Kitabı oku: «Gefährliche Geschäfte», sayfa 3

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Irgendwo, in sicherer Distanz zum Gas- und Eisplaneten Uranus, drehte das Mutterschiff seine einsamen Runden. Fünf Expeditionsteilnehmer lagen in speziellen Körperumwandlungskabinen, die an überdimensionale Brutkästen erinnern, um den Umformungsprozess zum Erdenmenschen erlernen zu können. Das bereits bekannte Wissen über den Planeten Erde samt Bewohner wurde in ihre persönliche DNS eingespeichert.

Die Aufwachperiode war eben just angebrochen, und die Missionsteilnehmer gingen stumm die letzten Stunden vor dem Flug zur Erde durch. Was ab jetzt zählte, war nur noch die Mission.

Nacheinander verliessen sie die Kabinen. Im Gemeinschaftsraum tauschten sie sich untereinander aus, zuerst zögerlich, dann immer sicherer in der ungewohnten Sprache der Erdenbürger. Menschliche Gestalt hatten sie noch nicht angenommen, sie war ihnen noch zu befremdlich. Etwas später kletterten sie gemeinsam in den Gleiter. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Der Missionschef und Pilot gab die Koordinaten unter Berücksichtigung aller benutzbaren Zeitfenster ein.

Raumfahrer nutzen in Planetennähe natürlich vorkommende, jedoch stetig wechselnde Gravitationsfelder, die eine Art Zusatzschub auslösen und die Reisezeit wesentlich verkürzen. Ungenutzte Zeitfenster verunmöglichen die Benutzung dieser Gravitationsfelder, und ein neues Zeitfenster muss gesucht und berechnet werden, falls denn überhaupt eines zur Verfügung steht. Eine konventionelle Reise vom Uranus zur Erde würde viel zu langen dauern.

Später, als sich der Raumgleiter Richtung Erde bewegte, heiterte sich die angespannte und etwas trübe Stimmung auf. Die Mission lief wie geplant. Alle hatten menschliche Körper angenommen. Sozusagen als Probe für den Ernstfall. Uro summte zufrieden vor sich hin. Seine Tochter Eclipse liess sich davon aber nicht anstecken. Sie sass etwas seitab und hantierte an ihren Apparaturen. Als Biologie- und Chemiewissenschaftlerin bereitete sie unterdessen umfangreiche Testreihen vor. Diese galten vor allem der Atmosphäre, dem Schwerkraftfeld und dem Wärmehaushalt der Erde. Verschiedene Peripheriegeräte mussten noch an den etwas anderen Druck der Erde angepasst werden.

Zenaco rumorte im hinteren Teil des Gleiters. Als gewiefter Bordingenieur und Mann für alles überprüfte er nochmals den gewählten Landeplatz. Momentan hatte er aber andere Probleme. Er kniete vor einer grossen Öffnung in der Bodenplatte des Gleiters, die Hände in die Seiten gestemmt, und starrte hypnotisierend auf das Innenleben der Landekonstruktion.

„So eine Sauerei“, schimpfte er, und es hörte sich schon ganz menschlich an: „Eines der Landebeine klemmt, und keiner hat sich im Vorfeld darum gekümmert. Bei einer Mission wie dieser sollten wir uns wirklich nicht mit Steinzeittechnik herumschlagen müssen.“

Nimroy als junger, ambitionierter Arzt und Heiler warf einen ärgerlichen Blick auf Zenaco, da er sich in seinen Gedankengängen gestört fühlte. Mit der Zunge schnalzend, wandte er sich wieder seinem Bildschirm zu, und brütete über differenzierte Studien des menschlichen Stoffwechsels.

Beria, eine begnadete Seherin und Medium, sass mit geschlossenen Augen kerzengerade wie eine Salzsäule auf ihrem Stuhl, die Hände auf ihre Oberschenkel gelegt. Sie schien vollkommen entrückt. Unvermittelt öffnete sie ihre ausdrucksstarken Augen und beugte sich zu Nimroy hinüber:

„Ich hatte soeben Kontakt mit dem Universellen Grossen Rat Der Ahnen: Die gute Nachricht zuerst: Unsere Mission steht unter einem guten Stern. Alles fügt sich, wie es sich fügen soll. Jedoch haben wir ein grosses Problem: Mit unserer Nahrung stimmt etwas nicht. Ich weiss noch nicht, was es ist, aber ich fühle die grossen Schwierigkeiten und bin sehr, sehr beunruhigt.“

Nimroy blickte sie entgeistert an, herausgerissen aus seinen tiefgreifenden Gedanken, und meinte dann etwas genervt:

„Na was soll denn das jetzt wieder? Diese wird wohl nicht anders schmecken als früher schon. Wenn du aber darauf bestehst, werde ich mich später darum kümmern. Aber erst nach meinen Recherchen, und das braucht Zeit. Es ist zwar die ganz profane Angelegenheit der Erdenmenschen, aber in Zukunft wohl auch für uns von essenzieller Wichtigkeit!“

9

Carl Boromeo war nach einem langen Arbeitstag und einer noch längeren Abendsitzung abgespannt und hundemüde. Eigentlich zu müde, um überhaupt noch heim zu fahren. Und gegessen hatte er auch noch nichts. Tanja würde sicher schon zu Bett gegangen sein, schätzte er, und bestimmt keine Lust haben, ihn noch zu bekochen.

Auf der Heimfahrt entspannte er sich bei klassischer Musik. Nach einer weiteren Zigarette kam ihm die Idee, beim Fressbalken, einer Autobahnraststätte, etwas zu essen. Gesagt, getan: Bei einem scharfen Rinds-Tartar fühlte er langsam wieder Lebensgeister in sich aufsteigen.

„So, und jetzt nichts wie ab nach Hause!“ Wenige Autobahnkilometer weiter nahm er die Abfahrt und etwas später eine Wegabkürzung durch ein Wäldchen. Er fuhr hier gerne nachts, es war friedlich und verkehrsfrei. Die beste Gelegenheit, dem vergangenen Tag noch etwas nachzusinnen:

Natürlich hatte sich an der Diamanten- und Rohstoffbörse nichts Konkretes ergeben. Das ständige Sinken des Diamanten- und Aluminiumpreises konnte sich, trotz verzweifelter Erklärungsversuche, keiner der Spezialisten plausibel erklären. Carl hatte solches auch nicht erwartet. Kursstürze dieser Art gab es immer wieder, sie hatten eine Vorgeschichte, die man, wenn überhaupt, nur in der Branche kennt. Und diese ist verschwiegen. Wer pinkelt sich denn schon gerne auf die eigenen Schuhe?

Trotzdem war es auch für Carl als Nichtmakler schwierig, dies richtig einzuordnen und mit dem nötigen Fingerspitzengefühl in die Sitzung einzubringen. Abramowitsch hatte eingangs getobt, musste aber einsehen, dass das Problem momentan so nicht aus der Welt zu schaffen war. James, der heute extra hergeflogen und trotzdem viel zu spät ankam, hatte ihm, Carl, danach in ruhiger Art und süffisantem Unterton börsenkundige Nachhilfestunden gegeben. Abramowitsch telefonierte während der Sitzung längere Zeit mit CEO Dr. Arthur Miller vom Hauptquartier in London, sowie mit Sir Steven Bold als Verwaltungsratspräsidenten von Finegood International Ldt. Anfangs tönte seine Stimme noch laut und nervig, wurde dann aber kleinlaut und endete mit „Ja, Sir! Selbstverständlich, Sir, und danke vielmals, Sir!“

Jetzt in der Runde aber drehte er wieder auf:

„Dies ist jetzt zur Chefsache erklärt worden. Ich darf annehmen, dass mich alle unterstützen, Lösungsansätze aktiv in die Tat umzusetzen, und so weiter und so fort. Vor allem auf Sie, Carl, warten Spezialaufgaben. Bereiten Sie mir keine Schande. Jetzt können Sie zeigen, was Sie draufhaben. Wäre ja gelacht, wenn ich das Problem nicht in den Griff bekäme!“

Der hochaufgeschossene Verkaufschef Waldemar Köpfli als ehemaliger Diamanten- und Rohstoffexperte gab ebenfalls noch seinen Senf in ätzendem Baslerdeutsch. Und Ernesto Koller als Kommunikationsbeauftragter leckte seinem Chef mit brauner Zunge nach. Sie waren einhellig der Meinung, dass etwas getan werden müsse. Aber das war auch schon der einzige gemeinsame Nenner.

Carl realisierte im Radio das Nachrichtensignet und drehte etwas lauter auf. Die Nachrichten rieselten so durch. Dann plötzlich stockte ihm der Atem:

„Da! Schon wieder! Was ist das bloss?“

Vor ein paar Momenten schon war ihm ein weisses Scheinwerferlicht in den Baumkronen aufgefallen. Es zuckelte zwischen Bäumen und Büschen herum, fiel zwischendurch auch mal auf die Strasse. Carl verkrampfte sich:

„Was soll denn das?“

Vielleicht fünfzig Meter vor ihm setzte ein rundes, hellweiss- und lichtdurchflutetes Ungetüm mit sirrendem Geräusch mitten auf der Strasse auf. Es tauchte seinen Wagen in grellstes Scheinwerferlicht. Carl trat mit aller Kraft auf die Bremse. Zeitgleich würgte es ihm den Motor und das ganze elektrische System ab.

Vom gleissendem Licht geblendet und mit brennender Zigarette im Mundwinkel stieg ihm vom Bauch her Richtung Kopf eine heisse Wahnsinnspanik auf. Klebriger Schweiss trat aus. Er hatte schon von ähnlichen Situationen gelesen, dem Ganzen aber nie eine besondere Bedeutung beigemessen.

„Ich? Nun also ich? Nein, lieber Gott, lass es nur ein Traum sein. Sicher nur ein Traum. Gleich ist es vorbei!“

Es ging nicht vorbei. Dem Ersticken nahe, zerrte er an der Krawatte und löste mit einer Hand den obersten Knopf des Hemdes, um Luft zu bekommen. Er zwinkerte noch zweimal mit den Augen, aber es änderte sich nichts. Ihn überfiel heftige Übelkeit und ein traumhaftes, starkes Gefühl, als sitze er schon ewig hier im Auto und beobachte diese Szene.

Plötzlich glaubte er zu bemerken, wie sich am Riesending eine Luke oder so etwas Ähnliches öffnete. Wie von Geisterhand schob sich eine schmale Rampe langsam zu Boden. Einen Wimpernschlag später stand eine weissbeleuchtete, fast schon durchsichtige Gestalt in der Öffnung.

Carls Nackenhaare sträubten sich jetzt, der Schweiss rann in den Nacken. Langsam bewegte sich die Kreatur, oder was auch immer es sein mochte, über die Rampe in Richtung Strasse. Er blinzelte nochmals, dann überkam ihn neues Grauen: Die Gestalt lief nicht, nein, sie schwebte. Einfach so!

Sein Puls raste hart, er hatte das Gefühl, dass sein Herz gleich zerspringen müsse. Keuchend, und mit aufgerissenen Augen rang er nach Luft, unfähig, auch nur den kleinsten Finger zu rühren. Carl konnte trotz tränender Augen seinen Blick nicht davon wegbewegen. Er fokussierte sich krampfhaft auf die Gestalt, die da langsam, aber stetig auf ihn zu schwebte. Neue Panikattacken schüttelten ihn durch. Er krallte sich noch fester ans Lenkrad. So, jetzt konnte er es deutlich sehen: Die dunkeln, übergrossen Augen im kalkigen, haarlosen und unbewegten Gesicht. Den Körper, eingehüllt in einen beigen, fast bodenlangen offenen Mantel mit hohem, steifen Stehkragen mit Zacken. Unter dem Mantel enge, blendend weisse Hosen. Eine Art Stiefel mit komischen Verzierungen staken an den Beinen. Ein rüschenartiges, goldbedresstes und ebenfalls helles Hemd deckte den schmalen Oberkörper. Ein dunkler, breiter Gürtel hielt schliesslich die ganze Figur zusammen.

Carl fehlte jegliches Zeitgefühl. Er wusste nicht warum, aber jetzt spürte er das dringende Bedürfnis, auszusteigen. Wie in Trance öffnete er lethargisch die Autotür, und dies ohne den Blick von der grausigen Szene abzuwenden.

Ein paar Meter vor ihm hielt die hochaufgerichtete Kreatur nun plötzlich inne. Sie bannte ihn ohne jegliche Gesichtsregung. Jetzt fühlte es sich in seinem Gehirn an, als ob diese in sein Innerstes hineinkriechen würde. Es löste einen Wasserfall an verschiedenen Gefühlsregungen aus, ungeordnet, ungebändigt, ungefragt. Nach einer Ewigkeit, so schien ihm, kam etwas Ordnung ins Chaos, und ihm war jetzt, als verstünde er, was die Kreatur sagen wollte. Oder tönt nur meine innere Stimme so, ging es ihm durch den Kopf. Carl wollte sich in seinem Leben nie auf eine innere Stimme einlassen, dafür war er viel zu sehr Zahlenmensch. Und wie sollte er eine Antwort geben? Sollte er reden? Oder besser nur denken? Oder beides?

„Was hat die innere Stimme jetzt gleich gefragt?“

Carl war sich plötzlich seiner weichen Knie und der allgemeinen Schwäche bewusst und hielt sich einhändig an der Wagentüre fest. Die Übelkeit verstärkte sich, und er hätte sich am liebsten übergeben. Er versuchte, sich auf die innere Stimme, oder was es sein mochte, zu konzentrieren, und glaubte etwas zu hören wie:

„Komme morgen um eins in der Früh hierher. Alleine. Wenn du nicht kommst, holen wir dich von zu hause ab!“

„Morgen, um eins in der Früh, jaja“, echote Carl mit dünner, brechender Stimme. Wie ein Depp kam er sich dabei vor, gab sich aber Mühe, sein Gegenüber etwas genauer zu betrachten.

Im wächsernen Gesicht der Kreatur regte sich kein Muskel, er las darin keine Zustimmung, keine Regung oder sonstiges. Nur ernste, unergründliche Augen lasteten wie Blei auf ihm. Carl schaute weiterhin in das leicht bekümmerte Gesicht wie ihm schien, und versuchte, sich jede Unebenheit einzuprägen. Minutenlang, stundenlang, ganze Ewigkeiten.

Irgendwann erschreckte er sich wie ein Nachtwandler. Mutterseelenallein stand er auf der dunkeln Waldstrasse.

„Alles weg? Wie weggepustet, oder soll ich sagen wie ausgeknipst? Unglaublich, ich erinnere mich nicht, dass es zurückschwebte oder gar wegflog?“

Als Carl wieder einigermassen bei Sinnen war, zündete er sich mechanisch eine Zigarette an, stieg ins Auto und drehte am Zündschlüssel. Der Motor sprang an, und zu seiner Verblüffung funktionierte auch Licht und Radio. Langsam, und mit gütiger Unterstützung des neuen Nikotinschubs beruhigten sich seine Nerven etwas.

„Was war das? Bin ich denn reif für die Klapse?“

Aufgewühlt fuhr er langsam aus dem Wald, immer wieder angstvoll zum Himmel blickend, aber dort tat sich nichts. Kurze Zeit später drückte er die Fernbedienung seiner Aussengarage und war dafür nie dankbarer als heute. Rundum lagen die Häuser im Dunkeln, ein paar Strassenlaternen verbreiteten trübes Licht. Irgendwo bellte ein Hund.

10

Im Wohnzimmer getraute sich Carl aus diffusen Gründen nicht, Licht zu machen. Im Halbdunkel goss er sich zitternd einen dreistöckigen Whiskey ein, und leerte diesen in einem Zug. Einen vierundzwanzigjährigen Oban Single-Malt, gelagert und liebevoll gepflegt im Eichenfass, für die momentane Situation aber völlig unbedeutend. Im bequemen Hochlehner einer beigen deSede Leder-Polstergruppe versuchte er, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Er goss nach und warf automatisch einen Blick auf seine Rolex. Und erschrak:

„Was? Das kann doch nicht sein! Es ist halb zwei? Wenn ich mich richtig erinnere, hörte ich doch die elf Uhr Spätnachrichten?“

In beklemmender und angstvoller Stimmungslage versuchte er verzweifelt, sich einen Überblick der vergangenen zweieinhalb Stunden zu verschaffen. Halblaut murmelte er:

„Das heisst im Klartext, ich habe zweieinhalb Stunden gebraucht, um rund drei Kilometer im Auto zurückzulegen? Aber was ist zwischenzeitlich passiert, mal vom Erscheinen dieser Kreatur abgesehen?“

Er ordnete dies mit vielleicht zwanzig Minuten ein, vielleicht auch etwas weniger.

„Und der grosse Rest? Jetzt glaube ich langsam, dass ich tatsächlich so etwas wie Zeit verloren habe? Ja wenn man Zeit überhaupt verlieren kann?“

Diese Erkenntnis liess ihn erschauern. Die verloren geglaubte Zeit war ähnlich einem Loch im Gehirn und nichts, aber auch gar nichts fiel ihm dazu ein.

„Und was hat dieses Monster gesagt? Morgen um eins in der Früh? Nein, nein, das habe ich mir bloss eingebildet. Vermutlich eine Fehlreaktion meines Gehirns. Weiter nichts.“

Carl war sich trotzdem nicht ganz sicher und überlegte weiter:

„Ich könnte flüchten? Ja könnte ich. Morgen. Mit dem Flieger nach London. Sie würden mich sicher nicht finden. Früher oder später vielleicht doch? Und dann? Soll ich vielleicht Tanja vom Vorfall erzählen? Nein, die würde mich auslachen, und ich müsste mir dies jahrelang wieder und wieder anhören. Ein Burnout Syndrom? Nein. Bestenfalls würde sie meinen Hausarzt ins Vertrauen ziehen, und darüber tratschen wie über einen armen Irren. Nein, sie kann ich nicht ins Vertrauen ziehen. Die Sache alleine durchstehen? Ja, durchsitzen, absitzen, wie auch immer. Aber alleine!“

Eine Zigarette später verliess ihn der Mut. Und nach dem Einschenken eines weiteren Single-Malt kam er zum Entschluss, dass er eine Entscheidung für heute vertagen musste:

„Gedanken und Probleme lösen sich manchmal von selbst, man muss nur die nötige Distanz wahren. Ich beende jetzt augenblicklich dieses idiotische Brainstorming, und hau mich in die Pfanne.“

Schlafen konnte er trotz des vielen Alkohols nicht. Seine Gedanken liessen ihn sich hin und her wälzen. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, als er endlich einschlief. Heute sollte sich Carl zum ersten Mal seit langer Zeit verschlafen. Und Tanja war da keine Hilfe.

11

Geweckt wurde Carl dann von Ramon, Tanjas kleinem Sohn aus erster Ehe. Noch halb im Schlaf schaute er sich verwirrt um und brauchte einen Moment, bis er seine Sinne wieder beisammen hatte. Ein Blick auf die Uhr liess ihn dann entsetzt feststellen, dass es zehn Minuten nach acht war. Mit einem Satz war er aus dem Bett und im Bad unter der Dusche. Der kalte Strahl versetzte ihn in einen wachen Zustand. Damit zeigten sich aber auch wieder die Schrecken der vergangenen Nacht.

Tanja bequemte sich schliesslich doch noch ins Badezimmer und erkundigte sich schmollend nach seinem Befinden, und dem langen Ausbleiben von gestern Abend.

„Wenigstens anrufen hättest du können!“ meinte sie strafend.

„Ich bin es ja gewohnt, dass du zu allen Tages- und Nachtzeiten nicht erreichbar bist, aber heutzutage hat doch jeder ein Handy. Ich habe nach elf Uhr versucht, dich zu erreichen. Da du das Handy aber abgeschaltet hast, vermutete ich, dass du eine Sitzung hättest.“

Und dann folgte die typische Frauenlogik, die Carl so hasste:

„Du hast auffällig viele Sitzungen in letzter Zeit? Wann bist du denn überhaupt nach Hause gekommen?“

Carl murmelte etwas von halb eins, und war plötzlich sehr pressant.

„Bin dafür heute früh zum Nachtessen da. Muss später dann nochmals weg. Eine Besprechung mit einem Kunden, du weisst ja. Ich muss ihn am Flughafen abholen. Wird wieder spät heute, Tanja. Sehr spät!“

„In letzter Zeit ist es immer etwas gar spät geworden, Carl!“ meinte Tanja gedehnt mit einem Unterton, der nichts Gutes verhiess:

„Nicht dass du mir aber was verheimlichst, gell?“

Carl verwarf die Arme. Die Gestik sollte wohl ausdrücken, dass ihn für die langen nächtlichen Einsätze keine Schuld treffe, und er nichts, aber auch gar nichts anderes getan habe, als seine Pflicht der Firma gegenüber. Später, auf der Fahrt in die Firma, konzentrierten sich seine Gedanken wieder auf die gestrige Nacht und den kommenden, nächtlichen Horror von heute Abend:

„Soll ich wirklich zum vereinbarten Treffpunkt gehen? Und wenn nicht? Die werden mich wohl kaum aus dem Bett schleppen. Zeter und Mordio würde ich schreien, jawohl!“

Und er gestand es sich jetzt selber ein: Diese besitzergreifende, kalte Heidenangst vor der unbekannten Kreatur, die ihn so spät noch sehen wollte. Es plagte ihn wie einen Verurteilten vor der Exekution. Jede Sekunde. Er konnte nichts anderes denken und hatte überhaupt grösste Mühe, sich auf sein Tagwerk einzustellen. Auch der Nachmittag schlich so träge dahin; es wollte und wollte nicht Feierabend werden. Um zehn Minuten nach fünf schliesslich hielt er es nicht mehr aus. Die meisten Mitarbeiter hatten ohnehin schon Feierabend gemacht.

So konnte auch er sich getrost wegschleichen, ohne dass es von allen Seiten hiess: Oh Carl, stecken Sie noch tief in der Arbeit, oder machen Sie gleich Feierabend? Sonst hätt ich da noch eine Kleinigkeit, wenn Sie erlauben?

Oder auch die Bemerkungen einiger Kollegen: Ja, ja, typisch Boromeo, der kommt morgens spät und verreist dafür abends zeitig. Carl hatte immer schon etwas Schwierigkeiten gehabt mit seiner Funktion als Geschäftsleitungsmitglied, und als gleichzeitiger Mitarbeiter unter Arbeitskollegen. Diesen Spagat zwischen Leitungsfunktion und kollegialer Atmosphäre machte ihm auch heute noch zu schaffen.

Auch hörte er im Geiste seine Kollegen mit einem geflügelten Zitat lästern: Mitarbeiter kommen meistens zu spät zur Arbeit, dafür gehen sie am Abend zu früh nach Hause, Kaderleute sind schon beim Morgengrauen im Betrieb und verlassen ihn erst, wenn gute Bürger längst schlafen. Als Geschäftleitungsmitglied war er eigentlich nur wegen einer spezifischen Weiterbildung angefragt worden. Aktiv beworben hatte er sich nie darum. Er fühlte sich einfach unwohl unter klassischen Kaderleuten. Dieses elitäre Getue dort war ihm einfach zuwider und zu aufgesetzt. Nein, er wollte jetzt und sofort auch nach hause. Ohne schlechtes Gewissen.

Tanja erwartete ihn bereits ungeduldig und voller Tatendrang an der schön gedeckten Tafel inmitten grünen Rasens. Sie hatte sein asiatisches Lieblingsessen gekocht und fragte ihn in aufreizender Pose, mit einem verschämten Knicks wie anno dazumal:

„Darf ich dem gnädigen Herrn des Hauses beschreiben, was ich für ihn gekocht habe? Zum Apéro gibt es einen lauwarmen japanischen Sake, der hervorragend zum ebenso lauen Sommerabend passt. Dann als Entrée ein Kokossüppchen mit viel Lemon-Gras und Saft, einer Extraportion Shitaki-Pilzen, und genügend Kokosmilch mit vielen frischen Kräutern und höllisch scharfen Gewürzen. Zum Hauptgang gebratenen, und herrlich klebrigen Thaireis mit buntem Streifengemüse und feingeschnittenem Rindfleisch an dunkler Sojasosse. Alles ganz schön scharf mit viel frischem, geraffeltem Ingwer und scharfen Chilischoten. Zum Dessert kredenze ich gebratene, gewürfelte Ananas und Bananen, mit etwas Alkohol parfümiert, und einer Kugel Vanilleeis. Ein wahres Festessen, fürwahr, und ganz zu Ihren Ehren!“ strahlte Tanja gutgelaunt.

Carl gab sich grösste Mühe, gesprächig und in aufgeräumter Stimmung zu sein, war aber offenbar doch einsilbig und wider Erwarten überhaupt nicht hungrig.

Tanja nahm plötzlich Carls beklemmende Stimmung wahr, und schraubte einen Gang zurück. Sogar Ramon merkte, dass irgendwie etwas nicht war wie sonst. Carl hatte immer schon ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu ihm. Wenn er auch nicht der leibliche Vater des Kindes war, so unternahm er als verantwortungsvoller Ersatzvater alles für das Wohl seines kleinen Sohnes. Doch heute war ihm gar nicht ums Spielen.

Tanja erkundigte sich vorsichtig, ob er wieder Ärger im Büro gegeben hätte. Carl schüttelte nur stumm den Kopf. Verwundert stellte Tanja im Weiteren fest, dass er sich nur einen halben Nachschlag holte.

„Carl? Es ist doch was, oder?“

„Nein“, antwortete Carl gequält, „Ich habe einfach heute keinen Appetit, vielleicht ist es der stete Druck in der Firma, Abramowitch spinnt ja auch von Tag zu Tag mehr. Vielleicht sind es auch nur die Magennerven, du weisst ja. Ich bräuchte dringend ein paar Tage Urlaub, es wird mir langsam alles etwas zu viel. Wir könnten vielleicht nächstes Wochenende schnell mal einen Abstecher nach Rom machen? Du warst ja noch nie dort. Ich könnte am Freitagnachmittag in der Niederlassung beim Kolosseum in der Via di Fori Imperiali rasch reinschauen, und so das Nützliche mit dem Schönen sinnvoll zu verbinden, ja?“

Tanja blühte sichtlich auf, fand die Idee fabulös und freute sich einfach wie ein Teeny. Beim Kaffee aber versank Carl wieder mehr und mehr in einen lethargischen, unzugänglichen Zustand. Zwischendurch schaute er verstohlen auf die Uhr. Dunkelheit überlagerte langsam schwindendes Tageslicht. Carl wurde unruhiger. Nach einem tiefen Durchschnaufer meinte er unvermittelt:

„Ja dann mach ich mich mal auf den Weg!“

Tanja schaute ihn verwundert an:

„Aber Carl, ist es nicht noch arg früh?“

Dieser aber ging nicht auf den Einwand ein. Mit einem Dankeskuss verabschiedete er sich, entschuldigte sich zum wiederholten Male und gab vor, heute einfach nicht auf der Höhe zu sein:

„Ich werde so um zwei zu hause sein, suche mich aber bitte ja nicht übers Handy!“

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
320 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783033046368
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Telif hakkı:
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