Kitabı oku: «Mädchenname», sayfa 3
DER GÄRTNER IST IMMER...

„Mathieu? Mathieu?!“
Julia beugte sich leicht vor und sah Pierre unter sich. Die Hände zu einem Trichter geformt, wiederholte er sein Rufen. „Mathieu, wo bist du denn?“
„Hier unten!“, antwortete eine tiefe Stimme aus dem dichten Buschwerk unterhalb Julias Terrasse.
Pierre hastete auf einem Pfad aus Steinplatten, der von hohem Gras fast überwuchert war, in Richtung der Stimme. Ob dieser Mathieu der Gärtner war? Er musste ein rechter Faulpelz sein.
Julia starrte stirnrunzelnd auf die struppigen Oleanderbüsche, zwischen denen Pierre verschwunden war. Der Garten machte, im Gegensatz zum Haus, einen eher ungepflegten, fast verwilderten Eindruck. Aber gerade diese Wildheit des Gartens erweckte in ihr den Entschluss, das Areal zu erkunden.
Sie zog rasch weiße Stoffschuhe an und verließ ihr Zimmer. Vor der Tür musste sie sich erst einmal orientieren, aus welcher Richtung sie zuvor mit Virginie gekommen war. Leichtfüßig sprang sie eine Wendeltreppe aus Stein hinab, die auch tatsächlich in den Garten mündete. Sie befand sich unterhalb ihrer Terrasse an der Stelle, an der sie Pierre hatte rufen hören. Zufrieden folgte sie dem Pfad der Steinplatten und fühlte sich ein wenig wie Alice im Wunderland.
Als sie den Weg ein paar Meter gegangen war, kam ihr Pierre entgegen. Er hatte den Gärtner Mathieu anscheinend gefunden, befand sich auf dem Rückweg und nickte ihr kurz zu.
An der nächsten Weggabelung stand Julia tatsächlich vor einem Swimmingpool. Wie alles im Garten wirkte auch dieser leicht vernachlässigt. Das Becken war sicher zwanzig Meter lang, und einige der hellblauen Fliesen am Boden waren gesprungen. Das Wasser erschien allerdings klar und wurde offensichtlich gereinigt. Auf einer verwitterten Holzterrasse stand etwa ein halbes Dutzend verblichener Holzliegen. An der gegenüberliegenden Seite des Pools sah Julia ein einstöckiges Gebäude mit Flachdach, das sich als Poolhaus entpuppte, das Waschräume und Umkleidekabinen beherbergte. Flauschige Badetücher und -mäntel warteten auf Schwimmer. Aber auch hier herrschte ein eher gestriger Charme vor, wie Julia bei ihrer Inspektion feststellte.
„Merkwürdig“, murmelte sie.
Sie drehte sich um. Das Haupthaus war von hier aus betrachtet fast vollständig von Bäumen verdeckt. Wenn sie wie jetzt rechts vom Poolhaus stand, konnte sie gerade noch eine kleine Ecke des Geländers einer Terrasse ausmachen, und Julia nahm an, dass es sich um ihre vor dem Dahlienzimmer handelte. Rechts vom Poolhaus führte ein weiterer Pfad mit Steinplatten in die Büsche.
Neugierig setzte Julia ihre Erkundungstour fort und passierte einen kleinen Gartenschuppen. Die in den Weg ragenden Zweige eines Feigenbaumes drückte sie zur Seite, dann bog sie in einen von einer Hecke umgebenen, leicht verrotteten Tennisplatz ohne Netz ein. Büschel von Unkraut hatten sich ihren Weg durch die vormals rote Asche zurückerobert. Tennis spielte hier wohl auch seit langer Zeit niemand mehr.
„Das ist mir gleich, Antoine. Ich brauche die Lieferung spätestens morgen Vormittag.“
Julia fuhr herum: Sie war nicht allein. Mit dem Rücken zu ihr nahe bei der Hecke stand ein schlanker Mann, der mit der einen Hand ein Handy ans Ohr hielt und sich mit der anderen Hand heftig durch braune halblange Locken fuhr. Er trug eine mit Erde verschmutzte Jeans und ein verblichenes olivfarbenes T-Shirt, das im Rücken eine Schweißspur aufwies. Seine Füße steckten in einer Art Bergsteigerstiefel. Neben dem Mann lagen eine Spitzhacke und ein Eimer.
Julia wusste nicht, weshalb, aber sie konnte den Blick kaum von seinen breiten Schultern und der feuchten Spur, die sich vom Nacken bis zum Hosenbund zog, abwenden. Obwohl sie sein Gesicht noch nicht gesehen hatte, strahlte er eine enorme männliche Präsenz aus: Typ kerniger Naturbursche. Fasziniert starrte sie auf die definierten, braun gebrannten Unterarme und registrierte, wie perfekt die Jeans um seine Hüften saß.
Ihr Herz klopfte aus unerfindlichen Gründen heftiger, als es in einer solchen Situation notwendig war. Der Mann – er mochte ungefähr vierzig Jahre alt sein – wandte ihr nun sein Profil zu, während er mit unzufrieden gekräuselter Stirn in sein Telefon lauschte. Er schien sie immer noch nicht bemerkt zu haben.
Die Nachmittagssonne tauchte die ganze Szenerie in ein fast kitschiges orangenes Licht.
„Ich meine es ernst, Antoine. Das ist ein wichtiger Auftrag. Vermassel es mir nicht.“
Der unfreundliche Gesichtsausdruck, den er dabei aufsetzte, tat seinem guten Aussehen keinen Abbruch. Seine Stimme war trotz seines offensichtlichen Ärgers angenehm und tief und brachte Julias Sinne zur höchsten Anspannung.
Julia folgte mit den Augen der markanten Linie seiner Wange und registrierte seinen leichten Bartschatten. Der Mann hatte etwas Herbes, Ungebändigtes an sich. Die Nase war ein wenig zu groß, das Kinn schroff, die Lippen ausdrucksstark und jetzt, wo er offensichtlich schlechter Stimmung war, an der ihr zugewandten Seite fast abweisend hochgezogen. Aus demselben Grund war seine Stirn gefurcht.
Sein ganzes Äußeres strahlte Ablehnung aus.
Sein ganzes Äußeres zog Julia magnetisch an.
Irgendwie kam ihr seine Kinnpartie vage bekannt vor. Bevor sie noch weiter darüber nachdenken konnte, beendete der Mann sein Telefonat und bemerkte, wie Julia ihn anstarrte. Julia zuckte ertappt zusammen und spürte zu ihrem Ärger, wie Hitze in ihre Wangen stieg. Zugleich schossen ihr tausend Gedanken durch den Kopf.
Wie lange sie ihn wohl so angegafft hatte? Was musste er von ihr denken? Ob das der Gärtner war? Wie hieß er noch mal? Ah, Mathieu. Was für eine Lieferung? Handelte der mit Drogen? Dürfen Gärtner so gut aussehen? Kernig. Männlich. Oh Gott, Julia, sag doch was! Plötzlich schienen ihre Französischkenntnisse zu versagen.
Als hätte der Gärtner ihre Gedankensprünge an ihrem Gesicht ablesen können, begann er, zu grinsen. Er nahm seine Spitzhacke auf und stützte sich auf deren Stiel, während er unverhohlen zurückgaffte. Er musterte sie von oben bis unten und zog sie mit seinem Blick förmlich aus. Ihr wurde heiß.
Oh weh, dachte Julia. Wie megapeinlich! Gleichzeitig fiel ihr auf, wie schön sein Mund wurde, wenn er lächelte. Das Lächeln glättete auch die Zornesfurche zwischen seinen Brauen, und Julia war von dieser Wandlung seiner Gesichtszüge hingerissen. Sie spürte einen impulsiven Drang, mit den Fingern seine Lachfältchen links und rechts des Mundes zu erkunden. Als seine eindringliche Inspektion endlich ihre Augen erreicht hatte, wurde es einen Moment ganz still in ihr. Sie versank in seinen schönen Augen und war gefangen von dem Gefühl der Nähe, das dieser Blick auslöste. Dann mahnte sie eine innere Stimme, sich nicht völlig lächerlich zu machen.
Julia räusperte sich. „Bonsoir, Monsieur“, fiel ihr als einzig sinnvoller Satz ein.
An seinem amüsierten Schnauben bemerkte sie, wie läppisch der Satz in dieser seltsamen Situation klang. Dann verflog sein Lächeln.
„Bonsoir, Madame“, entgegnete er, nahm den Eimer auf und wandte sich schon halb ab, um den Tennisplatz zu verlassen.
Leichtes Bedauern stieg in Julia auf. Sie wollte nicht, dass er ging.
„Ich bin Julia. Ich wohne im Haus“, brach es atemlos aus ihr heraus, während sie mit einer vagen Geste Richtung Villa fächelte. Spontan zückte sie ihre Hand zur Begrüßung.
Der Mann hielt inne und drehte sich ihr zu. Zögerlich stellte er seinen Eimer wieder hin und wischte seine rechte Hand an seiner Jeans ab, ohne den Blick von ihren Augen zu lassen.
Seine Augen waren braungrün und von dichten dunklen Wimpern umrahmt. Sein Blick sog Julia in unergründliche Tiefen, und ihr Herz begann, aufgeregt zu flattern. Als seine Hand ihre umfasste, blinzelte Julia, so sehr genoss sie seine körperliche Wärme. Dabei war es ein lauer Spätnachmittag. Von Nahem machte sie einzelne silbrige Fäden, die sein Haar durchzogen, aus. Der Druck seiner Hand war kräftig, doch ließ er sie abrupt los, so, als hätte er sich verbrannt.
„Mathieu. Ich mache den Garten“, erwiderte er kurz angebunden und betrachtete nachdenklich seine Hand.
„Ich weiß“, konnte Julia nur sagen.
Mathieus Augen verengten sich kurz, dann tippte er noch einmal grüßend an die Stirn und verließ den Tennisplatz.
Als seine Schritte verklungen waren, löste sich Julia aus ihrer Starre. Sie vergrub stöhnend ihr Gesicht in den Händen.
„Oh, Julia. Bist du vierzehn oder was?“, schalt sie sich halblaut. Ärgerlich kickte sie einen Kieselstein über den Tennisplatz. Dann wurde ihr bewusst, was gerade mit ihr geschehen war. Oh Mann! Gab’s so etwas wirklich? Sie starrte auf einige Erdkrümel, die seine Berührung auf ihrer Hand zurückgelassen hatte. Sie schienen kostbarer als Gold.
Ein jubelndes Gefühl wärmte unvermittelt ihre Brust, und sie lief den Plattenweg zurück. Sie musste Stella unbedingt sofort alles erzählen. Alles. Auch, dass sie sich gerade in den gut aussehenden Gärtner verknallt hatte.

Als Mathieu seine Arbeitsutensilien auf der Ladefläche seines Lieferwagens verstaute, dachte er immer noch über die merkwürdige Begegnung mit dieser Frau nach.
Gerade hatte er sich noch über Antoines Schusseligkeit geärgert. Er hatte seinem Gehilfen ausdrücklich die Anweisung gegeben, für heute Nachmittag Natursteinblöcke für den Bau neuer Mauereinfassungen zu bestellen. Dieser Träumer hatte sich jedoch in den Daten um eine Woche vertan. So lohnte sich der Beginn der weiteren Arbeiten jedoch nicht, sodass Mathieus Zeitplan gefährdet war. Und die Hauptterrasse musste auch so schnell wie möglich fertig werden, denn die Hausgäste waren heute angereist.
Dies war der erste richtig große Auftrag in dieser Reichengegend, der hoffentlich viele andere nach sich ziehen würde, wenn er ihn zufriedenstellend abschloss. Er durfte sich keinen Fehler erlauben, hatte er gedacht.
Im nächsten Moment hatte er sich von dieser schönen Frau angestarrt gefühlt. Ihre Verlegenheit, als er sie dabei ertappte, war so entzückend. Die hektische Röte, die in ihre Wangen gestiegen war, und das Zittern ihrer Stimme ließen sie wie ein Backfisch wirken. Zugleich strahlte sie die erotische Souveränität einer erwachsenen Frau aus, die in Mathieu lang verschüttetes Begehren weckte.
Er betrachtete ihre schmalen Fesseln in den flachen Turnschuhen, in deren Verschnürung sich ein Oleanderblatt verfangen hatte. Er registrierte, wie sich die Rundung ihrer Hüfte unter dem durchsichtigen geblümten Kleid andeutete. Ihre feuchten Haarspitzen, anscheinend frisch gewaschen, hinterließen einen schimmernden Film an ihren nackten Schultern. Er konnte unwirklich deutlich kleine Härchen im Gegenlicht ausmachen, die auf den Spitzen einer leichten Gänsehaut an dieser Stelle saßen. Dann heftete er seinen Blick endlich auf ihre grauen Augen, die seinen eindringlichen Blick ruhig erwiderten. Sofort machte sich ein merkwürdiges Ziehen in seiner Brust breit und fand seinen Weg in seine Lendengegend. Unmerklich wechselte er seine Haltung, um die peinliche Erregung, die ihn erfasst hatte, zu verbergen.
Er war so fasziniert gewesen von ihrem Anblick – und dann brachte ihn ihr förmlicher Gruß auf den Boden der Tatsachen zurück. Er hatte seinen Job zu erledigen und sonst nichts. Warum nur hatte sie ihn daraufhin nicht einfach gehen lassen können? Allein schon ihre Betonung, sie sei ein Hausgast, ließ ihn sich besinnen, dass ihre Welten meilenweit auseinanderlagen. Sie war augenscheinlich eine dieser reichen Tussis, die den Sommer über das wilde Leben an der Küste verbrachten. Ohne Gedanken an ihr Auskommen oder an Konsequenzen. Von solchen Frauen hatte er definitiv die Nase voll. Aber ihr Duft fand seinen Weg aus ihrem feuchten Haar in seine Nase.
Plötzlich war er zutiefst beunruhigt. Was wollte sie nur von ihm? Suchte sie einen kernigen, hart arbeitenden Typen, der sich von den verweichlichten Superreichen unterschied, als Bettgenossen für die Saison? Nein, danke. Nicht mit ihm. Nicht noch einmal.
Trotz seiner Abscheu bei diesem Gedanken regte sich unwillkürlich Verlangen in ihm. Nur widerwillig ergriff er ihre Hand, war er sich doch seiner erdigen Hände bewusst. Sie hatte ungewöhnliche graue Augen, die ihn magisch anzogen. Von ihrer Berührung stieg ein starkes Kribbeln in seine Hand, das unerträglich war. Er konnte sich einen Augenblick lang nicht entscheiden, ob er dem übermächtigen Drang, sie ganz nah zu sich zu ziehen, nachgeben sollte. Vor Schreck über diesen Impuls ließ er ihre weiche Hand abrupt los. So nah bei ihr hatte er den erregten Pulsschlag an ihrem Hals wahrnehmen können.
Das muss enden. Sofort!, war ihm der Gedanke durch den Kopf geschossen.
Also war er gegangen.
Während er sich anschnallte und losfuhr, überdachte er stirnrunzelnd ihren letzten Satz.
„Ich weiß“, hatte sie gesagt.
Was sollte das bedeuten? Was wusste sie denn über ihn?
„Gar nichts!“, schnaubte er seinem Augenausschnitt im Rückspiegel zu. Am besten, er vergaß diese Begegnung, entschied er, als er sich mit seinem Wagen langsam die Serpentinen gen Meer hinunterschlängelte.
DAS SCHWEIGEN

Am nächsten Morgen erwachte Julia früh. Obwohl sie sonst keine Frühaufsteherin war und es liebte, vor sich hinzudösen, war sie heute schlagartig hellwach. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr: Es war erst sechs Uhr. Ob das an den Austern liegt?, grübelte sie vor sich hin.
Am Abend hatte sie mit Charles de Bertrand in einem der Speisezimmer ein leichtes mediterranes Dîner eingenommen. Zur Einstimmung – wie hätte es auch anders sein sollen – reichte die Küche eisgekühlte Austern. Dazu gab es einen exzellenten Perrier Jouët, mit dem Julia den Geschmack nach Meer herunterspülen konnte.
Julia betrachtete bewundernd die im Jugendstil verzierte Champagnerflasche, als Virginie ihr nachschenkte. Die Austern waren hervorragend, und Julia hatte einige davon geschlürft.
„Julia, erzählen Sie mir doch bitte von sich.“
Julia wand sich innerlich. Sie mochte ihren Arbeitgeber, fand es aber nicht angebracht, ihm ihr Privatleben zu offenbaren. Insbesondere, dass es so glorreich in Scherben hinter ihr lag. Leider fiel ihr auf die Schnelle kein interessantes, aber unverfängliches Thema ein.
„Nun, Monsieur de Bertrand, ich bin in Köln aufgewachsen ...“
Er lachte laut auf. „Charles“, sagte er. „Nein, ich meine etwas, was ich nicht Ihrem Lebenslauf entnehmen kann.“
Julia strich nachdenklich über den Stiel ihres Champagnerkelches.
„Gibt es denn keinen Mann, der sich nach Ihnen sehnt, wenn Sie den Sommer über mit einem alten Mann in Frankreich verbringen?“
„Also, ich ... da gab es bis vor Kurzem jemanden. Er war auch der Grund, weshalb ich in Zürich gewohnt habe. Aber das ist vorbei, und ich lebe derzeit bei meiner Freundin Stella und ihrer Familie in Köln. Und ich wäre Ihnen mehr als dankbar, nicht über diesen Mann sprechen zu müssen.“
Charles zog fragend seine Brauen hoch.
„Der Kerl hat Sie doch nicht etwa schlecht behandelt? Dann müssen Sie mir sagen, wer es ist, und ich schwöre, er wird die längste Zeit in Zürich glücklich gewesen sein.“
Er blickte so ernsthaft, dass Julia darüber nachsann, ob er tatsächlich so mächtig war, Marcus’ Zukunft zu beeinflussen. Kurz war sie versucht, Charles’ Angebot zu überdenken. Aber, wie sie bereits Stella versucht hatte zu erklären, traf Marcus nicht alleine die Schuld daran, dass Julia sich am Ende klein gefühlt hatte. Außerdem war sie nicht auf Rache aus. Sie wollte diesen Sommer nutzen, so rasch wie möglich zu vergessen. Und wenn alle Tage so würden wie der erste, würde ihr das auch ohne Zweifel gelingen.
„Danke für Ihr Angebot, Charles, aber das wird nicht nötig sein. Was sind das eigentlich für wunderbare Blumen?“ Julia deutete auf eine hohe Vase mit auffallend exotischen Blumen, deren Blüten orange und blau auffächerten und die fast wie ein Vogelkopf anmuteten.
Charles ging grinsend auf ihre eindeutigen Hinweis, das Thema zu beenden, ein. „Das sind Strelitzien. Sie wuchsen auch mal hier im Garten beim Pool. Aber das ist lange her.“
Einen Moment verlor sich Charles in Gedanken. Keine angenehmen, wie Julia aus seiner gerunzelten Stirn schloss. Dann besann er sich wieder auf seinen Gast und hob ein weiteres Mal sein Glas.
„Sie werden sehen, Julia, auf Mirabel heilen alle Wunden schneller als anderswo.“
Lächelnd stießen sie ihre Gläser aneinander.
Der weitere Abend verging mit angeregter Plauderei wie im Flug. Erleichtert stellte Julia fest, dass Charles ein unkomplizierter und interessierter Gesprächspartner war. Er unterließ jeden weiteren Versuch, Julia über ihr Privatleben auszuhorchen. Was sie sehr erleichterte. Wobei sie selbst darüber grübelte, ob sie derzeit überhaupt ein von der Arbeit getrenntes „Privatleben“ hatte.
Das Essen war wirklich köstlich, und Julia, leicht euphorisiert vom Alkohol und den Eindrücken des Tages, genoss den Abend in vollen Zügen. Charles zog sich recht bald zurück, und auch Julia war froh, in ihrem Dahlienzimmer Ruhe zu finden. Nach dem Zähneputzen stand sie noch eine Weile auf ihrer Terrasse und schaute auf die glitzernden Lichter an der Küste und die Boote auf dem Meer. Hoch über ihr bildeten unzählige Sterne eindrucksvoll die Milchstraße. Julia stand dort, den Kopf in den Nacken gelegt, und betrachtete die flimmernden Konstellationen.
Das unvermittelt einsetzende Rauschen der Bewässerungsanlage für den Garten hatte sie an Mathieu denken lassen, und mit einem stillen Lächeln hatte sie sich wenig später glücklich in ihr Himmelbett gekuschelt. Wenn alle Tage dieses Sommers so werden wie dieser ..., hatte sie noch kurz gedacht, bevor sie eingeschlafen war.
Obwohl es noch sehr früh war, sprang Julia energiegeladen aus dem Bett, um gleich darauf ein wenig ratlos in ihrem Schlafzimmer herumzustehen. Was sollte sie jetzt tun? Ihre Arbeit mit Charles würde nicht vor zehn Uhr beginnen. Dann kam ihr ein Geistesblitz. Sie würde die Zeit nutzen, um Sport zu treiben. Genau das, was sie während ihrer zeitintensiven Tätigkeit als Anwältin nie hatte tun können.
Entschlossen kramte sie ihren Badeanzug und ihre Schwimmbrille hervor, schnappte sich eines der Handtücher, schlüpfte in Flipflops und stand schon wenige Minuten später am Rand des großen Pools. Dieser lag, genau wie am Vortag, verwunschen einsam da. Außer ein paar Insekten, die über die Wasseroberfläche tanzten, war Julia allein.
Ein erster Kältetest mit der Hand brachte sie fast wieder von ihrem Vorhaben ab. Brrr. Mehr als achtzehn Grad konnten das nicht sein. Sie hob den Blick und sah, wie die Sonne jeden Moment hinter einer Hügelkette hervorkommen musste. So würde sie wenigstens nach dem Schwimmen ein wenig gewärmt werden.
„Sei keine Pussy“, sagte sie zu sich und warf ihr Handtuch auf eine der Holzliegen nahe der Pooltreppe. Mit einem mutigen Kopfsprung zerteilte sie das Wasser. Dem folgenden Kälteschock gab sie keine Chance und begann in kräftigen Zügen ihr Brustschwimmprogramm. Herrlich! Sie genoss die meditative Wirkung, die diese gleichförmigen Bewegungsabläufe im Wasser auslösten.
Als Kind war sie in einem Schwimmverein gewesen. Weil sie damals „keinen Bock“ darauf hatte, die kostbaren Wochenenden auf Wettkämpfen zu verbringen, hatte sie das Vereinsschwimmen als Jugendliche wieder aufgegeben. Seitdem war sie nur sporadisch zum Schwimmen gekommen. Aber jedes Mal, wenn sie es tat, stieg sofort wieder ein beruhigendes Gefühl in ihr auf. Vielleicht eine Kindheitsprägung aus der Zeit, als ihr Leben noch behütet und unbeschwert war?
Julia war erstaunt und auch etwas stolz auf sich, geschätzte eintausendfünfhundert Meter zügig durchgehalten zu haben. Sie riss ihre Schwimmbrille ab, ließ sich erschöpft auf dem Rücken im Wasser treiben, starrte in den wolkenlosen Morgenhimmel und spürte ihrem pochenden Herzschlag nach. Mittlerweile lag der Pool im hellen Morgenlicht. Jetzt, wo ihr Körper von der Anstrengung so erhitzt war, genoss sie die erfrischende Kühle des Wassers. Was für ein Leben! Unwillkürlich lächelte sie breit und stöhnte wohlig. Da nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Sie wandte den Kopf – und ihr Herz setzte einen Moment aus: Mathieu.

Eigentlich hatte Mathieu nur seinen Spaten holen wollen, den er am Abend zuvor in dem kleinen Geräteschuppen hinter dem Poolhaus verstaut hatte. Während er noch das Vorhängeschloss entsicherte, hörte er ein gleichmäßiges Platschen. Wer um alles in der Welt war um diese Uhrzeit schon im Schwimmbecken? Seine Neugier siegte, und er spähte vorsichtig um die Ecke des Poolhauses.
In dem aufgewühlten Wasser konnte er eine Frau ausmachen, die in fast hypnotisch regelmäßigen Schwimmzügen das Becken durchmaß. Sie war es. Er holte tief Luft. Sein Verstand sagte ihm, er sollte sich so schnell wie möglich entfernen. Aber gleichzeitig war er wie gelähmt. Sein Gehirn wurde blank, und er vergaß vollkommen, dass er vorgehabt hatte, vor der Ankunft der Natursteinlieferung die letzten Begradigungen vorzunehmen.
Automatisch ging er noch einen Schritt auf das Becken zu, ohne den Blick von der Schwimmerin abzuwenden. Es war faszinierend, wie gleichförmig sie sich bewegte. Er lehnte sich an die Wand des Poolhauses und holte seinen Tabakbeutel hervor, um seine unnützen Hände zu beschäftigen. Die vertrauten Handgriffe beruhigten ihn. Dann vernahm er ein leichtes Stöhnen.
Er hob den Blick und sah, dass die Frau mittlerweile auf dem Rücken im Wasser lag und wie eine zufriedene Katze lächelte, angestrahlt vom gleißenden Morgenlicht. Die ganze Szenerie erinnerte Mathieu auf einmal an keusche 50er-Jahre-Hollywoodfilme mit diesen üppigen Synchronschwimmerinnen in geblümten Badekappen und mit Dauerlächeln. Fast erwartete er, dass die Frau mit gespanntem Rist grazil ein Bein in die Höhe recken würde. Gleichzeitig schien sein Körper diese Szene alles andere als keusch zu finden. Im Gegenteil.
Teile ihres Körpers ragten über die Wasseroberfläche, ihre Hände, ihre Schultern, ihre Hüftknochen, ihre Knie, ihre Füße. Er konnte jedoch den Blick nicht von ihren Brustwarzen wenden, die sich deutlich unter dem grünen Badeanzug abzeichneten. Ihr Stöhnen war ihm direkt in die Lenden gefahren, und er veränderte unruhig seine Beinstellung. Schon wieder führte er sich wie ein Teenager auf. Er sollte jetzt wirklich gehen. Noch war es nicht zu spät, sie hatte ihn noch nicht entdeckt. Warum, verdammt, ging er dann nicht einfach? Stirnrunzelnd wandte er sich wieder dem Drehen der Zigarette zu. Was war nur los mit ihm?

Lässig an die Wand des Poolhauses gelehnt, drehte er sich seelenruhig eine Zigarette. Hatte er sie etwa beobachtet? Spanner! Julia räusperte sich.

Da hörte er ihr Räuspern und wusste, dass das Unvermeidliche geschehen würde. Sie starrte ihn mit fragend gehobenen Brauen an. Als hätte ihn ein Teufel angetrieben, leckte er über die Klebefläche seiner Zigarette. Was war nur in ihn gefahren? Ihm war bewusst, wie das bei ihr ankommen musste, aber er konnte einfach nicht anders. Er wollte es. Sie war in ihn gefahren, wie eine schnell wirkende Droge. Und so sehr er sich auch dagegen sträubte: Er wollte sie. Und sie sollte das wissen.

Ohne in seinem Tun innezuhalten, hob er die Augen und sah Julia mit unergründlichem Blick an. Dann nahm er die Zigarette an die Lippen und leckte einmal an ihr entlang, ohne den Blick von ihr zu wenden.
Julia wurde ganz anders, als diese Geste ein leises Ziehen in ihrem Schoß hervorrief. Sie war zum Glück durch den Sport schon so gut durchblutet, dass ihr heftiges Erröten nicht auffallen konnte. Gleichzeitig war sie empört. Das war doch eindeutig eine obszöne Geste gewesen! Oder hatte er sich einfach nur eine Zigarette gedreht und sie überinterpretierte das?
Rasch schwamm sie Richtung Pooltreppe und stieg aus dem Becken. Überrascht hielt sie inne. Mathieu, die Zigarette im Mundwinkel, hielt ihr das Handtuch hin. Julia runzelte verblüfft die Stirn. Wie hatte er nur so schnell vom Poolhaus auf der anderen Seite hierhin kommen können? Noch mehr wunderte sie allerdings, weshalb er immer noch nichts sagte.

Sie schwamm in ruhigen Zügen zur anderen Seite des Pools. Im selben Moment löste sich unvermittelt seine Starre, und er ging großen Schrittes zur Pooltreppe. Mein Gott, sie würde ihn sicherlich für aufdringlich halten. Aber er musste einfach näher bei ihr sein. Während sie tropfend aus dem Wasser stieg, der feuchte Badeanzug eng an ihrer Haut klebte, reichte er ihr das Handtuch.
Seine Kehle war vor Begehren wie zugeschnürt. Er konnte einfach nichts sagen. Zumindest nichts, was nicht profan geklungen hätte. Nichts, das auch nur ansatzweise ausgedrückt hätte, wie es ihm gerade erging und wie viel er über sie erfahren wollte. Dann lieber still sein. Außerdem war er abgelenkt durch das stete Rinnsal von Wassertropfen, die aus ihren Haaren über ihren Hals und ihre Schultern liefen und in Regionen kullerten, die er liebend gerne sogleich mit seiner Zunge ebenfalls erkundet hätte. Diese Frau machte ihn wahnsinnig!
Als sie ihn flüchtig berührte, musste er seinen Kiefer eng zusammenpressen, um sie nicht gleich an sich zu reißen und auf einer der Poolliegen zu nehmen. Herrgott, er würde noch diesen Job verlieren! Diese Gefühle waren pures Gift für seine berufliche Zukunft. Und vielleicht nicht nur die berufliche.

Julia sah ihn einen kurzen Augenblick abwartend an, ob er sie vielleicht begrüßen wollte. Bis auf ein paar Tauben, deren Gurren vom Dach des Poolhauses herüberwehte, war nichts zu hören. Ihr Herz klopfte heftig, als sie sich bewusst wurde, wie sie hier alleine mit diesem geheimnisvollen Mann stand, der sie mit seinen Blicken verschlang, mit anzüglichen Gesten zeigte, dass er offensichtlich nur ein Ziel hatte, und dennoch keinen Ton hervorbrachte.
Merkwürdig. Wieso sagte er nichts? Sie erinnerte sich an ihr eigenes peinliches Gestammel am Vorabend, das ihn so überheblich hatte schnauben lassen, und beschloss, ebenfalls nichts zu sagen. Vielleicht war er einfach schüchtern?
Die Stille war greifbar, und gleichzeitig spielten ihre überreizten Sinne ihr einen Streich. Sie nahm seinen männlichen Geruch wahr. Erdig. Er zog an seiner Zigarette, und als er den Rauch seitlich ausstieß, zwang Julia sich, den Blick von seinen herrlichen Lippen zu lösen. Wie es sich wohl anfühlte, diesen Mund zu küssen?
Das Poolwasser reflektierte die Morgensonne in seinen Augen und ließ seinen Blick noch intensiver leuchten. Oder bildete sie sich das nur ein? Sie nickte freundlich und ergriff das Handtuch. Dabei streiften ihre Hände kurz die seinen. Ein angenehmes Kribbeln zog sich ihren Arm hoch. Julia sah, wie sich seine Augen weiteten. Also musste er auch etwas gespürt haben.
Ihr Herz flatterte mittlerweile wie ein verschreckter Vogel. Die Sehnsucht ihres Körpers, von seinen Händen überall berührt zu werden, ließ sie fast ohnmächtig werden. Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte ihre Arme um seinen Hals geschlungen und ihren nassen Körper an ihn gepresst. Aber ihre Vernunft, auf die seit jeher Verlass war, schaltete sich wieder ein. Was sollte das? Er war doch auch nur ein Mann. Seit wann führte sie sich so auf? War sie etwa nach Marcus so ausgehungert nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, dass sie jetzt völlig den Verstand verlor?
Sie räusperte sich und strich ihre feuchten Haarsträhnen hinter die Ohren, um etwas Druck abzubauen. Dann wickelte sie sich mit zitternden Händen in das Handtuch und schlüpfte in ihre Flipflops. Mit einem weiteren vagen Nicken zu Mathieu hin steuerte sie auf den Plattenweg zu, der vom Swimmingpool zum Haus führte. Sein Blick brannte in ihrem Rücken, und sie unterdrückte den Impuls, sich noch einmal umzudrehen. Weshalb fiel gerades, entspanntes Gehen bloß so schwer, wenn man beobachtet wurde?
Sie hatte das Gefühl, zu taumeln, und konzentrierte sich auf ihr Gleichgewicht, den Blick fest auf die Platten gerichtet. Die wuchernden Pflanzen zwischen ihnen piksten ihre Füße in den Flipflops. In ihrem Kopf hämmerte es unablässig: „Er ist ein Mann, und du bist eine Frau!“
Beim Haus angelangt, erhöhte sie ihr Tempo, und als sie ganz sicher war, dass er sie nicht mehr sehen konnte, falls er ihr überhaupt so lange nachgeblickt haben sollte, rannte sie fast die letzten Meter bis zum Dahlienzimmer. Mit klopfendem Herzen schloss sie die Tür und lehnte sich von innen dagegen. Ein fast hysterisch klingender, abgehackter Laut entwich ihrer Kehle. Was um Himmels willen war hier gerade geschehen? Fast war sie wieder ärgerlich. So ein Spanner!
Weshalb hatte er nicht wenigstens „Bonjour“ gesagt?
Noch während sie das dachte, musste sie sich eingestehen, dass gerade diese Wortlosigkeit ihren Herzschlag erhöht hatte. Wenn sie darüber nachsann, war diese stumme Szene eben das Erotischste gewesen, was ihr bislang passiert war. Nicht zu vergleichen mit der eher sachlichen Zugewandtheit, die sie in den letzten Jahren mit Marcus geteilt hatte.
Schmunzelnd drückte Julia sich von der Tür ab und pellte sich aus ihrem feuchten Badeanzug. Noch unter der heißen Dusche spürte sie den feinen Vibrationen ihres Körpers nach. Das Lächeln blieb auf ihrem Gesicht.

Fast erleichtert beobachtete er, wie sie sich von ihm entfernte. Er sah ihren wiegenden Hüften unter dem Handtuch und den wohlgeformten Waden nach, als sie sich über den Plattenweg Richtung Haus begab. Kaum war sie außer Sicht, stieß er zischend die Luft aus, die er unbewusst angehalten hatte. Er fuhr sich mit beiden Händen in seine Haare und warf den Kopf in den Nacken, um seine angestauten Emotionen mit einem ungläubigen Schnauben in den blauen Himmel zu schicken.
Verflucht! So etwas war ihm noch nie passiert. Was hatte diese Frau an sich, dass er so extrem reagierte? Und warum wollte sein Körper nicht einsehen, dass er von dieser reichen Tussi nichts zu wollen hatte. Als er langsam zum Geräteschuppen zurückging, ertappte er sich bei einem Lächeln.


