Kitabı oku: «Gefährliche Geschäfte»
Adi Waser
Gefährliche Geschäfte
1. Auflage 2013
© 2013 Adi Waser
Alle Rechte vorbehalten
Widmung:
„Dieses Buch widme ich meiner Frau Jeanine, in dankbarer Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit, und meinen beiden Söhnen Mischa und Marcel, auf die ich sehr stolz bin.“
1
Dr. Otto Abramowitsch schlief erneut unruhig in dieser Nacht. Zentnerschwere Albträume raubten dem Vierundfünfzigjährigen seit Tagen den Schlaf.
Im Traum wurde einmal mehr sein in viel Glas und blauem Stahl gehaltenen Sichtbetonhaus von einem riesigen Bergsturz verwüstet. Gesteinsbrocken, so gross wie Einfamilienhäuser, donnerten wie das Jüngste Gericht mit ohrenbetäubendem Getöse zu Tal, vollführten Riesensprünge und zerstörten beim Aufprall alles. Glas splitterte mit hellem Laut, und fiel rieselnd zu Boden. Stahlträger ächzten und quietschten markerschütternd, bevor sie sich in alle Richtungen verbogen. Der Seitenarm eines Murganges schob kleinere Steine rumorend und scheppernd wie Vorposten einer Apokalypse bedrohlich von drei Seiten her ans Haus. Sein futuristisch angelegter Vorgarten mit seinen teuren Bonsai-Bäumen und rostigen Metallskulpturen wurde dabei gnadenlos Stück für Stück verschluckt.
Nur seine weit aufgerissenen, überquellenden Augen und sein Gehirn waren fähig, das Unabänderliche in sich aufzunehmen. Der Rest war wie vom Bannstrahl getroffen. Als er die Lethargie endlich überwinden konnte, versuchte er, sich im Labyrinth seines bunkerartigen Untergeschosses in Sicherheit zu bringen. Beim Laufen kam es ihm vor, als ob er zähen Leim an seinen Schuhsohlen hätte. Es nützte alles nichts, die Grundmauern wurden vom Inferno aus dem Fundament gesogen, und zurück blieb nichts als ein schwerer Mantel aus Staub und stockdicker Luft. Und eine lähmende Stille.
Schweissgebadet und nach Luft japsend, zog Abramowitsch gierig frische Luft in seine Lungen. Zitternd knipste er sein Nachtlicht an, hockte auf den Bettrand und versuchte, sich zu beruhigen.
Sein Haus lag mitten in Zürich, am Zürichberg und weitab von Bergen und Felsen, geschützt von viel Mischwald aus massigen Buchenstämmen und schlanken, hochgewachsenen Tannen.
„Was sollen die Scheissgeschichten, die ich seit einigen Nächten träume?“ Ärgerlich rieb er sich die Augen und gähnte dazu wie ein Flusspferd. Er schielte auf den Wecker und fragte sich, ob sich um fünf Uhr in der Früh ein Weiterschlafen denn noch lohnen würde.
Schon gestern litt er unter furchtbaren Träumen. Ein totenbleiches, schweigendes Gesicht tauchte aus dem Nichts auf, geboren wie aus dem Gruselkabinett. Ausdruckslos, mit übergrossen, schräggestellten Augen, lid-, wimpern- und brauenlos schaute es ihn an. Ohne auch nur eine winzige Regung zu zeigen, kroch jetzt ein Abbild des Gruselgesichts direkt in die Gedankenwelt Abramowitschs hinein. Es machte unmissverständlich klar, dass es ihm jetzt gleich sein Gehirn zur Nase herausziehen werde.
Abramowitsch brüllte, fuchtelte mit den Armen, und versuchte sich irgendwie zu wehren. Es nützte nichts. Er verlegte sich aufs Betteln. Das schweigende Gesicht starrte nur teilnahmslos durch ihn hindurch, so, als ob es ihn gar nicht realisieren würde.
Abramowitsch konnte plötzlich einen ansteigenden Druck im Kopf verspüren, der sich rasch zum rasenden und pochenden Schmerz auswuchs. Feuerräder tanzten vor seinen Augen:
„Dieses Ungeheuer will mir doch tatsächlich mein Gehirn aus der Nase ziehen? Mit reiner Gedankenkraft?“ durchschoss es ihn entsetzt. Zu spät! Stöhnend wand er sich um die eigene Achse, als er fühlte, wie seine glitschig kalten Hirnwindungen langsam durch die warme Nasenwand herunter rannen, und dann mit einem schmatzenden Geräusch in einer Schüssel liegen blieben.
Noch heute musste er sich angeekelt schütteln. Da fiel ihm auf, dass sich seit einigen Nächten seine Träume ständig um Rohstoffe und Diamanten drehten. Für seine Traumdienste wurde er vom Käufer stets im Voraus bezahlt. Sobald er aber liefern wollte, löste sich die Ware vor seinen Augen in Luft auf. In dieser Traumlandschaft geizten seine Geschäftsfreunde nicht mit Spott und Tadel, und als Geschäftsführer erntete er nur noch Kopfschütteln.
„Verdammter Alltag, der jetzt auch noch in meine Träume dringt!“ Abramowitsch liess sich in die Kissen plumpsen, schloss die Augen und seufzte. „Zum Teufel, aber damit werde ich wohl auch nicht besser schlafen können!“
Und den Schlaf, den hatte er doch bitter nötig, denn erst gestern hatte seine Sekretärin ihn im Vertrauen gefragt, ob er krank sei. Später, vor dem Spiegel des Toilettenraums, entdeckte er erstmals die dunkeln Ringe und Augensäcke. Sogar seine Sommersprossen schienen blass und kraftlos.
Und obendrein spottete ein Geschäftsfreund, dass vermutlich kurze Nächte mit viel Champagner und teuren Zigarren dahinterstecken. Vielleicht aber, wer weiss, habe es auch mit einer neuen Tussi zu tun? Ausgerechnet er, der Alkohol und Tabak verabscheute und endlich wieder glücklicher Junggeselle war.
Abramowitsch teilte unter seinen Mitmenschen gerne verbal aus. Er konnte aber auch so einiges einstecken, denn eine Mimose war er wahrlich nicht. Von seinem Stiernacken bis zum breiten Kreuz hatte er im Verlaufe seines Lebens im übertragenen Sinne ein dickes Fell bekommen. Stur und uneinsichtig versuchte er, allen seinen Stempel aufzudrücken. Bei einigen eckte er derart an, dass es zu Verpuffungen oder sogar zu ausgewachsenen Explosionen kam. Aber auch dies konnte seiner Karriere keinen Abbruch tun.
Nur bei Spott, da brannten ihm die Sicherungen durch. Da fühlte er sich missverstanden und gekränkt, was eigentlich überhaupt nicht zu seiner massigen Gestalt passte. Mit Untergebenen oder Menschen, mit denen er nichts zu tun haben wollte, fiel er im Gespräch durch ungehobelte Redensweise und unziemliches Benehmens auf. Er war aber keineswegs ein ungebildeter Mensch, wie es oft den Anschein hatte. Aber er trat einfach in jeden unnötigen Fettnapf, der auch nur in Sichtweite war.
2
Seltsames tat sich an jenem Morgen an der ältesten Diamantenbörse Antwerpens, der „Beurs voor“, an der Pelicanstraat 78. Wie viele Handelsgesellschaften war dort auch De Beers als weltgrösste Diamantengesellschaft vertreten. Ihre Interessen nahmen seit vielen Jahren unter anderen der jüdische Händler Ruben Stern erfolgreich war.
Wie alle Tage sass Stern auch heute wieder an der Börse. Stern kratzte sich den Schädel, rieb sich die Augen und starrte weiter auf den Monitor. Seit Stunden schon zuckelte der Lospreis für eine gewisse Reinheitsklasse kontinuierlich in eine ihm unerklärliche Baisse.
„Das wird sich sicher erklären lassen“, sinnierte er, den Kopf räuspernd auf beide Hände gestützt, fand aber keinen stichhaltigen Grund. Jedenfalls keinen, der ihm die grosse Erleuchtung brachte.
Grosse, eigene Aufkäufe vermochten die Baisse nicht zu stoppen. Tiefes Durchatmen machte die Sache auch nicht besser. Und nichts, aber auch gar nichts wollte sich an jenem Morgen bewegen.
Dabei war Stern bei Gott keiner, der sich mit über zwanzig Jahren Berufserfahrung so rasch ins Bockshorn jagen liess. Tief seufzte er auf, und streckte gleichzeitig die verkrampften Glieder:
„Damit verbreite ich bei De Beers sicher keine eitle Freude! Wie im Tollhaus wird es dort nächstens zugehen. Eigene Klienten werden mich telefonisch bis tief in die Nacht hinein bestürmen, werden jammern und sich notfalls gar aufs betteln besinnen. Als ob ich denn ein Auskunftsbüro, oder gar ein Prognosen-Institut mit Garantieabgabe wäre“, murrte er.
Ja, dieser Morgen war wahrlich nicht nach dem Geschmack von Ruben Stern, er roch förmlich schon das kommende Ungemach.
Stern war ein traditionell geprägter Jude mit allem drum und dran, was halt so dazu gehört: Ein naturbelassener, wilder Vollbart, den Kopf stets mit Hut bedeckt und den empfohlenen langen Schläfenlocken. So, und mit korrekt geknüpftem Mantel trat er gemessenen Schrittes seinen Mitmenschen entgegen. Dabei blickte er ernst und würdevoll durch seine spiegelnde Nickelbrille, die ihm ein gewisses intellektuelles Aussehen verlieh. Auch innere Werte legte er gerne an den Tag: Das freundliche Nachfragen bei den Nachbarn. Der regelmässige Besuch in seiner Synagoge. Das anschliessende Gespräch mit Glaubensbrüdern. Die hilfreiche Suche nach einer geeigneten Arbeit für den jungen Raphael. Ein heisser Börsentipp für Herrn Goldmann. Ja, man wollte allen, und Jahwe im Besonderen, stets zu Diensten sein. Wer wusste denn schon, wann einem das letzte Stündlein blühte?
Stern wohnte seit Kindsbeinen an mitten in Antwerpen, an der Rijfstraat im Joodse Buurt, dem jüdischen Viertel, das eingesäumt mit achtunddreissig Synagogen und unweit der Schelde liegt, die seit Urzeiten als Nabel zur Welt gilt.
Seine Eltern hatten ihm das praktische Altstadthaus nach ihrem Tode vererbt, wohl in der Hoffnung, dass er hier traditionell eine weitere Familie gründen und Geschlecht und Handwerk der Sterns weiter erhalten würde.
Geheiratet im eigentlichen Sinne hat Stern zu seinem Leidwesen nie. Er war sich dieser Unvollkommenheit stets bewusst und klagte gelegentlich zu Jahwe. Geheiratet, aber im übertragenen Sinne, hatte Ruben Stern nämlich nur seinen Beruf, den er als eingetragener und lizenzierter Diamantenhändler der Gilde nach deren allgemein verbindlichen Richtlinien und moralischen Grundsätzen pflichtgetreu betrieb. In diesem erlauchten Kreis haben seit Jahrhunderten fast nur Händler jüdischen Ursprungs Zugang. Sozusagen vom Vater auf den Sohn vererbt. Andere, nichtjüdische Händler hatten praktisch keine Chance, in dieser abgeschotteten Gilde Fuss zu fassen.
Antwerpen ist alte Stadt mit viel Kunst- und Traditionsbewusstsein. Spätestens seit den Fünfzigerjahren ist sie zudem Dreh- und Angelpunkt des weltweiten Diamantenhandels. Alleine hier sind vier der neunundzwanzig Diamantenbörsen weltweit angesiedelt. Ruben Stern gehörte den „Beurs voor“ Händlern an, der ältesten Gilde in Antwerpen, und war einer der dreitausend lizenzierten Händler weltweit. Jedes Jahr werden für dreizehn Milliarden Dollar Rohdiamanten geschürft und zwanzig Milliarden Dollar an der Börse umgesetzt. Die Stadt verdankt ihren Reichtum und Bekanntheitsgrad seit Jahrhunderten zum grossen Teil diesem Diamantenhandel und den andienenden Geschäften und Schleifereien, Goldschmieden, Schmuckdesignern sowie unzähligen Zulieferbetrieben.
Ruben Stern wich in punkto Essen auch niemals nur ein Jota von den Glaubensauslegungen der Thora ab. Ja koscher hat halt koscher zu bleiben, und da gibt es eben nur eine Auslegung, nämlich die des Rabbi. Und so konsultierte er in seinem Bezirk denn auch fleissig den einflussreichsten Rabbi Abraham Malinsky, um so stets auf der sicheren Seite zu sein.
Auch geschäftlich lief es bei Stern ausserordentlich gut. Er konnte sich denn auch alle Annehmlichkeiten und Extravaganzen des Lebens erlauben. Für diesen Luxus schuftete er wie ein Irrer an der Börse und bis spät in die Nacht hinein bei sich zu Hause, um optimale Kundenlösungen auszutüfteln.
Heute vor dem Zubettgehen ging ihm durch den Kopf, ob er wohl dieses oder erst nächstes Wochenende nach New York fliegen sollte. Seinen ehemaligen Schulkollegen wollte er treffen, von dem er seit Abitur nichts mehr gehört hatte. Sie hatten sich vor einiger Zeit auf einer Internetplattform bei einem Chat per absoluten Zufall virtuell wieder getroffen. Sie beschlossen, dies nächstens ein wenig zu feiern, und dass Ruben als Erster über den grossen Teich reisen soll. In Vorfreude des Wiedersehens überlegte sich Ruben angestrengt, mit welchem Überraschungsgeschenk er den Kameraden beeindrucken konnte.
„Soll es eine besondere Schweizeruhr oder vielleicht doch lieber ein kleiner Brillantring sein? Es muss ja kein allzu grosser sein, ach nein ach nein! Solch profane Entscheidungen, ach herrje und Jahwe sei dank, muss ich nicht jeden Tag fällen. Oder würde er sich über eine Uhr wohl eher freuen? Uhr oder Ring, oder Ring und Uhr? Ach, ich weiss es einfach nicht.“
Die Gnade des Schlafes übermannte ihn endlich. Ruben schlummerte unruhig. Fetzen seiner täglichen Gedankengänge verfolgten ihn wie Rauchschwaden. Er träumte von ungeheuren Mengen Diamanten, die er an der Börse kaufen müsse. Diesen Auftrag sollte er wieder und wieder ausführen, stets auf Geheiss eines mysteriösen Kunden. Zwischendurch mischte sich das Gesicht von Chaim ins Bild, der ihn ernst und fordernd fixierte:
„Und wage ja nicht dich zu sträuben, du wirst fürstlich bezahlt werden!“, schien ihm das Gesicht von Chaim mit unbewegtem Mund suggerieren zu wollen.
„Du wirst als führender Diamantenhändler in Europa in ungeahnte Sphären hochsteigen!“, und: „Man wird dich, Ruben, auch auf der andern Seite der Weltkugel achten und respektieren. Auf allen Kongressen der Welt wird in Zukunft deine Meinung gefragt sein!“
Stern ächzte und stöhnte im Bett, wand sich von einer auf die andere Seite. Die Zentnerlast auf Brust und Magen wollte und wollte nicht weichen. Und obenauf hockte Chaim, rittlings und mit stattlichem Gewicht, und lachte und lachte mit schallendem, hohlen Echo, und hopste auf ihm auf und nieder und auf und nieder. Wie auf einem Schaukelpferd.
Schweissgebadet erwachte Ruben Stern am frühen Morgen. Stern war schon immer ein schlechter Schläfer. Er hatte sich deshalb angewöhnt, in einem kleinen Nebenraum, seiner Bibliothek wie er dieses Zimmer zu nennen pflegte, zu lesen. Die Kammer war aber beileibe nichts Grossartiges, sie war reichlich heruntergekommen und hätte einen Anstrich bitter nötig gehabt. Der Teppich war löchrig wie ein Schweizerkäse und die Gardinen grau, wie der kommende Winter wohl wieder werden würde.
Für Stern jedoch tat die Kammer ihren Dienst. Vor allem im Winter, da dieser Raum mit kleinem Fenster das am besten beheizte Zimmer im ganzen Haus war und er hier seine chronisch kalten Füsse wärmen konnte. Lesen, das wollte er auch heute, denn, so glaubte er, an Schlaf war eh nicht mehr zu denken.
3
Carl Boromeo erwachte bei anbrechender Morgendämmerung eigentlich wie jeden Tag. Nämlich früh. Die Nacht wollte auch heute nicht abkühlen, es war wieder eine der von ihm so gefürchteten, schwülen Tropennächte und weiss Gott stickig im Raum. Bei geöffnetem Fenster störte ihn nämlich der nächtliche und vor allem morgendliche Berufsverkehr. Ein nicht enden wollender Moloch von Fahrzeugen, deren Besitzer irgendwohin fuhren, wälzte sich durch schlaftrunkene Strassen.
Carl fing an, sich wieder über den langsam anschwellenden Verkehr zu ärgern:
„Da drängt sich einmal mehr die Frage auf, ob die Entscheidung damals richtig war, dieses Haus als Schnäppchen zu kaufen“, sinnierte Carl stirnrunzelnd und noch im Halbschlaf.
Unruhig wälzte er sich hin und her, zerpflügte seine Laken, unfähig, nochmals in einen milden Dämmerschlaf zu fallen. Dies ganz im Gegensatz zu Tanja, die so was so richtig zelebrieren konnte. Sie pflegte sich dann jeweils wie eine Katze zu strecken, gähnte zwei- dreimal herzhaft hintereinander, liess gar ein zufriedenes Stöhnen von sich und konnte ein paar Sekunden später wieder in Tiefschlaf fallen.
Carl war seit vielen Jahren Unternehmensberater bei Finegood & Co Ldt. in der Niederlassung Zürich. Die Firma war ein weltweit gut eingeführtes Unternehmen im Diamant- und Rohstoffhandelsgeschäft und genoss allgemein ein gutes Renommee. Mit seinen achtunddreissig Jahren war er seiner Meinung nach auf dem Zenit der beruflichen Laufbahn.
„Weitere Herausforderungen, wie etwa der Aufkauf eines grossen Mitbewerbers oder die Neustrukturierung aller Niederlassungen bleiben mir doch hoffentlich erspart! Einfach in Ruhe noch bis zur fernen Pension eine ruhige Kugel schieben, immer gutes Mittelmass liefern, einfach mitten im Mainstream bleiben. Jaja.“
Wieder verdrehte er sich in den Laken, um vermeintlich besser zu liegen.
„Heute steht doch eine wichtige Sitzung an? Verdammt nochmal, diese Sitzung!“
Carl rieb sich zum x-ten Mal die Augen. Vor sechs Uhr hielt er es nicht mehr aus. Es war wie ein Fluch: Weder am Wochenende noch im Urlaub war er imstande, einen gepflegten Morgenschlaf zu halten. Tanja zog ihn deswegen immer wieder auf.
Auf Zehenspitzen verliess er behutsam das Bett, peinlich besorgt, seine Frau nicht zu stören. Er schlich zur Tür, so grazil wie nur Pink Panther es konnte, und schnappte sich den Morgenmantel. Um seinen sportlich schlanken und gebräunten Körper schmiegte sich jetzt ein seidener, buntbedruckter Kimono. Das Mitbringsel eines Kunden aus Okayama. Aus alten Tagen. In seiner linken Tasche fischte er nach einer Schachtel Zigaretten, während die rechte Hand dem Feuerzeug neues Leben einhauchte. Mit zurückgelegtem Kopf inhalierte er hörbar zufrieden den ersten Zug.
„Das Teufelszeug schmeckt mir auch nach zwanzig Jahren noch“, meinte er mehr als Selbstbestätigung, denn als Tatsache.
„Als chronischer Raucher hat man es heutzutage aber schwer. Überall wird man diskriminiert. Dabei stank vor hundert Jahren jeder nach Kuhmist. Gebadet wurde auch nicht. Und jeder fand es normal.“
Abgewöhnen wollte er sich das Rauchen partout nicht, er war ein selbsternannter Geniesser und absolut kein Süchtiger. Nein. Auch Bedenken und Einwände seines Arztes konnten ihn nicht dazu bewegen, sowenig wie Tanjas periodische Tiraden, wenn es wieder einmal auf dem Örtchen stank. Und zwar nach Qualm.
„Nein, süchtig bin ich nicht. Das wäre doch gelacht, ich und süchtig, haha! Meine tägliche Ration habe ich allemal im Griff. Und das bisschen Raucherhusten bekämpfe ich morgens mit einem Hub aus der Inhalationsdose. Seit Jahren. Dies bringt meine Bronchien auf Zack und ich bin wieder so gut wie neu!“
Stehend gönnte er sich aus dem Kühlschrank einen kräftigen Schluck Orangensaft direkt ab Tüte. Im bequemen TV-Sessel schaltete er den Flachbildschirm ein, eher als Gewohnheit, denn aus Interesse, während sich in der Küche ein köstlicher Duft von frisch gebrühtem Kaffee ausbreitete.
„Meine Magennerven biegen sich heute wieder einmal wie gequälte Regenwürmer.“ Carl machte einen entsprechenden Gesichtsausdruck und brummelte vor sich hin:
„Jaja, ich weiss, dass ich dies mit dem eiskalten O-Saft besser bleiben lasse. Wenn sich der Magen aber nicht bald beruhigt, muss ich wohl wieder eine Wundertablette von Dr. Sommer einwerfen.“
Nach einem weiteren Schluck Kaffee und einer zweiten Zigarette tauchte er ab in seine ureigene Gedankenwelt. Sein Chef hier in Zürich, Dr. Otto Abramowitsch, hatte ihm gestern höchstpersönlich wieder Vorhaltungen gemacht und griesgrämig gemeint:
„Es hätte mehr aus diesem Südamerika Geschäft herausschauen können. Wenn es nur gründlicher abgeklärt worden wäre, und Sie strategisch zur Abwechslung mal ihr Gehirn eingeschaltet hätten, Boromeo, dann würden wir alle nicht mit abgesägten Hosen dastehen!“
Dieser elende Trottel! Hatte er nicht selber darauf bestanden, dass die Sache im Eilzugstempo durchgepeitscht werden müsse?
„Der Preis ist heiss“, hatte ihm Abramowitsch mit dieser abgedroschenen Phrase erklärt. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Wieder so einer seiner selbst erfundenen Lieblingssprüche, oder war letzterer doch von Michail Gorbatschow? Die möglichen Trittbrettfahrer dieses ach so wichtigen Scheisskunden konnten so ja nicht genügend lange beackert werden. Es war schlicht keine Zeit! Mir, ausgerechnet mir als langjährigen Unternehmensberater deswegen Vorhaltungen zu machen. Dabei bin ich seit bald zehn Jahren in der Firma und kenne mein Metier wie kein Zweiter.“
Dieser Abramowitsch! Er schäumte, wenn er nur an den Namen dachte. Er hatte ihn noch nie gemocht, diesen Emporkömmling, diesen Ellbögler und neureichen Pingel. Carl nahm noch einen letzten Zug und drückte mit spitzen Fingern die Kippe aus.
„Vor meine Nase haben sie ihn gesetzt. Eigentlich hätte ich nach diesem Personalentscheid postwendend kündigen müssen. Jawohl. Stattdessen habe ich mir eingeredet, dass eine Flucht nach vorne hilfreich wäre. Mich noch tiefer in lohnenswerte Projekte hineinbohren, Überstunden machen, ja zeigen wollte ich es allen. Heute ödet mich das Ganze an!“
Ein sibyllisches Lächeln huschte jäh über sein Gesicht: „Es wird sich ein Weg auftun, es ihm richtig heimzuzahlen! Wie heisst es so schön: Kommt Zeit, kommt Rat.“
Carl fuhr aus seinen Tagträumen hoch, sein SmartPhone meldete sich mit giftelndem Ton. Er konnte sich noch immer nicht mit dem bohrenden, fordernden Ton anfreunden. Hatte es immer wieder verschoben, sich einen milderen, beruhigenden Ton herunterzuladen. Mit beiden Händen fuhr er sich durch die schwarzen Haare und blickte stirnrunzelnd auf seine Uhr.
„Was um Teufels Willen will jemand um diese Uhrzeit?“
Er taumelte Richtung Küche und schnappte sich den mobilen Übeltäter. Auf dem blinkenden Display erkannte er das Konterfei seiner Sekretärin Carry March.
„Hallo Carry, was gibt’s denn um diese Uhrzeit? Haben Sie schlecht geschlafen, oder sind Sie schon vom Ausgang zurück?“
Die vergnügte, leicht rauchige Stimme seiner Sekretärin drang an sein Ohr und liess endgültig seinen Ärger verfliegen.
„Hahaha, Sie sind gut, Mister Boromeo! Zuerst möchte ich Ihnen einen wunderschönen guten Morgen wünschen. Und seien Sie am frühen Morgen nicht so sarkastisch, die Sonne scheint uns mild auf den Kopf, und alles ist in Butter. Und nein, Sir, ich bin bereits im Büro, da ich abends zeitig weg muss. Und ja, Sir, ich habe gut geschlafen und deshalb nicht von Ihnen geträumt. Aber warum ich Sie so früh störe, Sir: Soeben erreicht mich eine Mail von Dr. Abramowitsch, der mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, dass er Sie unverzüglich in seinem Büro zu sprechen wünsche. Und es sei äusserst dringend“, meinte sie in warnendem Ton.
„Jaja, da habe ich wohl die Wahl“, meinte er halb zu sich. „Richten Sie ihm aus, dass ich es wohl trotz Rushhour in einer dreiviertel Stunde schaffe, vorher nicht!“
Carl stürmte fluchend ins Badezimmer und ging unter die Dusche. Der kalte Strahl tat ihm gut. Die Lebensgeister kehrten zurück und vertrieben die dunklen Gedanken. Und Tanja, ganz Hausfrau, hatte seit je die angenehme Angewohnheit, ihm täglich neue Unterkleider, Hose, Hemd und Krawatte bereitzulegen.
„Tanja Mäuschen, ich muss schnellstmöglich in die Firma. Sehe Dich dann am Abend.“
Tanja dreht sich dem Ruhestörer prustend zu und blinzelte ihn an: „Was ist los am Abend?“
„Sehe dich am Abend, Schatz, ich muss jetzt aber wirklich los“, meinte Carl ungeduldig und schloss die Tür hinter sich. Lauter als er beabsichtigte und ihm lieb war.
Auf dem Weg in die angebaute Garage schnappte er sich noch schnell den Aktenkoffer. Da wurde ihm erst bewusst, dass er nicht einmal gefrühstückt, ja geschweige denn seinen Kaffee ausgetrunken hatte.
„Eine solche Scheisse, und dies am frühen Morgen!“, schimpfte er unterdrückt, und trat mit seinem Schuh nach einem unschuldigen Gegenstand auf dem Boden.
Mit seinem neu erworbenen grauen Audi A8 hatte er sich einen lang ersehnten Traum verwirklicht. Die Limousine wirkte sportlich, fuhr sich auch so und hatte trotzdem ein edles Aussehen. Das Garagentor öffnete und schloss sich automatisch. Etwas später ordnete er sich routiniert in den morgendlichen Verkehr ein.
„Was Abramowitsch wohl wieder zu meckern hat?“
Alles Mögliche geriet in seinem Gehirn durcheinander, und er hatte Mühe, sich zu konzentrieren. Carl bremste plötzlich hart hinter seinem Vordermann. Die Nebel vor seinen Augen hatten sich gelichtet. Erneut tauchte er ab und konzentrierte sich auf seinen Intimfeind, der ganz nebenbei auch sein Chef war. Abramowitsch! Sein Magen machte sich wieder bemerkbar. Carl fischte aus der Schachtel eine Pille und hoffte, dass es Ruhe geben möge. Nein, einen Reim auf den frühen Termin konnte er sich nicht machen. Hatte er womöglich einen üblen Bock geschossen? Nein, nein, ihm war nichts bewusst. Die Unsicherheit aber blieb.