Kitabı oku: «Das Osmanische Reich», sayfa 8
Der Sancak und die Sicherheit
In den Annalen finden sich Anspielungen auf Verwaltungsstrukturen, die sich konkretisieren lassen, wenn man erhaltene Register des Gerichts von Bursa, die bis in die 1450er-Jahre zurückreichen, und Provinzakten aus der Herrschaft Murads II. nach dem dynastischen Bürgerkrieg heranzieht. Eine Doppelstruktur aus Zivil- und Militärverwaltung garantierte die Sicherheit in den Regionen. Die Zivilverwaltung lag dabei in den Händen des kadı genannten Magistrats, eines Beamten mit juristischer und religiöser Ausbildung, der einem Gericht der wichtigsten Stadt der Provinz vorstand. Die militärische Verwaltungseinheit war der sancak.
Der Begriff sancak hieß wörtlich übersetzt „Banner“ und meinte die Fahne, die das Symbol des Vasallenverhältnisses zu einem Lehnsherrn war und von dessen Truppen in der Schlacht mitgeführt wurde.73 „Herr“ heißt auf Türkisch bey, also lautete der Titel dieser Vasallenfürsten sancakbeyi, „Bannerherren“. Jeder Sancak war in mehrere vilayets aufgeteilt, jedes vilayet unterstand einem subaşı genannten Offizier. Die unter ihrem Kommando stehenden Reitersoldaten hießen Sipahis. Diese Bewaffneten waren sowohl für örtliche Polizeiaufgaben zuständig als auch für das Aufgebot zu den Feldzügen des Sultans. Erhalten sind Steuerkataster, das älteste von 1431/32 aus einem Sancak namens Arvanid (im nördlichen Epirus, heute in Albanien),74 die verzeichneten, welche Abgabenmengen von Feldern und Dörfern einzutreiben und als Sold an die Sipahis zu überweisen waren – diese Zuwendungen nannte man timar und ziamet. Das Kataster deckt nur ein ziemlich beschränktes Gebiet ab und wurde wahrscheinlich bei der Kolonisation von Arvanid erstellt, ein Ereignis, das wichtig genug war, um in ein erhaltenes Annalenwerk Aufnahme zu finden.75 Aber dies war nicht die erste derartige Steuerveranlagung von Gebieten unter osmanischer Herrschaft. Wie etwas spätere Register aus Thessalien, Bithynien, Ankara und Aydın berief sich auch das für Arvanid häufig auf ältere Aufzeichnungen. So verwies etwa das Kataster von 1451 für Aydın namentlich auf Sipahis, an die zuvor vier Generationen lang die gleichen Dorfeinkünfte geflossen waren, womit sie in die Zeit Murads I. zurückreichten.76 Die Genauigkeit und Regelmäßigkeit dieser Einträge lässt keinen Zweifel daran, dass ihre Quelle ein schriftliches Dokument war.
Viele der in diesen Aufzeichnungen erwähnten Sipahis stammten von Vorfahren ab, die vor der osmanischen Eroberung unabhängigen Fürsten gedient hatten; auch die christlichen Ritter wurden nicht enteignet, als man westlich der Meerenge einstige christliche Königreiche mit Feudalstruktur in Sancaks umwandelte. Vielmehr erhielten sie Timare genau wie die türkischen Neuankömmlinge, von denen einige aus der Provinz Anatolien versetzt worden waren und andere als Sklavensoldaten in den Heeren der siegreichen türkischen Feldherren wie Evrenos und Turahan dienten.77 Im Arvanid-Register von 1431–32 waren 60 der 335 Sipahis Christen (17,9 Prozent), darunter ein Metropolit und drei Weih bischöfe. Diese Zahlen sind zeittypisch. Sogar einige der Schreiber, welche die Veranlagung durchführten, waren Christen. Im Gebiet um Vulchitrin (heute Vushtrria) und Pristina wurden rund 16 Prozent der von 1454–55 registrierten Timare von Christen bezogen; im gleichen Jahr waren es in Kırcheva (Kičevo) und Pirlipe (Prilep) 29 Prozent, in Vidin am Schwarzen Meer knapp unter 10 Prozent, in Thessalien lag der Anteil bei 47 Prozent. Im ersten Kataster für Bosnien (1469) war ein Drittel der Timare an Christen vergeben, und sieben weitere teilten sich Muslime und Christen.78 Als in einem Fall ein muslimischer Sipahi nicht rechtzeitig zum Feldzug erschien, wurde sein Timar einem christlichen Sipahi zugewiesen. Im thessalischen Register von ca. 1470 findet sich sogar der Fall eines fränkischen Deserteurs namens Gilbertus Cancelarius, der einen Timar erhielt. Später konvertierte er zum Islam und nahm den Namen Ahmed an.79 Allerdings scheint es so, als seien christliche Offiziere gegen eine Art gläserne Decke gestoßen – zwar gab es einen christlichen Subaşı in Arvanid, aber keine praktizierenden Christen unter den Sancakbeyis, dafür mehrere Konvertiten zum Islam. Auf der anderen Seite der Meerenge, in den Küstenregionen Kleinasiens, die inzwischen über ein Jahrhundert lang unter stabiler muslimischer Herrschaft standen, waren christliche Timarioten nichts gänzlich Unbekanntes, doch die militärische Kaste war überwiegend muslimisch.
Die grundlegende soziale Trennlinie in den osmanischen Katastern verlief somit nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, sondern zwischen der Steuern zahlenden Untertanenschicht aus Muslimen und Nichtmuslimen gleichermaßen und den Mitgliedern der herrschenden Schicht, die von der Besteuerung befreit waren. Die Osmanen hatten kein Interesse daran, allgemein vertretene Ansichten über die soziale Schichtung über den Haufen zu werfen. Ihre Armee, die sich auf die Provinzen stützte, umfasste die erblichen Rittereliten der Vorläufer der Osmanen, die als Kaste askeri (Militär) genannt wurden, ob sie nun christlich oder muslimisch waren. Zu den Mitgliedern der Untertanenschicht, reaya genannt, zählten christliche und muslimische Dörfler gleichermaßen.
Der osmanische Verwaltungsdienst
Wenn sich die osmanische Ordnung durch eine revolutionäre Eigenschaft auszeichnete, dann war das ihre Dokumentationswut. Das Sancak-System zeigt nicht nur eine undurchsichtige Struktur der Kontrolle und Einkünfte-Erfassung, mit seinen Erhebungen und Unterlagen lässt es auch einen Drang zur Konservierung und zum Abfassen von Denkschriften erkennen. Vielleicht wollte die herrschende Gruppe – zu der ein harter Kern dauerhafter Beamter, aber auch eine nicht geringe Fluktuation an den Rändern gehörte – vermeiden, dass sie zur Gruppe der Untertanen gerechnet wurde. In den Registern finden sich dazu viele sorgsame Vermerke im Stil von „er ist kein reaya, er ist im askeri-Dienst“. Aber der Drang scheint noch tiefer zu gehen. Die literarische und bürokratische Reife des Arvanid-Registers von 1431–32 und die praktisch identischen, aber Jahrzehnte jüngeren Register in Aydın und an anderen Orten deuten darauf hin, dass sie von einer kleinen Gruppe erfahrener Mitarbeiter zusammengestellt wurden, die eine einheitliche Ausbildung hatten, vermutlich unter strenger persönlicher Aufsicht standen und von einem starken Standesbewusstsein durchdrungen waren. Der Vergleich einiger persischer Begriffe und Ausdrücke mit erhaltenen ilchanidischen Verwaltungshandbüchern und -dokumenten legt nahe, dass die persische Zivilverwaltung (unter den mongolischen Ilchaniden und später unter der Dynastie Timurs) der frühere Arbeitgeber dieser Männer und für die osmanische Literatur ein bleibendes Vorbild war.80
Zwar brauchte Sultan Murad II. nach den Wirren und Gewalttaten im Zuge der Invasion Timurs und des Bürgerkriegs die Institutionen des osmanischen Palastapparats nicht komplett neu zu erfinden, wiederherstellen musste er sie aber doch. Bei den formellen Regierungsstrukturen, die in Funktion waren, als Murad 1451 starb, handelte es sich einerseits um Erweiterungen des eigenen wachsenden Haushalts des Sultans und andererseits um Aspekte seiner Dienstverhältnisse zu seinen Untergebenen. Als Hinweise auf diesen Wiederherstellungsprozess können die wechselnden Titel für Amtsträger gelten, die gelegentlich in den Annalen, den osmanischen Chroniken, zeitgenössischen griechischen Chroniken, wie denen von Dukas, und einigen wenigen amtlichen Schriftstücken auftauchen. Mitte des Jahrhunderts, wenn nicht sogar noch früher, wurde Murad mit dem Titel Padischah bezeichnet und nicht etwa als Sultan Murad Khan, und seine Söhne, vorher schlicht Bey, „Herr“, genannt, hießen nun Şehzade, Sohn des Herrschers. Als Jugendliche wurden sie mit Provinzkommandos in Anatolien betraut, zu denen sie von ihren Müttern und einem hochrangigen Ratgeber oder Mentor (Lala) begleitet wurden.
Der überspannte Bogen
Manchmal beschrieben die osmanischen Autoren Feldzüge so, als handelte es sich um mobile Vorführungen dieser Verwaltungs- und Organisationsstruktur. Doch ein genauer Blick auf die Annalen und Chroniken verrät ein geschärftes Bewusstsein für den menschlichen Faktor der Kriegführung, für die zugehörigen Rituale und das Leid. Ein einschlägiges Beispiel ist eine anonyme osmanische Geschichte des Kreuzzugs von Varna 1443–44 mit dem Titel The Holy Wars of Sultan Murad („Die heiligen Kriege Sultan Murad Khans“).81
Der Krieg begann, als Ibrahim von Karaman, der ein Bündnis mit mehreren christlichen Fürsten nördlich der Donau eingegangen war, das gesamte Gebiet bis zu den Dardanellen überfiel. Sultan Murad berief eine Versammlung der Ulema von Edirne ein, um eine Erklärung des Dschihad gegen Ibrahim zu erwirken. Die Fetva der Gelehrten lautete: „Wenn ein Mann gemeinsame Sache mit den Ungläubigen macht und der Gemeinschaft Mohammeds Schaden und Drangsal bereitet […], so ist er selbst ein Ungläubiger.“82 Solcherart gerüstet setzte sich das osmanische Heer zu den Klängen einer Militärkapelle von Edirne aus in Marsch. Eine tatarische Vorhut plünderte und fing zahlreiche Sklaven, bis Murad diesem Treiben „aus Mitleid mit der Bevölkerung“ ein Ende setzte.83 Er kehrte nach Edirne zurück, ohne Ibrahim gestellt zu haben. Murads ältester Sohn Alaeddin jedoch, der von dem ihm unterstellten Provinzkommando in Amasya ausgerückt war, trat Ibrahim entgegen und verlor in der Schlacht sein Leben.
König Wladyslaw (Ladislaus) von Ungarn, der serbische Despot Ɖurađ (Georg) Branković und János (Johann) Hunyadi, der mächtige ungarische Fürst aus Siebenbürgen, unternahmen im Oktober einen koordinierten Angriff auf das andere Donau-Ufer.84 Unter dem Dröhnen von Kesselpauken und Allah, Allah!-Rufen marschierte eine kleine osmanische Truppe in den Kampf.85 Prompt wurde sie in die Flucht geschlagen. Von Edirne aus erging die Anweisung zur vollen Mobilmachung an die osmanischen Kadıs, die Zivilbeamten, denen die Aufsicht über die Truppenaushebungen oblag.86 Ihre Befehle lauteten, die Gesamtbevölkerung einzuziehen. Dort hieß es: „Dieser Heilige Krieg ist eine Pflicht für alle, die in Rumelien leben, groß oder klein, zu Fuß oder zu Pferd.“ Irregulären Kämpfern versprach man einen Timar, einen Platz bei den Janitscharen oder in der persönlichen Hausmacht des Sultans oder aber, falls sie Nomaden waren, die Befreiung von der rotierenden Heeresfolge – „was sie sich auch wünschen mögen.“ Beide Wesire Murads wurden angewiesen, die Truppen zu inspizieren, sobald sie in Edirne versammelt waren. Ein Annalist hielt fest, dass die Janitscharen 3000 Mann stark waren, wahrscheinlich die Gesamtstärke der vollzähligen Truppe.87 Die Heiligen Kriege erwähnen noch weitere osmanische Fußtruppen namens azebs und yayas. Der Großteil des Osmanenheeres, die regulären Truppen, wurde nach Provinzen in zwei Corps aufgeteilt, die „Armee von Rumeli“ und die „Armee von Anatolien“. Offenbar bemerkenswert erschien dem Annalisten die Anwesenheit von 16 Sancakbeyis.88 Zusammen bildeten sie die „verbundenen Heere Osmans“ oder das „Heer des Islam“89 unter einem Oberbefehlshaber mit dem Titel Beylerbeyi, „Bey der Beys“.
Der Feldzug nahm einen schlechten Verlauf. Er litt unter den Fehlern, der Führungsschwäche und der Disziplinlosigkeit der Rumeli-Armee. Noch während das Heer sich sammelte, traf Murad in Sofia inmitten eines Rückzugs nach dem Prinzip der verbrannten Erde mit seinen Feldherren zusammen. Er brannte Sofia nieder und sperrte die Pässe nach Filibe (Plovdiv). Diese Taktik hatte mehr oder weniger Erfolg, weil sie Hunyadis Armee die Versorgung erschwerte, aber sie brachte auch großes Leid, und Murad „war äußerst niedergeschlagen und bereute, was er getan hatte“. Als der Bischof von Sofia eine Messe für Hunyadis Truppen las, reagierte Murad heftig. Mit donnernden Trommeln, schmetternden Becken und schrillenden Trompeten und Flöten trafen die osmanischen Truppen im Dezember 1443 am Slatiza-Pass westlich von Sofia auf Hunyadis vorrückendes Heer und erkämpften in einer zweitägigen Schlacht einen blutigen Sieg. Während der stümperhaften und ergebnislosen Verfolgung jedoch wurde das Osmanenheer dezimiert und einer der Feldherren gefangen genommen. Murad ließ seine inkompetenten Offiziere prügeln und kahl rasieren und zog ihre Lehen ein.90 Hunyadis Truppen erging es auf ihrem mühsamen Rückzug nach Norden kaum besser, und im Juni des nächsten Jahres trafen sich slawische Gesandte mit osmanischen Staatsmännern in Edirne, um einen zehnjährigen Waffenstillstand zu schließen.
Murad jedoch hatte die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Aus heiterem Himmel überließ er den Thron seinem Sohn Mehmed. Die Annalisten, die ihm nahestanden und seinen Schmerz kannten, zogen eine direkte Verbindung zwischen der Abdankung und dem Tod seines Sohnes Alaeddin, und dem pflichtete der griechische Historiker Dukas bei.91 Für sich selbst wählte Murad die Abwärtsmobilität der Heiligen und suchte Zuflucht in einer Derwisch-Tekke in Manisa.92
Diese Gelegenheit galt es nicht zu verpassen. In der Hoffnung, eine Rebellion gegen Murads zwölfjährigen Sohn Mehmed II. auszulösen, setzte der Kaiser in Konstantinopel einen obskuren Angehörigen des Osmanenhauses, den er gefangen gehalten hatte, auf freien Fuß.93 Im September 1444 brachen die lateinischen Könige den Waffenstillstand und starteten einen massiven Kreuzzug. Hunyadi marschierte donauabwärts, um Varna zu belagern, gab dieses Vorhaben jedoch auf und wandte sich gegen Edirne selbst.
Der osmanische Palast wechselte in den Katastrophenmodus. Erfahrene Männer übernahmen in Edirne das Ruder. Rund um die Stadt wurde ein Graben gezogen, man kommandierte die Einwohner ins Innere der Zitadelle, und Bäume wurden gefällt, um die Bergpässe zu sperren. Vermögen und Wertgegenstände wurden abtransportiert und in sichere Verwahrung gegeben. Ein zweiter Befehl zur Generalmobilmachung erging, nun gezeichnet von Prinz Mehmed. Zu guter Letzt wurde Mahmud Pascha ausgewählt, um Sultan Murad zur Rückkehr zu überreden. Murad wollte zwar nicht, aber Mahmud Pascha drängte ihn, und angesichts des Ernstes der Lage gab er nach. Als auf den Poststraßen Boten mit der Nachricht eintrafen, dass der Sultan unterwegs sei, brach Edirne in einen Freudentaumel aus. Der eifrige Mehmed wollte sogar selbst die Attacke gegen die Ungläubigen anführen! Doch es war dann sein Vater, der die Truppen „in einer Stunde günstiger Vorzeichen“94 ins Feld führte, während der junge Prinz zur Verteidigung der Hauptstadt zurückblieb. Die Entscheidungsschlacht fand im November 1444 vor den Toren von Varna statt.95 Die Armee von Rumeli auf dem linken Flügel wurde besiegt. Die auf dem rechten Flügel kämpfende Armee Anatoliens wurde in die Flucht geschlagen, und ihr Anführer fiel. Der Ausgang hing vom Zentrum ab, wo Murad selbst stand, beschützt von einigen Hundert Janitscharen und Azebs, seiner persönlichen Leibwache sowie Pagen des inneren Palastes. Auf dem Höhepunkt der Schlacht stießen zwei weitere Infanteriekompanien zu ihnen, und der Sieg wurde errungen.
Erneut brach Murad zur Tekke in Manisa auf, und erneut wurde sein beschauliches Dasein von einem Notruf aus seinem alten Leben unterbrochen, diesmal wegen der finanziellen Folgen der Geschehnisse im vorhergegangenen Jahrzehnt. Da waren die Kriege, die zwei Generalmobilmachungen und dazu noch beträchtliche Ausgaben für den Wiederaufbau der Infrastruktur. Im September 1445 vernichtete ein Brand den Markt von Edirne, die große Moschee und 7000 Häuser.96 Ein venezianischer Beobachter bemerkte, man habe die niedergebrannten Flächen „wie tot liegenlassen“. Aus der osmanischen Steuerpolitik resultierte ein Missverhältnis zwischen der Steuereintreibung, die halbjährlich auf der Basis eines jahrszeitlichen (Sonnen-)Kalenders erfolgte, und den Ausgaben, die vierteljährlich nach dem islamischen (Mond-)Kalender getätigt wurden. Da das Mondjahr elf Tage kürzer ist als das Sonnenjahr, entfallen auf 32 Sonnenjahre grob gerechnet 33 Mondjahre. Auf dem Papier übersprang man dieses zusätzliche Finanzjahr, in der Realität sah sich das Schatzamt gezwungen, flüssige Mittel zur Deckung des unvermeidlichen Defizits aufzutreiben.97 Nach dem Brand fielen zwei Zahlungstermine aus, und als man die Janitscharen endlich entlohnte, bekamen sie verschlechterte Münzen.98 Im späten Frühjahr 1446 meuterten sie. Konstantin Mihailović führt in seinen Memoiren eines Janitscharen den Wechselkurs des osmanischen Silber-Akçe zum venezianischen Golddukaten als Grund an. Silbergehalt und Gewicht des neuen Akçe waren um elf Prozent reduziert, und die Münzen fielen sichtbar kleiner aus.99 Drohend äußerten die Rebellen, sie könnten dem osmanischen Prätendenten, der in Konstantinopel in Gefangenschaft lebte, gegenüber dem jungen Sultan Mehmed II. den Vorzug geben. Ein zweites Mal schickte man nach Murad, der unter der Bedingung, zusammen mit seinem Sohn Mehmed II. zu herrschen, für den Rest seines Lebens zurückkehrte.100
Gegen Ende seiner Herrschaft begann Murad mit dem Bau eines neuen Palastes in Edirne, der sich in herrlicher Lage am Ufer der Tundscha erhob, gegenüber einer dichtbewaldeten Insel im Fluss. Dort fand er endlich Ruhe.
Aşıkpaşazade über die letzten Tage Sultan Murads II.
Eines Tages ging Sultan Murad für einen Ausflug auf die Insel. Als er hinkam, stand an der Inselbrücke ein Derwisch. Dieser sagte zum ihm: „O Padischah! Deine Zeit ist nah!“ In diesem Moment sagte der Herrscher zu Saruca Paşa: „Sei mein Zeuge! Ich habe alle meine Sünden bereut!“ Neben ihm bewegte sich auch Ishak Paşa fort. Zu ihm sagte er das Gleiche. Dann sagte der Herrscher zu Ishak Paşa: „Wisst Ihr, wer dieser Derwisch dort ist?“ Er antwortete: „Mein Sultan! Er ist einer der Adepten von Emir Sultan in Bursa.“
Als Murad in den Palast kam, sagte er: „Ich habe Kopfschmerzen.“ Er schrieb sein Testament nieder und machte Halil zum Regierungschef. Er machte seinen Sohn Sultan Mehmet zu seinem Erben. Drei Tage lag er darnieder. Am vierten Tag schickten sie nach seinem Sohn. a
aÜbersetzung: Michael Reinhard Heß nach Aşık Paşazade, Tevârîh-i Âl-i Osmân. Aşık Paşazade tarihi. Istanbul 1332 H [1913–1914]: Matba-i Amire, S. 139f.
Die gute Stadt
Binnen kurzer Zeit fanden die Sultane die nötigen Mittel für einen erneuten Angriff auf Konstantinopel. Die Währungsverschlechterung funktionierte wie gedacht, sobald ihre unglücklichen Opfer – die besoldete Armee und die Palastbediensteten – den Schlag verschmerzt hatten. Der entschlossene Vorstoß auf Konstantinopel begann in Murads letzten Lebensjahren. Erst unterwarf er die Morea, dann den ehrgeizigen Albaner Skanderbeg, und in der zweiten Schlacht auf dem Kosovo zerschmetterte er 1448 die Armeen Ungarns und der Südslawen. Verträge stellten sicher, dass Mehmed II. nach seinem Herrschaftsantritt aus dieser Richtung keine Störungen befürchten musste. Sogar Ibrahim von Karaman fügte sich.101
Chronogramme
In annalistischen Werken wurde die Jahreszahl manchmal in Form sogenannter Chronogramme angegeben. Ein Chronogramm ist ein Wort oder eine Wortgruppe, die das Datum mit Hilfe des Zahlenwertes kodiert, welchen die einzelnen Buchstaben der arabischen Schrift ausdrücken können. So konnten Schriftsteller das Datum eines Ereignisses in einem Vers verbergen. Chronogramme (tarih, wörtlich „Datum“) waren ein Mittel, um eine Beziehung zwischen Literatur und Mathematik, Kunst und Wissenschaften herzustellen.a
In einer osmanischen Chronik wird zum Beispiel mitgeteilt, dass Sultan Murad II. einen Feldzug über die Donau unternahm und im gleichen Jahr eine neue Brücke und Moschee weihte. Danach folgen vier Verse:
„Die Neue Moschee und die Ergene-Brück’
Sie beide erbauend mit vollem Glück
Nach Ungarn zog Sultan Murad hinüber,
Zum Datum dann sagte man ‚Menge‘ darüber“
Der numerische Wert der Buchstaben des osmanischen Worts hummar („Menge“) beträgt 841, was nach unserer Zeitrechnung dem Jahr 1437–38 entspricht. b
aWindfuhr, „Spelling the Mystery of Time“.
bÜbersetzung Michael Reinhard Heß nach V. L. Ménage: „The ʽAnnals of Murād IIʼ“, Bulletin of the School of Asian and African Studies 39 (1976), S. 577.
Am Bosporus nördlich von Konstantinopel errichtete Sultan Mehmed eine neue Festung, genau gegenüber jenem Fort, das rund 60 Jahre zuvor sein Urgroßvater Bayezid erbaut hatte, und mit dem gleichen Zweck. Nach Abschluss der Bauarbeiten begann im Herbst 1452 die Blockade von Konstantinopel und im darauf folgenden April die Belagerung der Landmauern der Stadt, die vom Goldenen Horn bis zum Marmarameer reichten. Am 29. Mai 1453 schossen die osmanischen Kanonen eine Bresche in die Mauern. Eine anonyme Chronik hielt das Datum in Gestalt eines Chronogramms fest und glich die Buchstaben des Ausdrucks „Gute Stadt“ (Belde-i Tayyibe) dem korrekten Jahr nach dem Hidschrakalender an – „wie einst verzeichnet wuude, ist die gute Stadt gefallen; jetzt hat dieses Zeichen seine Erfüllung gefunden, und dies ist das Bild: 857.“102
Gebannt stand Mehmed in den Ruinen der antiken Stadt. Er gab bei ihren christlichen Gelehrten und Würdenträgern eine Stadtgeschichte in Auftrag. Durch die Verknüpfung der antiken Geschichte mit volkstümlicher islamischer Mythologie half sie, unwillige Muslime mit der christlichen Vergangenheit der Stadt zu versöhnen. In der Hoffnung, ihre städtische Struktur schonen zu können, hatte der Sultan einen Gesandten mit der üblichen Aufforderung zur Kapitulation geschickt, deren Annahme eine Plünderung vermieden hätte. Doch blieb diese Gelegenheit ungenutzt103, und die osmanischen Truppen plünderten die Stadt. Andere Muslime widersetzten sich einem Verhandlungsfrieden, weil sie die Stadt lieber dem Erdboden gleichgemacht sehen wollten.104 Am Tag nachdem die Bresche geschlagen worden war, stoppte Mehmed die Plünderungen und beanspruchte das gesetzmäßige Fünftel, das dem Sultan zustand, nämlich „die Steine der Stadt, ihren Grundbesitz und das Zubehör“.
Die Kathedrale, die mächtige Hagia Sophia, wurde nicht zerstört. Wie die anonyme Chronik berichtet, war Mehmed sprachlos, als er die Kirche betrat. Dukas schreibt, der Sultan persönlich habe sein Schwert gegen einen Soldaten gezückt, der den Kirchenboden zu beschädigen wagte.105 Man schaffte die Ikonen weg und verdeckte die figürlichen Mosaike der unteren Ebene. Die anderen Fresken und Mosaike, darunter Ikonen der Apostel und Propheten, Marias und der Patriarchen, Szenen aus dem Leben Christi und das Bild des Christus Pantokrator in der Mitte der Kuppel, blieben auch nach der Eroberung über 150 Jahre intakt und frei sichtbar.106 Mit ähnlichem Respekt behandelte man andere in Moscheen umgewandelte Kirchen – die Chora-Kirche in Konstantinopel erhielt einen Mihrab, doch ihre Mosaiken mit dem Marienleben blieben unversehrt. (Dasselbe galt einige Jahre danach für die Kathedrale im Parthenon, die umgewandelt wurde, als Mehmed Athen eroberte.107) Unter Zusatz eines Minaretts aus Ziegeln bildete die Hagia Sophia auch weiterhin die Zierde der Stadtsilhouette. Konstantinopels uralte Kathedrale, die schon die osmanischen Architekten der Drei-Balkone-Moschee in Edirne herausgefordert hatte, wurde zur ausdrücklichen Inspiration nicht nur für die Moschee Mehmeds des Eroberers, sondern auch für andere künftige osmanische Königsmoscheen.108