Kitabı oku: «Aufwachsen in Geborgenheit», sayfa 2

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Wie Sie dieses Buch nutzen können

Dieses Buch wurde in der Absicht geschrieben, die Ihnen als Eltern innewohnenden Fähigkeiten und die tief in Ihnen angelegten positiven Intentionen zu würdigen. Es soll außerdem klare, einprägsame und wissenschaftlich fundierte Inhalte vermitteln, die Ihnen Tag für Tag zur Verfügung stehen und Ihnen Unterstützung bieten können, wenn Sie verwirrt sind oder Orientierung brauchen. Wir wollen das, was wir zu sagen haben, möglichst einfach halten, weil Elternschaft in der Hitze des Gefechts nach einer Art Einfachheit à la „Was soll ich jetzt bloß tun?“ verlangt, nicht nach einer Komplexität nach dem Motto: „Was stand da gleich noch auf Seite 217?“. Wir hoffen, dass unser Buch Ihnen ein unterstützender, sachlicher und leicht verständlicher Ratgeber ist, während Sie weiterhin die Eltern bleiben, die Sie zum Glück sind.

Das Buch ist in zwei Abschnitte unterteilt. Einigen Lesern wird Teil 1 schon vollkommen ausreichen, um eine neue Perspektive auf das Elternsein zu gewinnen. Wir erklären darin, warum Bindung so wichtig ist – beruhend auf den Erkenntnissen jahrzehntelanger Forschung – und weshalb Sicherheit zwar schwer definierbar, aber doch relativ leicht wiederherzustellen ist. Wir alle verlieren manchmal die Verbindung zu unseren Kindern (und anderen geliebten Menschen). Das Leben fordert uns heraus. Wir geraten in eine Krise. Andere Notwendigkeiten verlangen nach unserer Aufmerksamkeit. In solchen Zeiten kann es passieren, dass wir die Bedürfnisse unserer Kinder aus dem Blick verlieren und die Verbindung zu ihnen geschwächt wird. Doch wenn wir die Landkarte des Kreises der Sicherheit fest in uns verankert haben, ist es leicht, wieder zu der schlichten Schönheit unserer wichtigsten Beziehungen zurückzukehren.

Der Kreis der Sicherheit zeigt uns, dass ein kleines Kind zwei Arten von Bedürfnissen hat: Bedürfnisse nach Geborgenheit und Sicherheit auf der einen Seite und Bedürfnisse, etwas zu erkunden, auf der anderen. Kinder bewegen sich im Verlauf eines Tages viele, viele Male zwischen diesen Bedürfnissen hin und her, doch wir verstehen nicht immer, was sie gerade wollen. Was wir sehen, sind ihre Verhaltensweisen, und wenn wir es mit diesen Verhaltensweisen schwer haben, dann reagieren wir auf sie. Es gibt Etliches, was uns für diese Bedürfnisse blind machen kann, und mithilfe der Landkarte, die Ihnen der Kreis der Sicherheit zur Verfügung stellt, ist es möglich zu erkennen, was hinter den Verhaltensweisen der Kinder steht und was sie von uns brauchen. In Kapitel 3 finden Sie eine Illustration des Kreises und einprägsame Beschreibungen dieser grundlegenden Bedürfnisse, die bei Eltern auf der ganzen Welt auf Resonanz gestoßen sind.

In unserer leistungsorientierten Zeit ist es sehr viel schwieriger, mit einer emotionalen Erfahrung einfach bloß zu sein (sei es unsere eigene oder die eines anderen Menschen), als zu versuchen, eine Antwort und eine schnelle Lösung für das Problem zu finden, das uns Unbehagen bereitet. Für uns als Eltern trifft das allemal zu. (Eine Google-Suche nach „helicopter parents“ („Helikopter-Eltern“ – überfürsorgliche Eltern, deren Erziehungsstil geprägt ist von Überbehütung und Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes, A. d. Ü.) ergab im Jahr 2015 fast sechs Millionen Resultate.) Doch entscheidend für die Entstehung einer sicheren Bindung zu unseren Kindern ist das, was wir „Mit-Sein mit dem Kind“ nennen. Das bedeutet nicht nur, ausreichend physisch anwesend zu sein und zum Beispiel zustimmend da zu sitzen und „Qualitätszeit“ mit unserem Kind zu verbringen, während es in seinem Lieblingsvideospiel Monster vaporisiert oder uns einen lange eingeübten Fußballtrick vorführt. Es bedeutet, eine gemeinsame emotionale Erfahrung zu schaffen, in der das Kind lernt, dass allen Menschen bestimmte wesentliche Gefühle gemeinsam sind (und zugleich auch, dass jeder Mensch seine Gefühle auf ganz einzigartige Art und Weise erlebt). Wenn der Schwerpunkt auf dem „Mit-Sein“ mit ihrem Kind liegt, wird es leichter, denjenigen Bedürfnissen Priorität zu geben, die vor den Augen aller verborgen liegen. Wenn Sie „mit Ihrem Kind sind“, dann unterstützen Sie es dabei, Empathie und zugleich Selbstvertrauen in seine eigene emotionale Kompetenz zu entwickeln, außerdem lernt es mit Ihnen, seine Emotionen zu regulieren und mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Kapitel 4 ist dem Thema „Mit-Sein“ gewidmet.

Wenn wir schreiben, Sie hätten bereits alles, was Sie brauchen, um gute Eltern zu sein, wollen wir damit natürlich nicht behaupten, dass Ihre Instinkte immun gegen negative Einflüsse wären oder es keine Störfaktoren in der äußeren Welt gäbe. Wie Ihre Eltern oder andere Bezugspersonen Sie aufzogen hat Ihren eigenen Bindungsstil genauso geprägt, wie Ihre Erziehung den Bindungsstil Ihrer Kinder prägen wird. Das gilt für uns alle, und wir alle haben, je nach Bindungsstil, ein Quäntchen Unsicherheit in Bezug auf bestimmte emotionale Bedürfnisse. Zwar sind Sie sich dieser Einflüsse nicht unbedingt bewusst, da sie in Erinnerungen abgespeichert sind, die in das vorsprachliche Alter zurückreichen, aber erstaunlicherweise hat Ihr Baby ein angeborenes Gespür dafür und versucht möglicherweise, Sie vor unangenehmen Gefühlen zu schützen, indem es so tut, als hätte es bestimmte Bedürfnisse nicht. In diesen Bereichen werden Sie wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, und diese übertragen sich oft auf die nächste Generation. Wenn Sie diese Tendenzen mit Hilfe von Kapitel 5 und 6 an die Oberfläche bringen, können Sie Ihre Kinder und Enkelkinder davor bewahren, dass sie mit den gleichen Aspekten des Elternseins Schwierigkeiten haben werden. Wenn Sie wissen, wie hinter Ihren eigenen Kulissen die Fäden gezogen werden, können Sie sich aktiv dafür entscheiden, Ihrem Kind Sicherheit zu geben.

Viele Menschen, die den Kreis der Sicherheit kennenlernen, stellen fest, dass Ihr neu gewonnenes Verständnis über die wichtige Bindung zwischen Eltern und Kindern bereits das Wesentlichste ist, was sie brauchen, um sich für Sicherheit zu entscheiden. Wenn Stress oder Verwirrung entstehen, ziehen sie einfach ihre mentale Karte des Kreises hervor (oder schauen auf den Ausdruck, den sie sich an den Kühlschrank geheftet haben). Doch manchen Menschen fällt dieser Prozess auch weniger leicht (und wir alle finden ihn zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Situationen schwierig). Diese Menschen sind sich meist bewusst, dass Sicherheit in ihrer eigenen Vergangenheit nicht immer gegeben war. Für sie ist es wichtig, genauer herauszufinden, was ihnen im Wege steht – wobei herauszufinden, was uns im Wege steht, natürlich für uns alle enorm erhellend sein kann. Dieses Interesse zu entwickeln und die verborgenen Alarmglocken zu entdecken, die durch Erfahrungen in unserer eigenen Kindheit ausgelöst werden, ist etwas, worin Sie der zweite Teil des Buches unterstützt. Sie finden darin Fragebögen zur Selbsterkundung und weitere Beschreibungen, wie Bindung in ihren zahlreichen Variationen aussehen kann. Wir stellen Ihnen verschiedene Eltern und Kinder vor, die den so wichtigen Prozess der Bindung von der frühesten Kindheit an bis ins Jugendalter durchlaufen. Sie werden sehen, dass wir alle unsere Schwierigkeiten haben und Fehler machen, und Sie werden sehen, wie wir unsere Fehler wiedergutmachen und unsere Kinder darin unterstützen können, sich gesund zu entwickeln.

Willkommen im Club!


Einmal im Kreis herum

Bindung und die Bedeutung von Sicherheit verstehen

Du glaubst, weil eins und eins zwei ergeben, verstehst du zwei. Aber um das Wesen von zwei wirklich zu begreifen, musst du zuerst das „und“ verstehen.

JALALUDDIN RUMI,

Dichter und Gelehrter aus dem dreizehnten Jahrhundert


Bindung:

Warum sie wichtig ist

In ganz gewöhnlichen Momenten zwischen Eltern und Kindern geschieht etwas durchaus Bemerkenswertes:

Danny wartet auf das aufmunternde Lächeln und Nicken seiner Mutter, bevor er zu den anderen Kindern in den Sandkasten klettert.

Die einjährige Emma beruhigt sich augenblicklich, als ihr Vater sie auf seinen Schoß hebt, obwohl er weiter auf seinem Telefon herumtippt und das kleine Mädchen kaum ansieht.

Jake hört auf, auf seine Spielzeugtrommel einzuschlagen, nachdem seine Mutter nicht länger von ihm verlangt, sie wegzulegen, sondern stattdessen ausruft: „Wow, du hast ja ein tolles Rhythmusgefühl, mein Lieber!“

Momente wie diese sind ebenso alltäglich wie schnell vergessen, meist bleiben sie sogar unbemerkt. Doch was sich den Kindern durch viele solcher kleiner Momente einprägt, ist ausgesprochen tief greifend. Jedes Mal, wenn Sie auf das Bedürfnis des Kindes nach Geborgenheit oder nach Ermutigung eingehen, knüpfen Sie ein Band des Vertrauens. Jedes Mal, wenn Sie dem Kind zeigen, dass Sie verstehen, wie es sich fühlt und was es will, demonstrieren Sie die Kraft einer ursprünglichen Verbundenheit, nach der wir alle uns unserem Wesen nach sehnen. Jedes Mal, wenn Sie Ihr Baby oder Kleinkind darin unterstützen, mit all den unangenehmen Gefühlen und der Frustration umzugehen, die ein neues Menschenkind erlebt, lehren Sie es, seine eigenen Gefühle sowie auch die anderer Menschen zu akzeptieren (sogar die „unschönen“).

Das sind die Geschenke einer sicheren Bindung. Eine sichere Bindung entsteht in einem Kind von selbst, wenn ein Elternteil oder eine andere primäre Bezugsperson in der Lage ist

• dem Kind zu helfen, sich sicher zu fühlen, wenn es Angst hat oder sich unwohlfühlt

• dem Kind zu helfen, sich sicher genug zu fühlen, um die Welt zu erkunden, was essenziell für sein Wachstum und seine Entwicklung ist

• dem Kind zu helfen, seine emotionale Erfahrung zu akzeptieren und damit umzugehen

Sowohl Eltern als auch Kinder haben die Veranlagung, sich zu binden. Die Entwicklung dieser besonderen Verbundenheit beginnt schon vor der Geburt, und wunderbarerweise kommt Ihr Baby mit dem starken Instinkt auf die Welt, Ihnen nahe sein zu wollen. Dazu reicht ihm nicht einfach irgendein Erwachsener, auch wenn theoretisch viele Erwachsene die Nahrung, die Wärme und den Schutz bieten könnten, die zum physischen Überleben des Babys notwendig sind. Aus jahrzehntelanger Forschung lässt sich schlussfolgern, dass ganz kleine Babys sich augenblicklich in das Gesicht der Mutter oder des Vaters verlieben, denn obwohl sie es noch kaum scharf sehen können, können sie doch bereits die Liebe und die Hingabe der Eltern spüren. Das ist der Mensch, so ahnt das Baby, der für mich da sein wird. Das ist jemand, der mir helfen wird, diese verwirrende neue Welt zu verstehen und das Gute darin zu finden.

Was uns als Eltern verbindet, ist, dass wir alle Gutes für unsere Kinder wollen – Liebe und Mitgefühl, Verständnis und Akzeptanz, Sinn und Erfüllung. Und die Kinder wollen und brauchen Gutes von uns, wenn sie auf die Welt kommen. Eine unserer wichtigsten Mentorinnen, die Entwicklungspsychologin Jude Cassidy definierte (gemeinsam mit dem Sozialpsychologen Phillip Shaver) Bindungssicherheit als „Vertrauen in die Möglichkeit des Guten“. Unserer Meinung nach geht es genau darum. Wir wollen für unsere Kinder das, was gut, wirklich notwendig und erfüllend ist. Und mit genau diesem Wunsch kommen sie auch auf uns zu – auf ihre einzigartige, wunderbare, immer frische und oft auch fordernde Art und Weise. „Bitte hilf mir, in das Gute in dir, das Gute in mir und das Gute in uns zu vertrauen.“ Und dazu sind wir ja schließlich da.

Die große Bedeutung des kleinen Wörtchens „Und“

Wir alle beginnen unser Leben in tiefer Verbundenheit mit einem anderen Menschen, nicht allein. Das heißt nicht nur, dass das gemeinsame Bewohnen eines Körpers vor der Geburt eine Bindung zwischen Müttern und Babys schafft, die zumeist auch danach bestehen bleibt. Babys entwickeln ebenso eine Bindung an ihre Väter, ihre Großeltern oder jede andere Person, deren Blick sagt „Ich bin für dich da“, und die dieses Versprechen dann überwiegend auch hält. Schon ganz kleine Babys scheinen diese Hingabe zu erkennen und beginnen, in den ersten Lebenstagen mit ihrem Verhalten darauf zu reagieren. Sie folgen uns mit den Augen, wedeln aufgeregt mit den Armen, wenn wir von der Arbeit nach Hause kommen, und ihr erstes Lächeln erscheint als Antwort auf unser Lächeln – ein Geschenk, das die meisten Eltern niemals vergessen. Wenn wir den Eltern im Training zum Kreis der Sicherheit vermitteln wollen, wie unglaublich wichtig sie für ihre Kinder sind, spielen wir Joe Cockers Song „You Are So Beautiful“ und zeigen dazu Videoclips von Bindungsmomenten zwischen Eltern und Kindern.

Wie der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott einst sagte: „Wenn man ein Baby beschreiben will, wird man feststellen, dass man ein Baby und zugleich eine andere Person beschreibt.“ Damit brachte er zum Ausdruck, wie unentbehrlich wir für unsere Kinder sind. Baby Gino oder Sasha oder Hiroto haben vielleicht eigene Arme, Beine und Gesichter, aber in Wirklichkeit existieren Sie noch nicht vollständig als Individuen. Wir neigen dazu, Babys als komplett ausgeformte kleine Kreaturen zu sehen, die tief im Inneren wissen, was sie fühlen und brauchen und wer sie sind, nur einfach noch nicht über die sprachlichen Fähigkeiten verfügen, um es auszudrücken. In Wirklichkeit aber haben neugeborene Babys keine Ahnung, was sie fühlen, außer dass ganz oft irgendetwas Unbekanntes und Schwieriges mit ihnen geschieht (sie brauchen irgendetwas) – ein ungeformtes Verlangen beginnt, sich zu entwickeln. Wenn Mama oder Papa dem gestressten Baby dann in die Augen schauen, „ja, ja“ gurren und magischerweise verstehen, was das Baby braucht – und es ihm sogar geben! –, sagen die Eltern dem Baby damit: „Ich bin bei dir. Wir fühlen ähnlich und wir kriegen das zusammen hin.“ Wenn dieser Austausch wieder und wieder stattfindet, lernt das Baby, dass menschliche Gefühle normal, akzeptabel und mitteilbar sind. Es lernt, dass dieser besondere Erwachsene seine Gefühle für es ordnen und ihm nach und nach beibringen kann, sie selbst zu regulieren – ein Vorgang, den man „Co-Regulation von Gefühlen“ nennt. Es lernt, dass es mit Mutter oder Vater viele wichtige Dinge gemeinsam hat, jeder für sich aber auch ganz einzigartig ist. Es erfährt, dass die Beziehung – das „und“ – wesentlich für die Formung des Selbst ist.

Bis zur Mitte des 20 Jahrhunderts stand das Selbst als ein von den anderen Menschen getrenntes Wesen im Fokus der Entwicklungspsychologie. In der westlichen Gesellschaft hat diese Annahme viele Ansichten und Erwartungen darüber geprägt, wie wir unser Leben führen sollten. Sobald wir dazu in der Lage waren, wurde von uns erwartetet, dass wir für uns selbst sorgen, und die Sozialpolitik begünstigte, zumindest in den Vereinigten Staaten, individuelle Bedürfnisse vor kollektiven. In unserer Arbeit mit dem Kreis der Sicherheit sind wir zu der gegensätzlichen Ansicht gelangt: Es ist das „Und“, das wichtig ist. Wir würden sogar so weit gehen zu behaupten, dass Unabhängigkeit ein Mythos ist. Von der Geburt an bis ins hohe Alter steht unsere Fähigkeit, einigermaßen autonom zu handeln, in direktem Zusammenhang mit unserer Fähigkeit zur Verbundenheit. Was bedeutet das für Eltern mit kleinen Kindern? Wenn wir möchten, dass unsere Kinder selbstständig werden, hinausgehen und es mit der Welt aufnehmen, müssen wir ihnen das volle Vertrauen ermöglichen, dass sie zu uns zurückkommen können, wenn sie das brauchen. Autonomie und Verbundenheit: Das ist sichere Bindung.

Und das kann zum Beispiel so aussehen:

Lei ist drei Jahre alt. Sie ist lebendig, verspielt und voller Neugier. Sie und ihr Vater sind gerade in den Park spaziert, der zwei Blocks von ihrem Zuhause entfernt liegt, und während sie auf das Klettergerüst zusteuern, wirft Lei, wie es typisch für sie ist, ihrem Vater lediglich einen flüchtigen Blick zu (kaum länger als eine Millisekunde) und rast davon, um ihre Version des Mount Everest zu besteigen. Was einem beiläufigen Beobachter vielleicht nicht auffällt, ist, dass Lei in dieser Millisekunde, in der sie mit ihrem Vater Kontakt aufnimmt, genau die Erlaubnis und die Unterstützung bekommt, die sie braucht – ist es ein kurzer Blick, ist es etwas in seinen Augen? –, um zu wissen, dass es absolut in Ordnung ist, dieses neue Abenteuer zu wagen.

Vierzehn Sekunden später ist sie bereits auf der Spitze des Gerüsts, schaut zu ihrem Vater zurück, mit jeder Faser ihres Körpers Stolz verströmend, und verkündet ihren Triumph: „Ich bin ein großes Mädchen.“

„Ja, das bist du, Lei“, antwortet ihr Vater, „ja, das bist du!“ (Was Lei nicht weiß, ist, dass ihr Vater sehr an sich halten muss, um nicht einzugreifen und da zu bleiben, wo er ist, weil ein Teil von ihm Angst hat, dass sie herunterfallen könnte. Doch aufgrund ihrer früheren Erfahrungen mit diesem Gerüst, bei denen er das Bedürfnis hatte, nahe bei seiner Tochter zu bleiben und auf sie aufzupassen, weiß er nun, dass sie über die Kraft, den Gleichgewichtssinn und die Begeisterung verfügt, um diesen Teil des Spielplatzes auf eigene Faust zu erkunden.)

Nach weiteren zwanzig Sekunden klettert Lei wieder herunter. Sie hat noch immer Spaß, freut sich noch immer an ihrem wachsenden Kompetenzgefühl, doch sie rennt zurück zu ihrem Vater, strahlend und sichtbar stolz auf ihre Leistung. Sie ist entzückt. Er ist entzückt. Sie schaut ihm in die Augen, sie berühren sich kurz, und dann – zack! – rennt sie wieder los, dieses Mal auf die Rutsche zu, bereit für eine weitere aufregende Runde.

Das ist also sichere Bindung. In diesem einfachen Augenblick ist Leis Vater einfach bei ihr und reagiert auf die sich verändernden Bedürfnisse seiner Tochter, während sie die mitunter angsteinflößende Aufgabe in Angriff nimmt, ihre Welt zu erkunden. Wichtig ist dabei auch, dass Lei deswegen weiß, dass ihr Vater auf sie reagieren wird, weil er das in der Vergangenheit bereits viele Male getan hat. Das ist einer der Gründe, aus denen die ganze Abfolge so glatt abzulaufen scheint, so ungeplant. Leis Ausdruck ihrer grundlegenden psychischen Bedürfnisse und die Reaktionen ihres Vaters haben sich zu dem Gewebe ihrer Beziehung verflochten.

Bindung: Ein bleibendes Vermächtnis

Lei und ihr Vater mussten wohl kaum bewusst über ihre Verhaltensweisen nachdenken, doch wie bei allen Menschen haben die positiven Effekte ihrer sicheren Bindung eine bleibende Wirkung. Diese erste Beziehung, die so nah ist, dass „zwei“ darin fast nicht von „einem“ zu unterscheiden ist, können wir nicht einfach abschütteln, wie ein Schmetterling seinen Kokon abstreift, auf und davon fliegt und vergnügt bis ans Ende seiner Tage lebt. Wir tragen sie mit uns in all unsere Beziehungen, all unsere Arbeit, all unsere Interaktionen, und falls es sich um eine sichere Bindung handelt, dann könnte sie unter Umständen zu einem vergnüglichen „bis ans Ende unserer Tage“ führen.

Fünfzig Jahre Forschung haben gezeigt, dass Kinder mit einer sicheren Bindung:

• mehr Freude mit ihren Eltern erleben

• weniger wütend auf ihre Eltern sind

• sich besser mit ihren Freunden verstehen

• stabilere Freundschaften haben

• in der Lage sind, Probleme mit Freunden zu lösen

• bessere Beziehungen zu ihren Geschwistern haben

• über ein stärkeres Selbstvertrauen verfügen

• wissen, dass sich für die meisten Probleme eine Lösung finden wird

• darauf vertrauen, dass gute Dinge auf sie zukommen

• den Menschen vertrauen, die sie lieben

• freundlich zu den Menschen um sie herum sind

Jahrzehntelange Forschungen haben inzwischen belegt, dass eine sichere Bindung an eine primäre Bezugsperson dafür sorgt, dass die Kinder gesünder und glücklicher sind, in praktisch jeder Hinsicht, in der wir diese Dinge messen können – in Bezug auf Kompetenz und Selbstvertrauen, Empathie und Mitgefühl, Resilienz und Durchhaltevermögen… in Bezug auf die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, intellektuelle Fähigkeiten zu entwickeln und die körperliche Gesundheit zu erhalten… in Bezug auf die Arbeit und ein erfülltes Privatleben. Vielleicht noch wichtiger ist, dass eine sichere Bindung in der ersten Beziehung eines Kindes die Grundlage für gute Beziehungen im weiteren Leben legt. Und inzwischen wissen wir ohne Zweifel, dass Beziehungen der Motor und das Gerüst für Zufriedenheit und Erfolg in allen Lebensbereichen sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass soziale Beziehungen die geistige und körperliche Gesundheit fördern und sogar das Sterberisiko senken: Analysen zu Studien in zahlreichen Ländern haben wiederholt ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit eines vorzeitigen Todes umso kleiner ist, je mehr ein Mensch in soziale Beziehungen eingebettet ist, und dabei hatten die am stärksten isolierten Menschen sogar ein zweifach erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu den am stärksten sozial eingebetteten. In den westlichen Gesellschaften scheint man die Bedeutung des „Und“ langsam zu verstehen, wie die wachsende Beliebtheit von Büchern und TED-Talks zu Themen wie dem Wert von Verletzlichkeit vermuten lässt. Langsam wird uns klar, dass unsere Beziehungen nicht einfach nur nette „Extras“ sind. Die Menschen, die sich mit ihren Kollegen am besten verstehen, bekommen oft als erste eine Beförderung – und zwar nicht nur, weil sie kluge Allianzen gebildet haben, sondern oft auch, weil sie am produktivsten sind. Uns ist klar, dass es nicht hilfreich ist, wenn wir ständig wie besessen über unsere Kinder wachen wie der besagte sprichwörtliche Helikopter, doch wissen wir inzwischen auch, dass es etwas anderes ist als diese Art der Überwachung, wenn wir das Baby immer wieder beruhigen, und dass es dadurch nicht lebensuntauglich wird. Die Beziehungen, die wir eingehen, geben uns Kraft und machen uns sogar aus, denn in jedem „Und“ werden wir zu etwas, das über uns allein hinaus geht.

„Ich beruhigte mich damit, dass er schon immer einfallsreich, robust und selbstsicher war. Zwei Tage später… rief er mich an, überschwänglich und beglückt über seinen Triumph. Ich sagte zu ihm: ‚Viel Glück bei deinem Abenteuer‘, und wusste, dass es genau das war, was er von mir hören musste. Ich konnte ihn aus der Ferne in die Arme nehmen, in dem Wissen, dass er über all die Möglichkeiten, die Liebe, die Bindung und die Ressourcen verfügte, die aus seiner jahrelangen Erfahrung einer sicheren Bindung stammten. Seine sichere Bindung ermöglichte ihm, seine Erkundungen weiter und weiter auszudehnen.“

HEIDI S. ROIBAL, Albuquerque, New Mexico, nachdem ihr dreiundzwanzigjähriger Sohn allein auf eine Reise quer durchs Land aufgebrochen war

Auf die Bindung kommt es an

Intuitiv kennen Sie die Bedeutung des „Und“ bereits. Wenn wir anderen Menschen vertrauen und uns mit ihnen sicher fühlen, können sich Beziehungen weiterentwickeln – Freundschaften können sich vertiefen, wenn man ein beschämendes Kindheitsgeheimnis preisgibt, intime Beziehungen können sich festigen, wenn man es wagt, dem anderen einen Heiratsantrag zu machen, Kollegialität und gegenseitiger Respekt können entstehen, wenn man um die Beförderung bittet, die man verdient hat. Sogar ganz große Errungenschaften – das beste Bild, das man je gemalt hat, der Einfall für eine ebenso großartige wie radikale Innovation, die fantastische Rede, die man geschrieben hat –, die auf den ersten Blick nichts mit anderen Menschen zu tun haben, werden oft nur durch die Erfahrung von Sicherheit möglich. Wenn wir im Allgemeinen in die Offenheit und die Akzeptanz anderer vertrauen, sind uns Kreativität, Kompetenz, umsichtige Risikobereitschaft und geistige Klarheit möglich, da wir davon ausgehen, dass unsere Ideen in einer sicheren Umgebung auf Verständnis treffen und willkommen geheißen werden. Wenn das der Fall ist und wir Erfolg haben, wird die Bedeutung von Bindung noch bestärkt durch die Erfüllung, die wir erleben, wenn wir unsere Freude mit anderen teilen.

Eine sichere Bindung ist ein wenig wie der geliebte Teddybär aus Kindertagen. Hat man Zuversicht und Vertrauen in das Gute in mir, in dir und in uns, nimmt man dieses Vertrauen während wichtiger Übergänge und Veränderungen im Alltag mit. Wie es in unserem Leben läuft, bemessen wir Erwachsenen im Allgemeinen daran, wie es in unseren Beziehungen läuft. Wenn die Beziehungen gut laufen, läuft das Leben gut. Wenn wir lieben und geliebt werden, geht es uns gut.

Eine sichere Bindung zu haben bedeutet zu wissen, dass jemand einem dem Rücken stärkt,1 und zu wissen, dass jemand einem den Rücken stärkt, eröffnet eine ganze Welt voller neuer Möglichkeiten.

Falls Sie selbst die positiven Auswirkungen einer sicheren Bindung erlebt haben, wird es Sie nicht überraschen, wie verheerend das Fehlen von jeglicher Bindung sein kann. Im dreizehnten Jahrhundert ließ der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. ein Experiment durchführen, um herauszufinden, ob Neugeborene irgendwann die Sprache von Adam und Eva sprechen würden, wenn sie von den Erwachsenen um sie herum keinerlei Sprache zu hören bekämen. Er wies die Pflegekräfte an, mit den Babys weder zu sprechen noch zu gestikulieren, und letztlich verstarben sie alle. Siebenhundert Jahre später, in den 1930er-Jahren und 1940er-Jahren, zeigte sich derselbe Zusammenhang an Kindern in Waisenhäusern, bei denen die Sterberate bei alarmierenden 30 % lag. Obwohl mit den offensichtlichen Notwendigkeiten des Lebens versorgt – Essen, Obdach, Kleidung –, überlebten viele Kinder nicht ohne eine Bindung an eine primäre Bezugsperson.

Wie konnte es, angesichts dieser Beweislage, dennoch so lange dauern, bis der Wert von Bindung verstanden wurde? Diese Dinge brauchen ihre Zeit, und damit eine neue Theorie akzeptiert werden kann, müssen oft andere, etablierte Theorien verworfen werden. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert beruhten die zwei vorherrschenden Denkschulen in Bezug auf kindliche Entwicklung einerseits auf den psychoanalytischen Theorien von Sigmund Freud und seinen Kollegen und andererseits auf den behavioristischen Theorien von John B. Watson und später B.F. Skinner und anderen:

• Freud kam zu dem Schluss, dass die psychischen Probleme, die er bei seinen Patienten sah, ihre Wurzeln in verschiedenen unbewussten, gedanklichen Prozessen hätten, die in der frühen Kindheit einsetzten und ihre Wirkungen während der Entwicklung des Kindes weiter entfalteten. Diese Prozesse bestimmten seiner Ansicht nach, wie ein Baby mit seinen Eltern interagiert und was ein Baby neben Essen und anderweitiger Fürsorge noch zu brauchen scheint. Freuds Theorien sorgten dafür, dass der Fokus mancher Entwicklungspsychologen (und der Psychoanalytiker, die Erwachsene behandelten) auf undurchsichtigen Konzepten über das Unbewusste blieb, die bei den Menschen in der echten Welt auf wenig Resonanz stießen.

• Das andere Lager war das der Behavioristen, die glaubten, Babys verfolgten eine bestimmte Absicht, wenn sie für ihre Mama ein ganz besonderes Lächeln hervorzauberten, weinten, wenn diese aus ihrem Blickfeld verschwand, obwohl andere ihnen zugetane Bezugspersonen in der Nähe waren, oder sich in den Armen der Mutter wundersamerweise beruhigten. Ihre Absicht bestünde darin, belohnt zu werden: Wenn sie lächelten, wirkte die Mutter glücklich und kam näher. Wenn sie weinten, kam die Mutter meist zurück. Wenn sie sich in die Arme der Mutter kuschelten, durften sie dort bleiben. Watsons Ansicht nach diente der Bindungstrieb eines Babys dazu, dass die Mutter in der Nähe blieb, so dass sie ihm die Nahrung, die Wärme oder die trockene Windel geben konnte, die es brauchte. Heutzutage würde wohl kaum jemand noch leugnen, dass wir Menschen positiv auf Belohnungen reagieren. Das Besorgniserregende am strikten Festhalten an diesen frühen Formen des Behaviorismus bestand jedoch darin, dass Watson den Müttern riet, ihren Kindern nicht zu viel liebende Fürsorge zuzugestehen, denn sonst würden die Kinder später von der Welt erwarten, auf die gleiche Weise behandelt zu werden, was sie unweigerlich zu Invaliden machen würde.

Hier betritt die Stimme der Vernunft die Bühne: der britische Psychologe John Bowlby. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Bowlby an Forschungsarbeiten für die Weltgesundheitsorganisation beteiligt, unter anderem in Einrichtungen für Kriegswaisen und hospitalisierte Kinder. Die Kinder waren alle optimal versorgt: Sie wurden gut ernährt und gekleidet, hatten warme Betten und wurden medizinisch betreut, genau wie die Waisen vor dem Krieg. Was sie hingegen nicht hatten, waren Mutter und Vater. Und genau wie die Waisen aus früheren Jahrzehnten litten sie schrecklich unter dem Fehlen der Geborgenheit, Liebe und Nähe einer primären Bezugsperson. In den 1950er-Jahren filmten Bowlby und sein Kollege John Robertson eine Zweijährige, die zehn Tage im Krankenhaus verbringen musste und ihre Eltern jeweils nur eine halbe Stunde am Tag sehen durfte. In dieser Zeit verwandelte sie sich von einem aufgeweckten kleinen Mädchen in ein vollkommen niedergeschlagenes Kind.

Bowlbys Beobachtungen haben seitdem eine Veränderung der Besuchsregeln in Krankenhäusern bewirkt und auch auf die professionelle Kinderbetreuung Einfluss genommen. Und sie befruchteten seine Bemühungen, die Eine-Millionen-Dollar-Frage zu beantworten, die von Anbeginn der Menschheit an hätte gestellt werden sollen: Warum macht die Abwesenheit der Eltern oder anderer Bezugspersonen einen so gewaltigen Unterschied, wenn das Kind doch ansonsten alles hat, was es für seine Entwicklung braucht?

Wie es bei wissenschaftlichen Fortschritten so oft der Fall ist, kamen die Antworten aus einem Zusammenfluss von Ergebnissen verschiedener Forschungsgebiete, die ab Seite 46 zusammengefasst sind.

Bowlby vermutete, dass Babys aufgrund eines zutiefst instinktiven evolutionären Triebes, der dem Überleben der Spezies dient, eine Bindung an ihre primären Bezugspersonen entwickeln. Auf einer nonverbalen Ebene verstehen Babys vielleicht viel besser als wir Erwachsenen, wie wichtig Bindung ist und warum sie mit solcher Entschlossenheit danach streben. Bowlby und Ainsworth hatten bereits jede Menge Hinweise darauf, dass das Fehlen von Bindung in den ersten Lebensjahren einem Kind schaden kann, daher widmeten sie sich während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der Erforschung der Bindungsthematik. Sie identifizierten drei Untersysteme, die im Bindungsprozess eine Rolle spielen:

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