Kitabı oku: «Gefährliche Geschäfte», sayfa 2

Yazı tipi:

4

Dr. Otto Abramowitsch rutschte ächzend in seinem extrabreiten und Ehrfurcht gebietenden Chefsessel von einer Seite zur andern, viele farbige Listen und komplizierte Grafiken in der Hand und auf dem Pult verstreut. Einige hatten bereits Eselsohren, andere waren zerknittert. Sein glatt rasiertes, fettiges Gesicht mit hoher Stirnglatze glänzte schon am frühen Morgen vor Schweiss und üblen Vorahnungen, und sein rotes Borstenhaar stand in allen Richtungen ab. Ständig rückte er an seiner Hornbrille und hoffte, die Zahlen und Tabellen doch noch zu verstehen. Es klopfte.

„Herein“, rief er mit gereizter Stimme.

Carl trat ein und grüsste. Abramowitsch grunzte etwas Unverständliches, ohne ihn anzusehen und kam gleich zur Sache.

„Die Börsen spinnen weltweit, und wenn ich diese Papiere richtig interpretiere, sinken einerseits die Diamanten- und andererseits die Aluminiumpreise. Und dies überflüssiger- und unverständlicherweise! China allein müsste laut seinem Mehrbedarf den Aluminiumpreis mehr als stützen können. Und in der heutigen Wirtschaftslage sind Diamanten eine stabile und kriesenresistente Wertanlage. Andere, vergleichbare Metalle wie Gold, Silber, Wolfram, Industriestahl und so weiter bleiben in der Hausse mit minimalen Schwankungen. Alles bis auf das verdammte Pressstrang-Alu und die Klunker.“

Über den blinkenden Brillenrand hinweg funkelte er Carl jetzt mit zornesrotem Gesicht an und klopfte mit den Fingern hart auf das wehrlose Papier:

„Es wird Ihre Aufgabe sein, Carl , dies herauszufinden. Just haben wir grosse Mengen an Aluminium und Diamanten verschiedener Güteklassen bei uns gebunkert, um sie zu gegebener Zeit auf den Markt werfen zu können. Dies hätte uns ein überdurchschnittliches Jahr beschert. Aber dieses Konzept geht so nicht auf!“

Dann fixierte er ihn durchbohrend:

„Es war übrigens Ihre Idee, das mit dem Bunkern! Eine Idiotenidee, wie Sie jetzt selber feststellen können. Nicht auszudenken, was London dazu meint, da werden vermutlich Köpfe rollen, ja rollen müssen!“

Schnaufend schob er mit beiden Händen einen Wusch Papiere zu Carl hinüber, der sie kleinlaut sortierte und überflog. Ja, daran schien etwas Wahres zu sein, fuhr es Carl jetzt in die Knochen.

Habe ich bei der letzten Sitzung vielleicht bei Ruben Stern oder James Locklear zu viel durchblicken lassen, so eine Art mittelfristiges Konzept ausgeplappert? Die beiden Broker wären sicher fähig, eins und eins zusammenzuzählen, um dann unerkannt mit grossem Profit mitzumischen. Man wusste ja aus Erfahrung, dass Insiderwissen immer nur dann bestraft wird, wenn es auch bewiesen werden konnte. Milde bestraft, wohlgemerkt! Und diese Sippschaft da war sehr verschwiegen, verschwestert und verbrüdert.

Mindestens bei James als einem seiner besten Freunde würde er dies zwar nicht wirklich glauben können, denn dieser war fast so etwas wie ein weisses Schaf in seiner Branche.

Und Ruben Stern? Dieser orthodoxe Jude in seinem pelzverbrämten schwarzen Mantel und Hut und den ölig wirkenden Schläfenlocken? Äusserst geschäftstüchtig würde es aus seinem grau-gelben, ungepflegten Vollbart und seinen gelben Zähnen tönen: „Mister Boromeo, wie lange kennen wir uns schon? Sie wissen doch sicher, Mister Boromeo, dass ich immer loyal zu Ihnen und Ihrer Firma war. Haben Sie doch die grosse Giite, mir zu sagen, wann ich sie habe enttäuscht zum Letzten mal?“

Und schniefend in sein Taschentuch würde er anfügen: „Lassen Sie es mich meine Sorge sein, machen Sie keine fiebrigen Nächte deswegen. Ich kümmere mich um alles und spreche auch mit meinen werten Kollegen. Aber Sie müssten es doch eigentlich wissen, mein lieber Mister Boromeo, alles wendet sich mit Stern zum Guten!“

„Nun was ist?“, platzte Abramowitsch grob in seine Gedankenwelt und trommelte mit den Fäusten auf den Tisch. Zum zweiten Mal an diesem Tag lüfteten sich bei Carl die Nebel. Er schrak auf:

„Ich gehe die Papiere durch, Otto, und telefoniere ein bisschen herum. Bis zum Abend haben Sie Bescheid!“

„Bis Mittag!“, brüllte Abramowitsch und schlug mit der flachen Hand auf den armen Tisch. „Bis Mittag!“

„Es ist unmöglich, gesicherte Abklärungen bis Mittag zu machen“, monierte Carl.

„Das Wort „unmöglich“ gibt es nicht im Wortschatz dieser Firma!“, bellte Abramowitsch. Leck mich doch am Arsch, dachte Carl und ging wortlos hinaus.

5

James Locklear, der smarte, graumelierte Frauenschwarm und Rohstoffhändler bei JP Morgan Chase in London und Zürich war ein Yuppie, wie er im Buche steht. Er arbeitete wochentags normalerweise an der Metal Exchange, der Rohstoffbörse in London. Seit vielen Jahren vertrat er auch die Interessen der Firma Finegood und arbeitete so auch beruflich eng mit Carl Boromeo zusammen.

Natürlich fiel es auch James seit dem heutigen Handelsbeginn auf, dass Strangguss-Aluminium offenbar im Begriff stand, in eine Baisse zu sacken. Auch um neun Uhr dreissig kannte dieses Handelsgut nur eine Richtung, und zwar die nach unten: Langsamer Fall wohlgemerkt, aber kontinuierlich ins Bodenlose fallend.

An den kleinen, aufbäumenden Verlaufskurven auf den Monitoren erkannte er den kläglichen Versuch einiger Händler, grosse Chargen aufzukaufen, so richtig zu klotzen, um den Preis zu stützen. Vergebliche Liebesmüh!

„Und dies ausgerechnet heute, wo ich Lose grosser Chargen auf den freien Spotmarkt werfen wollte!“, maulte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. Schweiss perlte auf seiner Stirn.

„Lieferung, Abnahme, Bezahlung! Ein klassisches, schnelles, übliches und sicheres Kassageschäft. Auch diskret, aber eben, es hat halt heut nicht sollen sein! Wer ist mir da nur zuvorgekommen? Ist im momentanen Konjunkturverlauf, vor allem in Asien, atypisch, da doch vor allem China ungeheuren Appetit auf Alu hat?“

Sein wichtigster Kunde heute wollte nämlich auf andere Rohstoffe setzen, deren Voraussetzungen optimaleren und schnelleren Gewinn versprachen. James wurde auf diese Feststellung hin von sich aus aktiv und startete ebenfalls einen grossen Stützungskauf. Eine Art letzter Versuchsballon.

„Ich werde dies wohl oder übel in einem internen Ausgleichskonto umbuchen müssen, um es zu einem späteren Zeitpunkt wieder am Markt anzubieten. Freude daran wird Olav von Finegood nicht haben. Unbegreiflicherweise lässt sich der heutige Kurs einfach nicht beeinflussen. Offenbar haben da ein paar Herren die Hosen gestrichen voll.“

Voller Lust biss er in sein sündhaft teures Roastbeef-Sandwich, geliefert vom Delikatessengeschäft gleich um die Ecke, und wischte sich mit dem Handrücken die Sauce von den Lippen.

„Ah, diese Tartarsauce, die ist heute aber wieder heftig abgeschmeckt. Und das rosa Fleisch schmilzt geradezu auf der Zunge. Nächstes Mal muss ich David aber unbedingt beibringen, dass mehrere Fleischlagen einen besseren Biss bedeuten, und so der Geschmack besser zum Tragen kommt. Soll er ruhig mehr berechnen, ist mir furzegal. Aber fette Sahne muss es sein!“

Nach ein paar Blicken auf den Monitor und einem ganz langen Blick auf die vorbeizuckelnde Dame mit den monströsen Highheels und dem kurzen Mini wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinem aufwändigen Privatleben zu.

„Was soll ich heute Abend machen? Ich könnte mir mit Maggie das Musical Catwoman reinziehen, wär doch was! Und danach könnten wir bei mir noch ein gepflegtes Glas Wein trinken. Ich glaube, ich besorg mal schnell noch Karten.“

Eine Stunde vor Handelsschluss nahm er einen neuen Anlauf und starrte wie hypnotisiert weiter auf den Bildschirm. Die Preise fielen, plip, plip, plip immer weiter nach unten, unaufhörlich, unerklärlich.

„Wenn das so weitergeht, wird der Titel nächstens abgeläutet. Und dann wird es Ewigkeiten dauern, bis sich Spekulanten und Trittbrettfahrer wieder fassen und der Kurs sich einigermassen einpendelt“, meinte er halblaut mehr zu sich als zu seinem Nachbarn, der aber mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen schien. James suchte intensiv nach Möglichkeiten und geriet zusehends unter grossen Zeitdruck.

„Aber allein die Industrien klassischer Schwellenländer sollten dies doch locker kompensieren, die Konjunktur läuft dort ja ganz passabel. Es ist zum Mäusemelken!“

Mit der Faust hieb er als unterstützende Massnahme kräftig auf den Tisch und erntete prompt einen giftigen Blick von seinem Nachbarn, der ihn vermutlich töten sollte.

„Womöglich steckt hier System dahinter, aber welches?“, nuschelte er entnervt und raufte sich die Haare. Aber auch ein James Locklear konnte nicht hellsehen. Entsprechenden Rat oder auch Trost wollte er sich bei seinem Börsenkollegen Benedict Sorento holen, der an der New Yorker Mercantile Exchange arbeitete. Dieser bestätigte ihm wenig später, dass auch in New York ein ihm offensichtlich nicht erklärbarer Kurszerfall aufgefallen war, der diesen aber nicht weiter zu beschäftigen schien.

„Wird morgen wieder steigen, James“, meinte er aufmunternd.

„Nimm’s nicht persönlich, lieber Freund, aber wie sagt man so schön: Neues Spiel neues Glück. Lass Dir gesagt sein: Nie passiert etwas zufällig, denn…. Oh sorry my dear, mein Blackberry meldet sich, James, man hört sich!“

„Dein Hemd steht dir aber heute näher als dein Kittel! Dein Augenmerk liegt offensichtlich mehr beim Weizen- und Zuckerpreis. Ist aber schon okay mein Lieber“, murmelte James resigniert und liess den Hörer kraftlos auf das Basisgerät fallen.

Einige Zeit lang starrte James bewegungslos Löcher in die Wände. Dann durchfuhr ihn urplötzlich ein Ruck. Als loyaler Händler informierte er jetzt per Mail die Firma Finegood mit Hauptsitz in London und Niederlassungen in Zürich, Wien, Rom, Paris und Bonn. Dann führte er persönliche Telefongespräche mit weiteren, hoffentlich nicht allzu aufgebrachten Kunden.

6

Die Mission war gut angelaufen, das Mutterschiff glitt still durch die ewigen Weiten des Alls. Grünfluoreszierendes Licht waberte um die Kommandobrücke. Zwei Wachoffiziere schwebten mit verschränkten Armen und ausdruckslosen Gesichtern schweigend vor zwei riesigen, farbigen Wänden aus Leucht-Dioden. Diese blinkten in verschiedenen Farben auf, aktualisierten unter anderem selbstständig die Reiseposition. Eine Unmenge weiterer Zusatzinformationen gliederten sich als Sekundärinformationen mit glucksenden Tönen unterschiedlicher Höhe an.

Transportable Monitore, kabellos verbunden mit einem Zentralrechner, standen an unzähligen Tischen und schmalen Stehpulten. In diesem Raum arbeiteten angestrengt zwei Dutzend Techniker und Ingenieure, und stimmten unzählige Apparate und Listen miteinander ab.

Die Kommandobrücke, ein Oktogon unerhörten Ausmasses, bot einen atemberaubenden Rundblick auf das lautlose, schwarze und kalte Nichts mit seinen Milliarden von Sonnen. Zwischendurch flimmerten zartschimmernde, bläuliche Spiralnebel ganzer Galaxien auf, Kometen schleppten schwer an ihren feurigen Schweifen, und geheimnisvoll rötliche Sonnen zogen majestätisch und still am künstlichen Horizont ihre Bahnen.

Uro fand heute in seiner klimatisierten, in sanften Pastellfarben gehaltenen und schwach erleuchteten Regenerationsbox einfach keine Ruhe. Zu viel ging ihm durch den Kopf. Tonnenschwer lastete der Druck als Missionschef eines Raumgleiters auf ihm. Vor seinem inneren Auge erschien der Planet Dwan: Ein Planet, ungefähr zwei Komma drei Millionen Lichtjahre vom Ziel seiner Mission, der Erde, entfernt, nahe des Andromeda Nebels. Alle dort waren Veganer und lebten in totaler Harmonie mit Flora und Fauna. Es gab keine Haus- oder Nutztiere, alle Lebewesen waren heilig und genossen als Teil der Schöpfung Respekt.

Seit Jahrtausenden waren sie nun Teil dieses perfektionierten Systems. Die vielleicht wichtigste Errungenschaft ihrer Kultur war das soziale Gefühl der Verbundenheit aller Bewohner.

Es gab, da auch auf Dwan niemand vollkommen war und jeder seine Meinung äussern durfte, hie und da Rückschläge. Wenn die Kontrahenten aber wieder auf die bewährte Spur der Gesellschaftsordnung einschwenkten, entwirrte sich der Knoten, und das Leben erschien jedem heller und schöner denn je zuvor.

Eine ökologische Katastrophe vor bald zweihundertdreissig Jahren wurde von einem gewaltigen Meteoriteneinschlag ausgelöst, der das Gleichgewicht des Planeten unweigerlich auf den Kopf stellte. Fast zwanzig Prozent der Atmosphäre verlor sich auf einen Schlag im Weltall. Diese physikalische Barriere konnte ab diesem Zeitpunkt nur noch unzureichend vor dem tödlichen Sonnenwind schützen. Das natürliche Magnetfeld des Planeten und alle elektronischen Apparaturen wurden dadurch schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Ein gewaltiges Problem stellte der aufgewirbelte Staub in der Atmosphäre dar. Er konnte sich bei der ohnehin schon geringen Anziehungskraft nicht legen. Es gab, statt strahlender Tageswärme, nur eine diffuse Dämmerung. Dadurch wurde es immer kälter. Die Flora stellte nahezu das Wachstum ein, und es entbrannte ein Kampf um das Überleben eines jeden Pflänzchens.

Dank fortgeschrittener Technologie war man einigermassen imstande, sich weiterzuhelfen. Im All installierten Techniker riesige Spiegelflächen, die gittermässig angeordnet und untereinander vernetzt wurden. Dies diente dem Einfangen zusätzlichen Sonnenlichtes. Und damit auf Dwan deswegen keine Brände ausbrachen, bestückte man Spiegel mit Diamanten, um eine ausreichende Lichtrefraktion sicherzustellen. Die unvorteilhafte Bündelung des Lichts wich zugunsten gleichmässig verteilter Einstrahlung. Diamanten verfügen nebst erwünschter Lichtbrechung auch über ein exzellentes Wärmeleitvermögen, welches das Vorhaben zusätzlich unterstützt. Somit wurden zwei Probleme gelöst: Es gab wieder mehr Tageslicht, sowie Wärme für Wachstum der Biosphäre und Wohlbefinden seiner Bewohner.

Eine dringende Aufgabe wartete aber immer noch darauf, gelöst zu werden. In der Luft lag nach wie vor ein gelbrötlicher Dunst- und Staubschleier. Die Techniker fanden die Lösung, indem sie am Boden magnetisch aufgeladene und vom Sonnenwind isolierte Konverter aufstellten. Diese hatten die Aufgabe, den Staub in der Atmosphäre mittels eines künstlich erzeugten Kraftfeldes anzuziehen und zu absorbieren. Es war ein mühseliges Unterfangen, aber die Fortschritte liessen sich nach und nach sehen.

Daraus entstand eine neue Herausforderung: Die Diamanten- und Aluminiumvorkommen auf Dwan waren nahezu abgebaut. Die Silbervorräte hätten zur Not für die Herstellung von Spiegeln herangezogen werden können, aber man wollte diesen Schatz passender nutzen. Also musste ausserhalb Dwans nach neuen Möglichkeiten gesucht werden.

Auf der Suche nach geeignetem Rohmaterial stiess man auf den Planeten Erde, am Ende eines Spiralnebels der Milchstrasse gelegen. Hier hatte es schier unerschöpfliche Mengen von Aluminium, ohne dass deswegen die Ressourcen gefährdet wurden. Bei den Diamanten sah es schon schwieriger aus: Es werden auf diesem Planeten jährlich nur ungefähr zwanzig Tonnen natürlich gewachsener Diamanten gefördert, was kaum die Nachfrage deckt. Trotzdem bahnte sich eine Lösung ohne gravierende Schwierigkeiten für Dwan an, da man die Erde und das Verhalten seiner Bewohner von früheren Missionen her kannte.

Von der intergalaktischen Föderation erhielt die Mission endlich knapp vor der Abreise das Okay, das aber an klare Bedingungen geknüpft war: So wenig wie möglich in die Geschichte der Erde eingreifen, keine Lebewesen gefährden, moralisch vertretbare Entscheidungen treffen und weitere, standardisierte Auflagen. Uro würde den genauen Wortlaut bei Ankunft auf Erden erfahren und entsprechende Weisungen erteilen.

Um eine Expedition durchzuführen, hatte eine Vorhut bereits während Jahren Wissen und Funktionalität des Planeten Erde ergründet und zusammengetragen. Bei den irdischen Teilnehmern wurde bei gewissen Personen im Vorfeld bereits eine mentale Stimulanz eingeleitet. Somit hatte die Mission im eigentlichen Sinne schon längst begonnen.

7

Schwarze Löcher für Raumfahrten zu nutzen ist eine hocheffiziente, wenngleich risikoreichste Methode, um Wege abzukürzen. Einer der Schwachpunkte ist, dass die Reiseroute nur rudimentär berechnet werden kann. Schon mancher Raumfahrer hat nie mehr zurückgefunden, und man weiss bis heute nicht, ob er vom Loch geschluckt, oder in eine Zeitdimension hinein geschleudert wurde, wo er die Orientierung verlor und nie mehr herausfand.

Eine andere Möglichkeit ist die Nutzung sogenannter „Wurmlöcher“, welche auch bekannt sind als „Krümmung des Raums“, also direkte Verbindungen zwischen zwei Punkten.

Konventionell sind Reisen mit Lichtgeschwindigkeit, wird aber höchstens zwischen Planeten angewandt, da dies trotzdem noch viel Zeit benötigen kann. Die Zielgenauigkeit kann aber verlässlich vorausberechnet werden, und wird nicht von den bekannten Belastungen der wechselnden Gravitationsfelder irritiert.

Bei einer Reise vom Andromeda-Nebel bis ins Milchstrassensystem bleibt nur die Alternative des Schwarzen Lochs mit all den unberechenbaren Gefahren. Es können psychische Schäden bei Lebewesen auftreten, physische Schäden an Raumschiffen entstehen oder, noch schlimmer, es kann elektronische Totalausfälle geben, um nur einige zu nennen.

Die Reise mit dem Mutterschiff ging ruhig vonstatten. Als das Mutterschiff sich besagtem Schwarzen Loch näherte, spürte man die steigende Anspannung der Techniker und Ingenieure. Die tägliche Routine war dahin, was jetzt kam, war die totale Herausforderung an Mensch und Technik. Eine eigenartige elektrische Spannung war fast mit den Händen greifbar. Alle fürchten die schier unerträglichen psychischen und physischen Schmerzen vor der Entmaterialisierung.

Tische und Stehpulte waren jetzt mit der operativen Mannschaft besetzt, ja es herrschte ein regelrechtes Gedränge. Auf der Kanzel mitten im Raum, die einen Rundumblick auf alle Mitarbeitenden erlaubte, standen der Kommandant und hohe Offiziere vor ihren farbigen Plasmawänden. Sie traten physisch direkt in Hologramme ein, um so mit anspruchsvollen Berechnungen und Lösungsvorschlägen die Vorgänge laufend verstehen zu lernen. Gleichzeitig übermittelten sie telepathische Anweisungen an ihre Untergebenen an den Pulten und Tischen, die wiederum ihre Geräte damit fütterten.

Unzählige bunte Lämpchen glühten auf den Monitoren, blinkten oder wechselten je nach Status die Farbe. Mit spitzen Fingern tippte jeder Logarithmen, Positionen oder Szenarien direkt auf den Bildschirm ein. Trotz geschäftigem Hin und Her war kaum ein Geräusch im Raum zu vernehmen.

Ein grosses, orangefarbenes Drehlicht an der mausgrauen Metalldecke leuchtete urplötzlich auf. Bewegliche Gegenstände wurden augenblicklich im Boden oder auf den Tischen verankert, Bildschirme, Tabellen und weiteres Material fügten sich wie mit Zauberhand in vorher verborgene Öffnungen ein. Alle nahmen auf gepolsterten Schalensitzen Platz. Die Rückenlehne wurde in die Vertikale eingeklickt, Fussgelenke und Stirn umfasste jetzt ein Mehrfach-Sicherheitsgurt, sodass der ganze Körper streng fixiert war. Es würde ruppig werden, das wusste jeder. Aber wie ruppig? Bewegungsfreiheit hatten jetzt einzig noch die Arme. Nach letzter Selbstkontrolle wurden diese in eine Art Vakuumröhre gesteckt, damit jedes Verletzungsrisiko vermieden wurde.

Seltsam eigentlich, dass ein Schwarzes Loch, aus genügend weiter Distanz betrachtet, nichts weiter als eine schwarze trost- und lichtlose Fläche, oder richtigerweise eine Tiefe im All darstellt, ein Nichts im Nichts. Trotzdem ist das Nichts Antimaterie mit einem gigantischen, magnetischen und absolut tödlichen Kern. Dieses Nichts ändert sich aber schlagartig, wenn man nahe genug an den Ort des Geschehens ist.

Durch die Panoramascheiben des Schiffs wurde jetzt langsam ein flacher, grauweisser und feiner Spiralnebel ungeheuren Ausmasses sichtbar. Zuoberst am Kelchrand hatte dieser alleine schon einen Durchmesser von vielen Lichtjahren. Dieses gefrässige Ungeheuer war ein rotierendes, sicher Millionen von Sonnenmassen schweres Loch mit enormer elektrischer Ladung, in das man bald hineinstürzen und sich dematerialisieren würde. In feinen Wirbeln war weit unten im Trichter sogar eine gleissendhelle, berstende Sonne zu erkennen, die einfach mitsamt ihrem Licht eingesaugt wurde. Etwas höher blaurötliche Gasnebel, die in langsamer Eigenrotation ihre Bahnen in die tödliche Spirale hinab zogen.

Anhand feiner Erschütterungen war allmählich spürbar, dass das Schiff ohne eigenes Dazutun schneller wurde. Der künstliche Horizont an den Apparaturen begann sich zu drehen, was mit der langsamen Rotation am Kelchrand des Lochs übereinstimmte. Die feinen Erschütterungen machten sich stärker bemerkbar.

Das Tempo des Schiffs nahm spürbar zu, und im gleichen Masse auch die Kraft der Erschütterungen. Die Rotation um die eigene Achse fühlte sich an wie ein Karussell mit steigender Drehzahl. Blickte man nach unten, schob sich jetzt ein gigantischer, ebenfalls um die Längsachse drehender und aufgestülpter Trichter ins Blickfeld. Am Boden, in unbestimmbarer Tiefe bereits gut sichtbar das alles verschlingende, tödliche Auge.

Gigantisch, unvorstellbar und faszinierend ist ein Anblick solch infernaler Kraft! Ganze Milchstrassen mit ihren Tausenden von Sonnen, Monden und Planeten kippen in ein solches System, werden geschluckt und nie wieder ausgespien - von einem Spielzeug wie diesem Mutterschiff erst gar nicht zu reden.

Das Tempo wurde horrend. Die Erschütterungen gingen wellenartig durchs Schiff, es schepperte und grollte wie bei einem Erdbeben. Die Körper der Raumfahrer wurden so brutal durchgeschüttelt, dass man um deren Leben fürchten musste.

Jetzt brach das Lichtspektrum der Farben. Farbschattierungen schienen verschmiert, Schwarz-, Violett- und Blautöne wurden zusehends hellblau und grünlich, dann fielen sie ins orange-, gelb-, und letztendlich ins Rotspektrum, bevor sie dann in grau-weissliche Töne zerfielen und sich völlig auflösten. Das Loch fordert alles Licht und Farbe für sich, setzt alle bekannten physikalischen Gesetze ausser Kraft.

Sogar die Luft drohte zu bersten. Sie wurde von Atemzug zu Atemzug dick und dicker, und mutierte wie Licht und Farben zu einem schmierig grauen Etwas. In den Ohren brauste und sauste es den armen Raumfahrern wie beim ärgsten Orkan. Jeder Atemzug wurde zum brutalen Ringkampf mit entfesselten Gewalten.

Als Passagier nimmt man all diese Phänomene nur noch traumartig und unbeteiligt wahr. So, als ob man gar nicht mit von der Partie wäre. Wie in einer Disco mit Stroboskop, in dessen Licht sich Tanzende ekstatisch und ruckartig bewegen; irgendwie irreal und entrückt.

Raumschiffe sind dem gigantischen Gravitationsfeld des Lochs mit seinen enormem Drücken und Verdrehungen entlang der Längsachse schutzlos ausgeliefert. Protonen- und Neutronenteilchen der Atomkerne beginnen die Bahn und ihre spezifische Ladung umzukehren.

Das eigene Gravitationsfeld des Mutterschiffes muss bis zu einer gewissen Gradstärke hinaufgefahren werden, um druckstabil gegen aussen zu bleiben. Dann kam der exakt errechnete Zeitpunkt, wo die eigene elektrische Ladung der Atomkerne umgekehrt werden musste, um dem immer höher werdenden Aussendruck die Angriffsfläche zu nehmen. Da auch Bordelektronik bei Umkehr der Ladung atomarer Struktur naturgemäss ausfällt, werden Manöver ab einem gewissen Zeitpunkt manuell von mehreren Offizieren gleichzeitig ausgeführt. Es liegt in der Natur der Sache, dass der eine oder andere dabei ohnmächtig wird. Eine Fahrt durch ein Schwarzes Loch ist stets eine Zerreissprobe auf Messers Schneide für Crew und Schiff. Man überlässt es jetzt alleine der Höheren Macht, ob man dies überlebt oder nicht.

Ab hier wird die Mannschaft zum reinen Betrachter degradiert, die dem Geschehen nur noch hilflos zuschauen kann, unfähig, eigene Gedanken zu produzieren.

Rote Schockwellen prügeln jetzt wie Laserknüppel auf das geistige Auge ein. Der Körper krampft sich scheinbar auf Erbsengrösse zusammen, um sich dann in einem gewaltigen Knall mit gleichzeitigem Lichtblitz zu entladen.

Alles läuft jetzt verkehrt rum; man fliegt nicht mehr, sondern der Raum selber stürzt auf einen zu, man fühlt sich nicht bleischwer, sondern schwebt befreit im Nirgendwo. Chemische Denkprozesse sind völlig ausgeschaltet, Schmerzen hören auf zu existieren. Wohin man jetzt geistig auch schauen mag: Es scheint dem Betrachter viel weisser, durchsichtiger, unwirklicher, schemenhafter, entrückter. Und auch trostvoller. Schmerzlos implodiert das Gehirn. Von einem Moment zum andern ist das Individuum nicht mehr existent. Es ist aufgelöst im Nichts. Erstmals körperlos und frei. Getrennt von Geist und Seele. Ziellos im All umhertreibend. Nur noch lose verbunden mit dem lebenswichtigen Silberband. Und der Hoffnung, dass dieses nicht reissen möge ……..

₺825,24

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
320 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783033046368
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi: