Kitabı oku: «Gefährliche Geschäfte», sayfa 4
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Carl fuhr aufgewühlt und ziellos durch die nähere Umgebung, und suchte sich einen diskreten Platz, wo er ungestört seinem Gedankenchaos nachhängen konnte. Von Minute zu Minute ergriff die innere Unruhe von ihm mehr und mehr Besitz. Seine zittrigen Hände wurden zusehends schweissnass. Die Zeit trödelte endlos. Von der benachbarten Turmuhr schlug es behäbig elf, dann endlich zwölf.
Carl hielt sich krampfhaft zurück, um dann um halb eins endlich an den vereinbarten Platz zu fahren. Der Wald schien jegliches Licht zu schlucken. Es war still geworden, sogar der leichte Nachtwind war eingeschlafen. Nur die Grillen zirpten ihr eintöniges Lied der Paarung. Carl parkte erstmal in einer kleinen Strassenausbuchtung.
„Da! War da was?“ Carls Nerven flatterten. Ein weisses Licht funkelte durch den Wald, züngelte mal in diese, mal in jene Richtung. Schweiss trat auf seine Stirn. Mit aufheulendem Motor bog ein Cabriolet mit winkenden und kreischenden Partygängern um die Ecke. Der grollende Bass der Hightechanlage machte bumbumbumbum. Sekunden später schluckte der Wald Licht und Bass. Vorbei der Spuk. Kühle senkte sich herab.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er noch immer zehn Minuten zu früh war. Schon beim blossen Gedanken an das Kommende wurden seine Hände feuchter und so klamm wie bei einem Primaner, der sein erstes Date mit der Dame seines Herzens hat. Er fuhr jetzt noch ein Stückchen weiter bis zur vereinbarten Stelle und parkte. Die offenen Fenster brachten wenigstens etwas Kühlung auf die schweissglänzende Stirn.
„Tock, tock, tock!“, klopfte es urplötzlich aufs Autodach. Jedenfalls glaubte Carl, dies so zu hören, und krampfte sich instinktiv zusammen. Mit eingezogenem Kopf äugte er wie ein verängstigtes Reh hektisch nach allen Seiten. Er konnte niemanden sehen, auch nicht im Rückspiegel. Zögerlich öffnete er die Tür und zog den Schlüssel ab.
Mit einem heftigen Ruck stand er dann endgültig mit beiden Beinen auf der Strasse. Und wäre beinahe einem Schreikrampf verfallen: Da, links vor ihm, fünf sechs Meter im Gebüsch, schwebten drei Kreaturen mit unbewegtem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen vor der Brust.
Haben die schon lange auf mich gewartet? Mich womöglich im Wagen beobachtet? Allenfalls gelächelt ob meiner Nervosität und Angst?
Carl stand da mit geweiteten Augen und zur Salzsäule erstarrt. Da löste sich eins der Wesen langsam aus der Gruppe und schwebte bis auf zwei Meter an ihn heran.
Carl konnte gerade noch einen Aufschrei unterdrücken. Seine Hirnwindungen begannen nun ohne sein zutun zu arbeiten: Alte, längst vergessen geglaubte Erinnerungen nahmen Gestalt an, und drehten sich vor seinem inneren Auge wie ein dreidimensionales PC-Programm. Erfahrungen wurden wie schwere Steine aus klebrigem Matsch ausgegraben. Und ein Gefühl war dies! Wie wenn ausverkaufswütige Hausfrauen ein kunterbuntes Angebot mit gierigen Händen nach fehlerhaften Stellen abtasten würden.
Offenbar hatte die Kreatur jetzt gefunden, wonach sie suchte, und das Gehirn fiel wie ein nasser Lappen in die Hirnschale zurück. In Carl stiegen jetzt zwingende Gefühle auf, irgendwohin gehen zu müssen. Richtig kombiniert. Auch zwei der Kreaturen schwebten zügig Richtung naher Waldlichtung. Die Dritte, vielleicht als Nachhut gedacht, liess Carl gleichzeitig merken, dass eine plötzliche Flucht im Keine erstickt würde.
Die Waldlichtung war mit niederen Gehölz und allerlei Dornenzeug bewachsen, das sich im Dunkel nicht näher erkennen liess. Geschätzte hundert Meter mass der fast kreisrunde Platz. Der klare Sternenhimmel schien heute geheimnisvoll kalt und abweisend beleuchtet. Ihm war, als sei die Temperatur um zehn Grad gefallen. In diesem Moment zog ein Meteoritenschwarm seine Bahn durchs Firmament: Ein wahres Schauspiel dieser Sommernacht. Carl hätte einen Wunsch frei gehabt, aber heute stand ihm nicht der Sinn danach.
Eine innere Stimme gebot ihm, dass er anhalten solle. Die drei Grausigen gruppierten sich jetzt eng um ihn. Carl hätte ihnen um nichts in der Welt in diese Augen sehen können, und richtete deshalb seinen Blick starr zu Boden. Kalte Schauerwellen schossen über seinen Rücken, und stellten auch die feinsten Härchen zu Berge. Ein unangenehmes Kribbeln bemächtigte sich jetzt des ganzen Körpers, ähnlich einem Ameisenlaufen. Auch machte sich ein unangenehmer Druck im Innenohr bemerkbar und liess ihn leer schlucken. Vor seinen Augen drehten sich langsam rote Feuerräder, die immer schneller wirbelten. Die Umgebung geriet zur trüben und wankenden Angelegenheit. Ihm wurde speiübel, und er lief Gefahr, ohnmächtig zu werden.
Ein Gefühl wie ein Kurzsichtiger mit Brillengläsern aus Flaschenböden, ging es ihm noch durch den Kopf, dann ward nur noch Dunkelheit. Das Nächste, an was er sich erinnerte, war ein kubischer Raum ohne sichtbare Öffnungen. In der Mitte stand eine Art Salontisch mit vier ergonomisch futuristischen Sesseln. Der Raum war in kaltes, blauweisses Licht getaucht. Die direkte Lichtquelle konnte er dennoch nicht ausmachen. Es war einfach hell im fensterlosen Raum. Der Fussboden fühlte sich an wie ein Industrieboden aus anthrazitfarbigem Kunststoff. Die Wände in hellem, metallfarbigen Grau gehalten und die Decke in Weiss. Alles machte einen zweckmässigen, aber schmucklosen und kalten Eindruck.
Carl bemerkte im Augenwinkel zwei dieser Kreaturen. Die hatten kurz zuvor mit Bestimmtheit noch nicht hiergestanden, dessen war er sich sicher. Er unterdrückte aufsteigende Panik, und atmete rhythmisch tief ein und aus. Diese Ungeheuer, oder was immer sie waren, schwebten in stoischer Ruhe zu den Sesseln und setzten sich. Carl beschlich das Gefühl, dass sie nicht den geringsten Druck auf die Sesselpolster ausübten:
Sind diese schwerelos? So, als ob sie sich weltlicher Physik nicht beugen müssten?
Carl gab seinem Drängen im Kopf wieder nach, und setzte sich umständlich auf die äusserste Kante des Sessels. Die Wesen schauten ihm jetzt lange Zeit ernst und unbeweglich in die Augen.
Die saugen mich tatsächlich in sich hinein. Herrje, wie mit Röntgenaugen sezieren sie mich. Und lesen zusätzlich meine innersten Geheimnisse? dachte er mehr verwundert als erschreckt. Übergangslos wurde er von Unbehagen befallen.
Wenn ich mich nicht irrte, sollte ich jetzt sprechen. Aber was wollen sie hören?
Carl hatte einen so staubtrockenen Hals, dass er sich zuerst ganz vorsichtig räuspern musste, um festzustellen, ob er überhaupt sprechen konnte. Auf dem Tisch bildete sich nach einem kurzen Flimmern ein Glas aus dem Nichts. Darin war offensichtlich Wasser.
Als ob man nur daran denken müsse, und schon ist es Realität? ging ihm durch den Sinn. Wahnsinnsvorstellung. Dankbar nahm er einen Schluck. Wasser war ihm übrigens noch nie so köstlich und würzig vorgekommen wie heute.
„Ja was wollt ihr denn von mir hören? Wo bin ich hier, und was habt ihr mit mir vor?“ versuchte er mit fester Stimme zu sprechen, und schaute verwirrt von einem zu andern. Zu seiner Verblüffung entgegnete das Wesen ihm gegenüber in gut verständlicher Erdensprache, und ohne den geringsten Akzent einer Roboterstimme:
„Willkommen in unserer Welt, die anders ist als die eure. Wir möchten ein Geschäft mit euch Erdlingen machen. Du bist einer unter vielen Erwählten, die uns dienlich sein werden.“
Jetzt aber blieb Carl das Maul offen, und ein ihm unbekannter Trotz regte sich in ihm:
„Halt halt! Warum ausgerechnet ich? Ich bin weder Naturwissenschaftler noch Mathematiker oder sonstiger Sachverständiger auf dem Gebiet ausserirdischer Intelligenz. Seid ihr denn überhaupt sicher, den Richtigen geschnappt zu haben? Lasst mich bloss in Frieden mit eurem Geschäft!“
Nach diesem Schwall emotionsgeladener, herausgeschleuderter Wörter und ohnmächtigem Gefühl noch nicht ausgesprochener Worte fühlte er zu seinem noch grösseren Ärger, dass das Wesen rechts sich offenbar heillos belustigt fühlte. Nach einer kleinen Pause nahm das andere Wesen links wieder den Dialog auf:
„Nein, wo denkst du denn hin? Eure Wissenschaft, was sollen wir damit? Diese haben wir seit Jahrhunderten. Wir möchten dir bloss ein Geschäft vorschlagen. Ein ganz normales Geschäft, wie es bei euch so üblich ist, und dir überdies bedeutende Vorteile bringen kann“, meinte die linke Seite geschäftstüchtig, wie sie offenbar war. Jetzt aber wollte Carl gar nichts mehr begreifen.
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Carl wurde knapp im Rahmen des Nötigen aufgeklärt. Nachdem er sich später auf der Waldlichtung wiedergefunden hatte, musste er all dies zuerst in Ruhe verdauen:
Keinen Schimmer mehr, wann und wer das Gespräch beendet hatte. Irgendwann hat mein Gehirn zu denken aufgehört. Ja und wie bin ich auf den Waldboden gekommen? Habe ich dieses letztendlich nur geträumt?
Und um diese Gewissheit zu erlangen, kniff er sich fest in den Arm. Ja, jetzt konnte er den Schmerz deutlich spüren. Aber endgültige Gewissheit hatte er deswegen nicht. In wenigen hundert Schritten war er bei seinem Wagen und stieg ein. Er schloss erstmal erschöpft die Augen. In seinem Kopf herrschte das reinste Affentheater. Dass solches ihm, gerade ihm widerfahren musste. Es war nie seine Art, sich um heldenhafte Taten zu reissen. Offenbar war er für diese Wesen so eine Art Schlüsselfigur, aber ohne irgendwelche Entscheidungskompetenzen. Eigentlich nicht mehr als eine Gallionsfigur, die man benutzt und später wegwirft. Ja Carl war richtig unwohl beim Gedanken, dass diese ausserirdische Macht Diamanten und Aluminium braucht, und er dies einfädeln soll. Carl stöhnte auf:
Und dann diese Mengen! Teillieferungen, haben sie gesagt. Während Jahren. Aber ich werde wohl gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, was bleibt mir anderes übrig? Bei näherer Betrachtungsweise zeigt das Geschäft aber auch faszinierende Seiten. Sie versprachen mir zwei Dinge als Gegenleistung:
Erstens, das Geheimnis der Teleportation. Sie soll den Transport aller Güter ohne zeitliche Verzögerung von A nach B ermöglichen. Entsprechende Transportlizenzen können von Logistikunternehmen und weiteren Interessenten über ihn gekauft werden. So refinanziere ich den Kauf der Rohstoffe an der Börse. Ja und Transportwege würde es in Zukunft auch keine mehr brauchen. Zurückgebaut gäbe dies enormen Raum für neue Ideen. Mehr Parks zum Flanieren in Städten, mehr Platz für die Landwirtschaft. Ja und die Luftqualität würde um Quantensprünge besser.
Und dann wollten sie noch ein zweitens Geschenk machen, sagten sie. Die Gabe der Telepathie: Sie erlaubt eine weltumspannende, totale Kommunikation in Bild und Ton. Mit allen Menschen und ohne zeitliche Verzögerung. Nicht schlecht, muss ich sagen. Dann würden wohl störende Antennen, schädlicher Elektrosmog und unschöne Telefondrähte der Vergangenheit angehören. Und logischerweise mit ihnen auch die ganze Industrie der Kommunikationsapparate. Das Angebot lässt sich hören!
Mir persönlich würde dies sicher unermesslichen Wohlstand, Anerkennung und weltweiten Einfluss einbringen. Im Klartext: Finegood würde in der obersten Liga mitspielen, alle Fäden laufen bei mir persönlich zusammen. So würde die grösste und einflussreichste Handelsgesellschaft entstehen. Die ganze Welt wäre auf Finegood fixiert, und auf ihren Goodwill angewiesen.
Ach was rede ich da: Ich gründe noch besser meine eigene Gesellschaft, deren uneingeschränkter Chef ich selber bin. Boromeo - Enterprises. Kein „Co.“ am Schluss Ich alleine. Endlich würden Träume wahr. Und meine engsten Mitarbeiter bei Finegood nehme ich gleich in die neue Firma mit. Dieser Abramowitsch, er würde sich in den eigenen, dicken Arsch beissen vor Wut. Soll er doch diesen Scheiss in Zukunft selber machen!
Carl erschauerte bei solchen Gedankengängen. Und jetzt brannte seine Phantasie endgültig durch:
Haha, und ich, ausgerechnet ich soll der Schlüssel dazu sein? Naturgesetze der Schwerkraft werden ausser Kraft gesetzt, Physik müsste neu definiert werden. Die ganze Transportlogistik würde eingestampft da überflüssig, ja gar ein neues Weltbild würde geschaffen. Schaltstelle der ganzen Welt würde ich werden. Einen Wolkenkratzer als Bürogebäude mein Eigen nennen? Ich als Chairman zuoberst im fünfundneunzigsten Stock mit Rundumsicht auf Stadt und See?“
Danach kam aber auch wieder eine diffuse Angst auf, dem allem gar nicht gewachsen zu sein. In ernster Miene hatten ihn doch die Wesen zur totalen Geheimhaltung aufgefordert. Zuerst solle er einen Planungsablauf erarbeiten. So mit Wirst- und Best-Case–Szenarien. Den berühmten Plan B aus der Schublade nehmen können, und so weiter und so fort. Dies sollte er mit ihnen laufend absprechen, sodass, wo nötig, Schützenhilfe ihrerseits geleistet werden könnte.
Carl tauchte aus seinem Wachtraum auf und schaute auf die Uhr. Erschrocken stellte er fest, dass zwei Uhr dreissig längst vorüber war. Ein paar Minuten später war er zu Hause und kroch unter die Decke. Zuvor stellte er aber sicherheitshalber seinen Wecker, was er sonst nie tat.
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Zenaco merkte es als Erster: Der Nahrungsbrei im Kühlregal! Abgezählt bis auf die letzte Portion, und auf bestem Wege zu verderben. Das Aggregat arbeitete offenbar mangelhaft, und das Risiko war hoch, dass Keime das Produkt ungeniessbar machen.
Eclipse als Biologin setzte Proben an. Etwas später wurde die Feststellung von Zenaco bestätigt. Nun war guter Rat teuer. Nachschub konnte nicht innert nützlicher Frist organisiert werden, da die Zeitfenster der Gravitationsfelder ungünstig standen.
Eine Esskultur, wie wir Menschen sie kennen, war den Wesen von Dwan gänzlich unbekannt. Sie hielten sich stets ans Wesentliche, nämlich, dass der Organismus so optimal wie möglich versorgt werden soll. So hat keiner mit den Pfunden zu kämpfen, da Lust auf Essen schon gar nicht aufkommt. Und da es nichts zu kauen gibt, ist auch schneller gegessen. Ein Vorteil, denn die Zeit kann sinnvoller genutzt werden.
Zenaco mit seinen praktischen Ideen schlug vor, an den kommenden Tagen trotz zweifelhaftem Brei wenigstens eine halbe Portion zu essen. Unterdessen konnte man sich beratschlagen, und niemand muss deshalb Hunger leiden.
Beria beschwor in psychedelischem Singsang die allgegenwärtige, kosmische Allmacht, Lösungen bereitzustellen. Sie versicherte später, bereits in Kontakt mit verschiedenen Führern zu stehen. Alles würde sich rechtzeitig in die richtigen Bahnen bewegen, meinte sie.
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Carl fuhr ins Büro. Mit ganz neuem Elan. Locker, fröhlich, unternehmenslustig, ja fast schon eine Spur abgehoben, und wie von einem anderen Stern.
„Jetzt bricht ein neues Zeitalter an, und nur ich weiss davon“ textete er laut vor sich hin, und lachte dabei wie einer, der im Lotto gewonnen hat. Beschwingt stellte er die Musik lauter als üblich. Schnell wollte er sein Tagwerk hinter sich bringen und alles, was nur irgendwie möglich war, delegieren. Termine sollen im Kalender nach vorne, oder womöglich auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden. Auch seine Präsenz für die wiederkehrenden Tage der offenen Türen wollte er, grosszügig wie er sich in Zukunft geben wollte, dem Medienverantwortlichen Ernesto Koller abtreten.
„Soll der sich doch selbst mit diesem hochnäsigen und herablassenden, neureichen Pack herumschlagen!“ fauchte er. Er hörte im Geiste schon, wie Koller nörgeln würde:
Carl, Sie kommen mir neuerdings so umtriebig vor. Das schätze ich. Ich finde es toll, dass Sie die Mahnung des Chefs endlich ernst nehmen, und ein Konzept für unsere Probleme ausarbeiten. Gehen Sie aber mit unserm besprochenen Budget sparsam um. Ich sehe es ungern, wenn fremdes Geld von Mitarbeitern sorglos verschleudert wird. Er sah ihn in Gedanken dahin humpeln, den alten, viel zu dicken Mann mit den hängenden Hamsterbacken. Wie er alleweil mit verschränkten Händen auf dem Rücken leise das bekannte Kinderliedchen pfeift: Ach wie gut dass niemand weiss, dass Koller es schon lange weiss. Einer, der eigentlich schon vor zehn Jahren hätte pensioniert werden sollen. Aber wenn man eben keine Hobbys hat, bleibt einem im Alter nur die Arbeit.
„Huch, zum Teufel mit dir, du alter Satansbraten!“ lachte Carl, und schlug mit der flachen Hand aufs Steuerrad. Und zur Unterstützung seiner Verachtung und seines momentanen Hochgefühls zeigte er dem nächstbesten Auto den Stinkefinger.
„Ihr könnt mich alle mal! Jetzt hab ich mein eigenes Geschäftsmodel, nur wisst ihr alle nichts davon, ihr Elenden in den Niederungen. Aber das wird schon noch.“
Später im Büro liess er seine Sekretärin vom Vorzimmer kommen:
„Bitte Carry, seinen Sie so lieb und stornieren Sie alle unwichtigen Termine von dieser und nächster Woche. Interne Besprechungen und auswärtige Geschäftskunden ebenso wie telefonische Anfragen. Halten Sie mir einfach den Rücken frei, so gut es eben möglich ist. Erstellen Sie anschliessend einen Plan, wer mich wann und wo vertreten kann. Kriegen Sie das bis Mittag hin?“
Carry nickte diensteifrig, meinte aber doch neugierig:
„Aber gewiss doch, Mister Boromeo, äh, ich meine Carl!“ Sie errötete dabei leicht. Dieser hatte ihr gestern angeboten, ihn doch beim Vornamen zu nennen, da sie ja eh schon seit Jahren eng miteinander zusammenarbeiteten, und auch sonst. Ach, was soll die Etikette?
„Aber wie kriegen wir die Termine von nächster Woche unter Dach und Fach? Es sind einige, die nicht mehr verschoben werden können, und ihrer persönlichen Anwesenheit bedürfen?“
„Jaja, ich kümmere mich dann schon darum. Orientieren Sie mich ad hoc, und dies bitte rechtzeitig, wenn das möglich ist, okay?“
So leicht wird einem ums Herz, wenn man Arbeit delegiert! dachte Carl im Nachhinein ganz verwundert. Er reckte die geballten Fäuste weit von sich, und gähnte herzhaft und lange.
„Na dann“, sagte er laut, „Dann wollen wir mal!“
Zuerst führte er ein ausführliches Telefonat mit James Locklear, und verabredete sich auf kommenden Samstag um neun bei ihm zuhause, da dieser alleinstehend und momentan ohne Freundin war.
Um den Mittag verabschiedete sich Carl bei seiner Sekretärin, und schob einen wichtigen Termin vor. Er setzte sich in ein nahegelegenes Restaurant in eine ruhige Ecke mit schönem Ambiente, und genoss bei einem guten Glas Wein den milden Tag. Verschiedene Dinge wollte er mit sich in gemütlicher Atmosphäre klarlegen:
Er hatte James am Telefon natürlich nicht voll einweihen können, ihm aber immerhin verraten, dass es um einen Knaller erster Güte gehe. Natürlich wollte dieser gleich alles wissen. Carl musste abwehren: Es sei rein geschäftlich, habe aber trotzdem eine private Note. Da wurden die Ohren von James natürlich länger und spitzer. Er klärte ihn wenigstens dahin auf, dass es um Aluminiumlieferungen ungeheuren Ausmasses gehe, und er einen Plan im Sinne hätte.
Carl kannte James und seine früh verstorbenen Eltern schon als Jugendlicher, die in der gleichen Stadt wohnten. Sie hatten zusammen die ersten Frauengeschichten, veranstalteten, wenn die Luft rein war, zu hause Saufgelage, und taten all dies, was Jugendliche in diesem Alter so tun. Ihre Väter kannten sich bestens vom Geschäft her, waren gegenseitig auf Besuch, und kamen aus ähnlichen, gutbürgerlichen Familienverhältnissen.
Ihm graute nur im Stillen davor, James sagen zu müssen, dass er mit Ausserirdischen Geschäfte machen wolle. James würde sicher sein feines, überlegenes Lächeln aufsetzen, die Brauen hochziehen und die Stirnrunzeln spielen lassen. Und ihn dann fragen, ob auch die Meise in seinem Kopf neu sei. Nun ja.
Des Weiteren würde es um Diamanten gehen. Ruben Stern handelte ja für Finegood seit Jahren die ganze Palette, aber diesen konnte er unmöglich einweihen. Er traute es ihm einfach nicht zu. Nicht fachlich, aber als Mensch traute er ihm nicht über den Weg. Nicht auszudenken, Stern würde bei Abramowitsch nachhaken. Dieses Theater. Rausfliegen würde er, hochkant und fristlos.
Aber vielleicht könnte James dies bei Kollega Stern einfädeln? Wäre Stern denn mit einer Erfolgsprämie zu ködern? Wenn er andererseits aber Wind bekäme, wer die wahren Abnehmer dieser Diamanten sind? Ja, nur schon die schiere Grösse des Geschäftes konnte Ängste hervorrufen. Die Sache mit Stern will also genau überlegt sein.
Dann war da auch noch der logistische Kraftakt mit dem vielen Aluminium. Wohin damit? Da konnte man ja kaum lastwagenweise Ware unbemerkt in Waldlichtungen karren?
Ein zentraler Punkt war auch noch die ganz profane Frage des Geldes: Mit Hosenknöpfen kann man wohl kaum Rohstoffe kaufen. Fehlt also noch das Geld, richtig. Aber woher nehmen? Sicher nicht von Banken, die wollen immer alles so genau wissen. Man bräuchte von irgendwoher einen ungeheuer potenten Investor?
In Carl tauchte eine vage Idee auf: Ein alter und persönlicher Kunde, Jakob Blumenstein? Ein steinreicher Erbe dieses alteingesessenen, schweizerischen Pharmaunternehmens? Ja warum denn nicht? Genau dieser Blumenstein: In der Blüte seines Lebens, und immer noch Junggeselle. Hatte noch nie etwas Sinnvolles zustande gebracht, geschweige denn etwas zum eigenen Lebensunterhalt beigetragen. Stets lebte dieser nur seinen Tagträumereien nach. Sein Fokus richtete sich einzig darauf, eines Tages ein berühmter und erfolgreicher Alchemist zu werden, der es als Erster zustande bringen würde, aus Blei Gold zu machen. In seinem Studierzimmer überquollen jedenfalls die Regale mit einschlägigem Material.
Blumenstein war Narzisst im reinsten Sinne und hatte die schlechte Eigenschaft, äusserst empfindlich auf etwelche Kritik zu reagieren. In seinem Weltbild war er der alleinige Denker und grösste Mysterienversteher, der, abseits der Allgemeinheit, die letzten Rätsel dieser Welt lösen will.
„Das ist doch genau die Sorte Mensch, die hier gebraucht wird!“ sagte Carl, erfreut über seinen schlauen Einfall und klopfte dabei mit der flachen Hand auf den Tisch:
„Unfähig, alleine etwas zustande zu bringen, gebauchpinselt, wenn man ihn braucht, und läuft zur Höchstform auf, wenn man ihn mitmachen lässt. Und als oberster Verkünder wird er der staunenden Welt dann mitteilen, dass Physik von ihm neu geschrieben wird. Genau! Geld interessiert ihn sowieso nicht, da er schon viel zu viel davon hat. Nur Anerkennung. Reiner Dank und ewige Berühmtheit. Vielleicht reicht es später gar zum Nobelpreis?“
Jetzt war Carl in seinem Element und sein Redefluss verstärkte sich:
„Ja, den will ich heute oder morgen treffen. Mit Blumenstein an Bord lassen sich die immensen Geldprobleme ohne lästige Banken lösen. Und es entspricht nicht Blumenstein, alles allzu lange zu hinterfragen. Aber die Schwäche für Lob und Anerkennung im Speziellen, die wird ich mir merken!“
Dies war heute schon sein zweites, wichtiges Telefongespräch. Sie verabredeten sich auf drei Uhr nachmittags.