Kitabı oku: «Mädchenname», sayfa 2

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JETSET FÜR ANFÄNGER


Der Taxifahrer setzte Julia weit entfernt vom Hauptterminal am Flughafen Zürich ab. Als sie nun die Privatjets erspähte, wurde sie aufgeregt. Jetzt war es also tatsächlich so weit! Ihre Hand zitterte unmerklich, als sie den Fahrer bezahlte.

„Muss du ausgerechnet jetzt klemmen?“, schimpfte Julia, denn der Griff ihres großen Rollkoffers bestreikte sie gerade. Und sie hatte nur eine Hand frei, da sie neben ihrer Handtasche auch noch den kleineren Koffer balancieren musste. Wenig elegant und erfolglos zerrte sie am verhakten Koffergriff. Bevor jedoch ein Schaden an ihren frisch manikürten Fingernägeln entstand, entschied sie, dass es auch so gehen musste. Schließlich konnte sie nicht riskieren, dass ihr für die Reise sorgfältig ausgewähltes Business-Outfit sabotiert wurde. Wie von Zauberhand löste sich auf einmal der Griff.

„Na also, in der Ruhe liegt die Kraft“, murmelte sie. Sie straffte ihre Schultern und begab sich in den eleganten Terminal für die Privatflieger. Kaum hatte sich die Glasschiebetür hinter ihr geschlossen, eilte Stéphane Parsdorf, ein hagerer, sommersprossiger Mittvierziger, freudestrahlend auf sie zu.

„Da sind Sie ja, meine Liebe. Haben Sie es gut gefunden?“

Julia schmunzelte, als sie Stéphane begrüßte, und vermeinte ein verschmitztes Zwinkern in seinen Augen zu erkennen. Sie kannte ihn von ihrem Bewerbungsgespräch, das etwa zwei Monate zurücklag.

Die Agentur, die die Stellenanzeige geschaltet hatte, hatte ihr die Adresse von Charles de Bertrand, dem Inhaber einer der führenden Privatbanken Zürichs, mit der Bitte um äußerste Diskretion übermittelt. Stéphane Parsdorf hatte ihr die eindrucksvolle, mit geschmiedeten Ranken verzierte Tür zu dem Haus geöffnet, in dem sie sich hatte einfinden sollen.

Da sie glaubte, Charles de Bertrand gegenüberzustehen, begrüßte sie ihn lächelnd und streckte ihm die Hand hin: „Guten Tag, Herr de Bertrand. Julia Sandhagen. Wir haben telefoniert. Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

Ein Hauch von Irritation huschte über das Gesicht des Mannes, bevor er ihr mit einem undurchdringlichen Pokerface, das eine erfolgreiche Saison in Las Vegas versprach, entgegnete: „Herr de Bertrand erwartet Sie, Frau Sandhagen. Folgen Sie mir, bitte!“

Julia schalt sich stumm. Warum hatte sie nicht daran gedacht, dass „High Net Worth Individuals“ auf jeden Fall einen Butler hatten?

Sie folgte Stéphane durch eine imposante Eingangshalle. Der Boden war mit marmornen Intarsien ausgelegt, und die hohen, mit zarten Wandmalereien geschmückten und von Säulen getragenen Decken muteten eher wie der Petersdom in Rom an als ein Zürcher Haus. Dennoch wirkte nichts überladen, sondern geschmackvoll dezent.

Stepháne öffnete eine Flügeltür auf der anderen Seite der Halle und ließ Julia höflich den Vortritt. Sie betrat ein modernes, sehr maskulin eingerichtetes Arbeitszimmer. Linkerhand stand eine nüchtern wirkende Sitzgruppe aus Chromstahl und schwarzem Leder. Eine Längsseite des Raumes zierten Aktenschränke. Der einzige bunte Farbfleck des Zimmers war ein großes, gerahmtes Foto von einer mediterranen Villa auf der der Tür gegenüberliegenden Seite. War dies das Haus in Südfrankreich? Beim zweiten Hinsehen bemerkte sie, dass es sich nicht um ein Foto, sondern um ein sehr realistisches Gemälde handelte. Das Bild strahlte eine heitere, friedliche Stimmung aus.

Vor der Fensterfront, die den Blick auf den nahen See öffnete, stand ein Glasschreibtisch, der ebenfalls von Chromträgern unterbaut war. Auf mehreren Monitoren auf einem seitlichen Tisch erkannte Julia Diagramme von Börsenbewegungen.

Hinter dem Schreibtisch saß ein älterer Herr, den Julia auf etwa sechzig schätzte. Er trug einen dunklen, sicher maßgeschneiderten Anzug und wirkte äußerst gepflegt. Sein graues, noch volles Haar war akkurat geschnitten und von einem scharfen Seitenscheitel unterteilt. Sein Aussehen erinnerte Julia an Cary Grant. Charles de Bertrand hob bei ihrem Eintreten mit der Bitte um ein wenig Geduld die Hand. Er tippte rasch etwas in einen der Computer ein.

Dann schaute er sie an. Die jung gebliebenen Augen, die Julia freundlich ansahen, und die schlanke Figur ließen sie darauf schließen, dass Charles de Bertrand in seiner Jugend ein umwerfend attraktiver Mann gewesen war. Charmant war er immer noch.

„Frau Sandhagen. Wunderbar, dass Sie kommen konnten. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Stéphane Parsdorf, meinen Assistenten, haben Sie ja bereits kennengelernt. Wie Sie sehen, bin ich etwas indisponiert, ansonsten hätte ich mich selbstverständlich erhoben.“ Charles de Bertrand deutete auf den Rollstuhl, in dem er saß. „Ein dummer Sportunfall. Nichts von Dauer, aber äußerst lästig im Alltag.“

Er legte seine Fingerspitzen aneinander und musterte Julia, die ihn ebenso höflich begrüßt hatte, interessiert. „Ich lese aus Ihrer Vita, dass Sie eine recht erfolgreiche Anwältin waren. Warum möchten gerade Sie diesen Job als meine Assistentin?“

Julia hatte sich im Vorfeld verschiedene Versionen als Antwort auf diese Frage, die unweigerlich kommen musste, zurechtgelegt. Sie war dennoch verblüfft, dass der Mann das Gespräch damit eröffnete. Letztlich entschied sich Julia für die Wahrheit. Gerade das stetige Taktieren, das von einer Juristin erwartet wurde, war sie leid. Mit einem kurzen Seitenblick auf Stéphane, der sich seitlich vom Schreibtisch auf einem freischwingenden Designerstuhl postiert hatte, beantwortete sie die Frage daher recht nüchtern.

„Es war einfach Zeit für einen Wechsel.“

Die knappe Aussage schien de Bertrand zu gefallen zu, denn er ließ das Thema ruhen. „Sprechen Sie Französisch?“, fragte er stattdessen auf Französisch.

Julia, die während ihrer Tätigkeit in der Schweiz hauptsächlich Großkunden aus dem französischsprachigen Raum betreut hatte und ihre Sprachkenntnisse deshalb hatte perfektionieren können, wechselte mühelos ebenfalls ins Französische.

Charles de Bertrand berichtete ihr, das Haus Mirabel an der Côte d’Azur befände sich schon lange im Besitz der Familie seiner Frau, und er würde seit seiner Verlobung dort die Sommer mit seiner Frau Inès verbringen. Er deutete mit der Hand auf das Bild der Villa und bestätigte Julias anfängliche Vermutung, dass dies ihr Wohnsitz für den Sommer sein könnte. Ihr Blick heftete sich auf die Blumen und die blauen Fensterläden, was eine unerklärliche Sehnsucht in ihr auslöste. Als würde das Haus sie rufen. Als sie sich Charles wieder zuwandte, sah dieser ihrem Gesicht wohl an, dass sie diesen Job wirklich wollte. Er lächelte nur und fuhr fort.

„Dieses Jahr will ich meinen fünfundsechzigsten Geburtstag dort groß feiern.“

Julias Bemerkung, sie hätte ihn jünger geschätzt, nahm er erfreut hin.

„Stéphane hat in der Regel den Sommer über frei und ist auch dieses Jahr familiär verplant. Ich habe mich erst kürzlich entschieden, meinen Geburtstag so groß zu begehen. Ohne Assistenz geht es daher nicht.“

Stéphane schüttelte bei diesen Worten betrübt den Kopf.

„Ausgerechnet jetzt bin ich durch den Sportunfall zusätzlich eingeschränkt. Aber keine Sorge, ich brauche keine Pflege. Ich kann sogar laufen, soll mein Bein aber schonen. Der Job beinhaltet nur leichte organisatorische Aufgaben einer Assistentin. Eventuell Unterstützung bei der Planung der Feier. Obwohl sich selbstverständlich eine renommierte Eventagentur aus Paris um die komplette Organisation kümmern wird.“

Julia hörte interessiert zu und konnte bislang keinen Grund erkennen, weshalb sie den Job ablehnen sollte. Insbesondere die auf das Wesentliche reduzierte Art Charles de Bertrands beeindruckte sie.

„Und ich spiele mit dem Gedanken“, fuhr de Bertrand leise fort, „einige Ereignisse aus meinem Leben aufzuschreiben. Und ich gehe davon aus, dass Sie sicher im Umgang mit der deutschen Sprache sind und meine Erzählungen in eine gute Form bringen können.“

Das wurde ja immer besser! Sie liebte es, Texte zu verfassen, die aber nach ihrem Geschmack immer etwas zu sachlich bleiben mussten – berufsbedingt. Hier bekäme sie die Chance, ihre Leidenschaft auf einer ganz anderen sprachlichen Ebene auszuleben.

Freudig nickte sie. „Ja, das wäre kein Problem.“

„Das Gehalt ist recht bescheiden. Sie bekommen dafür aber freie Kost und Logis. Und für die Reise werden Ihnen keine Kosten entstehen.“ Charles de Bertrand kritzelte eine Zahl auf einen Zettel, faltete diesen und reichte ihn Julia.

Als sie den Betrag las, den er als monatliche Vergütung ihrer Tätigkeit vorgesehen hatte, stockte ihr kurz der Atem. Die Zahl reichte an ihr Einkommen als Anwältin für eine Sechzigstundenwoche heran. Sie runzelte die Stirn. Vielleicht hatte sie etwas falsch verstanden und ihre Assistenz sollte auch die Erfüllung von erotischen „Sonderwünschen“ umfassen?

Als sie Charles de Bertrand anblickte, schien dieser ihren Gedankengang erraten zu haben. Amüsiert lächelnd lehnte er sich zurück und ließ sie augenscheinlich schmoren, um zu beobachten, wie sie eine entsprechende Frage formulierte.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Charles de Bertrand blickte Richtung Eingang.

„Ah, das wird mein Sohn Philippe sein. Das ist hervorragend, so können Sie ihn gleich kennenlernen, Frau Sandhagen. Er wird den Sommer über ebenfalls oft auf Mirabel sein.“

Julia drehte sich leicht in ihrem Stuhl und erblickte im Türrahmen einen hochgewachsenen blonden Mann, der Charles de Bertrand wie aus dem Gesicht geschnitten war. Hätte er nicht ebenfalls einen eleganten, aber konservativen Anzug getragen, hätte Julia ihn für ein Model gehalten. Er kam auf sie zu, und Julia erhob sich. Seine blauen Augen richteten sich fragend auf sie, und als er ihr die Hand gab, bemerkte sie ein kleines Grübchen auf seinem Kinn.

Charles de Bertrand begrüßte seinen Sohn: „Philippe, schön, dass du kommen konntest. Darf ich dir Julia Sandhagen vorstellen? Sie ist eine der Bewerberinnen für diese Stelle, die ich über die Agentur ausgeschrieben habe. Von Haus aus ist sie Juristin, und ich frage mich, ob sie für diese Tätigkeit nicht überqualifiziert ist.“

Philippe de Bertrand, dessen warme, kräftige Hand Julias anscheinend nicht loslassen wollte, grinste. „Und da komme ich gerade recht, um dir diese zauberhafte Person einzureden? Das glaube ich nicht, Vater. Gib es zu, du hast dich längst für sie entschieden.“

Julia stieg vor Verlegenheit eine leichte Röte in die Wangen. Gleichzeitig hatte sie keine Lust, sich wie ein kleines Mädchen behandeln zu lassen, und entzog Philippe de Bertrand energisch ihre Hand.

„Es gibt noch eine klitzekleine Ungereimtheit wegen der Höhe der Vergütung“, fügte Charles de Bertrand hinzu.

Ungereimtheit?, dachte Julia empört. Ein Blick in Charles de Bertrands schmunzelndes Gesicht zeigte ihr, dass er ihre Zweifel durchschaut hatte und immer noch eine Antwort von ihr erwartete. Na warte, dachte Julia, dieses Spiel kann ich auch.

„Im Gegenteil, Monsieur de Bertrand, die Vergütung erscheint mir angemessen, und ich werde selbstverständlich sämtliche Ihrer Wünsche zu Ihrer vollsten Zufriedenheit erfüllen.“ Sie konnte sich einen koketten Augenaufschlag nicht verkneifen.

Charles de Bertrands jetzt doch irritierter Gesichtsausdruck, während es in ihm ratterte, ob er sie völlig falsch eingeschätzt hatte, sprach Bände. Julia biss sich auf die Unterlippe. Gleichzeitig bangte sie, ob sie zu weit gegangen war. Philippe de Bertrand und Stéphane Parsdorf beobachteten sie verwirrt. Während sie Charles de Bertrand vermeintlich cool ansah, bemerkte Julia aus dem Augenwinkel eine einsame Segelyacht auf dem See. Fuhr diese gerade mit ihren Träumen davon? Bitte, bitte nicht!!

Unvermittelt brach Charles de Bertrand in schallendes Gelächter aus. Julia entspannte sich und stieß unbemerkt die Luft aus, die sie angehalten hatte. Charles de Bertrand strahlte über das ganze Gesicht. Er wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.

„Na, Sie sind mir aber auf die Schliche gekommen. Sämtliche meiner Wünsche. Köstlich! Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut amüsiert. Ich sehe schon, Sie sind perfekt!“ Er fasste sich. „Nein, im Ernst. Wir erwarten aufgrund unserer Stellung äußerste Diskretion. Das können wir erfahrungsgemäß nur erreichen, wenn das Gehalt stimmt. Haben Sie mich verstanden, Frau Sandhagen?“

Julia hatte mehr als verstanden. Der Sommer lag wie ein goldener Teppich vor ihr. „Sie können mich gerne Julia nennen“, antwortete sie.

Anstelle seines Vaters ergriff Philippe de Bertrand abermals ihre Hand. „Abgemacht, Julia. Willkommen im Team. Ich freue mich.“

Sein dezentes Rasierwasser sprach ihre Sinne an. Und er sah wirklich verdammt gut aus. Sie ertappte sich dabei, wie sie seine gepflegten Hände nach einem Ehering absuchte. Als sie bemerkte, wie Charles de Bertrand seinen Sohn und sie neugierig musterte, räusperte sich Julia und nahm sofort wieder eine professionelle Haltung ein.

Die eine Hand bereits über einem blinkenden Lämpchen auf seinem Schreibtisch schwebend, hatte sich Charles de Bertrand dann rasch verabschiedet. „Wir fliegen am 16. Juni. Stéphane wird Sie mit den nötigen Informationen versorgen, Julia.“

Und sie hatte nur noch freudig erregt denken können: Das war es dann wohl. Ich habe tatsächlich meinen Traumjob für den Sommer.

Und heute war es endlich so weit. Julia, die durch ihr Leben in der Schweiz den Umgang mit gut betuchten Personen gewöhnt war und schon einigen Luxus erlebt hatte, staunte beim Betreten des Privatjets. Hatte sie vorher noch gedacht, Charles de Bertrand würde wohl nicht sonderlich aus der Menge der ihr bekannten Schweizer Millionäre herausstechen, war ihr schlagartig bewusst, welches Vermögen hinter ihm stehen musste.

Im Innenraum befand sich ein komplettes kleines Wohnzimmer. Sogar ein Ölbild schmückte die Kabine. Von mehreren geschmackvollen Blumenarrangements ganz zu schweigen.

„Julia, schön, dass Sie da sind.“ Die Begrüßung durch Charles de Bertrand, der bereits in einem der bequemen Sessel saß, war sehr zuvorkommend. „Dort drüben geht es zu einem Arbeitszimmer, und hinter dieser Tür ist sogar ein Schlafzimmer “, erklärte er ihr die weiteren Räumlichkeiten seines Privatflugzeuges.

Als sich Julia kurz vor dem Start frisch machte, stand sie sprachlos vor Staunen in einem geräumigen Badezimmer mit modernster Ausstattung. Ein freundlicher Stewart wies ihr dann einen Platz auf dem beigefarbenen Sessel neben Charles de Bertrand zu. Er reichte ihr lächelnd einen Kelch mit Champagner, und Julia kam zu der Erkenntnis, dass sie sich an diesen Luxus gewöhnen könnte.

Stepháne Parsdorf verabschiedete sich. „Einen guten Sommer, Julia, ich beneide Sie.“

Mit einem freundlichen Zwinkern, das Julia wohl andeuten sollte, dass er wegen ihr erst recht zu beneiden war, prostete ihr Charles de Bertrand zu. Während der kalte Champagner auf ihrer Zunge kribbelte, setzte sich das Flugzeug in Bewegung.

Das Abenteuer konnte beginnen.

WIE IM FILM


Als der Privatjet auf dem Flughafen in Nizza aufsetzte, überkam Julia leichte Panik. War es wirklich richtig gewesen, ihrem Leben der letzten Jahre so radikal den Rücken zu kehren? Sie schloss die Augen und wäre am liebsten noch eine Weile in dem weichen Sessel sitzen geblieben, um den ersten Schritt in den neuen Lebensabschnitt ein wenig hinauszuzögern.

Vor ihr räusperte sich jemand. Als sie die Augen öffnete, blickte sie in Charles de Bertrands Augen, die sie nachdenklich musterten. Er schien auf sie zu warten. Die Maschine stand still. Julia besann sich schlagartig auf ihre Aufgabe und gab dem Stewart ein Zeichen. Gemeinsam halfen sie Charles de Bertrand aus dem Sessel.

Die Tür des Fliegers glitt nach unten und wandelte sich so in eine Treppe. Julia schlug die unvergleichliche Mittelmeerluft, leicht verfälscht durch einen Hauch von Kerosin, entgegen. Ein Range Rover mit dunkel getönten Scheiben erwartete sie.

Der Fahrer, der am Fahrzeug gelehnt hatte, straffte die Schultern, hob zwei Finger zum Gruß an seine Mütze und übernahm Charles de Bertrand am Fuße der Treppe mit einer fröhlichen Begrüßung. Dann wandte er sich Julia zu. „Bonjour, Madame, ich bin Gerard. Ich fahre Sie.“

Julia schmunzelte, weil Gerards Chauffeurs-Outfit, insbesondere die Mütze, so stilecht war, dass sie sich wie in einem Disneyfilm vorkam.

Bereits nach nur gefühlt einer Minute stoppte das Fahrzeug wieder. Julia schaute verwirrt nach draußen. Gerard hielt ihr die Tür auf. Vor ihnen stand ein kleiner Helikopter. Sie konnte nicht vermeiden, dass ihr Mund offen stand. Das wurde ja immer besser! Sie war noch nie in einem Heli geflogen, und ihr Herz schlug in Vorfreude wie bei einem kleinen Mädchen.

Nachdem das leichtere Gepäck im Helikopter verstaut war, hoben sie mit viel Getöse ab. Gerard würde den Rest des Gepäcks mit dem Auto zum Haus bringen. Julia war zuerst ein wenig mulmig, als ihr Magen Richtung Boden sackte. Dann hatte sie allerdings keine Zeit mehr, sich darüber Gedanken zu machen. Sie blickte auf das blinkende Mittelmeer, dessen spiegelglatte Fläche sich unter ihnen im Dunst verlor. Nach einem kleinen Schwenker über das Wasser flogen sie die eindrucksvolle Küstenlinie entlang. Julia konnte sich kaum sattsehen an den imposanten Villen und hellen Sandstrandabschnitten, der üppigen Vegetation und den schroffen Felsen des Hinterlandes.

Charles de Bertrand neben ihr schnalzte anfangs ein paar Mal missbilligend die Zunge und regte sich anscheinend darüber auf, welche neu errichteten Industriegebiete und Baukräne seit seinem letzten Besuch zur Verschandelung der Küste geführt hatten. „Kein Vergleich zum Flair der Sechziger- und Siebzigerjahre, junge Dame.“

Je mehr sie sich jedoch von Nizza entfernten und die sattgrünen Hügel der Côte d’Azur sichtbar wurden, hob sich seine Stimmung unvermittelt. Begierig wie ein Kind deutete er aus dem Fenster und erzählte Julia mit verträumtem Gesichtsausdruck Anekdoten zu einzelnen Hügelsilhouetten und einsamen Prachtvillen auf der Strecke.

Seine Laune steckte an, und als er plötzlich aufgeregt nach unten deutete, breitete sich unbändige Vorfreude in Julia aus. An der Küste sammelten sich recht hässliche Hochhäuser, die vereint jedoch unerklärlicherweise Eleganz ausstrahlten, um einen Yachthafen.

„Das ist Monaco, meine Liebe. Jetzt ist es nicht mehr weit. Da vorne liegt bereits Roquebrune“, erklärte ihr Arbeitgeber.

Julia blickte staunend auf die dicht gedrängten sandfarbenen Gebäude und die palmengesäumten Boulevards, die eindrucksvollen Yachten, die im Hafen lagen, und die imposante Palastanlage der Grimaldis. Das war es also: der Inbegriff von Dekadenz und Reichtum. Julia lächelte und entspannte sich. Sie hatte allmählich richtig Lust auf den Neuanfang bekommen.

Der Helikopter näherte sich dem dicht besiedelten Hügel Roquebrunes. Julia erspähte unzählige Prachtvillen, deren Swimmingpools türkis glitzernd in der Sonne lagen. Während der Pilot den Helikopter langsam über einer runden Plattform absenkte, löste sich ein junger Mann, der kaum älter als achtzehn sein konnte, von einem wartenden Golfcart und lief in leicht gebückter Haltung gegen den Wind der auslaufenden Rotorblätter auf sie zu.

„Bienvenu, Madame. Bienvenu, Monsieur de Bertrand“, begrüßte er sie und half zuerst Julia aus dem Hubschrauber.

„Ah, Pierre! Sie sind aber groß geworden.“ Erfreut ergriff Charles de Bertrand Pierres Hand und ließ sich, von ihm gestützt, zu dem Golfcart führen. Zu Julia gewandt, erklärte er: „Pierre ist der Enkel unserer Haushälterin Estelle, und ich kenne ihn schon sein ganzes Leben. Pierre, das ist Julia Sandhagen, meine Assistentin.“

Pierre nickte Julia freundlich interessiert zu. Nachdem alles verstaut war, setzte Pierre das Cart in Bewegung und sie erklommen rappelnd einen bekiesten Weg, der in sanften Serpentinen den Hügel hinaufführte.

Nach der letzten Kehre, die sich um eine eindrucksvolle Pinie wand, blieb Julia abermals vor Staunen der Mund offen stehen. Vor ihr lag ein verwinkeltes, großes Haus, das mit seinen unzähligen Balkonen, pflanzenbeschatteten Treppchen, kleinen Terrassen und Türmen wie ein kleines Schloss anmutete. Blaue Fensterläden umrahmten die unzähligen Fenster und Balkontüren. Sie erkannte das Haus vom Bild in de Bertrands Büro wieder, doch in natura wirkte alles noch viel imposanter. Julia assoziierte sofort eine Villa aus dem alten Rom. Ehrwürdig gewachsene Bäume, vornehmlich gigantische Schirmpinien, Zypressen und Palmen, warfen ihre Schatten auf einen Vorplatz. Auf der Eingangstreppe hatte sich das Personal für den Empfang des Hausherrn versammelt. Wie bei Downton Abbey, ihrer Lieblingsserie um einen englischen Landsitz, dachte Julia entzückt.

Als die Reifen des Carts im Kies knirschend zum Stehen kamen, holte Charles de Bertrand tief Luft. „Ah, tut das gut, wieder hier zu sein.“

Schon stürmte eine etwa sechzigjährige Frau auf den Wagen zu. „Oh, Monsieur Charles, wie schön, Sie zu sehen. Eine solche Freude!“, rief sie. Ihr Gesicht zeigte mütterliche Freude.

Charles de Bertrands Gesicht leuchtete ebenfalls freudig auf, und Julia vermutete, er musste sich zurückhalten, die rundliche Frau nicht zur Begrüßung in seine Arme zu schließen. Er wandte sich zu Julia. „Darf ich vorstellen, das ist Estelle. Seit ich denken kann, die gute Seele dieses Hauses. Estelle, das ist meine Assistentin für diesen Sommer – Julia. Sie spricht übrigens fließend Französisch, Sie müssen sich also nicht auf Deutsch abmühen“, zwinkerte Charles ihr vertraulich zu.

Als hätte Charles seine lange verlorene Tochter vorgestellt, umfasste Estelle Julias Hand mit beiden Händen und drückte diese herzlich. „Oui, wir haben Sie bereits erwartet und das Dahlienzimmer für Sie hergerichtet. Sie wollen sicherlich erst einmal ankommen und sich nach der Reise ausruhen.“ Freundlich zwinkerte sie Julia zu und zog sie leicht Richtung Eingang.

Julia folgte ihr verblüfft. „Ja … aber … ich muss mich um Monsieur de Bertrand kümmern.“

„Ach was, das können Sie auch später noch. Hier sind genug eifrige Helfer. Sie sollen doch ein wenig Freizeit haben.“

Julia stellte nach einem Blick über ihre Schulter beruhigt fest, wie Charles de Bertrand ihr entspannt nachwinkte. Am Eingang knickste eine junge Frau vor ihr und stellte sich als Virginie vor. Julia schätzte sie auf Anfang zwanzig.

„Ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer, Madame.“ Sie winkte Pierre. „Pierre, du holst bitte das Gepäck von Madame und trägst es ins Dahlienzimmer hoch, und sobald Gerard da ist, bringst du den Rest.“

Der Junge machte sich eifrig an seine Aufgabe. Julia fühlte sich wie in einem Traum: das Personal, der Knicks, die Kiesauffahrt. Das durfte doch alles nicht wahr sein, schmunzelte sie innerlich über diese Klischee-Wunderwelt, die ihr Zuhause für die nächsten Wochen sein sollte.

Virginie führte Julia über mehrere Treppchen und Wandelgänge zu einem Wohntrakt, der in einem ruhigen Teil des Hauses lag. Das Innere des Hauses schien vollständig modernisiert und war geschmackvoll im mediterranen Stil eingerichtet. Die Ausstattung war zu schlicht, um billig zu sein. Julia war erleichtert, dass sie weder die kühle Atmosphäre der Sechzigerjahre noch die Seidentapeten-Opulenz, die sie von einer französischen Villa an der Côte d’Azur erwartet hatte, umgab.

Julia folgte Virginie, die eine große Flügeltür geöffnet hatte und sie hineinbat. Als sie den Raum betrat, musste sich Julia schon wieder ermahnen, rasch den Mund zu schließen, der sich beim Anblick des Dahlienzimmers staunend geöffnet hatte. Das war wohl eher eine Dahlien-Suite: ein hoher Raum, der auf der gesamten südlichen Wandfläche von Terrassentüren gesäumt war, vor denen lichte Vorhänge im Wind flatterten. Vor einem der Fenster entdeckte sie einen großen Schreibtisch aus hellem Holz, auf dem ein MacBook mit Drucker stand. In der gegenüberliegenden Ecke neben der Tür lud eine Sitzkombination zum Ausruhen ein. Hinter dem Sofa hing ein großformatiges modernes Ölgemälde, das einen Dahlienstrauß andeutete.

Das Hausmädchen hatte einen großen Schrank zu ihrer Rechten geöffnet, in den eine komplette kleine Küchenzeile integriert war. „Falls Sie sich mal einen Tee machen möchten, Madame. Selbstverständlich bringen wir Ihnen alles, was Sie wünschen, auch aufs Zimmer. Was es auch sein mag. Wählen Sie die Siebzehn.“ Virginie deutete auf ein Telefon beim Schreibtisch. Schnell durchquerte sie den Wohnraum und öffnete eine weitere Flügeltür zum angrenzenden Schlafzimmer.

Julia holte tief Luft, so beeindruckt war sie. Ein Himmelbett in zarten mediterranen Blautönen nahm den halben Raum ein, und Julia hatte nicht übel Lust, wie ein junges Mädchen vor Freude darauf herumzuspringen. Vom Bett aus blickte man über die bodentiefen Fenster auf das blinkende Mittelmeer. Angrenzend erspähte Julia ein schickes Badezimmer in weiß-grauem Marmor und Glas mit einer riesigen Badewanne. Sowohl vom Bad als auch vom Schlafzimmer aus gelangte man in einen weiteren Raum, einen begehbaren Kleiderschrank. Ihr eigenes Kleiderzimmer!

Virginie hatte Julias Staunen registriert und grinste. „Wunderschön, nicht? Ich finde, Sie haben das schönste Gästezimmer im Haus“, strahlte sie Julia nicht ohne Besitzerstolz an. In diesem Moment hörten sie ein leises Klopfen. „Das wird Pierre mit dem Handgepäck sein. Soll ich Ihnen später beim Auspacken helfen, wenn Gerard mit dem großen Gepäck angekommen ist, Madame?“

Julia wurde bewusst, dass ihr Kofferinhalt den Kleiderraum gerade mal zu einem Zehntel füllen würde. Sie sandte einen stillen Dank an ihre Kölner Freundinnen Carmen, Stella und Elena, die sie immerhin mit der passenden Kleidung versorgt hatten. Da sie es nicht erwarten konnte, endlich die auf sie einstürmenden Eindrücke zu verarbeiten und allein zu sein, schüttelte sie den Kopf. „Das ist nicht nötig. Danke, Virginie.“

„Wenn Sie eine Hausführung möchten, wählen Sie bitte ebenfalls die Siebzehn, und ich komme und zeige Ihnen alles. Ansonsten gibt es um acht Uhr ein leichtes Dîner im großen Speisezimmer. Die Terrasse ist die nächsten paar Tage noch im Umbau, deswegen wird im Moment noch drinnen serviert. Soll ich Sie um kurz vor acht hier abholen und Ihnen zeigen, wo es ist?“

Julia schaute rasch auf ihre Armbanduhr. Sie hatte also noch drei Stunden Zeit für sich. Sie nickte dankbar und schloss die Tür hinter Virginie und Pierre. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und starrte fassungslos auf ihr neues Reich. Vielleicht sollte sie sich kneifen, um aus diesem Prinzessinnentraum zu erwachen. Das war allerdings das Letzte, wonach ihr der Sinn stand.

Beschwingt machte sie sich erst einmal daran, ihren kleinen Koffer zu öffnen. Wie vermutet: Ihre wenigen Kleider würden sich in dem riesigen Raum verlieren, auch wenn sie später noch den Inhalt des großen Koffers einräumte. Als Julia ihre Zahnbürste aus ihrem Kulturbeutel kramte, bemerkte sie, dass bereits ein elektrisches Dentalcenter für ihre Mundhygiene bereitstand. Schmunzelnd ließ sie dennoch ihre Zahnbürste in das Glas auf der Marmorkonsole plumpsen, um so ihr Territorium zu markieren. Ihr Blick streifte das in die Wand eingelassene Soundsystem, das – wie Virginie ihr erklärt hatte – via Bluetooth von allen Räumen aus bedient werden konnte.

Kurzerhand streifte sie sich das Business-Outfit ab, das sie während der Reise getragen hatte, und öffnete die Glastür, die in das „Duschareal“ führte. Schmunzelnd erkundete sie die Funktionen der unzähligen Knöpfe in ihrer Dusche und gab einen spitzen Schrei von sich, als sich ein eiskalter Schwall blau illuminierten Wassers begleitet von Bossanova-Musik über ihr ergoss.

Nach der Dusche wickelte sie sich zufrieden in ein flauschiges Badetuch und wischte ausgelassen mit einem Handtuch Teile des beschlagenen Spiegels frei. Zu ihrem verschwommenen Konterfei mit Handtuchturban hauchte sie auf Französisch: „Allo, Madame! Comment allez-vous?“

„Mir geht es sehr gut!“, antwortete sich Julia, tanzte Richtung Himmelbett und gab endlich dem Drang nach, sich darauf zu werfen. Sie war allerdings zu aufgeputscht, um dort liegen zu bleiben, und sprang nach wenigen Minuten wieder auf.

Inzwischen stand ihr anderer Koffer auch im Kleiderzimmer. Gut gelaunt verstaute sie jedes einzelne Teil auf Bügeln und Regalen. Wie erwartet, blieb noch viel Platz für ausgiebige Shoppingtouren in Monaco. Sie konnte ja schließlich nicht ihr ganzes Gehalt für Notzeiten zurücklegen. Überwältigt von Carmens Kleidervielfalt verweilte sie einen Moment ratlos vor dem Regal. Dann entschied sie sich für ein zart geblümtes Sommerkleid und eine leichte Strickjacke. Prada las sie auf dem Etikett. Wie weich sich der Stoff anfühlte. Kein Vergleich mit ihren üblichen Sachen.

Sie drehte sich um und staunte über ihr Abbild im Spiegel. Das Kleid endete knapp über ihren Knien. Der geblümte leichte Stoff war fast transparent und ließ ihre durch das eng anliegende Unterkleid geformte Figur im Gegenlicht erahnen. Die geflochtenen Spaghettiträger brachten ihr schönes Dekolleté zur Geltung. Wer hätte gedacht, dass sie so sexy aussehen könnte? Na, ja, ein wenig Sonnenbräune könnte nicht schaden. Julia konnte dem Drang nicht widerstehen, sich einmal um ihre eigene Achse zu drehen, um das Schwingen des Kleides auszulösen.

Vergnügt trat sie mit nackten Füßen auf ihre Terrasse an das von der Juni-Sonne erwärmte Steingeländer. Während sie ihr feuchtes Haar kämmte, bewunderte sie die grandiose Aussicht auf das Mittelmeer. Eine stattliche Anzahl von großen Yachten dümpelte vor der Küste. Einzelne Wellenkämme blinkten in der Sonne. Ein hellblaues Glitzern durch die Pflanzen zu ihrer Linken ließ Julia vermuten, dass sich dort der Swimmingpool befand.

Julia sog tief die nach Rosmarin und Pinien duftende Luft ein und genoss die friedliche Spätnachmittagsstimmung. Sie schloss lächelnd über ihr Glück die Augen und konnte es gar nicht erwarten, ihrer Freundin Stella von allem zu berichten.

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434 s. 7 illüstrasyon
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9783754178003
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