Kitabı oku: «Das Erwachen der Raben», sayfa 3

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„Das ist in Ordnung. Soll ich dir was Tolles zeigen?“

Johanna rieb sich die Nase, wirklich Lust hatte sie nicht, aber wenn es hier was Tolles zu sehen gab, dann könnte sie ausnahmsweise mitgehen.

Sie folgte Astrid über die Dorfstraße an der Sparkasse und der Bushaltestelle mit der wuchtigen Kastanie vorbei in eine Seitenstraße, bis sie in eine mit Unkraut überwucherte Einfahrt abbog und vor einem Abbruchhaus stehen blieb. Johanna schaute sich um, toll war hier nichts, doch da zeigte Astrid mit dem Finger auf den Boden. An der Mauer hockte ein Spatz.

„Sein Flügel ist gebrochen“, erklärte Astrid, „kannst den ruhig anfassen, der fliegt nicht weg.“

Johanna ging vor dem Winzling in die Hocke. Er tat ihr leid. Behutsam nahm sie ihn in die Hand. Ein Tierarzt müsste dem Kleinen helfen können und sie würde ihn pflegen bis er wieder fliegen könnte.

Astrid trat neben sie, nahm die Sonnenbrille ab und musterte Johanna, die sich auf einmal selbst klein vorkam. „Der Vogel wird nicht wieder.“ Es war kein Bedauern in der Stimme. Sie tippte dem Spatz auf den Kopf und nahm ihn Johanna ab. Sie besah sich ihn von mehreren Seiten und plötzlich holte sie mit dem Arm aus und warf ihn mit voller Wucht gegen die Wand.

Johanna glaubte nicht, was sie sah, starrte mit offenem Mund den toten Vogel an.

Astrid verzog die Mundwinkel nach unten. „Ich habe dir gesagt, der schafft es nicht mehr.“ Sie blickte Johanna an, die noch immer starrte. „Ich habe dir nichts vorher gesagt, weil Leute aus der Stadt zimperlich sind, aber ich zeige dir was anderes Tolles.“

Johanna wollte nur noch nach Hause, doch Astrid packte sie an den Arm. „Stell dich nicht so an. Ich musste es tun. Er hatte Schmerzen.“

Johanna nickte, vielleicht hatte Astrid Recht, bestimmt hatte sie Recht, warum hätte sie es sonst tun sollen? Aber bei Astrid, das lernte Johanna schnell, konnte man nie sicher sein, warum sie etwas tat. Das war ihre erste Lektion gewesen. Damals vor dreißig Jahren.

Fast hätte Johanna ihre Haltestelle verpasst, war jedoch im letzten Moment aufgesprungen und hinausgeeilt. Der folgende Fußmarsch lockerte ihre Muskeln und sie fühlte sich schon besser, als sie zu Hause ankam. Johanna steckte den Hausschlüssel in die Tür. Nadja, ihre Lieblingshilfe, lugte hinter der Küchentür hervor.

„So früh habe ich Sie gar nicht erwartet“, ertönte es fröhlich.

Johanna lächelte zurück. Nadjas Anblick war immer eine Freude. Ihr Struwwelkopf verschwand wieder hinter der Tür und sie begann leise, bei der Arbeit zu pfeifen. Johanna lehnte sich an die Garderobe. Die Schuhe auszuziehen, verursachte ihr auf einmal Schwindel und sie verspürte den Wunsch, allein zu sein, allein mit Sammy. Vielleicht brütete sie tatsächlich etwas aus, in der Stadt schwirrten überall Bazillen herum, jeder Nieser ein Treffer. Nein, das tat sie nicht, sie war einfach nur schwanger.

„Nadja, wenn es Ihnen nichts ausmacht, können Sie heute ein paar Überstunden abfeiern.“

Aus der Küche kam ein „Super!“ Johanna schmunzelte, diese Nadja, eine Frohnatur, von der sie sich ein Stück abschneiden konnte. Nadja kam in den Flur, schlüpfte in ihre Jacke.

„Das dumme Ding macht nur Probleme“, sagte sie, während sie vergeblich am Reißverschluss fingerte.

Johanna zwinkerte ihr zu, zog den Reißverschluss mit einem Ratsch hoch. Das veranlasste Nadja zu einem Jauchzer und sie umarmte Johanna. Für eine Sekunde genoss Johanna die Wärme und den Duft von Vanille auf Nadjas Haut.

Pudding in den Geschmacksrichtungen Vanille, Schokolade, Erdbeere und Karamell. Pudding stand für das Gefühl, bei Freunden zu sein, willkommen zu sein. Auch diese Art von Gefühlen war mit dem Dorf verbunden.

Bei ihrem ersten Besuch war Johanna durchs Dorf geschlendert und hatte Quietschmusik aus einem der Häuser gehört. Sie kam nicht vom Plattenspieler oder aus dem Radio, es war ein Instrument, sie vermutete eine Geige. Dem wollte sie nachgehen und näherte sich einem der offen stehenden Fenster.

Die Fensterbank war niedrig und sie konnte problemlos die Unterarme aufstützen und hineinspähen. Da saß ein sommersprossiges Mädchen auf einem Stuhl und zwischen ihren Knien war eine riesige Geige eingeklemmt. Johanna hörte bis zum letzten Ton zu.

„Gefällt es dir?“, fragte das Mädchen und eine Zahnlücke kam zum Vorschein.

Es legte den Bogen auf den Tisch und stellte das Instrument auf der Seite ab, kam zu Johanna, neigte den Kopf, bis er fast die Schulter berührte und verharrte wie ein Standbild.

„Was ist das für ein Instrument?“, stotterte Johanna angesichts dieses Verhaltens. Sogleich wurde sie rot, wie hörte sich das denn an, sie war doch keine Bekloppte.

„Wenn ich groß bin, werde ich Weltbestencellistin. Und du?“

Mit was sollte sie Weltbeste werden? Sie zuckte nur mit den Achseln, jetzt würde das Cellomädchen bestimmt nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen.

Es sagte auch sogleich, es müsse weiterüben. Da öffnete sich die Zimmertür.

„Beatrice“, brummte ein Zweimetermann im Overall, „du hockst mir nicht den ganzen Tag in der Stube, ab nach draußen.“ Schwupp ging die Tür wieder zu.

Das Mädchen namens Beatrice verdrehte die Augen. „Wenn meine Mutter hier wäre, könnte ich weiterspielen.“ Sie runzelte die Stirn und schaute rüber zu ihrem Cello, kletterte dann jedoch aus dem Fenster. „Meine Mutter“, sagte sie, „hat mir versprochen, wenn ich gut bin, bekomme ich Stunden bei einer Musiklehrerin und nicht, wie jetzt, bei Fräulein Otto.“

Johanna konnte sich nicht vorstellen, was daran toll sein sollte, drinnen sitzen und den ganzen Tag üben zu müssen. Auf einmal schien Beatrice durch sie hindurchzublicken. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und begann langsam im Takt mit dem Oberkörper zu wippen. Johanna wusste nicht, was sie tun sollte, warten oder gehen.

Vielleicht war diese Beatrice nicht richtig im Kopf. Johanna erinnerte sich, wie ihre Mutter gesagt hatte, die Leute aus dem Dorf seien alle Idioten. Außerdem was für ein Name. Klang nach Kneifzange. Wenn Eltern ihr Kind liebten, würden sie es Isabella oder Arabella, aber sicherlich nicht Beatrice nennen. Nein, sie würde nicht Beatrice genannt werden wollen, aber ihren Namen mochte sie auch nicht. Sie wollte nicht wie eine Tote heißen, das war unheimlich. Schuld daran war ihr Vater, denn seine Schwester, die nur zwei Jahre alt geworden war, war eine Johanna gewesen und wenn Johanna ein Junge geworden wäre, dann hätte sie den Namen Franz Josef, von ihrem Großonkel, bekommen. Glücklicherweise war sie ein Mädchen.

Wieso jemand Astrid hieß, grübelte Johanna weiter, verstand sie auch nicht. Früher in der roten Kindergartengruppe gab es eine Astrid, die immer mit Arschtritt gehänselt worden war. Die Brillenschlange würde niemand Arschtritt rufen, das würde keiner wagen, da war sich Johanna sicher. In der Gruppe, fiel ihr ein, hatte es auch eine Mercedes gegeben, über die keiner gelacht hatte, was Johanna verwundert hatte, bis sie erfuhr, dass das Mädchen nicht nach einem Auto benannt worden war, sondern der Name schon vor dem Auto existierte. Gut, dass sie nicht gelacht hatte, dann hätte sie als Dumme dagestanden.

Plötzlich wurde sie durch ein Poltern aus ihren Gedanken gerissen. Da stand der Zweimetermann und blickte mit zusammengeschobenen Augenbrauen zu ihnen hinüber. Sofort zog Beatrice sie mit sich: „Lass uns zu meiner Freundin Maria gehen.“

Nach kurzer Zeit war bei Maria der Teufel los. Es gab zwei Sofas, dazwischen einen Eichentisch und auf denen hüpften nun Johanna und Maria unter Kriegsgeheul hin und her. Die Sofas besaßen eine gute Federung und die Kissen waren ideale Wurfgeschosse. Beatrice wollte nicht mitmachen, aber sie sammelte die Kissen wieder ein und sorgte somit für Nachschub. Maria war flink wie ein Wiesel und konnte kräftige Schläge mit dem Kissen austeilen.

„He, du, magst du Schokoladenpudding?“, schrie sie.

Johanna musste erst einmal einen Lachanfall überstehen, bevor sie antworten konnte.

„Regenwürmer, die esse ich lieber. Und du?“

Maria kicherte. „Regenwürmer“, sagte sie, „mag ich, aber nur in Schokoladenpudding“, worauf sie mit einem Kissen umgehauen wurde, alle Viere von sich streckte und losprustete, „und Spinnen am liebsten in Vanillepudding.“

Johanna sprang auf den Boden und rieb sich über den Bauch, „lecker, und Kröten in Erdbeerpudding.“

Das war das Startzeichen für Maria und die drei machten sich ans Werk. Vanillepudding wurde gekocht.

Ein paar Minuten später kamen Zwillinge in die Küche. Es war unmöglich sie zu unterscheiden. Das gleiche Haar, die gleiche Kleidung. Johanna versuchte trotzdem, einen Punkt in ihren Gesichtern auszumachen, an dem sie einen Unterschied fand. Ein Zwilling, das war eine feine Sache. Gern hätte Johanna auch einen gehabt. Die Zwillinge tuschelten miteinander, neckten sich und machten sich einen Spaß daraus, Johanna zu fragen, wer Katja und wer Karola war. Ein lustiges Paar.

Kaum war der Pudding in die Schüssel geschüttet und in feierlicher Prozession ins Wohnzimmer getragen worden, tauchte Claudia auf. Johanna erwartete Stunk, doch Claudia benahm sich als wäre Johanna Luft, damit war Johanna einverstanden.

Doch als sie draußen Himmel und Hölle spielten, flüsterte Claudia ihr zu: „Niemand will dich Vogelscheuche hier haben.“

Claudia hatte nie ihre Meinung geändert, und Johanna war sich sicher, dass dies auch in hundert Jahren nicht geschehen würde.

Johanna ging hinaus auf die Terrasse. Sie legte ihrem Mann zur Begrüßung die Arme um die Taille und küsste ihn auf den Hals. Sammys Körper beruhigte sie immer, ließ sie zur Ruhe kommen. Er schaute in den Garten, das konnte er stundenlang. Die Vögel, das Rascheln der Blätter, das Eichhörnchen, das Summen der Bienen, die Farben der Blumen konnten seine Aufmerksamkeit erheischen. Er schien zufrieden, egal, ob sie da war oder nicht. Glücklicher Sammy. Verfluchter Tauchunfall. Er konnte sich seitdem nur noch eingeschränkt bewegen und Gesichter schienen für ihn keine Bedeutung zu haben. Er lebte in seiner Welt. Dazu gehörte, dass sie das Esszimmer zu seinem Zimmer umgebaut hatte, da es so für alle leichter war. Seufzend richtete sie sich auf, sie würde das Mittagessen kochen müssen. Die Kinder würden bald aus der Schule kommen.

Johanna kramte in dem Wandschrank nach Puddingpulver, fand jedoch keins. Also sollte es wenigstens Kartoffelpüree mit Spinat und Fischstäbchen geben, dazu Spiegeleier. Ihr Leibgericht als Kind. Aus dem Keller holte sie einen Eimer Kartoffeln und begann zu schälen. Es war befriedigend zu sehen, wie leicht das Schälmesser über die Kartoffeln glitt und ein Stück nach dem anderen wegschnippte. David konnte Berge an Essen verputzen. Johanna verstand nicht, wo er das alles ließ, er war rank und schlank. Manchmal bestellte er sich noch spät abends eine Pizza. Vor ihm war kein Vorrat im Haus sicher und in seinem Zimmer stapelten sich leere Chipstüten, Schokoladenpapier und anderes Zeug. Sara dagegen war die Disziplin in Person. Für ihren Körper kamen nur ausgewählte Zutaten auf den Teller. Alles war dem Ziel einer Ballettkarriere untergeordnet. Johanna musste schmunzeln, Sara wusste genau, was sie wollte.

Sie sah Sara noch als kleines Mädchen vor sich, wie sie ihren Bruder an der Hand gehalten hatte. Sara, so ernst mit ihren großen Augen und den aufeinander gepressten Lippen, wie sie Johanna kommen sah, die Frau, die ihr Vater ein paar Mal mit nach Hause gebracht hatte. David, der vor sich hin träumte und Johanna erst bemerkte, als seine Schwester ihn anschubste. Sammy hatte angerufen, Johanna gebeten, seine Kinder vom Kindergarten abzuholen, da er es nicht mehr rechtzeitig aus dem Stau schaffen würde. Er wollte nicht, dass die Kinder auf ihn warten mussten, wie damals bei ihrer Mutter, die nie ankam, weil ein angetrunkener Autofahrer ihr die Vorfahrt genommen hatte. Das waren feste Bilder in Johannas Kopf.

Auch an Saras ersten Schultag erinnerte sich Johanna. Der orangefarbene Tornister, die grüne Zuckertüte, das Karokleidchen und Saras Schwanken zwischen Freude und Furcht. Sammy hatte gemeint, David solle auch eine Tüte bekommen, damit er nicht leer ausgehe, doch Johanna fand, das sei keine gute Idee. Der liebe Sammy, immer darauf bedacht jeden zu umsorgen. Nein, das war Saras großer Tag. Sie sollte im Mittelpunkt stehen und sicherlich würde sie ihrem Bruder auch von ihren Süßigkeiten abgeben. David würde seinen großen Tag im nächsten Schuljahr haben. Dann die Fahrt mit dem Auto. Sara schwieg. Sammy versuchte, sie mit Scherzen aufzumuntern. Und als sie ausstiegen, auf diesem Parkplatz standen, nahm sie Sammys und Johannas Hand. Sie blickte hoch zu Johanna und sagte: „Mama, du kommst doch mit?“

Für Johanna war es in Ordnung gewesen, dass die Kinder sie bisher mit ihrem Vornamen angeredet hatten. Die Kinder waren ein Teil von Sammy und somit hatte sie die Kinder als einen Teil ihres Lebens akzeptiert. Ohne es sofort zu bemerken, hatte sie sich in die Kinder verliebt und da vor der Schule hatte Sara sie zum ersten Mal Mama genannt.

Dagegen hielt Johanna es für unwahrscheinlich, dass ihre Eltern sie liebten. Das war keine große Erkenntnis, kein großer Schmerz. Es hatte Kämpfe gegeben, aber die waren lange her. Sie waren ausgefochten, die Positionen klar.

Am leichtesten war es mit ihrem Vater gewesen, der selten in Erscheinung trat. Er hatte seine Arbeit als Chefredakteur und er hatte zu Hause sein Arbeitszimmer, in das er sich nach dem Essen zurückzog, um ein Buch zu lesen und einen Rotwein zu genießen. Bei Tisch, dort wo sie ihn am häufigsten sah, durfte nicht geredet werden.

Ein einziges Mal hatte er seine Tochter in sein Reich gebeten. Johanna wollte die Schule verlassen und eine Ausbildung als Goldschmiedin beginnen. Endlich würde sie weg können, ihr eigenes Leben genießen in einer kleinen Wohnung. So ihre Hoffnungen. Sie hatte heimlich Bewerbungen verschickt, doch dann hatte ihre Mutter es herausgefunden und gepetzt.

Der Vater redete, sie hörte zu. Seine Tochter würde Abitur machen und studieren. Was, das könnte sie selbst entscheiden. Ende des Gesprächs. Er verlangte nicht viel von seiner Familie, nur ein vorzeigbares Bild von Ehefrau und Tochter. Ein Bild, das seiner Position und seinem Selbstverständnis entsprach. Widerspruch duldete er nicht und war ihn auch nicht gewohnt. Also war ihr Fluchtversuch gescheitert, ihr Mut hatte nicht ausgereicht.

Ihr Vater war ein schöner Mann, ein kluger Mann, auf den sie als Kind stolz gewesen war. Sie erinnerte sich immer gern daran, wie sie ihn gebeten hatte, zum Elternsprechabend zu gehen. Überraschenderweise tat er ihr den Gefallen. Ihr schöner Vater in dem gestärkten Hemd und dem Maßanzug, als wäre er einem Katalog entsprungen, ging zu dieser schrecklichen Lehrerin, die Johanna das Leben schwer machte, sie an der Tafel vorführte, sie mit ihrem Blick hypnotisierte. Die Rechnung ging auf. Seit diesem Abend hatte die Lehrerin sie nicht mehr malträtiert, sogar Nachsicht gezeigt, wenn sie eine Erklärung nicht verstand. Als Kind hatte Johanna schnell begriffen, dass Frauen sich in der Nähe ihres Vaters auffällig benahmen. Ihre Stimmen wurden höher oder weicher, sie zupften an Haar und Kleidung herum oder hingen an seinen Lippen und ständig lächelten sie. Rudi, ein Nachbarsjunge, den sie nur doof fand, pflegte für solche Fälle immer die flache Hand auf seine Faust zu klopfen und „ficke, ficke Kuchen“ zu johlen. Am liebsten hätte sie ihm dafür eine gescheuert, aber das hätte nur Ärger gegeben. Natürlich hatte sie gewusst, was damit gemeint war, sie war kein dummes Kind gewesen.

Ihre Mutter dagegen war immer und überall da gewesen, nicht, dass sie sich Zeit für Johanna genommen hätte, dafür gab es genug im Haushalt und im Garten zu tun, aber morgens mäkelte sie bereits an Johannas Haar herum, das ihr nicht gekämmt erschien, mittags beschwerte sie sich, dass Johanna undankbar sei, weil ihr das Essen nicht schmeckte, nachmittags störte sie Johanna bei den Hausaufgaben, um im Kinderzimmer zu putzen und abends kontrollierte sie Zähne und Ohren. Oft hatte sich Johanna gewünscht, ihre Mutter würde irgendwo arbeiten gehen, so wie bei Claudia. Glückliche Claudia.

Johanna hatte immer gespürt, dass sie nicht die Tochter war, die ihre Mutter sich gewünscht hatte. Nie war sie mit ihr zufrieden gewesen. Im Supermarkt hatte sie einer Frau von einem Missgeschick ihrer Tochter erzählt. Sie fanden das lustig und dann hatte die Mutter noch gemeint, „unsere Johanna ist ein Sturkopf“, und hatte amüsiert den Kopf geschüttelt, „dabei habe ich mir immer ein Schmusekind gewünscht.“ Johanna hatte einen Klumpen im Magen gefühlt. Ja, die Mutter wollte ein Kind mit blondem, langem Haar, in das sie Schleifen binden, und dem sie schöne Kleidchen anziehen konnte. Johanna ließ die Eier aus dem Karton auf den Boden plumpsen. Sie wusste, wie sie die Nerven ihrer Mutter reizen konnte.

Genauso hasste ihre Mutter es, wenn sie mit ihren dreckigen Gummistiefeln über den Parkettboden lief. Ein Abdruck nach dem anderen, gekonnt gesetzt. Die Mutter schlug sie nie mehr als einmal, aber dafür war es stets ein Schlag mit voller Kraft. Er schien aus heiterem Himmel zu kommen, obwohl sie wusste, dass er kommen würde, wie ein Fallbeil. Bei einem Schlag flog sie sogar gegen den Türgriff, was eine Riesenbeule hervorrief. Ihre Mutter wendete sich dann ab, ging irgendeiner Beschäftigung nach, als sei nichts geschehen. Neben dem Schmerz, der Demütigung fühlte Johanna Überlegenheit. Ihre Mutter verlor die Kontrolle, wenn ihre Tochter es darauf anlegte, dabei war sie nur ein Kind.

Und ihre Mutter musste den Vater fragen, wenn sie neben dem Haushaltsgeld Ausgaben plante. Johanna dagegen bekam ein großzügiges Taschengeld von ihrem Vater. Reitunterricht und Hockey oder was immer Johanna gerade ausprobierte, zahlte er. Der Vater war der Meinung, Johanna könne gut mit Geld umgehen, denn sie investierte nicht alles in Süßigkeiten oder Spielzeug. Das war die einzige Anerkennung, die ihr Vater jemals geäußert hatte. Umso mehr hasste Johanna es, wenn ihre Mutter sie zum Vater schickte, damit sie ihn anlog und nach Geld für sich fragte, das die Mutter dann nahm. Wenn möglich, tat Johanna nur so, als habe sie den Vater gefragt und gab der Mutter ihr Erspartes, das sie für diese Fälle ansammelte. Auf diese Weise hatte Johanna den Umgang mit Geld gelernt.

Das Mittagessen war rechtzeitig fertig, als David in die Küche kam, seiner Mutter zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange gab und sich gleich einen Berg von Püree, Spinat und Fischstäbchen auf den Teller häufte. Sara grummelte nur ein Hallo, schaute in die Töpfe und verkündete, sie wolle erst später essen. Schon war sie auf ihrem Zimmer verschwunden. David dagegen verschlang sein Essen mit Appetit. Johanna setzte sich zu ihm und hörte ihm zu, wie er mit Glanz in den Augen von seiner Bandprobe erzählte. Zu seinem Geburtstag hatte ihm Johanna, wie gewünscht, eine Gitarre geschenkt und kaum konnte der Junge drei Griffe, hatte er mit seinen Schulfreunden eine Band gegründet und wollte auf dem nächsten Schulfest spielen. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht. Johanna schüttete ihm sein Glas nach. Sammy und sie hatten einen tollen Jungen großgezogen. Einen Jungen, dem es mit Fünfzehn nicht peinlich war, seine Mutter zu umarmen oder zu küssen, selbst nicht vor anderen Leuten. Natürlich war er auch ein Schlawiner, der wusste, wie er von seiner Mutter das bekam, was er wollte, aber er kannte seine Grenzen.

Und sie würde dem neuen Kind ebenfalls eine gute Mutter sein. Wie um sich selbst zu bestärken, reckte sie das Kinn vor. David würde sich über einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester freuen. Sie sah es schon vor sich, wie David mit dem Hosenscheißer Bauklötze aufeinandertürmte oder einem Ball nachjagte. David würde die Rolle als großer Bruder gefallen. Sara dagegen, oh je, an Sara durfte sie nicht denken. Seit zwei Jahren stritten sie über jede Kleinigkeit und das lag nicht an der Pubertät. Angefangen hatten die Schwierigkeiten damit, dass Johanna eine Traumreise in die Karibik für Sammy und sich organisiert hatte. Ja, sie hatte Sammy zum Tauchen in den Korallenriffs überredet. Und in Saras Augen trug sie damit die Schuld an dem Unfall, an allem was folgte. Sara kannte keine Gnade, nur zeitweiligen Waffenstillstand.

Nachdem David ebenfalls auf sein Zimmer gegangen war, setzte sich Johanna noch eine Weile zu Sammy. Wenn sie bei ihm war, nahm sie seine Hand. Da hockten sie dann wie ein altes Ehepaar. Johanna gefiel die Vorstellung; sie und Sammy mit grauem Haar, auf der Haut Spuren der Zeit und dankbar, dass sie sich noch immer hatten.

„Sammy“, sagte sie, „würde es dir gefallen, einen süßen Fratz auf deinem Schoß sitzen zu haben, einen, der sich an dein Bein klammert und seine ersten Schritte versucht?“

Johanna küsste seine Fingerknöchel, einen nach dem anderen. Sie vermisste es, von ihm in den Arm genommen zu werden, wie er ihren Namen aussprach, sein Strahlen, wenn er sich über einen Erfolg freute, seinen tadelnden Blick, wenn sie sich in etwas verrannt hatte. Sie vermisste ihn. Wenn sie könnte, sie würde immer an seiner Seite bleiben, alles andere vergessen. Nur sie beide, Körper an Körper, für alle Zeit. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und begann, ein Lied zu summen. Als David sich noch vor Monstern unter seinem Bett gefürchtet hatte, hatte sie es ihm vorgesungen bis er eingeschlafen war. Sammy liebte ihre Stimme.

Sie nahm sich eine der Zeitschriften vom Gartentisch zur Hand und las ihm vor, was, das war egal. Früher mochte er Historienromane und Reiseberichte. Früher war er auch ein leidenschaftlicher Koch gewesen, der die Küche als sein Experimentierfeld ansah, jetzt aß er nur Frikadellen oder Knackwürstchen mit Käse überbacken, trank statt Cognac lieber Malzbier. Johanna würde ihm gleich das von Nadja vorbereitete Mittagessen in die Mikrowelle stellen.

In der Zeitschrift begutachtete Johanna ein paar Frisuren. Eine Hochsteckfrisur fand sie pfiffig. Das wäre eine Gelegenheit, mal wieder etwas mit Sara zu unternehmen, überlegte Johanna. Sie streifte ihre Ohrclips ab und massierte ihr Ohrläppchen. An die Geschichte, die ihr daraufhin in den Sinn schoss, hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht. Katjas Tod spülte einiges an Erinnerungen aus ihrem Gedächtnis hervor. Ihre Opfergabe für die Rabenclique.

Anfangs hatte Johanna nicht mit der Clique auf Streifzüge durch Wald und Wiesen gehen oder am See baden können. Nur auf den Puddingpartys bei Maria tolerierte Claudia sie. Daher verbrachte Johanna die meiste Zeit mit Astrid und manchmal spielte sie auch mit Maria. In den zweiten Sommerferien änderte sich dies jedoch.

Astrid nahm sie mit zum Knusperhäuschen, wo laut Astrid die älteste Frau der Welt, älter als jede Schildkröte, lebte. In der Tat war Tante Heide hundert Jahre alt, was Johanna zunächst gar nicht glauben wollte. Eine so alte Frau hatte sie sich krumm und buckelig vorgestellt, mit Falten so tief wie Gräben, doch die Tante sah aus wie eine Oma aus den Märchen mit weißem Haar und rundlicher Figur. Höchstens achtzig, hatte sie Astrid später zugeflüstert. Johanna fand es schön, dass die Leute aus dem Dorf sich um die alte Frau kümmerten. Sie brachten ihr jede Woche die Einkäufe nach Hause, putzten die Fenster, reparierten das Dach, hackten das Holz, holten sie an Weihnachten und Ostern mit der Pferdekutsche zur Kirche ab und schauten überhaupt nach, ob es ihr gut ging. Tante Heide war früher die Hebamme im Dorf gewesen. Sie hatte sogar Claudias Großmutter, die Frau Bürgermeister, auf die Welt geholt und da war sie auch schon alt gewesen, hatte Claudia herablassend Johanna erklärt.

Mit dieser Aussage von Claudia fühlte Johanna sich gewarnt, denn bei allem was ihre verstorbene Großmutter betraf, verstand Claudia keinen Spaß. Immerhin beleidigte oder schubste sie Johanna nicht bei Tante Heide; wieder ein Platz mehr, an dem Claudia sie nun duldete, was Johanna Astrid zu verdanken hatte, denn sie war nicht von ihrer Seite gewichen, bis Claudia mit Johanna gesprochen hatte.

In Anwesenheit von Erwachsenen benutzte Claudia nie Kraftausdrücke, prügelte sich nie, schließlich war sie die Enkelin des Bürgermeisters und ein ungebührliches Benehmen hätte ihre Mutter nicht geduldet. Wenn sie jedoch unter sich waren, kannte Claudia keine Hemmungen. Nicht, dass sie jemals ein Mädchen aus ihrer Bande geschlagen hätte, aber wer nicht dazu gehörte, durfte keine Gnade erwarten. Johanna kannte die Geschichten von Kindern und was ihnen geschehen war, wenn sie Claudias Zorn heraufbeschworen hatten. Die Strafe für die Kinder, wenn etwa Beatrice wegen ihrer komischen Bewegungen geärgert wurde, folgte stets auf dem Fuß, sodass es im Dorf keine mehr gab, die es sich mit Claudia verscherzen wollten. Einzig und allein sie, Johanna, wurde von Claudia gehasst und nichts, was sie tat oder sagte, keines ihrer Friedensangebote, schien daran etwas ändern zu können.

An diesem Tag wollten die Mädchen Tante Heide einen Apfelkuchen backen. Das hatte Claudia vorgeschlagen, die sogleich das Zepter in die Hand nahm, schließlich war es ein Rezept ihrer Großmutter. Äpfel mussten geschält, Mehl gesiebt, Eier getrennt werden. Die Zwillinge kneteten den Teig und wurden von Claudia ermahnt, nicht alles vorher aufzulecken. Es war ein geschäftiges Treiben in der Küche und Claudia suchte alle Schränke nach Cognac ab, weil die Apfelstücke und die Rosinen unbedingt damit beträufelt werden mussten.

Das Gelächter, Geplapper und Geschepper drang durch die offen stehende Tür nach draußen, wo Johanna mit Tante Heide auf der Holzbank saß. Claudias Blick bei Johannas Versuch, beim Backen zu helfen, hatte Johanna abgeschreckt und daher leistete sie lieber der alten Frau Gesellschaft.

Johanna hatte die Tante auf Anhieb gemocht, die sich gefreut hatte, Johanna kennenzulernen, ihr über die Wange gestrichen hatte und sich nun mit ihr auf der Bank unterhielt, sie nach ihrer Mutter fragte und sagte wie schön es sei, dass Johanna wieder daheim in Eichenstövel sei. Das Dorf war ganz und gar nicht ihr Zuhause. Nun, alte Menschen waren manchmal sonderbar, aber das war nicht schlimm.

Warum wusste Johanna auch nicht, aber plötzlich fing sie an, ein Lied zu summen, worauf die Augen der Tante aufblitzten. Sie wirkten auf einmal wie die Augen eines Mädchens, das seine Geburtstagsgeschenke betrachtet.

„Wo Menschen Lieder singen, gibt es keine bösen Menschen“, sagte sie verschmitzt, „das wurde in meiner Familie immer gesagt.“

Johanna konnte nicht anders, als die Tante anzulächeln und zu singen: „Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit.“

Die Tante klatschte in die Hände, dann fiel sie mit ein.

„Was für eine schöne Stimme du hast, mein Kind“, sagte sie zum Schluss. Nun kicherte sie auch noch wie ein junges Mädchen.

Johanna fühlte ihre Brust vor Stolz anschwellen und sogleich stimmte sie das nächste Lied an. Nach und nach kamen die anderen zu ihnen, Maria, Beatrice, Astrid, die Zwillinge und schließlich auch Claudia und alle sangen mit, bis der Duft des Apfelkuchens ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ und sie sich endlich über ihn hermachen konnten. Riesenportionen Sahne gab es dazu und Claudia war mit ihrem Werk zufrieden, was sie milde stimmte. Nach dem Gelage, zu dem es auch Kakao gegeben hatte, lagen sie mit ihren vollen Bäuchen überall verteilt herum wie die Kätzchen bei einem Mittagsschlaf; die Zwillinge zusammen in dem Ohrensessel, Beatrice unter dem Tisch auf dem Wollteppich, Astrid und Claudia unter dem Birnenbaum, Maria in dem Autoreifen auf dem Rasen und Johanna auf der Bank neben der Tante, die in der Sonne döste und ab und zu blinzte, um zu schauen, ob all ihre Kätzlein da waren.

Als sie sich dann alle auf den Weg machen wollten, fragte die Tante, was sie denn heute am Johannestag noch vorhätten. Die Mädchen schauten sich an, keine wusste, mit diesem Tag etwas anzufangen.

Die Tante hob ihren Zeigefinger an den Mund, „na so was, wisst ihr denn nicht, dass der heilige Johannes an diesem Tag enthauptet wurde?“

Die Mädchen schüttelten die Köpfe, schon wieder einer dieser Heiligen. Die Armen mussten immer so leiden, wurden mit Pfeilen durchbohrt, von Löwen gefressen oder bei lebendigem Leibe gegrillt und das Gruselige war dabei, dass sie dennoch guckten, als würden sie es erdulden wollen.

„Dann wisst ihr auch nicht“, sagte die Tante weiter, „dass man an diesem Tag Kräuter sammelt und über Türen und ans Fenster hängt, damit das Haus geschützt ist?“

Nein, davon hatten sie auch noch nie was gehört.

„Welche Kräuter denn?“, fragte Claudia.

Die Tante überlegte: „Kamille, Thymian, Bärlapp, Beifuß, Arnika, Ringelblume und Johanniskraut, an die erinnere ich mich.“ Sie rieb ihr Kinn, dann fuhr sie fort zu sprechen. „Wir tanzten um das Feuer, wunderbar, und sprangen über die Flammen.“ Ihre Augen bekamen wieder diesen Glanz. „So waren wir das Jahr über vor Unheil und Krankheit geschützt. Kinder, ihr müsst immer auf eure Gesundheit achten.“

Auf dem Weg ins Dorf verkündete Claudia, sie müssten auch so ein Feuer machen. Die Zwillinge waren wie immer von Claudias Ideen begeistert und begannen laut durcheinanderzuplappern, doch sofort gebot Claudia Einhalt. Sie könnten erst dann weiter darüber reden, wenn Johanna nicht mehr dabei sei, schließlich gehöre sie nicht zum Clan der Raben. Johanna versetzte es einen Stich, so sehr hatte sie gehofft, dazu zu gehören, hatte geglaubt, Claudia würde sie nach dem heutigen Tag nicht mehr ausschließen. Schweigen herrschte, doch dann hörte sie Astrids Stimme.

„Wir sollten abstimmen, ob wir Johanna aufnehmen.“

Außer Claudia nickten alle, aber sie beugte sich der Mehrheit. „Also gut“, sagte sie, „wer ist dagegen?“ Claudia streckte die Hand in die Luft, die Zwillinge schlossen sich ihr wie gewohnt an. „Das ist ein Unentschieden und damit kann sie nicht bei uns mitmachen.“ Sie zuckte die Achseln, als ließe sich daran nun mal leider nichts ändern, aber Astrid gab nicht auf, sie wollte für ihre Freundin einstehen.

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