Kitabı oku: «Die Gewissensentscheidung», sayfa 8
"Weißt du, Caroline, ein guter Soldat hat mir einmal folgendes gesagt: von Zeit zu Zeit muss der Boden der Gerechtigkeit mit dem Blut von Helden getränkt werden."
"Ja! Aber es tut so weh." Krischan umarmte mich erneut und drückte mich zart, dann küsste er mich sanft und streichelte mir durch meine Haare. "Ja, es tut weh und das ist gut so, das zeigt dir, dass du da drinnen Mensch geblieben bist."
So musste ich immer wieder an den erschossenen Vater denken. Sein Bild ging mir lange nicht aus dem Kopf. Krischan gelang es, mich wiederaufzubauen und mir klarzumachen, dass so etwas geschah und man einige Dinge nicht ändern konnte. Dafür liebte ich ihn. Einen besseren Freund und Ausbilder hatte ich bis dato noch nicht erlebt. Ganz abgesehen davon war er auch ein begnadeter Liebhaber.
***
Erkenntnisse
Es war die erste Krisensitzung, an der Beate teilnahm. Da wir es nicht riskieren konnten, Beate über den Flur gehen zu lassen, beschlossen wir, die Sitzung in Veras Wohnung abzuhalten, als Vera noch Dienst auf der Krankenstation hatte. Während Beate auf dem Bett saß und ich auf und ab ging, saß Jessika am Tisch und machte sich Notizen.
"Also", sagte ich, "Trommer erscheint und besteht auf gelockertem Vollzug. Er kauft sich Torres, um dich", ich sah zu Beate, "abstechen zu lassen..."
"Peter!", wandte Jessika ein. "Bitte!"
"…um dich töten oder zumindest schwer zu verletzen", verbesserte ich mich.
"Danke", nickte Beate und zwinkerte Jessika zu.
"Wir wissen weiterhin, dass dein Prozess auf einer Falschaussage basiert."
"Das passt", warf Jessika ein. "Trommers Ziel war, Beate in den gelockerten Vollzug zu bekommen, denn im geschlossenen Vollzug wäre ein Anschlag um ein vieles schwieriger. Es wäre zeitlich nicht abzusehen gewesen, wann dieser erfolgen würde. Um Beate in den gelockerten Vollzug zu bekommen, musste gegen das Urteil zwingend eine Revision vorliegen. Wahrscheinlich hat Trommer damit gerechnet, dass Beates Anwalt sofort Revision einlegt. Da dieser es aber nicht direkt im Anschluss an die Urteilsverkündung tat, musste er selbst dafür sorgen. Wäre das Gericht seinem Revisionsantrag nicht gefolgt, hätte er mit neuen Erkenntnissen, die durch die Falschaussage entstanden, dem Gericht gar keine andere Wahl gelassen, als die Revision zuzulassen."
"Hm, das macht irgendwie Sinn… aber wir wissen auch, dass Trommer Generalstaatsanwalt werden will… Wie passt das ins Bild?"
Jessika hatte ihren Stift auf den Tisch gelegt und rieb sich die Schläfen. Ich konnte ihre Gedanken rasen hören. Sie sah Beate an, schließlich sagte sie: "Das gehört alles zu seinem großen Plan!"
"Zum großen Plan?", fragte Beate und auch ich war stehen geblieben.
"Hier geht es nicht darum, dass Trommer Generalstaatsanwalt wird, hier geht es um viel mehr! Um General zu werden, brauchst du nur genug Freunde mit dem richtigen Parteibuch. Aber wenn du höher hinauswillst und ich meine viel höher, dann musst du die Öffentlichkeit für dich gewinnen, und zwar die breite Öffentlichkeit! Trommer konnte nicht wissen, wie die Leute reagieren. Hätten Meyer und die anderen Ermittler die Öffentlichkeit informiert, oder die ganze Sache mit der Falschaussage wäre durchgesickert, hätte er mit Sicherheit einen Weg gefunden, um Beate öffentlich rehabilitieren zu können. Trommer, der große Retter! Aber angenommen, zwischen Prozessende und seiner Bewerbung zum Generalstaatsanwalt würde die Stimmung in der Öffentlichkeit umschlagen, oder einer der früheren Ermittler packte im Nachhinein aus, hätte er ein ernstes Problem! Also musste Beate so schnell wie möglich sterben! Meyer und die anderen Ermittler sehen sich auf diese Weise mit der Tatsache konfrontiert, dass sie eine gehörige Portion Mitschuld an Beates Tod tragen, also halten sie die Klappe.
Seit der Verhandlung und besonders nach Beates Tod hat Trommer das Scheinwerferlicht und die Auftrittsbühne, die er von Anfang an wollte. Seit ihrem Tod reden die Leute über ihn, dabei muss es nicht unbedingt nur Gutes sein, nein, das interessiert ihn einen Dreck, denn solange die Leute über dich reden, solange bist du in ihrem Gedächtnis!" Sie sah Beate direkt ins Gesicht, als sie fortfuhr. "Ob tot oder lebend, verurteilt oder freigesprochen, du hast ihm das gegeben, was er wollte, eine ganz große Bühne! Genau das war von Anfang an sein Masterplan!"
"Scheiße!", fluchte ich laut. "Dieser Schweinehund!" Gleichzeitig war das eine gute Nachricht, oder? Was würde geschehen, wenn wir Trommer damit drohten, Beate der Öffentlichkeit zu präsentieren?
"Ich weiß, was du denkst", warf Jessika ein, "nein, das funktioniert nicht. Nicht, solange Meyer und die anderen dichthalten."
"Meyer ist der Schwachpunkt in Trommers Plan", meinte ich und begann erneut auf und ab zu gehen, "wenn wir Meyer dazu bringen auszupacken, fliegt alles auf."
"Nein!", ergriff Beate das Wort. "Das kommt nicht in Frage!"
"Was?!"
"Du hast gesagt, Meyer wollte seinen Enkel an der Kita abholen und jemand anderes hatte das Kind schon aus der Kita geholt. Ich habe selbst…" sie unterbrach sich und schluckte schwer, "…ich hatte ein Kind! Ich kann die Ängste, die Meyer in diesem Moment ausstehen musste, sehr gut nachvollziehen. Und wenn das alles stimmt, was ihr über Trommer herausgefunden habt, wird er nicht zulassen, dass Meyer auch nur ein Wort sagt. Also denke ich, dass das Kind in ernster Gefahr ist. Das werde ich auf keinen Fall zulassen, eher springe ich vom Dach!"
Sprachlos sah ich zu Beate, dann zu Jessika und auch deren Blick sagte, dass Beate hier ein reales Szenario aussprach. Nein, ich hatte keine Kinder, doch allein der Gedanke, dass Trommer ein Kind in Gefahr brachte… nein, dass WIR ein Kind in Gefahr brachten, ließ mich erschauern.
"Beate hat Recht", meinte Jessika. "Es muss einen anderen Weg geben und die Zeit arbeitet gegen uns. Heute Morgen, eine Stunde vor Fristende hat Trommer seine Bewerbung als Generalstaatsanwalt bekannt gegeben. Er wird schon bald merken, dass er keinen Obduktionsbericht von Beate vorliegen hat und das wird ihn bestimmt verunsichern. Sein erster Gang wird ihn hierher zu uns führen."
"Ja, das wird wohl so sein… ich denke, es wird wenig Sinn haben, ihn mit der Verwechselung der Institute hinzuhalten."
"Nein, die wird er schnell durchschauen und auch wenn er es nicht mit Sicherheit beweisen kann, so wird er doch annehmen, dass Beate noch am Leben ist. Peter, es ist an der Zeit, den Bad-Man herauszuholen."
"Den was?", fragte Beate und ich sah sie lächelnd an.
"Den Bad-Man! Das ist sozusagen mein anderes Ich."
"Und was hat der Bad-Man vor?"
"Ich werde Trommer fragen, wieviel ihm deine Leiche wert ist. Mal sehen, wie weit er mitgeht."
"Du willst ihn erpressen?! Er wird wissen, dass du bluffst, warum sollte er darauf eingehen."
"Ganz einfach. Er ist so weit gekommen, also wird er jedes Risiko vermeiden. Trommer wird sich eher auf einen Deal mit mir einlassen, als jetzt einen Krieg zu riskieren, auch wenn er nur zum Schein darauf eingeht."
Einen Moment schwieg Beate, dann schüttelte sie den Kopf. "Es ist ein Scheißgefühl, wenn um dein Leben gepokert wird, besonders wenn du weißt, dass dein Blatt ein Bluff ist…" Nun hob sie den Blick und meinte: "…aber es ist ein schönes Gefühl, dass es jemanden gibt, der bereit ist, dein Blatt zu halten." Nun sah sie mich direkt an und ihre Augen sprachen eine klare Aufforderung aus.
"Ähm ja… Da ist noch etwas, das du vielleicht wissen solltest", sagte ich zu Jessika.
Die zog ihre Augenbrauen zusammen, während sie mich aus schmalen Augen ansah. "Wieso habe ich bloß das Gefühl, dass ich mich gleich fürchterlich aufregen werde?!"
"Es geht um Vera", sagte ich nur. "Vera liebt Beate und Beate liebt Vera."
"Was?!"
"Glaub mir, mich hat es auch überrascht. Wir müssen eine Lösung finden, aber Vera ist emotional völlig durcheinander. Auf keinen Fall dürfen wir sie tiefer in den Plan einbinden, Vera würde Fehler machen und Fehler sind jetzt buchstäblich tödlich."
Jessika schloss die Augen und dachte nach.
"Lass uns allein!", sagte sie nach einigen Augenblicken zu mir, also erhob ich mich und verließ die Wohnung. Als ich die Tür von außen geschlossen hatte, forderte Jessika Beate auf, sich zu ihr zu setzen. Jessika wartete, bis Beate Platz genommen hatte, dann sah sie Beate in ihre grünen Augen.
"Hör mir gut zu. Peter und Vera sind meine Familie. Ich liebe sie und werde alles tun, um sie zu schützen. Ich will das nur klarstellen, denn wenn ich dir helfen soll, erwarte ich, dass du alles tust, was ich dir sage. Sofort und genauso wie ich es anordne. Sind wir uns einig?"
"Ja, ich habe meine Familie verloren, ich werde deine nicht in Gefahr bringen." Jessika und Beate sahen sich lange in die Augen, dann ergriff Jessika Beates Hand. "Ich weiß, es ist nur ein kleiner Trost, doch vielleicht hilft es wenigstens etwas, um dein Leid zu lindern, du hast jetzt eine neue Familie."
"Ich werde und kann meine neue Familie nicht mit meiner alten Familie vergleichen und will es auch nicht, aber es ist ein schönes Gefühl zu einer so tollen Familie dazuzugehören. Und ich werde, genau wie du alles tun, um meine neue Familie zu schützen."
"Das wirst du auch müssen. Aber keine Sorge, ich denke mir was aus."
"Ich weiß", lächelte Beate, "du bist die Wonder-Woman. Danke."
"Bedanke dich nicht zu früh. Egal, wie sich die Dinge entwickeln, eines ist sicher. Beate Fischer… wird sterben!"
***
"Du musst uns Zeit verschaffen!", sagte Jessika ein wenig später zu mir. "Das Ganze ist eine Nummer größer, als wir zu Beginn dachten und Trommer wird ab jetzt sicher jeden unserer Schritte genau beobachten. Wir müssen ihn lange genug hinhalten, um unseren nächsten Coup zu planen."
"Ich werde mein Bestes tun, aber es ist, wie Beate sagte: mein Blatt ist ein Bluff und Trommer weiß das."
"Nein, wir bluffen nicht, wir halten einen Royal Flash in der Hand und wir gehen all in! Wir lassen ihm keine Wahl, entweder er geht mit und er setzt alles, oder wir lassen ihn die Karten auf den Tisch legen."
"Wow… ein Royal Flash…. Cool! Scheiße, wir haben überhaupt nichts und wir haben auch nichts, was wir setzen können."
"Oh doch, Bad-Man, und der Einsatz wird dir gefallen… Wir haben Petra Strass!"
***
Neues Ziel Soulebda
Einige Wochen nach dem John-Mercury-Fall rief mich mein Onkelchen an, um mir eine vakante Stelle schmackhaft zu machen. "Mischka, meine liebe kleine Mischka. Du hast diesen letzten Fall wunderbar gelöst, ich möchte dir gerne einen Arbeitsplatz in der Südsee anbieten, der könnte dich sehr ansprechen."
So begann damals die Vorstellung meines Gönners und Förderers. "Schau dir diese Daten auf dem anderen Kanal an, diese Inselgruppe nennt sich Soulebda, sie ist wundervoll und geheimnisvoll zugleich. Hier leben moderne Menschen, die zugleich stolz auf ihre über 4.000 Jahre alte Geschichte zurückblicken. Was dich interessieren könnte, auf dieser Insel gilt das Matriarchat und die Regentin ist eine sehr integre Frau. Schau dir doch die Daten und auch gleich diese Insel an. Für mich ist sie von Interesse, da sie sehr zentral im Südpazifik liegt. Noch eine Bitte, gib mir deine Antwort bis kommenden Montag."
Damit verabschiedete sich mein Onkelchen und auf meinem Notebook blinkte das Mailsymbol auf. Die geschützte Datei enthielt die genaue Lokation in der Südsee und eine Menge an Informationen, die ich mir ansehen sollte. Die Hauptinsel dehnte sich in Ost-West-Richtung mit zwei aktiven Vulkanen aus. Um die Insel herum befanden sich vier größere Inseln, die bewohnt waren und eine Vielzahl kleiner und kleinster Inselchen. Diese schienen jedoch weitgehend unbewohnt zu sein.
Die nächsten Nachbarn im Pazifik waren im Norden Nauru, im Osten Tuvalu, südlich gesellten sich die Fidschi-Inseln dazu, im Südwesten lag Vanuatu und im äußeren Westen befanden sich schließlich die Salomonen. Für mich lag diese Inselgruppe inmitten des riesigen blauen Pazifiks.
Soulebda, diese geheimnisvolle Insel, war sehr alt. Offenbar lag die Inselgruppe weit genug im Süden, sodass keine der größeren Mächte je in diese Richtung gefahren war, oder es gab keine Aufzeichnungen mehr darüber, dachte ich mir. Durch die fehlende Christianisierung blieben die uralten Lehren und Riten erhalten und schienen bis zum heutigen Tag noch gelebt zu werden.
Mir fiel positiv auf, dass die Regentin hier das Sagen hatte, ihr Mann als Regierungspräsident jedoch der Repräsentant war. Der Staat Soulebda hatte die Gerichtsbarkeit über das riesige Seegebiet bis zu den jeweiligen Nachbarn. Das hatte zur Folge, dass schwere Verbrechen direkt auf der Insel verhandelt und abgeurteilt wurden. Daher auch die Stellenbeschreibung. Gesucht wurde eine Henkerin oder ein Henker, der den verstorbenen, altgedienten Henker ablöste.
Die Inseln setzten sich folgendermaßen zusammen:
Im Nordosten lag Ni’jamong, der Name bedeutete auf Soulebdahea, der Sprache dieser Menschen, "Riesenschildkröte". Genauso sah diese Insel aus. Der Kopf befand sich dabei im Westen der kleinen Insel.
Im Nordwesten befanden sich mehrere sumpfige Inseln, die zu einer Gruppe gehörten. Diese abgelegene und unwirtliche Gegend wurde Ma’ninkal genannt, was "Rabeninsel" bedeutete und für die Gefräßigkeit der frechen Vögel stand, die hier brüteten. Über eine Besiedelung stand in dem Bericht nichts.
Im Südwesten lag Ka’lhlih, das bedeutete in der Sprache der Einwohner "Singender Papagei" und war wohl eine Insel voller Wunder. Hier nisteten Abertausende seltener Vögel und anderer Tiere. Der westliche Teil der kleinen Insel ähnelte einem Papageienschnabel.
Schließlich gab es da noch im Süden Poa’holh. Der Name bedeutet "Der lachende Kakadu" und es handelte sich um eine schöne, naturbelassene Insel mit dichten Wäldern, frischen Bächen und leicht zu besteigenden Höhen.
***
Die Zusage
Soulebda klang für mich sehr interessant. Ein abgelegenes Gebiet mit einer riesigen Ausdehnung, dazu die sichere Anstellung als staatliche Angestellte. Rasch machte ich die Online-Bewerbung fertig und informierte mein Onkelchen noch am gleichen Tag.
"Das ist gut für dich, eine solche Stellung bringt dich auf andere Gedanken und du kannst da vielleicht Dinge lernen, die unsere Leute dir nicht beibringen können. Schick mir deine Bewerbung, ich sorge dafür, dass sie auch ankommt."
"Onkelchen, wenn du mich auf diese Südseeinsel schickst, dann muss es gute Gründe dafür geben."
"Oh ja, das wirst du schnell erfahren, wenn du erst einmal dort unten bist." Was interessierte mein Onkelchen so sehr, dass er mich auf dieser Insel haben wollte? Ich las weiter und begann, mich langsam zu wundern. Diese Kultur dort war uralt. Mehrere tausend Jahre und damit viel weiter, als unsere Aufzeichnungen oder jene der Christen reichten. Bestenfalls die Chinesen hatten Aufzeichnungen, die vielleicht noch älter waren, aber diese galten inzwischen eher als Legenden. Das hier aber war verbrieft. Die Abgeschiedenheit hatte die Menschen geschützt. Jetzt machte eine kluge Politik der Regentin alles richtig, das Wissen der Altvorderen wurde erhalten und neues Wissen wurde integriert. Ich war überrascht, dies über einen Inselstaat zu lesen, der so weit im Nirgendwo lag.
Zwei Tage später hatte ich bereits die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Eine Videokonferenz wurde geschaltet und ich stellte mich den Fragen.
"Hallo Miss Miles, ich bin General Nassadir Chalis. Sie würden mir unterstellt sein. Ich bin auf Soulebda das ranghöchste Militärmitglied." Wir unterhielten uns recht ungezwungen, der General stellte einige Fragen, die ich beantwortete, und er war ganz offensichtlich schnell zufrieden. Nach gut einer Stunde lächelte er mich an und ich hatte meine neue Stelle auf dieser Insel Soulebda. Wieder einmal packte ich meine Sachen und flog in eine neue Zukunft.
***
Der Landeanflug auf die Insel war fantastisch. Ich konnte die Inseln über die Bordkamera gut sehen. Nach einer seidenweichen Landung überraschten mich die tropischen Temperaturen. Die unangenehme Feuchtigkeit, mit der ich gerechnet hatte, war nicht vorhanden, es war einfach nur sehr warm. Bei der Passkontrolle wurde ich auf die Seite gebeten und von zwei Polizistinnen begrüßt. "Miss Caroline Miles, Sie wurden uns zugeteilt, wir begrüßen Sie auf unserer Insel. Wenn Sie uns bitte folgen, Ihr Gepäck wird bereits zum Wagen gebracht."
Einer Reisenden im teuren Kostüm gefiel das ganz und gar nicht. Schnippisch reagierte sie: "Das ist wieder mal typisch, die jungen Frauen werden bevorzugt und wir aus der Business-Klasse müssen hier anstehen. Lassen Sie mich gefälligst auch durch die Kontrollen!"
Die ältere Polizistin mit höherem Dienstgrad schaute sich den Reisepass der Businessdame an und lächelte sie an. "Oh, Frau Dr. Ninnetaka, Sie sind wieder bei uns im Land, das freut mich. Gerne können Sie mitfahren, sobald die Kontrollen abgeschlossen sind. Übrigens ist die junge Dame hier unsere neue Henkerin. Ich denke, Sie wollen Ihren Ehemann im Gefängnis besuchen?"
Die aufgetakelte Frau blieb schockiert stehen und schaute mich mit großen Augen und offenem Mund an. "Die da ist die neue Henkerin?"
"Ja, in der Tat, wir bringen sie gerade zur Regentin. Wollen Sie immer noch mit uns fahren?"
Jetzt wechselte die Frau die Gesichtsfarbe und stellte sich anstandslos wieder in der Reihe an. Dass sie dabei einige Plätze in der Warteschlange verloren hatte, interessierte sie nicht mehr.
"Gehen wir, die bleibt jetzt friedlich."
"Wirke ich so abstoßend auf Geschäftsleute?", fragte ich die Polizistinnen und beide mussten kichern.
"Nein, gewiss nicht, aber ihr Ehemann ist ein verurteilter Mörder und er wird einer Ihrer ersten Kunden werden. Das wurde ihr jetzt schlagartig klar. So, da ist bereits unser Wagen."
Wir stiegen in einen zivilen Wagen und fuhren los. "Miss Miles, wir haben noch etwas Zeit bis zum Termin mit der Regentin, gestatten Sie uns, dass wir Ihnen einiges von unserer Stadt zeigen." Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Die Polizistinnen kannten nicht nur ihre Stadt, was nicht anders zu erwarten war, aber sie waren auch perfekte Fremdenführerinnen.
"Die Bibliothek, die müssen Sie einmal besuchen, die Bücher und Aufzeichnungen, die Sie hier finden, sind teilweise Tausende Jahre alt und reichen geschichtlich bis zu den alten Ägyptern."
Wir fuhren weiter. Mir fiel auf, dass ich Gebäude mit maximal zwei Stockwerken sah, aber nichts, was höher war. Die Polizistinnen stellten mir weitere Punkte vor, die interessant waren, ich sah auch diverse Statuen. Dann fuhren wir auf ein breit auslaufendes Gebäude mit vielen Anbauten zu.
"Das ist die Technische Universität, dahinter befinden sich die Fakultäten für Medizin. Die Fakultät für Stammeswissenschaften ist nicht viel kleiner."
"Stammeswissenschaften?"
"Das werden Sie noch ausführlicher erfahren, wir haben hier auf Soulebda nicht nur die konventionellen Wissenschaften, wie ihr Europäer das nennt, sondern noch deutlich ältere Naturwissenschaften, die über 4000 Jahre zurückreichen.
Dieses Wissen ist nie verloren gegangen und wird hier weiter erhalten und ausgebildet. Tatsächlich wissen unsere Stämme Dinge, für die die westliche Wissenschaft noch nicht einmal einen Namen hat."
Wir fuhren weiter und kamen zum Zentralkrankenhaus, das auf unserem Weg durch die Stadt lag. Es hatte große Ausmaße, war aber auch nur zwei Etagen hoch.
"Einige der Einrichtungen werden demnächst erneuert. Wie so oft war lange Jahre der Etat begrenzt, aber das ist heute anders. Was das genau bedeutet, werden Sie auch noch erfahren."
"Da vorne kommt der Regierungsbereich. Hier sehen Sie den alten Regierungssender. Der wird jetzt aber abgebaut und an einen anderen Platz neu errichtet. Die Satellitenanlage steht auf einem anderen Platz, diese sehen wir von hier aus nicht. Gleich daneben ist der neue Internetknoten untergebracht."
"Ah, Sie haben hier einige Internetleitungen, gut zu wissen."
"Nun, Miss Miles, Soulebda besitzt sogar einen eigenen CIX Internetknoten. Nicht so groß wie der DE-CIX in Deutschland, aber der SUL-CIX kann sich sehen lassen." Dabei grinste die jüngere der beiden breit. Offenbar war sie vom Fach.
Ich lachte: "Oh, ich entschuldige mich und freue mich zugleich. Ich glaube, dies hier ist ein Inselstaat mit unglaublichen Möglichkeiten und Geheimnissen."
"Miss Miles, solange Sie uns mit offenen Augen und ehrlicher Freude begegnen, ohne Lügen und Heimtücke, solange werden Sie von uns alles erfahren und erhalten."
Die beiden schauten mich abwechselnd an und lächelten sich zu. "Vielen Dank, ich versuche alles, was mir möglich ist und freue mich auf das Neue und Unmögliche, das ich hier noch sehen werde." "Oh, seien Sie versichert, da ist noch vieles zu erleben. Da vorne kommt der Palast. Da müssen wir hin."
***
Die Regentin
Der Regierungspalast befand sich am Rand der Stadt auf einer Anhöhe. Umringt von einem wunderschönen Palmenhain und von prächtigen Gärten umgeben fuhren wir auf ein edles Granitbauwerk zu. Die filigranen Arbeiten wirkten wie von Kinderhänden geformt. Zentral befand sich eine mächtige Kuppel, die Einzige, die ich bisher gesehen hatte, die sich über drei Stockwerke erstreckte. Irgendwie wirkte der Palast eindrucksvoll, aber nicht protzig. Vor dem Gebäude sahen wir einige Wachen in Uniform, Frauen und Männer paarweise und sie schienen bestens zurechtzukommen.
Lediglich die Bewaffnung war für eine Palastgarde nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Ich erkannte nur die alten 45’er Colts 1911 Modelle. Dafür trugen die Wachen noch ein starkes Kampfmesser, das sah deutlich besser aus als die Pistole.
Wir hielten an einem bestimmten Punkt und wurden sogleich von Wachen begrüßt. "Bitte folgen Sie uns in den Palast, dort stellen wir Sie dann der Regentin vor."
Vor mir ging die dienstgradhöchste Polizistin und die jüngere Beamtin folgte mir. Im Palast war es deutlich kühler und wir hörten Mädchenstimmen, die sich unterhielten. Dazwischen tönten hin und wieder angenehm klingende Frauen- und ab und zu auch Männerstimmen. Aus einem der unzähligen Türen trat eine junge Frau, die mir sofort ins Auge fiel. Eine solche Südseeschönheit hatte ich noch nie gesehen, aber ehe ich sie genauer betrachten konnte, verschwand sie durch eine andere Tür.
"Wer war denn diese junge Frau?"
"Das war die Tochter der Regentin, sie bereitet sich auf die anstehenden Prüfungen vor. Sie heißt Penelope, ist 28 Jahre jung und studiert an der hiesigen Universität Wirtschaftswissenschaft, Sport und Geschichte. Dabei wird sie in keiner Weise bevorzugt. Sie muss schon zeigen, dass sie ihr Wissen hart erarbeitet hat. Aber glauben Sie mir, sie ist wirklich sehr gut."
"Wie spreche ich die Regentin überhaupt an, einfach nur Hoheit oder wie ist der Titel?" "Sprechen Sie sie einfach mit Regentin an. Alles andere hält sie für veraltet oder fehl am Platz. Mit Regentin verbindet sie, dass sie für das Volk da ist."
Eine mächtige Tür öffnete sich, zwei Wachen traten hindurch, dann folgte ein Offizier, der uns kurz mit Blicken überprüfte. Mit einem Nicken übernahm er die Verantwortung für mich. "Danke für alles", verabschiedete ich die Polizistinnen und der Offizier schaute mich strafend an. "Ruhe bitte!" Mehr sagte er nicht, da öffnete sich eine andere Tür und vor mir stand die Regentin. Zwei Schritt hinter ihr folgte ihr Gatte, der Regierungspräsident.
"Seien Sie gegrüßt, Miss Miles, ich freue mich, Sie kennenzulernen! Darf ich Sie Caroline nennen?"
Das Lächeln der Regentin war ehrlich und entwaffnend. Sie hatte mich mit diesem einen Satz bereits für sich gewonnen. Selten hatte ich einen Menschen mit einer so starken Ausstrahlung erlebt.
"Selbstverständlich, Regentin." Wir unterhielten uns zwanglos. Heylah ai Youhaahb, so ihr Name, war Regentin in der vierten Generation. Ihr Gatte, Sheramoh ai Youhaahb, war ein studierter Wirtschaftsökonom und Militär. Zusammen besaßen die beiden alles, was zum Regieren benötigt wurde: Wissen, Intelligenz und die Fähigkeit, Gefahr im Anzug zu spüren. Die beiden schienen sich perfekt zu ergänzen. Aus einer der Seitentüren huschte erneut Penelope, die Tochter der Regentin, musterte mich kurz mit einem Lächeln und war wieder verschwunden.
"Das war meine Tochter, Penelope, Sie werden sie sicherlich noch zu sehen bekommen." Danach folgte eine kurze Einweisung in meine Aufgaben, die Besonderheiten und nach einer knappen Stunde wurde ich an einen Oberst der Garde verwiesen, der mich genauer einweisen würde. Die Verabschiedung aus dem Palast erfolgte sehr freundlich.
Mit dem Oberst und einigen Verwaltungsangestellten fuhren wir vom Palast in ein gehobenes Villenviertel. Hier befand sich die Wohnung, in der ich leben und arbeiten würde. Wohnung war der falsche Ausdruck, es handelte sich um eine von mehreren Villen. Jede besaß einen sehr großzügigen Park- und Gartenbereich. Die Villa hatte ebenfalls zwei Etagen. Ich staunte über die gute Ausstattung.
Der Oberst führte mich dann in den eigentlichen Arbeitsbereich. Hierher würden die verurteilten Menschen überstellt und schließlich hingerichtet werden. Neben einigen Räumen war auf der Terrasse auch ein freistehender Galgen aus massivem Hartholz. Ich überzeugte mich von der Funktion und es war alles bestens gewartet. Die diversen Seile und Stricke, die mir zur Verfügung standen, waren erlesen. Die Maß- und Gewichttabellen, aus denen man die Fallhöhe und den Seiltyp entnehmen konnte, waren auch auf dem aktuellen Stand. Unnötig leiden müssten die Verurteilten hier also nicht. Das Material, das mir zur Verfügung stand, war das Beste.
So trat ich meinen neuen Job auf Soulebda an. Als Verwaltungsbeamtin war ich in das Palastleben eingebunden. Dazu zählten auch sehr viele sportliche Veranstaltungen.
***
Penelope
Penelope ai Youhaahb und ich trafen zum ersten Mal bei Wettbewerben der Universität aufeinander. Wie jedes Jahr wurden hier ausgiebige Spiele veranstaltet, so wie man auf Soulebda generell viel Wert auf Sport und Bewegung legte. Sie hatte einen wunderschönen, gebräunten Körper, ihre schlanken Beine waren sehr lang und verliehen ihr ein gazellenhaftes Aussehen. Die Mandelaugen harmonierten mit dem Kussmund und ihr schulterlanges Haar rundete das Gesamtbild ab.
Als das Los Penelope und mich im Staffellauf zusammenbrachte, funkte es sofort zwischen uns. Ab da waren wir häufig zusammen und bereits nach einem halben Jahr waren wir untrennbar und wurden palastintern schon als "das dynamische Duo" bezeichnet. Penelope war eine junge Frau, der man nichts vormachen konnte, kritisch hinterfragte sie alles und stritt gerne mit ihren Professoren. Diese trieben sie immer weiter zu Höchstleistungen an, forderten sie, aber förderten sie auch, wo es nur ging. Dass sie die Tochter der Regentin war, spielte für die Professoren keine Rolle. Penelope wurde auf die gleiche Weise behandelt wie die anderen Studierenden auch. Andererseits behielt die Regentin uns beide zunächst im Auge. Aber als sie sah, dass ich ihre Tochter zu weiteren Leistungen motivierte und da sie mich auch als normalen Menschen und nicht als Henker betrachtete, wurde klar, dass sie uns beiden vertrauen konnte.
In der großen Universitätsbibliothek saßen wir eines Tages an einem freien Platz, umgeben von Schriften und Büchern und wir erkundeten die Geschichte dieser einzigartigen Insel.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich mich für die Soulebdalesen so interessieren könnte. Das kulturelle und medizinische Wissen geht viel weiter zurück, als ich anfangs dachte. Die unterschiedlichen Stämme, die heute noch hier leben, bewahren Geheimnisse, die ich für unfassbar hielt."
"Ja, mein Volk wurde nicht von den monotheistischen Religionen verseucht. Diese Religionen, deren Gott als erstes Gesetz die Regel hatte, du sollst keine fremden Götter neben mir haben. Egal ob Christ, Protestant, Jude, Muslim oder was auch immer, sie alle sind in etwa gleichgestrickt. Alte bärtige Männer geben den Ton an und wir Frauen haben zu schweigen. So wurden viele Völker vernichtet. Frauen, die klug waren, wurden eingesperrt oder gleich verbrannt, nur damit eine Kirche ihre Macht nicht wanken sah und die katholische Kirche war dabei die Schlimmste!"
So war Penelope, sie sah das große Ganze und hatte ihre klare Meinung zu den Fehler von anderen. Hier auf Soulebda hatte es diese religiöse Entwicklung und damit systematische Unterdrückung nicht gegeben. Nach und nach lernte ich auch die Sprache, die an das Polynesische erinnerte und entwickelte ein Gefühl für ihre Nuancen. Penelope war mir dabei eine vorzügliche Lehrerin.
Glücklicherweise waren die Bräuche hier auf Soulebda nicht so wie in vielen der angeblich so aufgeklärten westlichen Staaten und so erhielten wir von der Regentin sogar den mütterlichen Segen. Dadurch galten wir als "Ohm’Jouh", also als Lebenspaar, eine Tradition, die hier noch verbreitet war. Auf diese Weise wurden Penelope und ich ein Liebespaar.

