Kitabı oku: «Das Honecker-Attentat und andere Storys», sayfa 5

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Freundin und Komplizin

Unbemerkt, zunächst auch von ihm selbst, verwirrt von ihr, Gefühlschaos, wird sie zur Komplizin, nicht mehr nur Geliebte, mehr, Vertraute. Sie wird Informantin, Helferin. Er begleitet sie im Trabant zu Familie P. in Löwenberg, ein Ehepaar mit zwei Kindern, er bei der LPG, sie in der Konsum-Verkaufsstelle – eine nicht beantragte und nicht genehmigte Begegnung. Die Frauen kennen sich aus dem Konsum. Der Mann hat am Neubauernhaus Ausbesserungsarbeiten durchgeführt. Erzählungen über die Versorgungslage, die Probleme in der Landwirtschaft.

Die Staatssicherheit, hier auf dem Lande nachlässig, nimmt den Kontakt zunächst nicht wahr, erfährt nichts von Müllers Besuch am ersten Mai auf dem Sportplatz mit Musik, Bockwurst, Berliner Bier. Die Geliebte nimmt ihn mit, in ihr Leben, zu ihren Freunden und Bekannten. Sie zeigt sich mit ihm, verschweigt ihn nicht. Keine Heimlichtuerei.

Müller fragt, was ihm passiert, spürt die Fesselung, wie sich die Bindung verstärkt, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Kein Entrinnen. Will er entrinnen? Bindet er sich – selbst, gegen seinen Willen, mit seinem Willen?

Er spricht über sie. Ihre Affäre ist öffentlich.


Hauptabteilung II/13 Berlin 13. Nov. 1982

Die DDR-Bürgerin Brigitte B.

Restauratorin, freischaffend tätig

Familienstand:

verheiratet mit

WDB

Tätigkeit: freischaffender Regisseur

1 Kind (7 Jahre)

Partei: ohne

Massenorganisation: FDGB

wurde als intime Verbindung des in der OKP „Wabe“ bearbeiteten in der DDR akkreditierten ständigen BRD-Korrespondenten

Müller

bekannt. Diese Verbindung besteht seit Anfang 1981 (Falsch! Genosse Major Menge! – seit Mitte 1980). Während der Realisierung eines genehmigten journalistischen Vorhabens lernte Müller die Familie B. kennen. (Auch falsch! Es war der private Ausflug zum 30. Geburtstag der Brigitte B.! Genosse Major Menge! Schlechte Recherche).

Dieser familiäre Kontakt entwickelte sich dann zu der bestehenden Intimverbindung, die durch den Ehemann der Brigitte B. toleriert wird.

Müller integriert die Brigitte B. in seine subversive Kontakttätigkeit in der DDR. Er machte sie mit verschiedenen DDR-Verbindungen bekannt. (Richtig Genosse!), nutzte sie zu Kurierdiensten und zur Aufbewahrung von nicht bekannt gewordenen Materialien. Er bezog die Brigitte B., inoffiziellen Hinweisen zufolge, wiederholt in genehmigte journalistische Vorhaben ein. (Richtig! Aber Genosse Major, was ist mit den nicht genehmigten Vorhaben?)

Diese Erkenntnisse sind nicht gesichert.

Menge

Major

Landleben

Stadtflucht. Das Dorf als Ort der Geborgenheit, fern von Indoktrination. Hier haben sie ihre Ruhe. Die Emigration. „Angelika sollte nicht in Berlin bleiben“, sagt sie. Angelika, die siebenjährige Tochter, dunkelhaarig, hübsch wie die Mutter, schüchtern, verträumt.

„Warum der Ausweg hierher?“, fragt er.

„Sie soll in die Dorfschule gehen. Hier draußen ist sie fern von der sozialistischen Erziehung in der Stadt.“

Er erinnert sich an die Prinzipien sozialistischer Erziehung, das neue Menschenbild, die Getreuen einer neuen Gesellschaft, die alten Lehren Ostrowskis (Wie der Stahl gehärtet wurde), die Heroen der Zukunft. 23 Jahre nach seinem Abschied aus diesem Land erkennt er die Strukturen und die Regeln des totalitären Staates: die tägliche Indoktrination, die Verordnung von Parolen, die Verweigerung der Diskussion, die Verfolgung Andersdenkender, das Verbot falscher Fragen. „Ich weiß, es hat sich nichts geändert seit meiner und deiner Zeit, vor 25 oder fünfzehn Jahren“, sagt Müller.

„Nein, es hat sich nichts geändert. Du siehst es. Die Lobgesänge auf die Partei, die Losungen zu Planerfüllung und Völkerfreundschaft, die Aufmärsche. Das meine ich.“

„Was meinst du?“

„Das alles gibt es hier nicht, in der Dorfschule.“

„Angelika, das Landkind?“

„Ja, es ist besser für sie.“

„In ein paar Jahren muss sie zurück, in die Stadt. Das wirst du ihr nicht ersparen.“

„Dann wird es leichter sein, für sie und für uns. Dann war sie Jahre frei, dann hat sie etwas gelernt für später. Jetzt ist es erst einmal besser. Vielleicht muss sie auch zum Ernteeinsatz. So wie früher. Subbotniks. Heute machen wir unsere eigenen Subbotniks, wir dürfen nach der Ernte mit Genehmigung der LPG auf die Felder, nachernten, Kartoffeln und Spargel. Den gibt’s sonst hier nicht zu kaufen.“

Zwischen den Welten

Ist er aus Sehnsucht nach Heimat in dieses Land zurückgekehrt, hat er deshalb sich abgewendet von den Bequemlichkeiten Hamburgs, dort alles zurücklassen? Wie gemächlich kommod war es dort gewesen, an Alster und Elbe, in dieser Meeresstadt am großen Strom. Joggen rund um die Außenalster, Spaziergänge in Övelgönne, am großen Fluss, mit Paolino am Wasser, mit dem Chinesen im Kiez von St. Pauli, Hafenrundfahrten, mit der besseren Gesellschaft der Opernbesucher, Zadeks Othello und Hamlet, Peymanns Faust im Schauspielhaus, Boy Gobert am Thalia-Theater, mit Antonio in seinem „Erdbeerparadies“, mit dem Markt unter der U-Bahn, mit dem Fünf-Minuten-Fußweg von der Hansastraße zum Rothenbaum ins Studio, Sendungen morgens, mittags, abends, nachts, geregelt mit Dienstplänen, Begegnungen mit den Honoratioren der Freien und Hansestadt. Partys, Wochenenden im alten Land, bei den Malern und Dichtern in Lüchow-Dannenberg. Hamburg, eine sichere, angenehme, abwechslungsreiche Stadt mit Flair, mit dem Hafen, dem Geruch von Fluss und Meer, für Müller eine der schönsten Hafenstädte der Welt.

Müller erzählt der neuen Frau aus dem Osten aus seinem fernen Leben, von seiner Zeit im Westen, den 23 Jahren zwischen Abkehr und Rückkehr, von der gemütlichen fränkischen Kleinstadt Schwabach und seinen ersten Reportagen für die Zeitung, von seinem Wechsel in die Bischofsstadt Limburg an der Lahn, nach Hannover, Hamburg, Berlin, von seinen gescheiterten Ehen, von der Bindungsunfähigkeit, die er bei sich vermutet, von den Fluchten.

„Und dann kommst du ausgerechnet zu mir?“, fragt ihn Brigitte B.

„Es sollte wohl so sein“, antwortet er.

„Du wirst nicht bleiben. Du kannst nicht bleiben“, sagt sie.

Er weiß, sie würde ihn gehen lassen.

Müller erzählt, von anderen nach seiner Biografie gefragt, Geschichten, die den Bewohnern in diesem Land zwar aus dem Fernsehen bekannt sind, die ihnen dennoch unglaublich erscheinen, die sie nun aber von einem hören, der dabei gewesen ist: bei den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, gegen den Schah-Besuch, gegen die Berichterstattung der Springer-Presse, gegen die Haftbedingungen der Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe, von einem, der die Straßenschlachten in Westberlin, die Proteste gegen die Atommülldeponie in Gorleben im Wendland und gegen den Bau von Brockdorf miterlebt hat.

Manches Mal ertappt er sich zu spät dabei, dass er seine Zuhörer verletzt, ein Angeber, erzählt er von Taucherlebnissen auf den Malediven oder im mexikanischen Cozumel, von den Straßenküchen und den schwimmenden Märkten in Bangkok, von den Fremdenführern in Kairo, Reisen nach Bali, Hongkong, Peru. Ihnen ist alles verwehrt, selbst die nahe gelegenen Ziele: Dänemark, Schweden, Italien, die Schweiz, Österreich.

Ein Ehepaar und ein Eindringling. Der Zerstörer einer Beziehung. Aber: Der Mann von Brigitte B. lässt sie gehen, gibt sie frei. Hier gehören sie einander weniger als drüben, weniger aneinandergebunden, verbunden. Vielleicht wird alles anders. Nur eine Laune. Eine Affäre, die von den Umständen beendet wird. Oder eine Chance. Er hat sich entschieden. Für eine andere – eine, die ihm gefällt. Das Abenteuer in der Krise. Im Land der Trennungen. Land der selbstbewussten Frauen. Unabhängig, von allem, nur nicht von Gefühlen. Das schmerzhafte Ende. Der Versuch des Neuen. Der andere Wolf B., ihr Mann, der verlassene Mann kennt Marlies, eine Begegnung in Ahrenshoop, ein Wiedersehen in Berlin.

Er begehrt Marlies, er verlässt Brigitte B.

Wiedersehen mit Halle

In den Berichten, die Wilhelm in der Runde vorgelegt bekommt, wird gemeldet, Müller fahre auffällig häufig nach Halle. Fotos zeigten ihn an unterschiedlichsten Orten in der Stadt.

„Gibt es irgendeine Erklärung?“, fragt Meyer.

„Wir haben noch nichts herausgefunden.“

„Sein Verhalten ist merkwürdig. Vergleichen wir seine Aufenthalte in Halle mit seinen Reisen nach Jena, Dresden oder Rostock, so hat das keinen Sinn“, wendet Dr. Otto ein.

„Keine Adresse, kein Kontakt zu Oppositionellen, nichts.“

„Wo hält er sich auf?“

„Überall, in den Straßen rund um den Marktplatz, an der Saale, auf der Peißnitzinsel, im Zoo, in Reichardts Garten …“

„Reichardts Garten?“

„Ein Park, der nach einem Komponisten der Goethezeit benannt ist.“

„Und nirgendwo eine Begegnung, ein Gespräch?“

„Nein, er ist allein unterwegs, auch abends. Er geht immer wieder in die Oper, trinkt im Ratskeller Bier.“

„Er sucht irgendetwas.“

„Es muss eine Erklärung geben.“

Rückkehr: Halle stinkt, die Luft giftig wie damals, verdreckte Kindheit vor fünfunddreißig Jahren, grau gefärbt von Abgasen. Das Plattenbauhotel zwischen Bahnhof und Bezirksleitung der SED, ein überheiztes Zimmer mit Ausblick auf die Straße nach Merseburg, auf der Rückseite die Hochstraße in die Massensiedlung von Neustadt.

Nachmittags angekommen, allein. Müller fährt mit dem klapprigen Fahrstuhl ins Foyer, erwartet von einem Mann in Plastejacke hinter einer Zeitung, die er eilig zusammenfaltet, aufsteht, ihm folgt, bemerkt, dass die Zielperson nicht mit dem Wagen fahren wird, sondern sich zu Fuß zum Roten Turm und durch die Leipziger Straße zur Straßenbahnhaltestelle neben dem Händeldenkmal auf dem Marktplatz bewegt; eine attraktive Rothaarige zu Hilfe ruft, die nun, gemeinsam mit dem Hotelaufpasser, nur wenige Meter entfernt, die Zielperson beobachtet. Die Straßenbahn Richtung Giebichenstein. Sie steigen zu dritt ein. Müller vorn, beide Beobachter hinten. Müller springt im letzten Augenblick heraus. Die Türen schließen sich vor seinen Verfolgern, die nun ohne ihn davonfahren.

Er winkt ihnen zu, eilt zur nächsten Haltestelle, nimmt die nächste Bahn. Unbewacht, ungestört verbringt er ein paar Stunden an der Saale, dem Fluss seiner Kindheit und Jugend. Glücklich wehmütig unterwegs in seinen Erinnerungen die Ausflüge zur Pionierrepublik auf der Peißnitzinsel, an die Küsse, das Mädchen, die erste große Liebe, Doris.

Er riecht und sieht. Die Saale als stinkende Kloake, eine chemische Brühe, die grauschmutzige Schaumkronen trägt. Nein, sauber hat er den Fluss auch aus seiner Kindheit nicht in Erinnerung, aber roch er damals nicht noch nach Wasser, nicht dass er sauber gewesen, zum Baden eingeladen hätte aber war nicht etwas von seiner Ursprünglichkeit geblieben? Als er das Wehr erreicht, die gewaltige Wasserlandschaft seiner Träume, stauen sich die schmutzigen Flocken.

Ohne Bewachung kehrt er in die Stadt zurück, findet er in der Nähe des Hallmarkts eine Imbissbude. Er bestellt Bockwurst mit Senf und Brötchen, dazu Kaffee, aufmerksam von fünf Arbeitern an einem Stehtisch beobachtet. Fremde sind hier die Ausnahme.

„Hamse sich verlaufen?“, fragt einer.

„Nee, ich hatte Hunger“, antwortet Müller. „Is doch jut hier.“

„Der Kaffee, der ist Bohne hier“, sagt ein anderer.

Sie haben den Fremden sofort als einen „von drüben“ erkannt, so als wäre ihm seine Herkunft auf die Stirn geschrieben.

„Zu Besuch, was?“

„Die Händelfestspiele“, erklärt Müller, erzählt ihnen dann doch, er sei eigentlich nach Hause zurückgekommen.

Die Männer sind eine Gerüstbauerbrigade, die zur Mittagspause immer hierher kommen. „Und wie gefällt es Ihnen?“ fragen sie. „Haben Sie Halle wiedererkannt?“

„Es hat sich wenig verändert“, antwortet Müller.

„Klar, immer noch der alte Dreck.“

„Hier passiert doch nischt, rein jar nischt.“

„Ja, is vieles noch wie damals, in meiner Jugend.“

„Mir versuchen, das Schlimmste zu verhindern, dass die Häuser nich zusammenkrachen.“

„Weil alles nach Berlin geht“, sagt ein anderer.

„Mir ham noch nich ma anständige Gerüste. Die könn’ jeden Tach einstürzen. Unn wir mit ihnen.“

„Weil der Arweeter nischt wert is, rein jar nischt.“

Sie reden sich in Rage.

„Das isses doch, es bleibt nischt. Nach Ulbricht hammer jedacht, es wird’s besser. Jetzt is der Schlamassel nur noch größer jeworden. In Berlin wird’s Jeld verprasst unn für hier bleibt nischt übrig. Weeßte.“

„Bei uns draußen im Dorf – die Straße besteht nur noch aus Schlaglöchern, keene Straßenbeleuchtung, da musste ’n Mond noch mit der Stange wegschieb’n. So isses.“

„Mach’s jut. Grüß deine Leute.“

Sie haben nur ein paar Schritte zu einem der grau verwohnten Häuser, gleich hinter dem Markt, in unmittelbarer Nähe neuer Plattenbauten, an Stelle verfallener Straßenzüge, die, unsanierbar, abgerissen werden mussten.

Abends im Weinrestaurant, nur hundert Meter vom Händeldenkmal entfernt. An einem Nachbartisch ein alter Mann mit zusammengefallener Frau, eine herbe schnippische Tochter, Gollmitz, der Sportschinder in der Schule, der damals „Feuer unter ihre Ärsche“ machen wollte, ein arroganter Militär der deutschen Wehrmacht, unerkannt, erkannt überdauert, noch immer diesen eingefressenen Zug der Überheblichkeit. Nun am Ende, bemerkt er den mitleidigen Blick des Fremden, der ihn beobachtet. Nein, er erkennt Müller nicht, vermutet aber in ihm einen seiner ehemaligen Schüler, der ihm zu gehorchen hatte.

Müller könnte zu ihm gehen. Nein, wozu? Der Alte spürt seine Verachtung. In der Bar des Hotels hockt wieder ein müder Mann mit Zeitung im Dienst, der aber erst nach Hause gehen darf, wenn das Zielobjekt mit Sicherheit sein Zimmer betreten haben wird. Schon um seinen Beobachter zu beschäftigen, verschafft er sich Bettschwere an der Bar Schnaps aus Nordhausen und Bier aus Radeberg, das nur in solchen Interhotel-Häusern mit weißer Papiermanschette ausgegeben wird. So, angenehm angetrunken, lassen sich das überheizte Zimmer und der Straßenlärm ertragen.

Am nächsten Vormittag verschwindet Müller über den Keller des Hotels durch den Personalausgang, in einem Café verabredet – mit weit entfernten Verwandten aus Merseburg, die sich für den Westbesuch freigenommen haben und in die Stadt gekommen sind. Er arbeitet bei Leuna, sie beim Rat der Stadt Merseburg.

Einander fremd, erzählen sie von ihrem Opa, dem Schwager seiner Großmutter, den er früher, als Jugendlicher, Anfang der fünfziger Jahre mit dem Fahrrad besucht hat, das Reihenhaus in der dreckigen Straße, in der dreckigen Luft, in der verdreckten Landschaft, zwanzig Kilometer von Halle entfernt. Sie erzählen, der Großvater habe bis weit über die Neunzig gelebt, in der Werkstatt gebastelt, sich nach dem Tod der Großmutter um die Kaninchen und den Garten gekümmert, und sie hätten danach in dem kleinen Häuschen bleiben können. Christel, mit Käthe-Kruse-Puppengesicht, rotfleckigen Wangen, rundlichem Körper, mollig, mit der Neigung zu ausufernder Fülle. Ihr Mann Karl-Heinz lang, dürr ausgemergelt, ein hageres Gesicht, scharfe Furchen, kräftige Nase, müde, resigniert.

„Karl-Heinz wird bald aufhören“, sagt sie.

Karl-Heinz sagt: „Aus gesundheitlichen Gründen. Leuna macht alle kaputt.“

Karl-Heinz hat’s mit der Lunge.

Müller sagt: „Das sind die Abgase.“

Sie steigen in den Wagen, nun entdeckt, erwartet, verfolgt, eine Rundfahrt durch die Stadt, hinter ihnen ein Wartburg, kurz darauf hinter dem Reileck beim Museum für Vorgeschichte Verstärkung, zwei Trabis, damit sie ihnen nicht entkommen und sie die Möglichkeit haben, die Personalien der Ostdeutschen mit Westkontakt aufzunehmen und sie auf dem Revier verhören können. Nachdem er die Giebichenstein-Brücke überquert hat, zum „Krug zum grünen Kranze“ abgebogen ist, wendet, zurückfährt, vorbei an der Müntzer-Schule, die er ihnen zeigen wollte, am Bergzoo, zur Schleiermacherstraße und dem Spielplatz seiner Kindheit, nimmt er die Herausforderung an und nutzt seine Ortskenntnisse. Er gibt Gas, fährt mit überhöhter Geschwindigkeit, ohne Rücksicht auf die Federn der schwarzen BMW-Limousine, über das Kopfsteinpflaster, hinter sich den olivgrünen Wartburg, rast durch Schiller-, Lessing-, und Ossietzky-Straße, begegnet den Trabis an Kreuzungen, deren Fahrer sich an ihm orientieren müssen, umrundet mehrfach die Pauluskirche, hängt seine Verfolger ab, jagt Richtung Bahnhof, über den Ernst-Thälmann-Platz, nimmt den Weg nach Ammendorf, überholt eine Straßenbahn, parkt an einer Haltestelle, Christel und Karl-Heinz springen aus dem BMW, steigen in die Tram – und fahren davon. Ihre Verfolger sind außer Sicht.

Die Siedlung am Rand von Merseburg, schmucklose Reihenhäuser wie im Ruhrgebiet aus den zwanziger Jahren. Schlaglöcherstraßen. Hier leben sie. Nur ein paar Kilometer entfernt die größte Giftküche der DDR. Karl-Heinz fährt mit dem Rad zur Arbeit, die ihn ernährt und krank macht. Die Hymne des Arbeiter-und-Bauernstaates: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt …“ Die Fassaden der Reihenhäuser schmutzig, die Wäsche auf der Leine und das Gemüse im Garten mit Dreck überzogen, der Himmel schweflig gelb. Leben unter der Dunstglocke.

Müller bringt seine üblichen Geschenke aus dem Diplomatenladen mit – Zigaretten, Whisky, Schokolade, Kaffee, Tee, stern, Spiegel, Für Sie, Bunte, Freundin, Kicker – begehrte, verbotene Druckerzeugnisse.

Christel, Karl-Heinz und ihr Sohn Gregor leben noch immer in den Zwanziger-Jahre-Möbeln. Er erinnert sich an die Welt des Alten unten im Keller, mit Werkzeug aller Art, Hobelbank und Ersatzteilkisten. Hier sägte und zimmerte er, reparierte Zäune und Fahrräder, während Tante Frieda im Garten pflanzte, jätete, wässerte, erntete. Er entdeckt auf der Kredenz im Wohnzimmer eine Uhr, die ihn, als er ein paar Mal übernachtete, mit ihrem Ticken und den Glockenschlägen alle Viertelstunde um den Schlaf gebracht hatte.

Müller erzählt ihnen von diesen schlaflosen Nächten. „Du kannst die Uhr haben“, sagt Karl-Heinz.

Umweltverschmutzung in der DDR

Müller schreibt. Schmitt fotografiert – den Silbersee bei Bitterfeld, die Mulde, die Saale, die Elbe. Sie sind mit Ausflugsdampfern auf der Drecksbrühe unterwegs, lassen sich die Fische mit den Krebsgeschwüren zeigen, die vor dem Verzehr noch Wochen in einem Becken mit klarem Wasser vom Chemiegestank befreit werden. Der Giftmüll wird von den Flüssen nach Hamburg transportiert, herausgebaggert und deponiert. Verbotenes Treffen mit einem Arzt aus der Poliklinik Halle. Er erzählt von den Bronchialerkrankungen der Kinder, von der statistisch um fünf Jahre geringeren Lebenserwartung der Menschen zwischen Bitterfeld und Halle.

Müller recherchiert im Westberliner Büro, findet ehemalige Mediziner und Ingenieure aus Bitterfeld, Schkopau und Ammendorf, denen die Flucht oder die Ausreise in den Westen gelungen war, erkundigt sich in Hamburg über den „Dreck von drüben“, den die Elbe aus dem Osten in den Westen schleppt: das Ergebnis ist die erste große Reportage über die Umweltzerstörung in der DDR. Sechs Doppelseiten mit Fotos als Beleg für die Verwüstung einer Region und eines Landes, in der die Regierung ohne Rücksicht auf Mensch und Natur ihre Planziele verfolgt und als Billig-Industrieland mit dem Export Devisen heranzuschaffen versucht.

Schon einmal ist Müller zurückgekehrt, in seine Stadt, in seine Straße, zu seinem Haus. Anfang der siebziger Jahre, akkreditiert für die Händelfestspiele, Konzertbesucher, hatten sie sich getroffen: Redmer, Peter, Almer, Antje, Hedda, Roswitha, heimlich ohne Klaus, dem Chef einer Kampfgruppeneinheit, und Werner, von dem es hieß, er arbeite für die Staatssicherheit, hatten sich in einem katholischen Gemeindehaus getroffen: Wiedersehen nach fünfzehn Jahren, auseinandergezwungen, auseinandergelebt, hatten sich ihre Geschichten erzählt, von hier und von drüben, aus Halle und Berlin, Leipzig, Hannover und Erfurt. Die einen waren geblieben, die anderen gegangen, damals als es noch keinen Schießbefehl, weder Mauer, noch Grenzanlagen mit Minenfeldern, Metallgitterzäunen, spanischen Reitern und Kolonnenwegen gegeben hatte.

Am Nachmittag war er mit der Straßenbahn bis zum Steintor gefahren, war von dort losgelaufen, durch die Schiller- und die Lessingstraße, hatte das alte Schreibwarengeschäft Vester gefunden, das es noch immer gab, war hineingegangen, ein paar Postkarten als Erinnerung. Nach dem Krieg hatte der russische Offizier, in ihrer Wohnung einquartiert, ihm Geld geschenkt, und der kleine siebenjährige Junge war zu Vesters gelaufen, hatte für zehn Mark Postkarten gekauft, unter seinem Bett versteckt und nach der Entdeckung die ersten und einzigen Prügel des Großvaters bezogen.

Er war zu seinem Haus gekommen, zum Haus seiner Kindheit, hatte davorgestanden, vor dem Geschäft des Großvaters, das jetzt bis auf eine kleine Tür zugemauert war, erinnerte sich an den Vorgarten, dem Theaterspielplatz seiner Kindheit. Er war in das Haus gegangen, in sein Haus, noch immer die grünen Kacheln an den Wänden im Treppenaufgang des Flures, die fünf Stufen nach oben, die er früher in einem Schwung gesprungen war, hatte vor der Wohnungstür gestanden, der Klingelknopf noch immer in diesem dunklen Braun, wollte klingeln und traute sich nicht. Wie hätte er sich vorstellen, was hätte er sagen sollen?


Das Zuhause in Halle, Anfang der siebziger Jahre: Schleiermacherstraße 19 im Paulusviertel

„Entschuldigung. Ich komme von drüben. Ich habe hier gewohnt, bin hier groß geworden. Das ist lange her. Darf ich alles noch einmal sehen. Es ist die Neugier. Oder, wenn sie so wollen, die Sehnsucht. Verstehen Sie, die Sentimentalität eines Mannes.“ Ob sie ihn verstanden hätten, sich hätten vorstellen können, einer aus dem Westen will dieses heruntergekommene Haus besuchen? Und hätten sie den merkwürdigen Besucher nicht sofort gemeldet?

Er hatte es nicht gewagt. Er war über die Hintertreppe nach unten in den schattigen Hof gegangen, der Blick auf sein Kinderzimmer über der Waschstube, auf die Küche, auf die mit Flaschenscherben gespickten, scheinbar unüberwindbaren Mauern zu den anderen Höfen, die doch kein Hindernis gewesen waren für die Exkursionen in die Nachbargärten. Er hatte auf der anderen Straßenseite gestanden und das alte Schild gefunden: „Geschwister Steinweg, Lehrerinnen für das höhere Klavierspiel“. Acht Jahre lang war er zu ihnen gegangen, einmal in der Woche hatte an den großen Blüthner-Flügeln gesessen, vorgetragen, was er mittlerweile konnte – oder noch nicht beherrschte.

Die große Trauer um den Verlust von Heimat, Kindheit, Jugend. Erinnerungen holen ihn ein. Ihm ist schwer ums Herz – Sentimentalität. Er erwehrt sich nicht. Er weint um das Unwiederbringliche. Müller fragt sich, wie er sich diesem Land nähert, das ihm Heimat und Fremde ist, das er kennt und von dem ihm ein Vierteljahrhundert trennt. Er hat es verlassen, sieht es wieder, erkennt es, Menschen, Haltungen, Gesten, die derbe Sprache, die Straßen, Häuser, Fassaden, noch immer die Einschüsse der Granatsplitter darin.

Wie soll er Lesern drüben dieses Land beschreiben, das in seiner Wirklichkeit zu beschreiben ihm verwehrt wird? Wie soll er Menschen erreichen, die mehr über England, Italien, Holland, Österreich, die Schweiz, die USA wissen, über die Probleme in Königs- und Fürstenhäusern, über Bonanza, Dallas, James Bond, Steffi Graf, Udo Jürgens, die Stones, die Kelly Family; Menschen, die Worte von den Brüdern und Schwestern auf den Lippen, mit Verwandtschaft in der DDR, sich in Wahrheit nicht um dieses Teildeutschland scheren, die Mitleid haben und sich ihrer Verpflichtung durch Pakete entledigen, die nicht mehr wissen, dass es Chemnitz und Zittau, Merseburg, Plauen und Mühlhausen, Greifswald und den Darß gibt, von denen nur wenige nach Dresden, Halle, Erfurt, Weimar, Eisenach reisen – aus Bequemlichkeit, Furcht, Angst „vor den SED-Kommunisten.“

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26 mayıs 2021
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