Kitabı oku: «Aufwachsen in Geborgenheit», sayfa 4

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Unterstützt die Bindung Ihr Kind dabei, seine Fantasie zu entwickeln?

Wir alle wünschen uns, dass unsere Kinder mit einem klaren Realitätssinn aufwachsen, aber eine gesunde Fantasie hat zweifellos ebenfalls ihr Gutes. Dr. Robert Emde, Experte für frühe sozial-emotionale Entwicklung, nannte die Fantasie eine „anpassungsfähige psychologische Funktion von emotionaler Bedeutsamkeit“. Die Bindungsforscherin und -expertin Inge Bretherton schrieb der Fantasie positive Auswirkungen auf Kreativität und Lernen zu: Wenn ein Kind seine Fantasie dazu verwenden kann, eine Geschichte zu erzählen, kann es das „Als-ob“ der Fantasie übersetzen in das „Waswenn“ des Verstandes, und auf diese Art und Weise kann es verschiedene Zukunftsszenarien erschaffen und mit ihnen experimentieren. Das bedeutet, dass Fantasie auch die sozialen Interaktionen verbessern kann, zum Beispiel dadurch, dass die Kinder sich vorstellen, was ihre Altersgenossen und Bezugspersonen vielleicht tun oder sagen würden, und dem entsprechend handeln.

Die meisten Kinder entwickeln im Alter von etwa drei oder vier Jahren Fantasie, allerdings hat die Forschung gezeigt, dass schon zweijährige Kinder Freude daran haben, mit ihren Eltern zu fantasieren, und in vielen Fällen bereits zwischen Wirklichkeit und Fantasie unterscheiden können. Interessanterweise fällt ihnen diese Unterscheidung unter Stress deutlich schwerer. Durch die Reduzierung von momentanem und langfristigem Stress könnte eine sichere Bindung bei kleinen Kindern den Nebeneffekt einer gesunden Fantasie haben.

Eine Grundlage für echtes Selbstwertgefühl

Wenn ein Elternteil die meiste Zeit für uns da ist (nicht die ganze Zeit – ein wichtiger Aspekt, den wir in diesem Buch noch ausführlich besprechen werden), schließen wir daraus, dass wir es wohl verdient haben müssen. Klingt albern – das ist doch schließlich die Aufgabe von Mama und Papa, oder? Es ist schließlich keine Belohnung für etwas. Aber stellen Sie sich einmal vor, was in einem Baby vorgehen würde, wenn es bereits über Worte verfügen würde: „Hm, ich habe geweint und Mama ist hergekommen und hat mich auf den Arm genommen. Sie hat mir in die Augen geschaut und ein trauriges Gesicht gemacht, und dann hat sie ganz sanft gesagt: ‚Ich weiß, ich weiß, das ist ganz schlimm…‘, woher wusste sie, wie ich mich gefühlt habe? Na ja, wie auch immer, sie ist da, und ich fühle mich schon etwas besser.“

Und dann, das nächste Mal: „Na schau mal, Mama ist wieder da. Sie ist herumgelaufen und hat schrecklich schnell irgendwelche Sachen gemacht, aber als ich geweint habe, kam sie trotzdem her.“ Und dann: „Schau mal! Sie ist da! Ich habe gerade angefangen, mir etwas Sorgen zu machen – ich habe sie ein paar Minuten lang nicht gesehen und wusste nicht, wo sie hingegangen ist. Aber ich habe noch nicht mal geweint, und da ist sie!“ Das Baby zieht aus diesem Muster folgenden Schluss:

Die Mutter sagt: „Ich bin da und du bist es wert.“

Ich schließe daraus: „Du bist da und ich muss es wert sein.“3

Die Forscher der Längsschnitt-Studie aus Minnesota fanden einen weiteren Nebeneffekt der Emotionsregulation, die in einer sicheren Bindungsbeziehung gelernt wird: Kinder, die darauf zu vertrauen gelernt hatten, dass ihre Eltern ihnen helfen würden, schmerzhafte Gefühle zu regulieren, entwickelten mit der Zeit auch Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit zur Emotionsregulation, was dazu führte, dass sie im Kindergartenalter und im Alter von zehn Jahren über mehr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl verfügten.

Sicher gebundene Babys beginnen ihr Leben mit einem großen Vorteil: Sie haben bereits erlebt, dass, wenn nichts in der Welt Sinn ergibt, wenn Schmerz, Angst und Traurigkeit wie aus dem Nichts auftauchen, dann jemand da ist, dem sie es wert sind, mit ihnen zu sein – ganz gleich, was los ist.

Wie Sie sicherlich wissen, ist „Selbstwertgefühl“ ein kontroverses Konzept. Vor noch nicht allzu vielen Jahren glaubten viele Eltern und andere Menschen, die mit Kindern zu tun hatten, Selbstwertgefühl entstünde dadurch, dass die Kinder sich anderen nicht unterlegen fühlen: goldene Sternchen für alle! Einfach dafür, dass sie gekommen sind! Inzwischen scheint sich die gegenteilige Vorstellung, Selbstwertgefühl entstünde durch Kompetenz, als gängige Meinung durchgesetzt zu haben. Und, wie wir gesehen haben, ist eine sichere Bindung glücklicherweise auch die Grundlage für Selbstvertrauen und weitere Eigenschaften, die man braucht, um Kompetenz zu entwickeln. Dass ein geringes Selbstwertgefühl Stress erzeugt, scheint sich von selbst zu verstehen. Wir möchten, dass unsere Kinder sich gut damit fühlen, wer sie sind und was sie können, und nicht durch Neid oder rücksichtsloses Konkurrenzdenken um ihren Selbstwert ringen müssen.

Ein weiterer warnender Hinweis: Selbstwertgefühl entsteht aus Bindungssicherheit, und nicht dadurch, dass einem gesagt wird, man sei anderen überlegen. In einer aufschlussreichen Langzeitstudie aus dem Jahr 2015 an fünfhundert Kindern im Grundschulalter berichteten Forscher von der Universität Amsterdam, dass Kinder, deren Eltern sie wissen ließen, dass sie sie liebten, sechs Monate später ein höheres Selbstvertrauen zeigten, während Kinder, deren Eltern ihnen sagten, dass sie noch „spezieller“ seien als andere, mehr Narzissmus zeigten, nicht aber mehr Selbstachtung. Selbstachtung kommt, zumindest teilweise, davon, akzeptiert zu werden, und nicht davon, überbewertet zu werden.

Soziale Kompetenzen entwickeln

In der Einleitung zu diesem Buch haben wir unsere feste Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass Beziehungen – das „Und“ im Leben – der Schlüssel zu Gesundheit und Zufriedenheit sind, auf welche Arten und Weisen auch immer diese Zustände wissenschaftlich erfasst werden. Insofern erscheint uns der Begriff „Kompetenz“ zu flach. Doch seine Bedeutung umfasst all die Arten und Weisen, auf die wir von den sozialen Aspekten unseres Lebens profitieren: Intimität, gegenseitige Unterstützung, Empathie, Zurechtkommen in allen Bereichen des Lebens, von der Schule und der Arbeit bis hin zur Familie und zum Freundeskreis. In einem Artikel zu der Frage, wie in der Gesundheitspolitik die positiven Auswirkungen sozialer Beziehungen berücksichtigt werden können, fassen die Autoren zusammen, dass „soziale Beziehungen eine Reihe von Gesundheitswirkungen zeitigen. Sie unter anderem die psychische und körperliche Gesundheit, die gesundheitsrelevanten Gewohnheiten und das Sterberisiko beeinflussen“.

Unterstützende Interaktionen mit anderen wirken sich positiv auf die Funktionen des Immunsystems, des endokrinen Systems und des kardiovaskulären Systems aus und reduzieren körperliche Verschleißerscheinungen, die unter anderem darauf zurückzuführen sind, dass die physiologischen Systeme durch Stressreaktionen chronisch überaktiviert sind. Diese Prozesse entfalten sich während der gesamten Lebensdauer und haben Auswirkungen auf die Gesundheit. In der Kindheit fördert emotionale Unterstützung durch andere (zum Beispiel durch eine primäre Bezugsperson) die normale Entwicklung verschiedener regulierender Systeme, unter anderem jene, die die Verdauung, die Stimmung, das Energieniveau und die allgemeine Reaktion auf Stress steuern. Bei Erwachsenen kann soziale Unterstützung dafür sorgen, dass aktuelle oder drohende Stressfaktoren keine negativen Effekte auf das Herz haben. Verheiratete Menschen haben ein geringeres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen als Menschen, die ihren Partner durch Tod oder Scheidung verloren haben.

Bessere körperliche Gesundheit

Zum Thema Gesundheit lässt sich sagen, dass die körperliche Entwicklung von einer Matrix aus komplizierten Faktoren abhängt, die sowohl der Veranlagung (Genetik und andere biologische Einflüsse wie Krankheiten) als auch Umwelteinflüssen geschuldet sind. Man vermutet, dass sichere Bindung mit besserer körperlicher Gesundheit einhergeht, auch wenn über deren genaues Zusammenspiel noch wenig bekannt ist. Wenn sichere Bindung, wie wir ja wissen, soziale Beziehungen verbessert und, wie wir ebenfalls wissen, soziale Beziehungen körperliche Gesundheit fördern, dann lässt sich daraus schließen, dass die Bindung die körperliche Gesundheit fördert. Was wir mit Sicherheit wissen ist, dass die aus einer sicheren Bindung resultierende psychische Widerstandskraft den körperlichen Verschleiß reduziert, der für alle möglichen Krankheiten verantwortlich ist.

In der Minnesota-Studie zeigte sich, dass Kinder mit einer sicheren Bindung über mehr soziale Kompetenz verfügen, und zwar „von ihren Beziehungserwartungen und -repräsentationen über ihren Umgang mit anderen und ihre Interaktionskompetenz bis hin zu ihrer Beliebtheit“. Sroufe und seine Kollegen stellten fest, dass sicher gebundene Kinder aktiver mit ihren Altersgenossen umgingen und weniger isoliert waren, sowohl im Kindergartenalter als auch in der mittleren Kindheit. Die Kindergartenkinder zeigten mehr Empathie und hatten mehr beiderseitige Beziehungen. Im Alter von zehn Jahren hatten sie mehr enge Freundschaften und waren in größeren Gruppen von Gleichaltrigen besser in der Lage, diese Freundschaften aufrechtzuerhalten. Im Jugendalter konnten die sicher gebundenen Kinder selbst in sozialen Kontexten, in denen sie sich verletzlich fühlten, gut funktionieren und Führungsrollen übernehmen.

Ist Bindung das Wesentliche am Menschsein?

Möglicherweise steckt hinter dem Phänomen „Bindung“ mehr als ein evolutionärer Instinkt. Bindung stößt in unserem tiefsten Inneren auf Anklang. Das mag daran liegen, dass die Interaktion zwischen Eltern und kleinem Kind eine Art Initiation des Kindes in die Essenz des Lebens ist; sie prägt seinen Umgang mit den vielfältigen Einflüssen der Veranlagung und der Umwelt im Laufe seines Lebens. Ein Wissenschaftler nannte die Beziehung zwischen Mutter und Baby einmal „die erste Begegnung zwischen der Vererbung und der psychischen Umwelt“. Die Tatsache, dass sich Bindung vollzieht, ist eine Erinnerung daran, dass wir als Menschen von Natur aus Beziehungswesen sind.

Da der Kontakt zu unseren ersten Bezugspersonen unsere erste Erfahrung mit einer nahen Beziehung darstellt, wirkt sich die Qualität dieser Verbindung darauf aus, wie wir all unsere zukünftigen Beziehungen wahrnehmen. Alan Sroufe drückt es so aus: „Die Bindungsbeziehung zwischen dem kleinen Kind und der Bezugsperson ist das Zentrum, um das herum sich alle anderen Erfahrungen strukturieren, welchen Einfluss auch immer sie haben mögen. Insofern sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass die frühen Erfahrungen niemals verloren gehen, egal, wie viel Transformation in der späteren Entwicklung geschieht.“

Es gehören also immer zwei dazu, um sich zu entwickeln und zu gedeihen, von der Geburt bis zum Tod. Das Wesentliche ist das „Und“, wie Donald Winnicott andeutete. Dieses „Und“ greift sehr tief – und es ist von tief greifender Wichtigkeit. Robert Karen, der in seinem 1990 in der Zeitschrift Atlantic erschienenen Artikel „Becoming Attached“ der Allgemeinheit das Konzept der Bindung vorstellte, schrieb: „Die Bindungstheorie trägt eine einfache und lebensbejahende Botschaft in sich, nämlich dass das Einzige, was Ihr Kind braucht, um emotional gut zu gedeihen, Ihre emotionale Verfügbarkeit und Feinfühligkeit ist.“

Die Botschaft der Bindungstheorie bekräftigt in der Tat die Ansicht verschiedener Denker aus Psychologie, Philosophie und Theologie über den Sinn und Zweck des Lebens: Viele von ihnen haben festgestellt, dass das, was uns als Menschen verbindet, der Wunsch ist, zu lieben und geliebt zu werden. Dieses Bedürfnis ist universell, doch es zu messen übersteigt die Möglichkeiten der Wissenschaft. Auf Bindung und Verbundenheit ausgerichtetes Verhalten ist zwar offensichtlich notwendig für das Überleben der Spezies, aber es erklärt nicht das Mysterium, dass sich Eltern in ihr Kind verlieben, ebenso wenig wie das Wunder, dass ein Kind sich in seine Eltern verliebt. Das Bedürfnis, liebevoll zu umsorgen und umsorgt zu werden, geht über das Bedürfnis, zu schützen und geschützt zu werden, hinaus. Auch erklärt das Bedürfnis nach Schutz nicht, warum Kinder Beziehungen brauchen, die auf Freude und gegenseitigem Entzücken beruhen.

An der Bindung sehen wir, dass Liebe mehr ist als ein warmes Gefühl. Der Entwicklungsforscher Colwyn Trevarthen sagt, dass jedes Kind mit dem Wunsch auf die Welt kommt, „wahrzunehmen, dass es wahrgenommen wird4“ . Bei intensiven Gefühlen nach Hilfe zu suchen und sie zu bekommen – ein Prozess, der Bindung ganz wesentlich ausmacht – trägt dazu bei, dass das kleine Kind spürt, dass die Beziehung stärker ist als jedes Gefühl. Dies kann nicht nur zur Grundlage für starke Beziehungen während des gesamten Lebens, sondern, weitergedacht, auch zu einer Grundlage für starke Gemeinschaften und starke Nationen auf der ganzen Welt werden. Wir können darüber spekulieren und diskutieren, woher diese Kraft kommt, doch zweifellos ist sie eines der größten Geschenke an die Menschheit.

Wie auch immer die Frage lautet, das Lernen von Verbundenheit ist ein großer Teil der Antwort.

„Enge Bindungen an andere Menschen sind das Zentrum, um das herum sich das Leben eines Menschen dreht, nicht nur als Säugling, Kleinkind oder Schulkind, sondern auch während der Adoleszenz und der Erwachsenenzeit bis hinein ins hohe Alter. Aus diesen engen Bindungen zieht ein Mensch Kraft und Lebensfreude, und durch das, was er beiträgt, gibt er anderen Kraft und Lebensfreude. In dieser Frage sind sich die moderne Wissenschaft und die traditionellen Weisheitslehren einig.“

JOHN BOWLBY, Attachment and Loss, Volume 35 (Bindung und Verlust, Band 3)

Kommen wir nun zu einer unausweichlichen und kniffligen Frage: Wenn Bindung etwas zutiefst Angeborenes, Instinktives, so tief im menschlichen Betriebssystem Verwurzeltes ist, warum müssen wir dann überhaupt darüber sprechen?

1 Vielen Dank an Jude Cassidy für diese Erkenntnis.

2 Ein faszinierendes Gebiet psychologischer Forschung mit einem furchtbar unverständlichen Namen: Es handelt sich um eine komplexe, aber erhellende Theorie darüber, wie wir unser Selbstgefühl in Bezug auf andere („Objekte“) entwickeln und wie wir die Bilder von uns selbst und von anderen in unsere späteren Beziehungen hineintragen.

3 Danke an Judy Cassidy.

4 Im amerikanischen Original „to experience being experienced“, A.d.Ü.

5 Dieses Zitat wurde paraphrasiert, um geschlechtsspezifische Sprache zu vermeiden.


Sicherheit:

Mit der Unvollkommenheit Freundschaft schließen

Das kleine Mädchen ist erst sechs Wochen alt. Es ist zwei Uhr früh und sie schreit. Mal wieder. In den letzten sechs Wochen hat Ihre Mutter pro Nacht nicht mehr als zwei Stunden Schlaf bekommen. Als sie am Nachmittag zur Drogerie um die Ecke ging, um noch ein Paket Windeln zu kaufen, hatte sie das Gefühl, dass sie gleich auf dem Bürgersteig zusammenklappen würde und alle anderen dort draußen einfach über sie hinwegsteigen und weitergehen würden. Das wäre in Ordnung gewesen, vielleicht hätte sie dann wenigstens ein bisschen schlafen können. Jetzt versucht ihre Familie zu helfen. Ihr Mann und ihre Schwiegermutter wechseln sich im Wohnzimmer bei dem Versuch ab, Sophie zu beruhigen. Sophies Schreien hört in Anwesenheit anderer tatsächlich auf, allerdings immer nur für kurze Zeit. Hannah wirft sich hin und her und starrt an die Decke. Es nutzt nichts. Sie kann einfach nicht schlafen, wenn ihre Tochter in Not ist.

Sie wirft sich einen Bademantel über, geht in das abgedunkelte Wohnzimmer und signalisiert ihrer Schwiegermutter, ihr das Baby zu geben. Sobald Sophie die Arme ihrer Mutter um sich spürt, beruhigt sie sich. Hannah beginnt, auf einem ausgetretenen Pfad im Raum langsam Kreise zu drehen.

Die Tatsache, dass die Berührung ihrer Mutter die neugeborene Sophie sofort beruhigte, war überraschend für ihren Vater, ihre Großmutter (die ganz allein fünf Kinder großgezogen hat) und am allermeisten für Sophies Mutter Hannah. „Davon hatte mir niemand etwas gesagt!“, rief sie Jahre später aus. In dieser Nacht jedoch folgte ihrer Erleichterung darüber, dass sie das Unbehagen ihres Babys durch ihre bloße Anwesenheit lindern konnte, schon bald ein Anflug von Angst und nicht gerade wenig Unmut.

Diese Art von Macht über das Wohl ihres Kindes zu haben erlegte ihr eine schreckliche Verantwortung auf, oder? Wenn sie Sophies Not lindern konnte, während andere dazu nicht in der Lage waren, was, wenn sie dann nicht jede Minute da wäre? Was, wenn sie einen Fehler machte?

Hannah bekam einen Geschmack von der Unvollkommenheit des Elternseins. Wenn Sie bereits Mutter oder Vater sind, haben Sie vermutlich schon einmal die gleichen widersprüchlichen Reaktionen erlebt: Erleichterung und sogar eine wenig Ehrfurcht davor, dass Ihre bloße Anwesenheit Ihr Kind beruhigen kann (wo haben Sie denn diese Superkraft her?), kombiniert mit einem leichten Widerstand und vor allem mit Angst. Wie sollen Sie dieser wichtigen Aufgabe gerecht werden? Wie um alles in der Welt können Sie gut genug, weise genug, geduldig genug und energiegeladen genug sein, um die Mutter oder der Vater zu sein, die beziehungsweise den dieses wunderbare Kind verdient? Und falls Sie gerade Ihr erstes Kind erwarten, haben Sie sicherlich die gleichen Ängste in Bezug auf Ihre Fähigkeit, die bestmöglichen Eltern zu sein.

Aufgrund dieser nur allzu häufigen Zweifel, Sorgen und Vorurteile darüber, was man zum Elternsein braucht, müssen wir über Bindung und Bedeutung von Sicherheit sprechen. Der Druck auf Eltern – sowohl der äußere als auch der innere –, in der Elternschaft Vollkommenheit zu erreichen (oder zumindest eindeutige Fehler zu vermeiden), sitzt in unseren Herzen und unseren Gedanken wie ein wohlmeinender, aber erdrückender Elefant im Raum. Wir wissen (und uns wird gesagt), dass Elternsein die natürlichste Sache der Welt ist. Darum sollte es auch ganz einfach sein, nicht wahr? Genau zu wissen, was für unsere Kinder am besten ist, sollte Teil unserer genetischen Programmierung sein, stimmt’s? Wir sollten jeden Augenblick genießen, oder etwa nicht? Natürlich wissen wir, dass es nicht ganz so einfach oder unabdingbar ist; und mit anderen frischgebackenen Eltern, erfahreneren Müttern und Vätern und unseren eigenen Eltern oder Großeltern können wir darüber Scherze machen. Doch tief in unserem Inneren erwarten wir von uns selbst als Mutter oder Vater das Allerbeste – weil die in uns angelegten positiven Absichten für unsere Kinder uns sagen, dass diese Rolle einfach so wichtig ist.

Das Herz dieses Buches macht eine einfache Beobachtung aus, die wir in den Jahrzehnten unserer Arbeit mit Eltern immer wieder machen konnten: Alle Eltern wünschen sich das Beste für ihr Kind, und das hat uns zu der Überzeugung geführt, dass es in allen Eltern angelegt ist, ihren Kindern Liebe und Sicherheit zu geben. Selbst wenn dies nicht immer der Fall zu sein scheint – zum Beispiel bei Eltern, die ihre Kinder auf äußerst problematische Arten und Weisen behandeln –, haben wir noch nie eine Mutter oder einen Vater getroffen, der oder die morgens beim Aufwachen darüber grübelt, wie man die Kinder möglichst schlecht erziehen kann.

Und doch machen sich viele von uns Sorgen, dass wir uns als nicht besonders gute (oder sogar schlechte) Eltern herausstellen. Warum?

Wir wissen, dass auch wir nur Menschen sind und in einer unvollkommenen Welt leben. Dennoch fordert uns unser Instinkt, gute Eltern zu sein, dazu auf, beim Aufziehen ihrer Kinder alles zu geben. Zudem stellt die Gesellschaft sehr hohe Ansprüche an uns. Diese zwei Kräfte spielen zusammen und drängen uns dazu, nach Perfektion zu streben. Wir fühlen uns schlecht, wenn wir nicht alles in unserer Macht Stehende tun, um großartige Eltern zu sein, und so geben wir dem Drang nach und messen uns daran, wie genau wir uns an die Erziehungsphilosophie A oder den Elternratgeber B halten. Wir fangen an, gutes Aufwachsen als ein Ziel zu betrachten, als eine Leistung oder ein Produkt (Das perfekte Kind? Das niemals einsame Kind? Das immer glückliche Kind? Das nie wirklich traurige Kind?), anstatt als einen Prozess, der sich von selbst entfaltet (wenn wir ihn nur lassen würden). Wir interpretieren „Fehler“ als Rückschläge anstatt als Lernchancen für unsere Kinder und uns selbst, die die Bindungssicherheit stärken und gute Beziehungen ermöglichen.

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Perfektion vorzuleben und anzustreben ist einer gesunden Entwicklung nicht zuträglich. Wenn wir uns selbst unter Druck setzen, immer alles richtig zu machen oder dafür zur sorgen, dass unsere Kinder nie den gleichen Schmerz erleben werden, den wir selbst in unserer Kindheit oder Jugend erlebt haben, erzeugt das in uns eine Angst, die unsere Kinder zwangsläufig spüren. Wenn wir uns zu viel Mühe geben, steht das dem Bedürfnis unsere Kinder entgegen, dass wir Vertrauen in unsere Beziehungen haben, was eine essenzielle Grundlage für Sicherheit im gesamten weiteren Leben ist. Lassen Sie uns also den Elefanten aus dem Raum ins Freie führen. In diesem Kapitel wollen wir Licht auf die verschiedenen heimtückischen Arten und Weisen werfen, wie der Druck, stets „perfekt“, „unfehlbar“ oder „immer ansprechbar“ zu sein, eine sichere Bindung gefährden kann. In unserer Arbeit mit Eltern aus verschiedensten Kulturen, jeden Alters und aus allen möglichen Bevölkerungsgruppen haben wir immer wieder festgestellt, dass das Freilegen dieser falschen Erwartungen und des Umgangs mit Kindern, zu denen sie uns verleiten, vielen Menschen hilft, sich in der Begleitung ihrer Kinder zu entspannen.

Wenn Sie sich im Kontakt mit Ihrem Kind entspannen können, strahlen Sie ein ruhiges, feinfühliges Vertrauen in sich als Eltern aus, das wiederum in Ihrem Kindes das Vertrauen entstehen lässt, dass Sie für es da sind und dass es auf seinem Lebensweg weiteren Menschen begegnen wird, denen es ebenso vertrauen kann. Genau das ist es, worum es beim Kreis der Sicherheit geht. Wir haben ihn entworfen, um den Glauben der Eltern an sich selbst und in ihre Beziehung zu ihrem Kind zu stärken. Auf den nächsten Seiten zeigen wir Ihnen, auf welche Art und Weise der Kreis Ihnen eine solche Unterstützung bietet und was Sie sonst noch im Folgenden erwarten können.

Leben in einer unvollkommenen Welt

Lassen Sie uns zunächst einmal etwas klarstellen. Elternsein ist nicht immer schön. Es ist ein Privileg und eine Freude, aber es ist auch mühevoll, und zuweilen ist es ein verdammt undankbarer Job. Manchmal ist Ihr Kind einfach unglücklich, krank oder plötzlich wahnsinnig schwierig, und ganz gleich, was Sie auch tun, es scheint geradezu darauf zu bestehen, der Fluch Ihrer Existenz zu sein. Heute jedenfalls. Das ist einer der Gründe, aus denen Hannah einen Anflug von Ärger verspürte, als ihr klar wurde, dass ihre Tochter sich von ihrer ersten Minute an bei ihrer Mutter wohler fühlte als bei irgendjemandem sonst.

Diese Reaktion ist völlig normal. Aber wenn Sie denken, alles genau richtig machen zu müssen, bereitet Ihnen das vielleicht ein solches Unbehagen, dass Sie sich einfach nur noch wünschen, dieses Gefühl möge aufhören. Vielleicht gibt es Situationen, in denen Sie Ihr Baby insgeheim beschuldigen, so lästig zu sein. Ein Baby, das die Bindung zu seinen Eltern sucht, tut das in der positivsten Absicht und findet Ihr Gesicht unwiderstehlich, genau wie auch Sie positive Absichten für Ihr Kind haben. Es versucht nicht, Aufmerksamkeit nur um der Aufmerksamkeit willen zu bekommen oder sich und Ihnen das Leben schwer zu machen. Es weiß einfach nicht, was es tun soll, außer nach Hilfe zu schreien und die Verbindung zu suchen, von der in emotionaler Hinsicht sein Leben abhängt. Normalerweise sagt einem das der gesunde Menschenverstand. Aber wenn es einem nicht gelingt, die Unvollkommenheiten und das Chaos des Elternseins zu akzeptieren (einschließlich der unvermeidlichen Momente des Ärgers, der Überforderung und des Wunsches, einfach wegzulaufen), kann einem dieser gesunde Menschenverstand abhandenkommen.

Die andere Möglichkeit, die wir manchmal wählen, besteht darin, uns zu beschuldigen und entweder zu leugnen, dass wir überhaupt Ärger fühlen, oder uns dafür innerlich zurechtzuweisen.

Der Elefant im Raum in Bezug auf Elternschaft ist unsere Ambivalenz: Kinder ins Leben zu führen ist schwierig, und wir erleben dabei mitunter viele unangenehme Gefühle, und doch glauben viele Menschen, das nicht zugeben zu dürfen. Das wurde selten so deutlich wie bei einer Studie aus dem Jahr 2015 und der darin verwendeten Forschungsmethodik, die aufzeigt, dass Erwachsene in Deutschland die ersten zwei Jahre der Elternschaft als stressiger erlebten als eine Scheidung, den Verlust des Partners oder Arbeitslosigkeit. Den Forschern war klar, dass die Eltern fürchteten, man könne schlecht über sie denken, wenn sie sich über die körperliche Erschöpfung, den emotionalen Tumult, die Unterbrechung ihrer intimen Beziehungen und andere Nebenerscheinungen der Elternschaft beschweren. Das Bild der perfekten Mutter oder des perfekten Vaters beinhaltet schließlich keine Unzufriedenheiten mit dem Elternsein. Anstatt also die Eltern direkt zu fragen, wie sich die Elternschaft ihrer Einschätzung nach auf ihr Wohlergehen auswirkte, baten sie sie einfach, ihre Zufriedenheit einzuschätzen, bevor sie ein Kind bekamen, und dann ein weiteres Mal, als das Kind etwa zwei Jahre alt war. Manchmal muss man ein wenig tricksen, um einen solch riesigen Dickhäuter aufzudecken.

Wir brauchen mehr Hilfe…

Es ist also nicht zu leugnen, dass Elternsein Anstrengungen und Ressourcen erfordert und nicht immer nur Spaß macht. Aber welche Botschaft erhalten wir von einer Gesellschaft, die sie so tut, als ob wir in der Lage sein sollten, es ohne Hilfe zu schaffen? In den Vereinigten Staaten wird von Eltern nach der Geburt eines Kindes zu früh erwartet, dass sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Eine enorme Zahl von Frauen lebt an der Armutsgrenze. Und wir werden mit der Botschaft bombardiert, dass wir unseren Kindern einen Wettbewerbsvorteil verschaffen müssen, andernfalls würden sie hinter den anderen zurückbleiben und ihres Potenzials für eine glänzende Zukunft beraubt. Ob nun Sie selbst unter diesem Druck stehen oder nicht, Elternsein im einundzwanzigsten Jahrhundert ist eine herausfordernde Angelegenheit. Die implizite Botschaft lautet: Wenn Sie Unterstützung brauchen – und sei es nur etwas Raum zum Durchatmen –, um Ihrem Kind eine sichere Bindung zu ermöglichen, dann muss mit Ihnen etwas nicht stimmen.

Im August 2015 berichtete die Redakteurin der Huffington Post, Emily Peck, über eine Umfrage des US-Arbeitsministeriums aus dem Jahr 2012, nach der fast ein Viertel der Mütter innerhalb von zwei Wochen an ihre Arbeitsstelle zurückkehrten, und zwar hauptsächlich deswegen, weil sie es sich nicht leisten konnten, zu Hause zu bleiben. Je höher der Bildungsgrad der Mutter (und vermutlich je besser der Job infolgedessen) war, desto länger war der bezahlte Mutterschaftsurlaub, was natürlich wenig überraschend ist. Nichts verdeutlicht die Folgen für die Bindung, die diese Trennung von Mutter und neugeborenem Kind hat, besser als die Kellnerin, die sechzig Stunden in der Woche arbeitet und erzählt, wie sie in einen erschöpften Schlaf fiel, während sie ihre Hand auf ihr einen Monat altes Baby gelegt hatte, weil das die einzige Art von Kontakt war, zu der sie noch in der Lage war.

Öffentlicher Protest sowie ein hoffentlich steigendes Verantwortungsgefühl in der Wirtschaft haben in jüngster Zeit dazu geführt, dass einige große Unternehmen ihre Elternzeiten verlängert haben, aber es ist doch bemerkenswert, dass dies vor allem für die Welt der höheren Angestellten gilt, in der Menschen mit Universitätsabschluss beschäftigt und höhere Gehälter gezahlt werden. Was aber ist mit den 42 Millionen amerikanischen Frauen, die der Shriver Report an der Armutsgrenze verortet, den alleinerziehenden Müttern, die unter den kinderkriegenden Frauen unter dreißig über 50 % ausmachen, und der Tatsache, dass praktisch alle befragten alleinerziehenden Mütter sagten, womit ihnen am meisten geholfen wäre, wäre ein gesetzlich vorgeschriebener, bezahlter Mutterschaftsurlaub?

Ob die Mütter mit ihren Kindern zu Hause bleiben möchten oder nicht – sie haben nicht immer die Wahl. Ebenso wenig wie die Väter. Unserer Erfahrung nach spielt es keine Rolle, ob die primäre Bezugsperson die Mutter oder der Vater, ein Mann oder eine Frau, die Großmutter oder der Onkel ist. Das Kind wird zu demjenigen Erwachsenen eine Bindung aufbauen, der zuverlässig für es da ist, und diese – oft sehr sichere – Bindung entwickeln sie auch dann, wenn die Eltern nicht mit ihnen zu Hause bleiben können, bis sie in die Schule kommen. Es ist also nicht so, dass keine Bindung stattfindet, sondern vielmehr einfach so, dass Eltern sich innerlich zerrissen fühlen, weil die Gesellschaft uns zwar vermittelt, dass dies eine äußerst wichtige Aufgabe ist, aber nicht viel tut, um uns darin zu unterstützen.

Anne-Marie Slaughter6 bezeichnete es 2015 als „eine toxische Arbeitswelt“ in einem Land, in dem 57 % der Frauen arbeiten und viele von ihnen Arbeitstage von zwölf bis sechzehn Stunden haben, dafür aber für jeden von einem Mann verdienten Dollar nur 77 Cents bekommen, schließlich ausbrennen und krank werden. Häufige Angstattacken und eine Stressepidemie sind nicht nur Produkt des Elternseins unter all dem Konkurrenzdruck. Viele Frauen und Männer müssen sich zu alledem auch noch um ältere Angehörige, hilfsbedürftige erwachsene Geschwister und andere Familienmitglieder kümmern.

Slaughter ruft uns alle dazu auf, „für eine bessere Versorgung einzutreten“. Wenn die Gesellschaft uns nicht darin unterstützt, für andere zu sorgen und unseren Job zu behalten, so warnt sie, werden unsere Familien und Gemeinden verkümmern und wir werden in der Welt nicht länger konkurrenzfähig sein. Dem möchten wir hinzufügen: Wenn Eltern es sich nicht leisten können, so für ihre Kinder zu sorgen, wie sie es gerne tun würden, dann leidet die Bindung darunter.

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