Z. 008). Bei dieser Ergänzung bleibt auf Basis der Audiodaten unklar, ob sich Z mit wir an S richtet und ihn damit an das gemeinsame Gespräch erinnert, oder ob sie sich an L wendet und die Frage nach dem Common Ground berichtigt. L zeigt mit ihrer Reaktion ah Ebe? deutlich, dass dies der erwarteten Antwort entspricht. Interessant ist nun, dass sie in Zeile 010 die Aufgabe dennoch so erklärt, als handelte es sich um eine neue Information. Damit orientiert sie sich nicht am vermuteten Common Ground gemäss Aussage der Heilpädagogin, sondern an der Antwort von S in Zeile 004, mit welcher er vorhandenes Wissen verneint. Dadurch positioniert sie S als primären Adressaten.

Die Erklärung der Einstiegsaufgabe verläuft fast identisch zu derjenigen im vorigen Beispiel. Einzig fällt hier auf, dass L im Anschluss an die Erklärung in dritter Person auf M referiert und damit weiterhin S adressiert, jedoch eine Information anfügt, die für M relevant ist (und s mami döf notÜerlich (.) AU d begrIff dure lääse;, Z. 016). Durch diese Mehrfachadressierung verdeutlicht L, dass das Lesen der Begriffe zwar für die fokussierte Aktivität mit S wichtig ist, jedoch für das Verstehen und den Common Ground ebenfalls für M bedeutsam ist.

Nach etwa dreizehn Sekunden beginnt S mit <<pp> ich has GSEE?> (Z. 018), braucht dann jedoch mehrere Aufforderungen von der Mutter, der Lehrerin und der Heilpädagogin, bis ihm klar ist, was er mit den Begriffen tun soll. Hier zeigt sich schon ein deutlicher Unterschied zum vorherigen Beispiel, in dem der Schüler Flavio sofort mit einer strukturierten Antwort beginnt. Jonas hingegen kündigt zuerst an, dass er die Begriffe gesehen hat, nach weiteren Aufforderungen wählt er seine Begriffe aus und erst nach erneuter Nachfrage der Heilpädagogin beginnt S mit der eigentlichen Aufgabe, nämlich etwas zu den Begriffen zu sagen. S muss also mehrfach aufgefordert und immer kleinschrittiger geführt werden, bis er seine eigenen Einschätzungen äussert. Es handelt sich dabei aber weniger um Reflexionen, sondern er beschränkt sich weitgehend auf Fächernennungen. Jonas interpretiert ‚Stärken’ als ‚starkes Fach’ und demzufolge nennt er die Fächer, in denen er gut ist. Im Anschluss an den hier präsentierten Ausschnitt erklären L sowie dann H und M ausgiebig, was unter Stärken zu verstehen ist, dass dies nämlich nicht nur gute Fächer sind, sondern vor allem auch gute Charaktereigenschaften. S scheint also mit den schulischen Beurteilungskategorien noch nicht so vertraut zu sein und muss im Gespräch stark geführt werden.

Die Gegenüberstellung der beiden Beispiele zeigt, dass durch dieselben offenen Fragetechniken oder „non-focused questions“ (Clemente, Lee & Heritage 2008: 1420) nicht dieselbe Beteiligung von S erreicht wird. Die Beteiligung von S kann also nicht nur durch die Steuerung vonseiten L erreicht werden, sondern ist in hohem Masse von der Gesprächskompetenz von S abhängig.

Auffällig ist trotz der gezeigten Unterschiede, dass beide Schüler in den Beispielen # 32 und # 33 die Formulierung der Einstiegsaufgabe als Aufforderung verstehen, eine Selbsteinschätzung zu liefern. Dies ist nicht selbstverständlich, da die Begriffe nicht explizit mit dem Schüler und seiner Positionierung in Verbindung gebracht werden. L fragt in der offenen Formulierung nur, dass S Begriffe wählen soll, zu denen er gerne etwas sagen würde (°hh un::d (.) zu dene wo du gÄrn öppis würdsch SÄÄge., Beispiel # 33, Z. 013) und mit der Ergänzung in Beispiel # 32, dass es darum geht, was ihm gerade wichtig sei (wo du GÄRN no öppis wü (.) drzue würdsch sÄÄge; wo dir grad WICHtig isch,, Z. 008f.). Das Turn Design ist offen und wenig einschränkend gestaltet und macht dementsprechend nicht einzig eine Selbsteinschätzung erwartbar. Dennoch lösen beide Schüler die Aufgabe so, dass sie sich zu den Begriffen in Bezug setzen und Auskunft zu ihren Stärken und Schwächen geben. Dadurch zeigen sie, dass sie mit der Institution Schule soweit vertraut sind, dass sie die Beurteilungskriterien kennen und sich entsprechend verhalten können.

Die beiden Beispiele zeigen, dass die Involvierung anhand derselben Stimuli unterschiedlich gut funktionieren kann und damit von Fähigkeiten der SchülerInnen abhängig ist. Im Folgenden wird gezeigt, wie die Involvierung der SchülerInnen durch spezifische Unterstützungsleistungen der Lehrpersonen und Eltern begünstigt werden kann.