Kitabı oku: «Das Erwachen der Raben», sayfa 2

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Der Dicke neben ihr stöhnte auf. Astrid schenkte ihm ein kleines Lächeln und versicherte ihm, dass die Fluglinie seit Jahren ihr Vertrauen besäße. Er hob die Schultern, lächelte verlegen und hub abermals an, auf sie einzureden. Astrid schaltete auf Durchzug bis eine Frage sie aus ihren Gedanken riss:

„Haben Sie auch Kinder?“

Astrid kräuselte die Stirn. Sie musste daran denken, wie sie den Telefonhörer in der Hand gehalten und ihre Assistentin einen jungen Mann angekündigt hatte. Der Name hatte sie kurz aus der Fassung gebracht, doch dann hatte sie gesagt, sie würde keine Zeit erübrigen können und aufgelegt. Saverio, sie kannte ihren Sohn nur von einem Foto. Aber das ging den Dicken nun wirklich nichts an.

Endlich setzte sich die Maschine in Bewegung und der Dicke umklammerte die Lehne.

„Immer ein und ausatmen, mehr braucht’s nicht“, riet ihm Astrid. Er pustete aus und atmete ein und schaute sie mit einem fragenden Blick an, ob er es richtig machte. Offensichtlich wollte er sich nicht vor einer Frau blamieren, die Klassen über ihm stand und so nett war, sich mit ihm zu unterhalten.

Als das Flugzeug abhob, stieß er einen spitzen Schrei aus, da Astrid ihn jedoch fixierte, schluckte er und litt schweigend. Nachdem das Flugzeug über den Wolken flog und die Passagiere die Gurte öffnen konnten, bekam er wieder Farbe im Gesicht.

„Das haben Sie prima gemacht“, sagte Astrid.

Der Dicke strahlte wie ein Junge, der von seiner Lehrerin gelobt worden war. Sofort fing er an zu plappern, erzählte von seinem Leben, um die Angst in den Griff zu bekommen. Nach einer Stunde schlummerte er endlich ein, da war wohl nicht nur Baldrian, sondern ein Cocktail von Pillen im Spiel gewesen.

Astrid rieb den Goldzahn zwischen ihren Fingern, der sich geschmeidig anfühlte. Sie vermisste Lopez. Sie konnte noch spüren, wie er neben ihr lag, an ihren Körper geschmiegt. Sonst durfte niemand bei ihr übernachten, doch Lopez war eine Ausnahme. Neben ihm hatte sie die Augen schließen und sofort einschlafen können.

Die Wut stieg erneut in ihr hoch. Warum hatte er das Geld gestohlen? Warum hatte er sie dazu gebracht ihn zu töten? Ausgerechnet dem Geld der Samsonow-Brüder hatte er nicht widerstehen können, als er die Gelegenheit dazu bekommen hatte. Dem Geld, das er verzockt und das Ungeziefer auf seine Fährte gelockt hatte. Dabei hatte er nur einen Koffer von A nach B bringen sollen. Es war eine mörderische Idee gewesen, einen Abstecher ins Casino einzulegen und einen Gewinn einstreichen zu wollen. Abends hatte er dann vor ihrer Tür gestanden. Die Jagd war schon längst eröffnet. Er hatte überall die Lichter ausgeschaltet, immer wieder an der Tür gehorcht, ob jemand kommt und war bei jedem Geräusch zusammengezuckt. Astrid hatte ihn vom Sessel aus beobachtet, wie er durch die Wohnung stiefelte, sich Whiskey nachschenkte und sich erst im Morgengrauen aufs Sofa setzte. Er hatte sie angeschaut und gesagt: „Ich bin ein toter Mann.“ Astrid hatte gewusst, dass er recht hatte.

Die Samsonow-Brüder hätten ihn selbst dann getötet, wenn das Geld noch vorhanden gewesen wäre. In ihren Augen war es ein Verrat. Die Samsonows waren Abschaum, der seinen Profit mit Waffen- und Menschenhandel machte. Abschaum, der seine Kinder auf Privatschulen schickte, Politiker mit Spenden beglückte und sich als Geschäftsmann von Welt präsentierte. Big Business. Sich nicht zu schade dafür, einem die Haut bei lebendigem Leibe abzuziehen. Das war durchaus wörtlich zu verstehen. Ihnen genügte es nicht zu töten, sie zelebrierten das Schlachten. Nicht aus Vergnügen, sondern nach ihren Gesetzen. Das war ihre Art, das Revier zu markieren.

Um ihre Haut zu retten, hatte Astrid Lopez in einem Rohbau versteckt und dann Spider losgeschickt. Da sie ihm Zuflucht geboten hatte, wäre sie in den Augen der Samsonow Brüder eine Komplizin. Unter der Folter hätte Lopez ihnen alles erzählt.

Wenn die Brüder, am besten die gesamte Sippschaft, jemals auf dem elektrischen Stuhl landen würden, dann würde sie zu gern auf einem der Besucherplätze sitzen.

Die Landung verlief ohne Probleme. Der Dicke verabschiedete sich von ihr und überreichte ihr seine Visitenkarte, die sie, als er sich umdrehte, wegschnippte.

Auf dem Parkplatz stand bereits ihr Mietauto, ein Porsche Cabrio. Sie stieg ein und brauste los. Das Pflegeheim lag drei Stunden Fahrt entfernt.

Im Haus Auenruhe, einem ehemaligen Gutshaus, zu dem zwei Hektar Land gehörten, führte ein Pfleger sie in ein Zimmer, in dem Bilder von Bäumen an der Wand hingen und eine Orchidee auf dem Fensterbrett stand; auf dem Nachttisch brannte eine Kerze, neben der eine Bibel lag. Ihr Vater schlief, sein Atem rasselte. Astrid rückte einen Stuhl näher ans Sterbebett heran und wartete.

Das Warten auf ihren Vater war Astrid und ihrer Mutter vertraut gewesen. Manchmal hatten sie sogar in dieser Zeit Spaß miteinander. Wie an dem Tag, als Astrid die Schminke ihrer Mutter benutzen durfte. Im Bad hatte ihre Mutter ein Schränkchen, gefüllt mit Dosen, Tiegeln, Fläschchen, Tuben, Schachteln und Pinseln. Die Mutter war stets geschminkt, frisiert und parfümiert. Zurechtgemacht nach den Modeheften und Katalogen, die im Salon auslagen.

Am besten gefielen Astrid die Lippenstifte, immer wieder ummalte sie mit dem kirschroten ihren Mund. Ihre Mutter tuschte ihr die Wimpern, was ein bisschen anstrengend war, da sie still halten musste. Dann puderte sich Astrid das Gesicht, worauf sie niesen musste, denn es kitzelte in ihrer Nase. Das Haarspray stank, aber damit standen ihr die Haare wunderbar zu Berge. Rouge war auch eine tolle Sache, damit schmierte sie sich die Backen an. Die Mutter pinselte ihr noch die Augenlider an, Astrid hatte sich orange und blau ausgesucht. Sie fand sich schön, ihre Mutter meinte, sie könne jetzt im Zirkus auftreten. Nun wollte sie noch die Fingernägel lackiert haben, aber ihre Mutter meinte, ein kleines Mädchen brauche keinen Nagellack. Das war nicht schlimm, denn Astrid brannte sowieso darauf, ihrer Freundin Claudia das Kunstwerk zu zeigen, denn sie sah aus wie ein wilder Waldtroll.

Die Freundin fand sie auf dem Schulhof, sie hockte zusammen mit Maria am Sandkasten. Leider war auch Malte, Marias Cousin aus Hamburg, dabei. Ein Besserwisser und Angeber. Selbst Maria, die ansonsten jeden mochte, konnte diese Knalltüte nicht leiden. Im Moment störte es Astrid aber wenig und sie schritt stolz auf die Gruppe zu. Die Zwillinge kamen ihr vom Klettergerüst entgegengestürzt und fragten sofort, ob Astrid sie auch so anmalen könnte.

Malte verzog sein Gesicht und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nur Huren schminken sich.“

„Malte!“, rief Maria empört. „Das nimmst du zurück.“

„Mein Vater ist Staatsanwalt und der kennt sich mit dem Gesindel auf der Straße aus.“, sagte er. „Mein Vater bringt jeden Tag Verbrecher und Huren ins Gefängnis. Du weißt bestimmt noch nicht einmal was Huren sind, aber ich kann dir das erklären.“ Er nahm eine Hand voll Sand und warf ihn auf Astrid. „Huren sind Dreck und jeder kann mit ihnen machen, was er will.“

Die Mädchen schauten schockiert zu Astrid. Ihre Schminke und ihr Haar waren von Sand beschmutzt, einiges war in ihrem Kragen gelandet. Astrid bewegte sich zunächst nicht, denn sie musste gegen Tränen ankämpfen. Ihre Mutter und sie hatten sich so viel Mühe gegeben und jetzt war alles verdorben.

Aber sie würde vor Malte nicht heulen, nein, auf gar keinen Fall. Stattdessen stellte sie ihre Füße auseinander, zog ihren Schlüpfer beiseite und ließ einen breiten, starken Pinkelstrahl auf den Sand nieder. Dieser Malte glotze wie ein Affe. Dann griff sie in den nassen Sand und starrte ihn an.

Er machte einen Schritt zurück. „Ich habe meine Sonntagshose an, die darf ich nicht dreckig machen. Maria, sag das deiner doofen Freundin.“

„Astrid ist nicht doof“, erwiderte Maria.

Claudia packte Malte von hinten und drückte ihn auf den Boden. „Du bist so gut wie tot“, stieß sie hervor.

Sogleich sprangen die Zwillinge herbei und hielten seine Arme. Maria setzte sich auf seine Beine. Malte schrie vor Wut. Astrid drückte seine Nasenlöcher zu und stopfte ihm den Sand in den Mund. Er zappelte, seine Augen waren tellergroß. Bevor sie ihn losließen, riss ihm Claudia ein Haarbüschel aus. Malte hustete, spuckte Sand und Rotze aus.

„Ihr Proleten“, schrie er, „mein Vater macht euch fertig.“

Claudia wedelte mit dem Büschel. „Ich bring das unserer Waldhexe. Sobald du petzt, kriechen aus deinem Mund Spinnen, Maden und Lurche.“

Malte rappelte sich auf und lief davon. Der würde sich nicht mehr so schnell mit ihnen anlegen. Maria holte ein Taschentuch hervor und tupfte vorsichtig den Sand aus Astrids Gesicht. Typisch Maria, sie kümmerte sich um jeden, was manchmal nervte, aber diesmal nicht.

„Ich habe Malte beim Mittagessen in die Suppe gespuckt“, flüsterte sie Astrid zu und grinste.

„Sieht toll aus, so wie vorher“, verkündete Claudia und die Mädchen stimmten ihr zu.

Die Welt war wieder in Ordnung und sogar noch besser, als Astrid zu Hause in der Küche ihren Vater antraf. Er war wieder da. Sie stürzte in seine Arme und er warf sie in die Luft, fing sie wieder auf. Ihre Mutter tadelte ihn, er solle nicht so wild mit Astrid umgehen und sich anziehen. Die Ansichten ihrer Mutter waren manchmal komisch.

Ihr Vater lief gern in Unterhose im Haus herum, denn er mochte die Luft an seiner Haut. Schließlich war er einmal Ringer gewesen, solange bis eine Knieverletzung ihn zum Aufhören gezwungen hatte. Astrid hätte auch gerne die Luft an ihrer Haut gehabt.

„Du siehst hübsch aus, meine Große.“ Der Vater setzte sie ab und wandte sich seiner Frau zu.

„Hast du Astrid bereits aufgeklärt?“, fragte er unvermittelt.

Die Mutter sah ihn an, als habe er mehr als einen Schnaps getrunken. „Dafür ist sie zu jung.“

„Dann übernehme ich das.“

„Auf keinen Fall. Sie braucht solche Sachen nicht zu wissen.“

„Es gibt so viele Geschichten, die ich höre, wenn ich unterwegs bin. Letztens hat die Polizei einen Jungen in der Lüneburger Heide gefunden. Solche Perverse gibt es überall.“

„Natürlich habe ich Astrid verboten mit Fremden mitzugehen.“ Die Stimme ihrer Mutter wurde schrill. Das passierte stets, wenn sie sich angegriffen fühlte.

„Und was, wenn sie den Mann kennt?“

„Wie wäre es, wenn du häufiger bei uns wärst, dann könntest du auf sie aufpassen.“ Nun überschlug sich ihre Stimme.

Der Vater sagte nichts, fuhr sich durchs Haar. Astrid mochte es nicht, wenn die Eltern stritten und sie mochte es nicht, wenn sie sich anschwiegen.

„Ich kenne mich aus.“ Sie winkte mit der Hand ab. Bei den Katzen, Hunden, Pferden, Kühen hatte sie häufig genug das beobachten können, was die Erwachsenen Sex nannten. Wenn die Frauen im Friseursalon darüber redeten, dann sagten sie Geschlechtsverkehr dazu.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf, warf ihrem Vater Hemd und Hose zu und ging in den Salon. Er schlüpfte in seine Sachen und erklärte den Sex. Dinge erklären, davon verstand ihr Vater eine Menge.

Astrid hörte ihrem Vater aufmerksam zu und fragte ihm Löcher in den Bauch. Sie wollte alles genau wissen, doch als ihr Vater dann nicht aufhörte, von den Samen zu schwärmen, die Sportskanonen seien, flink, spritzig, meisterhaft, wurde Astrid sauer. Klar hatte ihr Vater solchen Samen, aber Malte, dieser Wichtigtuer auch? Astrid stampfte mit dem Fuß auf. Das sei ungerecht, dieser Idiot bekomme Tierchen, die überall hin konnten und sie habe nur so ein blödes Ei. Das sei superdoof.

Der Vater strich ihr über den Kopf und zog sie auf seinen Schoß. Er habe doch noch gar nicht zu Ende erzählt, meinte er, und sie kenne noch gar nicht die Geschichte wie sie, seine Tochter, die beste Tochter der Welt, entstanden sei. Er drückte sie an sich und rieb seine Bartstoppeln an ihrer Wange, worauf sie kreischte und lachte. Dann erzählte er.

Es gebe nicht nur ein Universum mit dieser einen Welt, sondern viele, viele mehr. Manche groß, manche klein. Und die mächtigsten Gestirne in jedem Universum seien die Sonnen.

Eines Tages machte sich eine Sonne in der Mutter auf, um in Dunkelheit und Stille das Leben zu bringen. Sie stieg empor, strahlte ihr Licht in die Welt. Ein gebieterisches, kraftvolles Leuchten, das Sehnsucht weckte, die Sehnsucht mit ihm zu verschmelzen.

Die Samen, Astronauten mit einer Botschaft, schossen durch das Universum. Nur einem gewährte die Sonne Gehör, sog ihn in ihr Inneres. Somit war dem Vater und der Mutter eine Tochter geschenkt.

Astrid rutschte vom Schoß des Vaters. Sie strahlte über das ganze Gesicht, denn mit einer Sonne konnte Malte, der Blödie, nicht mithalten. Ihr Vater war der klügste Mensch, er wusste alles.

„Und. Hast du vergessen, was ich dir vorhin gesagt habe?“, fragte der Vater.

„Nein“, fast war Astrid beleidigt. Ihr Vater hatte es doch häufig genug gesagt. „Wenn jemand was macht, was ich nicht mag, dann sag ich es dir oder Mama.“

„Dann pack ich mir den Kerl“, der Vater schnappte sich Astrid, die jauchzte als er sie in die Höhe warf und wieder auffing. „Dann schüttele ich den Kerl.“ Astrid wurde nun kopfüber von ihrem Vater an den Füßen gehalten. Was für ein Spaß.

Die Mutter riss die Schiebetür auf und rief: „Sei nicht so grob mit dem Kind.“ Die Tür zum Salon wurde wieder zurückgeschoben. Der Vater setzte Astrid auf den Boden ab. Von Spaß verstand die Mutter nur wenig, sie mochte lieber schimpfen oder verbieten.

„Papi“, sagte Astrid und zog an der Hand des Vaters, „können wir Pfannkuchen machen? Die Mami mag die so gerne und dann freut sie sich.“ Keiner konnte solche Pfannkuchen backen wie ihr Vater. Er holte Eier aus dem Kühlschrank und jonglierte damit. Mit dem Vater wurde es nie langweilig.

Die Pfannkuchen schmeckten lecker und sie verputzen Berge davon, scherzten, lachten und plauderten. Was für ein wunderbarer Tag. Astrid erhob auch keinen Einspruch, als die Mutter sie schlafen schickte, damit die Eltern unter sich sein konnten. Endlich war die Mutter glücklich.

Am Abend trieb der Durst Astrid aus dem Bett. Auf dem Weg zur Küche hörte sie hinter der Schlafzimmertür die Eltern streiten. Sie erschrak, der Vater wollte wieder fort, dabei war er doch gerade erst gekommen. Sie trat vorsichtig näher an die Tür, die einen Spalt offen stand, zuckte zusammen, als sie sah, wie die Mutter mit Fäusten auf die Brust des Vaters schlug. Sein Gesicht versteinerte sich und die Mutter schluchzte auf, schlang ihre Arme um seinen Hals. Er packte sie an den Armen und drückte sie von sich. Die Mutter bettelte darum, dass der Vater bei ihr bliebe, niemand würde ihn mehr lieben als sie.

„Du widerst mich an“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

„Mich wirst du nie los“, flüsterte sie fast, „ohne mich wirst du deine Tochter nie wieder sehen.“

„Wie will eine Gestörte mich davon abhalten?“

„Wenn sie dich erst einmal wirklich kennen lernt, dann weiß sie, was du bist, dann bist du nicht mehr ihr Held und ich nicht die Spielverderberin.“

„Du machst dich lächerlich“, der Vater verzog die Mundwinkel.

„Lächerlich? Ich? Du bist nie für uns da, weil du dich mit deinen Flittchen vergnügst und einen Bastard nach dem andern zeugst. Du bist ein schlechter Vater, du bist ein schlechter Ehemann.“

Die Eltern starrten sich voller Hass an. Dann wendete sich der Vater ab, er blieb kurz neben Astrid stehen, wollte etwas sagen, ging dann aber wortlos aus dem Haus. Nach einer Woche war er wieder da, so wie immer, früher oder später kam er zurück.

7

Die Morgenpost fiel durch den Türschlitz und Johanna, die gerade ihren Rucksack festzurrte, beobachtete, wie ein schwarz umrandeter Umschlag auf den Boden fiel. Keine Zeit für schlechte Nachrichten, dachte sie, rührte sich aber nicht von der Stelle, denn sie kannte die Handschrift, diese gestochen scharfen Buchstaben. Sie starrte auf ihren Mädchennamen, den sie seit Jahren nicht mehr trug. Was bedeutete das? Als sie den Brief aufhob, schmeckte sie das Frühstück, das aus einem Schinkenbrot und Orangensaft bestanden hatte. Sie schluckte, doch die Übelkeit kroch weiter in ihr hoch. Rasch ließ sie den Brief in ihrer Jackentasche verschwinden und gab dem Brechreiz nach. Im Bad würgte und spuckte sie und murmelte ein paar Flüche. Dann drückte sie den Spülknopf und setzte sich auf den Toilettendeckel.

Johanna rieb sich die Schläfen. Sie war eine Frau mit Lebenserfahrung, Intelligenz und einer Familie, für die sie die Verantwortung trug. Sie hatte eine Entscheidung zu treffen, sie allein. Was sollte sie tun? Vielleicht wäre ein Baby ein Neuanfang. Noch nie hatte Johanna ein Kind geboren, noch nie hatte sie den Wunsch dazu verspürt, noch nicht einmal Gedanken hatte sie daran verschwendet. Und nun, regte sich da eine Sehnsucht in ihr?

Johanna drehte den Wasserhahn auf, trank den bitteren Geschmack hinunter und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Du betrügst dich selbst, Johanna. Du hast zwei Stiefkinder, einen kranken Mann und einen Job. Sara würde dir nie verzeihen, willst du Sara verlieren? Und du warst ein schreckliches Kind. Keine guten Voraussetzungen.

Johanna holte den Brief hervor. War es eine Botschaft, eine Erinnerung oder warum hatte Katja den Mädchennamen mit angeführt? Das hatte sie noch nie getan. Johanna riss den Umschlag auf.

Ihre Augen weiteten sich, das konnte doch nicht wahr sein, aber es war schwarz auf weiß geschrieben. Katja lebte nicht mehr. Katja, die einmal im Jahr Johanna in Berlin besucht hatte. Ein Zwischenstopp im Bahnhofscafé auf dem Weg nach Potsdam. Die üblichen Fragen, wie geht’s, was machen die Kinder und die Ehemänner, Tschüss, alles Gute, bis nächstes Jahr. Aber niemals wurde über die gemeinsame Verstrickung, die gemeinsame Schuld gesprochen. Genau dieses Schweigen war es gewesen, das Johanna an das jährliche Ritual gebunden hatte, gewürzt mit einer Prise Mitleid.

Nun las Johanna das Bibelzitat auf der Karte und ein Gefühl von Wut stieg in ihr auf. Unverkennbar musste Katja es vor ihrem Tod selbst ausgewählt haben. Der Satz war dumm, aber eindeutig: „Der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.“

Katja war eine Frau gewesen, deren Erwachsenleben nach Plan verlaufen war, nach den von ihr vorgesehenen Zeiten, Ereignissen und Orten. Eine Frau, die sich nie entspannt zurücklehnte, nie ihr Gegenüber aus den Augen ließ. Eine Stütze der Kirchengemeinde. Eine Gotteskriecherin. Für Johanna war es stets ein Rätsel geblieben, was Katja von ihr gewollt hatte, verständlicher wäre es gewesen, wenn sie jeden Kontakt gemieden hätte. Nur einmal, und sie war sich nicht sicher, ob sie sich nicht getäuscht hatte, hatte sie hinter die Fassade geblickt.

Katja hatte bereits im Café gewartet und hoch zur Uhr geschaut, die Stirn in Falten gelegt. Als ihr Blick abwärts über die Fensterscheibe glitt, musterte sie ihr Spiegelbild. Johanna wollte sich durch ein Hallo bemerkbar machen, doch sie senkte die Hand wieder. Das war das Gesicht einer Fremden und sie hatte das Gefühl bei einer intimen Begegnung zu stören. Einer Begegnung im kalten Zorn.

Es waren einmal sieben Mädchen gewesen, damals, als Johanna in den Sommerferien in die Verbannung zum Großvater aufs Land, nach Eichenstövel, geschickt worden war. Johanna verzog wehmütig die Lippen; der alte Mann, der nichts mit der Enkelin anfangen konnte, sich aber bemühte, der sanfte, alte Mann mit seinen rissigen Händen, seinen traurigen, langsamen Bewegungen, er war der Letzte auf dem Hof seiner Väter.

Jetzt war wieder eine von ihnen gestorben, mit zweiundvierzig Jahren, das war eindeutig zu früh, genau wie bei Karola, Katjas Zwillingsschwester.

Sechs waren Zeuginnen gewesen und mit den Jahren wandelten sich die Bilder und Johanna fragte sich, sind das noch die Originale? Wie dieses Bild, auf dem sie Katja auf den Boden drückte, ihr das Knie auf die Schulter presste und drohte: „Wenn du ein Sterbenswörtchen erzählst, passiert dir das Gleiche wie deiner Schwester.“ Johanna hatte sich nicht anders zu helfen gewusst, war überrascht, schockiert gewesen, als Katja hinter dem Gebüsch hervorgesprungen war und sie angeschrien hatte. Sie war von einer Angst gepackt worden; der Angst, ihre Mutter würde sie für immer weggeben, wenn sie wüsste, was ihre Tochter getan hatte. In ihren Ohren hallte Katjas schrille Stimme: „Mörderin!“

Es war der Sommer, in dem sie zwölf Jahre alt geworden war und in dem sie ihren ersten Kuss erhalten hatte. Es war der Sommer, in dem sie ihren Großvater zum letzten Mal sehen sollte. Aber nie hatten sie und Katja über den Sommer gesprochen, in dem der Zwilling umkam, starb, weil sie sich einen Streich erlaubt hatten. Nein, stattdessen schickte Katja jedes Jahr eine Weihnachtskarte und begrüßte sie jedes Jahr im Café. Doch jetzt war es damit vorbei.

Johanna sah auf die Armbanduhr, sie musste los zum Sender. Da sie es eilig hatte, nahm sie ein Taxi. Während der Fahrt konzentrierte sich Johanna auf Daten, Argumente, Fragen, die sie heute mit ihren Studiogästen besprechen wollte, trotzdem schweiften ihre Gedanken immer wieder ab.

Als sie durch die Tür des Funkhauses schritt, kam ihr Ulf, ihr Assistent, entgegen. Sie konnte seine Nervosität an seinem Gesicht ablesen. Die Gäste waren bereits im Studio. Johanna gab allen die Hand, entschuldigte sich für ihre Verspätung mit einem bissigen Kommentar über Berlins Taxifahrer, grüßte Frank, den Tontechniker, durch die Scheibe mit einem Nicken, dankte der Pädagogin nochmals für den Literaturtipp und der Ärztin für ihr kurzfristiges Einspringen und erklärte den Ablauf der Sendung.

Sie setzten sich und stülpten sich Kopfhörer über. Wie üblich strahlte Johanna Ruhe und Kompetenz aus, sie war ein Profi. Sie fand noch ein paar aufmunternde Worte für den Vertreter der Krankenkasse und legte Karteikärtchen vor sich ab. Plötzlich spürte sie den Impuls hinauszurennen, es war nur eine Sekunde, dann leuchtete die rote Lampe auf und Johanna begrüßte die Zuhörerinnen und Zuhörer zur Diskussionsrunde. Alle Gedanken waren beim Thema, bei den Gästen. Sie war in ihrem Element. Als nach einer Stunde die grüne Lampe aufleuchtete, verabschiedete sie sich und bevor Ulf Einspruch erheben konnte, sagte sie etwas von Kranksein und ging, sie wollte nach Hause zu Sammy. Doch Ulf holte sie auf dem Flur ein.

„Ist es vorbei?“, fragte er, wobei er sich über den Nacken strich, ein Zeichen von Anspannung. Johanna musste überlegen, bevor sie wusste, was er meinte.

„Dir brauche ich doch nicht zu erzählen, wie viel ich zu tun habe. Ich würde es dir sagen, wenn es so wäre“, sagte sie und schaute zum Fahrstuhl. Eine Aussprache über den Stand der Beziehung, wer sich von wem missverstanden, vernachlässigt oder sonst was fühlte, konnte sie jetzt nicht gebrauchen. Auf diesem Feld wies sie Defizite auf. „Außerdem dachte ich, du hättest genug mit der Köchin aus der Kantine zu tun.“

Erstaunlich, wie sehr ihm das Essen dort auf einmal geschmeckt hatte und was er sich alles hatte einfallen lassen, damit die Angebetete einer Verabredung zustimmte. Sogar die Peinlichkeit, ein Gedicht vorzutragen, hatte er nicht ausgelassen, was die Holde zunächst nicht beeindruckt hatte. Johanna hatte nicht gewusst, wen sie mehr bedauern sollte, Ulf, der tapfer seinen Erstling vortrug, oder die Köchin, deren Kolleginnen nur mit Mühe ein Gelächter unterdrücken konnten. Männer, ein seltsam Völklein.

Ulf tippte Johanna an die Hand, umschloss vorsichtig ihre Finger und lächelte dieses Lausbubenlächeln. Sie liebte es. Sie liebte es, wie seine Augen strahlten, wenn er sich freute, und seine Segelohren frech mitzugrinsen schienen. Würde die kleine Kaulquappe in ihrem Bauch es von ihm, dem Erzeuger, erben? Johanna wünschte sich einen Raum herbei, indem sie Ulf Stück für Stück ausziehen, ihn mit Küssen bedecken konnte. Sex tat ihr immer gut und die Schwangerschaft schien das reinste Aphrodisiakum zu sein. Gab es hier denn keine Besenkammer oder wie wäre es mit dem Fahrstuhl? Ruhig Blut Johanna, wenn das mit deiner Libido so weiter geht, ist bald nichts mehr vor dir sicher.

„Ich mag die Köchin, aber ich mag auch meine Chefin.“ Ulf trat näher an sie ran. Sie roch sein Rasierwasser, Sandelholz, Zimt, Wacholder. „Ich mag dich sogar sehr, sehr gern.“ Das Zittern in seiner Stimme machte ihr bewusst, dass er fürchtete, sie zu verlieren. Treffer. Mitten in ihr Herz. Johanna gab der Versuchung nach und führte ihn hinauf zur Dachterrasse.

Zurück fuhr Johanna mit der U-Bahn. Noch einmal holte sie den Brief hervor und versuchte, sich darüber klar zu werden, ob sie Trauer empfand, schließlich war ein Mensch gestorben, den sie zwar nicht mochte, den sie aber seit Kindheitstagen kannte. Katjas Botschaft war klar, aber sollte sie auf eine Beerdigung gehen, auf der sie wahrscheinlich die Frauen traf, die sie seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen hatte? Nur Katja hatte nie locker gelassen, hatte zu jeder aus der Rabenclique den Kontakt gehalten. Sicherlich hatte sie keiner der früheren Freundinnen von einer Krankheit erzählt. Johanna biss sich auf die Unterlippe, vielleicht war es Selbstmord gewesen. Müsste Katja dann in der Hölle schmoren oder schwebte ihrem Gott eine andere Folter vor? Quatsch, sie würde nie ihr Leben beenden. Verdammt, Katja, was ging in deinem Kopf vor?

Das monotone Rollen der U-Bahn verleitete Johanna dazu, die Augen zu schließen. In letzter Zeit fühlte sie sich oftmals wie unter Betäubung. Hoffentlich kündigte sich keine Erkältung an.

Der erste Sommer beim Großvater war ihre Trotzphase gewesen. Sie fühlte sich abgeschoben, abgestraft, denn ihre Mutter hatte sie, nachdem sie sich standhaft geweigert hatte, der Generalswitwe von gegenüber einen Krankenbesuch abzustatten, ins Auto gepackt und sie in diesem Dorf zurückgelassen, wo sie niemanden kannte. Dabei mochte sie doch nur nicht diese Villa mit den ausgestopften Tieren und dem Geruch nach alten Möbeln. Doch ihre Mutter hatte gemeint, genug von ihrer ewigen Bockigkeit zu haben. Johanna hatte vom ersten Augenblick an nur zurück nach Frankfurt gewollt, musste aber stattdessen irgendwie die Zeit im Dorf totschlagen. Bei einem Großvater, den sie nie zuvor gesehen hatte. Also fütterte sie die Ziege Sieglinde und den grauen Friedrich, das Kutschpferd, mit Leckereien. Ansonsten gab es nur noch Hühner auf dem Hof. Oder sie stöberte durch Haus und Scheune. Meistens lag sie im Heu und träumte vor sich hin, sah sich als Prinzessin in einem Ballkleid auf einem Apfelschimmel reiten oder als Zauberin böse Menschen in Warzenschweine verwandeln.

Nach einer Woche Lustlosigkeit schickte der Großvater sie Tabak und Schokolade einkaufen. In dem Lädchen war die Verkäuferin in ein Gespräch vertieft und so sah sich Johanna um, beobachtete ein Mädchen, das mit dem Rücken zu ihr vor einem Regal stand. Es hatte einen dicken Zopf, der geflochten war und ihm bis zum Po hing. Das Haar schimmerte in Gold, bestimmt würde es sich wie Seide anfühlen. Ein Papiermobile am Schaufenster reflektierte das Sonnenlicht, sodass der Zopf grüne und rote Farbpunkte aufwies. Johanna streckte die Hand aus, strich über einen der Punkte.

Sofort bereute sie es, denn das Mädchen wirbelte herum und fauchte: „Fass mich nicht an, Froschgesicht.“

Johanna wich zurück. Die Verkäuferin hinter der Ladentheke schnalzte mit der Zunge. Woraufhin das Mädchen mit den Schultern zuckte und hinausschritt. Das war eine Prinzessin, dachte Johanna, nicht du, du bist eher, was hatte die Schöne gesagt, ein Frosch. Einen Augenblick lang stand sie da mit gesenktem Kopf, doch da fragte die Verkäuferin, was Johanna wolle. Schnell wiederholte sie, was der Großvater ihr aufgetragen hatte. Die Frau, die zuvor mit der Verkäuferin geplaudert hatte, kniff ihr in die Backe und erkundigte sich nach der Mutter. Johanna merkte, wie ihr Körper ganz steif wurde. Ohne eine Antwort zu geben, legte sie das Geld auf die Theke und stürmte mit den Einkäufen hinaus.

Auf dem Heimweg spürte sie jemanden hinter sich und drehte sich um.

„Ist was?“, sagte die Schöne mit gerümpfter Nase. Johanna wollte keinen Streit und ging weiter. „Wenn wir dahinten auf den Feldweg sind, reiß ich dir das Gestrüpp von deinem Kopf.“

Nun blieb Johanna stehen. „Ich bin größer als du.“ Egal, wo Johanna war, sie war immer das größte Kind, aber dies schien nicht die gehoffte Wirkung auf die Schöne zu haben.

„So ein gerupftes Huhn werden nicht einmal deine Eltern wiedererkennen.“

„Ich habe keine Eltern und brauche auch keine.“ Johanna wusste nicht, warum sie so antwortete. Mit solch einer Gans sollte sie nicht reden. Erst später erfuhr Johanna, dass die Feindschaft zwischen ihr und der Schönen schon viel früher gesät worden war. Eine Familiengeschichte war der Grund dafür gewesen, warum ihre Mutter das Dorf hatte verlassen müssen. Die Schöne und Johanna waren durch Blutsbande miteinander verbunden. Nun standen sich die beiden gegenüber und es war nicht klar, was als Nächstes geschehen würde.

„Claudia“, rief ein Mädchen von den Stufen des Friseurladens, „lass die Bohnenstange in Ruhe. Sie kann nichts dafür.“

„Dein Glückstag“, schnaubte die Schöne. Sie warf einen Blick auf das Mädchen, lächelte es an und schritt davon. So ein Lächeln hätte Johanna gern auch mal bekommen. Aber die Mutter freute sich nie, sie zu sehen.

„Du bist die Johanna vom Künkelbauer, du hast Eltern“, sagte das Mädchen und schob ihre Sonnenbrille zurück auf die Nase.

Ja, sie hatte gelogen und war ertappt worden, doch was ging das diese Brillenschlange an.

„Wenn man keine Eltern braucht, können sie genauso gut tot sein“, sagte Johanna.

Die Brillenschlange nickte. „Ich bin Astrid. Wir können Freundinnen werden.“

Johanna wollte keine Freunde in diesem blöden Dorf haben, aber andererseits, wenn die Schöne auf diese Astrid hörte, war es vielleicht gut, sie nicht zu verärgern. „Mal sehen“, sagte sie deshalb vorsichtig, „könnte klappen, aber ich weiß nicht, ob ich viel mit anderen reden will.“

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